Augen nicht sehen konnte . Der Peder hielt mich fest . Er kannte das Terrain genau und machte auf jede Eigentümlichkeit desselben aufmerksam . Dennoch wurde mir das Gehen schwerer , als die Umstände es eigentlich begründeten . Ich stolperte und schwankte oft . Da schlang er , um mich zu stützen , stets und schnell den Arm um mich . Am liebsten wäre ich in diesem starken , liebevoll besorgten Arme liegen geblieben , um mich von ihm weitertragen zu lassen ! Wie lange wir so , oft auf- , oft abwärts gingen , weiß ich nicht . Das Gefühl für die Bestimmung der Zeit war mir vollständig abhanden gekommen . Dann war der Wald zu Ende . Die Sterne standen über uns , und unsere Füße schritten über ebenen Boden und auf weichem Grase . Wir hatten bei der Entfernung von der Felsenspalte den Schluß gemacht , waren also die letzten und beide allein . Von dem Hadschi und den Pferden sah ich nichts . Als ich nach ihnen fragte , bekam ich die Antwort : » Habe keine Sorge ! Du wirst deinen Freund beim Ustad finden , eure Pferde auch und ebenso die Gewehre . « Die Gewehre ! Da kam noch nachträglich der Schreck über mich . Ich hatte sie vergessen , vollständig vergessen , gar nicht an sie gedacht , als ich vom Peder fortgeführt worden war . Erst jetzt fiel mir ein , daß ich sie , als ich nach dem Sprunge aus dem Sattel stieg , neben mich hingeworfen hatte . Diese im andern Falle ganz unmögliche Vergeßlichkeit brachte mich zu der Ueberzeugung , daß die Krankheit auch bei mir viel weiter vorgeschritten sei , als ich gedacht hatte . Kaum hatte ich diesem Gedanken Raum gegeben , so begann er , mich zu beherrschen . Ich mußte stehen bleiben . Meine Beine zitterten , die Füße versagten mir den Dienst . » Was ist mit dir ? « fragte der Peder , » fällt dir das Gehen schwer ? « » Nicht schwer , nicht leicht ; es giebt eben kein Gehen mehr . Erlaube , daß ich mich für einen Augenblick setze ! « Er umfaßte mich , um mich langsam niederzulassen . Ja , sitzen ! Das war nicht möglich ; ich mußte sofort liegen ; es fehlte mir die Kraft , den Oberkörper aufrecht zu halten . Da sanken auch die Lider herab und waren nicht wieder in die Höhe zu bringen . Was nun mit mir geschah , das weiß ich nicht . Ich war wie ganz im festen Schlafe , zuweilen auch wie nur im Traume . Ich hörte zuweilen die gütige , besorgte Stimme des Peder . Er sprach zu mir ; er sprach auch zu Andern , doch klang es wie aus weiter , weiter Ferne . Ich fühlte mich gehoben und getragen . Ich war so leicht ; ich hatte keinen Körper . Ich bestand aus nichts als nur aus froher Zuversicht und glücklichem Vertrauen , und diese gänzliche Hingebung lag wie auf Engelsflügeln ausgebreitet . Dann war es mir , als schwebe ich durch tausend , tausend selige Ewigkeiten , unendlich lang und doch so kurz , so kurz ! Was für Töne erklangen da ? Waren das die Harfen verklärter Geister ? Oder war es der Psalter des alttestamentlichen Sängers , der da spricht : » Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen , von denen mir Hilfe kommt ! « Und da legte sich eine Hand auf meine Stirn . Es war , als ob von ihr aus eine gütig reine , immaterielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe . Und eine tiefe , wohllautende Stimme sprach die letzten Worte ganz desselben Psalms : » Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in Ewigkeit . Amen ! « Die Stimme schwieg . Leise Schritte entfernten sich . Tiefe , fromme Stille herrschte in mir und auch rund umher . Aber ich hatte die Empfindung , daß ich nicht allein und verlassen sei . Es umwehte mich ein feiner , gottesdienstlicher Duft , wie von Weihrauch und Myrrhen . Da erklangen hoch über mir zwei Glöcklein . Sonderbar , daß ihr schönes Harmonieverhältnis mir sofort in die Ohren trat ! Die eine , tiefe , war in die untere Dursexte der oberen gestimmt . Es war gewiß ganz eigentümlich , daß mir trotz meines Ouinte fehle ! Nun wieder tiefe Stille . Dann hörte ich in kurdischer Sprache ein vierstimmiges , feierliches Lied erklingen , dessen erste Strophe deutsch zu lauten hätte : » Herr , ich trete Im Gebete Vor dein heilig Angesicht . Laß dir sagen Meine Klagen ; Höre , was mein Flehen spricht ! « Es waren nicht Orgel- sondern Harfentöne , welche dieses Lied begleiteten . Gab es hier eine Kirche ? War ich überhaupt auf der Erde ? Träumte oder wachte ich ? Ich hatte keine Macht über meine Augen . Besaß ich überhaupt jetzt welche ? War ich jetzt vielleicht nur Geist , nur Seele ? Wo war mein Körper geblieben ? Ich fühlte ihn nicht ! Da gab es neben mir ein leises , leises Rauschen wie von einem feinen , sich bewegenden Gewande . Zwei warme , weiche Frauenhände ergriffen meine Hand , und eine innig sprechende Altstimme betete : » Herr , es treten , Um zu beten Zu dir Alle , die du liebst . Laß den Glauben Uns nicht rauben , Daß du nichts als Leben giebst ! « Meine Hand wurde lange festgehalten . Das merkte ich , obgleich ich den Sinn für Zeit und Raum kaum noch zu besitzen schien . Dann gab es eine Berührung , als ob zwei Lippen sich auf diese meine Hand legten . Ich wollte sie zurückziehen , ohne daß ich diese Bewegung ausführen konnte . Wer war es , der , vor mir knieend , um mein Leben gebetet hatte ? Ich wünschte so dringend , dies zu erfahren , doch gelang es mir nicht , ein Wort der Frage auszusprechen . Aber ich fühlte , daß meine Augen sich öffneten ; das war so eigenartig , so ganz als ob es nicht meine leiblichen , sondern die seelischen seien . Da sah ich in ein liebes , ernstes , reines Frauengesicht . Es war von einer so frommen , edlen Schönheit , wie man Heilige abzubilden pflegt . Die Augen waren dunkel und trotzdem doch so hell , so licht , so klar . Es ging von ihnen eine Wärme aus , welche auf mich überfloß . Mir war , als ob ich dieses Antlitz schon einmal gesehen habe , nicht gleichgültig und vorübergehend , sondern sorgsam und mit derselben Herzenswärme , welche ich jetzt zurückempfing . Nun breitete sich ein frohes Lächeln über die so kinderholden und doch so frauenhaft sinnigen Züge , und die Lippen , welche vorhin meine Hand berührt hatten , fragten mich : » Erkennst du mich , Sihdi ? Ich bin Schakara , welche du vom Tode errettet hast . « Ich wollte antworten , konnte aber nicht . Ich hörte nichts , als ein unverständliches Flüstern , welches aus meinem Munde kam . Da fuhr sie fort : » Ich bin das Mädchen , welches damals in Amadijah die Oelim kires72 gegessen hatte . Deine Hand brachte mir das schon fast entflohene Leben zurück73 . Kannst du dich erinnern ? « Ich bewegte meine Augenlider , um ihr anzudeuten , daß ich sie verstanden habe . Zu sprechen war mir nicht möglich . Da legte sie ihre Rechte auf meine Stirn und sagte : » Die Krankheit hat dir das Reden verboten . Aber sei getrost ! Chodeh ist die Barmherzigkeit . Er wird uns nicht das schreckliche Leid anthun , dich bei uns sterben zu lassen . Der Ustad hat für euch gebetet , und die Güte des Himmels wird ihn ganz gewiß erhören . Schau , da kommt er . Siehst du ihn ? « Sie fragte mich so , weil mir jetzt die Augen zugefallen waren ; ich konnte sie nicht wieder öffnen . Doch hörte ich Schritte , welche sich näherten . » Kam er noch nicht zu sich ? « wurde Schakara gefragt . Das war dieselbe tiefe , wohllautende Männerstimme , welche ich schon gehört hatte . » Er öffnete die Augen und sah mich an , « antwortete sie . » Sprechen konnte er nicht . « » Hat er dich erkannt ? « » Ich glaube es . « » So liegt er nun wieder in der vorigen Bewußtlosigkeit . Ihn werden wir wohl retten . Von seinem Gefährten dort aber kann ich das leider nicht auch sagen . Er steht bereits sehr nahe am Tode . « Da hörte ich Halefs Stimme laut und zornig erklingen : » Am Tode ? Sein Gefährte ? Also ich ? Ihr glaubtet wohl , ich schlafe ? Ich bin soeben aufgewacht und habe euch gehört . Ich stehe nicht am Tode ! Nein , nein , nein ! Ich bin Hadschi Halef Omar , der Haddedihn vom Stamme der Schammar . Mich kennt man überall ; einen Tod aber giebt es nicht ! Darum ist das , was ihr sagt , ganz unmöglich . Ich befinde mich nicht am Tode - - - am Tode - - - nicht , nicht - - - am - - - - - Tode ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich hörte diese Worte meines Hadschi , wußte aber nicht , wo er lag . Es war , als ob irgend eine Frage nach ihm sich in mir emporringen wolle ; sie trat aber weder in das Bewußtsein noch in den Willen , denn ich hatte die Empfindung , als ob ich jetzt emporgehoben und weit , weit fortgetragen werde , und wie in unendlicher Ferne hörte ich die Worte verklingen : » Am Tode - - - am Tode - - - ! « - - - Wie lange ich fern von mir gewesen war , oder , durch die gewöhnliche Redensart ausgedrückt , wie lange ich nun wieder ohne Bewußtsein dagelegen hatte , das weiß ich nicht . Hierauf schien es , als ob mir Harfenklänge nahten . Es war aber umgekehrt : ich kam zu ihnen ; die Besinnung kehrte mir zurück . Es bedurfte jetzt keiner Anstrengung für mich , die Augen zu öffnen , doch fühlte ich eine mir unbekannte Schwere in den Lidern . Ich war außerordentlich matt . Als ich versuchte , den Kopf zu bewegen , dauerte es eine ganze Weile , bis es mir gelungen war , das Gesicht auf die von der Wand abgewendete Seite zu legen . Ich hatte den Mund offen , und sonderbarerweise war es mir , als ob dies so sein müsse ; es fiel mir gar nicht ein , ihn zu schließen . Und doch war ich mir zu derselben Zeit vollständig darüber klar , daß dies zu den Krankheitserscheinungen des exanthematischen Fiebers gehöre . Nun sah ich , wo ich mich befand . Es war ein hoher , lichter , weiß getünchter Raum , dessen Wände augenscheinlich aus starken Mauersteinen bestanden . Die beiden Seiten waren nicht durchbrochen . In der Hinterwand gab es eine breite Doppelthür , für die Gegend , in welcher wir uns befanden , eine große Seltenheit . An der Vorderseite standen zwei Säulen , die mit den Mauerwerken drei offene Bogen bildeten , durch welche Luft und Licht mehr als genugsam Zugang fanden . In der einen Ecke lag ich , in der andern Halef , mit den Füßen nach der Thür gekehrt , damit die vorn hereinbrechenden Sonnenstrahlen nicht direkt in unsere Augen fallen möchten . Längs der ganzen Hinterwand waren blühende Pflanzen aufgestellt , zur Augenweide für uns , wie ich später hörte . Rechts , wo ich lag , stand in einer breiten Nische ein thronähnlicher Sessel . Vor ihm lag ein Teppich ausgebreitet , mit persischen Sitzkissen nach rechts und links . Ich schloß daraus , daß ich mich nicht in einem Wohnraume befand . In der Folge erfuhr ich , daß der Ustad hier die Aeltesten des Stammes zu empfangen und mit ihnen zu beraten pflege . Es war ein kaum genug zu schätzender Vorzug für uns , daß er grad dieses Gelaß für uns bestimmt hatte . Ich sah an den Wänden Sprüche stehen ; aber ich las sie nicht . Selbstdenken konnte ich ; aber geschriebene Zeichen in Gedanken zu verwandeln , das brachte ich nicht fertig . Bettstellen gab es natürlich nicht , doch waren unsere Lager von der größten , hier zu Lande ganz ungewohnten Reinlichkeit . Man hatte weiche Kissen hoch aufeinander gerichtet , so breit , daß mehrere Personen hätten nebeneinander liegen können , und die hellen , saubern Kamelhaardecken waren so fein und leicht , als ob sie aus Seide gewebt worden seien . Halef lag still , ganz bewegungslos . Sein Gesicht war außerordentlich eingefallen ; es glich dem einer Leiche . Seltsamerweise machte mich das nicht im geringsten bange . War das Vertrauen ? Oder war es die Gleichgültigkeit , welche man bei Kranken oft zu beobachten pflegt ? Unweit der Thür saß Schakara mitten im Pflanzengrün . Weiß war ihr Gewand . Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen . Ihr dunkles Haar hing in langen , schweren Flechten herab . Die schlanken Finger glitten über die Saiten der Sandurah74 . Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen ? Man sagt ja , daß der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schöpfung sei . Wenn nicht das herrlichste , aber gewiß eines der frömmsten sah ich hier ! Hätte wohl ein europäischer Arzt erlaubt , in der Nähe so schwerkranker Personen Musik zu machen ? Wahrscheinlich nicht ! Es kommt ja wohl auch auf die Art des Instrumentes an . Der Harfenton ist der am wenigsten künstliche . Er bietet Klänge der Natur , wohllautend für das Menschenohr gestimmt . Dieser Wohllaut ist auch für kranke Nerven angenehm . Man darf einer Kurdin nicht zumuten , Künstlerin zu sein . Schakara griff nur die vorgestimmten Akkorde ; sie wußte nichts von einer chromatischen Veränderung der Töne ; aber grad durch diese diatonische Einfachheit war jede Mitthätigkeit des Ohres ausgeschlossen ; es empfing die Töne ebenso leicht und selbstverständlich , wie die Brust die Luftwellen , von denen sie herbeigetragen wurden , atmete . Daher kam es , daß diese Klänge die Seele unmittelbar berührten ; sie schienen zur Atmosphäre dieses Hauses zu gehören und einen die Lebenskräfte hebenden , wohlthuenden Einfluß auszuüben . Ich fühlte diesen Einfluß . Es war , als ob es in mir Etwas gebe , was den Harfentönen verwandt sei , was lange , lange geschwiegen habe und nun endlich , endlich einmal mit erklingen dürfe . Darum berührte es mich fast wie eine Entsagung , wie ein Verlust , als Schakara aufhörte und die Harfe auf die Seite lehnte . » Bitte , spiel weiter ! « bat ich sie . Ich hatte diese Worte ganz unwillkürlich , fast ohne Willen ausgesprochen . Nun überkam mich eine Art von Verwunderung darüber , daß ich wieder sprechen konnte . Die Kurdin kam schnell zu mir herüber , ließ sich an meiner Seite nieder und sagte : » Suhker Chodeh ! 75 Ich höre deine Stimme ! Siehst du mich , und verstehst du , was ich sage ? « » Ja , « antwortete ich . » Du befindest dich im hohen Hause des Ustad . Er wünscht , daß ich euch pflege . Erlaubst du es mir ? « » Ja . « » Hast du einen Befehl für mich ? « » Nein , nie ! « » Warum nicht ? « » Für dich nur Bitte , nie Befehl . « Da ergriff sie meine Hand , sah mir mit einem langen , frohen Blick ins Angesicht und sagte dann : » Du bist noch ganz so voller Güte , wie du damals warst . Sag , Effendi , welcher Wohlgeruch ist dir der liebste ? « » Benefsesch76 . « Da küßte sie mir die Hand , stand auf und eilte aus der Stube . Warum hatte sie mich nach meinem Lieblingsdufte gefragt ? Der Grund sollte mir leider nur zu bald zur Erkenntnis kommen . Er war mir nicht fremd , aber meine Gedanken waren jetzt zu schwach , ihn augenblicklich zu erraten . Da drüben bei Halef hatte man eine Menge in Erdkästen gepflanzte Rosen aufgestellt ; bei mir hier gab es keine Blumen , doch fragte ich mich nicht , woher das kommen möge . Mich fror ganz plötzlich , durch und durch und so intensiv , als ob ich ganz in Schnee und Eis begraben sei . Es war ein von starkem Fieber begleiteter Schüttelfrost , der mich an die Petechien erinnerte , welche ich unterwegs auf meiner Brust bemerkt hatte . Ich sah nach , die Flecke hatten sich jetzt über den ganzen Oberleib verbreitet ; auch auf den Armen bemerkte ich sie . Diese Entdeckung ließ mir den Kopf heiß erglühen , während der Körper vor Kälte bebte . Da sah ich den Peder hereintreten und leisen Schrittes zunächst hin zu Halef gehen . Er trug natürlich die Fakirlumpen nicht mehr , sondern war ganz weiß in weite , kurdische Hosen und ein bis auf die Kniee reichendes Obergewand gekleidet , welches an der Taille von einer blauen Schärpe zusammengehalten wurde . Da steckten anstatt der Messer und Pistolen einige schön erblühte , purpurglühende Schirasrosen . Sein langes , seidengrau glänzendes Haar war von vorn nach hinten zurückgekämmt und hing bis über die Schultern herab . Sein heut vom gestrigen Schmutze freies , Ehrfurcht erweckendes Angesicht wurde von jenem Hauche innerer Jugend verschönt , welche aus der Seele auf den Körper überstrahlt und selbst im höchsten Lebensalter nicht vergeht . Man sah ihm an , daß er mit vollem Rechte Pedehr genannt wurde , ein Vater , der den Seinen nichts als Liebe giebt , Liebe mit verständiger Einsicht gepaart , und von ihnen dafür wieder Liebe erntet . Er betrachtete Halef aufmerksam , kniete dann bei ihm nieder und sprach zu ihm , ohne aber eine Antwort zu erhalten . Hierauf strich er ihm wiederholt über das Gesicht und ergriff seine Hände , um sie zu bewegen . Auch das war ohne Erfolg ; der kleine , liebe Hadschi gab kein Zeichen , daß er lebe . Da kam der Pedehr zu mir . Er sah , daß ich die Augen offen hatte , ließ sich bei mir nieder und fragte : » Siehst du mich , Sihdi ? « » Ja , « antwortete ich . Nun richtete er seine großen , klaren Augen auf die meinigen . Es war , als ob er mit diesem seinem langen Blicke in die Tiefen meines Innern hinabsteige , um es zu erforschen . Dann fuhr er fort : » Schmerzt es deinen Kopf , wenn ich zu dir spreche ? « » Wenig , aber doch . « » So wollen wir nur das sagen , was unbedingt nötig ist . Ich kenne diese Krankheit und weiß , daß du nicht an ihr sterben wirst , es trete denn eine unvorhergesehene Ursache zur Verschlimmerung ein . Ihr habt in der verflossenen Nacht unser Heilmittel wiederholt getrunken , wovon du aber nichts weißt , weil ihr beide ohne Bewußtsein waret . Es wird gewiß seine Wirkung thun . « » Auch bei meinem Halef ? « Er zögerte mit der Antwort . Da bat ich ihn : » Sag die Wahrheit ! Ich bin ein Mann und muß , muß , muß sie wissen ! « Er neigte zustimmend den Kopf und sprach : » Ja ! Von einem andern würde ich denken , daß ich ihn schonen müsse ; dir aber bin ich die Wahrheit schuldig . Du wirst in einen langen , tiefen , schweren Schlaf verfallen , und wenn du aus ihm erwachst , wird das , was an deinem Freunde unsterblich ist , von ihm geschieden sein . Das ist es , was menschliches Ermessen zu dir aus meinem Munde sagt . Er wird vielleicht noch einigemal für kurze Augenblicke zu sich kommen , dann aber einschlummern und erst im Verscheiden wieder erwachen . So denke ich . Aber ich hoffe , daß Chodeh , welcher die allmächtige Liebe ist , es anders und viel besser weiß . Nun sag auch mir die Wahrheit ! Bist du erschrocken ? « » Nein . Ich danke dir ! Deine Aufrichtigkeit hat mich geehrt . Sie beweist mir , daß du mich nicht für einen Schwächling hältst . Halef darf nicht sterben . Chodeh wird helfen . « » Ja , wenn wir glauben , wird er uns wohl den Melek esch Schefa77 senden ! « » Ich bin überzeugt davon . Aber wir dürfen uns nicht unthätig auf diesen Engel verlassen , sondern müssen seiner Hilfe entgegenkommen . Laßt mich nachdenken ! « Ich war doch schwächer , als ich gedacht hatte . Nicht nur das Sprechen , sondern auch das aufmerksame Zuhören , um zu verstehen , griff mich an . Ich schloß die Augen , um nachzudenken ; aber es kamen mir keine Gedanken . Ich fieberte , und dieses Fieber brachte mir allerlei verworrene , unklare Bilder vor das innere Angesicht . Es war , als ob sich ein nur halb durchsichtiger , sich unausgesetzt bewegender Vorhang vor mir befinde , hinter welchem sich Ereignisse abspielten , die ich nicht deutlich zu erkennen vermochte . Da geschah etwas ganz Sonderbares : der Vorhang stand plötzlich still ; er teilte sich nach rechts und links , und ich sah eine liebe , liebe Gestalt vor mir erscheinen . Ihr Anblick wurde mir nur für einen ganz kurzen Moment gewährt , aber das Bild hatte so scharfe Umrisse und so lebendige Züge und Farben , daß ein Irrtum darüber , wer es sei , ganz ausgeschlossen war . Es kam ein Reiter , erst in der Ferne klein , doch immer größer werdend , in schlankem Galoppe auf mich zugeritten ; gerade vor mir parierte er sein Pferd , senkte die Hand zum Gruße und war dann verschwunden . Der Vorhang schloß sich und begann , sich wieder zu bewegen wie vorher . Wer war es gewesen ? Unser Kara Ben Halef , meines kranken Freundes Sohn . Sogar das Pferd hatte ich erkannt . Es war der dunkelbraune , noch nicht vier Jahre alte » Ghalib « 78 , den die Haddedihn als Leihgebühr für die Pferdezucht des Stammes der Abu Hammed-Beduinen gewonnen hatten . Dieser Braune berechtigte zu den schönsten Hoffnungen und war unsern beiden Schwarzen ebenbürtig . Ich überlegte nicht lange , sondern fragte , die Augen wieder öffnend , den Pedehr : » Willst du den Hadschi retten ? Du kannst es ! « » Wie gern ! « versicherte er . » Habt ihr einige sehr schnelle , ausdauernde Pferde ? « » Ja . « » Und jemand , der die Gegend am Tigris jenseits von Qalat el Aschig , gegenüber von Samara , kennt ? « » Ich habe einen sehr zuverlässigen Mann , der ein guter Reiter und schon einigemale am Dschebel Sindschar gewesen ist . Er kennt die Gegend , von welcher du sprichst . « » Sende ihn , und gieb ihm einige Begleiter mit . Im Westen von Qalat el Aschig wird er auf die Haddedihn treffen . Er soll um keinen Preis verraten , daß Halef krank ist ; aber er soll unbedingt den Sohn des Hadschi bringen , welcher Kara Ben Halef heißt und den Ritt hierher auf dem dunkelbraunen Pferde Ghalib zu machen hat ! Das Denken und das Sprechen fällt mir schwer . Gieb die Befehle so , wie du sie für nötig hältst ! « Da erhob er sich , faßte meine Hand und sprach : » Ich verstehe dich , Effendi . Wenn Halef erwacht , um zu sterben , soll er seinen Sohn vor sich sehen . Dadurch wird seine Seele vielleicht festgehalten werden . In nicht mehr als einer Stunde werden drei vertrauenswerte Männer unser Urd79 verlassen , um deinen Wunsch so schnell wie möglich auszuführen ! « Hierauf entfernte er sich . Ich aber fühlte mich in hohem Grade ermattet und versank in einen lethargischen Zustand , der aber nicht Bewußtlosigkeit und auch nicht Schlaf zu nennen war , denn meine inneren und äußeren Sinne blieben in , wenn auch nur geringer , Thätigkeit . Ich hörte das leise Rauschen von Schakaras Gewand wieder , und ich bemerkte , daß ein süßer Veilchenduft in meine Atmosphäre trat . Und dann - ob gleich hierauf oder später , das weiß ich nicht - war es mir , als ob ich im Gelobten Lande sei , und zwar in El Chalil80 . Ich ritt auf dem alten Pflasterweg nach dem Haine Mamre hinaus und ließ mir im russischen Hospize dort den Schlüssel zum Aussichtsturme geben . Ich sah die unterhalb desselben stehende » Eiche Abrahams « so deutlich , wie sie in Wirklichkeit absterbend dort zu sehen ist , und ritt dann zwischen Weinbergsmauern weiter , die Jerusalemstraße hinaus und rechts hinüber nach dem Brunnen Abrahams . Er liegt in der unteren , rechten Ecke des Mauerfeldes , und die strenggläubigen Bewohner von El Chalil sehen es nicht gern , wenn ein Christ von seinem Wasser trinkt . Ich schöpfte aber doch und trank und trank . Hierauf sammelte ich , wie ich schon früher gethan , den Samen der dort massenhaft wachsenden Kompositenblumen , um ihn daheim in meinem Garten auszusäen . Da erklang eine Stimme hinter mir : » Friede sei mit dir ! « Ich richtete mich auf und wandte mich um . Wer war die hohe , patriarchalische Gestalt , welche leuchtenden und doch so gütigen Auges vor mir stand ? War es der erste der Erzväter , zu dem zu dritt die Engel kamen , um bei ihm einzukehren ? War es Abraham , Tharahs Sohn , der aus Ur , im Lande der Chaldäer , stammt ? Ja , gewiß , er war es ; er mußte es sein ; aber nicht so alt wie im Haine Mamre und auch nicht so jung wie in Mesopotamien , und doch beides , alt und jung zugleich ! Ich schaute in ehrerbietigem Staunen zu ihm auf . Ja , ich schaute ! Ich hatte die Augen wieder geöffnet . Ich war nicht mehr geistig dort in El Chalil , sondern wirklich hier im kurdisch-persischen Gebirge . Ich befand mich auf meinem Krankenlager . Es war ringsum mit duftenden Veilchen geschmückt . Zu meinen Füßen saß Schakara , die Spenderin derselben , und zur Seite stand - - - Abraham , der Erzvater ? Vielleicht hat dieser ein ganz genau solches einfaches , kamelhaarenes Gewand getragen wie der hochgestaltete , ehrwürdige Greis , den ich jetzt vor mir sah . Greis ? Ja , denn der schneeweiße Bart , welcher ihm bis herab zur Gürtelschnur reichte , konnte nur eine Gabe des höchsten Menschenalters sein ; aber das Ehrfurcht gebietende Angesicht war hochbetagt und jugendlich zugleich , und die voll und schwer vom Kopfe herniederhängenden Haarflechten zeigten eine nicht etwa stumpfe und künstliche , sondern so echte und lebenswahre Schwärze , wie sie nur den Jünglings- und den kräftigsten Mannesjahren eigen ist . Ich sah wie vorhin mit geschlossenen , nun mit offenen Augen staunend zu ihm auf . Da lächelte er mild zu mir hernieder , breitete die Hand wie segnend über mich und sprach : » Friede sei mit dir ! « Das war dieselbe tiefe , klangvolle Stimme , welche ich vorhin am Brunnen Abrahams gehört hatte . Es ging ein geheimnisvolles , köstliches Imponderabil von diesem Manne aus . Es kam zu mir , durchflutete mich , zog mich zu ihm hin . Ich konnte gar nicht anders , ich durfte ihm nur die eine Antwort geben : » Du bringst ihn mir . Mein Dank und Segen sei dein Eigentum ! « » Die Jugend ist beim Alter , der Sohn beim Vater eingekehrt , « fuhr er fort . » Die Liebe soll dich hier mit mir vereinen . Vertraue uns , so wirst du bald gesunden . Ich lege dir die Hand auf das kranke , müde Haupt . Aaleïk essallam u rahhmet Chodeh - der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir ! « Er ließ seine Hand fast eine Minute lang auf meiner Stirn liegen . Sie war so warm und doch so eigen frisch . Ich griff nach ihr und führte sie an meine Lippen . Er ließ das geschehen , hob aber dann den Finger und sprach , indem sein Mund fast schalkhaft lächelte : » Verschweige dies daheim ! Wie darf das Abendland die Hand des Morgenlandes küssen ! Man würde dich wohl kaum begreifen können ! « Hierauf wendete er sich von mir und ging zu Halef hinüber . Das also war der » Ustad « , der » Meister « ! Ich folgte ihm mit meinen Augen , weil es mir unmöglich war , sie von ihm abzuwenden . Fieberte ich etwa schon wieder ? Es kam mir der sonderbare Gedanke : » Soeben hast du in das Angesicht des Orients geschaut . « So eine Idee kann doch nur bei einem Kranken möglich sein ! Er stand einige Zeit am Lager des Hadschi , ohne etwas anderes zu thun , als ihn zu betrachten ; dann legte er auch ihm die Hand auf das Haupt , worauf er sich sehr ernsten Angesichtes entfernte . » Das war er ! « sagte Schakara