vernahm . In langen Zügen trank Konrad den roten Wein . Hatte er nicht einmal jedwedem Alkohol abschwören wollen - aus sozialen Gründen , des guten Beispiels wegen ? Wie unlebendig , wie nicht zu ihm gehörig , erschien das alles , - Staub , der , alle bunten Erdenfarben verhüllend , auf Blättern und Blüten lag , und den der hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegspülte . Er hob das Glas . Die Menschen auf dem Bahnhof lachten ihm zu . » Eviva Bologna la grassa ! « rief ein alter Packträger lustig . Bologna ? Hatten sie nicht hier König Enzio , den jungen , bis an sein Ende , fast drei Jahrzehnte lang , gefangen gehalten ? Ein prunkender Palast , dessen hohe Säle von seinen Liedern widerhallten , war sein Kerker gewesen , die rosigen Arme , die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten ! Und hatte nicht hier Novella d ' Andrea die Rechte gelehrt , deren Schüler in Liebeswahnsinn rasten , wenn sie nur einmal den Schleier von den brennenden Augen hob ? Konrad strich sich über die Stirne : er geleitete eine Tote , und Bilder heißen Lebens verfolgten ihn . Die Luft schien erfüllt von jenem Frühlingszauber , dem sich alles Lebende unterwirft , jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des allbeherrschenden Gottes . Giovanni stand auf dem Gang vor dem Coupé seines Herrn . Er riß unermüdlich die Fenster hinauf und herab , je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand oder wieder emportauchte . Von einer einzigen Farbe goldigen Grüns überzogen , leuchteten die Berge ; sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhäupter , jetzt sproßten sie von jungen Eichen , stolz der gesicherten , mit festen Wurzeln in ihrem üppigen Schoße ruhenden Zukunft . Aufblitzend wie Traumbilder zwischen den Tunneln öffneten sich tiefe Täler , schwangen sich in kühnem Bogen hohe Viadukte über brausenden Bergbächen . Weiße Häuser , graue Wehrgänge um alte Schlösser , eng wie Lämmer einer Herde zusammengeschmiegte Hütten tauchten minutenlang auf und verschwanden wieder . Giovanni kannte jeden Weg , jeden Ort ; er erzählte und merkte kaum , wie die Menge der Zuhörer um ihn her wuchs . Dort hatte die blasse Lina , des Lehrers Tochter , ihm selber den Wein geschenkt für sein Spiel mit den Glaskugeln ; dort hatte die stolze Marquesa ihm einen Sack voller Silberstücke zugeworfen , als er den schwindelnden Weg um die alte Schloßmauer in langen Sätzen zurückgelegt hatte ; dort , dicht unter dem Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Kuß für den kecken Tanz durch die Messer . O , er war ein schmucker , schlanker Bursche gewesen ! Es gab eine Zeit , da schlief er teine Nacht in dem gelben Wagen , da betteten ihn zärtliche Hände auf weiches Moos , unter Rosenhecken und Glyzinenlauben , auf buntgewürfeltes Bettuch und auf spitzenübersäte Daunenkissen - . Hier verstummte er jäh - in Träume versunken . Plötzlich belebten sich seine Züge wieder ; sein Auge , unruhig flackernd , haftete an einem fernen weißen Punkt . Er unklammerte Konrads Arm mit den harten Knochenfingern . » Dort - « kam es aus seiner Kehle , » dort stürzte ich zum erstenmal ! - Der Gendarm , der Schurke , hatte mein Weib um die Hüften gefaßt ! « Und dicht an Konrads Ohr : » Mein linker Arm zerbrach - mit der rechten Hand sprang ich ihm an die Kehle , daß das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen ihm aus den Höhlen traten - . « Der nächste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild ; scheu und erschreckt waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurückgegangen . Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange . » Wann war das , Giovanni ? « frug er leise . » Wann ? Wann ? ! - « Er richtete sich straff auf , ein irres Lächeln um die schmalen blutleeren Lippen . » Vor hundert Jahren vielleicht ! Sie haben mich ja zu schwerem Kerker verurteilt . Sitzen wir nicht beide drinnen - du und ich ? ! « Lange blieb es stumm zwischen ihnen . Der Alte schien zu schlummern . Plötzlich fuhr er empor , - der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt . » Bambino mio , « rief er , » nun werden wir sie wiedersehen - - sie ! « Und er riß im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter . » Santa Fiorenze ! « schrie er auf und sank in die Knie . Hoch oben hielt der Zug ; er schien zu zögern , als habe auch er ein sehendes Auge , ein pochendes Herz , denn unten im Tal , vom nahenden Abend in feine violette Schleier gehüllt , lag sie , die Unsterbliche , die ewig Sieghafte . Die Hügel wölbten sich , den Linien ihres Körpers folgend , weich um sie ; ein Band von Gold umschmeichelte sie der Fluß , und , anbetende Ritter , knieten die Berge vor ihrer lächelnden Schöne . Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden . Sie waren nicht Herr und nicht Diener . Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums . Wenn Konrad in späteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines Aufenthalts in Florenz zurückdachte , so war ihm , als erinnere er sich nur einzelner Bilder eines Traums , deren Zusammenhänge seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden waren : er sah , wie die schwarzvermummten Gestalten der Brüder von der Misericordia - deren Köpfe unter spitzen Kapuzen , deren Gesichter unter seidenen Masken verschwanden - den schweren geschnitzten Sarg davontrugen ; er fühlte , wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens saß , so überwältigt von der Empfindung , in Florenz , der Stadt seiner Ahnen , seiner Kindheitsträume , seiner tiefen , ihrer selbst fast unbewußten Sehnsucht zu sein , daß er außerstande war , in diesem Augenblick ihr lebendiges Bild in sich aufzunehmen . Und dann war ihm gewesen , als schliefe er , ein kleiner Knabe noch , im Arm der Mutter und hörte ihre Stimme , die längst verklungene , leise , leise singen : Fata la nanna chè possa dormire ! Il letto gli sia fatto di viole Ce lenzuola di quel panno fine A la coltrice di penne di pavone . Bis ihn eine Empfindung , halb Wonne , halb Entsetzen , emporgerissen hatte , denn greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr : Fata la nanna chè possa dormire ! - In einer schmalen Straße fuhren sie ; düstere Paläste faßten sie zu beiden Seiten ein ; geschlossene Fenster starrten wie tote Augen . Und plötzlich stand hinter einer sehr hohen Mauer , drohend wie die Lanze eines Riesen , eine einsame Zypresse vor dem dämmernden Abendhimmel . Die Mauer aber wuchs , der Garten dahinter sandte nur wenige blütenlose Zweige über ihre schwarze Wand in die gähnende Tiefe der Straße . Und dann , wo sie am engsten war , hatte der Wagen mit einem harten Ruck stille gestanden : Zu mächtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige , rauh behauene Steine , ein düsterer Torweg öffnete sich dazwischen wie ein Höllenrachen , und ganz oben über dem finsteren Kondottieri-Antlitz des Hauses ragte das schwarze Dach wie ein Eisenhelm . Über einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Säulen unter gewölbtem Kreuzgang und finsteren Schatten , die wie Klageweiber in den Winkeln hockten ; - durch Flure - hoch wie Kamine - in ein Zimmer , das vier Lampen nicht zu erhellen vermochten . » Das Zimmer der Gräfin Lavinia Savelli - , « hatte irgendeiner gesagt . Seiner Mutter Zimmer ! Weiße und rote Fliesen deckten den Boden , schwarz zogen sich an der Decke die Balken hin , unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden . Er kannte alles - er mußte es schon einmal gesehen haben ! Auch den Blick aus den Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur - ein Erzengel oder ein Kriegsgott ? - auf der Mauer drüben , die aus der Tiefe der Straße stieg , dem verwilderten Garten , den Dächern ferner Häuser dahinter und dem Hügel , dessen Umriß im dunklen Blau des Himmels verschwamm , kannte er . Aber wo waren nur die Gobelins an den Wänden mit Andromedas Geschichte , die sich durch der Mutter Mädchenträume gezogen hatte , mit dem rotblonden Befreier Perseus , der seines Vaters Züge trug ? - Er hörte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren Räumen , durch die man ihn geführt hatte , und sah den Saal mit dem verschlissenen roten Damast an den Wänden , den Öldruckbildern über seinen Löchern und den dünnbeinigen Goldstühlchen vor den Kaminen , die das Spielzeug mit höhnisch aufgerissenen Mäulern zu verschlingen drohten . - In Marmorsäulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen , durch Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter Steine zusammengesetzte Bild des Gottessohnes ; wie lauter Regenbogen leuchtete durch Fenster aus orientalischem Alabaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg , um den in weißen Gewändern viele kniende Nonnen beteten . Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen wie Hymnen Apolls . Und die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen , deren Tonfall nur , - ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe - ins Ohr drang . Und in das dunkle Gewölbe der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Säulen , die einst der Demeter Tempeldach getragen hatten . In stillem Gebet waren sie alle in die Knie gesunken - alle , die der Gräfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben hatten : Männer mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt , Frauen , deren matte Haut die Sonne Italiens durchglutete . Über Jahrzehnte des Fernseins und des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen Bande des Bluts . Und als der Enkel , der große , blonde , der ihre Augen hatte , allein , versteint , die Stufen zum Schiff der Kirche , aus deren geschlossenen Pforten die Nacht noch nicht gewichen war , wieder aufwärts stieg , folgten sie dem Voranschreitenden , eine Geleitschaft in das Leben . San Miniato al Montes Bronzetüren - aus dem Heiligtum Jupiters an das sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt - sprangen auf . Und von da an wachte Konrad Hochseß . Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen , strömte die Sonne in die Finsternis , und , gebadet in ihrem Licht , lachte die selige Stadt zu denen empor , die ihrem Schoße die Tochter zurückgegeben hatten . Konrad stand wie betäubt , bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache - aber mit dem weichen Akzent des Italienischen - zu ihm sagte : » Ihr Mutterland ! « Norina Camaldoli war es , die mit ihm redete . Graf Savelli , der Neffe der Begrabenen , der nach dem Tode ihres ohne männliche Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via del Bardi übernommen hatte , und mit seinen Kindern , dem Grafen Carlo - Leutnant im Regiment Torino - und seiner verwitweten Tochter , der Marchesa Norina Camaldoli bewohnte , stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor . Seinem Vater waren sie , soweit sie ihn persönlich gekannt hatten , nicht freundlich gewesen . Er war ein Fremder , ein Protestant . Mehr noch , als daß Lavinia die Seine geworden war , hatte es sie gewurmt , daß ihm der Reichtum der Gräfin Savelli , den diese ihrem Gatten als Contessa Buondelmonte mit in die Ehe gebracht hatte , zufiel . Aber Konrad war ein anderer , Konrad war ihres Bluts , und seine schlanke Schönheit , seine tief gebräunte Haut , seine dunklen Augen zeugten davon , und erinnerten in nichts an den deutschen , bauernhaft derben Ritter , als der ihnen sein Vater erschienen war . Die Buondelmonti waren besonders zahlreich erschienen . Viel Blondheit war unter ihnen , viele , ein wenig wässerige blaue Augen . Der jetzige Senior der Familie hatte eine Amerikanerin geheiratet , die ihre Verwandten um sich hatte , ein zierliches Mädchen unter ihnen , das Konrad mit kühlen , sehr neugierigen Augen fast zudringlich musterte , während Carlo Savelli sich lebhaft bemühte , ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Als Konrad allen die Hand geschüttelt , mit allen ein paar Worte gewechselt hatte - » wahrhaftig , Sie beschämen uns durch Ihr vollendetes Italienisch ; wir lernen leider nur wenig fremde Sprachen , « - sagte ihm dabei jemand , und er hatte lächelnd erwidert : » Sie vergessen , daß es meine Muttersprache ist , « - führte ihm Norina Camaldoli einen kleinen alten Mann in schäbigem Rock und altmodischem Zylinder zu , den die anderen ängstlich zu meiden schienen . » Der Marquis Ritorni hat Ihre Mutter gekannt , « sagte Norina . » Ich habe sie sehr geliebt , « flüsterte er mit zitternder Stimme , Konrad eine welke Hand reichend , » Sie haben ihre Augen . « Und ohne eine Antwort abzuwarten , trippelte er eilig , fast ängstlich davon . Auf der Heimfahrt sagte der alte Graf vorwurfsvoll zu seiner Tochter : » Wie konntest du Ritornis Taktlosigkeit , unter uns überhaupt zu erscheinen , auch noch unterstützen ? « » Ist ' s eine Schande , daß er arm ist ? « entgegnete sie , nicht ohne Schärfe . » Aber - « fiel der Bruder ein . » Ich weiß , « unterbrach sie ihn , » was du sagen willst : er wurde es durch eigene Schuld , hat sein eigenes Vermögen und das anderer verspielt und vertrunken . Ist er , der die Folgen seiner eigenen Taten zu tragen hat , nicht bemitleidenswerter als einer , der sich als unschuldiges Opfer gebärden kann ? « » Ich werde ihn besuchen , « sagte Konrad rasch , Norinas blasse , schmale Wangen überzogen sich mit einem feinen Rot . » Das wird kaum angehen , « meinte der alte Graf . » Ich will nicht davon sprechen , ob er Ihnen noch einen Stuhl würde anbieten können , - seit Jahren versucht er vergebens , seinen Palazzo zu verkaufen ; man wird heute nur durch alte Villen reich , um so mehr , als sie natürlich alle Mediceervillen sind ! - aber seine Häuslichkeit ist doch - nun , sagen wir milde : etwas merkwürdig . « » Ich glaube , man spricht in Deutschland offen von diesen Dingen , Papa , « sagte Norina lebhaft , sich dann an Konrad wendend . » Ritorni lebt mit der Frau , die , als er jung war , seinen Ruin herbeiführen half . Er ist ihr und sie ihm treu geblieben . « Der Wagen hielt . Im Aussteigen sagte Konrad zu Norina : » Ihre Mitteilung hat meinen Vorsatz nur bestärkt . « Sie stand jetzt neben ihm , so groß wie er ; sie konnte ihm , ohne den Blick zu heben , gerade in die Augen sehen , und tat es mit einer offenen Wärme , die sich sonst so tief hinter dem Ausdruck hochmütig abweisender Kälte verbarg , daß ihr Vorhandensein bezweifelt werden konnte . Sie gingen über den Hof , der selbst unter dem blauen Mittagshimmel dämmerig war . Konrad fuhr streichelnd über die kühle , glatte Fläche einer der Säulen . » Wie schön sie ist ! « » Nicht wahr ! « lächelte Norina , » und mit mütterlicher Kraft und Güte trägt sie , was ihr auferlegt wurde . « Sie ging weiter die Steintreppe mit den niedrigen , breiten Stufen hinauf . Hut und Mantel hatte sie abgenommen ; das Licht spielte in blauen Reflexen auf ihrem schwarzen Haar , das , schlicht gescheitelt , das schmale Oval ihres Gesichts umgab , und sich hinten über dem sehr weißen , vielleicht ein wenig allzu langen Hals in einen schweren Knoten schlang . Das lange , schwarze Kleid hatte sie etwas gehoben ; mit hoher Biegung des Spanns traten die schlanken Füße darunter hervor . Ihr im Steigen geneigter Oberkörper gab eine so weiche Linie , wie sie nur dann möglich ist , wenn er nie eines künstlichen Halts bedurfte . Konrad sah das alles nicht . Sein Auge hing mit einem erkennenden Staunen an ihrem Antlitz : der ungewöhnlich hohen Stirn , den fein gezogenen Augenbrauen , der kleinen Nase , die vielleicht etwas zu breit , dem vollen Munde , der vielleicht etwas zu groß war . Das kannte er doch alles ! Das hatte er gesehen ! Und mehr als das : erlebt , empfunden ! Er verfiel wieder in den dumpfen Traum des ersten Tages . Da hörte er einen Schrei - und gleich danach einen zweiten : Giovanni , der eben zur Türe am Ende der Treppe herausgetreten war , lag zu Füßen Norinas , den Saum ihres Kleides an die Lippen pressend . » Monna Lavinia ! « rief er , » Monna Lavinia , « einmal und noch einmal ; die ganze Skala menschlicher Empfindung lag in seinem Schrei : Entsetzen und Glückseligkeit , Hingebung und Leidenschaft . Norina hatte im ersten Schreck beide Hände an das Herz gepreßt . » Mein alter Diener , « rief er ihr zu , - er entsann sich dunkel , gestern , am Abend der Ankunft , jenem seltsam verworrenen , unwirklichen Abend , von ihm erzählt zu haben , - » Ihr wißt ! « Und sie beugte sich barmherzig über den Knienden und sagte : » Steht auf , Giovanni ! Ich bin ' s , Norina Camaldoli - die Richte Eurer toten Herrin . « Er erhob sich mühsam , dicke Tränen rollten durch die Furchen seiner Wangen . » So gütig war auch Monna Lavinia zu mir armen , alten Narren , « murmelte er , der schönen Frau nachstarrend , wie sie , ihm noch einmal freundlich zunickend , hinter der Türe verschwand . Gebeugter als sonst , mit ganz vergrämten Zügen , erschien er am Abend bei seinem Herrn . Stumm und seufzend schlich er zwischen den Koffern und dem Schrank - einem nußbaumartig polierten Möbel mit Muschelaufsatz , das verloren an einer Wand des riesigen Raumes stand - hin und her , um Konrads Abendkleidung zurecht zu legen . » Fehlt dir etwas ? « frug ihn dieser . Er schüttelte den Kopf . Erst nach einer Weile , während er den Ärmel Konrads gedankenverloren stets an derselben Stelle bürstete , fand er die Sprache wieder . » Die Pferde vor dem Wagen , der uns holte , « begann er stockend , » gehören dem - Droschkenkutscher nebenan . Und der Portier mit dem weißen Bart hat - im Souterrain des Palazzos seine - Schusterwerkstatt ! « Konrad legte dem Alten die Hand auf die Schulter : » Wir werden davon - nichts bemerken , Giovanni ! « sagte er eindringlich . Der sah auf , seine kleinen Äuglein sprühten förmlich . » In Goldbrokat sollte Monna Lavinia gehen und unter einem Thronhimmel aus blauer Seide sitzen ! « rief er pathetisch . Auf der Suche nach dem roten Salon , den Carlo Savelli die » Hall « zu nennen pflegte , verirrte sich Konrad in den vielen Gängen und Zimmern zwischen auf und nieder führenden Treppchen und Stufen . Als vor Jahrzehnten die Uferstraßen am Arno geschaffen wurden , büßte der Palast , um an seiner Rückseite der Via Torrigiani Platz zu machen , einen guten Teil seines Umfangs ein , und es entstanden seltsame Winkel und Kammern in seinem Innern . An einer davon , deren Türe offen stand , kam Konrad vorbei . Sie war dreieckig , zwei ihrer Wände waren mit farbenleuchtenden Fresken bemalt , von deren Gestalten man freilich nur die untere Hälfte sah , denn eine neue Decke war quer durch den Raum hindurchgeführt , so daß den Menschen Köpfe und Oberkörper , den Pferden die Hälse , den Bäumen die Kronen fehlten . Durch den üppigen Leib eines liegenden Weibes war ein Fenster gebrochen , in den Brüsten nackter Nymphen staken eiserne Riegel mit alten Kleidungsstücken daran ; auf schmaler Feldbettstelle aber lag der alte Graf Savelli und schlief . Ein dickes , altes Weib goß frisches Wasser in den kleinen Blechnapf auf dem Waschständer . Konrad eilte vorüber . Im Salon , den er endlich erreichte , erwarteten ihn die Geschwister . Sie schienen eine Auseinandersetzung gehabt zu haben , denn Norina war still und blaß ; Carlo dagegen sehr rot und von forcierter Lustigkeit . » Übrigens traf ich Vanrosendahls beim Tee , « sagte er ; » sie baten darum , ob du und Papa sie morgen nachmittag empfangen wollt , was ich natürlich ohne weiteres zusagte . « » Natürlich ! « wiederholte Norina hochmütig . » Wie alles für uns natürlich sein muß , was diese hergelaufene Gesellschaft wünscht ! Vanrosendahl ! Wie das klingt ! Der Vater , den sie dunkel halten , hieß sicher Rosenthal und stammt aus Galizien . « Konrad suchte einzulenken , denn er sah , daß der kleine , lebhafte Graf sich nur mühsam beherrschte . » Nach dem Wenigen , was ich durch die Großmutter weiß , « sagte er , » hat Florenz den Engländern und Amerikanern einiges zu verdanken - « » Eine Gräfin Savelli « , entgegnete sie rasch , » sollte das behauptet haben ? ! Ich glaube , Sie wollen nur meinen Bruder schützen ! Oder halten Sie es für dankenswert , daß jedes Stubenmädchen ein paar Brocken englisch lernt , daß jede Osteria sich in einen Tearoom zu verwandeln droht , daß ein Künstler von der Würde und Tiefe wie Fra Angelico in der ganzen Welt mit der fürchterlichen Bezeichnung süß abgestempelt wird , weil er auch ein paar goldhaarige Engelsköpfchen malte , daß Botticellis tragische Madonnen mit dem sentimental-verlogenen Ausdruck der Schönen eines Burne-Jones auf Broschen und Gürtelschnallen prangen , daß die Stätten , wo ein Palla Strozzi , ein Magnifico , ein Boccaccio lebten - um aus der Masse nur diese wenigen herauszuheben - Italien von ihnen gestohlen wurden ! - « » Aber Norina , « fuhr der Bruder auf . Ihre Brust hob und senkte sich in stürmischen Atemzügen , und sie fuhr fort , im Saale , den ihre Stimme ganz erfüllte , hin und her gehend : » Meinst du , es heißt weniger stehlen , wenn man einem Lande seine Heiligtümer mit Goldstücken abschachert ? Und die ehrwürdigen Denkmale unserer heroischen Vergangenheit - die nicht die der Mediceer , sondern die der Ritter vor ihnen gewesen ist - , die Ruinen auf den Felsen und Bergen , die Zyklopen errichteten , aus dem Instinkt von Schönheit und Größe heraus , bauen sie mit Hilfe ihrer gelehrten Architekten - armseliger Grundrißschnüffler - zu leeren Theaterdekorationen wieder auf , sie mit alten Geräten füllend , denen sie bis in die Häuser der Bauern nachgehen , und die für sie nichts sind als Schaustücke ihrer Eitelkeit , für jene aber heilige Erinnerungen an die Väter . « Konrad lauschte entzückt dem Pathos ihrer Rede , konnte sich aber der kritischen Einwendungen nicht erwehren . » Sie vergessen , Frau Marchesa , « sagte er , » daß Italien sich die Heiligtümer entreißen ließ ! « » O , ich weiß , ich weiß , « rief sie , vor ihm stehen bleibend . » Wir waren wie die Kinder , die sich reich , sich glücklich fühlen und nicht wissen warum ! Wenn jene erwachsenen Fremden wirklich das Große und Schöne , das wir besaßen , erkannten - in Ehrfurcht erkannten , nicht in Habsucht ! - , weshalb kamen sie nicht , wie viele Deutsche es taten , und wurden die Erzieher dieser Kinder ? « Wieder stand sie vor ihm mit dem wundervoll belebten Antlitz , aus dem die ganze Heftigkeit der Antwort heischenden Frage sprach . » Vielleicht ist die Ursache ihrer Weltmacht , ihrer brutalen Vergewaltigung anderer Völker « , antwortete er nachdenklich , » gerade in dem zu suchen , was ich mit Ihnen auf das Tiefste verabscheue : dem Mangel an Ehrfurcht . « Besuche kamen , das Gespräch unterbrechend . Auch der alte Graf erschien wieder . Der rote Salon füllte sich bis in all seine Winkel . Die lebhafteste Unterhaltung kam rasch in Gang . Konrad , der nur zerstreut zuhörte und sich nur aus Höflichkeit daran beteiligte , zog unwillkürlich Vergleiche mit den Hochsesser Nachbarschaftsvisiten . Hier wie dort dieselbe Klatschsucht , dieselbe Oberflächlichkeit ; nur daß man daheim die Blößen der Bildung als Mangel empfand und zu verbergen suchte , während man sie hier mit naiver Selbstverständlichkeit zur Schau trug , ja sich beinahe ihrer freute . » Gott , wir haben es doch nicht nötig , das zu wissen , wir wohnen ja in Florenz ! « sagte eine braunäugige , graziöse Schöne , als er nach dem Erbauer eines Palastes frug , der ihm auf der Fahrt aufgefallen war . Um Norinas Lippen zuckte jener hochmütige Spott , der sie sichtlich außerhalb der Intimität der andern stehen ließ . Konrad aber sagte , mehr zu ihr als zu jener gewandt : » Sie haben so unrecht nicht . Wer die Kultur einer großen Vergangenheit in sich aufnahm , hat sicherlich mehr getan , als wer nur die Namen ihrer Träger behielt . « Norina lachte mit unbeherrschtem Hohn . » Sie sind allzu liebenswürdig oder - allzu gut erzogen , Baron « sagte sie , » kulturelle Traditionen sind noch keine Kultur ; sie befähigen nur dazu , Kultur in sich aufzunehmen . « Früchte und Wein , Eis und Kuchen wurden gereicht . Der alte Giovanni , der um den Dienst wie um eine große Gunst gebeten hatte , trug mit einer gewissen Feierlichkeit die silbernen Tablette mit dem Wappen der Savelli . Es bildeten sich immer kleinere Gruppen . Man flüsterte und kokettierte . Die sprechenden Augen , die nicht imstande zu sein schienen , etwas anderes auszudrücken als alle Grade der Leidenschaft , vom ersten Entflammtsein bis zum letzten Verzichten , erhoben das Liebesspiel aus dem kühlen Bereich bloßen Flirts , und die Grazie , die es umgab , gab ihm seltene Schönheit . Nur Norina blieb abseits von allem . » Wie kommt es , daß Sie so anders sind ? « frug Konrad mit einem bewundernden Blick auf ihre königliche Erscheinung , den sie ruhig annahm , weil er von jeder Schmeichelei fernblieb . » Meine Mutter starb früh , « sagte sie einfach , » ich hatte eine deutsche Erzieherin , die vieles , das in uns allen verborgen liegt , aufschloß , wohl auch die tiefere Empfänglichkeit für den Schmerz . « » Vergiß nicht , « fiel der Bruder lachend ein , der mit hellem Ohr zugehört hatte - er schien überhaupt den deutschen Vetter und seine Schwester aufmerksam im Auge zu behalten - , » Vittorio Tenda , den Jugendfreund , der ein Raffael werden wollte und jetzt vielleicht in Chicago Wände streicht ! « Sie warf ihm einen finsteren Blick zu . Als die Gäste gegangen waren , bat Konrad , ihn am nächsten Tag entschuldigen zu wollen . » Ich muß anfangen , mir mein Mutterland zu erobern , « erklärte er mit einem warmen Blick auf Norina . » Meine Tochter wird Ihnen eine glänzende Führerin sein , « meinte der alte Graf freundlich . » Ich bedaure , « sagte sie in einem so schroffen Ton , daß Konrad die Absicht , ihn verletzen zu wollen , herauszuhören meinte und erstaunt in ihrem Gesicht nach der Ursache zu forschen suchte . Aber sie hielt den Kopf hartnäckig gesenkt . Sein Stolz empörte sich . » Auch ich ziehe es vor , eine solch intime Bekanntschaft ohne Zeugen zu machen , « kam es sehr kühl von seinen Lippen . Graf Carlo begleitete ihn bis zu seinem Zimmer . Erst als sie miteinander vor der Türe standen , sagte er mit einer Verlegenheit , die seinen leeren Zügen einen fast kindlichen Ausdruck verlieh : » Würden Sie mir den Gefallen tun , nachmittags , wenn die Vanrosendahls kommen , hier zu sein ? Sie sehen , meine Schwester ist unzugänglich , wenn sie nicht will . Und Miß Maud ist so sehr gebildet . Sie könnten mir beistehen , nicht wahr ? « Konrad drückte ihm die Hand : » Aber mit Vergnügen , lieber Vetter . « Norina stand noch lange mit fest aufeinandergepreßten Lippen an ihrem Fenster ; sie lehnte die Stirne an die kühlen Scheiben und schaute mit starren Augen hinüber auf den schwarzen Fluß mit der blinkenden Lichterreihe , die sich in ihm spiegelte . Daß Giovanni vorbeischlich , merkte sie nicht . Leise und eintönig vor sich hinmurmelnd , schlug er dreimal das Kreuz über ihrer Türe . Dann kauerte er sich nieder und küßte inbrünstig ihre Schwelle , wie der fromme Beter die Reliquie des Heiligen . Wenn die Sonne sich aus dem Morgenbade des Adriatischen Meers erhoben hat , dann steigt sie , ein jugendfrischer Wanderer , über die kahlen Bergkuppen der Apenninen und läßt ihre breiten Strahlen , selig ob des lustigen Spiels , um die hohen , ernsten Tannenwipfel des Prato magno tanzen und zaubert mit ihrem Licht seine grauen Buchenstämme zu schimmernden Marmorsäulen . Dann aber sieht sie erstaunt ihr Götterantlitz aus der Tiefe des Tals sich entgegenlächeln , und nicht müde , die eigene Schönheit stets aufs neue zu bewundern , folgt sie von oben freudig den hundert und aberhundert Krümmungen und Windungen des smaragdgrünen Wasserspiegels , den ihr der Arno , die holde Freundin grüßend , entgegenhält . Und plötzlich treffen neugierige , nach neuen Spielen suchende Strahlen eine gewaltige Kuppel ; unter ihr rauscht es von Orgelklang . Hier gibt ' s