frohlockender Miene sein Licht hinter dem Ofen hervor , der Schmied - denn dies war wirklich der so plötzlich erschienene Mann - sprang mit einem Satze zum Fenster . Valerius , im Anschauen desselben verloren , sah ihn das blitzende graue Auge wie einen Pfeil hinabschießen - » es wird Graf Stanislaus endlich sein ! « schrie der Graf ; ein flüchtiges Licht der Befriedigung flog über das Antlitz des Schmiedes und er nickte leicht mit dem Kopfe . Darauf ging er raschen Schrittes zum Stuhle der alten Gräfin , nahm seine dunkelrote Pelzmütze ab , bückte sich , tief und küßte den Saum ihres schwarzen Gewandes . Sein dichter Busch brauner Haare , hie und da schon mit grauen vermischt , fiel ihm dabei ins Gesicht , und er murmelte einige unverständliche Worte . Der Graf rief indes nach Cölestin , er solle eine Flasche Champagner und einen der Gefangenen herbeibringen . Die Bedienten schleppten einen der Kürassiere in den Saal . Er fiel um Gnade flehend vor dem Grafen auf die Knie , und aus einem mit Haaren verwachsenen schwarzen Gesichte sahen seine trüben , ausdruckslosen Augen starr auf die Hand seines neuen Herrn . Cölestin schenkte den Wein ins große Bierglas , dessen sich der Graf zu bedienen pflegte ; dieser aber spannte den Hahn eines Pistols und schoß die Ladung dem Gefangenen ins Gesicht . Das arme Schlachtopfer duckte in Todesangst den Kopf nieder , und die Kugel riß ihm das Hinterhaupt entzwei , daß das Hirn weit umherspritzte . Schreiend stürzte Hedwig herbei , um dem Vater in den Arm zu fallen , es war aber zu spät . Der Graf stieß einen Fluch aus und wollte den Körper des Unglücklichen mit dem Fuße fortstoßen , ein heftiger Schmerz erinnerte ihn aber an seine Krankheit ; er griff zur Entschädigung nach dem vollen Glase und trank es in einem Zuge leer . Als die Bedienten den Zerschossenen hinausschleiften , erschien Graf Stanislaus an der Tür . Kopfschüttelnd und mit trübem Ausdrucke im Gesicht übersah er noch schnell , was sich eben ereignet hatte . Lärmend hieß ihn der Graf willkommen , erzählte ihm , was vorgefallen , und mit den Worten : » Zu rechter Zeit kam der Schmied « , wollte er sich eben zu diesem herumwenden , als er erst bemerkte , daß dieser Mann schon verschwunden sei , ohne einen Dank abzuwarten . Stanislaus , ein hoch gewachsener junger und blühender Mann , erklärte , die Abreise nach Warschau müßte sogleich vor sich gehen , die Streifkorps drängten immer häufiger hinüber , jede Stunde Aufschub sei Verlust , man würde ohnedies nur bei großem Glücke ungefährdet passieren können . Cölestin brachte die Nachricht , der Schmied mit seinen Leuten sei aufgebrochen , um die Straße für die gnädige Frau Gräfin rein zu halten , die Reise müsse aber sogleich angetreten werden , Magyac kenne die Tour genau , welche zu nehmen sei , an ihn solle man sich halten . Der Graf runzelte die Stirn und gab Befehl aufzubrechen . Binnen einer halben Stunde saß er im ersten Wagen , wohl verpackt und rings mit Waffen umgeben , im zweiten fuhren die Damen , Stanislaus ritt auf der einen Seite , Valerius und Joel trabten auf der andern , dieser mit dem traurigsten Gesichte von der Welt . Magyac eröffnete den Zug mit der Hälfte von den mit Stanislaus angekommenen Ulanen , die andere Hälfte mit den berittenen Bedienten des Grafen schloß ihn . Das wüste Herrnhaus mit den toten Russen blieb einsam zurück , die übrigen Gefangenen waren mit dem Schmiede und seinen Leuten verschwunden . Es ging im raschen Trabe durch den Wald hin , an keinem Wagen war ein Licht zu sehen , hie und da nur fielen glänzende Mondesstrahlen auf den schwarzen Trupp , und von Zeit zu Zeit hörte man jenes Drosselpfeifen tief aus dem Walde , das Magyac an der Spitze des Zuges beantwortete . Von den Reitern konnte niemand sprechen , weil sie mit größter Sorgfalt auf Weg und Pferde achten mußten , alle Minuten stolperte ein Tier über die Baumwurzeln . Nur Hedwig tat einige leichte Fragen an Stanislaus , und fragte Valerius und Joel , ob niemand verwundet worden sei . » Ich seh ' ja durch den Mondschein , lieber Joel , daß Sie ein klägliches Gesicht machen ? Pfui doch , solch ein rascher Schütze , solch ein frischer Reiter . « Joel seufzte tief auf , und Valerius sah bei einem Blicke des Mondes ein schmerzliches Lächeln über sein Gesicht gleiten . Valerius selbst war aber zu voll von dem , was vorgefallen . Das Bild des Schmiedes von Wavre wich nicht von den Augen seines Gedächtnisses . Er erschien ihm wie die verkörperte schmiegsame Kraft dieser ganzen Nation . All jenes verschlossene , verschlagene Element dieses Volkes mit den blitzraschen Bewegungen , jene vornehme Armut , jener ganze Anstrich von heldenmütigen Brigants , den eine insurgierende Nation von dieser fliegenden Tapferkeit leicht erhält , all dies ursprüngliche Sarmatentum erblickte er in diesem Manne . Wie er dastand - sprach die Erinnerung eifrig in ihm fort - als sein bloßer Anblick den Sieg entschieden hatte , in dem kurzen weißgrauen Kittel , den der breite Ledergurt straff zusammenzog ! Die Muskeln seiner Hand spielten wie heiße Sonnenstrahlen an der Büchse - und unter dem Pulverdampfe von des Grafen Mordpistole verschwand er wie ein Geist , er war der Urgeist einer Nation . Er ertappte sich lächelnd auf diesen Übertreibungen , konnte und wollte sich aber nicht davon losmachen . Das Leben wird erst unser , wenn es sich wieder erzeugt in unserm Innern , darum sind die Dichter die reichsten Menschen , darum sind sie kleine Götter , die alle Tage eine Welt schaffen und sich mit dem Troste zu Bette legen : Siehe , es war alles sehr gut . Im Sturm der Dinge selbst sind wir die Beute der Dinge ; ist es doch ein Hauptglück des gegenwärtigsten Reizes ; der Liebe , sich ihrer zu erinnern . Ein jahrelang ersehnter Kuß , im Fluge geraubt und erwidert , macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewöhnlichkeit erträglich , während jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein beglückendes Ereignis wurde . So liegt in uns von Hause aus jener viel gesuchte Sieg über das Äußere . Aber auch diese nachschaffende Fähigkeit war getrübt in Valerius , er reizte sich mehr zum Genuß , als daß dieser Genuß ihn aufgesucht hätte . Der Mittelpunkt seines Lebens war verschoben , und alles übrige dadurch in Unordnung geraten . So machte er sich Vorwürfe über diese ärmliche Manier , wie er ' s nannte , nur das zu erkennen und zu ergreifen , was vorüber sei , nicht der gegenwärtige Anblick dieses spärlich erleuchteten nächtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefühl in ihm , schalt er weiter , nein , es sei der Augenblick , als vor fünf Minuten die Mondesstrahlen glänzend durch die Baumgipfel gebrochen seien , jener Augenblick übe den Reiz auf sein Inneres , obwohl das Auge noch fortwährend dasselbe sehen könne , jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser Fahrt in seinem Gedächtnisse . - » Ich will keine Vergangenheit , ich will Gegenwart , « sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin - » ich will ein Mensch sein , nicht aber ein Künstler , den Träume beglücken . « So wütet der Mensch gegen sein Fleisch , und der Starke schmäht seine doppelten Kräfte , weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lächeln sieht , und diesen um seine Schwäche beneiden zu müssen glaubt . Aber wir mögen uns noch soviel Mühe geben , unserem Wesen ungetreu zu werden , unser eigentliches Wesen ist unsere Gesundheit , und die Natur strebt immer von selbst wieder dahin zurück . Ehe er sich seines Unmuts recht bewußt wurde , war Valerius mit den Gedanken in Deutschland , und ein Ort nach dem andern mußte sich ihm darstellen im Mondschein dieser Nacht . Das sind Bilder , die den Menschen am meisten befangen mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit . Eine Gruppe nach der andern breitet sich vor ihm aus , jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte , die sich fortwährend im Gleise erhalten , jede führt zu einer neuen , und der Geist irrt von einem Lande zum andern , über den Ozean , wo jener Mondschein nicht zu sehen ist , und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln - » beim Schein des Mondes , beim Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen , und so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt , und der Gedanke an den Allmächtigen füllt das Herz - Camilla , Camilla , die Welt ist zu groß , das Interesse zu mannigfaltig , Gottes Gedanke zu tief , und ich will alles suchen - dein Auge kommt mir immer seltener , ich tauge nichts für die Liebe , ich bin krank an Überfluß , und arm an Liebe für das einzelne , vergib mir ! « - Da stolperte sein Pferd über eine Wurzel , sein Schenkel ward an einem Baime gequetscht , und so erinnerte ihn die Gegenwart nur zu deutlich , daß er wiederum außer ihr gewesen sei . Der Zug hielt still , und jetzt erst bemerkte Valerius , daß fernher aus dem Walde einzelne Feuer leuchteten . Er ritt vorsichtig bis an die Spitze des Zuges - Magyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten Wald , als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden . Ein Umweg durch den Wald war nicht möglich für die Wagen , die Bäume standen zu dicht . Träumerisch sah Valerius nach den Feuern , er bemerkte es nicht , daß sein Pferd langsamen Schrittes ihnen sich näherte ; Magyac war zwischen die Bäume geritten , wahrscheinlich um zu rekognoszieren , und hatte keine Acht auf den melancholischen Deutschen ; die vordersten Ulanen mochten glauben , er wolle ebenfalls die Ortsgelegenheit näher erkunden - kurz er kam ungehindert den Feuern immer näher , und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel . Etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemälde ansieht , ohne einen Augenblick daran zu denken , das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel könne uns treffen . Auf einer Lichtung war ein Trupp Kosaken gelagert , Roß und Reiter ruhten an der Erde , gewärmt durch hohe Feuer . Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im Boden , und der größte Teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen ; hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Körper und warf ein frisches Stück Holz in die Glut , dann sank er wieder in die vorige Stellung zurück , oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines Pferdes . Die bärtigen , augenlosen Gesichter , zur Hälfte gewöhnlich im Schatten , zur Hälfte vom Feuer beleuchtet , erhöhten durch ihre Regungslosigkeit die Täuschung , ein Gemälde zu sehen . So kam der junge Träumer bis zu den letzten Bäumen , welche an seinem schmalen Wege die Lichtung begrenzten . Einige Schritte nur von ihm hielt der aufgestellte Wachtposten . Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und saß mit untergeschlagenen Armen wie eine Bildsäule da . Mit dem rechten Arme hatte er die Lanze eingeklemmt , die linke Hand hielt den Zügel . Ein langer schneeweißer Bart fiel auf die Brust herab , ein kleines schwarzes Kreuz drängte sich darunter hervor ; wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet , nicht ahnend , wie not es ihm sein dürfte , um seinem Glauben nach glücklicher zu sterben . Der Schlaf hatte ihn übereilt und ihm nicht gestattet , das Kreuzchen wieder auf die behaarte Brust zurückzuschieben . Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern , das Kosakenpferd zog langsam die trägen Augenlider in die Höhe und rückte den Kopf ein wenig aufwärts . Der Kosak , der die nachlassende Straffheit des Zügels empfinden , wohl auch das Nahen eines Gegenstandes bemerken mochte , machte eine Bewegung mit der Hand , öffnete die Augen , verstorbene , lebensmüde Augen , öffnete den Mund - Da fühlte Valerius den Zügel seines Pferdes von einer raschen Hand gehalten , der Kosak verschwand plötzlich von seinem Gaule , es erschien ein anderer Reiter darauf , und ehe er sich ermuntern konnte , sah er sich auf dem Rückwege zu seinem Zuge . Der Schmied von Wavre ging neben ihm , ein junger polnischer Bauer ritt zu seiner andern Seite auf dem Kosakenpferde . Mit Grauen sah er bei den nachleuchtenden Feuern , wie der alte Kosak mit einer Schlinge um den Hals von dem Bauer nachgeschleift wurde . Das Pferd des plötzlich Erwürgten trug ebenso geduldig den neuen Reiter , der es so schnell von seinem vorigen befreit hatte . - 11. Valerius war in jener Nacht nur auf kurze Zeiträume aus seiner Träumerei zu wecken gewesen . Er machte sich die lebhaftesten Vorwürfe über diese gefährliche Schwäche , als ihm Magyac am andern Morgen die Begebenheiten der Nacht erzählte . Das ist jenes törichte Leben in die Weite , in die Ferne , das den Baum vor Augen nicht merkt , bis er sich kund gibt durch einen heftigen Stoß . Das ist jenes Räsonieren ins Ungemessene hinaus , jenes deutsche Komponieren der nächsten weltgeschichtlichen Epochen , worüber die Gegenwart und das zeitig Notwendige unbenützt vorüberstreicht , das ist jenes unpraktische Wesen , das sich so gern und so leicht mit höheren weiteren Zwecken entschuldigt , das gepriesen sein möchte als weitsichtiges , höheres Element , und das doch übertroffen wird von jenem kleinen Buben , der das Pferd tränkt , da es eben dürstet . Auf den nächsten Schritt soll man achten und dem Augenblick leben , der eben da ist , den Gegenstand ergründen , der just neben uns steht . So schalt er sich , während Magyac erzählte . Der Schmied hatte das Biwak umstellt , und während die Schläfer mit wildem Geschrei überfallen worden , waren die Wagen in größter Schnelligkeit ungehindert die Lichtung passiert . Nur das gnädige Fräulein , die bis zum Augenblick des Überfalls fest geschlafen , sei , erweckt von dem plötzlichen Lärmen , aus dem Wagen gesprungen und in den Wald hinein gelaufen ; Joel , der ihr nachgeeilt , habe sie zwar eingeholt , aber die Wagen seien längst auf und davon gewesen , und so habe man das Fräulein hierher ins Haus gebracht , wo sie jetzt noch ruhig schlafe . » Aber wie bin ich denn hierher gekommen , Thaddäus ? « » Ja , was weiß ich , Herr , du sagtest ja zum Schmiede , daß du seine Bekanntschaft machen wolltest . « » So ? « Valerius befand sich auf einer ähnlichen Waldlichtung , wie er heut ' nacht gesehen , in seinen Mantel gehüllt lag er an einem verglimmenden Feuer , hinter ihm ein langer starker Baumstamm . Dieser hatte ihm zum Kissen gedient , wie er vermutete , denn der Nacken schmerzte ihm gewaltig von dem kurzen Schlafe . Magyac saß vor ihm an der Erde und scharrte einige Kartoffeln aus der Asche , die er zum Frühstück geröstet hatte . Dann zog er ein Stück Schwarzbrot aus der einen Tasche seines Pelzes und eine Schnapsflasche aus der andern , und legte alles vor Valerius hin , indem er ihn mit einem halb verschmitzten , halb schmerzlichen Lächeln aufforderte , sich des Frühstücks zu bedienen . Valerius nahm lächelnd einige Bissen Brot . » Trink getrost , Herr , « sagte Thaddäus , » es ist Wein vom Grafen , im Lärm der Abreise hab ' ich meine Flasche leer und wieder voll gemacht - der alte Schurke , wenn nicht seine Mutter wäre , die der heilige Adalbert erhalten möge . « » Wo ist Joel ? Und wo sind wir eigentlich ? « Thaddäus deutete auf einen Winkel des Gebäudes , unter dessen Dache sie sich befanden - da lag der arme Junge zusammengekrümmt unter seinem Mantel und schlief . Mit der Hand und einem bunten Tüchlein hielt er sich einen Teil des Gesichts verdeckt - Valerius kannte das Tuch von jenem Abende , es war Hedwigs . Thaddäus hatte die zweite Frage nicht beantwortet ; eh ' sie Valerius wiederholte , sah er sich um , ob er sie vielleicht selbst beantworten könnte . Er erkannte nicht ohne Anstrengung , daß er sich mit seinen Gefährten unter einer sogenannten Wildraufe befände , wie man sie für strenge Winter zur Atzung des Wildes anlegt . Einige alte zerfallene Krippen und Raufen , die umherlagen , erinnerten in ihren Trümmern daran . Solche Wildraufen bestehen eigentlich nur aus einem schiefen Dache , das sich auf eine Bretterwand und einige Pfosten stützt . Die drei übrigen Zugänge sind offen , und da die offene Seite nach Morgen lag , so schien die Sonne freundlich auf die Gruppe und erheiterte wie immer den deutschen Wallfahrer , wie er sich manchmal nannte . Der Fichten- und Kieferwald glänzte mit den Funken des gerinnenden leichten Schnees , der den Abend vorher gefallen und jetzt größtenteils schon wieder verschwunden war . Es begann einer jener Wintertage , in deren Mundwinkeln schon ein Frühlingslächeln schwebt , ein lauer Tauwind zog langsam über die Fläche . Solch ein Wind ist wie der Hauch eines jungen Mädchens , wenn er uns zum ersten Male berührt , und wir empfinden , welch eine Lust es sein müsse , von den Lippen geküßt zu werden , über welche dieser Atem flog . Frühlingsahnung , Ahnung einer schöneren Zeit zieht damit in unsere Brust . Auch Valerius sagte lächelnd : » Es wird noch alles gut werden - weiter , weiter . « Einer der Seitenausgänge dieser Wildraufe war aber verschlossen durch ein Bretterhäuschen , das sich daran lehnte , und mit der Hinterwand der Raufe eben jenen Winkel bildete , in welchem Joel lag . » Wer wohnt hier , Thaddäus ? « fragte Valerius von neuem . Thaddäus umging aber die Frage noch einmal . » In der guten alten Zeit , « sagte er , » wo die Polen noch Polen waren , hat es hier in der Gegend einen freundlichen Herrn gegeben , welcher das Wild besser behandelte , als mancher die Menschen ; der ließ in strengen Wintern zuweilen hier Futter ausschütten für die hungrigen Tiere - ' s ist aber lange her , und die alten Bretter sind schon verfault , wenn der Wind hineinfährt , da stöhnen sie wie die Wölfe , die sich öfters hierher flüchten . « » Ich bin dein Freund , Thaddäus , wer wohnt in jenem Hause ? « » Gott lohn ' s Euch , Herr , « erwiderte dieser und griff nach Valerius ' Mantelzipfel , » wir haben nicht viel Freunde , wir Polen in Schafspelzen , aber einen mächtigen und einen stolzen Feind : den Russen und den Edelmann , dort in der Hütte , Herr , aber « - und dabei sank seine Stimme zum Geflüster herab - » wohnt der Schmied - seit vielen , vielen Jahren schon - wer seine Wohnung verrät , begegnet keinem Polen mehr , « setzte er mit blitzenden Augen hinzu , » es führt kein Weg durch den Wald hierher , und eine Stunde im Umkreise haben seine Freunde einen Graben im Walde ringsum gezogen , über den kein Reiter setzt , es haben viel Leute daran gegraben . « » Warum , « fragte Valerius weiter , » wohnt er denn schon so lange im verborgenen ? « Ein zuckendes , böses Lächeln preßte sich über Magyacs Gesicht , und er schien etwas Schlimmes auf der Zunge zu haben , aber er schluckte es hinunter , und nach einer Pause fuhr er fort mit wehmütigem Tone : » Es ist schon lange her , daß sie ihm alles genommen haben , ich war ein kleiner Bube , als er noch in Wavre wohnte mit Weib und Kind , und ' s war ein trüber , nebliger Herbstabend , als ich wieder einmal bei der Schmiede stand und mit großer Freude die glühenden Funken betrachtete , die durch den Nebel hinstoben von des Schmiedes gewaltigen Schlägen . Ja , Herr , die alten Leute sagen , sie hätten Zeit ihres Lebens keinen tüchtigeren Polen gesehen als den Schmied Florian , und der selige Herr Kosciusco - Gott segne seine Asche ! - hat ihn immer den jungen Piasten genannt . Ja , Herr , so war der Schmied , und als er an jenem Abende auf den Ambos schlug , da sang er ein altes Lied von unserer Freiheit , und die Gesellen sangen mit , und das halbe Dorf versammelte sich um die Schmiede , ' s war just der Abend vorm heiligen Martinstage , die Leute in Wavre gedenken alle Jahre dieses Abends . Denn als sie noch nicht fertig waren mit der Axt , die der Schmied hämmerte , und dem Liede , das sie alle sangen , da kamen die Russen aus Warschau und wollten den Florian gefangen nehmen , weil er ein aufrührerischer Kopf sei . Der Schmied aber schlug dem ersten , der ihm nahe kam , den Hammer vor den Kopf , daß er hinschlug wie ein umgehauener Baum . Nun ging das Schießen los , denn es wagte sich keiner mehr an den Polen . Es dauerte auch nicht lange , da lag Florians Weib und sein rüstiger Junge im Blute , und der Schmied stürzte heraus wie ein angeschossener Eber mitten unter die Soldaten , sie fuhren entsetzt nach allen Seiten auseinander , und ehe sie sich wieder sammelten , war Florian in den Wäldern . Jeder Russe , der ihn wieder gesehen , hat ' s mit dem Leben bezahlt . Florian ist übrigens der beste Mann im Lande und tut keinem Kinde was zuleide ; viele Leute halten ihn auch für einen Heiligen ; aber unglücklich ist er sehr , und wenn er am Tage um unser Vaterland geweint hat , so weint er des Nachts um sein Weib und seinen frischen Buben . Herr , seit ich den Schmied zum ersten Male in seinem Jammer belauscht habe , seit der Zeit hat mich nichts mehr gerührt ; es war am verwichenen Martinsabende , ich hatte einen Wolf erschlagen , und wollte dem Florian die Haut bringen für den Winter , da sah ich ihn durch die Türspalte vor seinem Heiligen auf den Knien liegen , das Wasser lief ihm in den Bart , und er fragte schluchzend den lieben Gott , ob er wohl wisse , wie schlecht es uns erginge im Lande Polen . « Thaddäus sprach nicht weiter , es trat eine lange Pause ein , und Valerius reichte ihm die Hand , die jener heftig küßte . Der Mund des jungen Polen brannte heiß und fieberisch . Die Tür des kleinen Häuschens öffnete sich , und Hedwig erschien auf der Schwelle , frisch wie ein junger Waldbaum , den der Tau des Morgens erquickt hat . Sie sah mit Lächeln auf den Schläfer im Winkel . Es lag soviel Schalkheit und soviel Wehmut in diesem Lächeln , daß man nicht wußte , ob jene größer als diese sei . Joel schlug die Augen auf und streckte noch halb schlaftrunken die Arme nach ihr aus . Sie reichte ihm die Hand , und als er sie an die Lippen führte , strich sie ihm leise damit über das Gesicht ; ihre Hand berührte auch jenes Tüchlein , aber sie ergriff es nicht . 12. Die linden Lüfte sind erwacht , Sie säuseln und weben Tag und Nacht , Sie schaffen an allen Enden . O frischer Duft , o neuer Klang ! Nun , armes Herze , sei nicht bang , Nun muß sich alles , alles wenden ! Sie hatten den größten Teil des Tages über im Sonnenscheine gesessen , und die Herzen hatten gesprochen mit jenen unmittelbaren Worten , die man nicht nacherzählen kann , und Valerius hatte zum ersten Male wieder seit langer , langer Zeit deutsche Lieder gesungen . Jene Verse stahlen sich aber immer von neuem zwischen alle seine Lieder , die warme Luft ließ sie nicht zur Ruhe kommen . Joel war schweigsam , aber sanft und freundlich , und Hedwig hatte ihr inniges Ergötzen an all den neuen Weisen , denn die Jugend liebt die Poesie wie die frische Luft . Joel hatte sie die deutsche Sprache gelehrt , und wenn sie sich auch verwunderte , daß die Weisen alle so langsam gingen , so hörte sie doch nicht auf zu rufen : » Immer mehr , immer mehr ! « Über diesem Treiben kam der Abend ; Magyac , der jenseits des Grabens nach den im Dickicht untergebrachten Pferden gesehen hatte , kehrte zurück , machte in der Hütte ein Feuer an , und legte sich auf ein Strohlager in einen Winkel . Kamin oder Ofen war nicht vorhanden , und der Rauch suchte sich durch die vielen Öffnungen des Daches seinen Weg . Kummervoll betrachtete Valerius diesen unwirtlichen Raum , des armen Schmiedes steten Aufenthalt . Hedwig hatte sich am Feuer niedergekauert und wärmte sich die Hände ; Joel war nicht zu sehen , bald aber hörte man von draußen her seine Stimme . Auch ihm war das traurige Herz aufgegangen in diesen stillen Stunden , und was er nie zu sprechen wagte , das sang er jetzt in die Nacht hinaus , in den schweigsamen Wald hinein . Aber als ob es das polnische Land nicht verstehen sollte , sang auch er die Worte deutscher Dichter . Er schien umherzuirren auf der Waldflur , manchmal verklangen die Worte in großer Ferne , manchmal hörte man sie dicht an der Hütte . Hedwig horchte aufmerksam , die Stimme kam eben näher , und man verstand die Worte : » Ach nein , erwerben kann ich ' s nicht , Es steht mir gar zu fern . Es weilt so hoch , es blinkt so schön , Wie droben jener Stern . Die Sterne , die begehrt man nicht , Man freut sich ihrer Pracht , Und mit Entzücken blickt man auf In jeder heitern Nacht . Und mit Entzücken blick ' ich auf , So manchen lieben Tag ; Verweinen laßt die Nächte mich , Solang ' ich weinen mag . « Hedwig sah mit wehmütigen Blicken in das Feuer ; Valerius , an die Wand sich lehnend , sah forschend in ihr Angesicht , es war alles still ringsum , man hörte durch die dünne Bretterwand , wie der Sänger leise seufzte und sich langsam entfernte . Klagend sang er weiter : » Lebe wohl , lebe wohl , mein Lieb ! Muß noch heute scheiden . Einen Kuß , einen Kuß mir gib ! Muß dich ewig meiden . Eine Blüt ' , eine Blüt ' mir brich Von dem Baum im Garten ! Keine Frucht , keine Frucht für mich ! Darf sie nicht erwarten . « Die Stimme schwieg ; es schien Valerius , als stünden dem schönen Mädchen die Augen voll Wasser , aber sie regte sich nicht ; der seidene Mantel glitt ihr langsam von der weißen Schulter - sie ließ ihn gleiten ; ihre langen Augenwimper senkten sich kaum merklich ein wenig tiefer - man konnte das schöne Mädchen für ein Marmorbild halten . 13. Nach einiger Zeit nahten sich Schritte von mehreren Seiten , und man hörte draußen eine Menge Stimmen . Magyac sprang auf und ging nach der Tür , bat aber Valerius , so lange in der Hütte zu bleiben , bis der Schmied zurückkäme . Durch die Spalten der Wand sahen die Zurückbleibenden draußen unter der Wildraufe ein Feuer auflodern , und rings um dasselbe eine Schar bewaffneter Bauern . Die Zahl derselben wurde immer größer , ihr Gespräch immer lebhafter und stürmischer . » Warum liegen sie fortwährend in Warschau still , « schrie eine rauhe Stimme , » warum geht ' s nicht von der Stell ' ? Sie sind Verräter und schreiben nach Petersburg . « » Das verstehst du nicht , Slodczek , du bist ein Unband , der an einem Tage säen und ernten will , « sprach ein alter Bauer , der sich am Feuer niedergesetzt hatte . » Der Slodczek hat recht , « schrie eine Stimme aus dem dichtesten Haufen , - » er hat nicht recht , « schrie eine andere , und bald brauste das Stimmengewirr unverständlich durcheinander . » Es muß was geschehen , « übertönte Slodczek das Durcheinander mit seiner rauhen Kehle , » sonst verkaufen sie uns wieder das Fell vom Leibe , und wenn ' s Glück hoch kommt , sind sie selbst die Käufer - wir müssen nach Warschau . « Dieses Wort erregte einen noch viel größeren Lärm , und es schien auf Augenblicke , als ob sich die verschieden gesinnten Meinungen durch die Waffen selbst geltend machen wollten . Slodczek wenigstens schlug sein Gewehr auf einen Bauer an , der sich ihm am eifrigsten entgegenzusetzen schien . Aber jener Alte , der ihm zu Anfang widersprochen hatte , schlug ihm das Gewehr in die Höhe , der Schuß ging indessen los und die Kugel fuhr prasselnd durch das alte Schindeldach . Es folgte eine augenblickliche Stille ; Slodczek selbst schien bestürzt zu sein . » Wie lange wird der Ring des Schmiedes sicher sein , wenn wir alle unsere Büchsen abschießen ? « sagte mit langsamer Betonung Thaddäus Magyac . Der alte Bauer warf einen jener fliegenden polnischen Blicke auf Slodczek und auf die übrigen , dann sah er gedankenvoll in den Lauf seines Gewehrs , und jener nationale Zug einer gesunden Melancholie lagerte sich auf seinem schmalen Gesichte . » Wir werden zu zeitig auf