und daß immer ihre Rufe sehnsüchtig klängen . » Ja , was ist Sehnsucht ? ! « sagte dann Einhart , sehr ins Nachsinnen verloren , den des Alten Weisheit innig entzückte . » Ja , mein lieber Herr Malersmann , « erwiderte dann der weißbärtige , breitbeinigstehende Kapitän , » wie soll ich Ihnen das wohl erklären ? Sehen Sie , wenn ein Mensch nicht Sehnsucht hat , ist er eben ein langweiliger Schmeerbauch , « sagte der Alte listig und zog dabei seine gelbe Weste straff , um seine zähe Leibesgestalt zu zeigen . » Ich bin immer hübsch mager geblieben . Und hatte immer brennende Sehnsucht nach tausend Dingen draußen . Nun gar , wo ich nicht mehr zur See fahre . Brennende Sehnsucht ! Was Sehnsucht ist , wollen Sie von mir wissen ? Sehnsucht , das ist überhaupt der Lebenstrieb sozusagen . Sehnsucht - - ja - - das ist überhaupt die Begierde nach dem wahren Leben . Sehnsucht , das ist das einzige Zeichen , daß man noch nicht erstarrte , sozusagen ! Na überhaupt , wer wohl sagen könnte , was Sehnsucht ist ? « sagte der alte Jens mit Nachdruck . Aber Einhart begriff trotzdem , was Sehnsucht ist . Johanna begriff es auch . So standen sie oft unter dem Holzbogen und den hängenden Rosen , die den ganzen Juli und August blühten . Und wenn sie mit dem alten Kapitän im Segelboote gegen Abend auf die spiegelnde See hinausfuhren , fühlten es beide heimlich noch mehr . Es war ein wahres Entzücken für Johanna und Einhart , so hinzuschießen über das drängende Wogenspiel in die hereinsinkende Sternennacht . Man hatte die Augen weit in die Ferne und hoch in die Nacht gewandt . Man sah nach rückwärts die silbernen Flutgarben rieseln . Man lehnte sich im Teerkittel an die Bootsplanke zurück , weil das Fahrzeug jenseits fast ins Wasser strich . Man sprach kein Wort . Man hörte die Wellen rauschen und gluckern und zerbersten . Und manche Woge kam unschuldig drängend heran , ehe sie mit Gewalt an Einhart und Johanna heransprang . Daß man das kleine , schluchzende Lachen Johannas mitten in das Wasserschäumen hörte . Einhart hatte dann wohl einen Schmerz heimlich dabei , weil das Lachen noch immer klang wie früher . Nur daß es jäher abbrach , wie sich ebenfalls an etwas Vergangenes erinnernd . Es war eine Zeit , die halbgefühlt forteilte . Und die Sehnsucht ging und kam ungesehen . Dann kam es auch , daß Johanna am Ende dieser Zeit zu kränkeln begann . Sie war ohnehin immer sehr zart . Und die allzu kräftige Luft am Nordmeere hatte ihr zuerst schon den Schlaf geraubt . Einhart war sehr böse immer , daß sie nicht gleich alles tat , um zu Schlaf zu kommen . Aber sie war darin unverständig wie alle Frauen . Und sie hatte also die kleinen Mittel , die er manchmal anwandte , um zu große Regsamkeit einzuschläfern , immer noch bittend ausgeschlagen . Bis auch große Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natürliche Sanftheit kam . Johanna war gegen das Augustende wirklich in einem Zustande von Schwäche . Auch ein leichter Husten plagte sie . Einhart versuchte jetzt alles mögliche . Er ließ Früchte und Leckeres kommen . Auch Frau Kapitän Jens , die an einige Heilmittel felsenfest glaubte , versuchte zu helfen . Sie hatte sogar einen alten Fischersmann mit einer mächtigen Hakennase und Lederbacken voll harter Stoppeln und harten , langen , schwieligen Händen zum Besprechen der Krankheit einmal heimlich und sehr feierlich an Johannas Bett treten lassen . Nichts hatte geholfen . Der Sommeraufenthalt endete schlimm . Man konnte mit knapper Not in die Stadt zurückfahren . Der Brief Einharts an Poncet , worin er ihr Kommen ankündigte , klang schon sehr sonderbar . Einhart schrieb , daß er nicht wüßte , was denken ? Daß Johanna einfach nichts mehr wäre , ganz und gar nicht mehr Johanna , nur ein Schemen von Johanna , nur ein bleiches , liebliches Schemen . Nun , wie sie dann ankamen , Johanna in viel Kissen gebettet , da sah auch Poncet , daß es die einstige Johanna nicht mehr war . Sie lächelte ihm sehr freundlich zu . Sie reichte ihm die kleine , welke Hand wie einem guten Freunde . Poncet war ganz nur Güte und Erschrockenheit , und seine Art jetzt hatte Wahrhaftigkeit genug . Das sah Einhart . Und Einhart war kein Mensch , der sich dünkte , Sünden vorwerfen oder vergeben zu können . » Wir alle begehen sie , ein jeder auf seine Weise . Und vergeben tut sie der Tod und das dahinter , « sagte er . » Eine Schuld gegen mich , lieber Poncet ! « sagte Einhart , wie Poncet sich noch einmal wieder vor ihm allein seiner langen Heimlichkeit wegen anklagte . » Das Aufrichtigsein ! - - ja , ja ! - - wenn das immer so einfach wäre , und die Seelen nicht doch manchmal wie harte Mauern . Aufrichtigkeit ! natürlich - sehr schön ! es ist immer eine hohe Forderung . Eben weil sie oft gegen manche mächtigeren Umstände vergeblich streitet . « So hatte Einhart tatsächlich alles Vergangene noch vollends gegen Poncet in Vergessenheit gebracht . Und Poncet und Einhart waren wieder Freunde , und wie Freunde um Johanna . Und Johanna saß bleich und abgemagert in ihren Betten , hatte ihre Eulenaugen jetzt wie eine kleine Hungrige aufgetan und konnte beide manchmal aus einem langen , lautlosen Insichsein plötzlich seltsam anlächeln . 15 Einhart schaute die Seele der Dinge . Und er kannte keine Gebote und keine Verschuldungen . Er sagte es immer wieder , daß die Seele der Dinge alles Geheimnis einschlösse , unbegrenzt und frei . Und daß nichts weit und grenzenlos bliebe , auch im Menschen , wenn nicht seine Seele . » Das ist ein großer Geist , « konnte er von dem oder jenem sagen , der sich in der Kunst ausgesprochen , » und eine kleine Seele . « » Der Geist ist immer Sklave , « sagte er . » Die Seele ist das Ungebundene in uns und überall . « Er sagte auch : » Dein Geist und deine Entschlüsse und dein Wille und was weiß ich ? flattern wie Möven ängstlich , und halb eigen , halb von irdischen Winden getrieben , über das große , freie , unbegrenzte , wogende Meer Seele . « Und er lächelte auch immer und sagte : » Wo wir Schauenden und Schaffenden es schöpfen sollen ? Dort , wo die großen Ahnungen anwogen und unsere Ufer bedrängen . Und wer könnte wohl sagen , welche treibende Woge ? « » Seele « schaute er . » Die Welt ist Seele , « sagte Einhart . Er philosophierte aus seiner Herzschau . » Die Welt ist Seele . Nicht , wie die Alten gesagt : die Welt ist Vernunft . « » Gar nicht Vernunft ist sie , « sagte Einhart . » Nun gar das , was wir mit dem Gran Rechensinn , dem Verstande , können und erkennen . Diese Triebe sind die schlimmsten Flüchtigen , die begrenzter noch wie Möven und kleine Seeschwalben flattern , nur hinschießen auf den Bissen und dann verjagt sind , morgen schon andere . « » Nichts dergleichen ! « sagte er , » nur Seele ! das weite , tiefe , wogende Meer . Die große , grenzenlose Flut . Auch in uns ist Seele allein die Kraft und allein die Erneuerung . Wenn wir von unseren Erstarrungen uns wieder jung waschen wollen , wohin sollen wir tauchen ? In unsere Seele . « Einhart erschaute sich immer mehr das mächtige , reiche Unbekannte in sich und der Welt , aus dem alle Frühlinge wie eine flüchtige Phantasmagorie auftauchen , und alle Schönheit in Leib und Auge , und alle Liebe ins Blut . Und Einhart schaute Seele und war Seele . Das konnte man in der Zeit erleben , wo Johanna in dem Winter daheim sich ganz und gar nicht erholen konnte . Auch Poncet hätte es jetzt voll begriffen , wenn er es nicht schon gewußt hätte . Poncets Organ war gemeinhin immer das Wissen , womit er sich viele Menschen und Dinge scheinbar nahe brachte , und das Einhart tatsächlich nicht kannte . Aber Poncet liebte jetzt die Weise , wie Einhart mit der Seele der Dinge und der Menschen umging . Poncet hatte längst auch angefangen , sich zu sehnen , ins Meer der großen Ahnungen einzutauchen und aus aller engen , irdischen Notdurft heraus dem ursprünglichen Quelleben sich zu nahen . Einharts Wesen war in diesen Wintertagen voller göttlichen Frohsinns . Er hätte können auch traurig sein , ergriffen von dem Anblick Johannas . Johanna war bleich wie ein zarter Engel . Sie hustete viel . Ihre Hände waren wie weiße Hände einer Heiligen . Ihr Lächeln war ein wundersames Aufflattern , körperlich schwach und gebunden , wie ein verschlafener Falter im Winter , der , vom Sonnenstrahl aufgeweckt , hastig flattert , nicht um zu fliegen . Aber Einhart war nicht traurig . Johannas Bett stand im Atelier fast mitten . Sie saß in feinen Kissen , weiß in feine Spitzenleinen gehüllt . Ihre Eulenaugen waren im bleichen Gesicht noch tiefdunkler und sehr groß . Und man fühlte , daß ihre Seele viel ruhelos schweifte . Eine große , unbegrenzte Frage sprach aus ihrem Augenglanz . Die Wangen waren abgezehrt . Der Mund rosig und blank . Wie Perlen die kleinen , jungen Zähne . Und das Lachen oft nur abgerissen , jäh . Wenn auch die Seele aus den Augen noch für sich lange wie verlegen zu lächeln schien . Einhart lachte zärtlich um das Bett herum . Er mußte seine Staffelei so stellen , daß Johanna alles sah , wenn sie neu aus ihrem Hindämmern die neugierigen Blicke auf der Leinwand ruhen ließ . Das war durchaus ihr Wunsch . Einhart malte jetzt allerlei Schalksgeschichten voll bunten Lebens . Und wenn Poncet hinzukam , stand er oft lange neben Einhart stumm . Als wenn er es erhören könnte jetzt , so däuchte es ihm , wie in Johanna die Möven und Seeschwalben der Wünsche und des Wollens immer noch hinflogen über eine weite Wogenwelt , nur jetzt rein geworden , wie aus der Göttin Händen aufgeflogen . Einhart war immer arglos heiter auch vor Poncet . Nur wenn der Arzt kam , begannen sich in den fragenden Augen Einharts tiefe Ängste zu erheben . Aus seinem Dunkelblick konnte es auch wie Trotz manchmal aufspringen , wenn Johanna schlief , und er mit Poncet allein einen Augenblick die Zukunft ermaß . Da war Härte und Anklage in jähem Aufwallen und Verwünschung um eine hinschwindende Seligkeit in ihm flüchtig lebendig , mit ängstlichem Sorgenblick nach der Schlafenden hin . Poncet war in solchen Zeiten der Tröstende . Er log dann sogar . Er meinte noch immer , daß der Frühling es bringen könnte , was der Winter versagte . Poncet erwies sich in der Zeit als Freund . Er , in dem immer noch nicht die Schuld ganz getilgt war , daß sie manchmal in ihm heimlich aufbrannte und sein Wesen in eine fremde Sanftheit in dem leise durchatmeten Raume wandelte . Einhart sagte oft zu Poncet heimlich : » Ist Johann nicht schon wie eine Vergessende ? Rein und grenzenlos ? Ihr Lachen klingt mir manchmal , als wenn es von jenseits des Meeres noch zu mir dränge . Ich könnte weinen und lachen zugleich , wenn ich es höre . Ich könnte beständig sitzen und harren auf diesen überwindenden Laut . « So war es . Johanna zog schon hinaus . Sie zog schon mit hohen Masten auf dem weiten Meere und konnte ferne sehen und tief hinein ins eherne Klare . Sie war nicht zurückzuhalten . Es konnte wie ein Prunken hart aus ihren Worten die Wahrheit gehen . Und wie ein Festzug aus ihrem Gefühl ihre Losgebundenheit von allem . Obwohl sie immer leise und lieblich sprach , nicht laut . Solche seltsame Gehaltenheit drang aus ihr auf . Aus ihren Träumen manchmal , auch aus bloßen Träumereien oft , die Einhart und Poncet gleich unbarmherzig anrührten wie eisige Geschenke . 16 Und solche sonderbare Zeichen kamen immer mehr . Johanna war gegen den Frühling viel wach mit weiten Augen . Sie redete viele Dinge ohne alle Scheu . Das war für Einhart allmählich noch eine rechte Prüfung . Wenn Johanna Einharts Hände manchmal in ihre schlanken , bleichen , kaum noch schweren Hände nahm , sann sie allerlei Geheimnis nach , besonders dem Laufe ihres eigenen Lebens . Sie war in solchen Momenten eigentümlich streng . Sie fragte dabei nach niemand , der hinter ihren Erkennungen zurückblieb . Einhart hatte jedesmal , wenn in Johanna solche Anwandlungen aufkamen , ein Gefühl , wie wenn eine ganz Unbekannte und Fremde vor ihm läge . Ihre Hände hielten sich bleich und heiß in seiner Hand , und die Pulse hämmerten sichtlich in den feinen , weißen Schläfen . Einmal hatte sie zu erzählen begonnen und hin und her zu sprechen von Poncet . » Am Meere hat es begonnen , « sagte sie ganz hart . Einhart hatte nur gedacht , daß sie die Krankheit meinte . Wie sie es an Einhart merkte , weil sie jetzt außerordentlich schwach war , daß er die Worte nur gleichgültig hingenommen , versuchte sie lauter und deutlicher zu sein . » Nicht doch ! « sagte sie ein wenig unwillig . » Ich meine das Jahr vorher ! Die Nacht ! Ich meine doch die Nacht , wo du mich einsam am Meere gelassen . Wo du auf den Felsen stiegst , um zu malen . Wo ich mutterseelenallein auf dem Dünenhügel stand und dann ans Meer ganz nahe herantrat , wo die tausend Blutzungen nach mir leckten . « - - » Hu ! « sagte sie noch , wie sie eine Weile geschwiegen . Einhart wußte noch immer nicht recht . » Du kannst es mir glauben , daß es erst damals begonnen ! « sagte Johanna jetzt ganz eindringlich . » Ja , ja , an den Abend erinnere ich mich , « sagte Einhart beteiligt . » Ich weiß schon . Wo ich die Skizze in Purpurfarben malte und dann zu dir ans Meer kam . « » Nein , nein , du kamst nicht . Du kamst ewig nicht . Das war es . Das düstere Meer war unsäglich in seiner Pracht . Unsäglich in seiner herandrängenden Begehrlichkeit ! « » In einer gräßlichen , blutigen Begehrlichkeit , « sagte sie in sich hinein fröstelnd . » Alles war blutig und eintönig herandrängend und eindringend . Ich wäre schließlich doch zu dir geflohen , wenn mich nicht jemand im letzten Aufschrei der Seele gegriffen und meine Lippen lebendig geküßt hätte , bis ich wieder eine Menschenseele ganz fühlen konnte . O ! « Einhart war ganz stumm geworden . » Einhart , « sagte Johanna , » wußtest du das ? « » Nein , « sagte Einhart . » Sei mir nicht böse , Einhart ! « sagte Johanna zärtlich . » Damals war ich noch gesund , « sagte sie in demselben Tone . » Du dachtest nie an solche Not , « redete Johanna dann lächelnd weiter . » Du warst immer nur aufs Verklären aus . Auf die Arbeit . Auf die Kunst . Poncet stand hinter mir . « » Ja , wer kann sagen , warum es mir so süß dünkte , dich zu betrügen mit seiner Liebe ? « sagte sie flüchtig hin . » Ach , Johanna ! « sagte Einhart . » Weißt du . Betrügen ist ein dummes Wort , « sagte Johanna heiter . » Nein , nein , das kann ich dir mit aller Bestimmtheit sagen , daß ich Poncet beständig ersehnt und begehrt hatte . Meine Seele hatte ihn an dem Abend ohne Namen tausendmal gerufen . Er hatte gar keine Schuld . Nicht die geringste . Ich hatte ihn gerufen . Wie ich diese wundersamen Düsternisse anstaunte , die mich blendeten und gräßlich schreckten , hatte ich nach Einem gerufen , der wie ein Räuber furchtlos sein , mich stark anfassen und mich sicher forttragen würde durch die tausend züngelnden Höllenfeuer . Mich ! Mich ! Mich ! « Johanna schwieg lange , ehe sie leise lachte . » Ha , ha , ha , ha , damals war ich noch gesund , « sagte sie vor sich hin . » Poncet mußte mich gehört haben . Mußte es gehört haben , daß ich beständig so gerufen hatte . Er stand zu rechter Zeit hinter mir und preßte seine heiße Glut auf meinen verbleichenden Mund und hüllte seine Seele wie einen Mantel um meine Seele . « » Ja , Einhart ! « sagte Johanna leise . Dann redete Johanna noch leise Worte . » Deshalb war ich immer heimlich an Poncet gebunden in allen Ängsten . Du hast mich damals nicht gehört , Einhart . Du kamst viel später , « sagte sie ganz zärtlich , und als wenn sie nichts gesprochen hätte als arglose Dinge . Sie ließ auch Einharts Hände nicht los . Sie zog die Hände an ihre weiche , fast vergangene Brust . Einhart sah heimlich erschüttert ins Auge dieser wunderlichen Erzählerin , die unter ihren Lebensgeheimnissen hinwandelte und alle verhangenen Bilder in den Sälen ihrer Erinnerung wie gleichgültig enthüllte . » O , du , « sagte Johanna einmal ganz plötzlich , » glaube mir , Einhart , du und Poncet seid aus zwei verschiedenen Himmelsstrichen . Du konntest mir nie zu Hilfe kommen . Aber einmal wird sich dein Kreis auch vollenden , « sagte sie seherisch . » Wer weiß , auf welche Art ? « Zu Poncet war Johanna immer gleich sanft . Aber sie redete jetzt , wo ihre Kräfte mehr und mehr abnahmen , zu ihm nichts Sonderliches . Und ihre Kräfte nahmen wirklich sehr ab . Rapide sogar nach den Aprilwettern . » O ! Einhart ! Einhart ! Einhart ! « rief sie einmal plötzlich klagend und starrte vor sich hin , mit einem Blick , der kaum zu erwecken war . » Was ist dir , Geliebte ? « hatte Einhart ihr zuspringend gerufen , den der Klang tief erschrocken hatte . Aber Einhart kannte jetzt das Geheimnis . Denn alle Dinge sind in dem Schauenden , wenn ihm ihre Seele auch nur einen Hauch gab . Aus solchem Hauche wachsen sie auf in ihm zu klarem , vollem Bilde und Leben . Er sah jetzt alles , wie es immer zwischen Johanna und Poncet gewesen war . - Eines Tages stand Einhart , Johanna beobachtend , stumm am Bette , wo auch Poncet saß . Der Puls Johannas war schwach und klein . Johanna hatte garnichts mehr gesagt . Den ganzen Tag war sie zu schwach gewesen . Nur als Poncet ins Zimmer gekommen , hatte sich Johannas Auge ein wenig aufgetan und dann lange nach ihm hingewandt . Der Husten hatte sie noch geplagt , aber verhältnismäßig gering gegen sonst . Und sie schien danach eine Weile auch wieder ganz ruhig und wie im Traume Zärtliches mit einer murmelnden Lippenbewegung auszudrücken . Dann hatte sie mit großen Augen plötzlich aufgeblickt . Da , wie Einhart so in die bleiche , ersterbende , aufstarrende Johanna hineinsah , erhob sie sich immer höher und mit dem weit aufgetanen Auge , wie wenn eine Nachtwandlerin aufstünde , allein dem Monde noch zugewandt und ganz dahin gerichtet , woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen . - Und jetzt tastete sie mit zitternder Inbrunst nach Poncet , seinen Namen mit letzter Seele flüsternd , suchte und suchte sich an ihn zu drängen , seine Lippen heiß und verzehrt zu erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurühren . - Dann lag Johanna zurückgesunken , nur noch ein Hauch , nachdem sie darnach einen langen , tiefen Atemzug getan , der nicht zu enden schien . Sie hustete nicht mehr . Alle Unruhe und Krankheit schien von ihr genommen . Die Augen abgewandt , doch leicht aufgetan . Nach niemand hatte sie mehr gerufen . Nichts mehr begehrt . Man hatte ihr die trockenen Lippen ein paarmal mit Wein genetzt . Die Hände lagen still wie Blumen . Nach niemandem mehr hatte sie sie ausgestreckt . Poncet und Einhart , die beide wie erstorben aussahen und fröstelten , merkten bald , daß sie vor einer Toten standen . Johanna hatte Leid erfahren , Sünde gelebt und Glück . Die Tote begann lächelnd auszusehen und wie frei schwebend . Einhart bebte . Poncet staunte in die Augen , die noch immer offen standen und doch jetzt leer schienen . » Drücke ihr die Lider zu ! « sagte Einhart bestimmt , aber verhalten . » Nach dir hatte ihre Seele immer verlangt . « Die Freunde umarmten sich und standen dann noch lange stumm versunken vor Johannas Totenbett . Fünftes Buch 1 Es ist lange her . Die Zeit steht nicht still , und der die weichen Flügelschläge ihres Wehens nicht achtet , auch nicht . Und es gibt tief im Menschen Einsamkeiten , wie ferne Öden , darin der Mensch ziellos umirrt . Und die draußen sehen ihn , und nennen ihn doch noch immer mit demselben Namen . Es gibt tief in ihm eine Welt der Trauer , wie in Schemengewändern gehen darin Rätsel um , ewig ist der Blick gebannt in dem Kommen und Verwehen derselben Düsterwesen , und nach außen blicken noch immer dieselben Augen mit einem Lächeln voll Güte und Einfalt , das wie bekannt deucht , und doch nur wie eine Maske eine ganze Welt Verwüstung und Trümmer verhüllt , wo kein goldenes Götterbild ragt , die Säulen zerborsten , die Tempelstufen umwuchert sind , und das Dach von Geiern umkreischt und den Stürmen aus den Tiefen der Sehnsucht offen . Auch in Einhart war es so , daß die Geschehnisse und Dinge der weiten Erde lange nicht den schrillen Laut eigener , einsamer Stille , das Wehen und Jagen der Rätselgesichte , übertönen konnten . Daheim war Einhart trotz allem immer ein süßes Wort . Auch daheim war jetzt verhallt , wie eine Saite , die gesprungen . Herr Geheimrat Selle war nicht mehr . Die Schwestern hatten geschrieben . Aber ehe Einhart herzukommen konnte , war es mit dem letzten Atemhauche des Herrn Selle am Ende gewesen . Nun hatte Einhart nur erst unter einigen Verwandten gestanden , die ihn ganz fremd dünkten : Männer der Praxis , einer ein Richter und einer ein Fabrikant , und einer ein Arzt , und einer ein Geistlicher . Und wie wunderlich ! alle auch untereinander fremd . Keiner dem andern als nur mit feinem Wort und gewohnter Höflichkeit eine flüchtige Minute durch Blick und Geberde verbunden . Nur die Frauen dieser Männer erkannte Einhart wieder . Sie waren alle Mütter geworden . Die Männer alle sahen Einhart mit Bevorzugung an . Auch Rosa , die außermaßen sanft war , rund und behaglich schien , streichelte Einhart . Alle waren für sich und doch auch angesichts der Trauer liebevoll und mit leisen Tönen . Einhart war in einer sonderlichen Entartung aller Gewohnheit . Der Kreis Männer und Frauen in dem Trauerhause , darin auch seine Jugendgefühle einst umgegangen , erschütterte sein Lebensgefühl , wie selten etwas . Einhart konnte so scheinen , als wenn unter all den trauergeschäftigen Menschen , Müttern und Vätern und den Kleinen , die längst jetzt unter ihnen heranwuchsen , und die alle in Dunkelkleidern herumstanden und huschten , er allein ragte , wie ein dunkler , stummer Schmerz , der aus fremden Augen lächelte . Gar nicht anders war Einhart . So erlesen und schlank und gehalten . Und wenn er einen ansah , so scharf fassend mit Blick und Sinn er auch dastand . Einhart war innerlich dem unruhigen Treiben um ihn völlig abgewendet . Als der Tag der Beerdigung herangekommen , war Einhart nicht zum Weinen und Wehklagen , weder im Vaterhause am Sarge , noch am Grabe erschienen . Der Mann Katharinas , der Geistlicher war , hatte eine tönende , klagende Feier in dem Sterbezimmer begonnen . Katharina , die streng und fromm geworden , hatte Gesänge des Leides selbst zusammengesucht . Das Haus widerhallte von Wehmutsliedern . Die Tränen aller rannen . Und einer jeden dieser zerrissenen Seelen war unterdessen unbegreiflich geworden , daß Einhart nicht unter sie getreten war . Auch dann nicht , wie man den Sarg aus dem Hause und weiter in den Gräbergarten hineingetragen . Es war Herbst . Die braunen Blätter trieben sanft um die schwarzen Kleider und wehenden Flöre . Goldene Fäden fingen sich überall . Die behaglichen Muttergestalten Katharinas , Emmas , Rosas und Johannas , eine jede sah sich voll Schmerz und doch heimlicher Verwunderung auch während der tönenden Worte , die schrill in die milchige Dunstluft des Herbstes und in die dunkelgrünen Zypressen am Grabe klangen , nach Einhart um . Einhart war nicht zu entdecken , so daß man , wie man dann ohne den Toten heimgekommen war , ganz irdisch , mit kaum noch freundlichem Vergeben , ein wenig ungehalten redete . Man wartete dann auch am späten Nachmittag unter den schwarzgekleideten Verwandten vergeblich auf den einsam fremdartigen Einhart . Einhart stand noch immer jetzt draußen in Friedhofsnähe , als die Sonne schon tief hinabsank . Die Luft schwamm in sanften Rubinfarben . Die Zypressen ragten längst seltsam schwarz . Einhart hatte alle Schuld neu gefühlt , die der Einsame an denen begeht , die sich nach ihm sehnen . Etwas von dem Sondergefühl heißer Begierde , noch einmal zu der Seele des Toten zu kommen , hatte er empfunden , als er in seines Vaters Totengesicht gesehen . Etwas von der ganzen Klarheit , daß darin ihm , dem einzigen Sohne , viel Liebe ewig verborgen gewohnt , hatte ihn angefaßt mit unbegreiflicher Kraft . Da war es gewesen , daß er plötzlich ungesehen hinausgewandert aus dem Trauergetümmel , und daß er in dem fernen Eichwalde gestanden , und nicht recht aus Netzen und Schleiern , die der Tote um ihn gesponnen , mit denen ihn der Tote mit sich zog , herausgekommen . Und wie nun die Erde eine weite Herbsteinöde mit blanken Goldgespinsten über den Stoppeln dalag , darin mitten der Garten der ewigen Schläfer rosig umflossen dunkel ragte , da hatte Einhart sich endlich wie in sinnlosem Triebe herangemacht , eilig zur Grube , die jetzt ein Totengräber mit magerem , grauem Stoppelgesicht zuscharrte , hatte ihm , dem lächelnden Alten , selber ein wenig mit scharfem Augenglanz lächelnd , das Grabscheit aus der Hand genommen , sagend , daß er der Sohn des Toten wäre , hatte den Alten geheißen und mit einem Geldstücke bewegt , ferne zu gehen , und hatte mit eigener Hand Schaufel um Schaufel auf den Sarg zu werfen angefangen . Und als wenn er allein dem Toten der rückbleibende Hüter und Sorger wäre , ihn sanft und klar in die tiefe Sandhöhle zu betten , worein nicht Sonne noch Mond mehr scheint , hatte er die Erde über dem Sarge wachsen gesehen , und den Erdhügel ins Abendlicht getürmt . Einhart stand dann lange . Die Schweißtropfen rannen ihm ums Auge . Keine Träne fiel . Die Stirn war glühend heiß . Der Blick eilig und innerlich . Einhart war kein feiner Herr jetzt . Er hatte den schwarzen Rock an den Zaun gehangen und stand in Hemdärmeln , wie ein Arbeitsmann auf das Grabscheit sich stützend . Es war ganz einsam in dem Gräbergarten . Auch der alte Gräbermann traute sich nicht heran . Als Einhart endlich wieder die Kühle des Abends wehen gefühlt , war er in innerem Schauen achtlos fortgehastet über die verbleichenden Felder , gleich hin zum Bahnhof und zurück an seinen Ort . Es gab eine Aufregung unter den Schwestern . Wie man Einhart gar nicht wieder gesehen , war man einig geworden , daß man es mit einem unheilbaren Sonderling zu tun hätte . Man war gelinde gesagt durchaus enttäuscht . » Die wenigen Male mit uns ! und bei einem solchen Anlaß ! « hieß es , » und er benimmt sich so ! « Einhart fühlte dann zu Hause in seiner Arbeitsstätte wieder auch etwas Liebloses in seinem Handeln . Deshalb schrieb er an Rosa : » Ich bin ein Einsiedler , geliebte Rosa . Und außerdem bin ich ein Mensch , der über gewisse Dinge im Leben nie hinwegkommt . Ich sehne mich immer nach dem innersten Sinn . Der Sinn ist ein Geschenk , der uns wird aus jeder Trauer , wie aus jeder Freude . Aber den Sinn hört nur der , der ganz einig lebt und hinhorcht . Was mir vorgesprochen wird , tönt mir nur im Ohre , und ist mir wie ein Lärm , der mich stört im Erfassen . Seid nicht böse ! Ich hatte an Vater viel abzutragen . Wie wäre das noch möglich jetzt ? Aber mit Tränen vor den Leuten erst gar nicht . Ich konnte nur einsam noch einmal fühlen , daß dort unter der Erde einer ruht , der ich selber bin , und für den ich sorgen mußte , selber mit eigener Hand , soweit hier unter uns noch für ihn zu tun möglich war . Ihr seid auch desselben Blutes . Deshalb werde ich euch immer lieben müssen . Es ist ein uraltes Geheimnis , alt wie die Hügel , alt wie Steine . Ich glaube , das Blut liebt sich selbst . Wer kann sagen , wie alles zusammenhängt ? Ich fühlte unter euch , daß uns das Leben ganz und gar ferne gebracht . Nichts von dem Trachten eurer Seelen