sie mitbewundern . Aber sie verstand nun wirklich nicht , was daran zu bewundern sei . Sie sah so reizend aus , in der weißen dicken Wolljacke und in dem weißen Wollmützchen , das bis über die Ohren herabgezogen war . Und wenn der Wind sie packte , mußte sie Raspe manchmal am Arm halten ; es sah aus , als würde sie sonst davongeweht werden . So jung , so schutzbedürftig , ganz seiner festen Hand anheimgegeben war sie dann ... Und sie hatte ein glückliches Gefühl davon , und ihre Augen strahlten zu ihm empor ... Am ersten Tage , als man zur Düne hinüberfuhr , sagte Tulla : » Hier ist es hübscher . « Das verstand Raspe wohl . Das Idyll der sandigen Düne mußte dem holden Kinde beruhigender und vergnüglicher erscheinen als drüben der für das Grauen einer Seeschlacht so furchtbar gerüstete Felsen . Auch die Mutter breitete beglückt die Arme aus . Sonne wärmte den weißen Sand und täuschte eine andere Jahreszeit vor ; die von Salz gesättigte Luft prickelte wie Hitze auf der Haut . - Man konnte sich hinlegen und mit geschlossenen Lidern dem Rauschen der heranflutenden Wogen zuhören und dem Rhythmus ihres Zurückrinnens . Jeden Tag , gleich nach dem Essen , ließen sie sich hinüberbringen - segeln mochte Tulla nicht , so mußte gerudert werden . Viktor und Harald hatten einmal in Montreux beim Segeln beinahe umgeworfen - sie sagten zwar immer : Mama und Tulla hätten es sich in ihrer unnützen Angst bloß eingebildet . Aber seither war Tulla doch eben zu furchtsam . - Nun - daran lag ja nichts - , ob man nun ruderte oder segelte . Drüben war es immer gleich schön . Der Himmel wollte ihnen so wohl . Es blieb sonnig-stürmisch bei blauem Himmel . Als die Mutter das pries , sagte Tulla : » Bei schlechtem Wetter müßte es hier auch zum Auswachsen sein . « » Oh - ich möchte , wir erlebten hier großes Unwetter , « - meinte Raspe . » Was sollten wir dann wohl machen ? « fragte sie naiv , » im Hotel sitzen und uns langweilen ? Das haben wir mal im Hangenäsfjord gehabt - ich sage Ihnen , es war schrecklich . Mama weinte beinahe . Na , Mama hatte ja mehrere Bekannte mit sich - die Gesellschaft spielte dann schließlich Poker und vergaß den Regen - aber ich ? Es war tötend . « Sie ist schon allerwärts gewesen , dachte Raspe , und das machte ihn unbestimmt traurig . » Sie sind eine weitgereiste junge Dame , « sprach er . » Ich ? « fragte sie unschuldig und erstaunt , » ach , gar nicht . Im Sommer nahm Mama mich immer einmal mit und einmal auch im Winter - aber auf allen anderen Reisen mußte ich zu Hause bleiben - Papa sagte , es werde sonst zu viel . - Ich bin noch nicht mal in Aegypten und in Konstantinopel gewesen - Fiffi sagt , es sei so amüsant , wegen der Basare , dort kann man so nett kaufen . - Wenn ich mal heirate , mach ' ich meine Hochzeitsreise nach Assuan . - Das steht fest . « » So ? « fragte er scherzend , » und wenn es nun ein Mann ist , der dazu keine Zeit hätte ? « » Ach - die nimmt man sich - Mama sagt : alles ist Geldfrage . « » Es gibt auch noch andere Fragen in der Welt , « antwortete er kurz und sah mit gerunzelter Stirn hinaus , als ob da irgendwo etwas Besonderes zu beobachten sei . » Hab ' ich was Dummes gesagt ? « fragte Tulla sich bestürzt . Raspe merkte auch , daß die Düne ihr am zweiten Tag schon Langeweile bedeutet hätte - ohne ihn . - Und er dachte schwer : Nicht alles Leben , nicht alle Freude muß einem Mädchengemüt vom Manne kommen - es muß auch seinen eigenen Reichtum haben - an dem es den Mann teilnehmen läßt - mit dem es ihn bereichert ... Und er suchte mit liebevollem Bemühen nach solchen Reichtümern . - Er dachte : vielleicht ist sie doch innerlich so abgelenkt , weil man ihr das von der Mutter geschrieben hat . Und er wagte es , ihr davon zu sprechen . Sie saßen im Sande der Düne , im Windschutz einer Mulde . Nicht fern von ihnen , aber doch außer Hörweite , saß die Mutter und versuchte sich an einer Wellenstudie . Sie hielt eine Papptafel auf den Knien , den oberen Rand mit den Fingern der linken Hand haltend , und die Palette lag neben ihr , auf dem Malkasten . Sie rang sehr mühselig mit dem ihrer Begabung gar nicht liegenden Versuch , und schien den Sohn und das » Pflegetöchterchen « vergessen zu haben . Der Himmel glänzte , das Wasser war durchleuchtet und grün , der feine Sand gleißte . Vom Horizont zog unter schwarzem Dampf eine Torpedobootsflottille vorbei . Und in dieser großartigen Freiheit der Natur sprach Raspe zu Tulla : » Darf ich Sie etwas fragen ? « Tulla bekam rasendes Herzklopfen . Er will mich fragen , ob ich ihn liebhabe , fühlte sie . Aber in ihren seligen Schreck mischte sich auch eine sie selbst ganz überraschende Beklommenheit . » Bin ich Ihr Freund ? Hab ich als solcher das Vorrecht , auch Dinge berühren zu dürfen , die vielleicht Ihnen schmerzlich sind ? « Schmerzlich ? dachte sie . Und eine große Enttäuschung ernüchterte sie . Dies war doch offenbar und gewiß nicht das Vorwort zu einer Liebeserklärung . Sie wurde ganz rot . » Oh - Sie , « sagte sie , » ja Sie dürfen über alles mit mir sprechen - zu keinem Menschen in der Welt hab ' ich so viel Vertrauen ... « » Es liegt in diesen Tagen irgendetwas auf Ihnen . - Da ist so etwas wie eine geheime Unruhe . - Nein , Unruhe ist schon zu viel gesagt . - - Es ist , als ob irgend etwas Sie verhinderte , sich an dieser großen Welt zu freuen . « Mein Gott , dachte Tulla ganz betroffen , man kann sich doch nicht immerzu über Helgoland begeistern . » So ? « ... fragte sie nur unsicher . » Und da hab ' ich mir gedacht : es schmerzt Sie , daß Ihre Freundin Fiffi Ihnen solche Sachen schrieb . Vielleicht ist es gar nicht wahr . « » Ach , « sprach Tulla höchst gleichgültig , » es wird schon wahr sein . « Er schwieg . Sie glaubte : verstimmt ! Und plötzlich fielen ihr allerlei Nebenumstände und Beziehungen zu dem Thema ein . Sie beeilte sich , ihn zu beruhigen . » Natürlich - das ist Unsinn , was Fiffi schrieb - daß Mama das Trauerjahr nicht abwarten würde - solche Taktlosigkeit macht sie nicht - was würden die Leute davon denken ! - O nein . - Und für die Brüder und mich wär ' s auch kein Unglück . - Mama stellt uns ganz bestimmt sehr unabhängig . Ganz bestimmt . « Und er hörte genau heraus , weshalb sie ihm diese beruhigende Versicherung gab - ihre Gedankengänge lagen offen vor ihm da - er sah hinein , in diese naive Abhängigkeit vom Gelde , die sie auch bei ihm vermutete . Er fragte : » Tut es Ihnen nicht weh , daß Ihr Vater so bald vergessen wird . Er war ein ausgezeichneter Mann . « » Ja - Gott - gewiß - sehen Sie , ich - ich kann so was nicht begreifen - ich tröstete mich nie , wenn ich den Mann verlöre , den ich liebe . « » Das glaubt jedes Herz von sich . « » Aber Mama und Papa waren schon seit vielen Jahren nicht mehr glücklich . Warum soll sie nicht ein neues Glück suchen ? Nur - ich möchte dann nicht mehr im Hause sein . « Tulla sagte es mit leiser Stimme . Sie fühlte selbst : es war wie eine Bitte : Bewahre , rette du mich davor ! ... In all diesen Tagen erinnerte sie sich oft , daß Fiffi gesagt hatte : » Einem armen Bewerber muß man entgegenkommen , sonst traut er sich nicht ... « So was war leicht gesagt ! Wie soll man entgegenkommen ? ... Tulla fühlte immer von neuem : das kann ich nicht - alles , was von Feinheit in ihr war , wehrte sich dagegen ... ... Aber eben , jetzt - ja jetzt war sie » entgegengekommen « ... Und sie saß herzklopfend und wartete auf den Erfolg . » Sie sind aber sehr verwöhnt - verwöhnter , als Sie selbst wissen , « sagte er , » es würde Ihnen schwer werden , sich einem engeren Leben anzupassen - zum Beispiel in einer Ehe , wo es mit einem festen , bescheidenen Einkommen rechnen heißt . « » Trockenes Brot könnte ich essen und glücklich sein ! « versicherte Tulla begeistert . Er lächelte - er sah ein wenig melancholisch aus - welche Kindlichkeit in diesem Ausruf ... » Aber das brauche ich ja auch gar nicht , « sprach sie weiter und war ganz eifrig , » das wäre doch Unsinn - Mama ist doch reich . Weshalb soll man auf so viel Schönes verzichten , wenn man ' s haben kann ... « Ein Schweigen entstand . Tulla wußte nicht , was es zu bedeuten hatte . Er war wie benommen von einem Gedanken ... Von jener Frau Geld annehmen ? ... Und dann diese Mädchen , die aus einem Millionenhaus kommen , dereinst nur einen Bruchteil erben , aber die Ansprüche und Gewohnheiten nach dem Rahmen des Ganzen haben ... In dies Schweigen hinein , das für Tulla so schrecklich war , daß sie beinahe geweint hätte , kam dann die Mutter mit ihrer Skizze ... Tulla fand sie aufrichtig schön . Aber Raspe sagte , das Meer sähe aus wie Milch , in die ein wenig Spinatwasser gegossen sei . Und darüber lachte Sophie dann und war guter Dinge . Am Abend war man in dem großen , verandaartigen Raum des Kurhauses . Da und dort an den Tischen saßen Marineoffiziere oder -beamte , auch einige Ausflügler , die hier ihre Osterferien verbrachten . Man konnte sich vorstellen , wie anders , wie gedrängt und lärmend hier im Sommer der Verkehr sein mußte . Hart an einem der großen Fenster wollte Sophie mit den beiden jungen Menschen speisen . Auf das Meer draußen sank die Abendstille nieder . Es wurde sehr langsam dunkel . Und dies allmähliche Versiegen aller Farben und aller Helle war sehr feierlich . Es war wie ein Abbild vom einstigen Erlöschen allen Lebens . Die Nacht auf der Erde ist Friede . Die Nacht auf dem Meer ist Grauen und Unendlichkeit . Die eine nimmt den Menschen still in ihre Arme , die andere macht ihn zum armseligen Geschöpf in der Finsternis - - Dergleichen empfand Sophie . Sie starrte hinaus . Raspe saß still und war voll Andacht . In diesen Minuten gab ihm die Nähe des holden Mädchens ein zartes Glücksgefühl . Mancher lähmenden Enttäuschung widersprach sein Herz . Eine gläubige Zuversicht wollte siegen . Er sah alle lieblichen Wesenszüge , er fühlte Mut aufwallen . Liebe kann ja Wunder tun , warum nicht auch das : ein zur Oberflächlichkeit und zu Ansprüchen erzogenes Geschöpf zur Tiefe und Einfachheit erziehen . Tulla winkte dem Kellner . » Ziehen Sie doch endlich die Vorhänge zu ... so ... « Und sie drehte hausfraulich vorsorglich die Tischlampe auf . » Das ist ja langweilig , so ins Dunkle zu gucken . « Die Suppe kam ; es war hell und warm , und Tulla schien sehr fröhlich . » Auf die Heimfahrt morgen freue ich mich . In Hamburg ist es doch amüsanter . Aber nicht wahr , wir haben morgen früh noch Zeit , ich muß doch Therese etwas mitbringen ... helfen Sie mir einkaufen ? « Dazu war Raspe gern bereit . Tulla erwog : eine ausgestopfte Möwe und ein paar Tonfiguren , Bewohner in Landestracht vorstellend . » Das wird ihr sehr nützlich sein , « spottete Raspe , und Tulla ließ sich gern auslachen . Nachher stellte sie Betrachtungen an über die Marineoffiziere , und sie bedauerte die armen Frauen . » Beruf ! « sagte Raspe . » Die Frau , die den Mann liebt , achtet seinen Beruf , bringt ihm Opfer . « » Ach bewahre - sie sieht den Beruf als ihren Feind an ! « » Warum ? « » Na - er nimmt ihr doch den Mann fast den ganzen Tag weg - eigentlich konnte man sich nicht wundern , daß Mama mit Papa ganz auseinander kam . Was hatte sie denn von ihm ? « Die Mutter sah sie aufmerksam an . » Eine Frau , die liebt , hat Ehrgeiz für den Mann , nimmt Teil an den Sorgen , Freuden , Aussichten seiner Arbeit - ist stolz auf sie - hilft ihr - und wenn nicht anders als dadurch , daß sie die Häuslichkeit auf die Anforderungen seines Berufes glatt und behaglich einzustellen weiß . « » Es ist immer bloß vom Mann die Rede , « debattierte sie eifrig . » Ich finde im Gegenteil , es ist heutzutage immer bloß von der Frau die Rede . « » So ? Sie sind doch schlankweg der Ansicht , daß die Frau sich in den Beruf des Mannes zu fügen hat . « » Unter allen Umständen , « sprach Raspe . » Ach nein , « meinte Tulla naiv , » doch wohl nur , wenn die Verhältnisse so sind ... Ich meine - viele müssen doch verdienen und einen Beruf haben - aber wer es sich leisten kann ohne - wenn ich mal heirate , müßte mein Mann den Abschied nehmen - mich so liebhaben , daß er mir allein leben wollte - « » Ihr Papa hat doch auch gearbeitet , « sagte er . » Gott - ja - er wollte doch auch Exzellenz werden - das erwartete Mama bestimmt ... « Sie brach jäh ab . Es war gerade , als lege ihr jemand eine Hand auf den Mund . Sie fühlte , sie war im Begriff gewesen , etwas Taktloses zu sagen , beinahe offenherzig zu wiederholen , daß Mama von Jahr zu Jahr ärgerlicher über den fehlenden Adel gewesen war und auf die Exzellenz als auf einen Ausgleich gewartet hatte - Wenn ihr das entschlüpft wäre ! Großer Gott ! Dann hätte Raspe noch gar gedacht , sie mache sich um seines Uradels willen so viel aus ihm . Und sie , sie hätte ihn auch geliebt , wenn er nur Schulz oder Müller geheißen hätte - es war ihr ganz egal - oder doch beinahe ... Wegen der Mama , den Brüdern , der Welt und vor allen Dingen wegen Fiffi war es natürlich sehr schön , auf einen alten Namen pochen zu können . Aber sonst ? ... Ja , ganz egal . Rasend liebte sie ihn - über alle Maßen . Und deshalb mußte er auch später durchaus den Abschied nehmen .... Tulla war sehr mit sich zufrieden , daß sie ihm vorweg angedeutet habe , er brauche nicht mehr abhängig zu sein . Das mußte ihn doch freuen - war doch eine herrliche Aussicht für ihn ! Welcher Mensch hätte sich das nicht gewünscht ! Nur noch Freude am Leben ! Gar keine Plage mehr ! Wenn sie nur erst verheiratet wären . Ach , es konnte dann zu schön werden - Reisen - Sport - vielleicht auch mal in Frankreich auf dem romantischen Schloß des künftigen Gatten der Mama - wo sie schon alles aufs großartigste herrichten würde . Und kein Dienst mit frühem Aufstehen mehr , keine scharfen Vorgesetzten , keine bevormundende Kommandeuse - Viktor , der es doch wissen mußte , sagte auch immer , es sei Schinderei .. Und Viktor nähme auch am liebsten den Abschied - aber er konnte sich ja nicht ein bißchen einschränken und mußte deshalb erst eine wahnsinnig reiche Frau finden . Sie aber und Raspe , sie würden bequem mit dem auskommen , was Mama und Onkel Buschke ihnen bewilligten - deshalb brauchten sie noch immer nicht so betrübend sparsam zu leben wie die arme Frau von Hellbingsdorf ... An diesem Abend , als Tulla sich ganz gehorsam hatte zu Bett schicken lassen - sie schwelgte förmlich im Gehorsam vor seiner Mutter - ging Sophie noch mit ihrem Sohn auf die Brücke hinaus . Schwarz waren Himmel und Meer . Vom Kriegsschiff herüber glänzte Licht . Droben auf der Höhe glühten Strahlen auf und loschen hin im regelmäßigen Wechsel . Das Vaterauge des Leuchtturms öffnete sich und schloß sich - immerfort - in rhythmischer Bewegung von Licht und Dunkelheit . Eng schmiegte sich die Mutter an den Sohn , der den Arm um sie gelegt hatte . Sie saßen auf einer der Bänke ; unter ihnen , um die klobigen Holzfundamente der Brücke , schülpte das Wasser . Sie sprachen zusammen - ganz wenige Worte - aus der Fülle ihres Verstehens heraus - als hätten Geständnisse sie vorbereitet - und alles war doch bisher mit Schweigen umhüllt gewesen . » Vielleicht ist es meine Schuld , « sagte die Mutter leise und traurig , » zu sehr habe ich Euch für die Familie erzogen - für ihre Stille - ihren genügsamen Frieden - ihre Wichtigkeit - - « Und ganz schüchtern fragte sie vor sich hin , beinahe wie an sich zweifelnd : » Sie ist doch noch immer das Wichtigste ? ... « Er drückte ihr fest und kurz die Hand zur Antwort . » Das arme Kind - glaubst Du nicht , daß Erziehung ... « » Nein , Mutter , « sagte er , » nein , da ist nicht bloß Angewöhntes , da ist Angeborenes « - » Armes Kind ... « » Kaum . Sie fühlt ja keine Leere . Und wenn sie den rechten Mann bekommt - ich meine , solchen , der den gleichen Geschmack hat « - » Raspe , « flüsterte sie , » wir wollen doch hoffen .. « Er lächelte schmerzlich in sich hinein . » Die Fürstin Siegstein sagte mal zu mir , « erzählte Sophie sich ermutigend , um dadurch den Sohn zu ermutigen , » sie sagte : Das Herz kommt nach , wenn der Kopf durchaus weiß : es ist vernünftig . Es ist so viel angeborenes Bedürfnis in einem zu lieben . Das hilft denn nach , wenn der Verstand mal ' ne unabänderliche Lebenslage etabliert hat . Und dann die Gewohnheit . Die gute Hälfte von dem , was man für Liebe hält , ist Gewohnheit , sagte die Fürstin . Sie heiratete ihren Mann mit vielen Bedenken und war nachher so glücklich . « » Es war da wohl umgekehrt : der Kopf war einverstanden , das Herz wurde nicht gefragt . Es gibt ja auch Fälle , Mutter - Fälle - wo das Herz wohl möchte - und wo es sehr weh tut , wenn der Kopf nein sagt ... « Das war sein Fall - sie wußte es , und ihre Seele weinte . » Der Kopf ist auch manchmal eigensinnig , « schmeichelte sie . » Was hab ' ich als bescheidener Mann denn anders , als im Einklang mit mir selbst zu sein . Darin liegt meine Würde , Mutter - tut sie nicht ? « Sophie fühlte eine Träne in ihrem Auge - Hoffnungen begraben tut weh . - Und gerade diese . - Auf der der Segen eines teuren Verstorbenen zu liegen schien . Noch weher aber tat es , den Sohn in schmerzlichen Kämpfen zu wissen ... » Um Allert hab ' ich auch Sorgen , « sagte sie vor sich hin . » Ich weiß es , Mutter . « Und dann schwiegen sie und hörten dem großen Rauschen des Meeres zu , das in rastloser Bewegung gegen das Hindernis anbrauste , als welches das rote Felseneiland in seiner Breite stand . - Auf der Heimreise war Tulla sehr unruhig . Sie dachte : heute ist sein Urlaub zu Ende . Und sie begriff sein Schweigen nicht . Und ganz allmählich überkam es sie : auch sein Wesen begriff sie nicht . So gütig - so ernst . Ja , wie ein Schleier von Traurigkeit lag ' s darüber ... Warum nur ? Sie zermarterte ihren Kopf ... Ganz gewiß - er dachte , er könne es nicht wagen . Er war einer von den wenigen Männern , die durchaus nicht in den Verdacht kommen wollen , daß sie an das Geld und nicht an das Herz des Mädchens denken ... Oh , wie sollte sie es ihm nur zeigen , daß sie ganz felsenfest an seine Uneigennützigkeit glaubte - daß sie darauf schwor : ihr Geld sei ihm Nebensache - daß sie wisse : er könne , wenn er nur nach Geld heiraten wolle , so viel Partien machen . Natürlich war es ganz unmöglich , ihm das zu sagen . Aber in ihrer zitternden Aufregung zeigte sie ihm , ohne zu wissen , ganz unverhüllt die Sehnsucht ihres jungen Herzens . Und er spürte es . Sein Gemüt war ihm schwer . Er empfand es als Grausamkeit vom Schicksal , daß es ihm Glück vorgaukelte , das bei ernstem Betrachten nur brüchig aussah . Wie viel Reiz hatte dies schlanke junge Geschöpf , mit den dunklen , bettelnden Augen im schmalen Gesicht ... Und das Verlangen wallte in ihm auf , sie in seine Arme zu nehmen und sie herauszuretten aus ihrem leeren Luxusleben . Nein - stark sein - ein Mann bleiben . Und als rechter Mann nicht nur auf die Stimme des Blutes hören , sondern auch auf die Stimme der Vernunft . Er glaubte nicht an sein Glück mit ihr . Er sah es - er fühlte es : sie standen auf verschiedenen Ufern - von den ernsten Eichenhainen des seinen führten keine Brücken zu den goldenen Gärten des ihren . Es gibt Naturen , die nicht kraftvoll genug sind , um verpflanzt werden zu können . Dies liebliche Kind würde niemals seine Anschauungen begreifen ... Als man sich der Landungsbrücke näherte , der weltberühmten » Alten Liebe « von Cuxhaven - dieser Stätte , an welcher der Völkerverkehr vorbeiflutet - die den Schmerz der Ausreisenden und die Wonne der Heimkehrenden kannte , die alle Hoffnungen und alle Enttäuschungen auf ihren Balken hatte flüstern und weinen hören - da wurde Tullas Herz von Angst ganz fassungslos . Und sie bat : » Bleiben Sie noch - verlängern Sie Ihren Urlaub . « » Nein , « sagte er , » es ist unmöglich . « Er war ernst und blaß . Der Dampfer legte an - die Unruhe des Von-Bord-Gehens kam - zur Rückfahrt , elbaufwärts wollten sie ja die Bahn benutzen . Ein heimlichholdes Wort - eine Frage , die man nur ohne Zeugen ausspricht - das war nun nicht mehr möglich . Und Tulla wußte : er wird nichts sagen ... Warum nicht ? O Gott - wie schwer , wie schrecklich ! Warum nicht ? Sie hatte ihm doch so viel , als möglich war , Beruhigendes über die Verhältnisse gesagt ! Warum sprach er nicht ? Es war schließlich doch wohl wegen der Mama , und es paßte ihm doch wohl nicht , daß die Mama wieder heiratete ... Tulla fand und fühlte keinen Grund ... Der Jammer in ihrem Herzen wurde immer größer . Nun sank alles zusammen . Die Minuten , die verrannen , schienen alles Leben , alle Hoffnungen mit sich fortnehmen zu wollen ... Gleich war man in Hamburg . Auf dem Bahnhof kam der Abschied . Raspe mußte sofort umsteigen in den Zug nach Wittenberge ... Dann war alles aus - das wußte Tulla - schied er jetzt , stumm - in diesem unbegreiflichen Schweigen , dann sah sie ihn nie mehr - nie . Sie hatte beinahe Furcht davor , ihn anzusehen . Sie stützte den Arm auf die schmale Fensterbank des Fensters und sah starr in die Marschlandschaft hinaus , die flach und braun draußen lag . Sie waren allein im Abteil . Und sie schwiegen fast auf der ganzen Fahrt . Sophie war traurig . Statt eines Aufblühens hatte sie ein Abwelken erlebt - ein seltsam niederdrückendes Schauspiel . Vorwärts stürmende , wagemutige Jugendtollheit wäre fast natürlicher gewesen . Aber gewiß war es gut so , daß ihr Sohn besonnen blieb . Ihr war , als sei die heutige Jugend vielleicht im allgemeinen reifer als die der vorigen Generation . Vielleicht . Sie sah , daß Tulla verwirrt vor Schmerz und Enttäuschung war . Es tat ihr leid ... Eine innere Stimme sagte ihr : das Kind wird vergessen ... Aber ihr Sohn ? Der feste , ernste Raspe - mit der klaren Tiefe seines Wesens ? Da blieb eine Wunde im Herzen . Und ein Zweifel , eine Unsicherheit , ein Zögern - jedem neuen Gefühl gegenüber , das ihn etwa bestricken wollte ... Sie mußte sich bezwingen , um nicht zu weinen . Und je näher sie Hamburg kamen , desto unruhiger eilten ihre Gedanken auch Allert entgegen . Sieben lange Tage hatte sie nichts von ihm gehört . Was konnte in dieser Zeit alles geschehen sein ? Sein Duell mit dem vielleicht zurückgekehrten Dorne konnte stattgefunden haben - mit einem Male sah Sophie es nicht mehr so hochgemut an ... wie , wenn Allert verwundet daniederlag . Oder vielleicht war Dorne immer noch verschwunden und Allert hatte sich an die Polizei wenden müssen - seine Firma war in aller Mund - schreckliche Katastrophen konnten eingetreten sein . Endlich sprach sie von ihren Aengsten . Aus ihren bangen Vorstellungen heraus wollte sie Zuspruch und Wahrscheinlichkeiten von Raspe hören , der ihr doch auch nichts , gar nichts sagen konnte . Aber , um sie zu beruhigen , sprach er : » Vielleicht hat sich alles umgekehrt zum Harmlosen gewendet . Und wir finden vielleicht Allert glücklich und von allen Sorgen befreit . « Ach - das konnte ja nur auf eine einzige Weise möglich sein ... Marieluis ... Die Mutter dachte es voll Inbrunst . Ja - vielleicht . Sie hatten sich in den letzten Tagen gewiß manchmal gesehen - bei den Festen für Dory und Fritz . Und es ist so ein wahres altes Wort : Verloben steckt an . Der Anblick von Glück erzeugt Sehnsucht nach Glück - das ist so natürlich . Und die rasche Phantasie Sophiens verließ alle düsteren Bilder und baute ein neues auf : wie , wenn am Bahnhof zwei Glückselige auf sie warteten ? Wenn dem älteren Sohn inzwischen die Träume zur Wirklichkeit geworden waren , die der jüngere hatte zerfließen sehen ? ... Da fuhren sie in die Halle ein ... Auf dem Bahnsteig standen ziemlich viele Menschen , ihr Durcheinander machte es nicht ersichtlich , ob etwa Allert zur Stelle sei ... Aber Tulla schrie auf - überrascht - außer sich - » Mein Bruder ! « Und ein paar Augenblicke darauf hing sie am Hals eines jungen Mannes , den Sophie nie gesehen hatte . Aber Raspe erkannte ihn : es war der Leutnant Viktor Rositz ... Tulla brach in leidenschaftliche Tränen aus . Sie konnte sich nicht beherrschen . Eine jammervolle Traurigkeit schluchzte heraus ... » Na nu ? « sagte Viktor . » Ich freu ' mich so , Dich wiederzusehen , « stammelte Tulla und hatte auch , in aller Aufregung , ein solches Gefühl - es floß in ihren Gram hinein . Sie hatte selbst nicht gewußt , daß ihr der Bruder , mit dem sie auf dem Kriegsfuß lebte , so teuer sei ... Wenigstens kam es ihr in diesem Augenblick so vor , als habe sie ihn unmenschlich lieb ... Sophie stand verlegen und bestürzt . Was sollte der Leutnant Rositz von der Gemütsverfassung seiner Schwester denken ! Aber Viktor Rositz war nicht der Mann , sich durch irgend etwas aus seiner gesellschaftlichen Glätte herausbringen zu lassen . » Nervös ? Ja , die kleinen Mädchen . Herr von Hellbingsdorf - bitte mich der gnädigen Frau vorzustellen ... « Und er beugte sich über Sophiens Hand . » Gnädige Frau sind erstaunt , mich zu sehen ? Ich war in Ihrer Wohnung , dort erfuhr ich , daß Sie mit diesem Zuge aus Helgoland zurückkehrten . Wir hatten von der Reise keine Ahnung - Tulla schreibt ja nie . Darf ich gnädige Frau nachher eine halbe Stunde in Anspruch nehmen ? « » Aber natürlich ... Kommen Sie doch zum Abendessen - mein Sohn reist gleich weiter - ein wenig müssen Tulla und ich uns erst nach der Reise besinnen ... « » Zum Abendessen ? Danke gehorsamst . Um acht Uhr ? Danke sehr - ja . Und Sie reisen gleich weiter , Herr von Hellbingsdorf ? Schade . Na und Du , Tulla ? Willste morgen mit mir nach Haus ? Mama ist seit Palmsonntag in Berlin . Ewig kannste ja nicht die Gastfreundschaft der gnädigen Frau in Anspruch nehmen ... « » Ja , « sagte Tulla , » ja , ich fahr ' morgen mit Dir . « Und nun mußte Raspe sich verabschieden - sein Zug wartete auf einem andern Bahnsteig . Alles war hastig , unfrei - kein inniges Wort zwischen Sohn und Mutter mehr möglich - die Minuten drängten . Er reichte Tulla noch die Hand . Und sie sah ihn mit einem so schmerzlichen Blick an , als wollte sie eine große Schuld an ihrem jungen Leben auf sein Herz laden . Raspe erwiderte den Blick