Was dürfen wir glauben ? Wo findet der begründete Zweifel Stillung ? Mir ahnt Schreckliches , wenn ich der Erwartungen des Jünglings in bezug auf den Grafen denke , der ein Heiliger , ein Ohnegleichen sein müßte , wenn sich alle Versprechungen erfüllen würden , die mit seinem Auftreten für Caspar verbunden waren . Und erfüllen sie sich nicht , erfüllt sich nur ein hundertstel von ihnen nicht , so prophezeie ich ein böses Ende . Denn ein solches Herz , aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt , aus äußerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen , will alles , fordert das ganze Maß des Glücks oder muß , nur um ein Weniges betrogen , einer ungemessenen Devastation anheimfallen . Ich gestehe , daß mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen Erwägungen gibt ; wie dürfte sich auch mein Mißtrauen an einem so hochgestellten Mann vermessen . Aber man spricht seit heute davon , daß Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle . Frau Behold , die alte Feindin Caspars , trägt das Gerücht in der Stadt herum und verkündet überall mit Schadenfreude , daß aus der englischen Reise und aus den Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei . Wie mir meine Schwester erzählt , habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin Quandt erhalten ; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben Haus mitsammen aufgewachsen . Gott verhüte , daß Caspar von diesem Geschwätz etwas erfährt . Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank verpflichtet , wenn Sie mir darüber genaue Auskunft berichten ließen , damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann , wie es für das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist . Feuerbach an Herrn von Tucher : Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit Rechnung tragend , teile ich Ihnen hierdurch mit , daß Sie Ihres Amtes als Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind . Eine gleichzeitige Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form bekanntgeben , wie auch weiterhin die Verfügung , daß Caspar dem Grafen Stanhope zu überlassen sei ; freilich einstweilen nur der Form nach , denn bis die schwierigen und verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben werden , soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden ; Lord Stanhope hat während dieser Zeit für seine zweckmäßige Erziehung und Verpflegung zu sorgen , ich selbst werde in Abwesenheit des Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen . Am siebenten des Monats wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen , ein energischer Beamter , der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für die Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist . Seine Lordschaft , Graf Stanhope , hat sich in letzter Stunde entschlossen , einer Handlung , die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen soll , fernzubleiben , und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung . Ich sehe keine Schwierigkeit darin , Caspar von der veränderten Lage der Dinge zu unterrichten , und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes für übertrieben . Ich selbst werde dieser Tage eine längst vorbereitete Reise nach der Hauptstadt antreten , ich hoffe bei dieser Gelegenheit eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars endgültig herbeizuführen . Baron Tucher an den Präsidenten Feuerbach : Eurer Exzellenz die untertänige Nachricht , daß der plötzliche Tod meines Oheims mich zwingt , die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen . Ich habe die Obsorge für den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn Bürgermeister Binder und Herrn Professor Daumer übergeben und es ihnen anheimgestellt , Caspar hier zu belassen oder für die restliche Frist seines Aufenthaltes in der Stadt zu sich zu nehmen . Eine Mitteilung über das Bevorstehende oder auch nur eine Andeutung ist von meiner Seite aus gegen den Jüngling noch nicht erfolgt , und ich muß ohne Hehl bekennen , daß mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon abhält . Caspar glaubt noch steif und fest daran , daß er mit seinem erlauchten Beschützer nach England oder Italien reisen soll ; ihm erscheint eine , wenn auch nur zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmöglichkeit , und derjenige , der ihm eine solche Kunde überbringt , müßte eine göttliche Überredungskunst besitzen , um ihn mit den neuen Umständen zu versöhnen . Meinem unmaßgeblichen Erachten nach ist es ein Fehler , den Knaben wiederum in enge Verhältnisse zu bringen , die ihn niemals werden befriedigen , seinen Durst nach Leben und Betätigung nicht werden stillen können . Der Hang seiner Ideen hat eine verhängnisvolle Anmaßung gewonnen , er ist dem Kreis friedlicher Bürgerlichkeit entwachsen , sein Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null , alle seine Gedanken , sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet , und wenn nun Graf Stanhope von ihm gehen wird , dann bin ich sicher , daß er einen unglücklichen Gesellen , ein unnützes und bedauernswertes , aus jedem sozialen Zusammenhang gelöstes Glied der menschlichen Gesellschaft zurücklassen wird . Wenn es der eigentliche Wesenszug der Fürstenkinder wäre , daß sie dem privaten Leben untauglich und hilflos gegenüberstehen , dann allerdings wäre Caspar ein Auserwählter unter den Prinzen . Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal noch , und es wird ein Mann aus ihm , der eine Krone zu erwerben vermag , wenn es auch eben keine Fürstenkrone ist . Für mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr abgeschlossen , und was auch immer ich an Enttäuschung und Bitterkeit daraus gewonnen habe , sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und Menschengeschäfte gegeben , den ich für mein ferneres Leben nicht missen möchte . So muß eben jeder auf seine Weise bezahlen . Daumer an den Präsidenten Feuerbach : Ich fühle mich verpflichtet , Eurer Exzellenz von den Ereignissen der letzten Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen , insoweit eben Wahrheit auf zwei Augen ruht . Vielleicht klingt vieles von dem , was ich zu berichten habe , so ungewöhnlich , daß ich mich fragen muß , ob ein Mann , der den übeln Ruf eines nicht ganz nüchternen Kopfes genießt , die geeignete Person ist , solche Vorfälle zu beschreiben . Aber die strenge Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am wenigsten zu fürchten ; wenn ich sachlich bin , wird die Sache für sich selber sprechen , und meiner Hand bleibt nur die Aufgabe , die Reihenfolge der Begebnisse festzuhalten , was freilich nicht immer ganz leicht sein mag . Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit , daß er wegen eines Todesfalles verreisen müsse . Schon vorher hatte er mich wie auch Herrn Binder gebeten , die Aufsicht über Caspar zu führen so lange , als der Jüngling noch in Nürnberg bleiben müsse . Da mir dies befremdlich erschienen war , ließ Herr von Tucher durchblicken , die an höherer Stelle beliebte Umgehung seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot . Er meinte das Schreiben Eurer Exzellenz , durch welches ich , halb wider Willen , bewogen wurde , Caspar aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu beschäftigen . Dies hat Herr von Tucher sehr übel aufgenommen Ich gab mir keine Mühe , den stolzen Mann andern Sinnes zu machen , auch vermute ich zu seiner Ehre , daß dies Betragen noch eine ernstere , menschliche Regung habe , denn als ich ihn fragte , ob er Casparn schon eine Andeutung über die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel gemacht , wich er aus und entgegnete hastig , er wolle dies mir überlassen , der ich doch eines gewinnenderen Zuredens fähig sei und bei Caspar mehr Vertrauen genieße . Am Nachmittag beschloß ich , zu Caspar zu gehen . Als ich in sein Zimmer trat , las er die christliche Andacht des Tages . Er schaute heiter von dem Buch empor , blickte in mein Gesicht und , Seltsameres ist nicht zu denken , im Nu überzogen sich seine Wangen mit leichenfahler Blässe . Es war mir schwül um die Brust , ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg ängstlich . Ganz und gar vergaß ich die übernommene Rolle , ich fühlte bloß mit ihm , ich sah , daß er alles , was ich ihm zu sagen hatte und weswegen ich gekommen war , von meinen Augen abgelesen hatte , die unbewußte Furcht mußte wohl in seinem Innern geschlummert haben , anders kann ich es auf natürlichem Weg nicht erklären , ich fühlte , wie plötzlich die Wurzeln seines Herzens aufgerissen wurden . Er erhob sich , er schwankte , ich wollte ihn halten , er gewahrte mich kaum , er schien völlig betäubt . Ich folgte ihm bis zum Bett , er warf sich darauf hin , krümmte den Körper und fing in einer solchen Weise zu weinen an , daß mir das Mark in den Knochen gefror . Noch war nichts geschehen , es konnte noch alles gut werden ; so bildete ich mir ein und ließ es an tröstlichen Worten nicht fehlen , Das Weinen dauerte ungefähr eine halbe Stunde . Dann erhob er sich , schlich in den Winkel , kauerte hin und bedeckte das Gesicht mit den Händen . Ich redete unablässig in ihn hinein , ich weiß nicht mehr , was ich alles vorbrachte . Gegen sechs Uhr abends verließ ich , ihn , und obgleich er bis dahin noch nicht einmal den Mund aufgetan , dachte ich mir , er werde mit der Geschichte schon fertig werden . Ich empfahl dem Diener , sich bisweilen nach Caspar umzusehen , und im stillen nahm ich mir vor , nach ein paar Stunden wiederzukommen , aber es war unausführbar , meine Berufsarbeit nahm mich bis in die Nacht in Anspruch . Als ich von Caspar fortgegangen war , saß er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank , am andern Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer , und wer beschreibt das schmerzliche Erstaunen , das ich empfand , als ich ihn an genau derselben Stelle , in unveränderter Haltung , noch immer die Hände vors Gesicht geschlagen , so sah , wie ich ihn vierzehn Stunden früher verlassen . Das Bett war noch in demselben Zustand , etwas zerdrückt von seinem ersten Draufhinsinken , kein Gegenstand war berührt , auf dem Tisch stand der mit einer dicken Haut überzogene Milchbrei , sein Nachtessen , daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee vom Morgen , und es herrschte eine stickige , ungelüftete Atmosphäre . Der Diener kam , begegnete meiner stummen Frage mit einem Achselzucken , ich wandte mich an Caspar selbst , ich rüttle ihn an der Schulter , ich packe seine eiskalte Hand : nichts , keine Antwort , kein Laut , er schwelt vor sich hin , kaum daß sich seine Augen rühren . So verging wieder eine Viertelstunde , da wurde mirs unheimlich , ich beschloß nach dem Arzt zu schicken , vielleicht habe ich auch dergleichen vor mich hingemurmelt , jedenfalls hatte Caspar verstanden , was ich wollte , denn jetzt regte er sich , hob den Kopf wie aus einer Grube heraus und schaute mich an . Ach , diesen Blick ! Und wenn ich Abrahams Alter erreichte , nie könnte ich diesen Blick vergessen . Das war ein andrer Mensch . Leider liegt es nicht in meiner Natur , eine Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen ; anstatt zu schweigen , begann ich wieder mit Scheintröstungen , aber ich spürte gleich , daß es besser sei , das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch einmal über die verdunkelte Seele heraufzubeschwören ; was mich entschuldigt , ist , daß ich selber ja kaum mit Klarheit wußte , was im Werk war , und daß mich die zermalmende Wirkung von etwas vollständig Unausgesprochenem , deren Zeuge ich war , mehr lähmte und erschütterte als das Wissen darum . Doch will ich Eure Exzellenz nicht durch Betrachtungen verwirren und hübsch in der Ordnung bleiben . Ich hatte schon zuviel Zeit verloren , ich mußte fort . Nach vieler Mühe war es mir gelungen , Caspar zu überreden , daß er sich ein bißchen niederlege , auch hatte er mir versprochen , mittags bei uns zu essen ; das war mehr als ich erwarten durfte , ich ging also beruhigter meinen Geschäften nach , war um halb eins wie gewöhnlich zu Hause , wir warteten einige Zeit , aber wer nicht kommt , ist Caspar . Ich vermutete , er sei eingeschlafen , denn daß er die Nacht über nicht ein Auge geschlossen , hatte ich ihm angesehen , und ohne böse Gedanken ging ich um zwei Uhr wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz , beim Nachhauseweg in der Hirschelgasse nachzuschauen . Das tat ich auch , es war halb fünf und dämmerte schon stark , als ich am Tucherhaus war , aber wie wurde mir , als mir der Pförtner mitteilte , Caspar habe schon um zwölf Uhr das Haus verlassen und angegeben , er gehe zu mir . Ich war wie vor den Kopf geschlagen ; neben aller Verantwortlichkeit durfte ich auch die begründetste Sorge für den armen Menschen hegen ; ich lief in meine Wohnung , da hatte sich kein Caspar blicken lassen , ich schickte die Schwester zum Bürgermeister , die alte Mutter sogar machte sich auf die Beine um bei einigen Bekannten nachzufragen ; währenddessen beriet ich mit dem Kandidaten Regulein , und als meine Schwester Anna binnen kurzem zurückkam und wir gleich an ihrem Gesicht merkten , daß sie nichts erfahren hatte , schien es geboten , ohne Verzug die Polizei zu unterrichten , die ja im Fall eines Unglücks mitschuldig war , da man die Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlässigt hatte . Ich gab hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen , als sich die Tür auftat und Caspar auf die Schwelle trat . Aber war er es wirklich ? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen . Ich mache mich keiner Übertreibung schuldig , wenn ich versichere daß wir alle den Tränen nahe waren . Ohne sich umzusehen und ohne zu grüßen , schritt er mit sonderbarer Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch , nahm auf dem Holzsessel Platz , stützte das Kinn in die Hand und schaute mit unverwandtem Blick regungslos ins Licht der Lampe . Wir waren alle drei wie verzaubert , und meine Schwester sowie der Kandidat gestanden mir später , daß ihnen ganz fröstlich zumute gewesen sei . Mittlerweile war auch meine Mutter zurück gekehrt ; sie war die erste , die an den Tisch trat und Caspar fragte , wo er gesteckt habe . Er gab keine Antwort . Meine Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu können , sie nahm ihm den Hut vom Kopf , strich mit der Hand über seine Haare und suchte ihn mit leiser Stimme seinem Brüten zu entreißen . Ganz vergeblich ; er schaute immer nur ins Licht , immer ins Licht , die geöffnete Hand an der Wange , das Kinn über dem Daumen . Ich sah mir ihn jetzt genauer an , indem ich mich unauffällig näherte , jedoch sein Antlitz verriet nichts als einen unbeweglichen , gar nicht einmal schmerzlichen sondern starren , fast stupiden Ernst . Meine Mutter fuhr fort , in ihn zu dringen , er solle doch sagen , wo er herkomme und wo er gewesen sei . Da sah er uns alle der Reihe nach an , schüttelte den Kopf und faltete bittend die Hände . Wir beredeten uns nun , daß Caspar in unserm Hause bleiben und da übernachten solle ; wir hatten , um das Aufsehen wegen Caspars Verschwinden gleich wieder zu ersticken , die Magd zum Bürger meister geschickt , auch zu den andern Leuten , die wir schon inkommodiert hatten , und meine Mutter ging in die Küche , um fürs Abendessen zu sorgen , da erschien der Tuchersche Diener , erkundigte sich , ob Caspar bei uns sei , und als wir dies bejahten , sagte er , er solle gleich nach Hause , der Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wäre da und Caspar müsse noch am Abend mit ihm abfahren . Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter unerwartet , nur daß die Sache gar so eilig sein sollte , versetzte mich einigermaßen in Wallung , und ich war unüberlegt genug , dem Menschen eine scharfe Antwort zu geben ; wenn ich mich recht erinnere , so sagte ich , der Herr Polizeileutnant möge sich doch gedulden , es sei ja nicht ein Sack Kartoffeln zu expedieren , den man holterdiepolter auflade . Meine Erregung muß jedem verständlich erscheinen , der das Vorhergegangene in gerechte Erwägung zieht , es kamen mir aber doch Bedenken an , ich ärgerte mich nachher über meine Unbesonnenheit und veranlaßte den Kandidaten Regulein , daß er ins Tuchersche Haus gehe , um mit dem Herrn aus Ansbach zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklären . Das wäre soweit ganz gut gewesen , nur passierte dabei die Fatalität , daß der Kandidat , der etwas redseliger Natur ist und der froh war , den Fremden mit irgend etwas unterhalten zu können , dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem Verschwinden Caspars brühwarm hinterbrachte , woraus sich denn später der peinlichste Auftritt ergab . Es war schon sieben , als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde , der Kandidat war noch nicht zurück , wir nahmen alle Platz und waren nun wieder einmal , wie in früheren Zeiten , mit Caspar ganz unter uns . Aber wie anders waren die Zeiten , wie anders Caspar ! Ich mußte mir den Menschen beständig ansehen , wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß und lustlos in der Grütze löffelte . Seine Blicke waren jetzt unruhig , und bisweilen überlief ein Schauder seine Haut . Lange konnte ich mich solchen Betrachtungen nicht überlassen , denn gegen viertel acht wurde mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen , Anna lief hinunter , um zu öffnen , und alsbald erschien ein Offizier in Gendarmenuniforrn , und bevor er noch seinen Namen nannte , wußte ich natürlich , wer es war . Caspar war bei dem grellen Glockenlärm stark zusammengefahren . Hinzufügen muß ich noch , daß die vorher erwähnte Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gespräch mit dem Kandidaten im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehört hatte ; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die Türe , und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden , wurden seine Wangen wieder genau so tödlich fahl wie tags zuvor , da ich in sein Zimmer gekommen war . Ich kann mir , wenn ich die Tatsachen im Zusammenhang gegeneinander halte , keine andre Erklärung denken , als daß Caspar alles das , was sich nun seit vierundzwanzig Stunden abspielte , von innen aus erriet , sozusagen durch ein inneres Gesicht , und daß er der äußeren Bestätigung durch die Ereignisse gar nicht mehr bedurfte , denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund , die ich nur mit der schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann . Ich selbst war nachgerade so benommen , daß ich , wie ich fürchte , Herrn Hickel mit einer unfreundlich wirkenden Kälte empfing . Glücklicherweise schien dieser keine Notiz davon zu nehmen , und nachdem er sich gegen meine Damen verbeugt , wandte er sich an Caspar und sagte mit einem Ton der Überraschung , der freilich nicht ganz aufrichtig klang : » Das ist also der Hauser ! Ist ja ein ganz ausgewachsener Mensch , mit dem wird sich ja reden lassen . « Caspar schaute den Mann groß an , und zwar mit einem finster prüfenden Blick , in dem durchaus nichts Wehleidiges oder Jämmerliches war . Es entstand nun ein allseitiges Schweigen ; ich überlegte mir , wie ich es anstellen könnte , damit Caspar die Nacht über noch in meinem Hause bleiben könne , denn in seinem Zustand ihn einem Fremden zu überlassen erschien mir unratsam . Ich erklärte mich Herrn Hickel mit offenen Worten , er hörte mich ruhig an , sagte aber dann , er habe gemessenen Auftrag Caspar gleich mitzunehmen , es sei keine Zeit zu verlieren , die Sachen müßten noch gepackt werden und der Wagen stehe schon bereit . Meine Schwester Anna , unbändig wie sie ist , rief mir zu , ich solle mich darum nicht kümmern , zugleich trat sie , wie um ihn zu schützen , an Caspars Seite . Herr Hickel lächelte und sagte , wenn uns soviel an einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu besprechen hätten , sein Ton war dabei so beziehentlich , daß ich stutzig wurde , wolle er nicht den Spielverderber machen , ich müsse mich aber verpflichten , Caspar Punkt neun Uhr zum Tucherschen Haus zu bringen . Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte , ob denn die Sache um Gottes willen so dringend sei , daß er in die Nacht hineinreisen wolle . Herr Hickel zuckte die Achseln , schaute auf die Uhr und antwortete kalt , ich möge mich entschließen . Jetzt begann Caspar zu sprechen , und mit einer Stimme , deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues war , sagte er , er wolle sogleich mitgehen . Wir sahen aber alle , daß er vor Erschöpfung zitterte und daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte . Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben , Herr Hickel , der bei Caspars Worten abermals gelächelt hatte , o , ich kenne dieses Lächeln ! wie oft hat es mir die Schamröte ins Gesicht getrieben , kehrte sich gegen mich und sagte : » Also um neun Uhr , Herr Professor , « und zu Caspar gewandt , erhob er den Finger und sagte schalkhaft drohend : » Daß Sie mir ja pünktlich sind , Hauser ! Auch muß ich wissen , wo Sie sich den Nachmittag über herumgetrieben haben . Lassen Sie sich beileibe nicht einfallen , mich anzulügen , sonst gibts was . Da kenn ich keinen Scherz . « Grüßend ging Hickel und ließ uns in einem Zustand von Empörung , Zweifel und Unruhe zurück . Das alles nahm sich ja schlimmer aus , als es die ärgste Befürchtung malen konnte . Besonders die letzten Worte des Leutnants hatten mich wie auch meine Angehörigen mit Schrecken erfüllt . Was sollten wir von der Zukunft Caspars denken , was von seinem Glück erhoffen , wenn Drohungen von so brutaler Art unverhüllt auftreten durften ? Das Herz war mir schwer geworden . Doch war zu grübeln nicht die Zeit . Ich beschloß , zum Bürgermeister zu gehen und mich mit ihm zu beraten . Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet , sie führte Caspar hin , er sank nieder , und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen , so schlief er auch schon . Indes ich mich zum Fortgehen anschickte , läutete es , und Herr Binder kam selbst . Ich verständigte ihn in Eile von dem Vorgefallenen , er war höchlichst befremdet von dem Auftreten des Ansbacher Herrn , und da er es für tunlich hielt , mit diesem selbst zu sprechen , forderte er mich auf , ihn zu begleiten . Wir überließen Caspar der Obhut der Frauen und gingen in die Hirschelgasse . Es hatten sich trotz der Abendstunde eine Menge Menschen hauptsächlich aus der niederen Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden , die , ich weiß nicht durch welche Umstände , von der bevorstehenden Abreise Caspars unterrichtet waren und teils laut , teils murrend ihre Mißbilligung ausdrückten . Als wir die Tür von Caspars Zimmer geöffnet hatten , bot sich uns ein sonderbarer Anblick . Die Kommodeschubladen und Schränke waren vollständig ausgeräumt ; Wäsche , Kleider , Bücher , Papier , Spielwaren , alles lag wüst auf dem Boden und auf Stühlen , und Herr Hickel kommandierte den Diener , der damit begonnen hatte , die Sachen ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen Kiste unterzubringen . Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken las , sagte er lächelnd , als ob es sich um eine Schmeichelei handle , jetzt fange ein neues Regiment für den Findling an , jetzt werde alles an den Tag kommen . Mit finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder , was er damit meine , was denn eigentlich an den Tag kommen solle ; zugleich gab er sich unter Nennung seines Namens zu erkennen . Herr Hickel geriet in Verlegenheit ; mit einigen nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort ; er behauptete , Caspar zu lieben ; es sei ihm nur darum zu tun , den jungen Menschen vor falschen Illusionen zu bewahren . Da stieg mir das Blut zu Kopfe , und ich antwortete , wer denn anders solche Illusionen erzeugt und genährt hätte als gewisse Herrschaften , die sich nun aus dem Staub zu machen schienen ; erst schmücke man den Arglosen mit einem festlichen Kleid , und wenn er dann darin herumzuspazieren wage , sehe man einen gefährlichen Überhebling in ihm . Das begreife wer wolle , ein solches Spiel sei verdammungswürdig . Das war heftig , war unvorsichtig , es sei gestanden , doch muß ich hinzufügen , daß mich die ironische Ruhe des Polizeileutnants aufreizte . Um so verblüffter war ich , als er mir nun in jedem Punkt beipflichtete , sich aber auf keine weitere Erörterung einließ und sich wieder zu dem Diener kehrte , indem er Eile vorschützte , da er nicht in so später Nacht abreisen wolle . Herr Binder bemerkte ihm darauf , daß die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden könne , Caspar bedürfe der Ruhe , die Verantwortung sei er bereit auf sich zu nehmen . Herr Hickel versetzte , das sei unmöglich , er habe strikten Befehl und müsse auf seiner Anordnung bestehen . Wir waren ratlos . Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns Schweigende spöttisch-erwartungsvoll an . Da vernahmen wir Schritte , und als wir uns umwandten , die Türe stand offen , sahen wir Caspar und hinter ihm meine Schwester . Anna flüsterte mir zu , Caspar sei kurz nach unserm Fortgehen erwacht , er habe erklärt , mit dem fremden Mann gehen zu wollen , und sich durch keinen Einwand zurückhalten lassen ; so habe sie ihn denn begleitet . Caspar schaute sich forschend um , dann sagte er , zu Herrn Hickel gewandt : » Nehmen Sie mich nur mit , Herr Offizier . Ich weiß schon , wohin Sie mich bringen wollen , ich fürcht mich nicht . « Es war in diesen Worten , so wenig Besonderes sie enthielten , ein wunderbarer Antrieb und das , was man Haltung nennt , und ich kann nicht verhehlen , daß ich durch sie aufs tiefste bewegt wurde . Ich hätte viel darum gegeben , wenn ich Caspar jetzt eine Stunde lang für mich allein hätte haben können . Der Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude über die unvermutete Wandlung nicht und antwortete lachend : » Na , fürchten , Hauser ! Warum nicht gar ! Es geht ja nicht nach Sibirien ! « Er näherte sich nun dem Jüngling , legte beide Hände auf dessen Schulter und fragte : » Jetzt seien Sie einmal ganz offen , Hauser , und sagen Sie mir ohne Umschweife , wo Sie den Nachmittag über gesteckt haben ? « Caspar schwieg und besann sich , dann entgegnete er dumpf : » Das kann ich Ihnen nicht sagen . « - » Ja wie denn , was denn , was soll das heißen , heraus mit der Sprache ! « rief der Leutnant , und Caspar darauf : » Ich hab was gesucht . « - » Ja , was denn gesucht ? « - » Einen Weg . « - » Zum Donnerwetter , « begehrte Herr Hickel auf , » spielen Sie mir kein Theater vor und machen Sie keine Flausen , sonst werde ich Ihnen zeigen , was die Glocke geschlagen hat . Wir in Ansbach werden Ihnen nicht auf das aberwitzige Wesen hereinfallen , das lassen Sie sich nur gesagt sein . « Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie begreiflich sehr empört . Aber Herr Hickel zeigte keine Lust , sich zu rechtfertigen , er befahl Caspar in knappen Worten , sich fertigzumachen , in einer halben Stunde werde er fahren . Währenddem kamen der Baron Scheuert , der Assessor Enderlin und andre Bekannte Caspars , die von der Abreise gehört hatten und ihm Lebewohl sagen wollten ; ich hatte keine Zeit mehr , nur drei Worte mit ihm zu wechseln , binnen kurzem waren wir alle im Hausflur versammelt . Die Menge auf der Straße hatte sich vermehrt , in der Dunkelheit sah es aus , als ob ganz Nürnberg auf den Beinen sei . Die Zunächststehenden stießen drohende Reden aus , Herr Hickel forderte vom Bürgermeister , daß er die Wache aufziehen lassen solle , doch eine solche Maßregel erklärte dieser für überflüssig , und in der Tat genügte sein bloßes Erscheinen , um die Ruhe wiederherzustellen . Als Caspar zum Wagenschlag trat , rannte alles zuhauf , jeder wollte ihn noch einmal sehen . Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren erleuchtet und Frauen winkten mit Tüchern herab . Die Kisten und Vachen waren aufgebunden , der Kutscher schnalzte , die Pferde zogen an - und fort war er . Überzeugt , daß Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gönnern des Jünglings gehören , fühlte ich mich im Innersten gedrängt , Ihnen über diese Vorfälle genauen Bericht zu erstatten . Nur einige Stunden sind seit den erzählten Begebenheiten verflossen , es ist weit über Mitternacht , die Feder will meiner Hand entsinken , aber ich durfte keine Frist verstreichen lassen , um nicht selber zum Fälscher meiner Erinnerung zu werden . Wo die Verleumdung so unermüdlich am Werk ist , soll auch der