Mensch wohnt heute überhaupt noch in der Nähe des Moritzplatz ! « Während sie sprach , hatte sich sein Gesicht immer mehr verfinstert . Da sie viel zu bequem war , um Streit zu suchen , machte sie , sobald sie die Veränderung in seinen Zügen sah , eine scherzhafte Bemerkung und beugte sich zu ihm herüber , um ihn zu küssen . In ihrer sieggewohnten Weise glaubte sie die Sache damit abgethan . Er aber wich ihrer Liebkosung aus und verliess das Zimmer , ohne ein Wort zu erwidern . Er stieg die Treppe zu seinem Geschäftslokal hinunter und schloss sein Privatbureau auf . Dann sank er stöhnend , das Gesicht in beiden Händen vergrabend , in einen Sessel . Mein Gott , was hatte er gethan ! Wie hatte er sich hinreissen lassen können , dieses Mädchen zu heiraten , das ihn nicht einmal liebte , wie er es zu Anfang geglaubt und damit seine eigenen Bedenken ertötet hatte . Dieses Mädchen , das nicht des kleinsten Opfers , nicht des kleinsten Zugeständnisses fähig war , das seinen eigenen Weg ging , als ob er überhaupt nicht auf der Welt gewesen wäre ! Lena liebte ihn nicht . Von der ersten Stunde ihrer Ehe ab hatte er es gewusst . Warum aber hatte sie die Küsse , mit denen er sie im Sinnentaumel geküsst , um seine unselige Liebe zu Lotte darin zu ersticken , für ernste Werbung genommen ? Warum diese Küsse durch Worte ergänzt , die er nie gesprochen , nie gedacht hatte ? Wenn er es heute recht überlegte , hatte nicht er um Lena , nein , Lena hatte um ihn geworben . Aber warum , warum ? Sie liebte ihn ja nicht , hatte ihn ja niemals geliebt . Täglich , stündlich bewies sie es ihm . Was er für Liebe gehalten , war auch bei ihr nichts als ein Taumel gewesen , in dem sie einander fortgerissen hatten . Warum hatte sie ihn aber heiraten wollen ? Sie war ja doch nicht die Frau , die es für moralisch geboten hält , ein paar heisse Küsse gleich durch die Ehe legitimieren zu lassen ? Sie , die so gern das moderne , über alle Vorurteile erhabene Weib spielte ? Da plötzlich traf den verzweifelt Grübelnden ein Gedanke , jäh , grell , wie ein Blitzstrahl . Wie , wenn Lena Gründe geleitet hätten , die weit ab von einer Neigung zu ihm lagen , wenn sie ihn nur gegen einen andern hatte ausspielen wollen , dessen sie überdrüssig geworden war , gegen diesen Bornstein , von dem er sie hatte loskaufen müssen mit pekuniären Opfern , die ihn für den Augenblick fast erdrückt hatten ? Oder war sie am Ende doch nicht die kluge , kühle Frau gewesen , für die er sie immer gehalten hatte , die mit allen andern gespielt und nur mit ihm Ernst gemacht hatte ? Er sprang auf und stiess den Stuhl , in dem er gesessen hatte , weit hinter sich zurück . Wenn das wahr wäre , wenn dieses Mädchen ihn zum Narren gehalten hätte , ihn , den dummen Kleinstädter , der blind und blöde auf ihre Reize hereingefallen war , wenn sie ihn nur so rasch in die Ehe hineingetrieben hätte , weil - weil ein anderer vor ihm - ! Er schlug sich vor den Kopf . Er raste . Er reckte die Fäuste drohend in die Luft . Er war wie von Sinnen . Dann plötzlich kam eine grosse Ruhe über ihn . Wohin hatte er sich denn verirrt ? Hatte er etwa ein Recht , gegen Lena zu toben , selbst wenn es so war ? Was hatte er denn anders gethan , als sie schmachvoll betrogen , da er sie mit der Liebe zu Lotte im Herzen geheiratet hatte ? Eisig kroch ihm diese Erkenntnis zu Herzen . Nicht einmal das Recht stand ihm zu , nach ihrer Schuld zu forschen , oder aber , wenn er sie wirklich gefunden hätte , darüber zu Gericht zu sitzen . Nichts blieb ihm , nichts , als das selbstverschuldete Elend zu tragen , den Makel , wenn ein solcher auf der Ehre seines Hauses lag , sitzen zu lassen , ungesühnt , ungerächt . - Lena hatte die ganze Angelegenheit nur als eine Laune ihres Mannes betrachtet . Er konnte ja am Ende nicht ernsthaft daran denken , dass sie zu Haus sitzen sollte und auf ihn warten , bis er geruhte , vom Geschäft heraufzukommen , um dann als unterwürfige Sklavin Gott weiss was für niedere Dienste für ihn zu verrichten . Mit der veralteten Anschauung , dass die Frau nur eine höhere Magd des Mannes sei , hatte man ja , in Berlin wenigstens , gründlich aufgeräumt . Wenn Franz noch so kleinstädtische Anschauungen hatte , musste er eben versuchen , sie sich abzugewöhnen . Gelang es ihm nicht , blieb ihm nichts übrig , als den Schaden zu tragen . Als Lena aber am Ende einsah , dass Franz die Sache wirklich ernst und unbequem schwer nahm , zuckte sie die Achseln und ging erst recht ihre eigenen Wege . Es war ihr um so leichter gemacht , Franz zu trotzen , als sich jetzt , nach dem Herbst zu , ihre alte Stammkundschaft wieder bei ihr einfand und damit die Theestunden in ihrem türkischen Boudoir wieder ihren Anfang nehmen konnten . Da war sie wenigstens vor Langerweile und Vorwürfen sicher . Dass ihre alten und jungen Verehrer jetzt , seit sie Frau war , ihr nur um so ungenierter den Hof machten , war das einzige , was ihr die Ehe erträglich machte . Sie hatte ja auch gar nichts anderes mit dieser Heirat bezweckt , als Frau zu heissen und sich freier noch bewegen zu können denn als Mädchen . Dass Franz , den sie blind verliebt und zu allem willig geglaubt hatte , Kritik übte und persönliche Ansprüche geltend machte , war ihr freilich völlig gegen den Strich . Nun , eine Ehe war am Ende keine Zuchthausstrafe auf Lebenszeit . - Lotte und Frau Wohlgebrecht waren in den Vorbereitungen für ihr zukünftiges gemeinsames Leben , das um Anfang Oktober beginnen sollte , schon sehr weit vorgeschritten . Bald nach ihrem ersten gemeinsamen Besuch an Lenas Hochzeitstag bei Luischen hatte Frau Wohlgebrecht Lotte ihren Plan entwickelt . » Mein Mädelchen « , hatte sie ihr gesagt , » die Sache wird folgendermassen gemacht , und wenn ' s nicht der liebe Herrgott selber ist , wollen wir mal den sehen , der uns einen Strich durch die Rechnung macht . Ich gebe das Geschäft hier auf - red ' Du mir nur da nichts dagegen , für mich ist es ein Glück , wenn ich von hier fortkomme . Ich bin viel zu unmodern für Berlin und komme hier ebenso wenig auf einen grünen Zweig wie Du . Ausserdem verpussele ich hier mit den teuren Spesen und so weiter viel zu viel Geld , denn wenn ich ja auch , Gott sei Dank , ein bischen was zuzusetzen habe , für unser Luischen soll doch auch mal was übrig bleiben . Na , dank ' mir nur heute nicht schon , Lotte , einstweilen denk ' ich noch nicht ans Abfahren , wo ich eben erst Mutter und Grossmutter geworden bin . Ich suche hier in der Mark was für uns , ein nettes Städtchen , hübsch und freundlich gelegen , nicht zu gross und nicht zu klein , wo sich für ein paar ordentliche Frauensleute , wie wir es sind , noch Arbeit und Verdienst findet . Denn arbeiten und verdienen musst Du natürlich auch , mein Schäfchen , den ganzen Tag mit Luischen rumspielen , das giebt es nicht . Wir mieten eine kleine Parterrewohnung mit einem netten Gärtchen für unsere Puppe . Rechts machst Du Dein Putzgeschäft auf - was Du für Deine einstige Heimat gekonnt , wirst Du ja für Deine künftige auch wieder leisten können , dies verdeixelte Berlin dazwischen , durch das wird ein dicker Strich gemacht - links wird eine Leihbibliothek etabliert . Meinen Gehilfen - dafür , dass Gerhart ihn besorgt hat , ist er wirklich ein merkwürdig anständiger Kerl - nehme ich einstweilen mit , bis alles im Gange ist . Ich habe schon mit ihm darüber gesprochen . Später führe ich das Geschäft wieder allein wie früher , ehe der Junge , der Gerhart , zu mir kam . Tagsüber wird gearbeitet , das Luischen gewartet und erzogen , abends sitzen wir dann gemütlich in unserem Wohnzimmerchen zusammen , im Sommer in unserer Fliederlaube - eine Fliederlaube müssen wir unbedingt haben , schon zur Erinnerung an Schmargendorf - , dann wird geplaudert und gelesen , und ich wette , es soll in der ganzen Stadt keine glücklichere Familie geben als die unsere . « Was hätte die beglückte Lotte auf diesen Plan anders sagen sollen , als danken und wieder danken und sich geloben , dieser Frau ihre Gutthaten zu lohnen bis an das Ende ihrer Tage . - Mit Luischen beisammen sein dürfen den ganzen lieben langen Tag , ihr Bettchen nachts neben dem ihren haben , wieder arbeiten können mit der Aussicht auf einen bescheidenen Erfolg , die beste mütterliche Freundin in einer geordneten Häuslichkeit sich zur Seite wissen , den Leuten wieder frei in die Augen sehen dürfen , womit hatte sie ein so grosses , friedlich-schönes Glück verdient ? Schon die Vorfreude wirkte auf Lotte wie stärkende Medizin . Sie bekam wieder mehr Farbe , ihr Gang wurde freier und elastischer , auch ein wenig runder schien sie wieder werden zu wollen . Frau Korn beobachtete das alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge . So sehr sie von ganzer Seele Lotte die gute Zeit gönnte , die ihr bevorzustehen schien , die Trennung kam ihr doch gar zu sauer an . Da sie an Lottes Wohlthäterin ihren wehmütigen Zorn doch unmöglich auslassen konnte , ging alles auf Rechnung des » infamigten Schwarzkopfs « ! Wenig genug bekam Frau Korn ihren früheren Schützling jetzt noch zu sehen . Lotte war immer geschäftig und viel unterwegs . Bald in der Zimmerstrasse , um Frau Wohlgebrecht zur Hand zu gehen , bald bei Luischen draussen , bald eifrig in ihren engen vier Wänden an der Nähmaschine . So weit es reichte , wollte sie ihre und Luischens Wäsche und Garderobe noch vervollständigen , damit Frau Wohlgebrecht mit ihrer neuen Familie doch ein bischen Ehre einlegen konnte . Eines Abends um die Mitte September , Lotte nähte gerade an einem roten Kittelchen für das Kind , wurde an ihrer Klingel gezogen . Das kam jetzt so selten vor , dass sie ordentlich erschrak . Wer konnte noch so spät zu ihr kommen ? Als sie die Thür öffnete , stand Franz vor ihr . Zum erstenmal seit jenem Regentage im Februar , als sie seine Liebe hatte zurückweisen müssen , trat er wieder über ihre Schwelle . Sie begrüssten einander herzlich , doch nicht ohne Verlegenheit . Nach den ersten Worten schon stockte ihr Gespräch . Franz stand neben dem Tisch , an dem Lotte gearbeitet hatte , und drehte den Hut unschlüssig in der Hand . Lotte hatte sich gesetzt und mechanisch das Kittelchen für Luischen wieder zur Hand genommen . Sie fühlte , dass sein Blick schwer und traurig auf ihr ruhte . » Willst Du Dich nicht setzen , Franz ? « fragte sie endlich . » Wenn Du erlaubst , auf einen Augenblick , Lotte . « Er sah sich im Zimmer um , wo schon allerhand gepackte Kisten und Kasten umherstanden . » Ich höre - Du selbst hast Dich ja nie bei uns sehen lassen - Du gehst fort von Berlin . Da wollt ' ich Dir doch wenigstens Lebewohl sagen . « Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf . Seine Stimme klang so traurig , dass sie sich fürchtete ihn anzusehen . » Hat Lena es Dir gesagt ? Ich schrieb es ihr vor ein paar Wochen . « » Lena ? Nein . Ja , Lotte , weisst Du denn nicht - ? « » Was Franz ? « Sie sah ihn nun doch an , erschreckt und ahnungsvoll . » Lena und ich haben uns getrennt ! « Sie streckte die Hand nach der seinen aus . » O mein Gott , Franz ! Armer Franz ! « Er legte seine heisse Stirn einen Augenblick auf ihre schlanken kühlen Finger . Dann richtete er sich schnell wieder auf . » Ja , wir haben uns getrennt . Es musste sein . Es ging nicht mehr . « Lotte sah angstvoll zu ihm auf . » Ist etwas besonderes vorgefallen ? « Ein furchtbarer Schreck war ihr durch die Glieder gefahren . Sie dachte an Bornstein . Wenn Lena Franz betrogen hätte ! Franz schüttelte den Kopf . » Nein , nichts besonderes . « Er sprach immer in derselben stillen , resignierten Art. » Nur Lena wollte in allen Dingen ihren eigenen Weg gehen . Sie wollte niemals für mich und das Haus , stets nur für ihr Geschäft da sein . Das wurde schlimmer von Tag zu Tag , und als ich erst anfing , ihr Vorhaltungen zu machen , war es ganz vorbei . Eines Abends kam sie nicht mehr nach Haus . Ihr Geschäft erfordere , dass sie dort wohne , schrieb sie mir - und da , da war es aus mit meiner Geduld , mit allem - « Er unterbrach sich und brütete stumm vor sich hin . Um den Versuch zu machen , ihn zu trösten , sprach Lotte mit ihrer sanften Stimme auf ihn ein . » Wie das nur so kommen konnte ! Du solltest es noch einmal mit ihr versuchen , Franz . Lena hatte sich wirklich so sehr zu ihrem Vorteil verändert , sie war eine ganz , ganz andere geworden , die besten Hoffnungen hatte ich für Euer Glück ! « » Zum Vorteil verändert ! « Er lachte bitter auf . » So lange sie ein Leben führte , so lange sie geniessen konnte nach ihrem eigenen trotzigen Sinn , so lange war sie zum Vorteil verändert , ja . Sobald es aber galt , auch einmal an einen andern zu denken , kehrte sie ihren alten Egoismus , der mich an dem Kinde schon so abgestossen , ihre kalte , selbstsüchtige Natur wieder heraus . Ich habe lange nach anderem gesucht , ja selbst nach einer Schuld . Ich bin davon zurückgekommen . Lena hat vor ihrer Ehe gewisse Grenzen niemals überschritten , dazu ist sie zu berechnend , sie wird es auch aller Voraussicht nach niemals thun . Aber sie wird auf die Dauer jeden unglücklich machen , sich selbst am meisten , wenn sie ihrer so hochgeschätzten Unabhängigkeit , ihrer begehrlichen Genusssucht erst überdrüssig geworden sein wird . Du kennst mich , Lottchen , ich bin ein einfacher Mensch und seit ich Dich verloren habe , mache ich noch weniger Ansprüche ans Leben als sonst , aber was Lena mir zugemutet , darüber kommt kein Mann fort , wenn er einer ist . « Er hielt einen Augenblick inne , dann brach es aus ihm hervor , wie ein glühender , lang zurückgedämmter Strom . » O , Lotte , Lotte , warum konntest Du mich nicht lieben ! « Er war zu ihren Füssen niedergesunken wie gefällt . Den Kopf hatte er in ihre Hände gelegt , und Thränen , bittere , qualvoll heisse Thränen tropften aus seinen Augen auf ihre Hände herab . Regungslos sass Lotte da , mit bleichem über ihn gebeugtem Antlitz . Ihre Seele kämpfte einen schweren Kampf . Durfte sie länger schweigen ? War sie diesem Mann , der da zerbrochen vor ihren Füssen lag , zerbrochen durch ihre Schuld , nicht die volle Wahrheit schuldig ? Sie musste sprechen auf die Gefahr hin , seine Liebe , seine Achtung zu verlieren . » Franz « , bat sie leise , kaum hörbar , » lieber Franz , steh ' auf . Ich bin nicht wert , dass Du vor mir kniest . « Er erhob sich langsam und sah ihr ins Gesicht . Ihre Stimme hatte so wundersam zärtlich geklungen , wie er sie nur in seinen verschwiegensten Träumen gehört hatte , all die vielen Jahre lang , in denen er sich mit dem Gedanken getragen hatte , sie einst zu der seinen zu machen . Langsam liess er sich wieder auf den Stuhl , dicht an ihrer Seite fallen , ihre Hände behielt er fest in den seinen . » Damals , Franz , damals als Du zu mir kamst und ich Dir hier an dieser Stelle sagte , warum ich nicht Dein Weib werden könne - da - da - « » Da Lottchen ? « Sie senkte das blonde Haupt . » Da habe ich Dich belogen , Franz . « » Belogen ? « » Es war nicht wahr , dass ich Dich nicht liebte . Ich liebte Dich aus tiefster , tiefster Seele - « » Lotte ! « Er schrie es mehr als er es sprach , halb jubelnd , halb verzweifelnd , und wollte sie an seine Brust ziehen . Sie aber stiess ihn heftig zurück . » Lass , lass , rühr ' mich nicht an , Du wirst mir ' s danken , dass ich ' s Dir versagte . Ich liebte Dich , ja - aber ich durfte Dein Weib nicht werden , weil - weil ich einem andern gehört hatte ! « Er stöhnte laut auf wie ein verwundetes Tier . » Und , und dieser andere ? « » Hat mich verlassen und vergessen - « Sie hob das rote Kittelchen auf , an dem sie genäht hatte , und sagte mit einer wilden Energie : » Und dies , dies ist für mein Kind ! « Franz erhob sich schwerfällig , müde und stumm , wie ein alter Mann . Sie war darauf gefasst , dass er sie ohne Lebewohl verlassen würde . Aber er machte keine Anstalten zu gehen . Langsam , mit schweren Tritten und gesenktem Haupt , schritt er im Zimmer auf und ab . Nach einer Weile , die ihr endlos dünkte , blieb er vor ihr stehen . Mit zusammengezogenen Brauen fragte er : » Warum hast Du mir damals nicht die Wahrheit gesagt ? « » Ich war krank , elend und ganz verlassen . Ich fürchtete , Du würdest mich verachten , Franz , wenn Du es hörtest , und das , das hätte ich damals nicht ertragen . « » Und jetzt ? « Fast atemlos stiess er es heraus . Sie zögerte einen Augenblick , dann flüsterte sie : » Als ich Dich so unglücklich sah , glaubte ich Dir die Wahrheit schuldig zu sein , selbst auf die Gefahr hin , dass Du - dass Du mich - « Er unterbrach sie heftig . » Sprich das Wort nicht noch einmal aus , es entwürdigt Dich und mich . Ich bin ein kleiner , sehr einfacher und beschränkter Mensch , Lotte , das habe ich , seit ich in Berlin bin , erst so recht einsehen gelernt . So beschränkt aber bin ich denn doch nicht , dass ich nicht wüsste , dass es die Gründe sind , die die That zu einer schuldigen oder schuldlosen machen . Ich kenne Deine Geschichte nicht , aber ohne sie zu kennen , weiss ich , dass Du ein Opfer und zwar ein schuldloses bist . Unterbrich mich nicht . Mein Kopf ist schwer und wirr , ich verliere sonst wieder den Faden , und das eine wenigstens möchte ich Dir noch sagen , dass meine Liebe zu Dir unverändert die gleiche ist , und dass , wenn Du mir damals die Wahrheit gesagt hättest , es keinen Grund für mich gegeben hätte , Dich und das Kind nicht an mein Herz zu nehmen . « Er beugte sich über die still Weinende und küsste sie sanft auf die Stirn . » Gott schütze Dich , Lottchen , Dich und Dein Kind . Und wenn Du mich einmal brauchen solltest , so rufe mich . Ich werde immer für Dich da sein . Immer , hörst Du , immer ! « Er nahm sie still in seine Arme und fuhr ihr mit der Hand sanft liebkosend über das krause blonde Haar . Dann schritt er durch die schmale , niedrige Thür hinaus , wortlos , lautlos wie ein Schatten . - Die Uebersiedelung hatte stattgefunden . Alles war genau nach Frau Wohlgebrechts Programm vor sich gegangen . In der netten Parterrewohnung mit dem friedlichen Gärtchen dahinter , in dem noch jetzt - um die Mitte Oktober - eine Fülle von späten Sommerblumen blühten , war es nicht schwer sich heimisch zu machen . Lotte war denn auch sehr schnell mit den Einrichtungen für sich und Luischen fertig geworden . Ihr Arbeitsstübchen war zwar lange nicht so geräumig wie das in der Zimmerstrasse , dafür hatte es aber einen hübschen Blick auf die das Städtchen umsäumende bewaldete Hügelkette , und wenn die Thür offen stand , konnte sie in dem kleinen Nebengemach des Kindes Bettchen stehen sehen , seinen Schlummer bewachen , es aufnehmen , wenn es munter wurde und ihr zu Füssen auf einem bunten Deckchen spielen wollte . Welch ein neues , nie gekanntes Glück war das alles für sie ! Nicht so schnell wollte es mit der mühsameren Einrichtung der Leihbibliothek vor sich gehen , trotz der Tüchtigkeit des jungen Gehilfen . Lotte half , wo immer sie konnte , so auch heut an einem schönen klaren Nachmittag , an dem die Sonne so warm ins Zimmer schien , dass Luischen wohl verwahrt in ihrem Wägelchen , am offenen Fenster spielen durfte . Nachdem man ein paar Stunden gearbeitet hatte , meinte Frau Wohlgebrecht , es sei nun genug für heut . Bis Ende der Woche würde man ja wohl durchkommen , und wenn sie am Montag das Geschäft eröffnen könnte , sei es Zeit genug . Lotte möge ihr den Gefallen thun und sich einen Packen Bücher herüber bringen lassen , den sie da auf dem Fensterbrett bei Seite gelegt habe . Sie habe so eine Ahnung , als ob das wieder ' mal Makulatur sei , die gar nicht erst eingeräumt zu werden brauche . Es fände sich ja leider unter ihren Beständen ein Wust von Dingen , die für das hiesige Publikum gar nicht in Frage kämen . Zum Beispiel all der übermoderne Kram , in den Gerhart so viel schönes Geld hineingesteckt habe . Hier würde hoffentlich kein Mensch nach solchem Krempel fragen . Lotte möge sich eine Privat-Bibliothek davon anlegen , wenn sie wolle . Nachdem Luischen zu Bett gebracht war und Lotte sich eben an das Auspacken der Bücher machen wollte , klopfte Frau Wohlgebrecht an die Thür , um Lotte herüber zu holen . » Das Aussuchen kannst Du nach dem Abendbrod noch besorgen . Jetzt musst Du erst einmal sehen , wie gemütlich es heut drüben bei mir , das heisst bei uns ist , denn Du weisst , das Wohnzimmer gehört uns beiden . Das alte schwarze Rosshaarsofa sieht hier gar nicht so schäbig und altmodisch aus wie in Berlin , und auch die anderen alten Scharteken machen sich hier viel besser . Vielleicht ist auch die wundervolle Abendbeleuchtung daran schuld , dass mir das alles heut so besonders gut gefällt . Sieh nur , wie wunderbar der Himmel gefärbt ist , da drüben links , hinter dem kleinen Buchenberg , so heisst er ja wohl , muss die Sonne gerade untergegangen sein . « Es war wirklich ein hübscher Anblick , dies altmodische , von dem letzten warmen Licht des Tages erfüllte Zimmer mit dem freien Blick in eine liebliche Landschaft hinaus . Lotte aber hatte das Gefühl , als ob Frau Wohlgebrecht sie nicht um dieses Anblicks willen gerufen , sondern dass sie irgend etwas auf dem Herzen habe und ihre ganzen umständlichen Schilderungen nichts als eine gutmütige Verlegenheit gewesen seien . Sie legte den Arm zärtlich um die Schulter der kleinen Frau , und sich ein wenig zu ihr niederbeugend , sagte sie : » Du hast mir was zu sagen , nicht wahr , Tantchen ? « Die Alte schüttelte zuerst den Kopf , dann nickte sie und fasste in ihre Tasche . » Wenn Du mir versprichst , Dich nicht zu ärgern oder gar zu betrüben - es - es handelt sich um Gerhart . « Lotte lächelte . » Das versprech ' ich Dir gern . Du weisst ja , was Gerhart betrifft , giebt es nichts mehr , das mich erregen könnte . « Frau Wohlgebrecht sah Lottchen einen Augenblick prüfend an , als ob sie ihren Worten keinen rechten Glauben schenke .. Als sie bemerkte , dass das Mädchen wirklich ganz ruhig blieb und nicht einmal die Farbe wechselte , zog sie ein stark zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche . Dann setzte sie sich ans Fenster und strich den Bogen umständlich auf den Knieen glatt . » Dies ist mir von Berlin aus nachgeschickt worden . Es war ans Geschäft adressiert . Wahrscheinlich eine Bosheit von einem lieben Kollegen . Gerhart selbst würde schwerlich eine solche Kritik über sich schicken . « Frau Wohlgebrecht tätschelte liebkosend Lottes Hand . » Du wirst Dich schon drein finden müssen , mein Schäfchen , der Ruhm , für den Du Dich geopfert hast , hat nicht lange vorgehalten . Ich dacht ' s mir wohl . Das ist immer ' ne windige Sache , wenn der Mensch erst einen andern niedertreten muss , um in die Höhe zu kommen . Na , nun hör ' ' mal zu , was da geschrieben steht in der Münchener Allgemeinen nämlich . Es ist sehr gelehrt . Allzuviel versteh ' ich nicht davon und Du vielleicht auch nicht , aber immerhin ist es doch gut , wenn man so ungefähr darüber Bescheid weiss , was von dem Jungen zu erwarten ist . « Frau Wohlgebrecht rückte ihre Brille zurecht und las : » Gestern Abend ging im Theater der Intimen , nachdem das Hoftheater , das Schauspielhaus und das Gärtnerplatztheater das Stück zurückgewiesen hatten , Gerhart Schmittleins dreiaktige Lebenskomödie : » Die Seelenfresser « in Scene . Um es von vornherein festzustellen : die Seelenfresser waren eine grosse literarische Enttäuschung , die nicht ohne tiefere Bedeutung ist . Schmittlein , der erfolgreiche Dichter des » Frühlingsdramas « , scheint nach dem gänzlichen literarischen Fiasko seiner » Seelenfresser « auch jener weitverbreiteten Species der jungdeutschen » Moderne « zugezählt werden zu müssen , die , wenn ihr sehr bescheidenes Können sich mit dem Zufall eines stark individuellen Empfindens paart , es zu einem glücklichen Wurf zu bringen pflegt , ohne diese massgebenden Faktoren aber niemals wieder einen literarischen Höhepunkt erreicht . Wenn dabei der Dichter nur für seine eigene Person zu Schaden käme , würde die Sache belanglos sein . Dem ist aber leider nicht so . Wir haben es wiederholt erlebt , dass diese modernen Jünglingsdichter mit dem rauschenden Erstlingserfolg geradezu zum Krebsschaden für die Entwicklung unserer dramatischen Literatur werden , denn sie sind es zumeist , die sich für ihre Retter - anfangs die anerkannten , dann die verkannten - halten und gefährliche Schule machen . Die » Seelenfresser « behandeln , man könnte sagen selbstverständlich , wie das Frühlingsdrama , das Hohelied der jungdeutschen Schule , die freie Liebe . Aber der Stoff wollte gestern nicht zünden . Trug einzig die mangelhafte Arbeit schuld ? Ist man des Themas schon überdrüssig geworden , oder gewinnt selbst in den Kreisen dieses mehr als angekränkelten Publikums die gesunde Erkenntnis Raum , dass der erbitterte Kampf der freien Liebe gegen die Ehe am Ende aller Enden ein ebenso lächerlicher als vergeblicher ist ? Gerade der weibliche Teil des Publikums , der mit frenetischem Beifall das Stück zu halten suchte , sollte sich ' s endlich gesagt sein lassen , wie sehr er sich mit dieser Identifizierung der Theorie von der freien Liebe ins eigene Fleisch schneidet . Wenn die Institution der Ehe nicht existierte , sie müsste geradezu erfunden werden , und zwar vor allem zum Schutz für diese freien Liebespriesterinnen . Ich möchte wohl wissen , wie viele dieser frenetischen Beifallsklatscherinnen nicht nach dem Standesamt schreien würden , sobald sie die Folgen dieser verlockenden freien Liebe an sich selbst erfahren müssten . Und diese Verherrlichung des Undurchführbaren , diese blasse , niemals in eine gesunde Praxis umzusetzende Theorie , nennt sich das moderne Wirklichkeitsdrama ! Frau Wohlgebrecht legte die Zeitung ebenso umständlich zusammen , wie sie sie auseinandergefaltet hatte . Dann stand sie auf und küsste Lottchen , die noch immer mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt stand . » Weisst Du Kind , so weit ich es verstehe , hat der Mann , der das geschrieben hat , recht . Aber am Ende , es giebt auch Ausnahmen , Lottchen , die nicht nach dem Standesamt schreien und gut daran thun . « Sie drückte ihr noch einmal die Hand und ging dann geräuschlos aus dem Zimmer . Eine Weile blickte Lotte noch nachdenklich vor sich hin . Dann verliess auch sie den inzwischen dämmerig gewordenen Raum und ging hinüber an ihre Arbeit . Das erste , was ihr entgegenfiel , als sie das Buchpacket öffnete , war der Gedichtband , den Gerhart ihr am ersten Abend ihrer Bekanntschaft aus der Bibliothek mitgegeben hatte . Sie schlug die Verse auf , die sie damals so schwer bedrückt und geängstigt hatten , die ihr dann noch einmal an einem schwülen Sommerabend vor Lenas Blumenfenster so wirr durch den Kopf geflogen waren , und las die grausame Prophezeihung still für sich : » Die Not im löch ' rigen Gewande , Zertritt die Perle der Moral ; Das