sein Platz ist wie ein dunkles Grab . Liebe Meine , bitte , bitte , schicke mir einen blaßblauen Schleier , aber ein großer soll es sein , so groß , daß ich ganz hineinschlüpfen kann . Dann brauche ich keine Kleider , die Hitze tötet mich . Sie hat auch das Rosenbäumlein getötet . In den blauen Schleier will ich mich einhüllen und auf dich warten , meine Allersüße . Kommst du und nimmst mich ? Aber nimm mich nicht sogleich , es ist hier schön , man denkt , es ist die Sonne so groß , so flammend rot , aber es ist der Mond , der aufsteigt . Deine müde Rösi . Rösi an Josefine Meine allersüße Mama ! Weißt du , wo ich bin ? Kannst du mich sehen ? Oh , ich bin im Nußbaum , und die Zweige sind ganz dicht um mich , und die Sonne ist wie grünes Gold , und ich bin nur ein Vogel im Baum . Ich denke an nichts den ganzen Tag , und du bist immer in meinem Herzen , und ich habe dich noch tausendmal lieber , und oben durch die kleinen Räume guckt der Himmel zu dir und mir herein . Wenn ich deine schönen Briefe bekomme , klopft mein Herz , und ich will alles , alles tun , was du willst , Meine . Nur von dir will ich lernen , denn die Menschen sind nicht so gut , wie du sagst , Mama , sie sehen mich an mit Gesichtern und ängstigen mich mit Fragen nach dir und nach Papa . Ich halte mir inwendig die Ohren zu . Alle Mädchen haben Liebesgeschichten , das finde ich so scheußlich . Ich sage immer den Vers , den du gemacht hast , und für den ich dir tausendmal danke : Nie sollst du mich verliebter Schwachheit zeihen ! Dort will ich sein , wo Leid zu lindern ist ! Und keine Träne soll mein Aug entweihen , Die weibisch um mich selber fließt . Nein , keine Träne ! keine weibische Träne ! Ich will auch , ich will auch Leid lindern , wie du , du Allerbeste . Wir leiden viel vom Leide anderer , sagst du . Ja , es ist wahr , aber ich träume so Schönes , ich leide nicht viel , Mama ! Im Traum wurde der blaue Schleier , den du mir geschickt hast , so lang wie eine Straße , und ich konnte darauf in den Himmel fliegen . Aber ich flog nicht , ich ging so sanft , über die Berge glitt ich weg und über den See und sah eine goldene Halle mit weißen Göttern und sah den Gott Odin , der sang , und die Töne fielen herab als goldner Regen in den blauen See . Und ich war die Nixe und hielt meine Hände offen wie zwei weiße Muschelschalen im Mondschein , und die goldenen Regenkörner fielen hinein und streckten kleine weiße zitternde Wurzeln aus , und nach oben wuchs ein Wald von weißen Lilien , wuchs über meinem Kopf zusammen , und ich ging verloren , weiß nicht , wo ich geblieben bin . Suche mich wieder , meine süße Mama ! Rösi . Hermann an seine Mutter Josefine Liebe Mutter ! Da du findest , daß ich so außerordentlich faul im Briefschreiben bin , will ich diesen Regentag benutzen , um dir endlich einmal zu antworten . Es war sehr gut , daß ich nach Basel ging , in vieler Beziehung . Es gefällt mir hier außerordentlich , und ich werde wohl ein bis zwei Semester hier hängen bleiben . Die gefürchtete Tante Ludmilla entpuppt sich als eine zwar scheußlich anzusehende , aber sonst sehr brauchbare Dame , dank deren Bemühungen ich hier endlich in die besseren Kreise komme . Dazu hilft mir nun auch mein Studium in hohem Grade , und würde ich es schon aus diesem Grunde jedenfalls beibehalten . Es ist geradezu eine Kalamität , dieser Mangel an tüchtigen Theologen , eine Kalamität unserer Zeit , und wenn ich auch durchaus kein Mucker bin , so glaube ich doch , daß unserer Wissenschaft ein großer Aufschwung bevorsteht , und daß man dumm ist , wenn man die Gelegenheit nicht benutzt . Allerdings werde ich nach Deutschland übersiedeln , dort ist mehr zu holen für unsereinen - als Schweizer Bauernpfarrer dem Rindvieh zu predigen , das paßt mir nicht . Ich weiß , daß du über all diese Fragen ganz anders denkst , aber dafür bin ich auch ein junger Mann und muß einen Platz zu finden suchen , nicht zu weit von der Sonne . Dazu ist bei uns leider keine Aussicht , bei uns sind nur die Pfarrer berühmt , die sich für Volksmänner ausgeben , und für die Ehre bin ich nicht zu haben . Ich habe mich , seit ich hier bin , also seit zwei Monaten , mehr und mehr zum Aristokraten entwickelt , es muß wohl so in meiner Natur liegen . Übrigens würde mir daheim Vaters Vergangenheit jede Carriere abschneiden , das sehe ich deutlich . Du hast uns in dieser Hinsicht stets wie blinde Hühner behandelt , liebe Mama , die Eltern denken ja immer , daß ihre Kinder nur immer das hören und sehen , was die Eltern gerade für wünschenswert halten . Auch Onkel Albert und Onkel Léon werden hier unaufhörlich durchgehechelt , aber die Schlauheit , mit der sie ihre Millionen in Sicherheit gebracht haben , ist so genial , daß auch die Anerkennung nicht fehlt . Die sind nun alle beide mit ihren Frauen auf der Weltreise , heißt es . So etwas kann verblüffen , wenn es auch im Grunde genommen nur ein Blendwerk der Hölle ist . Tante Ludmilla wußte alles , sie ist trotz ihrer neunzig Jahre und ihrer Leidenschaft für den Alkohol einfach bewunderungswürdig . Sie behauptete mit wütendem Gelächter , Onkels Zusammenkunft in unserem Hause , während wir nach Chur fuhren , habe dem Vater fünfmalhunderttausend eingebracht ! Als ich ihr sagte , daß sie sich leider irre , und daß wir die Sache nur aus Verlegenheit möglich gemacht hätten , stieß sie mich mit ihrem hornigen Zeigefinger in die Brust , daß ich es wohl einen Tag lang spüren mußte , und schimpfte auf dich wie maniakalisch . Tante Ludmilla hat mich schon in einige Familien eingeführt , wo es natürlich an hübschen Töchtern nicht fehlt . Neulich ließ sie etwas fallen von ihrer Absicht , mich eventuell zu adoptieren . Dann bin ich ihr Pflegesohn , und alle unnützen Frager sind aufs Maul geschlagen . Wie denkst du darüber , liebe Mama ? Ich kann ja nicht anders hinaufkommen , es muß ja etwas für meine Zukunft getan werden ! Ich will mich doch ausleben , ich bin doch kein Asket ! Du mußt das doch begreifen , liebe Mutter , ich bin eben anders ! Dein gehorsamer Sohn Hermann . Als Josefine Hermanns Brief gelesen hatte , beschloß sie , sofort nach Basel zu fahren . Ihre heftige Entrüstung benahm ihr sogar während der Sprechstunde die gewohnte überlegene Konzentration . Sie mußte zuweilen ihre Frage an eine Patientin wiederholen , weil sie die Antwort nicht gehört hatte . Ich fahre mit dem letzten Zuge , spreche nachts mit meinem Burschen und bin mit dem frühesten Morgenzuge zurück , dachte sie . Es war November , aber laulich , und heller Mondschein . Die Fahrt muß ich zum Schlafen benutzen , dachte sie , aber wie ist es denn möglich , zu schlafen ? Dieser Bursch ist ja eine vollständige Widersinnigkeit ! Hat man ihn in die Welt gesetzt , damit er die Leute betrüge ? Sie fuhr wie eine gewitterschwarze Wolke über Rösli her , die beim summenden Gaslicht einsam mit roten Wangen am Tisch saß und in ein winziges Notizbüchlein kritzelte . » Ach , du mit deinen ewigen Verseleien , auch du machst mir Sorge ! « schrie Josefine und riß dem erschrockenen Kinde das goldgeränderte Büchlein fort . Rösi starrte mit geblähten Nasenflügeln und dunkel offenen Augen auf ihre Mutter . Sie schrie auf , wie ein verwundeter Vogel schreit . » Was schreist du ? « zürnte die Mutter wild und heftig . » Gib mir mein Buch ! mein Buch ! mein einziges - einziges Glück ! « flehte Rösi und begann zu schluchzen . » Da ist ' s ! weine nicht , du Dummes ! man reißt dir nicht den Kopf ab . « Sie warf das Büchlein auf den Tisch . » Ich fahre nach Basel - ist der Papa daheim ? « » Weiß nicht , « schmollte das Mädchen , still weinend und mit dem Kopf nickend . » Siehst du ! sie weiß nicht ! lebt taub und blind ! Ach , ich möchte eine Tochter , die lebt , die stark ist und ein Mensch ! « schrie Josefine außer sich . Rösi stand auf , zitterte an allen Gliedern , ihr Gesicht war totenblaß . » Du liebst mich nicht mehr , Mama , ich weiß es , du hast mir so kalt geschrieben nach Weggis , alles , was ich tue , ist schlecht , aber - - « Sie warf das Büchlein vom Tisch herunter , trat darauf und schrie wimmernd ... » Kind ! Rösi ! was ist das ? « Plötzlich hatte Josefine begriffen , plötzlich schmolz ihr Herz . Sie lief auf das Kind zu , umarmte es stürmisch , küßte es auf die nassen Augen , die nassen Bäcklein . Ihre Herzen klopften dicht aneinander . » Verzeih ! verzeih ! « flüsterte die Mutter , flüsterte das Kind , und sie küßten sich und weinten miteinander . Dann , fest umschlungen , setzten sie sich auf einen Stuhl . » Sieh , mein Alles , wie unglücklich ich bin über deinen Bruder ! Sein erster Schritt hinaus ist ein Schritt in den Sumpf ! Er will eine Rolle spielen , reich werden ! Alles setzt er aufs Spiel , seine Mutter , sein Vaterland , seine Wissenschaft ! Die abscheuliche alte Spinne in Basel will ihn adoptieren , und er sieht darin etwas Gutes , weil es ihm Vorteil bringt ! Und dieses Bürschlein habe ich in die Welt gesetzt , damit es die Leute betrüge ! « » Aber ich , Mama , ich tue so etwas nie ! ich bin doch deine Tochter , oder willst du lieber eine andere ? « rief die Kleine , und mit zusammengebissenen Zähnen weinte sie Tränenströme in den Hals der Mutter . Josefine küßte sie leidenschaftlich . » Ach , Kind , ich bin so abgehetzt ! Ich bin so müde von diesem Sommer ! Verzeih ! verzeih ! Was hat es alles gegeben diesen Sommer ! Und nun Hermann ! « Sie sprang auf . » Hilf mir , Kind , Rösi ! Mein Regenmantel ist noch naß , die Schuhe müssen vom Schuster geholt werden . Auch mit Papa muß ich sprechen . Um halb acht Uhr geht der Zug . « Rösi war wie Wachs ; sie zerschmolz fast in Liebe und Schmerz , als sie die Mutter sich unglücklich nennen hörte . Alles , alles wollte sie tun ! ... » Und ganz werden wie du ! wie du ! « Georges kam nach Hause , und Josefine hatte noch eine kurze , dringliche Unterredung mit ihm , bei der sie fast allein sprach . » Ich bringe unser Bürschli heim , « sagte sie endlich , nachdem sie ihm alles erzählt hatte , » und dann müssen wir weiter sehen . Cynismus ist Gift für Hermann , und diese alte Tante Ludmilla ist cynisch ! Er muß zurück auf ordentlichen Weg kommen . Es geht nicht , daß er Theologie studiert , Georges . Widersetze dich auch und rate ihm zu etwas anderem , ich bitte dich ! Er hört auf dich , er tut nur mir gegenüber so selbstgewiß , sonst ist er nur zu bestimmbar . Darf ich auf dich rechnen , Mann ? « » Du beabsichtigst vielleicht , einen Bankdirektor aus ihm zu machen ? « lächelte Georges verbindlich , » auch das Geschäft nährt seinen Mann . « Die gequälte Frau sah ihn an . Für einen Augenblick verkörperte sich ihr in diesem gelben , grinsenden Gesichte alles Widrige , Verwerfliche , Hassenswerte , das sie wußte . Alle Qual , alle Ratlosigkeit ihrer Lage spiegelte sich wie in einer trüben Lache in diesen matten roten Augen . » Ja , ja , « sagte der Mann aufseufzend , » das Leben ist halt schwer . « Sie hob den Kopf , die Verzweiflung übermannte sie . Suchte sie hier Hilfe ? » Und weil es schwer ist , laß uns zusammenstehen , « sagte sie verwirrt , » laß uns in dieser Sache zusammenstehen , Georges . Tu nichts gegen mich ! « Sie streckte ihm die Hand hin . Über seine gelben Backen lief ein schwaches Rot , er berührte ihre Hand und murmelte : » Nein , nein . « » Du bist sein Vater , Georges . « » Leider . « » Hältst ihn etwa für verloren ? « » Nein , aber du , Séfine . « » Ich hol ihn , « sagte sie entschlossen , drückte dem Manne die kalten , widerstrebenden Finger und machte sich bereit . Georges bot ihr sogar seine Begleitung an . Verlegen lehnte sie ab und fuhr allein . Aus dem heißen Coupé , das sie schläfrig und schwer gemacht , sprang sie auf den nassen , schmutzigen Perron hinab . Josefine war in Basel . Es regnete schon , seit sie eingestiegen war . Ihre Unruhe verstärkte sich in dieser jetzt stillen , wie ausgestorbenen Stadt , über der eine dunkle Schwüle lag . Nur auf der Rheinbrücke ging ein frischer Wind und warf ihr die Kleider so um die Glieder , daß sie mühsam vorwärts kam . Der Rhein brauste im Regen - sie blieb einen Augenblick stehen und sah ihn ziehen , geheimnisvoll wie den Strom der Unterwelt , glanzlos und farblos . Sie dachte flüchtig an Sommertage voll Duft und Glanz , da sie über diese Brücke gegangen , über den jungen , grünen , schäumenden , herrlichen Rhein . » Wäre ich nie geboren ! wäre ich doch nie geboren , « sagte sie voll Bitterkeit . Es schlug elf Uhr , als sie vor dem Hause stand , in dem Hermann ein Zimmer gemietet hatte . Es war ein kleines Hotel ; unten , in der Bierstube wurde laut gesprochen , eine keifende Frauenstimme zankte mit einer dumpfen , weinerlichen . Man hörte Gepolter , Geschirr klapperte . Josefine zog die Glocke , und sogleich erschien , mit gerötetem , zornigem Gesicht , die Frau aus dem Gastzimmer , die Wirtin . Mißtrauisch betrachtete sie die Fremde , die hier nach ihrem Sohn fragte . » Weiß nit , ob er daheim ist . « Ein Trupp Gäste unter triefenden Regenschirmen kam in den Flur . Mit erheiterter Miene wandte sich die Wirtin ihnen zu ; gleichgültig , über die Schulter weg , rief sie nach dem Mädchen , daß es die Dame hinaufbegleite . Hermanns Tür war verschlossen , kein Klopfen half . » Er ist jedenfalls noch nit daheim , « sagte das Mädchen , ein hübsches , junges Ding mit verweinten Augen und trotzigem Munde , und ohne viel Umstände stellte sie den Leuchter auf ein halbrundes Tischchen , nahe der Tür , knixte » Sküsi « und rannte wieder hinunter zur Bedienung der Gäste . Josefine verlangte ein Zimmer . Es war alles besetzt bis auf eine Mansarde , droben , neben Hermanns Stübchen . » So ist ' s am besten , « sagte die Mutter erfreut , » ich werde hören , wann er kommt . Kommt er oft spät heim ? « machte sie hastig . Das Mädchen blinzelte mit den schweren Augenlidern . » I könnt ' s gewiß nit sagen - ' s sind halt junge Herre . Wünsche Sie no öppis ? « Da saß sie nun neben dem Stearinlicht auf dem Stuhl und wartete auf ihren Sohn . Sie hatte Regenmantel und Hut abgelegt , fröstelnd drückte sie die Arme an den Leib , hielt sich steif aufrecht , um wach zu bleiben . Langsam verrann die Zeit . Sie legte ihre Uhr vor sich auf den Tisch , horchte auf jedes Geräusch . Manchmal kam es über die Treppen , eine Tür wurde aufgeschlossen . Dann sprang sie auf und starrte hinaus , aber es war niemand ins Nachbarzimmer gegangen . Der Regen floß in breiten , ölartigen Streifen an den kleinen Scheiben hinunter - die Kerze , die einen Bruch in der Mitte hatte , fiel bald auf die eine , bald auf die andere Seite und tropfte schnell ab , stand schon in einem weißen See ... Ich bin ganz kopflos hierher gekommen , ich hätte schreiben sollen vorher , dachte sie . Es war halb zwei jetzt . Weiß Gott , wo der sich herumtreibt . Man muß nur die Ruhe nicht verlieren - mit Heftigkeit geht es nicht - ich werde ganz ruhig - Langsam begann sich das Licht zu vergrößern - wurde undeutlich , wurde wieder groß - die Stube drehte sich - das Fensterchen , von dem ein Stück fehlte , weil die schräge Wand da hinunterschnitt - Ha - a - a - a - a - h. Sie schreckte plötzlich auf , erschreckt durch ein Geschrei , ein Sprechen und Winseln ! Sie setzte sich aufrecht auf dem Sofa - wie kam sie hierher ? - dieser erstickende Qualm , diese Dunkelheit - dieses Geschrei ? Durch die Wand , an der sie saß , hörte sie es wieder , grob und heiser : » Usse ! 13 usse ! ' es Chaib ist besoffen ! hehheh ! Usse ! Usse ! Usse ! « Josefine tastete nach der Tür , die Kerze war verbrannt , sie fand sich nicht zurecht - Nebenan winselte die Frauenstimme : » Laß mi doch schlafen ! ' s ischt kalt ! kein Obdach bei der Nacht , o bitt di , noch e halbe Stund ! « Und dann wieder : » Schieb ! Usse ! I will denn emal schlafen , du - « Die Schimpfwörter schienen einander zu ersticken , so dicht folgten sie sich ... Josefine hatte endlich den Türdrücker gefunden , schaudernd zögerte sie noch , dann riß sie die Tür auf ... Ihr gegenüber , in der offenen Tür , stand - Hermann - im Hemd - barfüßig , die Kerze in seiner Hand beleuchtete hell sein blasses , stumpfes Gesicht mit der nassen , hängenden Unterlippe ... Über die knackenden Treppenstufen verlor sich das Gewinsel in der Tiefe des stummen , dunklen Hauses . Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken und lallte noch : » Chaib ! Saumensch ! Verfluchtes . « Die Mutter wich zurück , sah und wollte nicht sehen , hörte und glaubte nicht ... Gespensterfurcht lähmte ihr die Hände , die Zunge . Aber als er sich umdrehte , in die Tür zurücktreten wollte , stürzte sie sich plötzlich vor und schrie in der Raserei ihres Schmerzes : » Selber verflucht , schamloser Hund ! « Er zuckte wie getroffen , ließ den Leuchter klirrend fallen , warf seine Tür zu , verriegelte . Sie rüttelte , sie drohte , er gab keine Antwort , er machte nicht auf . Nun stellt er sich tot , dachte sie , der Feigling ! Eben noch hatte er den Mut der Brutalität ! Grausam , feig , gemein - ein schädlicher Wurm ! Und das ist mein Geschenk an die Menschheit ! Sie trug einen Stuhl heraus vor seine Tür und saß dort . Er soll mir nicht entkommen , dachte sie . Hätte ich eine Waffe gehabt , ich hätte ihn niedergeschossen . Und warum auch nicht ? Das ist mein Geschenk an die Menschheit ! Nun schlief sie nicht wieder ein , nun saß sie mit groß offenen Augen und wartete auf den Tag . Er wird nicht so bald aufwachen , aber ich lasse den Schlosser kommen , er soll mir Rede stehen . Ich werde nicht mehr schimpfen - ich habe geschimpft wie er , ich habe mich gemein gemacht . Hätte ich einen Revolver gehabt , ich hätte ihn erschossen ! Er spie auf sein Spielzeug , als er ein kleiner Bub war . Spie darauf und zertrat es , wenn es ihm genug gedient hatte . Dies ist mein Geschenk an die Menschheit ! Es ist gut , daß ich keine Waffe habe . Ich muß noch leben für Rösli . Ich hatte Pläne - große Pläne - Entwürfe - Hoffnungen - ich wollte etwas Gutes hinterlassen , etwas Nützliches - dem Leben dienen - Ihre Gedanken verwirrten sich , kreisten wild umeinander , kehrten mit tötender Schärfe zu dem einen Punkt zurück : Was ist alles , das ich bestenfalls tun könnte gegen dieses Geschenk an die Menschheit ! Hier ist das Wirkliche , das Schreckliche , Unentrinnbare ! das Unaufwägbare ! Als sie Schritte auf der Treppe unten hörte , ging ein Dröhnen durch ihren Kopf : Sie werden heraufkommen , werden mich hier sehen , sie , die alles wissen , unsere ganze Schande . Mit tiefgebeugtem Nacken , des Schlages gewärtig , saß sie eine ganze lange Zeit . Aber die Tritte verhallten wieder , und unsäglich traurig schien der halb verzehrte Mond über die schmutzigen , leeren , sich heraufwindenden Stufen . Ach , daß es nicht wahr wäre , dieses Letzte , Abscheulichste ! Daß ihr Sohn jetzt da heraufkäme mit dem elastischen Schritt seiner zwanzig Jahre , über diese leeren Stufen heraufspränge , die Augen glänzend vom langen , feurigen , begeisterten Gespräch mit den jungen Kameraden , sorglos pfeifend , unter dem triefenden Hut , voll schönen , unklaren Überschwangs , wie der junge Zwicky nach Hause zu kommen pflegte , die Arme reckend : Hah , jetzt muß es dann anders werden ! jetzt probieren wir ' s emal , wir , die Jungen . Ach , käm er selbst , den Hut schief , selbstgefällig kichernd , mit Kotillonorden behängt , mit dem Sträußchen im Knopfloch - es wäre gut , es wäre alles gut ! Nur nicht so ! nur nicht dieses ! Und sie sah ihn heraufkommen , rot vor Scham und Stolz und Leidenschaft , mit der Zitternden , Scheuen , die halb Lächeln , halb Traum ist , die eine Augenblicksliebe ihm in den Arm geworfen , und die sich vergessen hat , Werkzeuge der Natur sie alle beide , der blinden , nicht bösen , nicht guten , gleichgültig schaffenden Natur ... Gut selbst dieses ! Alles gut ! Nur nicht so ! Nur dieses Letzte nicht ! Sie konnte nicht länger warten . Sie schlug wieder an die Tür . » Hermann ! öffne ! ich bin da ! « Nichts regte sich , kein Laut kam . Sie beugte sich zum Schlüsselloch , horchte an der Türritze : kein Atemzug war zu hören . Ein Grab , dachte sie , schlimmer als ein Grab , viel schlimmer ! Und sie begann zu weinen , heiße , mühsame , versprengte Tränen . Mein Geschenk an das Leben Gift , meine Gabe an die Menschheit diese fressende Pest ! Sie starrte in den gelben Mond hinter dem nassen Treppenfenster . Moral insanity ! dies ist moral insanity ! Wir haben wenigstens auch dafür einen Namen ! Vielleicht wäre es besser als alles andere , das ich tun kann , wenn ich ihn tötete . Ich würde es tun , wenn ich ihn liebte , aber - ach , ich liebe ihn nicht genug , um mich mit ihm zu vernichten . Sie dachte an ihre Pläne , ihre Bestrebungen , und es schien ihr , als wären ihre Hände voll grauer Asche . Ist nicht alles dies nur ein Mittel , um sich zu betäuben ? Auch nur ein Opium ? Damit ich den Abgrund nicht sehe , aus dem alles Leben aufgestiegen ist und in den es hinabsinkt ? Wenn mein eigener Sohn , den ich von Kind auf hinüberziehen wollen auf die gute , auf die positive Seite - was ist dann Erziehung ? Beispiel ? Gewöhnung ? Zu wem redet man ? Und es fiel ihr ein , zu wem seit Jahrtausenden die Weisen und die Dichter geredet , und eine ungeheure Angst ergriff sie . Ihr Mittel versagte , ihr Opium versagte , und sie stürzte in das Bodenlose hinab . » Junger Herr ! Herr Geyer ! Ihre Mutter ist kommen ! « schrie die Wirtin und bearbeitete kräftig die Tür . Es war heller Tag . Gedemütigt stand die Mutter daneben . » Meine Mutter ? - Sofort ! « rief es aus Hermanns Zimmer und dann noch einmal : » Ich komme schon . « Die Tür tat sich auf . » Nun , da haben wir den jungen Herrn . « Lachend trottete die Wirtin davon . Hermann war da . » Liebe Mama , diese Überraschung . Willst du nicht Platz nehmen ? Du mußt aber früh von Zürich fort sein ! Es ist doch nichts passiert ? Entschuldige die Unordnung , ich habe spät gearbeitet . Oder willst du dir nur einen Feiertag gönnen ? Was ist denn los ? « Hermann war wohlgewaschen und frisiert , in guten Kleidern ; das Zimmerchen duftete nach Veilchenseife und war aufgeräumt , das Bett zugedeckt ; auf dem ovalen Tische vor dem Sofa lagen viele Bücher in neuen , schönen Einbänden , mit glänzenden Goldtiteln . Aufgeschlagen aber war eine große , silberbeschlagene Bibel , von deren vergilbten Seiten bunte Initialen leuchteten . Ohne die Mutter anzusehen , fuhr Hermann herum , das heißt : er glitt mit unhörbaren , geschmeidigen Bewegungen . Eben trug er eine Schnurrbartbinde von der Kommode zum Lavor und legte sie schmunzelnd in Papier , rosa Seidenpapier , das fröhlich knisterte .. Dabei sprach er fortwährend . » Tante Ludmillas Familienbibel , die mußt du dir ansehen , Mama . Nun , wie geht ' s daheim ? Aber daß du dich losgemacht hast ! « Auf seinen blassen Backen waren hektische Flecke , die Nervosität seiner Gebärden nahm zu , als die Mutter noch immer schwieg . » Aber schlechtes Wetter ! Es regnet , « sagte er mit harmlosen Blicken nach dem Fenster . Josefine konnte nicht sprechen , und er sprach immer weiter , mit immer mehr sich rötenden Backen und immer unruhigeren Gebärden . Schiefe Blicke fuhren über sie hin , über ihr eingefallenes Gesicht , ihre nassen Kleider . Mit trockenem Gaumen brachte sie endlich hervor : » Genug . Packe zusammen . Heim . « Er sprang empor , tat , als verstehe er nichts ... Da sagte sie ' s ihm . Aber er leugnete rundweg . Ein falscher Verdacht ! Ganz falsch ! Schließlich , warum nicht zugestehen , wenn es nicht falsch wäre ? Alle tun so , man ist keine Ausnahme . Es gehört sich , daß ein junger Mann das Leben kennen lernt . Frauen - natürlich - anständige Frauen wissen diese Dinge nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen . Aber ein Mann - das ist etwas ganz anderes ! ... » Ich saß hier und arbeitete , habe das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen . Es kann ja sein , wenn du mich gesehen haben willst , daß ein anderer - Hier im Haus wohnen mehr Leute - Und jeder findet , daß man das Leben kennen lernen muß . Ein Mucker , ein Duckmäuser ? aber wozu denn ? Welche Mutter verlangt von ihrem Sohne , daß er wie ein Asket lebe ? welche anständige Mutter kümmert sich überhaupt ? das sind die Nachtseiten des Lebens ! Man ist sinnlos betrunken , nun ja . Auch das muß man einmal durchmachen . Und was man in der Betrunkenheit tut oder sagt - dafür ist man nicht verantwortlich . Nicht mal vor Gericht . Ich weiß von nichts , entsinne mich nicht . Du bist eine Ausnahme , Mama , aber ich bin normal ! Ein gewöhnlicher , normaler Mensch , Gott sei Lob und Dank . Du denkst nun gleich , ich sei schlecht , ich sei verloren , aber das ist sehr unrecht von dir , und wenn du das Leben sähest , wie es wirklich ist - Verachten ? nicht verachten etwa ? ein feiles Geschöpf , das sich für ein paar Centimes preisgibt , das soll ich nicht verachten ? Aber du , Mama , du hast sogar vom Onkel Léon und Onkel Albert verächtlich gesprochen , nur weil sie am Gelde gehangen sind ! « Auf all seine Verteidigungsversuche erwiderte Josefine nur das eine : » Zusammenpacken ! Sofort . « Mechanisch gehorchte er , fortwährend redend und scheltend : » Du bist die schrecklichste Despotin , Mama , die es geben kann ! Es wird mir bei dir gehen , wie es dem Pape gegangen ist . Eine Puppe , eine Mumie machst du aus dem Menschen . Ach , du fängst ja sogar mit Rösli an , « sagte er mürrisch und hämisch , » sie schreibt mir , du sähest es nicht gern , daß sie Verse macht . Alle , alle willst du uns zerquetschen ! Aber ich muß heraus ! Ich lasse mich von Tante Ludmilla adoptieren , und dann geh ich nach Deutschland und werde deutscher Bürger . Eine Stellung und ein Vermögen ist gar nichts Schlechtes ! Du verdrehst alles . Du mußt also überall nur schlechte Menschen sehen , denn alle