Tiere ? « » Der Stamm machte es ihm zum Geschenk , um seine beispiellose Frömmigkeit und Glaubensstrenge zu belohnen . Es gab noch keinen Taki , der so hoch gestiegen ist wie dieser Mann . Darum sind sie stolz auf ihn und halten es für eine Ehre , ihn den Ihrigen nennen zu dürfen . Er sagt , die Liebe zu dem Pferde sei die einzige irdische Liebe , die er sich erlaube . Und da er seinen Stall gern jedem Rennen öffnet , so ist es gar nicht ausgeschlossen , daß er sich morgen mit anmeldet , sobald er hört , daß hier bei uns gelaufen wird . « » Soll ich annehmen ? « » Das ist deine Sache , Effendi . Ich sage weder ja noch nein . Ein Pferd , welches noch nie geschlagen wurde , ist ein gefährlicher Gegner . Umso ehrenvoller ist es dann aber auch , es besiegt zu haben . Es handelt sich da vor allen Dingen um den Preis , zu welchem er dich in die Höhe treiben würde . « » Weißt du vielleicht , ob der Scheik ul Islam in irgend einem persönlichen Verhältnisse zu Ahriman Mirza steht ? « » Nein . « » Oder zu Ghulam el Multasim ? « » Ja , die sind eng befreundet . Der Scheik ul Islam hat Ghulam sogar zu einem seiner Kasi34 ernennen lassen und sieht ihn oft als Gast in seinem Hause . « » Das ist mir wichtig , außerordentlich wichtig ! Doch jetzt zu etwas anderem : Ich ließ es bisher ruhen ; nun ich aber an Stelle des Ustad stehe , ist es meine Pflicht , mich dieser Sache anzunehmen . Ich war nämlich beim Scheik der Kalhuran und freue mich , daß seine Genesung vorwärts schreitet . Er steht nicht unter Eurer Dschemma ; aber du sagtest , daß sein Weib bestraft werden müsse , weil sie Blut vergossen hat . « » So ist es . Sobald er das Lager verläßt , haben wir über sie zu richten . « » Hättest du an ihrer Stelle anders gehandelt ? Hättest du deinen Gatten vollends erschlagen lassen ? « » Was ich getan hätte , kommt nicht in Betracht . Wir haben das Gesetz , und nach diesem ist zu verfahren . « » Also selbst bei Euch herrscht auch noch der Buchstabe , nicht der Geist des Gesetzes ! « » Du irrst . Wir werden die allergeringste Strafe wählen . « » Aber doch Strafe ! Ist es denn nicht möglich , daß sie freigesprochen wird ? « » Nein . « » Wer hat das Recht der Begnadigung ? « » Der Ustad . Du weißt , daß in Persien jeder Weli oder Beglerbeg die Macht über Leben und Tod , also auch das Begnadigungsrecht besitzt , und der Ustad ist der Weli unseres Bezirkes . « » Wer hat es jetzt , da er verreist ist ? « » Sein Stellvertreter , also du . « » So bitte ich dich , zu dem Kalhuri zu gehen . Sage ihm , daß ich an Stelle seiner Frau gewiß auch Blut vergossen hätte . Ich halte sie also für ebenso unschuldig , wie mich und dich , und gebe nicht zu , daß sie bestraft wird . Wer einen Menschen einer Tat wegen verdammt , zu der er unter Umständen selbst fähig gewesen wäre , der ist derselben Strafe wert . Gehe sogleich ! « » Effendi , das ist eine frohe Botschaft . Ich eile , sie zu überbringen . Du hast hiermit die Herzen aller Dschamikun und Kalhuran gewonnen ! « Nun ging ich nach meiner Wohnung , um die Schlüssel zu derjenigen des Ustad zu holen . Es galt , mich für den morgenden Besuch so weit vorzubereiten , als es notwendig war , über alles Vorkommende genau unterrichtet zu sein . Ich fand eine Mappe , welche alle Schriftstücke enthielt , die sich auf die Abtretung des Gebiets , auf die Verwaltung desselben und auf die Rechte und Pflichten der Dschamikun bezogen . Der Ustad hatte überhaupt dafür gesorgt , daß ich mich sehr leicht zu orientieren vermochte . Es gab überall beschriebene Zettel , welche den betreffenden Inhalt anzeigten , und so fand ich auch ohne langes Suchen das wertvollste aller Dokumente , bei welchem die Notiz lag : Noch nie gebraucht und noch keinem Menschen gezeigt , doch unbedenklich zu benutzen ! Ich öffnete es mit Spannung und las es durch . Es enthielt Abmachungen , welche ohne alle Zeugen zwischen dem Schah und dem Ustad persönlich gepflogen worden waren , und sicherten dem Letzteren einen Schutz , wie ihn kein Weli oder Beglerbeg sich kräftiger wünschen konnte . Eine große Seltenheit war der eigenhändige Namenszug des Beherrschers und die dreimalige Wiederholung des ebenso eigenhändigen Siegels . Hierbei lag noch eine Karte von schwer vergoldetem Pergament . Die vier Ecken enthielten in Handmalerei das persische Wappen , den vor der Sonne liegenden Löwen . Und in der Mitte war , mit der Feder liebevoll kalligraphisch geschrieben , natürlich in persischer Sprache , doch gebe ich es deutsch : » Wer dieses vorzeigt , hat nur mir zu gehorchen ! « Auch hierunter der eigenhändige Namenszug und das Siegel , dessen Inschrift aus den Worten bestand . » Als Nasr-ed-Din das Siegel in die Hand nahm , erschallte der Ruf der Gerechtigkeit vom Monde bis zum Fische . « Der Schah , bekanntlich ein eifriger Kalligraph , hatte diese Karte selbst gezeichnet und geschrieben , und sie war darum vorkommendenfalls selbst den Höchsten seines Reiches gegenüber eine Legitimation , welche zu sofortigem Gehorsam zwang . Hiermit besaß ich schon viel mehr , als ich für morgen brauchte , und schon wollte ich wieder gehen , da wurde die Tür geöffnet und Pekala trat herein . Ihr Gesicht glänzte in der gewöhnlichen , ganz wie begeisterten Freundlichkeit , und es war ein höchst vertraulicher Ton , in dem sie sagte : » Ich sah den Schlüssel stecken , Effendi , und dachte mir gleich , daß du hier im Zimmer seist . Ich habe zwar keine Zeit , doch für dich immer , und so wollte ich dich fragen , ob ich dir das von meinem Aschyk sagen darf . « » Laß es hören ! « » Und du wirst aber nichts verraten ? « » Ist es denn ein Geheimnis ? « umging ich diese ihre Frage . » Ja , natürlich ! « antwortete sie wichtig . » Ich habe eine ganze Menge von Geheimnissen , von denen Niemand Etwas wissen darf . Dir aber sage ich vielleicht einige davon . Das notwendigste von ihnen allen sollst du jetzt gleich hören . Nämlich mein Aschyk kommt immer nach vier Wochen ; das habe ich dir schon mitgeteilt . Kürzlich aber war er einmal außer dieser Zeit hier ; das weißt du noch nicht . Kannst du vielleicht erraten , weshalb er kam ? « » Nein . Sag es , und mach es so kurz wie möglich ! « » Warum das ? Ich spreche ja immer kurz , Effendi ! Mein Aschyk hat nämlich beschlossen , mit unserem Ustad zu reden und ihm Vieles mitzuteilen , was ihn vom Tode erretten kann . « » Wen erretten ? Den Aschyk oder den Ustad ? « » Den Aschyk ; vielleicht aber auch beide ; ich weiß es nicht genau . Ich soll dem Ustad sagen , daß er nächsten Sonntag kommen werde , grad um Mitternacht . Ich aber komme schon eine Stunde vorher mit ihm zusammen . « » Und hast du das dem Ustad mitgeteilt ? « » Nein . « » Warum nicht ? « » Weil - - - weil - - - weil ich mich vor ihm fürchtete . « » Vor mir aber nicht ? « » Doch auch ! Aber die Zeit verging ; der Sonntag ist schon nahe , und wenn ich mich so weiter fürchte und nichts sage , so verliere ich meinen Aschyk . Er hat mir nämlich gesagt , daß er niemals wiederkommen werde , wenn ich nicht ganz gewiß dafür sorge , daß er mit dem Ustad sprechen dürfe . Darum habe ich mir endlich ein Herz gefaßt und diese Bitte zu dir gebracht , weil der Ustad nächsten Sonntag noch nicht wieder hier sein kann . Was sagst du nun dazu ? « Sie wischte sich die feucht gewordene Stirn und atmete erleichtert auf . Es war ihr doch schwer geworden , sich an mich zu wenden . » Ist es denn dem Aschyk gleich , ob er mich oder den Ustad trifft ? « fragte ich . » Ich denke es . Du stehst ja an des Ustad Stelle , und da die Sache nicht aufgeschoben werden darf , so muß er einverstanden sein . « » Weiß noch Jemand davon , daß er Sonntag kommt ? « » Nein . « » Auch Tifl nicht ? « » Tifl ? Diesem Schwätzer darf man solche Dinge nicht mitteilen . Er weiß kein Wort ! « Das war eine Lüge , wurde aber mit der ehrlichsten und aufrichtigsten Miene der Welt gesagt . Die kleinen Aeuglein blickten mich dabei so offen , so treuherzig an , daß ich fast glaubte , mich besinnen zu müssen , ob ich mich nicht täusche . » Hat der Aschyk gesagt , an welchem Orte er mit dem Ustad zu sprechen wünscht ? « fuhr ich fort . » Nein . Das hast nun du zu bestimmen . Willst du mir sagen , wo ? « » Heut noch nicht . Ich werde es dir noch rechtzeitig mitteilen . Und nun höre mich an ! Du schweigst gegen Jedermann , auch gegen Tifl ! Wenn du einem einzigen Menschen sagst , daß dein Aschyk kommt , um mir etwas zu sagen , so rede ich nicht mit ihm und jage dich aus dem Hause ! « » Effendi , « rief sie aus , indem sie erschrocken zurückfuhr . » Was machst du mir da für fürchterliche Augen . Du hast ja plötzlich ein ganz anderes Gesicht ! « » Das ist mein Gesicht , wenn ich mir etwas vornehme , was ich unbedingt auch ausführe . Du hast es noch nicht gesehen . Hüte dich vor der Wiederkehr ! Wenn du nicht schweigst , lasse ich dich noch mitten in der Sonntagsnacht über die Grenze schaffen , ohne zu fragen , was dann aus dir wird ! Verstanden ? « » Ja , ja , ganz genau ! « versicherte sie , vor Schreck in sich zusammenkriechend . » Effendi , der Ustad ist doch freundlicher als du . Wer hätte das gedacht ! « » Jedes an seinem Orte , die Strenge sowohl als auch die Freundlichkeit ! Hast du noch etwas zu sagen ? « » Nein . « » So geh ! « Sie machte in ihrer inneren Zermalmung einen ganz verkehrten Knix und entfernte sich bedeutend weniger vertraulich , als sie hereingekommen war . Ich aber schloß die Wohnung sorglich ab und ging , mit Schakara zu sprechen . Wie kam es doch , daß ich gar nicht nach ihr fragte , sondern daß es mir war , als wisse ich ganz genau , wo sie sei ? Ich ging durch den Garten . Bei der Quelle angekommen , sah ich die » Schwester « bei den Pferden . Die Sahm knusperte mit Ghalib im Grase herum . Assil aber hatte sich gelegt . Schakara saß neben ihm und flocht , über seinen Hals gelehnt , aus den Mähnenhaaren Zöpfe , in die sie Veilchen wand . Der Rappe langte von Zeit zu Zeit mit dem Maule herüber , um sie freundschaftlich in den Arm zu kneifen . Ich beobachtete das eine ganze Weile ; dann ging ich hin und setzte mich zu ihnen . Es war nichts Unaufschiebbares , was ich mit Schakara zu besprechen hatte . Ich wollte ihr nur mitteilen , wer morgen kommen werde . Aber indem ich dies tat , war es , als ob sich in mir alles Verschlossene öffne , um von ihr gesehen , geprüft und bestätigt oder verworfen zu werden . Sie sprach ganz wenig , und fast nur , wenn ich fragte . Und was sie dann sagte , war so selbstlos , so bescheiden und klang doch fest , bestimmt und zaglos sicher . Ich erkannte mehr und mehr , daß sie etwas unendlich Großes , Schönes , Klares in sich trug , und sann darüber nach , wie es zu nennen sei . Es war gewiß das , was wir » Gebildeten « eine Welt- , eine Lebensanschauung nennen , und aber doch noch mehr , viel mehr ! Diese Anschauung erstreckte sich über noch ganz andere Schätze als diejenigen , welche die sogenannte » Welt « und das angebliche » Leben « uns bieten . Indem ich jetzt mit ihr sprach , tauchte der Augenblick wieder vor mir auf , an dem ich sie von meinem Krankenlager aus zum zweiten Male sah35 : Unweit der Tür saß sie mitten im Pflanzengrün . Weiß war ihr Gewand . Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen . Ihr dunkles Haar hing in langen , schweren Flechten herab . Die schlanken Finger glitten über die Saiten der Sandurah . Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen ? Man sagt ja , daß der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schöpfung sei . Wenn nicht das herrlichste , aber gewiß eines der frömmsten sah ich hier ! Damals waren es Harfentöne , die ich von ihr hörte . Sie spielte , damit meine und Halefs Seele festgehalten werde . Jetzt waren es Worte , die ich von ihr vernahm ; aber Alles , was und wie sie es sagte , hatte eine tiefe , innige Verwandtschaft mit jenen Harfenklängen . Es war Alles so melodiös , so harmonisch , so voll , so rein , so ganz ohne jede Spur von Dissonanz . Ich sprach weiter und weiter , nur um diese Lippen antworten zu hören , aus denen nichts Trübes , nichts Entweihtes klingen konnte . Es war , als ob ich ihr alle meine Gedanken hinübergeben müsse , um sie geläutert und geklärt dann wieder in Empfang zu nehmen . Hatte Marah Durimeh das gewußt , als sie schrieb , daß ich der Geist sein solle , sie aber die Seele , meine Schwester ? Psychologie , nicht theoretisch , sondern praktisch gelehrt ! Nicht aus wissenschaftlichen Leitfäden getüftelt , sondern aus dem Geistes- und Seelenleben direkt und ohne Deutelei herausgegriffen ! So saßen wir viel länger , als ich beabsichtigt hatte , beieinander , bis Kara Ben Halef mit seinem Barkh kam und mir meldete , daß es ihm gelungen sei , meinen Auftrag auszuführen , ohne von Jemand gesehen zu werden . Er habe die betreffende Stelle genau untersucht und sei überzeugt , daß kein anderer Fuß sie inzwischen betreten habe . Da es Zeit zum Abendessen war , so forderte ich ihn auf , mit uns zu kommen , um an demselben teilzunehmen . Er lehnte aber ab , weil er für die langsame Abkühlung Barkhs zu sorgen habe , damit dieser ja nicht etwa verschlage . Er war in Allem , was in seinen Händen lag , so wohlbedacht , gewiß mehr ein Erbteil von seiten seiner Mutter als seines Vaters , des oft nur allzu schnellen Hadschi , dessen lebhaftes Temperament der ruhigen Ueberlegung gern aus dem Wege ging . Nach dem Essen zog ich mich hinauf zu mir zurück , um Alles , was ich von den Sachen des Ustad zu verbrennen hatte , einer vorherigen Prüfung zu unterwerfen . Ich gewann da einen tiefen Einblick in sein Leben , in sein menschenfreundliches Wollen und Empfinden . Die Zeitungen widerten mich an . Ich hatte erklärt , sie nicht durchlesen zu wollen , und tat es auch nicht . Aber indem ich die Blätter einzeln durch meine Hände gehen ließ , blieb mein Auge doch zuweilen an dieser oder jener Stelle haften , und dann flog der zerknitterte Bogen so weit wie möglich fort von mir . Man sollte es kaum für möglich halten , mit was für Quatsch und Tratsch und Klatsch sich jenes sonderbare Wesen befaßt , welches denen , die es besitzen , weißmacht , daß sie geistreich seien ! Wenn der Ustad das Alles wirklich durchgelesen hatte , so war es sicher eines der größten Wunder , daß er der Menschheit seine Liebe noch immer treu bewahrte . Es muß doch etwas Großes um die wahre , nicht geheuchelte , sondern wirklich aus dem Herzen wirkende Humanität sein , wenn sie die Kraft besitzt , auf ihrem allgemein menschlichen Standpunkte selbst gegen diejenigen Widersacher auszuhalten , die sich nicht scheuen , nur mit den Waffen des Sonderinteresses anzugreifen und dabei doch zu versichern , daß sie die Verfechter der allgemeinen Menschheitsrechte , des edlen Menschentums seien . Hinweg also mit diesen Elaboraten ! Ich warf sie auf den Herd , brannte sie an , und als die Flamme emporschlug , flog auch die » Rechtfertigung « hinein , die ganz ohne allen Grund geschrieben worden war . Nachdem ich mich hierauf noch einige Zeit mit den Werken des Ustad beschäftigt hatte , ging ich schlafen und wachte nicht eher auf , als bis draußen an meine Tür geklopft wurde . Daß man mich weckte , mußte eine sehr triftige Ursache haben . Ich stand auf und öffnete . Der Pedehr war es . » Verzeihe , Effendi , daß ich dich wahrscheinlich im Schlafe gestört habe ! « sagte er . » Es wird nicht lange dauern , so ist der Scheik ul Islam da . « » So zeitig ? Woher weißt du es ? « erkundigte ich mich . » Ich sprach gestern abend noch mit dem Chodj-y-Dschuna . Er hielt es für gut , zu wissen , woran man sei . Darum ist er dann fortgeritten , in der Richtung nach Chorremabad . Er kam bis an den Grenzduar der Dschamikun und erfuhr , daß der Scheik ul Islam dort übernachte und heute mit dem frühesten Morgen aufbrechen wolle . Er gebot Verschwiegenheit und ist nun hier , weil du gewünscht hast , daß er anwesend sei . Sonst aber weiß Niemand davon . Wirst du jetzt herunterkommen ? « » Nein . Schicke mir das Frühstück herauf ! Wer kommt Alles mit ? « » Es sind , Herren und Diener zusammen , fünfzehn Personen , alle sehr gut beritten und bewaffnet . Man hat ihnen dort im Duar gesagt , daß kein Fremder ohne die besondere Erlaubnis des Ustad bei uns Waffen tragen dürfe , sondern sie abzugeben habe , sobald er das Gebiet der Dschamikun betritt . Sie haben sich aber geweigert , dies zu tun . « » Nun , was dann ? Hat man sie gezwungen ? « » Nein . Man hat geglaubt , nicht streng verfahren zu dürfen , weil es der Scheik ul Islam sei . Natürlich werden sie auch hier am ersten Hause angehalten . Wenn du willst , werde ich sie unbedingt entwaffnen lassen . Wollen sie es sich nicht gefallen lassen , so mögen sie umkehren , und ich lasse sie von einer Reiterschar begleiten , bis sie über die Grenze sind . « » Recht so , Pedehr ! So gefällst du mir ! Es gibt keinen einzigen Menschen , vor dem wir Ursache , uns zu fürchten , hätten , und Furcht ist überhaupt die größte Torheit , die ich kenne . Aber Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit ! Faust gegen Faust , doch gegen List nichts Anderes als eben auch wieder List ! Wenn man mich vor der Schlauheit dieses Scheik ul Islam warnt , werde ich mich hüten , wie ein dummer Bär mit Tatzen dreinzuschlagen . Und wenn wir fünfzehn Personen gleich am Eingange des Duar entwaffnen wollten , müßte ich so viele Dschamikun hinstellen , daß man sich sofort sagen müßte : die haben gewußt , daß wir kommen ! Und grad das soll ihnen doch verheimlicht werden ! Lassen wir es also laufen , wie es läuft ! Ihr beide , nämlich du und der Chodj-y-Dschuna , habt sie mit allen Zeichen der Ueberraschung zu empfangen und in die Halle zu führen , wo Ihr Euch mit ihnen unterhaltet , bis ich komme . « » Soll ich dich holen lassen ? « » Nein . Um die Ansicht , daß wir nichts gewußt haben , zu verstärken , sagst du , daß ich nicht daheim sei , sondern einen Spaziergang gemacht habe . Das werde ich auch tun , doch gar nicht weit . Ich sorge dafür , daß ich ihre Ankunft bemerke , und werde mich dann in der Halle einfinden . Jetzt geh ! Also mein Frühstück möglichst schnell ! « Er entfernte sich und schickte es mir sofort herauf . Als ich es eingenommen hatte , schloß ich bei mir zu und ging in die Wohnung des Ustad , um die goldene Karte des Schah zu mir zu stecken . Es war leicht möglich , daß ich sie brauchte . Dann schloß ich auch hier zu und ging , aber nicht die Treppe , sondern hinten den Glockenweg hinab , der nach dem Garten , dem Bade und der Pferdeweide führte . Ich sah Niemand , der mich bemerkte . Da es mir darauf ankam , die Ankunft des Scheik ul Islam zu beobachten , so suchte ich einen Ort , von welchem aus es möglich war , dies unbemerkt zu tun . Der ganze , lange Rand des Gartens und der Weide war mit dichtem Gebüsch eingefaßt , hinter welchem die Gigantenmauer senkrecht niederfiel . Durchdrang ich dieses Strauchwerk bis zur Mauerkante , so bot sich mir dann dort die freie Aussicht , die ich wollte . Ich wendete mich also nach einer Stelle , wo eine Lücke durch die Büsche zu führen schien , sah aber , als ich sie erreichte , daß sie nicht ganz hindurchführte . Sie war vielmehr wie eine Laube geformt und rundum mit einer Rasenerhöhung zum Niedersetzen versehen . Das Grün war hier so wirr und dicht , daß man nicht einmal hindurchsehen und also noch viel weniger hindurchdringen konnte , ohne Aeste und Zweige loszubrechen . Aber gleich daneben standen einige Tamarisken so , daß ich mich zur Not hindurchdrängen konnte , ohne sie zu beschädigen . Ich tat es , konnte aber nicht ganz bis vor kommen , sondern mußte mich dann nach der Seite , also hinter die Laube , wenden . Dort fand ich was ich suchte . Es gab genug Zweige , mich vollständig zu verstecken , und doch so viele Oeffnungen zwischen denselben , daß ich das ganze Tal und auch , nur einige Windungen abgerechnet , den zu uns heraufführenden Weg übersehen konnte . Ich machte es mir so bequem wie möglich und richtete mich auf längeres Warten ein , was aber gar nicht nötig gewesen wäre , denn eben , als ich mich lang ausgestreckt und den Kopf in die Hand gestützt hatte , kam von rechts unten eine Reitertruppe , die keine andere als diejenige des Scheik ul Islam sein konnte . Ich zählte freilich mehr als fünfzehn Pferde , doch kamen die überzähligen auf die Dschamikun , welche ihm von dem Grenzduar aus das Geleit gegeben hatten . Fünf der Tiere waren nach reicher , persischer Reschma-Art geschirrt , eines von ihnen ganz besonders auffallend . Der Mann , welcher auf diesem saß , trug einen Taki-Turban von ungeheurem Durchmesser auf dem Haupte . Von dieser , mit einigen hohen , bunten Federn geschmückten Wulst hing ein weißer Schleier , welcher wie ein Mantel nicht nur den Reiter , sondern auch den ganzen hintern Teil des Rosses bedeckte . Sollte diese so in die Augen fallende Gestalt etwa der fromme Würdenträger sein ? Der Demütige ? Der Mann mit den leisen , weichen , geräuschlosen Sohlen ? Indem ich mir diese Frage vorlegte , betrachtete ich auch die Andern , welche völlig schmucklos ritten und natürlich dienstbare Personen vorstellen sollten . Einer von diesen hielt sich ganz am Ende . Er trug einen sehr gewöhnlichen Taki-Anzug , saß aber auf einem Pferde , welches meine ganze , übrige Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . Die Entfernung war zu groß , als daß ich Einzelheiten bemerken konnte , aber dieser Adel in der Haltung , diese Lebensfülle in jeder Bewegung , diese graziöse Sicherheit des Schrittes und dieses spannkräftige Selbstbewußtsein trotz der Schenkel und Zügel , das war mir genug zu der Annahme , daß es das beste , das wertvollste Pferd von allen fünfzehn sei - - ein Hellbrauner mit zwei weißen Vorderstiefeln ! Der Trupp bog nach dem Wege zum hohen Hause ein . Weil hierdurch die Entfernung sich stetig verringerte , bekam ich dieses Pferd immer deutlicher zu sehen , und indem ich es auf einen Kaufwert von ganz sicher wenigstens neuntausend Mark deutschen Geldes abschätzte , sagte ich mir , daß der Daraufsitzende unmöglich zu den Sijas36 gehören könne . Es waren also sonderbarer Weise zwei Personen , welche mir nicht als das vorkamen , für was man sie allem Anscheine nach halten sollte . Der Weißverschleierte und der letzte Reiter waren beide höchst wahrscheinlich in ihrer äußern Erscheinung darauf berechnet , uns zu täuschen . Der Eine sollte höher , der Andere niedriger erscheinen , als er eigentlich stand . Die Würde des Ersteren konnte mir gleichgültig sein , die des Letzteren aber nicht . Wenn von diesen Leuten einer überhaupt mehr war , als er zu sein schien , so hatte ich gewiß alle Veranlassung , mit meiner Vermutung nicht nur bis zur nächsten , sondern gleich bis auf die höchste Stufe zu steigen : Der vermeintliche Reitknecht war der Scheik ul Islam selbst ! Indem mir diese Gedanken durch den Kopf gingen , sah ich Tifl , welcher drüben auf dem Wege erschien , um aus irgend einem Grunde hinab nach dem Duar zu gehen . Er wußte nichts von der Ankunft dieser Leute und blieb darum überrascht stehen , als er sie erblickte . Als sie ihn erreichten , sprach er auf sie , und da war es mir höchst interessant , zu bemerken , daß ihn die voranreitenden Vornehmen von sich ab und auf den letzten Reiter verwiesen . Das war ein Umstand , durch welchen meine Vermutung fast zur Gewißheit erhoben wurde . Er winkte den Andern zu , weiter zu reiten , und blieb bei Tifl halten . Dieser Wink verriet mir , daß er der eigentlich Befehlende sei . Sie sprachen eine kleine Weile miteinander ; dann ließ der Fremde seinen Hellbraunen wieder vorwärtsgehen , und Tifl kehrte um und schritt , sich lebhaft mit ihm unterhaltend , an seiner Seite , bis beide hinter der letzten , obersten Biegung des Weges verschwanden . Wie gut , daß ich hierher gegangen war , um zu rekognoszieren ! Ich hatte dadurch erfahren , daß es dem Scheik ul Islam höchst wahrscheinlich beliebte , mit uns schauspielern zu wollen , und war nun also auf die beabsichtigte » Komödie der Irrungen « , falls sie wirklich versucht werden sollte , wohl gefaßt ! Da ich nicht den geringsten Grund hatte , diese Gäste auf die Idee zu bringen , daß man vor Freude über ihr Kommen außer sich sei , so beeilte ich mich nicht im geringsten , sondern blieb noch eine ganze Weile auf meinem Platze sitzen . Und wie gut das war , stellte sich heraus , als ich Schritte hörte , welche sich sehr eilig der Laube näherten , hinter der ich lag . Zwei Personen traten ein . » Niemand hat uns gesehen ; das ist gut ! « hörte ich Tifls Stimme sagen . » Er fragte , ob es einen Ort gebe , wo er unbemerkt mit dir sprechen könne . Darum eilte ich , dich hierher zu bringen . Nun schicke ich auch ihn . « Nach diesen Worten ging er wieder fort . Wer war die Person , die sich nun allein in der Laube befand ? Ich sollte nicht lange zu warten haben , es zu erfahren . Es kamen wieder Schritte , eilig , aber leise , vorsichtig schleichend und wie auf weichen Sprungfedern fußend . » Du bist die ungläubige Türkin Pekala ? « wurde gefragt . » Ja , « antwortete sie , die Falschheit ihrer Religion unbedacht mit bestätigend . » Und wer bist du ? « » Wie ich heiße , brauche ich nicht zu sagen ; aber ich bin der Freund dessen , der sich deinen Aschyk nennt . « Da schlug sie die Hände klatschend zusammen und rief aus : » Der Freund meines Aschyk ! Wie mich das freut ! Wer hätte gedacht , daß - - - « » Nicht so laut ! « unterbrach er sie gebieterisch . » Kein Mensch darf wissen , daß ich ihn kenne und daß ich mit dir sprach - - - du Liebliche , du Blühende ! « fügte er in plötzlich ganz weichem , schmeichelndem Tone hinzu . » Ich will dir aber beweisen , daß ich dich und ihn und eure Liebe kenne . Er wird nächsten Sonntag kommen , eine Stunde vor Mitternacht , und du wirst an einem hoch aufgerichteten Mauersteine auf ihn warten . Erkennst du hieran , daß ich sein Vertrauter bin , sein Freund und also auch der deinige ? « » Ja , ich vertraue dir , « versicherte sie . » Du hast gewiß auch so ein edles Männerherz wie er und weißt , was ein edles Frauenherz bedeutet ! « Es war ein Räuspern zu hören ,