Sobald wir aber , - so meinst du doch wohl , - die logische Notwendigkeit unseres Erlebens begreifen , dann müssen wir es als ein Verdientes und Gerechtes empfinden . « Fragend sah sie ihn an . Er nickte ihr zu . » So ist es . « » Aber du hast eines vergessen « , sagte sie . » Und das wäre ? « » Das ist jene Ergebung , zu der zu gelangen eines gehört , was über aller Vernunft und aller Logik steht , - und « , sie zögerte einen Augenblick , » was mir fehlt . « Er blickte sie fragend an und wartete darauf , daß sie ihr Bekenntnis vollende . Sie fuhr fort : » Ich habe oft darüber nachgedacht , was wohl das Wort des Evangeliums bedeuten mag : So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt , reiche ihm auch die andere dar . Und ich weiß , daß dieses Wort nur der verstehen kann , der das eine hat , was zu jeder Ergebung gehört : die Demut , - die mir fehlt . « » Du irrst , « fiel er ihr ins Wort , » auch der Sinn dieses Spruches ist logisch erschließbar , und selbst die Gnade der Demut kann über ein Herz kommen , das die Dinge restlos vernünftig anschaut . « » Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschließen ? « Er schob die geleerte Teetasse zurück und sah sie voll an . » Der logische Sinn ist so augenfällig , daß ich darüber staune , daß er es für dich nicht ist . Die Mahnung kann natürlich nichts anderes bedeuten , - als : laß es nicht als Übel gelten , was jener tut , - denn « , er suchte nach Ausdruck , - » denn - der Augenblick tut das mit ihm , - sein unsterblich Teil ist nicht dabei . Dieses Unsterbliche aber « , seine Stimme hob sich energisch , » dieses sollst du schauen . Und zum Zeichen , daß du sein Ewiges nicht vergessen hast , - trotzdem er selbst es verleugnet , - so hebe seine eigene Tat auf - und « , seine Stimme war stark und streng geworden , » reiche ihm auch die andere Wange dar . Damit sprichst du zum Schicksal : wie es ist , ist es gut . « Überzeugt sah er sie an . Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung , als wäre sie bei dieser seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Händen erfaßt und gerüttelt worden . Wie gelähmt war das lebendigste Organ ihrer Seele , - ihre Vernunft , - in ihr gelegen , und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der Triebwelt immer dichter darüber gewachsen . Der Bruder aber hatte sie gefaßt und hatte sie gerüttelt , - wie man einen Menschen rüttelt , der eben ertrinken wollte und den man aus dem Wasser rettete ... Sie hatte zutiefst begriffen , was er ihr , in knappen Andeutungen , gegeben . Sie verstand auf einmal , - daß Resignation und Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind , aber keiner überirdischen Gnade . Sie verstand , daß es Begnadung der höchsten Vernunft war , zu sagen : wie es ist , ist es gut ... Aus der neuen Bewegung , die endlich die Erstarrung in ihr gelöst hatte , hob sich , mit junger Kraft , der Antrieb , der einzig das Leben erhält : das Vertrauen zu dem eigenen Schicksal , die Überzeugung , daß es nach logischen Gesetzen abgelebt wird , daß der Sinn der eigenen Bestimmung sich unweigerlich erfüllt . Sie begriff , daß der Kampfplatz , auf dem ihre Kräfte sich würden bewähren müssen , nicht draußen , sondern drinnen lag . Mit blitzartiger Schnelle dachte sie in diesem Augenblick daran , daß es Menschen gab , die ihr Schicksal sofort verstanden , die seine Hand sogleich erkannten , sowie sie von ihr berührt wurden . Solch eine war Eva Nestor und auch Lore Wigolski . Jene waren mit Widerständen , die sich um sie türmten , fertig geworden , ohne einen Tropfen ihrer Kraft einzubüßen , sie aber hatte sich beim ersten Zusammenstoß beinahe verblutet , - weil sie mit sich noch nicht fertig gewesen , wie jene anderen , die in besserem Gleichgewicht geboren waren . Sie wollte nun noch erfahren , ob Stanislaus es verurteilte , daß sie sich in diese Gefahr begeben , daß sie mit dem Feuer so gefährlich gespielt hatte , trotz aller warnenden Mahnungen ihrer Seele . » Mädchen , « sagte er , » wie sehr hast du die Orientierung verloren ! Nun siehst du gar ein Unrecht darin , daß du dich in den Frühling hinauswagtest ? Wie feige müßte man sein , sollte einen die Gefahr schrecken , wenn auch nur ein einziger solcher Frühlingstag winkt . Ich war einmal in Dresden « , fuhr er fort , und natürlich auch in dem berühmten Zwinger , dem großen Barockpalast . Die weiten , wundervollen Gärten standen gerade in voller Blüte , und man bekam da hübsche Ansichtskarten , die den » Zwinger im Frühling « darstellten . Später habe ich oft an diese Worte denken müssen , nur daß ich sie verkehrte - auf den Kopf stellte : denn überall , wo ich um mich blickte , sah ich , wie die Blüte gehemmt , wie die frohen Triebe der Jugend gefesselt waren , überall sah ich - den Frühling im Zwinger . Wohl dir , daß du einen einzigen Frühling diesem Zwinger entronnen bist ! » Wenn du so denkst , dann mußt du auch meinen Gram begreifen darüber - , daß ich diesen Frühling verloren , - verloren , - vielleicht verscherzt habe . « » Dieser Ausspruch läßt erkennen , daß du noch immer glaubst , daß es irgendwie in deiner Macht gelegen hätte , das Verhältnis zu erhalten und zu einem glücklichen Ende zu führen . Das ist aber falsch , durchaus falsch ; denn so wenig praktische Erfahrung ich auch habe , « er lächelte , während sich sein Gesicht mit dunkler Röte überzog , - » so bestimmt kann ich dich versichern , daß man sich die Liebe von niemandem erobern oder verscherzen kann . Denn die Zellen lieben sich und nicht die Willen , die Zellen ziehen sich an oder stoßen sich ab ! - - Auch ist zwischen zweien immer ein bestimmter Vorrat zu verbrauchen . Du kannst ihn nicht erneuern , um länger zu fesseln , und du kannst keine Bande lösen , solange dieses Quantum nicht verbraucht ist ... Warum aber sollst du « , fuhr er lebhaft fort , » an solchen Erfahrungen verlieren , anstatt zu gewinnen , einschrumpfen , anstatt zu wachsen ? Warum dich verbittern und verringern lassen ? « » Weil sich nicht leugnen läßt , daß bei solchen Erfahrungen , sie mögen nun erlaubt sein , im höheren Sinne , oder nicht , und sie mögen so logisch und notwendig sein , wie sie wollen , - Verschiedenes angeflogen kommt , was beschmutzt und erniedrigt . « » So ? Du magst recht haben . Aber dann mußt du dich erst recht rühren , mußt dich fleißig um deine eigene Achse drehen , darfst das , was dir angeflogen kam , nicht auf dir fest und starr werden lassen . Du willst doch leben bleiben , oder nicht ? « Da rüttelte er schon wieder , sie fühlte , wie es ihr durch und durch ging . » Ja , ich will leben ! « rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst . » Nun , wenn man überhaupt leben bleiben will , dann muß man sich auch rühren . Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen , doch - wie soll ich sagen , - weiter konsumieren , - das geht nicht an , das erscheint mir geradezu inkorrekt . « Da lachte sie , und sie hörte dieses Lachen , und sie fühlte es auch . Sie fühlte , wie diese Welle von Fröhlichkeit plötzlich aus ihrer Seele herausschoß , wie ein starker Sprudel , Schlacken und Steine mitreißend und herausschleudernd . Er sprach weiter . » Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst , so war es - weil dich der Mut verließ . Es gibt keinen andern Grund für uns Menschen , zusammenzubrechen . Jede Art von Trauer , von Angst , ja selbst von physischer Schwäche , die zum Zusammenbruch führt , ist Mutlosigkeit , Mutlosigkeit des Körpers oder der Seele ; und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser bleichen Furcht vor dem Leben . Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen . Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki : Sobald die Menschen sich fürchten , verfaulen sie , wie die Birken im Sumpf . - Darum heißt es gerade im kritischen Moment , gerade wenn es schief geht , - sich doppelt zusammenraffen und so handeln , als ob wir sehr mutig wären . Die Menschen stürzen und verfaulen am ersten , wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen , sich seelisch verlumpen . « Ernsthaft sah er sie an : » Man muß sich erziehen , so zu handeln , - als ob alles glatt gegangen wäre . Das ist eine Suggestion , die man dem Schicksal gibt , - und das Schicksal ist suggestibler , als wir glauben . « Er ging auf und ab und fuhr nachdenklich fort : » Du leidest jetzt ? Das ist nur richtig und begreiflich . Warum aber dich unter deinem Leid verkriechen ? Dieses Leid ist eine Frucht , die du ernten mußtest , - das ist immer noch besser , « fügte er leiser hinzu , » als wenn auf deinem Acker überhaupt nicht gesät worden wäre . « Er zog aus der Tasche seines Rockes ein Heft der » Jugend « und warf es auf den Tisch . » Da , - das war heute nacht , im Bahnzug , meine Lektüre , und da ist etwas drin , was für dich paßt . Hör ' gut zu ! « Und er las ihr vor : » Die Zeche « 1 Und hast du ' s verschuldet , daß Reue dich zwickt - Nur nicht um die Zeche herumgedrückt ! Und krallt dir Vergeltung durch Panzer und Hemd , Eine Bärenbrust büßend entgegengestemmt ! Sei lederzäh , keine wimmernde Puppe ! Ei , wer sie verzehrte , berappt auch die Suppe . Wie den Kellnern nach eingenommenen Mahlen , Ruf ' ehrlich dem Schicksal : » Bitte ! Zahlen ! « So sprach Stanislaus an diesem Abend zu seiner Schwester , und noch als er ging , mahnte er sie eindringlich : » Also vergiß nicht , - sei lederzäh , keine wimmernde Puppe ! Eine Bärenbrust - du weißt schon . « Er ging und nahm die Gespenster mit ; ihr Heim war frei . Sie irrte nicht mehr darin , wie eine hilflose Gefangene . Die Dämonen waren wie ausgeräuchert . Was für Kräfte waren es doch , die das Gift aus ihr herausgeholt hatten ? Die Welt war ihr in Finsternis gehüllt gewesen , wie in einen undurchdringlichen , schwarzen Mantel . Nun aber schien es ihr , als wäre der Mantel abgeglitten . Ruhig und friedlich ging sie zu Bett . Zum erstenmal dachte sie wieder an ihre Freunde . Sie wollte Lore bald wiedersehen . Plötzlich fiel ihr ein , daß sie von Erika wochenlang nichts gehört hatte . Sie hatte sich auch nicht um sie bekümmert . Wie , wenn sie ihr helfen könnte , wie heute der Bruder ihr geholfen ? Freilich hatte die dort dem Schicksal noch mehr zu bezahlen als sie , - mehr vielleicht , als sie besaß , - war überverschuldet , vielleicht bankerott . Und an den anderen dachte sie , dessen Zeche auch nicht im reinen war . Weder Erika noch Koszinsky wußten von ihrer neuen Wohnung . Koszinsky war verreist , auf der Tournee mit seiner Kapelle , aber Erika hätte sie nicht ganz vergessen dürfen , auch wenn sie sich selbst nicht meldete . Sie beschloß , ihr am nächsten Tag zu schreiben . Der nächste Tag kam . Olga hatte , nach langer Zeit , tief und traumlos geschlafen . Sie erhob sich und fühlte ihre Kraft und fühlte , daß sie des Lebens froh war . Sie ordnete ihre Wohnung und wirbelte all den Staub auf , den sie in den letzten Tagen hatte liegen lassen . Dann setzte sie sich an ihren Arbeitstisch und öffnete die angesammelte Post . Sie beschloß , Lore noch für den heutigen Tag zu sich zu rufen . Auch erinnerte sie sich , daß sie den Brief an Erika sofort schreiben müßte . Da klingelte es , es war der Telegraphenbote . Von Edda , dachte sie , und riß das Telegramm eilig auf . Sie erschrak , als sie das Bild der geschriebenen Worte erfaßt hatte , sie erschrak tief . Das Telegramm war von der alten Wirtschafterin des Vaters . Es meldete seine schwere Erkrankung und forderte sie auf , nach Hause zu kommen . Dorthin also sollte sie jetzt . Ihre erste Verwirrung klärte sich schnell . Sie erkannte , daß es notwendig war , daß sie zu dem Vater reiste , wenn er , schwerkrank , sie rief . Diese verlassene Heimat , dieser Greis , das war mit ihr verbunden , das ging sie an . Alles in ihr drängte zu schneller Erfüllung ihrer Pflicht . Ihr bangte vor Taten oder Unterlassungen , die die Reue mit sich führten . Sie begann sofort , zu packen . Einen Augenblick dachte sie daran , ihr ganzes Arbeitsmaterial mitzunehmen , gab aber diesen Gedanken schnell auf und beschloß , für die Zeit ihrer Abwesenheit die Redaktion ihrer Zeitung in Lores Hände zu legen . Nachdem sie eingepackt hatte , fuhr sie zu Stanislaus , um ihm die neue , trübe Nachricht zu bringen und das Nötige mit ihm zu besprechen . Zu eben dieser Zeit , da Olga daran dachte , sich nach Erika umzusehen , suchten auch die Gedanken Erikas wieder den Weg zu ihr . Es waren keine besonderen Gründe , die Menschen , die einander nahegekommen waren , hier wochenlang trennten , - es war Berlin . Wer in dieser riesigen Maschinerie seinen Platz hatte , mit dem machte der Apparat seine Bewegungen , und in seinen weitausgreifenden Umdrehungen enfernten sich jene Teile , die sich eben noch berührt hatten , nicht selten weit voneinander . In Berlin hatte jeder einen ausgefüllten Tag , selbst Müssiggängern wäre hier die Zeit nicht immer reichlich geworden . Dazu taten schon die großen Entfernungen das Ihre . Wer nun aber hier einem Erwerb nachging , wer irgendwie in der Kette eingeschaltet war , der konnte nur nach genauer Berechnung zu Begegnungen gelangen . Erika saß fest in dem Räderwerk , und ihre Tage vergingen wie Umdrehungen , von denen eine der anderen gleicht , - » Mahle , Mühle , mahle . « Aber während sie mit der äußersten Schicht ihres Wesens das Gewinde , dessen Bedienung ihr zufiel , um Brot zu erlangen , regelmäßig und sorgfältig abhaspelte , wuchs in ihrem Innern alles weiter , was sie dahin verpflanzt hatte . Hier war üppiger Boden für wilde Schößlinge , die wurzellos aufsproßten , keimlos und unfruchtbar , groteskes , gezacktes Gewächse , jenen Kakteen zu vergleichen , die nur mit dem Blattstiel in der Erde stecken und blinde Triebe hervorbringen und wuchernde Säfte . Sie plante Veränderungen ; in ihrer neuen Stellung fand sie keine Ruhe . Sie hörte auch nicht auf , die Annoncen in den Zeitungen zu verfolgen und schrieb ihr regelmäßiges Quantum von Offerten . Schon war sie auf dem Sprunge , mit einem Ingenieur , der eine » Hausdame « suchte , in die Tropen zu gehen , wo er ein Flußgebiet regulieren und Brücken bauen sollte . Erika verfolgte solche Möglichkeiten fast bis zum letzten Abschluß , um sich dann , scheinbar ganz plötzlich , zu besinnen , daß sie hier ihre » Hoffnung « festhielt , daß hier ihr » Glück « wohnte . - - - Mit einem Teil ihres Wesens wagte sie die verschiedensten Versuche , Betäubung zu finden , wenn sich der Hunger meldete , der echteste Hunger , der nicht zu verleugnende , - der Hunger des jungen Weibes . Dann folgte sie diesem Betäubungstrieb mit demselben automatischen Eifer , mit dem sie ihre Offerten schrieb und auf ewiger Stellensuche war . Sie machte Sonntags einsame Ausflüge in die Umgebung Berlins , kehrte dann nicht selten in irgendeinem ländlichen Wirtshaus ein , aus dem Musik herausklang , und saß da , ein weiblicher Sonderling , trank ein Gläschen Bier und mengte sich schließlich unter die Tanzenden . In ihrem Lodenrock und ihrer leinenen Hemdbluse , das Jägerhütchen auf dem Kopf , so drehte sie sich unter den Bauern . Sie tanzte mit allen Burschen , die sie neugierig aufforderten , und bemühte sich , an jedem etwas Besonderes zu sehen . Sie vergaß aber nie , wann der letzte Zug oder das letzte Schiff ging , die sie wieder nach Berlin zurückbrachten und enteilte , geheimnisvoll , wie Aschenbrödel . Dann gab es Sonntage , wo sie keine Ausflüge machte ; sie hatte noch eine andere Zufluchtsstätte in letzter Zeit gefunden . Sie ging zu den Versammlungen der Heilsarmee . Ernsthaft hörte sie dem Vortrag zu . Und mit einer Inbrunst , die sich von der ihrer Umgebung wenig unterschied , sang sie im Chorus mit : » Und nach vollbrachtem Kampfe Tragen wir die Kron ' Im neuen Je-ru-sa-lem . Mit unserem treuen Jesus , Mit unserem Gottessohn Im neuen Je-ru-sa-lem . « Und sie hatte sich sogar eine Brosche mit dem Bildnis des himmlischen Bräutigams angeschafft . - - - Aber diese Mittel versagten . Die Stunden , wo die bleiche Verzweiflung sie umklammerte , wurden immer häufiger . » Ich bin krank , « dachte sie dann , » ich muß zum Arzte gehen . « Eines Tages führte sie diesen Vorsatz aus . Sie hatte manches von einem besondern Verfahren gelesen , durch welches kranke Seelen geheilt , wankende ins Gleichgewicht gebracht werden sollten . Und es war eine Art von Neugierde , die sie immer heftiger trieb , sich diesem psycho-analytischen Verfahren zu unterwerfen . Wenn es wirklich wahr war , daß Unbewußtes , Unterbewußtes auf diese Art ans Licht gehoben würde , dann würde sie ja erfahren , was auf dem tiefen , dunklen Grunde lag , dessen Strömungen sie trieben . - Sie ging zu einem berühmten Psychiater . Durch eine lange Flucht von Räumen , die in ihrer ausstellungsmäßigen Eleganz einen fast unbewohnten Eindruck machten , wurde sie von einem ältlichen , hageren Fräulein in schwarzseidenem Kleid bis an die Tür des Ordinationszimmers geführt . » Herein « , rief eine scharfe , helle Männerstimme auf ihr zaghaftes Klopfen . Der Doktor saß an seinem Schreibtisch . Er funkelte sie mit seinen bebrillten Augen an und strich ein paarmal , mit gefälteter Stirn durch den grauen Knebelbart , ehe er sie Platz nehmen hieß . Dann machte er eine ermutigende Handbewegung und forderte sie auf , alles zu erzählen , was sie auf der Seele habe . Eine Erleichterung kam über sie , daß sie endlich einmal wieder sprechen durfte . Sie mischte mit einem beinahe freudigen Gefühl die mannigfaltigen Farben , die sie für ihr Gemälde auf der Palette hatte . Der Doktor hörte genau zu . » Sie haben , « - sagte er , als sie mit hastigen , beteuernden Worten geendet hatte , - » Sie haben - peinliche , geschlechtliche Erlebnisse verdrängt , ohne sie restlos bewältigt zu haben . « Er machte eine Pause . Sie hing atemlos an seinem Mund . » Sie haben sozusagen - die inneren Augen über diesen Erlebnissen zugedrückt , - nicht wahr ? « Sie senkte den Kopf . » Es gilt , - Ihnen die Augen zu öffnen , - und das verdrängte Erlebnis in seiner wahren Gestalt ans Bewußtsein zu rufen . Da Sie gewisse Eindrücke nicht auf gründliche Art abreagieren konnten , « fuhr er nun geläufig fort , - » setzten sich diese in Vorstellungen um , die der Wirklichkeit nicht entsprachen . « Er begann sie nach einer besonderen Technik auszufragen , über wichtige und unwichtige Ereignisse , kreuz und quer , er zog in seine Fragen die Träume mit hinein und notierte sorgfältig , was sie ihm berichtete . » Die Zwangsneurose , an der Sie leiden , hängt nicht selten auch mit Verlagerungen der geschlechtserregbaren Körperzonen zusammen « , sagte er , und untersuchte sie auch nach Art des Frauenarztes . » So weit ist alles in Ordnung , « konstatierte er , ich werde Sie also nur psycho-analytisch zu behandeln haben . Der Symptomkomplex ist deutlich ; aber die hysterische Affektpsychose ist heilbar . Er betonte das Wort . » Ich werde Ihnen ein paar Suggestionen geben . « Er ließ sie dann in einem tiefen Fauteuil Platz nehmen , umklammerte ihre Arme und drückte sie fest an die Lehne des Sessels . » Sie sind ganz ruhig , Sie werden müde werden , Sie werden schlafen wollen . « Dabei begann er mit leisen , weichen Griffen über ihre Stirn zu streichen . » Ihre Glieder werden schwer , - Sie sind müde , - Sie schlafen schon , - - Sie werden die Augen nicht wieder öffnen , bevor ich es nicht befehle . Sie werden gut aufhorchen jetzt ! « Seine Stimme stieg an , wurde noch heller und stärker . » Sie sind im Grunde ganz gesund , - Sie haben nur durch Verschweigung und durch Verheimlichung Ihrer Unlustgefühle in der Ehe sich in einen krankhaften Zustand gebracht , - verstehen Sie ? Ihre Psyche neigt zu Verheimlichungen vor sich selbst , zu Täuschungen , die Sie sich selbst vorspiegeln . « Gedämpfter , milder fuhr er fort : » Sie haben die Neigung , sich interessant zu machen , und es wird Ihnen immer schwer , objektiv die Wahrheit zu sagen , - aber Ihr Charakter , Ihre Intelligenz sind intakt , « er sprach wieder scharf und überzeugt , - » darum werden Sie den Wahn aufheben . « Und nun begann er , mit eindringlichen Worten , die ganze , aus der Luft gegriffene Phantasterei ihrer sogenannten großen Liebe ihr klar zu machen . Dann machte er eine lange Pause . » Schlafen , - schlafen Sie « , sagte er leise und strich unaufhörlich über ihre Stirn . Unendlich wohl taten ihr diese weichen Striche und diese Stimme , die erst so energisch hell gesprochen , und die sich dann in weichem Geflüster verlor ... » Sie sind jetzt wach , - obwohl Sie schlafen , Sie sind jetzt wahr , obwohl Sie schweigen « ; raunte die Stimme . » Die Lüge , an der Sie sich selbst berauscht haben , ist fort . - Sie wissen jetzt ganz gut , « die Stimme stieg an , wurde kräftig , befehlend , » daß Sie zu dem betreffenden Herrn in Wahrheit gar keine Beziehungen haben , - gar - keine - Beziehungen ! - Sie öffnen die Augen ! « Er strich ihr fest über die geschlossenen Lider , » Sie erwachen , - Sie stehen auf ! « Die Sitzung war beendet , der Arzt entließ sie . Sie sollte widerkommen , wenn sie ihn brauchte . Es war ihr leicht und frei zumute , als sie hinaustrat . - - - Dieses Gefühl der Leichtigkeit blieb ihr noch einige Tage . Sorgsam bewahrte sie alles im Gedächtnis , was der Arzt gesagt hatte . Es war also ein Wahn , ein Selbstbetrug , eine Phantasterei gewesen , das Ganze , das sagte sie sich nun stündlich vor . Aber während ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen betrachtete , wuchs aus jenem dunklen Grunde , mit dessen Strömungen sie verbunden war , ein Schwarzes und Namenloses . Die Kur war glänzend geglückt , der große Psychiater hatte den Wahn verdrängt , was zurückblieb , war - die Wahrheit . Und sie sah nun die Wahrheit . Sie sah , wo sie stand , sie sah die Sackgasse , in die ihr Leben eingelaufen war . Wie hohe , graue Mauern umstarrte sie die Hoffnungslosigkeit . Großer Gott , wohin war sie geraten ! Wo war ein Ausgang ? Nirgends , nirgends ; denn ein Zurück gab es nicht , auch graute ihr jetzt noch deutlicher wie bisher vor ihrer früheren Heimat , aus der sie entlaufen war . Warum , o Allmächtiger , hatte sie sich dort zugrunde richten lassen , warum mußte erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen , um sie von da herauszuführen , - als es viel zu spät war . Mit Schrecken und Grauen trat sie jetzt die täglichen Sklavendienste an , zu denen sie verurteilt war . An die Galeere geschmiedet , hoffnungslos , auf ewig . Es gab kein Wunderbares , an dessen Phantom sie sich , wie früher , bis zu wilden Rauschzuständen betäuben konnte . Es gab nichts als die Öde für sie , für immer und ewig . Ja , der Wahn war » verdrängt « , - sie sah klar . An einem schönen Sonntagnachmittag machte sie sich auf , Olga aufzusuchen . Es war ihre letzte Zuflucht . Sie fuhr aus dem Osten , der am Sonntag seine Stimme nicht hatte , die Stimme der Arbeit , aus diesem Osten , mit seinen grauen Proletarierhäusern , zwischen denen sie nun seit Monaten lebte , mit seinen Butterläden und Destillen , mit seinen breiten , staubigen Alleen , mit seinen Fabrikschloten und eisernen Krähnen fuhr sie hinüber , in das schönere Berlin . Als sie von der Höhe der Stadtbahn die grüne Quadriga des Brandenburger Tores und die goldleuchtende Statue der Göttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah , die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt , da schien es ihr , als käme sie aus einer Verbannung , ein fremder Gast . Es dämmerte schon , als sie am Bahnhof Tiergarten ausstieg . Sie wollte , nach langer Zeit , wieder einmal zu Fuß durch den Tiergarten gehen , bis hinüber zum Gartenufer . Sie dachte immer noch , Olga wohnte in der stillen Seitenstraße in der Nähe des Lützowplatzes . Es war ein klarer , milder Wintertag ohne Schnee , die Luft hatte etwas Erquickendes in ihrer reinen Frische . Sie kam zum Landwehrkanal , auf dem die kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf der Brücke stehen und sah in das Wasser , das unter der Freiarchenbrücke tobend aus der Schleuse strömt . Plötzlich dachte sie , daß alle Not ein Ende hätte , - wenn - wenn sie es nur wagte ; es brauchte ja nur einen einzigen , kleinen Schwung . Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort . Aber ihr Gehirn arbeitete weiter . - - Ich werde einen Zettel hinterlassen , wenn ich Olga nicht finde , und darauf werde ich schreiben : » Ich konnte nicht anders . « Sie wiederholt immerwährend diese pathetische Formel . » Ich konnte nicht anders , - ich konnte nicht anders , - wenn ich Olga nicht finde . - - - « Aber warum sollte sie sie denn nicht finden ? Da war sie schon in der Straße , in der sie wohnte . Das Treppenhaus war schon erleuchtet , aber die Fenster von Olgas Zimmer waren dunkel . » Finsternis « , dachte sie , und es wallte wieder schwarz in ihr auf , und ihr war , als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens . Aber hinauf , hinauf . Während sie dem Haustor zuschritt , folgte ihr jemand dicht auf den Fersen . Und diesmal war es keine Wahnvorstellung , sondern Wirklichkeit . Beim Haustor bemerkte sie ihn . Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf : » Er läßt mich beobachten . « Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit . Sie ging weiter , stieg langsam die Treppen hinauf . Der ihr auf den Fersen folgte , blieb unten im Hausflur stehen . Er war aus einer Nebenstraße auf den Lützowplatz getreten , als er auf dem breiten Weg , der quer über den Platz führt , Erika vor sich gehen sah . Er erkannte sie sogleich , nach der Schilderung , an ihrer Lodenjoppe , ihrem Jägerhütchen . Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch , es war etwas Hastendes und doch Tapferes darin . Da wandelte sie , - die Äffin halb , halb Heldin war , und hatte denselben Weg wie er . Koszinsky war von seiner Tournee zurückgekehrt , und diese Stunde führte ihn , wie Erika , zu Olga . So mußte er ihr auf dem Fuße folgen , bis sie in das Haustor eintrat ; unwillkürlich blieb er unten stehen ; er erwog , ob er hinaufgehen sollte , trotzdem jene da war . Da hörte er , wie sie oben läutete . Er hörte die Stimme der Wirtin , die ihr an der Tür mitteilte , daß Fräulein Diamant längst nicht mehr hier wohne ; und die die neue Adresse nannte , draußen im Vorort , in Friedenau . Und da kam sie auch schon über die Treppe zurück ; langsam und schwer ging sie ; im Schatten des Treppenhauses verborgen , sah er , im Licht der elektrischen Lampen , voll ihr Gesicht , und er erschrak über das , was darin eingezeichnet war . Sie trat aus dem Hause , und er folgte ihr . Folgte ihr