Schwerte zerschneide ich die bemalte Leinewand , hole aus der Gruft die Leiter und lasse sie durch die gewonnene Öffnung hinunter . Drauf steige ich ins Kirchenschiff , gefolgt von Thekla . Den Säbel in der Rechten , in der Linken das Pistol schußfertig , nehmen wir den Weg nach der Pforte . Welch gräßlicher Anblick ! Durch die ganze Kirche verstreut , besonders am Altare , liegen die blutigen Opfer der Mordknechte . Hin und wieder zuckt noch ein Glied ; Stöhnen und Röcheln . Auf der Kanzeltreppe sitzt ein bejahrter Mann , reglos , verzerrten Angesichts . Sein Daumen ist in ein Pistol an Stelle des Feuersteins festgeschraubt . Daneben ein Kind mit zerschmettertem Schädel . Mitten in der Kirche haben die Bestien zur Bluthochzeit gesoffen und geschmauset . Roter Wein ist aus einem Fasse gelaufen und mengt sich mit vergossenem Blute . Und dorten am Taufbecken - was ist das ? Nackte Körper , zwei junge Weibsbilder , gänzlich entblößet , haben Kopf und Oberkörper im Taufwasser , solchergestalt ersäufet , indes die Beine heraushängen . Ein ander Weibsbild lieget am Boden , die Arme gefesselt , hat schändliche Gewalt leiden müssen ; reget sich nicht mehr . Und neben dieser Leiche hockt ein lebendiger Plünderer . Seine Augen glotzen aus gerötetem Gesichte . Toll und voll gröhlet er : » Zur Hochzeit immer feste Blutwurst und Branntewein . Dann komm du mir ins Neste , Mein glattes Vögelein . « Wie wir zur offenen Kirchenpforte kommen , schlägt uns sengendheißer Odem entgegen , ein einzig Meer von Flammen ist der Himmel ; rings brennen alle Häuser , es rauscht und heult wie ein Orkan , prasselt und kracht von stürzenden Balken und Ziegeln . Unmöglich , diese Glut zu bestehen . Zurück also , wieder zurück in die Kirche . Aber seltsam ! Von hehrem Orgelklang erbrauset auf einmal das Gewölbe . Spielt uns der Todesengel den Sterbechoral ? Oder ist das ein Mensch ? Der Organist ? Die Treppe zum Chore eilen wir hinan . Da sitzt vor der Orgel ein Mann mit weißen Locken , Wie ich ihm die Hand auf die Schulter lege , starrt er uns als ein Träumender an und spielt weiter . » Kommet mit uns ! « rufe ich ihm zu . » Auf ! Rettung bringen wir , so Gott will . Wir sind Magdeburgische ! Die Kirche hat einen unterirdischen Gang ! Da hinein wollen wir uns flüchten ! Auf ! « Der Organist schüttelt lächelnd das greise Haupt . Dann hebt er mit klarer Stimme zur Orgel zu singen an : » Ob Sodom und Gomorrha brennt , Mein Herz bleibt ohne Zagen ! Denn zu Jehovahs Firmament Holt mich sein Feuerwagen . « Mit großen Augen , die Lippen schmerzlich zusammengepreßt , starrt Thekla diesen Frommen an , dessen Seele , erhaben ob aller Leibesgefahr , im ewigen Frieden schwebet . Derweilen nun die Orgel zum Gesange aufspielet , sind auf einmal etliche Orgeltöne zu einem heisern Stöhnen worden , und am Knistern und Qualmen wird vollends offenbar , daß die langen Orgelpfeifen von der Feuersbrunst angesteckt sind . Da packe ich den Organisten und will ihn fortreißen . Doch er sträubt sich mit vorwurfsvollem Blicke und abwehrenden Händen und ruft : » Hie will ich ausharren , bis mein treuer Gott mich heimholet . « Thekla , Tränen im Auge , löset meine Hand vom Arm des greisen Mannes : » So laß ihn doch ! Wozu sollen wir ihn aus seinen Himmeln reißen ? Und was vermagst du ihm zu bieten ? Ist uns denn selber Rettung des Leibes gewiß ? « Seufzend nicke ich der Jungfer zu , und nun flüchten wir , sintemalen die auflodernde Flamme sengende Glut verbreitet . Am Fuße der Chortreppe verweilen wir noch ein kleines und horchen mit Staunen auf den Gesang , der wiederum anhebet : » Denn zu Jehovas Firmament Holt mich sein Feuerwagen . Zween Cherubim sind fürgespannt , Gelenket von Elias ' Hand . Mein Christ mit seinen Frommen Winkt droben mir Willkommen . « Inzwischen sind die Orgeltöne immer mehr entartet , und während ich , von herabfallenden Feuerbrocken vertrieben , meine Braut an der Hand , weiterhaste , den unterirdischen Schlupfwinkel zu erreichen , hören wir die seltsamliche Weise , so das wilde Feuer auf den Orgelpfeifen aufspielet - ein Rauschen und Kreischen , Kichern und Quieken . Also schaurig griff diese Verwandlung uns aus Herze , als sei das Instrumentum der frommen Harmonie von höllischen Dämonen besessen und zerstöre sich selbst in heulender Tollheit . Der Organist mußte allbereits emporgefahren sein zu seinem Gotte . In prasselnden Flammen stund der Dachstuhl , glühende Sparren fielen , Rauch und Schmauch erfüllete die Kirche . Kaum waren wir mittels der Leiter wieder in die Gruft gelangt und hatten die Falltür hinter uns zugeklappt , so trieb uns brennender Durst , vom Weine aus der Kanne zu trinken und vom kirchlichen Gebäck zu essen . Thekla nahm eine Oblate zwischen ihre feinen Finger und betrachtete sie mit zärtlicher Träumerei : » Wie seltsam , lieber Johannes ! Von dieser heiligen Speise haben wir vor zween Tagen in der Kirche droben am Altare genossen , einander gelobend , im Himmelreich Braut und Bräutigam zu sein . Und jetzo ? Gläubest du nicht auch , daß die Stunde nahe , da wir Hand in Hand zum Himmelreich eingehen ? « Mein Herz war vom Liebesrausche und , wie jedwedes arme Fleischgeschöpf , vom genossenen Weine stark und feurig worden . Ich ergriff des angebeteten Fräuleins Hand , drückte sie an meine Brust und sprach : » Wohl sind wir Braut und Bräutigam ; doch derselbige Herre Gott , so uns einander verlobet hat , offenbaret uns zu dieser Frist in meinem Herzen : Ihr zwei Menschenkinder sollet nicht eher zum Himmelreich eingehen , als bis ihr auf Erden einander Ehegemahl geworden . « Da sahe mir Thekla ins Auge , groß , tief , unaufhörlich , wie durch Magie gebannt . Hingerissen sank ich auf die Knie , bedeckte ihre Hand mit Küssen und flüsterte : » Und du ? Wie entscheidest du ? « » Dein bin ich , « - hauchte sie - » dein , Johannes ! « Ach und dann schloß ich sie in meine Arme , und jener Strom , der entsprungen , wo Adam und Eva einander umfingen , seit Jahrtausenden durch die Menschheit rauschet und immer jubilieret : » Seid eins , wie ihr im Paradiese eins gewesen « - der Strom riß uns hin mit schmeichelnden Wellen . Wie ich nun die Braut an mich preßte , drängte sie mich sanft zurück , und in ihrem Liebesblicke war frommer Ernst , als sie flüsterte : » Ein Sakrament ist die Ehe ! « Ich küßte ihre Hand und gab zur Antwort : » Unsere Liebe ist unser Sakrament . Einen Priester haben wir nicht - einen Priester brauchen wir nicht - alles geht ja zugrunde - unser letztes Stündlein nahet . « Da strahlte Theklas Auge : » Sei du unser Priester ! Traue dich mir an in frommer Feier , Johannes ! Gib uns das Sakrament der Ehe - Gott wird es gelten lassen - wie ihm eine Nottaufe gilt . « Mit heiligem Glück erfüllte mich die Aufgabe , und ich erhub mich stracks . » Ja , unser Priester will ich sein - zurüsten will ich einen Altar . Mag meine Traute indessen hinunter sich begeben in den unterirdischen Gang , gleichsam in ihre Kemenate , um abzutun das kriegerische Mannsgewand und hochzeitlich sich einzukleiden , so gut es in dieser Verlassenheit gelingen will . Mag auch das Bette nicht vergessen , allwo wir des Pförtners harren wollen , so uns aus dieser Gruft zur lichten Höhe erlöset . « Nun hielt ich Umschau im Gewölbe und plante die Feier , halb in Andacht , halb wie ein spielend Kindlein . Breitete über die Truhe das Altartuch von schwarzem Sammet , stellte die zween dreiarmigen Silberleuchter darauf und besteckte sie mit Kerzen , die ich anzündete . Thekla war indessen mit brennender Laterne , Tüchern und Gewändern durch den offenen Sarg hinunter in den Gang gestiegen . Da ich keinen Kruzifix fand , zog ich mein Schwert aus der Scheide und stieß es in den Altar , daß es zwischen den Leuchtern aufrecht stund , mit seinem kreuzförmigen Griff anzuschauen wie des Gekreuzigten Symbolum . Obwohl ein geistlich Gewand vorhanden , beschloß ich , als ein Kriegsmann die Trauung zu vollziehen . Einen gefüllten Silberbecher und das Kästchen mit den Oblaten stellte ich auf den Altar . Da hub sich aus dem Sarge eine schimmernde Gestalt - meine Thekla , nicht mehr als Jungfer Jaroslaus anzuschauen , sondern als sanfte Jungfrau , angetan wie ein Engel mit wallendem Linnen , das die weichen Arme bloß ließ , über der Hüfte durch einen Gürtel zusammengehalten . Die dunkeln Locken kränzte Silberflitter wie eine Hochzeitskrone . Ich ging der Braut entgegen , reichte ihr die Hand und führte sie zum Altar , allwo wir in die Knie sanken zu stillem Gebet . Dann stund ich auf , hub die Braut mir zur Seite und legte ihr Haupt an meine Schulter . » Siehe , meine Traute , wie hold die Kerzen schimmern - vom ewigen Licht der Gnade entzündet , daß wir in dieser finstern Öde einander ins Auge schauen , allwo noch holdere Lichtlein erblühn , ihren Docht aus unseren Herzen nährend . « Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und bebete vor Weinen . Ich streichelte ihr Haar . » Stille , mein Kind ! Nun laß uns Gott geloben , einander als Gatten anzugehören - und laß uns das Abendmahl darauf nehmen . Nicht vom Geistlichen ist es geweiht , der Gekreuzigte und Auferstandene aber , so im Geist und in der Liebe lebet , er weiß auch ohne Priester die Herzen zusammen zu tun . Laß uns denn bedenken , wie er tat . Und er nahm das Brot , dankete , brach ' s - Das ist mein Leib , der für euch gegeben wird - Desgleichen auch den Kelch - und sprach : Das ist das Neue Testament in meinem Blute , das für euch vergossen wird . « Nach diesen Worten löste ich mich aus der Jungfrau Armen , brachte ihr eine Oblate an die feinen Lippen und tat eine zweite in meinen Mund . Auch den Kelch reichte ich ihr , sie nippte - worauf ich selber trank . » Und nun , mein Gott , habe Dank , Dank - und tue , wie du willst - wie du willst ! « sprach ich , in die Knie sinkend . Aufschluchzend kniete Thekla neben mir ; und sie war , was ich längst ersehnt , mein angetraut Gemahl . Doch in welcher Verfassung der irdischen Dinge ! Meine Hoffnung , die früher keck zu stolzen Höhen hinangeblickt , hielt nun die Augen verzweifelt niedergeschlagen . Ehemann und Eheweib waren wir worden , doch nur , um in einer Gruft , lebendig begraben , Arm in Arm den Tod zu erwarten , während über uns die Welt in Gluten zusammenstürzte . Auf einmal tut mein Herz einen heftigen Schlag und steht still ; ein Krachen droben , als sei das Dach ins Kirchenschiff herniedergefahren . Die Erde bebet , wie lang hinrollender Donner poltert es über unsern Häupten . Meiner lieben Frau Arme schlingen sich um mich , ich fühle , wie sie schaudert . Dann wird es droben wieder ruhig , nur die tolle Orgel hören wir heulen . » Der Organist ! « - flüstert mein Weib , und ich erwidere : » Der ist uns längst vorangegangen - den trug sein Feuerwagen in die Ewigkeit - vielleicht , daß er uns jetzo anmeldet . « Und aber dumpf Gepolter ob uns , die Balken der Decke ächzen und beugen sich , Staub und Schutt sprüht hernieder und blendet die Augen . Doch mein Weib wischt sie mir aus mit ihrem sanften Gewande , nun schaue ich ganz nah die holdesten Sterne , und ihre Blicke sinken süß berauschend in meine Seele . » Laß ihn poltern droben , den groben Gesellen mit seiner knöchernen Faust ! « scherze ich . Sie drückt mich an sich : » Ja , laß ihn ! So er jetzo eindringet , findet er mich in meines Mannes Armen . Im Himmel sind wir - und im Himmel bleiben wir - so oder so ! « Was drauf weiter geschehn im schaurigsüßen Hochzeitsgemache , lebt in meinem Gedenken verschwommen als ein Traum . Wundersam hat die Phantasei Glitzerfäden gewoben in unseres Schicksals düster Gespinst . Ich erinnere mich , wie wir den Deckenvorrat der Truhe auf den Boden breiteten , und wie ich scherzte : » Weiß nun mein Lieb , wie den Waldtauben zumute , so sie ihr Nestlein bauen ? « Bald deuchte uns , wirklich wären wir Tauben und schwebeten durch blauen Himmel , einander mit dem Fittich streifend . Dann wieder fühlte ich , daß wir Menschenleiber hatten , echte Kinder Adams und Evas , und mein waren Theklas entzückende Glieder . Ich spürete den angeschmiegten Busen mit dem pochenden Herzen , spürete den heißen Odem , so meine Sinne trunken machte . Unersättlich stürmte unsere Zärtlichkeit , wie wenn Gewitter mit Wolkenbruch und lohenden Blitzen auf die schwüle , dürstende Erde niedergeht . Dann auch war ' s , als schaukelten wir in einem Nachen und trieben den Strom hinunter , an dessen Ufer zwischen Zypressen morgenländische Paläste schimmerten . Da stund ein Graubart in Purpur , die Krone auf dem Haupte . Lachenden Auges winkte er uns zu , gleich der Sonne blitzte an seiner Hand ein Ring , und wie Gesang war seine Stimme : » O siegreicher Mann ! Hold ist deine Braut wie ein Reh ! Halte fest den Schatz , erfreue dich der Perlen ! « Und entzückt sah ich auf Thekla und flüsterte : » Wie hold bist du ! Dein Auge wunderbar wie die Nacht , dein Haar wie die Ziegenherden auf dem Berge Gilead . Deine Zähne gebadete Lämmer , deine Lippen duftende Purpurrosen . « Sie lächelte , und wie leiser Freudensang scherzte ihre Antwort : » Mein Freund ist mein , und ich bin sein - der unter den Rosen weidet . « Mein Blick ruhte gleich einem Schmetterling ihr auf Stirn und Wangen , Nase und Kinn , wie alles so sanft gebildet war und sich bleich von den dunkeln Locken abhub , und wie unter den seinen Brauen die langen Wimpern den Traum der Minne verschleierten . Manchmal war ' s , als ruhe ihr Antlitz allbereits im Banne des Todes . Wenn aber dann das dunkle Auge groß zu mir aufschaute , war auf einmal das Leben neu erblüht . Und ich preßte an mich dies warme Leben und küßte seine Blüten , dazu lächelte Thekla wehmütig . Es fehlte uns nicht das Gedenken an den Ruin der Dinge ringsumher . Zu drehen schien sich die Kirche , schien sich mit uns herumzuwälzen , als könne sie so dem Tode entrinnen . Eine Riesin war sie in Grimmen und Zucken , und wir pulseten innen als letztes Leben , als banges Herz . Das Heulen und Stöhnen der Riesin drang dumpf zu uns herein und wandelte sich in das Fittichrauschen des Todesengels . In solchen Schauern banger Seligkeit sah ich den Stein der Weisen gleißen , und ward meinem Innern ein tief Geheimnis enthüllet : Ich schaute , wie Tod und Leben zusammengehören seit dem Sündenfalle Adams und Evas , wie der Herr , während er den Tod über die Menschen verhängte , zugleich die Mutter alles Lebendigen mit Kindern segnete ohne Zahl , wie jeglichen Ortes die Geburt zum Sterben führet , vor dem Winter aber all Gewächs Samen ausstreuen möchte . Von der Sündflut träumte ich , von Paaren , die von der Flut umwogt , auf einer schmalen Insel den Taumelkelch der Liebe schlürfen , indessen rings Ertrinkende krallende Hände aus den Todesgewässern strecken . Auch Sodom und Gomorrha sah ich - und wir zwei lagen auf üppigen Fellen beim Klange goldener Saiten und waren übermütige Fürstenkinder , so all ihre Schätze in einer Stunde vergeuden und ihr brennend Königreich für die allerschönste Hochzeitsfackel nehmen . Von neuem donnerte das Knochengerippe an unser Brautgemach . Und diesmal vermeineten wir , aus sei alle Erdenlust und Erdennot . Der Kirchturm mußte auf unsere Häupter herniedergekommen sein und als ein ungeheurer Grabstein unsern Tod besiegelt haben . Wie ein Schiff auf wilder See schwankte die ganze Kirche , über uns geschah ein Stöhnen und Brechen , und von der Decke kam eine Masse hernieder . Es war ein Brocken Gemäuer , und der krachte auf den Schrein , so an der Wand stund . Aus war es jetzo mit unserer himmlischen Abgeschiedenheit ; als zitternde Erdenkinder fühlten wir uns wieder verstoßen aus dem Paradeis in eine Wildnis , allwo der Sturm die brechenden Baumwipfel zauset , wo Dornen und Disteln starren , und Giftschlangen den Wanderer in die Ferse stechen . » Rette mich , Johannes ! « Ich sprang empor , spähete nach der Stelle des Einsturzes und leuchtete umher . Da bemerkte ich , wie die Tür des Schreins , den wir bisher nicht weiter beachtet hatten , vom Stoße des herabfallenden Gemäuers aufgegangen - und siehe , drinnen war eine Öffnung ins Dunkle , steinerne Stufen führten zur Tiefe . Mein Ruf froher Überraschung hatte Thekla an meine Seite gebracht , und wir schickten uns an , den neu entdeckten Gang zu erforschen . » Thekla , süßes Weib , werde nun wieder ein Kriegsmann . Vielleicht , daß wir uns doch noch herauswinden aus den Gefahren . « Ich setzte unsere Waffen in Bereitschaft und tat einen Vorrat von Oblaten in meine Tasche , während Thekla sich aufs neue zum Junker Jaroslaus umwandelte . Mit erhobenen Leuchtern drangen wir alsodann in den Gang . Nach etlichen Stufen führte er eben und in gerader Linie dahin . Kaum den fünften Teil einer Stunde können wir gegangen sein , doch endlos schien diese Zeit . Auf einmal ging es bergab , und gleich darauf trat mein Fuß ins Nasse . Hinleuchtend sah ich eine Tür , halb unter Wasser . Schritt durch das Wasser zur Tür und fand , daß ein von innen vorgelegter Eisenstab sich wegnehmen ließ . Indem ward die Tür durch den Druck des äußeren Wassers aufgetan , draußen rauschte die Elbe . Es war Nacht , doch von Glutschein war der Strom und das jenseitige Ufer beleuchtet . Hoffnung im Herzen wandte ich mich um : » Liebste Frau , nun stehet uns doch noch ein Ausweg offen . Flach ist die Elbe , ich kann schwimmen , Gott wolle , daß ich dich rette . « Und wir traten Hand in Hand durch die Pforte ins Strombett hinaus , wobei uns das Wasser bis zu den Hüften ging . Eine einzige Glut der Himmel , draus regneten Funken wie Schneegestöber hernieder . Zur Rechten kam ein brennend Fahrzeug dahergeschwommen , eine jener Schiffmühlen , so schon zu meiner Kindheit zwischen Magdeburg und Buckau auf der Elbe lagen . Von herabgefallenen Feuerbrocken entzündet , hatte sich die Mühle von ihrem Anker gelöst und trieb nun den Strom hinunter . Da sie uns ganz nahe kam und der Wind ihre Brunst von uns wegblies , wateten wir hin und banden uns an einer vom Feuer verschonten Stelle mit unseren Gürteln derart fest , daß uns das Fahrzeug hinter sich her durch das Wasser schleifte , aus dem wir nur mit den Köpfen ragten . So schwammen wir an der brennenden Stadt vorüber . Wie eine Sünderin im höllischen Feuer , von den Qualen seltsam verwandelt , starrete meine Vaterstadt angstvoll mich an . Die Fenster ausgebrannter Gemäuer deuchten mich Augenhöhlen , deren Augäpfel durch Blendung vernichtet waren . Die Balken und Dachsparren glichen verkohlenden Gerippen , die züngelnden Flammen aber Dämonen , so hohnlachend die höllische Qual bereiten . Und noch immer wuchs das Elend . Neue Opfer gingen in Flammen auf , Rauchwolken quollen dick und dicker ; wie Springbrunnen , wie Strahlengarben schossen Funken gen Himmel ; und ähnlich dem Flintenknattern einer Schlacht prasselten die brennenden Hölzer . Von den ungezählten Fackeln rot bestrahlt , doch unbeschädigt stund der Dom zu Sankt Mauritz , als fühle er sich erhaben über diese Vergänglichkeit . Andere Kirchtürme freilich brannten wie Fackeln . Von den zween Türmen der Johanniskirche , aus der wir entronnen , war nur ein rauchender Stumpf übrig . Ich drehte meinen Kopf zu meiner Frau . Ihr Auge stund voller Tränen , ihr Kinn bebete . Ich drückte ihr ermutigend die Hand . Und weiter schwamm mit uns die feurige Mühle . Am Fischerufer liefen rotbeleuchtete Menschen , Plünderer und ihre Opfer . Schüsse krachten , Johlen mischte sich mit Jammergeschrei , Leichen sahen wir in unserer Nähe schwimmen , ein Weib , im Arm ein schreiend Kindlein , stürzte sich von einer Mauer ins Wasser . Auch Kähne mit Soldaten kamen geschwommen , eine Kugel pfiff dicht an uns vorbei ; doch beschirmend hielt der Herr anoch seine Hand über uns . Freilich nur , um uns für die schwerste Prüfung aufzusparen , wie sich allzubald herausstellte . Fahl brach der Morgen herein , als die Mühle , bis zum Wasserspiegel niedergebrannt , zwischen Weidenbüschen an einem Ufervorsprunge landete ; es war hinter dem Dorfe Rotensee , dessen Kirchturm sich zeigte . Wir machten uns von der Mühle los und gingen an Land . Unsere Glieder waren lahm vor Kälte und bebeten . Als wir dorthin zurückschauten , wo einst eine Stadt gestanden , sahen wir nur eine ungeheure rote Qualmwolke . Im Strome aber hinter dem Ufervorsprung war ein Strudel , darin wurden etliche Leichen umhergetrieben , so daß bald ein bleiches Haupt , bald ein starrer Arm oder ein Fuß aus dem Wasser ragte . Mit Grauen dachte ich an die Spukhistoria , so ich gestern vernommen , wie man die vielen Leichen aus dem Gespensterwagen ins Wasser geworfen , und wie dies Gesicht nun wahr geworden . Indem vernahmen wir eine hohle Stimme , langgezogene Predigerworte , und von der aschgrauen Morgendämmerung abgehoben , sahen wir einen Mann , in schwarzem Talar , die Arme gen Magdeburg gereckt . Und wie närrisch geworden , predigte er im Klageton für sich hin : » Eli , Eli , lamah asabtani ! O wehe , Zion , du große schöne Stadt ! Wie arg bist du verwüstet ! War nicht dein Antlitz licht wie Schnee und rötlich wie Korallen ? Warst du nicht bekleidet mit Seiden und Purpur und übergoldet mit den Schätzen deiner Kaufleute und Schiffsherren ? Wehe , nun ist dir abgefallen die Krone vom Haupte , schwarz starrt dein Angesicht von Ruß und Rauch , dürr wie Baumrinde hängt die Haut um dein Gebein . Denn der Herr hat dich voll Jammers gemacht am Tage seines Grimms , hat Feuer herniederfallen lassen wie auf Sodom und dich zertrümmert als ein tönern Gefäß . Nun mordet das Schwert in deinen öden Gassen , und durch die Trümmer schleichen Hunger und Pestilenz . Wer aber entronnen ist , muß irren und bange girren wie die vom Schwarm verlorene Taube .... « Und der Prediger verhüllete sein Angesicht mit den langen Ärmeln seines Gewandes und schluchzte . Dann erhub er die Stimme von neuem : » Venit summa dies et ineluctabile tempus ... o mein Magdeburg , vorbei , alles vorbei ... Fuimus Troes , fuit Ilium et ingens gloria Parthenopae ... vorbei , vorbei , du arme Magd ! Da liegest du nun ohnmächtig in Asche . Übermannet hat dich der geile Jesuiter , bevor dein Tröster und Bräutigam hat kommen können . Und sie haben dich vom Throne deiner Burg gestoßen , die langen Haare dir abgeschnitten , das Kränzlein zerzauset , den frommen Leib aber bei Trommeln und Pfeifen auf soldatisch geschändet ... oh , oh ! « Verzweifelt rang der Prediger die Hände . Auch uns ging das Unglück der edeln Stadt so zu Herzen , daß wir weinend niederknieten , hinstarrend nach den glutig rauchenden Trümmern . Jetzo fiel des wunderlichen Predigers Blick auf uns . Er betrachtete uns eine Weile , und da er unsere Trauer erkannte , sprach er mit Gebärden des Mitleides : » Weinet nicht ! Glaubet nur ! Der Glaube versetzet Berge . Gebet acht , ihr klagenden Leute von Israel ! Und auch du , blutige Erde , du rauchiger Himmel , gebet acht und seid Zeugen des Wunders . « Und die Arme gen Magdeburg ausgereckt , predigte der irre Mann im Prophetentone : » Eli , Eli , in deinem Namen tue ich kund : Dies Mägdlein ist nicht tot - es schläft nur ! Drum stille ! Schlafe dich aus , bleich Töchterlein ! Balde kommt ja dein Tröster , so deine Hand ergreifet : Stehe auf und wandle ! Und auferstehen wird die Magd . Drum getrost , Kinder Israels ! Hoffet , hoffet ! Der Herr segne euch und behüte euch ! « Zum Segen breitete er die Arme , wandte sich dann und ging mit gefalteten Händen , als ob er von kirchlicher Amtierung abträte . Wir starrten ihm nach , und für ein Weilchen sah ich im Geiste die Stadt aufs neue herrlich erstanden . Dann besann ich mich auf die eigenen Nöte und erwog die mißlichen Umstände , in die wir beide trotz unsrer vorläufigen Rettung geraten waren . Und wie der Geier seine Fänge um die Beute schlägt , ergriff mich die Sorge um Leibesnotdurft und Leben . Düster betrachtete ich mein Feuerrohr . Es war vorerst zum Schießen untauglich ; desgleichen Theklas Pistol . Uns fehlte ja das Pulver . Umherspähend gewahrte ich in der Ferne eine Staubwolke , aus der es blitzte wie Gewaffen . Sogleich flüchtete ich mit Thekla in das Weidengebüsch , so sich am Elbufer erstreckte . Hier blieben wir liegen , lauschend auf jedes Geräusch und in unseren nassen Kleidern bebend . Verworren Kommandorufen drang an mein Ohr ; dann ward es still , und lange Zeit hörte ich nur das Weidenlaub im Winde säuseln , dazu die Lerchen ins glimmende Morgenrot trillern . Still wurden unsere Seelen . Wir schauten einander ins Auge und ergaben uns einem sanften Gekose . Nicht lange , so nahm ich wahr , wie meiner Liebsten die Augen zufielen . Bettete also ihr Haupt in meinen Arm , und sofort entschlummerte sie . Wiewohl mein Herz an ihrem lieblichen Anblick sich weidete , und wiewohl ich gegen die Angriffe der Müdigkeit ankämpfte , sank mir doch immer wieder das Kinn auf die Brust , bis mich die Mattigkeit ganz überwältigte . Das achte Abenteuer Wie die kaum Getrauten sich mußten trennen Da ich das Auge wieder auftat , lag Thekla noch immer in festem Schlaf , und hoch vom Himmel schien die warme Sonne . Hunger und Durst plagte mich . Sanft , um meine Frau nicht zu wecken , zog ich den Arm unter ihrem Nacken herfür und bettete ihren holden Kopf in den Rasen . Was nun ? Ich gedachte der Oblaten , die ich beim Verlassen der Kirchengruft zu mir gesteckt . In meiner Tasche waren sie vom Elbwasser zu Brei verwandelt , doch immer noch brauchbare Nahrung . Behutsam erhub ich mich und schlich durch die Weidenbüsche zum Strome . Eine Leiche trieb auf ihm . Obschon ich mit Ekel zu kämpfen hatte , legte ich mich aus Ufer und trank von dem Wasser . Hierauf pflückte ich Sauerampfer , der in Menge auf der Uferwiese grünte . Da er nicht übel mundete , pflückte ich Hände voll und legte den Vorrat bei der noch schlafenden Gattin nieder . Endlich erwachte sie , fuhr schreckhaft empor und blickte wild umher . Begütigend streichelte ich ihre Hand : » Danken wir dem Himmel , daß er uns so weit bewahret hat ! « Thekla antwortete mit einem stummen Nicken und faltete die Hände . Hierauf bot ich meiner Liebsten von dem Sauerampfer und vom Oblatenbrei , und sie aß . Da sie auch zu trinken begehrte , hätte ich ihr gern den abscheulichen Anblick der mit Leichen treibenden Elbe erspart , wußte aber nach Verlust meines Hutes keinerlei Mittel , Wasser zu transportieren . So blieb mir nichts übrig , als mein arm Weib zum Strome zu führen . Gierig hingekauert , schöpfte sie mit den Händen und trank mehrmals . Plötzlich aber krächzte dicht bei uns am Ufer eine Krähe , Thekla wandte ihren Kopf hin , ward plötzlich bleich und spie das eben Genossene wieder aus . Dort lag nämlich auf dem Sande , noch halb im Wasser , eine entkleidete Leiche , deren Fleisch die Krähen speiseten . Meinen Arm um Thekla gelegt , führte ich sie hinweg , und stöhnend vor Gram saßen wir wieder im Dickicht . Wie ein hilflos Kind weinte Thekla , und auch auf meinem Herzen lastete die ganze Schwere unseres Mißgeschicks . Ach wären wir doch beim Oheim in Schreiberhau geblieben ! Wie still und glücklich lebten wir dann ! Meine Gedanken erratend , ergriff Thekla meine Hand , die Augen voll Tränen : » Verzeih , Johannes , daß ich dich verleitet , dein friedlich Gebirgsdörfel zu lassen , um eine heimlose Jungfer durchs Elend zu geleiten . « Die teure Hand streichelnd , entgegnete ich : » Das war mein freier Entschluß . « Und nun starrten wir vor uns hin . An einer Weidenrute hingen Maikäfer , vom Laube sich mästend . Ein garstiger Anblick . Würde uns in unserer Verlassenheit etwas anderes übrig bleiben , als diesen Käfern ähnlich Kraut zu speisen ? Endlich sammelten wir unsere Gedanken und überlegten , was