war auch dieser letzte Behälter geöffnet . Er hatte denselben Inhalt wie die andern vier . Da beugte sich Sebulon ganz so , wie sein Bruder es vorher , nur aus ganz anderem Grunde , gemacht hatte , tief nieder , legte sein Gesicht in beide Hände und begann zu weinen . Seine Brust arbeitete konvulsivisch . Wir Andern verhielten uns still . Nach einer Weile stand er mit einem plötzlichen Rucke auf , sah sich um , als ob er aus einem Traume erwache und rief in zornigem Tone : » Wie sagte ich ? Wie habe ich gesagt ? Er sei da , unser Vater , unser Vater ? Verrückter Kerl , der ich bin ! Von dem alten Lump ist längst keine Faser , kein Atom , kein Stäubchen mehr übrig ! Nur die Schande hat er uns gelassen , die Schande ! Und den Trieb zum Bösen hat er uns vererbt , den Drang zum Mord , zur Selbstvernichtung ! Das ist Alles , was wir ihm zu verdanken haben , Alles , Alles ! Und das will Vater gewesen sein und hat sich Vater genannt ! Pfui ! « Er spuckte dreimal aus und wendete sich von uns , sich zu entfernen . Aber schon nach wenigen Schritten blieb er stehen , drehte sich nach uns um und sagte : » Mrs. Burton , ich verzichte auf die Schreibereien . Ich mag sie nicht . Ich schenke sie Euch , hört Ihr es , Euch , nur Euch ! Mit einem jeden Andern würde ich um sie kämpfen , sogar mit Old Shatterhand . Euch aber will ich sie überlassen , ohne daß ich Etwas dafür verlange . Sie sind also Euer Eigentum . Macht damit , was Euch beliebt ! « Hierauf wendete er sich wieder von uns ab und schritt davon , in den Wald hinein , hinter dessen Bäumen er verschwand . » Törichter Mensch ! « sagte sein Bruder , der ihm , ebenso wie wir , nachgeschaut hatte . Weiter sagte er nichts . Das Herzle hatte nun eigentlich jetzt das Essen zu bereiten ; sie tat es aber nicht . Sie wollte zunächst wissen , was für ein Schatz es war , den wir da ausgegraben hatten . Ich bat vor allen Dingen Pappermann , noch einmal tiefer zu graben , der Ueberzeugung wegen , daß nicht etwa auch heut wieder Etwas liegen gelassen werde . Hariman Enters erbot sich sofort , ihm dabei zu helfen . Sie gingen noch volle zwei Fuß tiefer , fanden aber nichts und schütteten dann die Bodenöffnung vollständig wieder zu . Inzwischen untersuchte ich mit meiner Frau den Inhalt sämtlicher fünf Gefäße . Es waren lauter zusammengebundene Hefte , Manuskripte , geschrieben von Winnetous eigener , mir wohlbekannter Hand . Man kann sich wohl denken , welchen Eindruck diese kalligraphisch nicht schönen , aber außerordentlich charakteristischen Schriftzüge auf mich machten . Die Buchstaben hatten peinlich genau dieselbe Lage und Länge . Die Schrift war klar und harmonisch , wie die Seele dessen , von dessen Hand sie stammte . Er hatte eigentlich nicht geschrieben , sondern gezeichnet und gemalt . Kein einziger Fleck , keine Spur irgend einer Unsauberkeit war da zu sehen . So war er ja immer , und so war er in Allem gewesen ! Und das waren nicht etwa nur zwanzig , dreißig , fünfzig Seiten , sondern viele , viele hunderte ! Wo hatte er sie geschrieben ? Auf den Umschlägen einiger Hefte war es zu sehen . Da stand : » Geschrieben am Nugget-tsil « - - » Geschrieben am Grabe meines Vaters « - - » Geschrieben am Grabe Klekih-petra ' s « - - » Geschrieben in Old Shatterhands Wohnung am Rio Pecos « - - » Geschrieben bei Tatellah-Satah « - - » Geschrieben für meine roten Brüder « - - » Geschrieben für meine weißen Brüder « - - » Geschrieben für alle Menschen , die es gibt . « Viele der Hefte aber waren ohne solch eine Ueberschrift . Die Sprache war englisch . Wo ihr der richtige , individuelle Ausdruck fehlte , traten die bezeichnenderen indianischen Worte an ihre Stelle . Er hatte von mir so manchen deutschen Ausdruck gehört und im Gedächtnis festgehalten . Nun war es so rührend , zu sehen , wie sehr und wie gern er sich in diesen Blättern befleißigt hatte , an hierzu geeigneten Orten diese Ausdrücke in Anwendung zu bringen . Am Schlusse des letzten Heftes fand ich ein vollständiges Inhaltsverzeichnis und einen an mich gerichteten Brief . Das Inhaltsverzeichnis werde ich später veröffentlichen . Der Brief lautete folgendermaßen : » Mein lieber , lieber , guter Bruder ! Ich bete zum großen , allgütigen Manitou , daß Du kommst , um Dir diese Bücher zu holen . Und wenn Du sie beim ersten Male verfehlst , weil Du nicht tief genug gräbst , so ist es noch nicht an der Zeit , daß sie in Deine Hände kommen . Dann werde ich nicht eher aufhören im Gebete , bis Du endlich doch noch kommst und sie findest . Denn sie sind nur für Dich , für keinen Andern . Ich habe dieses mein Vermächtnis nicht bei Tatellah-Satah niedergelegt , weil er Dich nicht liebt . Aber auch hier sind seine Gründe edel , wie immer . Und ich habe es auch keinem Andern anvertraut , weil mein Vertrauen zum allmächtigen und allweisen Vater der Welten größer ist , als zu den Menschen . Ich grabe diese Bücher tief in die Erde , denn sie sind wichtig . Höher oben liegt ein zweites Testament , um dieses hier zu verbergen und zu beschützen . Ich werde Dir nur von diesem oberen sagen , damit das untere liegen bleibe , bis seine Zeit gekommen ist . Und ich habe Tatellah-Satah mitgeteilt , daß hier zwei Vermächtnisse für Dich liegen , damit sie , wenn Du ja nicht kommen solltest , trotzdem nicht verloren gehen . Und nun öffne mir Dein Herz und Deinen Geist , und vernimm , was ich , der Verstorbene und doch Lebende , Dir sage ! Ich bin Dein Bruder . Ich will es sein und bleiben . Auch dann , wenn die Trauerkunde durch die Stämme der Apatschen geht : Winnetou , unser Häuptling , ist tot ! Du hast mich gelehrt , daß der Tod die größte aller Erdenlügen sei . Ich möchte Dir beweisen , daß dieses köstliche Geschenk , welches Du mir brachtest , die Wahrheit enthält . Ich will , wenn man von mir sagt , daß ich gestorben sei , die Hände ebenso über Dich breiten , wie ich sie über Dich breitete , als ich noch lebte . Ich will Dich schützen , mein Freund , mein Bruder , mein lieber , lieber Bruder . Der große , gute Manitou führte uns zusammen . Wir sind nicht Zwei , sondern Einer . Wir werden es bleiben . Es gibt keine Macht auf Erden , die stark genug ist , dies zu verhindern . Auch das Grab gähnt nicht zwischen uns . Ich werde seine Tiefe überspringen , indem ich in diesem meinem Vermächtnisse zu Dir komme und für immer bei Dir bleibe . Du bist , seit ich Dich kenne , mein Schutzengel gewesen , und ich war in gleicher Weise der Deine . Du standest mir höher , als jeder Andere , den ich liebte . Ich eiferte Dir nach in allen Dingen . Du gabst mir viel . Du brachtest mir Schätze für Geist und Seele , und ich versuchte , sie festzuhalten und mir anzueignen . Ich bin Dein Schuldner ; aber ich bin es gern , denn diese Schuld ist nicht drückend , sondern erhebend . Konnten die Bleichgesichter nicht alle so zu uns kommen , wie Du , der Einzelne , zu mir , dem Einzelnen , kamst ? Ich sage Dir , alle , alle meine roten Brüder wären ebenso gern ihre Schuldner geworden , wie ich der Deine geworden bin ! Der Dank der roten Rasse wäre ebenso groß und ebenso aufrichtig gewesen wie der Dank Deines Winnetou für Dich . Und wo Millionen danken , da wird die Erde zum Himmel . Aber Du hast noch mehr getan , unendlich mehr als das ! Du hast Dich nicht nur Deines roten Freundes , sondern auch seiner ganzen verachteten , verfolgten Rasse angenommen , obgleich Du ebenso wußtest und weißt wie ich , daß die Zeit kommen wird , in der man Dich dafür ebenso verachtet und verfolgt wie sie . Doch zage nicht , mein Freund ; ich werde bei Dir sein ! Was man Dir , dem Lebenden , nicht glaubt , das wird man mir , dem Verstorbenen , glauben müssen . Und wenn man das , was Du schreibst , nicht begreifen will , so gib ihnen das zu lesen , was ich geschrieben habe . Ich bin überzeugt , es war gewiß die kühnste , aber wohl auch die beste Tat Deines Winnetou , daß er in stillen , heiligen Stunden das Gewehr zur Seite legte , und für Dich zur Feder griff . Sie ist mir schwer geworden , diese Tat , sehr schwer , dieser Feder wegen , die sich sträubte , mir , der Rothaut , zu gehorchen . Und doch auch leicht , so leicht , des Herzens wegen , dessen Stimme aus jeder Zeile spricht , die ich dem Volk der Menschen hinterlasse . So wird Dein Winnetou auch noch im Tod an Deiner Seite stehen , denn meine Liebe lebt . So wird er für Dich kämpfen , indem er für sich selbst und seine Rasse kämpft . So hab ich mich zu Deinem Schutz zu Dir emporgehoben und bitte Dich , vergönne mir den Platz ! Dann wird auch ebenso mein Volk sich zu dem Deinigen erheben , und alle Leiden meiner Nation sind ausgelöscht , wenn nicht aus der Geschichte , so doch vor Manitou , der gütig richtet , wenn er kann und darf . Du weißt , ich bin bei Dir , wenn Deine Augen diese Zeilen lesen , doch nicht als Geist , als irre Spiritistenseele , sondern als mein treuer , warmer Puls , der fortan mit dem Deinigen vereint in Deinem Herzen schlägt . Könnte dieser Puls der Puls der ganzen Menschheit sein ! Bin ich ein Tor , indem ich dieses schreibe ? Ich grüße Dich ! Was Du von mir noch Alles hören möchtest , wirst Du in diesen Blättern finden . Ich brachte sie zum Nugget-tsil . Die Grube ist geöffnet , sie für Dich aufzunehmen . Bin ganz allein ! Wie habe ich Dich geliebt ! Wie liebe ich Dich noch ! Du warst mir Geist und Seele , Herz und Wille . Was ich Dir bin , das wurde ich durch Dich . Es gibt so Viele , so ungezählte Viele , die ganz dasselbe werden möchten , für Euch - - für Euch - - - für Euch ! Dein Winnetou . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Herzle saß eng neben mir . Ich hatte ihr mit halblauter Stimme vorgelesen . Als ich nun fertig war , sagte sie nichts . Sie schlang ihre Arme um mich , lehnte ihren Kopf an meine Schulter und weinte . Auch ich war still . So saßen wir lange Zeit . Dann packten wir die Manuskripthefte in die Tongefäße und trugen sie in das Zelt , um sie dort aufzubewahren . Den Brief aber behielt ich zurück . » Wirst du ihn dem jungen Adler zeigen ? « fragte sie mich . Ich hatte soeben denselben Gedanken gehabt . Wieder einer jener häufigen , alltäglichen Fälle , daß sie in ganz demselben Augenblick auch ganz dasselbe denkt wie ich . » Ja , er soll ihn lesen , und zwar sogleich , « antwortete ich . Wir gingen zu ihm hin . Es schien , als habe er sich gar nicht um uns bekümmert . Aber als ich ihm den Brief mit einigen erklärenden Worten zum Lesen überreichte , ging es wie heller Sonnenschein über sein Gesicht . Er sprang schnell auf , griff nach dem Brief und sagte : » Ich danke Euch , Mr. Burton ! Glaubt mir , ich weiß ganz genau , was es heißt , einen solchen Brief aus solcher Hand zu bekommen ! « » Ich zeige ihn Euch nicht ohne egoistische Absicht , « erwiderte ich . » Ich stelle dieses Vermächtnis meines Winnetou unter Euern besondern Schutz . Ich kann nicht stets in der Nähe des Zeltes sein und bitte um Eure Wachsamkeit , so oft ich gezwungen bin , mich zu entfernen . Zum Beispiel gleich jetzt . Ich gehe nämlich , um nach Sebulon Enters zu sehen . « » Und ich habe inzwischen für des Leibes Nahrung zu sorgen , « erklärte das Herzle . » Ich mache wahr , was du ihm und seinem Bruder versprochen hast - - nämlich die Bärentatzen . Ich hoffe , daß mir das mit Pappermanns Hilfe gelingen wird . « Der Gedanke , nach Sebulon auszuschauen , war mir nicht nur wegen meiner eigenen Sicherheit gekommen . Noch viel mehr als das drängte mich das Mitleid , ihn jetzt nicht für längere Zeit aus den Augen zu lassen . Es galt , auch ihn zu retten , nachdem sein Bruder so ziemlich als gerettet gelten konnte . Ich ging ihm nach , indem ich seinen Spuren folgte . Sie führten in die Tiefe des Waldes , nicht in gerader Linie , wie die Stapfen eines Menschen , welcher weiß , wohin er will , sondern bald nach rechts und bald nach links , bald vorwärts und bald wieder zurück , als ob er in der Irre sei und nicht wisse , wo aus oder ein . Zuweilen war er stehen geblieben , aber nicht an einer und derselben Stelle , sondern sich nach allen Seiten drehend und wendend , als ob er rundum von unsichtbaren Wesen bedroht worden sei , gegen die er sich hatte wehren müssen . Das waren seine Gedanken . Durch diese Beobachtungen aufgehalten , kam ich nur langsam vorwärts . Endlich aber hörte ich ihn , noch ehe ich ihn erblickte . Er sprach laut , sehr laut . Ich folgte der Richtung , die mir der Schall verriet . Er stand unter einer hohen Buche , an ihren Stamm gelehnt . Es gab in der Nähe ein dichtes Unterholz , hinter dem ich Deckung fand . Er sprach , als ob er greifbare Gestalten vor sich habe . Er gestikulierte ; er nickte ihnen zu . Ich hörte Folgendes : » Ihr Alle seid schon tot , ihr Alle ! Nur wir Zwei sind noch übrig ! Müssen auch wir noch fort ? Hariman will sterben ; ich aber will leben . Ich will den Willen des Vaters tun , damit er nicht auch noch mich , den Letzten , ermordet ! Ich will ihm diesen Old Shatterhand an das Messer liefern , ich will , ich will ! Ich will diesen seinen größten Feind vernichten und verderben , damit ich selbst am Leben bleibe . Aber kann ich - - kann ich - - - kann ich - - - ? « Er bewegte bei dieser dreimaligen Frage den Kopf so , als ob er einen Halbkreis von Zuhörern vor sich habe . Er lauschte , als ob ihm von dorther geantwortet werde . Dann fuhr er fort : » Diese Frau , diese Frau ist schuld ! Diese Frau mit den blauen Augen und mit der Herzensgüte im Gesicht ! Die stellt sich mir in den Weg ! « Er legte die beiden hohlen Hände wie ein Schallrohr an den Mund und erklärte geheimnisvoll : » Das sind die blauen Augen unserer Mutter . Diese lieben , guten , blauen Augen , die so unzählbar oft weinten , bis sie vor Herzeleid brachen und sich schlossen ! Habt ihr diese Aehnlichkeit auch bemerkt ? Und das ist das Wohlwollen und die Güte unserer Mutter , genau , genau ! Wie das lächelt ! Wie das bittet ! Wie das verzeiht ! - - Sollen diese Augen sich in Tränen ergießen , meinetwegen ? Soll so viel Güte vernichtet werden ? In Haß , in Rache verwandelt ? Kann ich das ? Darf ich das ? Eines Schurken wegen ? Eines Schurken - Schurken - Schurken ? ! « Er neigte den Kopf zur Seite , als ob er auf Etwas lausche , was ihm zugerufen wurde , machte dann eine Bewegung zornigen Widerspruches und antwortete : » Nein ! Er hat mich betrogen , der Alte ! Betrogen , betrogen , betrogen ! Es war kein Gold ; es waren nur Blätter , nur Blätter ! Will er mich mit Kiktahan Schonka etwa ähnlich betrügen ? Er hat , als er lebte , alle Welt betrogen . Nun er tot ist , kann er nur uns noch betrügen . Aber betrogen muß sein , betrogen , betrogen ! Soll ich mir das gefallen lassen ? Wahrlich , ich habe große Lust , ihm das zurückzugeben , ihn so zu betrügen , wie er mich betrügt , ihn mit diesem Old Shatterhand zu betrügen ! Vielleicht tue ich es , vielleicht . Sogar wahrscheinlich ! Dieser blauen Augen wegen ! Und dieses lieben , gütigen Gesichtes wegen ! Ich will einmal - - « Er hielt in seiner Rede inne . Er wurde unterbrochen . Sein Bruder erschien jenseits der Buche und rief , indem er sich ihm näherte : » Still , still , Unvorsichtiger ! Dein einsames Schreien und Brüllen wird uns noch Beide verderben ! « » Sie waren alle da , alle ! « entschuldigte sich Hariman . » Unsinn ! Niemand ist da , Niemand ! Aber Einer kann kommen , jeden Augenblick . Und wenn der hört , was du da den Bäumen erzählst , ist Alles entdeckt , was du doch sonst so sorgsam verschweigst ! « » Wen meinst du ? « » Old Shatterhand . Er ging in den Wald , und zwar genau in der Richtung , in welcher du verschwandest . Ich kenne den Dämon , der dich zwingt , so laute Reden zu halten . Darum bin ich schnell hinter dir her , um dich zu warnen . Aber ich wußte nicht , wo du warst . Es dauerte lange , bis ich dich fand . Endlich hörte ich dich schreien . « » So ist dieses Schreien doch zu Etwas gut gewesen . Du hättest mich sonst nicht gefunden ! « » Rede doch nicht so lächerlich , sondern komm ! Man wird in kurzer Zeit zum Essen rufen . « » Ah ! Die Bärentatzen ? « » Ja . Bin neugierig , ob sie ihr gelingen . Sie hat noch niemals welche gebraten . « » O , die bringt Alles fertig , Alles , sogar Bärentatzen ! Und wenn sie ihr nicht gelängen , so äße man sie doch , und sie würden schmecken , sage ich dir , schmecken . Also komm ! « Sie gingen miteinander fort . Ich beeilte mich , ihnen unbemerkt vorauszukommen , und das gelang . Als sie den Lagerplatz erreichten , saß ich dort schon an der Seite des » jungen Adlers « , und es schien , als sei ich nicht erst vor wenigen Augenblicken , sondern schon vor längerer Zeit zurückgekehrt . Für Leser , welche gern Alles wissen , auch so nebensächliche Dinge , erkläre ich hierdurch mit größter Feierlichkeit , daß die Zensur , die ich den Bärentatzen gab , auf IIa lautete . Das Herzle ist zwar meine Frau , und ich wäre also wohl verpflichtet gewesen , ihr eine » I mit Stern « zu verleihen ; aber das wäre geschmeichelt und also unwahr gewesen , und hierzu gebe ich mich sogar in Küchenangelegenheiten nicht her . Hätte Klärchen die Tatzen trotz der lebhaften Mithilfe Pappermanns verdorben gehabt , so wäre es mir überhaupt nicht eingefallen , ihr eine Zensur zu erteilen , denn nach Paragraph 51 der » Strafprozeßordnung für das Deutsche Reich vom 1. Februar 1877 « habe ich in allen derartig heiklen Fällen als Ehemann das Recht , meine Aussage zu verweigern . Aber die Leistung war keine schlechte . Sie stand vielmehr , besonders was die beigefügten Wacholderbeeren , die Pilze und den Beifuß betrifft , so hoch über dem Niveau der Gewöhnlichkeit , daß ich unbedingt zu einer I oder gar einer Ia gegriffen hätte , wenn die Tatzen noch zwei bis drei Tage älter gewesen wären . Der Grund lag also nicht am Herzle , sondern die Tatzen selbst waren schuld . Wenn ich hierdurch zu einer IIa gezwungen wurde , so fühle ich mich stark verpflichtet , der Wahrheit gemäß hinzuzufügen , daß sich die II nur auf den Bär , das a aber nur auf meine Frau bezieht . Nach dem Essen unternahmen wir Beide , nämlich sie und ich , einen Ritt nach dem schon erwähnten Aussichtsbaum auf der Bergeshöhe . Es kam mir darauf an , eine weite Umschau zu halten . Die Squaws der Sioux hatten nach dem Nugget-tsil gewollt . Sie hätten schon lange vor uns hier eintreffen müssen , und doch war keine Spur von ihnen zu entdecken . Wir hatten überhaupt weder die Fährte noch den Stapfen eines einzigen Menschen zu sehen bekommen . Darum ritt ich jetzt nach der dominierenden Kuppe , um von dort aus Umschau zu halten . Als wir da oben ankamen , gab es eine schöne , reine , klare , den Blick weithin tragende Luft . Ich stieg auf den Baum , so hoch mich seine Zweige trugen . Die Bergesgruppe des Nugget-tsil lag unter mir . Sie war bewaldet . Jenseits dieser Waldregion breitete sich die von mir schon früher geschilderte , spärlich bewachsene Prairie . Ich konnte sie sehen , und noch weit in sie hinein , rundum . Aber es war kein Mensch zu entdecken , auch kein Tier . Ich hatte mein Fernglas mitgenommen . Ich suchte mit ihm die ganze Gegend ab . Keine Spur eines lebenden Wesens . Wir konnten sicher sein , heut nicht gestört zu werden . Wir ritten also wieder nach unserem Lager hinab und kamen dort an , als es zu dunkeln begann . Pappermann hatte für trockenes Feuermaterial gesorgt , welches für die ganze Nacht reichte . Er lag vor dem Zelteingange wie ein treuer Hund , der sich verpflichtet fühlt , ihn zu bewachen . Der » junge Adler « saß in seiner Nähe . Die beiden Enters hockten am Feuer und brieten ihren Hasen . Sie teilten davon später auch an uns aus , und wir weigerten uns nicht , kameradschaftlich mitzuessen . Sie kamen uns verändert vor . Sie erschienen uns unbefangener als sonst . Sie nahmen an unserm Gespräche bescheiden , aber doch in einer Weise teil , als ob gar nichts zwischen uns und ihnen liege . Wie kam das ? Hatten sie jetzt ein besseres Gewissen als früher ? Oder richtiger , waren ihre Absichten jetzt weniger feindlich als vorher ? Wahrscheinlich ! Sogar auch in Beziehung auf Sebulon , der sich so ruhig und vernünftig benahm , als ob die heutige Schatzgräberszene vollständig aus seinem Gedächtnisse verschwunden sei . Es lag im heutigen Milieu , daß wir ausschließlich von Winnetou und seinen Apatschen sprachen . Ich erzählte einige sehr bezeichnende Episoden , die ich mit ihm erlebt hatte ; Pappermann berichtete über die Art und Weise , in welcher er ihn kennen gelernt hatte , und der » junge Adler « schilderte in verschiedenen Charakterzügen den tiefen Einfluß , den der Verstorbene auch noch nach seinem Tode auf die Indianer , besonders aber auf die Apatschen und die ihnen verwandten Völkerschaften äußerte . Die beiden Enters hörten nur zu . Sie sprachen nicht , kein Wort , aber man sah ihnen an , wie ganz und gar sie bei der Sache waren . Das freute mich . Sie hatten wahrscheinlich von Seiten ihres Vaters und seiner Genossen so viel Feindseliges über mich und Winnetou gehört , daß es ihnen gar nichts schaden konnte , jetzt einmal etwas Besseres und Richtigeres zu erfahren . Der » junge Adler « fühlte in seiner Feinsinnigkeit , welche stillen Absichten ich während dieses Gespräches mit dem Brüderpaar verfolgte , und er ging auf diese Absichten ein , indem er mich in dem Bestreben , ihren Haß in Achtung umzuwandeln , unterstützte . Das Abendessen brachte hierin eine nur kurze Unterbrechung Als es vorüber war , griff Pappermann nach einer der Zigarren , von denen er sich aus Trinidad einen Vorrat mitgenommen hatte . Die beiden Enters zogen , dies sehend , ihre kurzen Pfeifen und die Tabaksbeutel aus den Taschen . Sie schauten fragend zu dem Herzle herüber und bekamen die gewünschte Erlaubnis bereitwillig zugenickt . Der » junge Adler « rauchte nicht . Er behauptete , nur bei Beratungen zu rauchen , und zwar nur aus dem Kalumet , sonst nicht . Was mich betrifft , so weiß man , daß ich sehr , sehr stark rauchte . Ich gestehe sogar ein , daß ich der stärkste von allen Rauchern war , die ich kennen gelernt habe . Jetzt bin ich es nicht mehr . Es sind nun fünf Jahre her , da bat mich das Herzle , nicht mehr so viel zu rauchen . Sie meinte , ich habe meinen Lesern noch außerordentlich viel zu sagen und müsse also trachten , so lange wie möglich zu leben . Da legte ich die Zigarre , die ich im Munde hatte , weg und sagte : » Das ist die letzte gewesen im Leben ; ich rauche nie wieder ! « Warum hätte ich meiner Frau nicht gehorchen sollen ? Sie hatte doch Recht ! So stand ich also nun auf demselben Punkte wie der » junge Adler « : Höchstens nur noch bei indianischen Beratungen zu rauchen , und zwar aus dem Kalumet , sonst nie ! Trotzdem fällt es mir nicht ein , die anregende Wirkung einer guten , verständig genossenen Zigarre oder Pfeife zu leugnen , und ebensogut ist mir sehr wohl bekannt , daß unsere alltägliche Phantasie am liebsten und wohl auch am bequemsten auf Tabakswölkchen aus der Tiefe in die Höhe steigt . Das Gedächtnis scheint geöffnet und die Seele zur Mitteilung bereitwilliger zu werden . Das beobachtete ich jetzt auch am » jungen Adler « . Er rauchte zwar nicht selbst , aber seine Hand spielte mit den Ringeln und Ringen , die der neben ihm sitzende Pappermann seinen Lippen entgleiten ließ . Er sog den Duft von dessen Zigarre mit Behagen ein und schien hierdurch eine ganz andere Gedankenrichtung und Ausdrucksweise zu bekommen . Es ist gewiß mehr als sonderbar , daß der freie Indianer niemals zum Gewohnheitsraucher wird und doch , oder vielleicht grad deshalb den besseren und feineren Wirkungen des Nikotin zugänglich ist . Er raucht nur in besonders wichtigen und heiligen Augenblicken . Der » junge Adler « besaß ein reiches Innenleben ; aber er war schweigsam . Heut trat er zum ersten Male , seit ich ihn kannte , ein wenig aus sich heraus , aber auch nur vorsichtig , und so nach und nach . Von sich selbst sprach er nicht , sondern ausschließlich nur von Winnetou , und ich hatte das Gefühl , daß es der Einfluß des narkotischen Duftes war , der ihm die Lippen öffnete . Das Herzle benutzte diese Gelegenheit zu einer Frage , deren Beantwortung ihr schon seit unserem kurzen Aufenthalt am Kanubisee auf dem Herzen lag . Der junge Apatsche hatte soeben von dieser unserer Begegnung mit der schönen Aschta gesprochen , da fragte meine Frau : » Ich sah den Stern auf ihrem Gewande , und ich sehe ihn auch hier bei Euch . Was ist es mit diesem Stern ? Und was ist es mit Winnetou und Winnetah ? Oder dürft Ihr es nicht sagen ? Ist es ein Geheimnis ? « Er schloß für kurze Zeit die Augen . Dann öffnete er sie wieder und antwortete : » Es ist kein Geheimnis . Jedermann darf es hören . Ja , wir wünschen sogar , daß alle Welt es erfahre und dasselbe tue wie wir . Aber soll ich grad hier davon sprechen und grad jetzt ? « Während dieser Worte berührte sein Blick die beiden Enters . Ich verstand ihn und erwiderte : » Warum nicht ? Es gibt kein Hindernis . « » So sei es ! « Er schloß die Augen wieder und dachte nach . Dann begann er : » Ich wollte , ich dürfte in der Sprache der Apatschen zu euch reden ; denn diese Sprache bildet das Gewand , in welchem das , wovon ich spreche , mir in das Herz gestiegen ist . Die Sprache der Bleichgesichter wirft häßliche Falten um diese Gestalten meines Innern . « Er hatte die Augen noch geschlossen gehalten . Jetzt schlug er sie auf und fuhr fort : » Es gibt in weiter , weiter Ferne von hier ein Land mit dem Namen Dschinnistan . Nur uns , den roten Männern , ist es bekannt , den Weißen aber nicht . « Man kann sich meine Ueberraschung denken , als ich diesen Namen und diese Worte aus diesem Munde hörte . Dem Herzle ging es ebenso . Sie griff rasch nach meiner Hand , als ob sie eine Stütze brauche , um nicht schnell mit der Mitteilung herauszuplatzen , daß er sich über unsere Unwissenheit in hohem Grade irre . » Dschinnistan ? « fragte ich . » Ist dieses Wort