Es gibt halt Leut , die lieber in der Welt umeinandersausen , als daß sie auf der Mauer bei ehrlicher Fehd ihr feines Häutl verkaufen . « Die Augen des Malimmes erweiterten sich . Und er dachte an den hurtigen Reiter , von dem Herr Heinrich zu Burghausen gesprochen hatte . Heiter lachend nickte er zu Marimpfel hinauf . » Da muß ich meinen Gruß halt selber bestellen , wenn ich hinter die Mauer komm . « » Du ? Hinter die Mauer ? « Ein Hohngelächter . Auch die andern Spießknechte da droben beteiligten sich . » Wohl ! Morgen ! Aber tu nit Sorg haben ! Bruder ist Bruder . Wo du auf der Mauer stehst , da stürm ich nit . « » Komm nur , wenn du Schneid hast ! « schrie Marimpfel in Zorn . » Aber trauen tust dich nit ! « » Sooo ? Bist du so stark , daß du Angst hast vor dir selber ? « Und lachend ging Malimmes dem Wassergraben zu . Die Brücke fiel . Man nahm dem Sergeanten die weiße Binde von den Augen . Dann rasselten die schweren Ketten wieder gegen die Mauer hinauf . Der Sergeant trat auf die Seinen zu und sagte : » Krieg ! Sie schwören noch allweil , daß sie unschuldig wären an der Brandschatzung . « Heiter fragte Malimmes : » Ist das für dich eine Neuigkeit ? « Die sechse kletterten über die niedergeschlagenen Bäume . Als die heißgewordene Sonne in der Mittagshöhe stand , eröffnete man auf dem Fuchsenstein das Feuer mit der Burghausener Trommelkanone . Und da mußten die Berge ein Echo für einen neuen , drolligen Hall ersinnen , den sie zum ersten Male Hörten : » Pu pu pu pu pu pu ! « Bei diesem Gepummer , das die Berge ein bißchen undeutlich nachmachten , flog über dem niedergeschlagenen Wald drüben an einem Turm des Gadnischen Tores eine Wolke von Staub und Steinbrocken auf . Und neben einer Mauerluke wurde der Chorherr Jettenrösch ohnmächtig . Wohl erholte er sich bald . Aber der Streifschuß , den er am rechten Arm bekommen , machte ihn doch zu weiteren Heldentaten unbrauchbar . Und weil er an zarte Hände gewöhnt war , entzog er sich dem Hallturmer Feldscher , ritt mit einem Notverband nach Berchtesgaden und gab sich bei seiner Pfennigfrau , dem frummen Fräulein Rusaley , in verläßliche Pflege . Bald nach dem ersten Schuß der Trommelkanone fing auf dem Fuchsenstein auch die Landshuterin zu pfeifen und die Hornaußin zu stechen an . Vom Hallturm antworteten die Anna und die Susanne ; sie hatten feste Stimmen und doch eine schwache Lunge ; die Steinkugeln , die sie schössen , fielen entweder in das Astgewirr des niedergeschlagenen Waldes oder richteten an den Schanzen des Fuchsensteins nur schwächlichen Schaden an , der von den fronenden Bauern flink wieder ausgebessert wurde . Gegen die zweite Nachmittagsstunde war drunten beim heiligen Zeno zu Reichenhall , im Tal der Saalach , etwas Seltsames zu gewahren . Das magere Flüßlein verwandelte sich plötzlich in eine riesige Silberschlange . Eine Überschwemmung bei schönem Wetter ! Herr Martin Grans verstand dieses Rätsel : Um mit den Burghausener Hilfstruppen die Berchtesgadnische Grenzwacht im Scwarzenbachtal berennen zu können , ließ der heilige Zeno den angestauten Wehrsee wieder ablaufen . Das brauchte Zeit ! Bis der Reichenhaller Sturmhaufe da drüben hinter dem Lattengebirge trocknen Boden bekam , mußte wohl die ganze Nacht und der Morgen vergehen . Aber dann hatte der heilige Zeno leichten Weg . Und wenn er nicht als erster nach Berchtesgaden kommen und den besten Rahm von der Raubschüssel schöpfen sollte , mußte man auf dem Fuchsenstein und beim Hallturm flinke Arbeit machen . Die Hauptleute wurden unruhig und gerieten in Sorge . Sie kannten ihre Kriegsknechte und wußten aus häufiger Erfahrung , was von dem plünderungslustigen Haufen , dessen halber Sold in der Aussicht auf Beute bestand , zu erwarten war , wenn er um das ersehnte Raubgut betrogen wurde . Da gab es Aufruhr und Meuterei . Seit dem Bericht , den Malimmes von der Mauer brachte , hatten die Hauptleute ihren Sturmplan fertig . Doch immer blies dieser verwünschte Ostwind , der den Hallturm wie mit einem wunderwirkenden Mantel umhüllte . War der heilige Peter kein verläßlicher Patron der Seinen ? Oder gibt es Dinge , wider die auch der stärkste aller Heiligen machtlos ist ? Denn kaum begann die silberne Riesenschlange im Tal der Saalach dick zu werden , da sah man auf dem ebenem Lande draußen aus dem reinen Blau des heißen Sommertages ein paar kleine , weiße , kugelige Wölklein herauswachsen , die von Minute zu Minute größer wurden . Die nordwestliche Ferne umdunstete sich . Bei der Donau drunten , dort , wo Ingolstadt und Regensburg liegen mußten , schob sich eine stahlblaue Wolkenbank über den Horizont herauf . Dieses dunkle Blau der Ferne wurde bräunlich , gelblich , wurde silbergrau vom Regen , vom fallenden Hagel des nahenden Gewitters . Als begänne die reine Luft über den Bergen diesen Himmelsaufruhr der Ferne schon zu fühlen , so fing der schöne Ostwind in Unruh zu wechseln an . Martin Grans erklärte : Das von der Donau herziehende Gewitter würde über dem Untersberge stehen , ehe der Abend käme ; und durch den niedergeschlagenen Wald müßte ein Sturmweg ausgebrannt sein , bevor in der Nacht die löschenden Regenströme fielen . Beim Fuchsenstein entwickelte sich ein aufgeregtes , wirr durcheinander zappelndes Leben . Zwanzig Freiwillige , in den Bergen geborene Leute , wurden aufgerufen und mit den Ramsauern unter den Befehl des Malimmes gestellt . Und während die sechsundzwanzig durch den Wald davonkletterten , gegen den Untersberg hinauf , fingen die Hornaußin und die Landshuterin fleißig zu brüllen an , und die Blide mit ihrem großen , surrenden Schleuderbeutel begann in hohem Bogen die brennenden Pechfässer zu werfen . Wie braune Tageskometen mit langen Rauchschwänzen flogen sie durch die schöne Sonne , fielen vor der Berchtesgadnischen Mauer in den Waldverhau und steckten das Astgewirr der niedergeschlagenen Stämme in lohenden Brand . Wenn die Gadnischen mit Wasserkübeln schwarmweis aus dem Hallturm herausstürzten , um den aufschlagenden Brand zu löschen , begannen auf dem Fuchsenstein die Faustbüchsen zu knattern , und die Trommelkanone pupupuputete . Der Büchsenmeister Kuen verstand seine Sache . Von den Löschleuten des heiligen Peter wurde mancher , der mit zwei triefenden Wasserkübeln aus dem Tor des Hallturmes herausgesprungen war , mit leeren und schlaffen Händen wieder in das Tor hineingetragen . Als unter dem Kugelhagel des Fuchsensteines gegen den züngelnden Brand des Verhaues mit Wasser nicht mehr aufzukommen war , begannen die Antwerke auf der Gadnischen Mauer große Körbe mit Erde , Sand und Mist in das Feuer zu schleudern , um es zu ersticken . Aber der Ostwind blies , schürte die halb erlöschenden Gluten immer wieder an , ließ das Feuer von der Gadnischen Mauer weg durch den Waldverhau sich durchfressen gegen den Fuchsenstein und trieb die dicken Rauchwolken auf den bayrischen Heerhaufen zu und über die Plaienschen Gehänge des Untersberges . So dick war die Luft mit diesen Rauchmassen angefüllt , daß man von dem nahenden Gewitter in der nördlichen Ferne nichts mehr sehen konnte . Herr Martin Grans , der sonst nicht zu den Andächtigen zählte , begann auf die Hilfe des Himmels zu bauen . » Laßt der gütige Herrgott nit regnen , bis der Sturmweg durchgebronnen ist , so haben wir des Teufels Arbeit wider uns selber gemacht . « Auch die sechsundzwanzig , die durch den Hochwald des Untersberges hinaufkletterten , hatten unter diesen stickenden Rauchschwaden , die der fackelnde Ostwind über sie her peitschte , schwer zu leiden . Oft mußten sie sich zu Boden werfen , die Gesichter in das Moos drücken oder die in einem Wildbach mit Wasser getränkten Mäntel um die Köpfe wickeln . Doch je höher sie kamen , um so dünner wurde der Rauch . Die Leute klommen über den steilen Hang empor , keuchend , hustend , die Gesichter von Schweiß übergössen . Wo sie rinnendes Wasser fanden , fuhren sie mit den Händen hinein , tranken und benetzten die Augen . Jul , der immer unter den ersten kletterte , wurde schwach und fing zu taumeln an . Malimmes stützte den Buben , Runotter lief um Wasser . Da schlug unter heftigem Sausen der Wind um , und plötzlich waren die sechsundzwanzig in reiner Luft und hatten über sich den blauen Himmel und die klare Sonne , unter sich ein graues , flutendes Rauchmeer , das sich gegen Osten schob und den ganzen Kessel des Tales füllte . Von dem brennenden Verhau , vom Fuchsenstein und vom Hallturm war unter diesen hastig treibenden Schleiern nichts zu sehen . Jul erholte sich , als er Wasser getrunken hatte . Auf alle Fragen , ob er sich wohl fühle und wieder klettern könne , nickte er stumm . Malimmes nahm dem Buben die Eisenschaller , die Kettenhaube und die Armkacheln ab ; und alles lud er am Bidenhänder auf seine Schulter . Runotter sagte : » Gib mir das ! « Malimmes schüttelte den Kopf : » Ich spür ' s nit . « Sie klommen , bis der Wald zu Ende ging und auf dem steilen Gehäng die niederen Latschenstauden begannen . Hier mußten sie bleiben und die Nacht erwarten . » Tu mir die Leut in guter Deckung zwischen den Stauden halten « , sagte Malimmes zu Runotter , » ich steig mit dem Buben zu einem Fleckl hinaus , wo ich guten Lugaus hab . « Er legte die Wehrstücke zu Boden . » Komm , Jul ! Eh die Nacht nit da ist ; , brauchst du dein Wehrzeug nimmer . « Die beiden kletterten über den Sturz des Berges hin , bis Malimmes sagte : » Der Westwind treibt den Rauch zum Rotofen hinüber . Wir müssen uns decken . Sonst könnten wir sichtig werden für die am Hallturm . Komm , tu rasten und laß dir wohl werden ! « Auf einer schroffen Felsnase ließen die zwei sich zwischen dichten Latschenstauden in das linde Berggras nieder . Durch eine Gasse des Gebüsches konnten sie hinunterschauen in die Tiefe , in der das Feuer als roter Vorläufer der Kriegsscharen kämpfte . Die Kammerbüchsen schwiegen , seit der wallende Rauch da drunten das Zielen unmöglich machte . Doch der schärfer werdende Westwind säuberte den Fuchsenstein immer mehr von diesen grauen Schleiern . Man konnte schon das Gewimmel des Heerhaufens und das Zeltgewirr des Gelägers erblicken . Das alles sah so fein und zierlich aus wie ein Spielzeug vornehmer Kinder . Nun entschleierte sich auch der Brand des niedergeschlagenen Waldes . In der Tiefe mußte das eine grauenhafte Flamme sein ; doch aus der Höhe gesehen war ' s ein hübsches , liebliches Geflacker , rötlich , bläulich und gelb , mit zartem Rauchgeringel ; das Rauschen und Geprassel des Feuers klang herauf wie das Geplätscher eines Brunnens ; und wenn das Schleuderwerk auf dem Fuchsenstein nach den noch nicht in Brand geratenen Teilen des Waldverhaues ein neues , flammendes , qualmendes Pechfaß schleuderte , war es anzusehen , als flöge da drunten ein kleiner Käfer , dessen Rückenschild in der Sonne glitzerte . Lachend sagte Malimmes : » Da schau hinunter , Bub ! Jetzt versteh ich ein lützel was von des lieben Herrgotts Gleichmut . Wenn das da drunt schon für uns so kleinweis herguckt , wie lausig muß für einen in der höchsten Höh alles ausschauen , was auf dem Erdboden umeinander krabbelt ! « Ein schweres Atmen machte ihn aufblicken . Er sah erschrocken in das erschöpfte Gesicht des Jul , dessen Augen rote Ränder hatten wie von heißem Weinen . » Bub ? « Jul beugte sich langsam vor und deutete mit gestrecktem Arm hinunter gegen den Hallturm , über den sich der Rauch zwischen heiß wabernden Luftströmen in dicken Schwaden hinwälzte . - » Schau nur - schau - was müssen die armen Leut da drunt für ein schweres Schnaufen haben ! « Malimmes mußte barmherzig sein und lügen : » Ist nit so arg ! Die können sich hinter der Mauer bergen und in den Wehrstuben hocken . « » Bis - « Jul konnte nimmer reden . » Was meinst du , Bub ? « » Bis wir kommen und dreinschlagen mit dem Eisen . « Die Zähne des Buben knirschten wir vor einem Schreikrampf . » Ich weiß doch , wie schiech es ist ! Und muß es tun . Ich muß - ich muß - « Da sagte Malimmes hastig : » Das nit , Bub ! Nit ums Herrgotts willen ! Auf den einen wirst du morgen nit losschlagen müssen . Per ist nit da drunt bei der Mauer . Fürgestern ist er nach Ingolstadt geritten . « Jul hob das erstarrte Gesicht , um das die schwarzen , nassen Haarsträhnen hingen . In seinem Blick war ein tiefer Schreck , der hinüberglänzte in eine so schöne Freude , als käme eine erlöste Seele aus diesen Augen heraus . Dann war ' s wieder eine schwere Trauer . Jul schüttelte den Kopf , als möchte er sagen : Du verstehst mich nit ! Sich beugend , preßte er die Stirn auf das eisengeschiente Knie und brach in stummes , würgendes Schluchzen aus . Malimmes legte den Arm um des Buben Küraß . Reden konnte er nicht . Und wie ein Frierender fing er zu zittern an . Dieser Rauhe , der ohne Träne war , hätte in diesem Augenblick die Sonne vom Himmel reißen mögen , um sie einer dürstenden Menschenseele in die Hände zu legen . Sich leis bewegend , wiegte er den schluchzenden Buben an seiner Schulter . Dann fing er mit einer Stimme , die fein und heiter klang , nach einer seltsam heimlichen Weise langsam zu singen an : » Ich leb , weiß nit , wie lang , Ja , leb , wie lang ? Ich sterb und weiß nit , wann , Ja , sterb , und wann ? Ich reit , weiß nit , wohin , Wohin ? Weiß nit , warum ich so fröhlich bin ! « Das gleiche sang er ein zweites Mal . Und wieder . Wieder . Bis Jul das Gesicht erhob und flüsternd sagte : » Das ist schön . « » Gelt ja ? Hab nit oft ein Wörtl gehört , das gescheiter geredet hätt von Glück und Leben . Und weißt du , wo ich das Liedlein herhab ? Sieben Jahr ist ' s , Bub , da hab ich einem Heckenreiter gesoldet . Und die Regensburger haben mich hopp genommen und haben mich in den schiechen Turm geworfen , den man den Gießübel heißt . Und in der trüben Lochstub ist das Liedlein eingeschnitten gewesen in den mürben Tisch . Und weißt du , von wem ? Der Lochwärtl hat mir ' s gesagt : von einem , den die Regensburger zum Tod gesprochen haben . « Irgendwo ein dumpfes Rauschen . Und ein Dröhnen in der Ferne , wie von tausend brüllenden Hauptbüchsen . Jul und Malimmes hoben die Gesichter . Und da sahen sie in den fernen Lüften ein Wunder stehen , so schreckhaft und von so herrlicher Schönheit , daß sie ihrer selbst und aller Nähe vergaßen . Weit draußen im Tal der Saalach , in der Scharte zwischen Untersberg und Staufen , stand über dem ebenen Land das entfesselte Gewitter , das von der Donau gezogen kam . Unter dem blauen Himmel und neben der Sonne , die noch auf die Berge schien , war das ferne Wettergewölk anzusehen wie eine riesenhafte , graublaue und schwarzbraune , mit Gold und Silber beschlagene Himmelstruhe , durch deren Ritzen die edlen Geschmeide Gottes blitzten . Aus der oberen Wolkendecke , die von Sonne schimmerte , wuchsen schneeweiße Dampfbäume gegen das leuchtende Blau hinauf , wie Palmen und Pinien gestaltet , mit rosigen Blumen und goldenen Trauben behangen . Und unter den Wolken , in dem stahlblauen und schattengrauen Gewirr der Regengüsse , zuckten mit grellem Schein oder in grünlichem Leuchten die Blitze hin und her . Und wenn die Blitze nach aufwärts durch die Wolkendecke stachen , faßten sie die silbernen Nebelbäume , ringelten sich wie glitzernde Schlangen über die Stämme hinauf , verteilten sich im Gezweig , machten die Blumen und Trauben brennen - und aus den Wipfeln fuhren sie verzüngelt in die blassen Dünste wie wehendes Goldhaar . Und dazu ein Rauschen , Dröhnen und Rollen , als käme der Schöpfer gefahren auf seinem Wagen , der gezogen wurde von den Riesen der Ewigkeit . Schweigend nahm Malimmes den Eisenhut vom Haar . Und Jul , die Hände ineinanderklammernd , fing mit der bebenden Stimme eines Weibes zu beten an . 11 Unter den peitschenden Regengüssen und prasselnden Hagelschlägen des Gewitters , das über die bayrischen Lande niederging , jagte Lampert Someiner in klebenden Kleidern auf seinem erschöpften , triefenden Rappen der vieltürmigen Stadt entgegen , die wie ein grauer Schemen hinter den Schleiern des vom Himmel fallenden Wassers lag . Irgendwo in diesem Grau , ganz nahe und dennoch unsichtbar , rauschte die hochgeschwollene Donau so stark , daß auch der rollende Donner dieses Rauschen nicht völlig übertönen konnte . Sooft das blaue oder weißgrelle Leuchten eines Blitzes durch die Lüfte ging , verstärkte sich der in großen Tropfen niederklatschende Regen , oder es prasselte ein neuer Hagelschauer aus den Wolken herunter . Auf der Straße versanken die Hagelkörner in Morast und Pfützen , doch auf den Wiesen und über den zerschlagenen Getreidefeldern neben der Straße lagen sie wie dicker Schnee . Und über diesem Schnee war tischhoch der weißliche Dunst , zu dem die auffallenden Regentropfen auf den harten Eiskörnern zerstäubten . Moorle jagte mit gesenktem Schädel , keuchend , die Augen vorgequollen , daß man rings um die angstvollen Lichter das blutunterlaufene Weiße sah . Lampert , um sich leicht zu machen und den Winddruck zu verkleinern , lag mit Brust und Gesicht auf der Mähne des Pferdes . Nur sein Schwert hatte er behalten - alles andre , die Packung des Pferdes , den Mantel , die Arm-und Beinschienen , den Plattenküraß und die Stahlhaube , hatte er bei dieser hetzenden Verfolgung fortgeworfen , um die Last für den Gaul zu mindern und diesen sechs rätselhaften Heckenreitern zu entrinnen , die er seit dem Morgen hinter den Fersen hatte . Zwei von den Stiftsgäulen waren niedergebrochen . Nun mußte Moorle seinen letzten Atem hergeben und aushalten bis zum Ingolstädter Tor . Während Lampert den erschöpften Rappen mit Spornstößen hetzte , wandte er immer wieder das Gesicht . Von seinem Knecht und den sechs Reitern war seit einer Weile nichts mehr zu sehen . Diese Reiter ? Die immer verschwunden waren , um immer wieder aufzutauchen ? Lampert wußte nicht , was er von ihnen denken sollte . Manchmal hatte diese Verfolgung sich angesehen wie ein boshafter Narrenstreich , wie ein Blindekuhscherz . Erst waren es nur zwei gewesen , dann viere , dann sechse . Auf offenem Geländ und in der Nähe von Dörfern hatten sie gespielt mit ihm wie Katzen mit der Maus , die nimmer entrinnen kann . Doch sooft sich die Straße in dichtem Wald verlor , war ' s Ernst geworden , bei keuchendem Jagen . Und im letzten Wald vor Ingolstadt , bei Ausbruch des Gewitters , hatten sie den Knecht eingeholt und aus dem Sattel gerissen . Strauchdiebe ? Die sich mit einem abgeschundenen Pferd , mit Kittel und Hemd eines Knechtes begnügten ? Ein Blitz fuhr nieder , daß Straße und Wiesen wie in Feuer schwammen . Dann ein Gerassel in den Lüften . Moorle scheute , und seine Hufe hämmerten über die Bohlen der Donaubrücke . Aus den grauen Wassergüssen des Gewitters tauchten die schweren Türme heraus , schwarz vor Nässe . Lampert mußte auf dem zitternden Gaul eine Weile harren , bis im Tor das schwere Balkengatter aufging . In der Mauthalle drängte sich ein Schwarm von bunten Söldnern um den triefenden Reiter her . » Botschaft an Herzog Ludwig ! Geleit vom heiligen Peter zu Berchtesgaden ! « Lamperts Stimme klang so heiser , daß die Mautknechte über diese krächzenden Laute zu lachen begannen . Man gab ihm zwei Söldner , die ihn zur Burg des Herzogs führen sollten , und versprach ihm , zehn Reiter auf die Suche nach seinem verschwundenen Knecht zu schicken . Er stieg aus dem Sattel , um den zitternden Gaul zu entlasten . Nach diesem mehr als vierzigstündigen Ritte wurde das Gehen für Lampert eine harte Mühe . Den linken Arm , der heftig schmerzte , konnte er kaum bewegen . Auch Moorle war fertig und kroch wie ein zerprügelter Ackergaul über das grobe Pflaster hin . Die enge Straße war leer , doch unter den Torhallen standen buntgekleidete Menschen dichtgedrängt beisammen , um das Ende des in grauen Schnüren fallenden Regens abzuwarten ; sie machten Späße , als die zwei Söldner mit dem gewaschenen Fremden zwischen den plätschernden Dachtraufen und unter den Güssen der Wasserspeier vorübertappten . Nach langem Weg durch winklige , von gelben Bächen überschwemmte Gassen erreichte Lampert das mit reichgekleideten Wachen besetzte Tor der herzoglichen Burg . Er wurde mit höfischer Umständlichkeit salutiert , und viele Diener stellten sich zu seinem Dienst . Lamperts erste Sorge gehörte dem übel zugerichteten Moorle . Als man den Gaul zu gutem Stall geführt hatte , lief einer von den rotgekleideten Leibtrabanten , die man Einrösser nannte , flink davon , um dem Herzog die Ankunft des Berchtesgadnischen Herrn zu melden . Die langen Hallen , die der Trabant durchschreiten mußte , um dem in die Höfe niederprasselnden Regen zu entgehen , wimmelten von rotgewandeten Söldnern , von grün und braun gekleideten Jägern und Falknern , von Herren in Scharlach und Silbergrau , mit der goldenen Edelmannschnur um die Hüte . In Herzog Ludwigs zahlreichem Hofgesinde diente neben den Soldknechten und Troßleuten ein halbes Tausend von Grafen und Rittern , von beutesüchtigen Abenteurern aus allen Ländern . Neben der heimatlichen Sprache hörte man Italienisch , Flämisch und Ungarisch , das Platt und den schwäbischen Dialekt , die rauhen Laute der Schweizer und am häufigsten das hurtig gleitende Französisch . Zwischen den Herren und Knechten ein Gewimmel von Jagdhunden . Man schwatzte , schrie und scherzte , daß es den Lärm des Regens übertönte ; man zechte an langen Tischen bei Saitengeklimper , bei Brettspiel , Karten und Knöchelbecher . Herr Ludwig , der diesen Schwarm von Hofleuten nährte , ließ das viele Gold , das er aus Frankreich nach Ingolstadt verfrachtet hatte und das er im eignen , reichen Lande gewann , durch lockere Finger ins Leere laufen . In einem kleinen , von hohem Kreuzgang umzogenen Hofe , der mit schönen Steinmetzarbeiten geziert war , standen trotz Regen und Traufe viele Herren , Söldner und Jäger mit Lachen und Schwatzen um große Holzkäfige und Körbe her , in denen Fasanen und ungarische Hirsche gekommen waren , um die Bestände des herzoglichen Tiergartens aufzufrischen . Die Jagdhunde kläfften das Hochwild an und schnupperten gierig den Duft der schönen Vögel . Der Einrösser eilte durch lichtarme Korridore und über unbequeme Treppen hinauf . Das alte Schloß war düster und winklig in seiner Bauart . Doch die bedrückten Räume waren verschwenderisch ausgestattet , und in allen Gängen standen rotgekleidete Leibtrabanten mit vergoldeten Spießklingen . Vor der Tagstube des Herzogs lag der einzige große Saal des Schlosses wie eine glitzernde Schatzkammer . Kunstvoll gewebte Bilderteppiche bedeckten die Wände . In verglasten Schränken schimmerte eine Fülle von Kostbarkeiten : Diademe , Gürtel und Kronen aus Smaragden und Saphiren ; Heiligenschreine standen umher mit Schnitzereien aus Elfenbein ; goldene und silberne Statuen glänzten , Hausaltäre mit Gemälden auf Goldgrund , verschwenderisch umkrustet von Perlen und Edelsteinen ; und überall funkelten kristallene Gefäße und emaillierte Geräte , Werke der Schmelzkünstler von Limoges . Die Heimat dieser Kostbarkeiten war Frankreich . Sein halbes Leben hatte Herr Ludwig in Paris und in französischen Königsschlössern zugebracht , wo die prunkvolle Tobsucht des Königs auf alle lebenden und toten Dinge seiner Umgebung abfärbte und aller höfische Brauch eine verrückte Schamlosigkeit atmete , für welche die Königin , Ludwigs Schwester Isabeau , das Vorbild stellte . Und als Herr Ludwig vor Jahren aus Frankreich flüchten mußte , hatte er diese Pfandstücke , für die er dem König und der Königin bayrisches Geld geliehen , nach Ingolstadt entführt - nicht adle mit gutem Recht . Seine Freunde nannten ihn drum einen klugen Kaufmann - sein Vetter Heinrich zu Burghausen sagte : » Der Ingolstädter Dieb ! « In diesem Schimmersaal , bei der Türe , die zur Tagstube des Herzogs führte , saß ein bejahrter Mann , der Kämmerer Wolfgang Graumann , Herrn Ludwigs getreuer Wolfl . Neben ihm , auf einem großen , roten Kissen , ruhten zwei schöne , starke Hunde , braun und weiß gefleckte Bärenfinder , die aus dem berühmten Jagdhundzwinger des bayrischen Oberstjägermeisters Kaspar Törring stammten und des Herzogs Begleiter auf allen Wegen waren . Der Einrösser machte seine Meldung , und Wolfl trat durch die Tür . Eine wohnliche Stube . Wertvolle Gemälde an den dunklen , mit goldbedrucktem Leder überspannten Wänden . Auffällig waren die vielen kleinen Statuetten von Bullenbeißern mit gefletschten Zähnen . Sie ersetzten die Spruchbänder , die in Herzog Heinrichs Stube zu Burghausen waren . Auf dem Marmorgesimse des französischen Kamines stand das größte dieser Bluthundbilder , ein schwerer Bronzeguß , auf dessen Sockel die lateinischen Worte zu lesen waren : » Memento , quia canis est ! « Nach der Heimkehr vom Konzil zu Konstanz , als ein von schweren Wunden Genesener , hatte Herr Ludwig bei der Aufstellung dieser Gedächtnisstatue lachend gesagt : » Wenn ich den Mörder Heinrich einmal gebunden da herein schleppe , muß er sich das übersetzen lassen : Vergiß nicht , was für ein Hund das ist ! Selber versteht er ' s nicht . « Die Stube hatte nur zwei winzige Fenster , bekam aber eine Fülle von Licht durch den neuen Erker , der aus einer Ecke des Raumes gegen die Donau hinausgebaut war . In diesem Erker hingen zierliche Goldkäfige mit fremdländischen Singvögeln , daneben ein größerer Flugkäfig mit kleinen grünen Papageien , die unter ruhelosem Gezwitscher allerlei wunderliche Maschinerien trieben , wenn sie Futter nahmen . Mit diesem steten Vogelgeschwätz und dem Traufengeplätscher des Regens mischte sich der Klang eines kunstvollen Lautenspiels . Der Musikus , in Scharlachfarbe gekleidet , ein Dreißigjähriger mit verschmitztem Geweht , saß in einem Polsterstuhl des Erkers , Peter Nachtigall , der Hoflautner des Herzogs , der Vertraute und geheime Briefbote bei seines Herrn verschwiegenen Zärtlichkeiten . In diesem sekreten Dienste hatte Peter Nachtigall viel zu tun , obwohl Herr Ludwig im Bart , der zu Paris seine beiden Gemahlinnen begraben hatte , schon im sechsundfünfzigsten Lebensjahre stand . In seinem stattlichen Wuchs und seiner strotzenden Lebenskraft sah der Herzog wie ein Vierziger aus . Sein Vater Stephan war ein zierliches Männchen gewesen und Ludwigs Mutter Taddäa Visconti , die Schwester von Heinrichs Mutter Maddalena , eine schlanke , feingelenkige Südländerin . Und dennoch hatte sich der Sohn solcher Eltern , das Bild des kaiserlichen Ahnherrn wiederholend , zu diesem prachtvollen , mit Stolz und Lachen begabten , ritterlich gestalteten Mannsbild ausgewachsen , während alles Kleine und Lebensdunkle der Eltern auf seine an Gesicht und Körper zierliche Schwester Isabeau gekommen war , die auf dem Throne von Frankreich saß als das übelste Weib ihres Landes . Am Pariser Hof hatte Ludwig , der sich Loys zu nennen liebte , den scharmanten Schliff französischer Sitten angenommen und sich geschult in französischem Mutwillen . Doch er hatte bei seiner Flucht aus Frankreich - neben einer kleinen , häßlichen französischen Narbe am Hals - auch eine zweifelhafte Schätzung des deutschen Wesens mit heimgebracht und eine weitgehende Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel bei seinen zahlreichen politischen Händeln . Es mischte sich in ihm viel Gutes mit viel Bedenklichem : ein reizbares und leichtsinniges Blut mit einem lebhaften , für alles Schöne empfänglichen Gemüt , harter Eigenwille mit rascher Barmherzigkeit , hochfahren des Wesen gegen seinesgleichen mit leutseliger Güte gegen Anne und Niedrige . Als Wolfl die Stube betrat , fand er den Herzog zu einer Stunde , die in Ludwigs großen , dunkelblauen Augen alles Gute seines Lebens glänzen machte . Neben dem reich geschnitzten Tisch , der viele Laden und Geheimfächer hatte , stand er hoch und stattlich , in einem lose gegürteten , aus Gold und Grün gewobenen Brokatrock , die rote , mit Hermelin verbrämte Sammetmütze über dem braunblonden , nur von wenigen grauen Fäden durchzogenen Haar . Der dunkelblonde , nach französischer Art geschnittene Vollbart umrahmte das kräftig gefärbte Gesicht mit der starken Nase und den roten , sinnlich geschwellten Lippen . Eine dicke Narbe ging schräg über die Stirn , und an den schön gepflegten Händen waren die Male schwerer Schnittwunden zu sehen - die Erinnerungszeichen an jene blutige Rächernacht zu Konstanz . Mit diesen Händen hielt Herr Ludwig in Zärtlichkeit die Hand eines schönen , zwanzigjährigen Jünglings umschlossen , der in dunklen Reisekleidern vor dem Herzog stand wie ein in Jugend erneutes Ebenbild des Fürsten : Jungherr Wieland , Sohn der schönen Jungfrau Canetta , der Tochter des herzoglichen Rates Wieland Swelher zu Neuburg . Ohne die Hand des Jünglings zu lassen , hob Herr Ludwig das Gesicht . » Mein guter Wolfl , was bringst du ? « » Ein Bote vom heiligen Peter zu Berchtesgaden ist eingeritten , Herr Lampert Someiner , mit einem Brief , der eilig ist . « » Keine Botschaft ist so eilig , daß sie der Reinlichkeit nicht Zeit gewähren könnte . « Herr Ludwig sah zum Fenster , vor dem der Regen versiegte . » Der Ärmste hatte böses Reisewetter . Man soll ihm ein heißes Bad richten . Laß ihn essen und trinken , was ihm schmeckt . Dann kleid ihn aus meiner Kammer ! «