sie hatten Furcht , daß sie aufdringlich erscheinen möchten , und die Herrschaft denke vielleicht , sie wollten etwas geschenkt haben für das Kind ; da kamen sie am Ende überein , daß die Tochter mit dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit , wo der Herr gewöhnlich geritten kam , dann würde der fragen , und er wollte ihm alles erzählen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind , und das sähe doch dann aus , als sei es bloßer Zufall gewesen . Und wie sie so sprachen , begannen sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem ; und keines , fanden sie , war so prächtig wie das ihre , denn an dem war alles zu bewundern . So gingen am Ende alle schlafen , und wie sie in den rundlich gestopften und weichen Betten lagen , denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen und die Federn waren von ihren Gänsen , die sie selbst gezogen , da waren alle so froh , daß es gar kein größeres Glück geben konnte , und schliefen fest und ohne Träume . Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung mit dem Herrn auch durchgeführt , und der Herr fragte auch , und wie er alles gehört hatte , sprach er freundlich mit der Mutter und dem Kind , und wiewohl er nur einige gleichgültige Worte gesagt hatte , so wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren froh . Dann aber ging es an das Abschiednehmen , und die Ellern mit dem Kind fuhren wieder nach Berlin zurück , unter vielen Versprechungen und Plänen , daß sie selbst bald wieder kommen wollten , und daß die Eltern sie in Berlin besuchen sollten , und dem Jungen hatte die Großmutter noch zwei schöne , große Äpfel heimlich in die Hand gegeben , die vom vorigen Herbst waren und aussahen wie eben gepflückt , die hielt er mit großer Sorgfältigkeit fest , bis die Mutter sie ihm abnahm , weil er müde wurde und schlafen wollte . Nun geschah es aber , daß das Kind krank wurde , und fiel der Mutter zuerst eine seltsame Aufgeregtheit auf und besondere Röte des kleinen Gesichtes , dann wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen Anfall von Scharlach . Wie die Eltern seine Worte hörten , bekamen sie zwar erst einen Schreck , aber darauf bedachten sie , daß doch die meisten Kinder von dieser Krankheit befallen werden und wieder genesen , und das machte sie wieder guten Mutes . Dann folgte ein seltsamer Vorgang , nämlich das Kind wurde immer kränker , die Eltern aber , als ob sie eine heimliche Furcht hätten , die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen könnten , wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher . Aber am Ende geschah es in einer Nacht , wo die Mutter am Kopfende des kleinen Bettchens saß , daß das Kind plötzlich schneller atmete , und weil die Mutter vom Arzt gehört hatte , daß die Entscheidung bevorstand , so dachte sie bei sich , jetzt überwindet es die Krankheit , das macht ihm Mühe ; plötzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu einer kläglichen Bitte , und das Gesichtchen sah mit einem Male viel älter aus , und da blieb der Atem stehen . Das war der Mutter zuerst recht sonderbar ; aber mit einem Male verstand sie , was das bedeutete , und schrie : » Er stirbt , er stirbt ! « Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem ungläubigen Lächeln und wollte beruhigende Worte sagen , indem er die kleinen Händchen erfaßte ; die waren aber ganz anders geworden , und das Wort stockte ihm . So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts , nur daß dem Mann einfiel , daß er die Augen zudrücken mußte . Und wie die Augen geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich abzeichnete , war der klägliche Ausdruck um den Mund des Kindes verschwunden , und in dem wachsfarbenen Kindergesicht zeigte sich ein tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit , wie eines Helden , der einen schweren Gang zu tun hat . Da sank die Mutter auf die Kniee und begann zu schluchzen . Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die Gedanken durch den Gram , weil er keine Handlung zu tun hatte , denn noch eine lange Zeit war ihm , als müsse er verlegen sein und lächeln , und wunderte sich über sich selbst , denn er hatte das liebe Kind sehr gern gehabt , und am Morgen geschah ihm wunderlich , wie er seine Hausschuhe erblickte , die ihm der Kleine abends immer angeschleppt hatte , jeden einzeln , und drückte ihn ungeschickt an sich ; da strömte es ihm plötzlich aus den Augen , ohne daß ein Aufhalten möglich gewesen wäre , unaufhörlich , wie eine Quelle , und ohne Schluchzen . Da schonten die beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes , was nötig war . Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau : » Ich habe bis nun nicht an Gott geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben . Jetzt aber weiß ich , daß es einen Gott gibt , und zu einer Strafe für mich habe ich diese Einsicht gewonnen , denn ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und ohne Gedanken , und wie dieses Kind kam , habe ich es nicht aufgenommen als eine Bestrafung dafür , daß ich nicht an mich dachte und an die Aufgabe , die ich erfüllen soll , und auch nicht als ein Geschenk , das mich zur Besinnung , Liebe und Nachdenken bringen konnte , sondern als eine zufällige und ungerechte Last , die ich verabscheute , und auch die Freude , die ich später an ihm gehabt , ging nicht aus einer Belehrung und Besserung hervor , sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und Gedankenlosigkeit , nach der ich dahin gelebt habe wie ein Tier im Walde . So ist mir dieses Kind nun wieder genommen , und ich habe meine Strafe dahin und weiß nun , daß alles das nicht möglich wäre , wenn es nicht einen Gott im Himmel gäbe . Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt gelebt , nun aber kann ich nicht mehr leben . Wenn ich aber das tote Kindchen ansehe , so ist mir , als habe es alles das gewußt , und wiewohl es nur eben anfing , die ersten Laute zu sprechen und ganz kindisch war in seinem Wesen , so hat es mich doch ganz durchschaut , und in seinem Innern hat es mich gerichtet ; das sehe ich an dem Ausdruck seines Gesichtes . « An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet ; er kam zu den beiden , und wie die Beerdigung war , wohnte er der mit seiner Frau bei . Für das Kind hatte er keine rechten Gefühle gehabt , da er es kaum gesehen , denn die väterliche Liebe wächst erst , wenn ein Vater in einem größer werdenden Kinde sein eignes Bild wiedererkennt , und jene besondere Liebe , die wir zu den ganz Kleinen haben , auch wenn sie uns fremd sind , in deren großen und unbestimmten Augen noch ihre himmlische Heimat träumt , die entsteht doch nur im ganz nahen Zusammenleben . Auch hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner früheren Geliebten , um mit ihr zu empfinden und zu verspüren , was für sie das alles bedeutete . So überwog bei ihm das Gefühl der Peinlichkeit seiner wunderlichen Lage , und er hatte eine Empfindung von Leerheit ; die aber machte ihn betroffen , wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand ; und seine Frau war von äußerlicher Höflichkeit und zeigte eine gewisse Neugierde . So kam es , daß sie auf die hochgespannten und empfindlichen Seelen der andern verletzend wirkten und denen ein häßliches Gefühl verursachten . Nur einen Augenblick tauchte bei Karl etwas Besonderes auf , als er sah , wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den Arm streichelte , als könne er sie dadurch trösten ; da wurde ihm klar , wie die beiden zusammengehörten und eins waren und was in Wahrheit die Ehe bedeutet , und empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst . Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgültige Dinge in kalter und selbstsüchtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung . Jordan und seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen ; denn der Mann wußte nicht , was er zu dem sagen sollte , was in ihr sich jetzt bewegte und Gestalt annahm , und hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr ; ihr aber hatte dieses Zusammenkommen mit dem früheren Geliebten einen neuen Eindruck gemacht , dessen Folgen sich erst nach Wochen zeigten . Da sprach sie zu ihrem Manne : » Ich habe ein herzliches Erbarmen mit Karl , denn er ist ein ganz unglücklicher Mensch ; und das nicht nur durch sein ganz schlechtes Weib , sondern auch durch sich selbst . Es ist mir aber sein Anblick eine Tröstung gewesen in meinem gegenwärtigen Leiden , denn durch ihn habe ich gesehen , daß ich doch nicht verworfen bin . Wir haben die christlichen Lehren ja alle gehört , aber weil sie uns nur äußerlich gelehrt wurden und nicht eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren , so haben wir sie nicht verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit geraten . Jetzt weiß ich , was Gottes Liebe bedeutet , und weiß , daß Gott mich liebt . Deshalb habe ich keine Unruhe mehr , mache mir auch keine Vorwürfe und Sorgen , denn ich weiß , daß mir nur Gutes geschehen ist , und daß mir nie Übles geschehen wird , durch die Liebe Gottes . Diese Erkenntnis ging mir auf , wie ich Karl beobachtete , denn der gehört nicht zu den Auserwählten ; weshalb das aber so ist , weiß ich nicht , und das wird wohl ein Geheimnis sein , das Gott sich vorbehalten hat . « So sprach die Frau ; und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch später nicht verstanden hat , denn er war ein Mensch , der auf anderm Wege zu seinem Ziele kam , nämlich durch seine eigne Milde und Güte , so wußte er doch , daß auch solches gut ist , und ließ sie nach ihrer Art denken . Und so lebten die beiden sich immer mehr ineinander , und am Ende erreichten sie dasjenige Maß von Vollendung , das bestimmt ist für solche Leute , wie sie sind , mögen das nun gelehrte und hochmächtige oder schöne und berühmte Menschen sein , oder ein armes und unbeachtetes Arbeiterpaar , das nicht unterschieden von den andern in einer menschenerfüllten Stadt wohnt . Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter , er solle recht schnell nach Hause kommen , denn sein Vater sei sehr krank , und weil er wußte , daß das eine gefährliche Krankheit war , denn sonst hätte sie nicht so dringend geschrieben , so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt ; und fuhr denselben Weg wie damals , als er vor Jahren nach Berlin gekommen war , nur fehlte ihm jetzt der Glanz der Erwartung , und alles erschien ihm wie einem Enttäuschten , und sonderbar nüchtern war es auch in der Heimat , die Luft und die Frische , die wohlbekannte Art von Menschen mit luftgefärbten Gesichtern , und die Häuser und Wälder . Wie er den alten Weg zum Forsthause ging , da kam ihm keinerlei freudiges Gefühl , und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzstöße , das dünne Waldgras und die hohen , grauen Baumstämme gestimmt , und das alte Haus erschien ihm klein und dürftig mit der niederen Haustür und den winzigen Fenstern , und es war , als hänge alles hier nur von der täglichen Notdurft ab , in einer kleinlichen , beengenden und drückenden Weise , und wiewohl das Stübchen genau so war wie früher , so schien es gering und unwohnlich , und ganz jämmerlich waren die häßlichen Lithographien vom Leichenzug des Jägers und des Fischers , die über dem schwarzen Sofa hingen . Der Vater ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab und begrüßte den Sohn in zerstreuter Weise , ohne nach etwas zu fragen , die Mutter kam mit verweintem Gesicht aus der Küche ; wie alt und gebückt erschienen die beiden , die er als so stattlich in der Erinnerung gehabt ; waren denn das die wenigen Jahre gewesen , die derart alles verändert hatten ? Der Vater begann gegen Hans gleich über einen Holzarbeiter zu schelten , der etwas versehen hatte , denn er konnte seine Gedanken nicht mehr recht bewegen , und weil er den Mann eben im Sinne gehabt , so mußte er über ihn sprechen ; auch vermochte er sich keine Vorstellung zu machen , welche Sorgen und Gedanken in seinem Sohne sein mochten , den er früher doch so zärtlich geliebt hatte ; und die Mutter fing an zu klagen , wie sie mit Hans allein war , über Schmerzen und allerhand Krankheitserscheinungen bei sich und über die Teuerung aller notwendigen Waren , und daß der Vater so stumpf geworden war ; und auch sie schien über allerlei Kleinigkeiten das Wichtigste zu versäumen , und ihre Anteilnahme an Hansen zeigte sich nur in Erkundigungen über allerhand äußerliche und geringe Dinge . Da kam er sich fremd vor und ganz einsam und verlassen , da fiel es ihm schwer aufs Herz , wie er die ganzen Jahre kaum an seine Eltern gedacht hatte und ihnen selten etwas von dem Wichtigen mitgeteilt , und besann sich , wie sie mochten gelitten haben unter seiner Kälte . Er fragte nach dem Hühnerhund , den hatte der Vater totschießen müssen , weil er durch das Alter die Räude bekommen hatte . Wunderlich , der Hund hatte schon seinen Lebenslauf beendet , den er hatte aufwachsen sehen von einem täppischen , dickbeinigen und spielerischen Wesen zu einem pflichttreuen und verständigen Jagdhund , und er selber , Hans , war nahe an das Mannesalter gekommen und hatte nicht die Arbeit für sein Leben . Die alte Dorrel faßte seine Hand mit beiden Händen und streichelte sie , dabei fielen ihr die Tränen aus den Augen , denn sie freute sich , daß er so groß und stattlich geworden war , und beseufzte , daß sie daraus ihr Alter erkannte . Dann erinnerte sie ihn , wie sie zusammen Kartoffeln gerodet hatten , und dabei ging ihm zum ersten Male das Herz auf , und es war , als ob sich der Panzer lockere , der ihn fest umfing . Aber nur einen Augenblick war das , dann hatte er wieder das Gefühl , daß er nun an die Stelle der Eltern treten mußte , die im Absterben waren , und daß er doch das nicht konnte , denn er fühlte sich noch als ein Kind , das geleitet wird , und das Leben erschien ihm übermäßig schwer , daß er es gar nicht tragen konnte . Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater , denn der tat wohl scheinbar alles wie sonst , aber alles , was er tat , hatte einen seltsamen Anblick fast gespenstiger Art , denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe hervor und nicht aus bedachten Absichten ; so stand er morgens lange vor Tag auf und ging in den Wald , vieles vergessend und sich um Kleinigkeiten erregend , und kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause zurück , eine zerstreute Ratlosigkeit mit sich führend . Und indem Hans seiner Eltern Leben überdachte , fand er , daß sie immer ehrlich und redlich ihre Pflicht getan , für ihr Kind gesorgt und auch andern Menschen geholfen hatten nach ihren Kräften . Und wenn nun solches das Ende war , welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl überhaupt das Leben ? Da überkam ihn eine Furcht , und es wurde ihm klar , daß er bis dahin gewandert war wie ein Träumender auf einem hohen Gebäude , und jetzt war er aufgewacht und sah ein , daß man sich in die Tiefe stürzen muß . In der Nacht stand die Mutter mit dem Licht an seinem Bett , denn der Anfall des Vaters , wegen dessen sie ihn hatte kommen lassen , war wiedergekehrt . Da lag der alte Mann in dem engen Bett , unbeweglich , und ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre rollte in der Höhle hin und her , als wolle er jeden besonders ansehen , er konnte aber auch nicht sprechen . Am Fußende stand die Mutter und weinte still , und in der Tür stand Dorrel , die schluchzte , und das Auge des Sterbenden rollte stumm in seiner Höhle . Es war , als ob jetzt ganz besondere Gedanken in dem Vater waren , an die er sonst nie gedacht , die ganz neu und unerhört waren , und seinem Sohne mußten sie eine besondere Aufklärung geben . Aber die Zunge war gelähmt , und nur einmal rief eine besondere Anstrengung ein unverständliches Murren hervor . Kurze Minuten dehnten sich endlos aus , und das flackernde Licht erzeugte hüpfende Schatten an der geweißten Wand . Dieser Mann war nun alt und wollte sterben . Und nun war Hans ein Mann geworden und war so , wie er selbst vor langen Jahren seinen Vater gekannt hatte , der nun ein alter Mann war und sterben wollte . Grauenhaft war das . Denn es waren doch auch nur wenige Jahre , dann war er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann , der jetzt im Sterben lag , und dann mußte er gleichfalls sterben . Da war es ihm , als verstehe er innerlich , was der Vater dachte und wollte , kniete nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte seinen Kopf auf das Kissen neben den Kopf des Vaters , und das rollende Auge beruhigte sich , und Hans verspürte , wie aus seines Vaters Herzen eine heiße Liebe zu ihm herüberströmte , und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte seine Hand gefaßt , und auch auf die Mutter strömte Liebe und freundliches Wohlwollen . Und Hansens Herz erwiderte die Liebe , und er fühlte deutlich , daß er zu seinem Vater gehörte , denn alles andre , was ihm geschienen , war falsche Äußerlichkeit gewesen . Wie er sich dergestalt glücklich fühlte , ging von dem Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus , und eine Bewegung ging durch den ganzen Körper ; da erhob sich die Mutter und drückte ihm das Auge zu . Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da , und war , als habe er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schönes empfangen , sondern auch eine große Weisheit , die ihn in ein gläubiges Erstaunen versetzte und seine Züge hell machte . Hans sprach : » Mutter , ich kann nicht weinen , denn er ist sehr glücklich geworden . « Die treue Dorrel aber kam an das Bett , nahm die Hände ihres Herrn und faltete sie ; und dann faltete sie ihre eigenen Hände , die von vieler harter Arbeit zeugten , und betete leise . Hans sprach zu seiner Mutter : » Ich habe es nicht um ihn verdient , daß er mich so geliebt hat , aber ich will sein Andenken lieb haben . « Viel dachte Hans darüber nach , woher es gekommen sein möge , daß seines Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach , und daß die Tage vorher so wunderlich verwirrt gewesen , und am Ende fand er darin eine Erklärung , daß seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne Glück . Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben , sonst gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit , sondern wird wie ein Baum , der in seiner Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen dürfen . Und wie er weiter nachdachte , fand er , daß dieses Glück viel weniger von der äußeren Gelegenheit abhängt , wie vom Menschen selber , ob er es aus sich herausbilden will , so daß also ein Mann wie sein Vater doch in seinem Innern einen Fehler gehabt hat . Aber diesen Fehler hatte er auch selber , und glich wohl sehr seinem Vater ; das wollen wir bedenken , da unser Hans doch von deutscher Art und Sorte ist . Als ein sehr veränderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurück , und es schien in Wahrheit , als ob er durch den Tod seines Vaters viel älter und ein Mann geworden sei , und besonders zeigte sich das , indem seine Gefühle gegen Personen , die ihm bis dahin nahegestanden , plötzlich ganz anders waren , ohne daß er einen Grund wußte . Am ersten kam es zu einem Bruch mit Heller . Der war längst in der früher beschriebenen Art verheiratet und hatte sich ein kleines und bürgerliches Leben begründet , indem er seine Anschauungen in Zeitungen verbreitete , die von Arbeitern und kleinen Leuten gelesen wurden . Hans besuchte ihn , wie er einen heftigen Einsamkeitsgram hatte , und traf ihn in seinem ärmlichen und sauber eingerichteten Zimmer , wie er in einem großen und gestickten Schlafrock am Schreibtisch saß ; er hatte etwas an Umfang zugenommen , und im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens ständig geworden , der sehr aufreizend wirkte . Da verspürte Hans zu seiner großen Verwunderung , wie er ihm die Hand gab , eine tiefe Verachtung gegen den alten Freund , und ihm war , als sähe er eine unerträgliche und widerwärtige Maske , die ganz hohl war und unbewegte Züge hatte , und alles ärgerte ihn , der Schlafrock und der anspruchsvolle lehrhafte Ton , und besonders einige hochtrabende Worte . Und wie ihm Heller am Ende erzählte , daß er beabsichtige , sich für den Reichstag aufstellen zu lassen , und daß sein Wahlkreis ziemlich sicher sei , da entfuhr es Hans , daß er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte , und das Sonderbare kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige Meinung ; aber die Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern getroffen , den Hans nur unbewußt geahnt hatte , denn er antwortete sehr gereizt , und das Ende war , daß Hans fortging mit dem klaren Bewußtsein , daß er für immer mit Heller auseinander war . Nicht lange währte es , da hatte er einen ähnlichen Vorfall mit Krechting ; der sagte ihm , er sehe aus ganz andern Augen wie früher und zeige einen besonderen Stolz , und aus diesem erkenne er , daß sich sein Wesen geändert habe und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei , und so würden wohl ihrer beiden Wege jetzt auseinandergehen . Denn wir erwürben uns Freunde und zehrten diese innerlich aus , und hierdurch wie durch anderes würden wir mit der Zeit neue Menschen ; dann seien diese Freunde geschmacklos für uns geworden und wir würfen das Geringe , das von ihnen übrig sei , gleichgültig zu anderm Unrat , der sich aus unsrer Vergangenheit um unsre Hütte ansammle ; und etwa wie ein neugieriger Gelehrter die Küchenabfälle vorgeschichtlicher Völker durchwühle , so könne einmal ein Seelenforscher , wenn einer von uns einmal für einen solchen interessant wird , den Abfallhaufen studieren und aus ihm die Geschichte des Mannes erraten . Krechting saß in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch , und wie er mit seinem unglückseligen und verkümmerten Körperchen dasaß in seiner Ecke und verbissen vor sich auf sein Glas sah , da wurde Hans von tiefem Mitleid ergriffen , der andre aber verspürte seine Bewegung , und sein Hochmut machte , daß er sich deren schämte , und so wurde seine Stimme plötzlich heiser und rauh , wie er fortfuhr , daß er keinerlei Empfindungen von Hans wünsche , denn er selbst habe vielleicht nur einen gewissen Neid auf ihn , weil er für sich immer an der Seite stehen werde und bittere Urteile aussprechen , indessen andre sich zu handelnden Menschen bildeten ; aber im Grunde wolle er ja dieses Leben ; und nach einem Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen sehen und in der gleichen Weise sprechen wie jetzt , und werde inzwischen eine neue Anzahl jüngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach ihrer bestimmten Zeit ihn wieder verlassen haben , und so werde es gehen , bis er zu alt sei für junge Freunde . Alles das sei ihm ganz klar , und es müsse wohl so sein ; nur grüble er vergeblich , welches doch der Grund eines solchen Zustandes sein möge ; aber wahrscheinlich habe auch der bezauberte Merlin nicht gewußt , aus welchem Grunde er in seiner Rosenhecke träumen müsse . So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit , und dadurch bewies er , daß er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt , die sich freilich nie geäußert hatte . Aber Hans verspürte das Nichtgesagte , und eine wunderliche Wehmut befiel ihn , eine Art Gefühl , als trenne er sich von einer warmen und treuen Heimat , um auf das hohe Meer zu gehen , und doch wußte er , daß Krechting ganz recht hatte , und es war besser für beide , daß sie sich in Freundschaft und Ruhe trennten , denn sonst wäre bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen , und sie hätten sich gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied . Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt , weil er überall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch Ausweisungen vertrieben wurde , bis er endlich nach gut zwei Jahren in Süddeutschland einen ruhigen Aufenthaltsort fand , zu dem er hoffte , seine Familie nachkommen zu lassen , die er in der ganzen Zeit nicht gesehen ; und schon begann sich sein Gemüt wieder zu erheitern durch die Hoffnung auf ein friedliches und anständiges Leben . Zu Hause aber war seine Frau mit jenem Zimmerherrn , von dem schon berichtet , immer näher gekommen . Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen , deren Ende beiden unerwartet kam ; denn der einsame und stille Mann , der bei seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte , von dem zu sprechen , was ihn bedrückte , fand in der engen und sauberen Küche der Frau , wo das Kindchen auf der Erde spielte und sich auch wohl an seinem Knie hochrichtete , eine Wärme und Zuneigung , und so berichtete er sein Leben und hörte ihre Geschichte , die sie unter häufigem Weinen erzählte , und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes Briefen mit von den vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen , und er tröstete sie und freute sich an der Entwicklung des Kindes ; dann machten sie ab , daß die Frau für ihn kochen sollte , und mit der Zeit besorgte sie alle seine Angelegenheiten , und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein bekamen , die besprochen werden mußten , zu den andern Angelegenheiten , die sie sonst schon besprachen , da geschah es , daß er die ganze Zeit über , wenn er zu Hause war , bei ihr in der Küche saß . Sie schrieb in ihren Briefen an ihren Mann vieles von dem Fremden und rühmte ihn sehr , bis ihr endlich ihr Mann einmal in neckischem Tone antwortete , sie solle sich nur nicht in den andern verlieben , denn er selbst sei doch so lange von Hause fort . Über diesen Scherz wurde sie sehr nachdenklich , und wie sie sich alles überlegt hatte , sagte sie zu dem Fremden , daß die Leute im Hause Übles reden könnten , wenn sie so oft zusammen seien , deshalb scheine es besser , wenn er nicht zu häufig zu ihr komme . Aber schon hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht , und wenn der Mann abends nach Hause kam , hatte sie immer etwas , das sie mit ihm bereden wollte , und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer . Aber doch hatte sie nun ein Bewußtsein , daß sie etwas tat , das nicht recht gehörig war , und deshalb fing sie an , sich selbst Entschuldigungen zu machen ; auch erwähnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen . Ihre Hauptentschuldigung aber , die sie sich machte , war die , daß sie noch jung sei und ihr Leben genießen wolle ; denn in dieser kindischen und offenherzigen Art wissen die Leute sich ihre Vergehen darzustellen . Und auch der Fremde , der ein braver und ordentlicher Mensch war , hatte bis dahin aus allem kein Arg gehabt ; aber nun , wie ihn die Frau öfter besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewußtsein einen wunderlichen und verführerischen Reiz ausübte , den sie vorher gar nicht gezeigt , da kam auch er zu Nachdenken und Verlangen ; und so steigerten sich beide unbewußt immer gegenseitig , bis der Mann eine leichte Zärtlichkeit wagte , die zwar anfänglich zurückgewiesen wurde , aber wie es denn geschieht , in solcher Art , daß er Mut bekam für einen neuen Versuch , und bald ahnten sie jeder , daß sie auf brüchigem Eis wandelten . Hierüber war der Frühling ins Land gekommen , und die beiden verabredeten sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem überfüllten Zuge zu einem der Orte , nach dem sich diese Ausflüge richten , gingen dort im Walde , der von vielen Menschen belebt war , dann aßen sie in einer Wirtschaft zu Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof zurück , um nicht allzu spät wieder in Berlin zu