sind die Hörigen schuld mit ihrer sträflichen Geduld ... Ein gebeugter Nacken : ist das schön ? Nein - schön ist das zurückgeworfene Haupt , das achilleische Lockenschütteln - Mein Gott , Mama , ich rede etwas überspannt ... die Worte kommen mir so ... Seit Monaten und Monaten lese ich Gedichte und gebundene Sprache - und jetzt , in der Erregung , verfalle ich in diesen Ton ... Und doch , was ich vorhabe , Du wirst es gleich hören , ist nichts Überspanntes , Übereiltes - ist ein überlegter , ruhiger Schritt . Ich will mit Toni in Ordnung kommen - ihm alles sagen , meine Freiheit zurückverlangen , Scheidung anbieten und dann - sollte er sich auch weigern - mir mein Leben einteilen , wie ich muß - ohne Heuchelei . So lange ich nicht alles geordnet und geklärt habe , will ich Bresser nicht wiedersehen . Es wäre mir - nach dem gestrigen Abend , nach dem heute Nacht geträumten Traum unmöglich - ich versichere Dir , einfach unmöglich - ihm nicht ans Herz zu sinken . Und das will ich nicht , solang ich ' s nicht in Reinheit tue , das heißt ohne Hehl wie ohne Reu . Siehst Du , ich bin hierher zu Dir gekommen , um meinen Wahrheitsmut auf die Probe zu stellen , um ihn zu festigen ... Werde ich imstande sein , meiner Mutter alles zu sagen ? Das fragte ich mich noch auf der Stiege ... Ich habe die Probe bestanden - und jetzt ist mir leicht und licht ums Herz . « Sie stand auf und blickte ihrer Mutter ins Gesicht : » Nun möchte ich Deine Antwort hören . « Martha legte den Kopf an die Fauteuillehne zurück und schloß die Augen . » Bist Du böse ? « Ein tiefer Seufzer hob Marthas Brust . » Meine armen Kinder - « sagte sie leise . » Warum arm , Mutter ? « Sie kniete wieder neben Martha nieder - » und warum denkst Du jetzt auch an Rudolf ? Was hat sein Schicksal mit dem meinigen gemein ? « » Daß Ihr beide gleich zu bedauern seid . Beide fühlt Ihr das , was in Eurer Welt Euch umgibt , als unerträglich . Schranken ... Ihr wollt sie einrennen und stoßet Euch blutig daran . « » Mag sein , aber wir bringen sie ins Wanken - desto besser für die , die nach uns kommen . Ich frage Dich nochmals : bist Du böse ? « Martha verneinte mit stummen Kopfschütteln . Sylvia küßte sie . » Jetzt will ich gehen , Mama . Morgen komme ich wieder . Da wirst Du über alles nachgedacht haben und mir Antwort geben können . Jetzt bist Du zu erschüttert . Leb ' wohl . « XXVIII Aus Marthas Tagebuch . Ich werde meinem Kinde behilflich sein - nämlich die Ehescheidungssache zu ebnen trachten . Vielleicht blüht ihr doch noch ein Lebensglück an der Seite des geliebten Dichters . Glück , Glück ... daß wir alle immer nach diesem Phantom haschen ; daß wir immer glauben , wir hätten ein Anrecht darauf , nicht nur für uns selber , sondern auch für alle , die uns teuer sind ... Für mich habe ich ja schon lange abgeschlossen - aber in dem Glücke meiner Kinder hätte ich mich noch sonnen wollen , und wie ist das nun anders gekommen ! Beide in Kampf und Sorgen , beide aus den normalen , gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen , die ja der solide Untergrund sind , auf den glückliche Existenzen sich aufzubauen pflegen . Bin ich nicht mit schuld daran ? Ja - ich habe zum Kampfe aufgestachelt . Zu der Aufgabe , Friedrichs Mission fortzuführen , habe ich meinen Sohn aufgezogen . Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen - ein so großes und fernes - wo ich ihm nicht mehr folgen kann . Und ebenso Sylvia . Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt - wodurch sie zur künftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will : auch dahin vermag ich ihr nicht zu folgen . Sie mag ja recht haben ... Von Rudolf hätte ich gewünscht , daß er , unter Beibehaltung seiner Stellung und Gründung eines neuen häuslichen Herdes , sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschränkt hätte : auf die Bekämpfung des Krieges - wie sie in meinem » Protokoll « von Abbé de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und - Tilling bis zu Frédéric Passy und Egidy reicht . Da sich einreihen , zu den Kongressen die Kraft seiner Persönlichkeit mitbringen , das Propagandawerk durch seine pekuniären Mittel unterstützen , in hohen politischen und höchsten Machtkreisen , bei denen er doch kraft seiner - nunmehr aufgegebenen ! - Stellung Zutritt hatte , Proselyten zu machen trachten : das war ' s was ich von ihm erhoffte . Aber er ist weit darüber hinweggeflogen - zu weit , beinah ins Uferlose . Freilich : alle Übel sind mit einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu übersehen ; aber positiv helfen , wirken , vorwärts bringen , das kann jeder einzelne nur auf einzelnem Gebiet . So scheint es mir wenigstens . Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht ; zur allgemeinen Einsicht , wie der künftige Tempel gebaut sein soll , kann er beitragen und dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern , aber des Erfolges wird er sich nicht freuen können , der sich an das tatsächliche Einfügen eines kleinen Bausteins knüpft ... Doch zurück zu meiner armen Sylvia . Man mag noch so großen Anteil nehmen an dem Gang der öffentlichen Ereignisse , an den Phasen - den auf- und niedersteigenden - der Kultur , das Nächstliegende : Freude und Sorge , Glück und Unglück im eigenen Hause - das drängt sich doch in den Vordergrund des Denkens und Handelns . Was soll ich nur tun , um da helfend einzugreifen ? Mit Delnitzky reden ? Mein letzter Auftritt mit ihm hat zwar eine Schranke zwischen uns aufgerichtet ... aber wenn ich doch ihn zu bewegen trachtete , Sylvia freizugeben ? Ich wünschte beinah ebenso heftig wie sie selber , die Fesseln dieser unseligen Ehe gelöst zu sehen . Und mein anderer Wunsch wäre , daß Rudolf nicht so herzenseinsam bliebe ... ach , meine armen Kinder ! Egidy hat auch Familienbande - hat eine Häuslichkeit , die ihn tief beglückt . Das hinderte ihn nicht , der Allgemeinheit eine Kraft zu weihen , die immer noch im Wachsen begriffen ist . Ich setze einiges von dem hierher , was er mir erst gestern schrieb . Briefe von solchen Menschen gehören ins Tagebuch , denn sie sind Erlebnisse : » - - An Umsturz braucht zunächst gar nicht gedacht zu werden - nur an den Einsturz , den Zusammenbruch einer veralteten Weltanschauung . Zum Umsturz - d.h. zum Drunter und Drüber , zu einem Schreckenszustand kann es nur kommen , wenn die Vertreter der bisherigen Ordnung in trauriger Verblendung , oder gar aus selbstischen Gründen , sich gegen den Zusammenbruch veralteter Vorstellungen auflehnen , sich gegen den Einsturz unhaltbarer Gestaltungen anstemmen . Daß sie den Zusammenbruch hindern können - daran ist ja natürlich nicht zu denken , so wenig sich jemand einbilden darf , daß er diesen Einsturz veranlaßt hat . Die Gemeinsamkeit ist ein lebender Organismus , dessen Schäden nur von innen heraus , nur durch ein neues , reines , warmes Herzblut geheilt werden können . Keine Empfindelei , kein Sich-verlieren in Betrachtungen , kein klingelndes Wortgetöse . Sich-entschließen-Wollen . Jeder in seiner Weise auch tun . Wir wollen praktische , wollen verwirklichungsvolle Tatidealisten sein . Nicht mit einem Male wird alles anders werden , sondern allmählich natürlich ; aber das Tempo entscheidet . Allmählich sagen alle , es kommt nur darauf an , ob langsamer Schritt - eins - nochmal zurück - eins - nochmal zurück - zwei ... ( Sie kennen doch den Kasernenhof ? ) oder natürlicher , etwas flotter , meinetwegen auch mal bißchen Geschwindschritt - braucht ja nicht Sturmschritt mit tambours battants zu sein . Und es wird . Es muß werden . Der Durchbruch der neuen Weltanschauung wird - nicht ohne Weh und Ach - aber doch als ein natürlicher Vorgang , eine Geburt sich vollziehen . Sie sprechen von meiner Arbeitskraft , verehrte Baronin . Nun ja , ich habe Arbeitskraft und Schaffensdrang und wie sehne ich mich danach , beides unmittelbar zur Geltung zu bringen . Geredet und geschrieben haben schon viele ; wurden sie aber dann vor das Tun gestellt , so versagten sie ; sie schlossen elende Kompromisse mit der seichten Unabänderlichkeit und anderen Elendsbegriffen ab . Die Ehrlichkeit , die Übereinstimmung , das In-Übereinstimmung-bringen von Lehre und Leben , darum handelt es sich für mich . Und darin weiche ich nicht um eine Nagelbreite von meiner Erkenntnis zurück . « Wahrlich , ich kenne keinen Menschen , auf den besser als auf Egidy die Worte paßten : Von Halbheit halte den Pfad rein , Der ganze Mann setzt ganze Tat ein , Und wahre Ehre muß ohne Naht sein . ( Ernst Ziel . ) Daß solche Menschen leben , wie Moritz von Egidy , und in die Welt hinaustreten , ihre Lehren zu verkünden , das ist doch ein großer Trost . Selbst wenn man an die Macht der Heroen nicht glaubt , wenn man meint , daß die Kulturentwicklung sich unabhängig vom Einfluß einzelner vollzieht , so kann man diese einzelnen - wenn nicht als Bildner , so doch als Symptome der Kulturwandlung betrachten . Von der langsamen , aber stetigen Entfaltung der Anti-Kriegsbewegung - dieser mein Lieblingsaspekt jener Wandlung - gibt mir mein » Protokoll « fortgesetzt Kunde . Bei der letzten Konferenz - in Bern - der interparlamentarischen Union sprach Bundespräsident Schenk die Worte : » Es freut mich , so viele Volksvertreter zu sehen , die für Friedensjustiz und Abrüstung ihre Stimme erheben ; noch mehr würde es mich freuen , wenn offizielle Vertreter der Regierungen zu einer Konferenz über denselben Gegenstand zusammenträten . Und eine solche Konferenz wird kommen . « Ob sich diese Wahrsagung erfüllen wird ? Die Idee von einer Umkehr in dem allgemeinen Rüstungswettlauf ist schon in die Kabinette gedrungen , das weiß ich . Lord Salisbury hat vor kurzem ein vertrauliches Dokument vorbereitet , in welchem die jährlichen Kosten des Militärs in Europa detailliert aufgestellt waren . Da zeigte es sich z.B. , daß in den Jahren 1882 bis 1886 die Staaten Frankreich , Deutschland , Österreich-Ungarn , Großbritannien , Spanien und Italien zusammen eine Summe von 974715802 £ einzig für Heereszwecke verausgabt hatten . Das Memorandum war anfänglich ausschließlich für das englische Ministerium bestimmt , aber Lord Salisbury teilte es dem Deutschen Kaiser mit , der so frappiert davon war , daß er privatim seine Absicht kundtat , eine europäische Konferenz einzuberufen zwecks Erwägung praktischer Maßnahmen , den allgemeinen Frieden zu sichern . Daraufhin erhielt die halboffizielle Presse den Befehl , die Frage aufzuwerfen - das Jahr 1890 , ich erinnere mich , brachte eine förmliche publizistische Kampagne über diesen Gegenstand . Das Projekt wurde in Frankreich schlecht aufgenommen , wo man sich auf Elsaß-Lothringen als auf ein jeden Abrüstungsgedanken ausschließendes Hindernis berief . Der Deutsche Kaiser ließ hierauf die Idee fallen . Solche Ideen pflegen aber nach einer Zeit wieder aufgenommen zu werden , wenn nicht an derselben Stelle , so an einer anderen . Ideen sind - Kraft , daher ebenso keimfähig und unvertilgbar wie Stoff . XXIX Als Rudolf an jenem Nachmittag das Raneggsche Haus verließ , verfolgte ihn Cajetanes Bild und Stimme . Ihre Worte klangen ihm nach , und was er heraushörte , erweckte einen Verdacht in ihm : sollte sie etwa die anonyme Briefschreiberin sein ? Nun , ein Grund mehr , dieses Haus fortan zu meiden . ... Noch einmal an diese Kreise durch neue Bande sich fesseln zu lassen , sich abermals mit Leuten von so verschiedenen Lebensinteressen und Lebensauffassungen verschwägern ? - nein , das wollte er nicht . Cajetane war ein liebes Ding und , wie es schien , etwas verbrannt in ihn , daher auch das momentane Bewundern seiner Taten und Schriften ; wie bald aber würde , wenn die erste Schwärmerei abgekühlt , wieder das alte Naturell zum Vorschein kommen , und wie würde sie dann versuchen , geradeso wie es Beatrix getan , ihn von seinen » Extravaganzen « abzubringen und in den Schoß des alleinseligmachenden Aristokratismus zurückzuführen . Und er selber : der Kampf , den er aufgenommen , füllte seine Seele vollständig aus . Füllte sie mit Sorgen , Ärger , Sehnsucht , Hoffen , - kurz , mit einer großen Leidenschaft . Daneben war nicht Platz für Herzens- oder gar Heiratsangelegenheiten . Höchstens - er war ja doch ein junger Mann - später einmal für kleine galante Zerstreuungen ; aber auch daran dachte er gegenwärtig nicht . Er schlenderte über den Ring dahin . Der Abend war schon hereingebrochen . In den Auslagfenstern funkelten die Gas- und elektrischen Flammen . Kunsthandlung , Blumenhandlung , Fahrradhandlung , Schmuckhandlung - eine neben der anderen zeigte ihre Reichtümer und ihre Lebensgenußlockungen . Vor einem erzherzoglichen Palais , dessen erste Etage in Licht strahlte , hielt eine Reihe von Equipagen - offenbar ein großes Diner ... Aus dem Grand Hotel , an dem er jetzt vorüberging , drang eine Musikwoge - nun ja , zur Table d ' hote spielte ein Orchester - ; ein junges Paar in Reisekostüm kam eben unter dem Tor hervor und schritt - von Portier und Hoteldirektor begleitet , zu einem mit eleganten Koffern und Taschen bepackten Wagen : » Zum Orientexpreß - Kutscher - schnell - « Hier freilich sah die Welt aus , wie die beste aller Welten , hier hatte man nach Reformen kein Verlangen ... Mit plötzlichem Entschluß winkte Rudolf einem Fiaker . Er wollte ein ganz verschiedenes Stück des hauptstädtischen Lebens anschauen - lernen , beobachten , Erfahrung und Anfeuerung suchen zu seiner Aufgabe . » Wohin , Euer Gnaden ? « fragte der Kutscher . » Weit in die Vorstadt hinaus - irgend eine Vorstadt , nahe bei der Linie - zu irgend einem Gasthaus - « » Was für ein Gasthaus ? « » Wo es gerade Volkssänger , oder lieber noch : wo es eben eine Versammlung gibt oder ähnliches ... « » Ich versteh ' , Euer Gnaden , zufällig is in Margarethen draußen , beim Goldenen Apfel , heut Siegesfeier oder so was politisches . Is das recht ? « » Ganz recht - fahren wir zum Goldenen Apfel . « Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Wirtshaus , ein unansehnliches , nur stockhohes Gebäude . Der Kutscher öffnete den Schlag : » Hier sein mer , Euer Gnaden - da ist der Eingang . « Er zeigte auf eine Tür im beleuchteten Erdgeschoß . » Gut . Warten Sie da . « Es war ein mit Bierdunst und Zigarrenrauch gefüllter Raum , den Rudolf jetzt betrat , ein länglicher , niedriger Saal . Ungefähr zwanzig besetzte kleine Tische und im Hintergrund eine lange Tafel , um die dichtgedrängt etwa dreißig Männer saßen . Nur einer davon stand mit hochgehobenem Glase : » In diesem Sinne - « also der Schluß eines Toastes , und die Tafelrunde brachte ein sogenanntes » donnerndes Hoch « aus . In der Nähe dieses Ehrentisches war an einem kleinen Tischchen noch ein Platz frei . Hier ließ sich Rudolf nieder und bestellte ein » Krügel « Bier . Erstaunte Blicke - von Gästen und Kellnern - streiften ihn , denn seine Erscheinung paßte wenig zu der gewohnten Kundschaft des Lokals . Diese bestand - nicht aus Arbeitern , sondern aus allerlei Gewerbtreibenden und » Hausherren « vom Grund : Pfaidler , Selcher , Fleischer - behäbige Kleinbürger , sich selber ungeheuer wichtig dünkende Wähler . Es war richtig so wie der Fiaker es gesagt : eine politische Siegesfeier . Der Kandidat der anwesenden Stimmenabgeber war gegen einen » liberalen « Gegenkandidaten mit großer Majorität durchgedrungen . Jetzt war der kleine Mann gerettet und die Korruption überwunden und der Glaube der Väter befestigt und was die Konsequenzen eines solchen Wahlsieges mehr sind . Alles dies hörte Rudolf aus den einzelnen Sätzen heraus , die aus der allgemeinen Unterhaltung zu ihm herüberdrangen . Das ganze untermengt mit boshaftgemeinen Brocken und Schmähausrufen , wie : » Na , wir wollen ' s ihnen zeigen « , » Blutaussaugerpack « , » Mir sein mir und lassen uns nix g ' fallen « , » Außa mit die tiafen Tön « . An Rudolfs Tischchen saßen zwei junge Männer von widerlichem Aussehen ; der eine fahl und mager , der andere feist und blaurot im Gesicht ; gekleidet schienen sie in » von Herrschaften abgelegte « Anzüge , mit verknitterten Hemden und lose gebundenen schmutzigen Kravatten . Die beiden unterhielten sich miteinander , aber nicht über Politik , sondern über verschiedene Malis und Resis und Mizzis , deren Feschigkeit und » harbe Reize « sie einander rühmten . Sie gehörten aber auch zu der Gesellschaft der Ehrentafel , denn als der vorige Toast beendet war , hatten sie mit ihren Krügeln hinübergewunken » Prosit , Spezi « . Ein großer Ekel schnürte Rudolfs Kehle zu . Das also sind die Stoffe , aus denen die Landesgesetzgebung gebraut wird - Leute von solchem Bildungsgrad , tief unter Null - von solcher Gesinnungsroheit ... die gehören zum Räderwerk der Maschine , die eines großen Reiches Geschicke webt ! Zu diesem moralischen Ekel gesellte sich der physische . Die Burschen pafften an Virginia-Stummeln und spukten alle Augenblicke auf den Fußboden ; wenn sie ihre Biergläser zu den Lippen führten , sah man wie ungewaschen ihre Hände und wie niemals geputzt ihre abgebissenen Nägel waren . - Glückliche Zustände , menschenwürdiges Dasein für alle ? - Jawohl , das ist das Ziel , dazu gehört aber auch , daß würdige Menschen herangezogen werden - moralisch und physisch reine Menschen . Anders ausgedrückt : schön hat ein Geschlecht zu sein , das glücklich zu werden verdient - mehr noch : um glücklich werden zu können ... Aus solchen Gedanken wurde Rudolf durch ein lautes » Meine Herren « gerissen , das der Mann auf dem Ehrenplatz der Tafel , offenbar der Gefeierte des Abends , ausstieß , indem er mit dem Messer an sein Glas klopfte und sich erhob , zum Zeichen , daß er reden wolle . » Bravo , bravo ! « riefen die andern und verstummten dann mit erwartungsvollen Mienen . » Meine Herren , oder vielmehr , meine Freunde ( Bravo ! ) , meine verehrten Kampfgenossen ! Ich bin mir bewußt , voll und ganz bewußt , welche Pflichten mir mein Sieg , den ich Ihnen , den ich Ihrer Gesinnungstreue danke ... mein Sieg mir auferlegt und diese Pflichten , das gelobe ich ... will ich ausführen - unentwegt , voll und ganz ( Bravo ! ) . Ohne Furcht und ohne Scheu werde ich die Mängel aufdecken ... und die Hallunken entlarven die - die abscheulichen Hallunken , welche - welche - « » Na ja , nieder mit die Juden ! « kam einer dem Redner zu Hilfe . » Ja - ich werde das Mandat unserer christlichen Bevölkerung hoch halten und zeigen , daß die verfolgten , zurückgesetzten Christen wieder ihre Rechte geltend machen ... und daß das urgemütliche , urehrliche und urlustige Wienertum ... das goldene Wienerherz - kurz unsere alten kaisertreuen , gottesfürchtigen und doch so kreuzfidelen Gesinnungen sich - wie soll ich sagen - von den Einflüssen der - oder vielmehr den Aufdringlichkeiten einer spekulativen Rasse von Parasiten mit voller Kraft - das heißt mit kraftvoller Entschiedenheit stets und immer und überall schützen , befreien , kurz - « » Kurz davonjagen , die Juden , « resümierte wieder die Aushilfsstimme . » Davonjagen , davonjagen , « riefen nun alle im Takt und applaudierten frenetisch . Da hielt es Rudolf nicht länger aus . Er sprang auf und trat an den Tisch . » Meine Herren « - seine Stimme klang fest - » auch ich bin ein Wiener Wähler und bin auch schon selber Kandidat gewesen - mein Name ist - doch der Name tut nichts zur Sache . Wollen Sie mir gestatten , ein Wort zu sagen ? « » Wer san mer denn ? « » A schöner Herr . « - » Hoffentlich a Spezi . « - » No , so reden S ' « tönte es von verschiedenen Seiten . » Ich bin kein Spezi , wenn Sie darunter einen Gesinnungsgenossen verstehen . Aber da Sie « - er wandte sich an den Gefeierten - » im Abgeordnetenhaus auch Gegner finden werden , so werden Sie es wohl vertragen , daß einer Ihnen hier entgegentrete . « » Also a Liberaler , o je ! « rief der Angeredete . » Aber nur heraus mit der Sprach . « Und er nahm eine parlamentarische Haltung an , indem er die Hand in den Westenausschnitt schob . » Ein Liberaler ? « wiederholte Rudolf . » Ich weiß nicht recht , was Sie unter dieser Bezeichnung verstehen . Einfach als Mensch möchte ich sagen , daß es im tiefsten Grade traurig ist , wenn eine Parole des Hasses und der Verfolgung den Ausgangs- und Zielpunkt einer politischen Aktion darstellt - « » Oho , « rief jemand . » Se san wohl selber a Jud . « » Zufällig nicht - « » Nachher a Judenknecht , a bezahlter . Da haben ' s hier nix zu schaffen , in einer G ' sellschaft von redliche Antisemiten . - Schauen ' s daß weiter kommen . « Rudolf verschränkte die Arme . Er war totenbleich , aber nicht vor Angst , sondern vor innerer Empörung . » Gut , « sagte er , » ich versetze mich einen Augenblick an Ihre Stelle . Sie sind Antisemiten . Der Titel ist ja sehr gut getragen . Nicht nur unter einfachen Bürgersleuten wie Sie , auch in hohen und höchsten Kreisen ist die Sorte vertreten , und auch Gelehrte und Professoren verteidigen diese Anschauung von allerlei ethnographischen und nationalökonomischen Standpunkten , aber Sie , Sie bringen , wie ich sehe , nur Ihr Temperament mit - nur so ein Stückchen gesunden Haß und Verachtung - bitte sagen Sie mir also , wie wollen Sie Ihr Programm ausführen ? Was soll denn mit den Juden geschehen ? « » Was mit ihnen g ' schehen soll ? Nach Palästina jagen oder umbringen kann man ' s leider nit . Aber verhindern kann man ' s , daß Richter oder Lehrer werd ' n - nix kaufen soll man in die jüdischen G ' schäft - und wenn mögli , die Güter von die Reichen - von die Rothschilds und dergleichen - einziehn . Und kan Umgang mit ihnen haben - auch mit die Getauften nit - « Ein anderer fiel jetzt ein , der Grimmigsten einer : » Ich möcht schon mittun , wenn sich a Jüd taufen läßt - so wie der heilige Johannes es tan hat - ihn ganz einitauchen - dann aber sein Kopf so lang unterm Wasser tauchen , bis er dersauft . « Das hübsche Scherzwort erregte beifälliges Gelächter . Rudolf hatte sich dem Festtische mit der Absicht genähert gehabt , mit ein paar aus seiner inneren Bewegung quellenden Worten etwas Aufklärendes über die Pflichten und Ziele von Volksvertretern zu sagen , - zu demonstrieren , daß durch Haß und Verfolgung nichts Ersprießliches geleistet werden könne ; an Herz und Vernunft hatte er appellieren wollen und zeigen , wie diese beiden , wenn in den Dienst der Mitbürger gestellt , diesen zu moralischer und materieller Erhebung verhelfen können . Aber nach dem , was er jetzt gehört , sah er ein , daß eine solche Sprache hier ebenso wenig verständlich wäre , wie etwa eine griechische Ode vor einem Trupp von Irokesen , und er verzichtete auf jeden weiteren Versuch , mit den Anwesenden zu diskutieren . Nur nach einem Worte suchte er , das seiner ganzen Entrüstung über den wahrgenommenen barbarischen Tiefstand Luft machte - aber er fand es nicht . » No , is der Herr jetzt paff ? Sieht er ein , daß man gegen so stramme Parteileut ' wie wir , nit aufkommen kann - daß wir für unser christliches Volk einstehen werden , gegen alle Juden und Judenliberalen , sowie gen alle Freimaurer und Sozi . Unser altes Wien , mit sein ' goldenen Herz , mit sein ' frommen Sinn , darf uns von die Eindringlinge und ihre Knecht ' nit verschandelt werd ' n : No , sagt der Herr noch immer nix ? « » Ich sage , daß ich Sie ebenso tief bedauere , als - verachte . « Und er wollte sich zum Gehen wenden . Aber da brach ein Sturm los . Alle sprangen von ihren Sitzen auf , Schimpfworte flogen durcheinander , worunter der Ruf » Jud , Jud « am häufigsten erscholl , weil er in solcher Mitte als die gehässigste Beschuldigung gemeint ist . Einer warf seinen Bierkrug nach Rudolfs Kopf , doch ohne ihn zu treffen . Zwei Leute - die Burschen , an deren Tisch er vorhin gesessen - packten ihn an den Schultern und , während nunmehr der ganze Saal in den Schrei : » Außi , außi , werft ' s ihn außi « ausbrach , wurde der Überwältigte zum Ausgang gedrängt und so unsanft herausbefördert , daß er auf das Pflaster fiel . Hinter ihm schlugen die Exzedenten die Tür wieder zu . Die Straße war leer ; nur der Fiaker stand da . Erschrocken sprang der Kutscher herbei und half seinem Fahrgast vom Boden auf . » Jessas , Maria und Josef , Euer Gnaden , haben ' s Ihnen weh tan ? « » Nichts , nichts ... « wehrte Rudolf ab . » Fahren wir wieder auf den Ring zurück . « Und er stieg ein . Im Wagen bemerkte er , daß er an einer Stirnwunde blutete . Es war aber nur ein Ritzer . Am folgenden Tage spürte er nichts mehr davon . Aber eine andere Wunde hatte ihm der Vorfall geschlagen . Eine tiefe Verletzung seines Glaubens an die Menschheit . XXX Hugo Bresser erwartete mit Ungeduld das versprochene Wort . Nach zwei Tagen traf es ein : » Ich will Dein sein . Aber ohne Falsch und Hehl . Erst muß ich mich befreien . Also noch Geduld . Ich schreibe wieder . Bis dahin ist Dir mein Haus verschlossen . Aber nicht wahr ? Das Wort genügt - ich wiederhole es : so wahr ich weiter leben will und kann - Dein will ich sein . « Von diesen Zeilen aufs tiefste erregt , setzte sich Hugo sogleich an seinen Schreibtisch , um zu antworten . Seine Pulse flogen , ein seliger Rausch erfaßte ihn und mit fliegender Feder schrieb er auf die erste Seite vier glühende Strophen - ein Triumphlied über das Thema : » Du willst mein sein « vielleicht das schönste Lied in dem Zyklus » An sie « , - dann fuhr er in Prosa fort : » Sylvia , sag ' nicht zum Glücke Später ! Später kann ja eins von uns zweien gestorben sein - was wäre das für ein Raub ! Du willst Dich frei machen ? Bist Du ' s denn nicht ? Spürst Du nicht , daß in beglückter Liebe eine solche Kraft liegt , daß sie alle Ketten , Skrupel , Rücksichten spielend über alle Dächer schleudert ? Das ist ja wieder ein sklavisches und ängstliches Sichbeugen unter das Joch des fremden Willens , ein Abhängigsein von fremdem Urteil , daß Du da erst Scheidungsurkunden und dergleichen brauchst , daß Du erst dem ganzen Kreis von Tanten und Sippen höfliche Anzeigen machen willst : Meine Verehrtesten , ich liebe Hugo Bresser und will die Seine werden . Wen geht das etwas an ? Das ist unsere Welt und eine so große , so freudenhelle , daß sie für uns das ganze übrige in Nichts und ins Dunkel verdrängt ... Du bist zu stolz , um zu lügen ? Vor allem sollten wir zwei zu stolz sein , unser Glück der kalten Menge bloßzulegen ... ein Glück , das um so süßer wäre , je verschwiegener es bleibt . Nicht ängstlich verschwiegen , nur sorglos , als wäre die Mitwelt nicht da . Die Liebe hat solche Isolierungsgewalt . Sie umgibt das selige Paar mit einem undurchsichtigen Netz - aus Flammen gewoben . Das ist der echte Feuerzauber . Ich bin von einem Hochmut ! ... Mir ist , als trüge die Erde niemand , der mir ebenbürtig ist . Der König aller Könige bin ich , denn Du willst mein sein ... niemand ist würdig , mir die Schuhriemen zu lösen , aber vor Dir lieg ' ich im Staube - Herrin . Doch wieder nein : nicht Dein Knecht will ich sein , sondern Dein Schützer - Kind ! Du weißt nicht , welche sanfte , schmelzende Zärtlichkeit ich Dir bereit halte ; ruhen sollst Du an meinem Herzen , Dich in meine Arme schmiegen , im Bewußtsein voller Sicherheit und Geborgenseins . Du hast ja viel Trübes durchgemacht - Stunden der Bitterkeit , des Ekels , des Aufruhrs - Trost brauchst Du und Rast und Stille . Fürchte nicht , daß Dein Geliebter Dich in einen ewigen Wirbelsturm der Leidenschaft mit sich reißen will - ich will Dir Frieden geben . Minuten lodernder Extase - aber auch Stunden heiterer Vernünftigkeit . Oder auch Unvernünftigkeit ; wir sind gescheit genug jedes für sich , um miteinander kindisch sein zu dürfen . Ja , fröhlich wollen wir sein - scherzen und lachen . Scherz ist der Page der Königin