von uns ein Haar gekrümmt , so werden sie alle erschossen . Das werden die drei mächtigen und berühmten Männer , welche es wagen wollen , über uns zu Gericht zu sitzen , wohl bedenken müssen . Der Beschluß , den sie treffen werden , kann uns also gar nicht bange machen ! Außerdem ist abgemacht worden , daß nicht nur um diese Soldaten , sondern auch um euch gekämpft werden soll . Es kann euch also vor Austrag dieses Zweikampfes nichts geschehen , und da es gar keinem Zweifel unterliegt , daß wir Beni Khalid siegen werden , so ist es für mich schon jetzt gewiß , daß ihr ebenso wie ich dann freigelassen werden müßt ! « Da fiel Halef spöttisch ein : » Dein Scharfsinn ist unendlich groß . Er reicht von hier bis zum Himmel hinauf ; aber weil er seinen Kopf so hoch da oben hat , kann er nicht sehen , daß diese Angelegenheit sich hier unten inzwischen ganz anders gestaltet hat ! Zunächst hat kein Mensch gesagt , daß auch um dich gekämpft werden soll ; du bleibst also unser Gefangener , wie immer das Ergebnis ausfallen wird . Sodann wurde unsere Vereinbarung getroffen , als die Mekkaner sich noch in deinem Schutze befanden ; sie sind jetzt in unserer Gewalt , und so hat also unser Abkommen , soweit es sich auf sie bezieht , keine Geltung mehr . Oder hältst du uns wirklich für so dumm , um den Besitz von Sachen oder Personen zu kämpfen , den wir indessen schon auf andere Weise ergriffen haben ? « » Das wäre feig ! « brauste der Scheik auf . » Wir würden es aller Welt verkünden , daß ihr euch vor uns fürchtet ! « » Darüber lache ich . Verkünde es doch , indem du unser Gefangener bist , der wahrscheinlich eine Kugel bekommt ! Auch irrst du dich gewaltig , wenn du meinst , der Mann zu sein , dessen Urteil über den Mut der Haddedihn maßgebend sei . Wir sind fünfzig , ihr aber zählt mehrere hundert Krieger ; dennoch liegt ihr gefesselt hier bei uns . Eure tapfern Beni Khalid sind vor dem Geiste ausgerissen ; wir aber sind geblieben . Wer hat da Mut und wer nicht ? Und was die Soldaten betrifft , so wird der Zweikampf natürlich nur dann über sie entscheiden , wenn sie sich zu der Zeit , in welcher er beginnen soll , noch in den Händen der Beni Khalid befinden . Merke dir genau , was ich dir jetzt gesagt habe , denn um Leute , welche ihr nicht mehr habt , kann es keine Entscheidung geben ! Damit bin ich einstweilen mit euch fertig . Ich wünsche , von jetzt an nicht mehr von euch mit Worten belästigt zu werden . Seht hier meine Peitsche ! Wer von euch noch ein Wort sagt , ohne daß ich ihn dazu auffordere , dem wird sie den Mund sofort schließen . Dies ist ein Versprechen , welches ich gewißlich halten werde . Wir haben mehr zu thun , als uns so ganz unnützer Weise hier mit euch herumzustreiten ! « Der Ton , in welchem er dies sagte , war so überzeugend , daß sie von nun an schwiegen . Sein Verhalten hatte meine volle Billigung . Ich freute mich über ihn . Seit ich die Entscheidung in seine Hand gelegt hatte , war es , als ob er ein ganz anderer Mann geworden sei . Er fühlte sich unabhängig von mir und das gab ihm eine Sicherheit , eine Ruhe , welche von seiner sonstigen Leichterregbarkeit wohlthätig abstach . So stellte er auch jetzt , ohne mich vorher zu fragen , einige Haddedihn als Posten aus , welche den Zweck hatten , uns von einer etwaigen Annäherung der Beni Khalid rechtzeitig zu unterrichten . Der Brunnen wurde untersucht , der hinabgelassene Eimer schöpfte Wasser , und so konnten , wenigstens so weit es jetzt reichte , unsere Pferde und Kamele getränkt werden . Während dies geschah , ging er zu Hanneh hinüber , um ihr Bericht zu erstatten . Wir hätten sie gern herüber zu uns geholt , aber da sich der Münedschi , den wir noch verheimlichen wollten , unter ihrer Aufsicht befand , so konnte dies für jetzt noch nicht geschehen . Kara Ben Halef überwachte die Arbeiten am Brunnen , damit jedes Tier sein Teil bekomme , und ich machte einen Spaziergang , um nachzusehen , ob die Posten sich so , wie es ihrer Aufgabe entsprach , aufgestellt hatten . Unser Zusammentreffen mit den Beni Khalid hatte sich jetzt verwickelter gestaltet , als es anfangs zu vermuten gewesen war , doch zweifelte ich nicht daran , daß die Lösung eine für uns befriedigende sein werde . Wir hatten ja immer Glück gehabt , und es gab keinen Grund , anzunehmen , daß es uns grad dieses Mal verlassen werde . - - Drittes Kapitel El Mizan Grad als ich von meinem Gange zurückkehrte , kam auch Halef wieder . Als er mich sah , kam er auf mich zu und verhinderte mich dadurch , ganz bis zum Feuer zu gehen . Er schien mir also etwas mitteilen zu wollen , was für mich allein bestimmt war . » Sihdi , « sagte er in geheimnisvollem Tone , » du hast mir zwar erlaubt , ganz allein und selbständig zu bestimmen , aber es liegt jetzt etwas vor , was ich doch nicht thun möchte , ohne dich vorher gefragt zu haben . « » Was ist ' s ? « erkundigte ich mich . » Du kennst doch meine Hanneh , welche nicht nur die herrlichste unter allen Erdenblumen ist , sondern auch das klügste Köpfchen unter sämtlichen Köpfen aller Menschen hat . Das weißt du doch ? « » Allerdings . « » Schön ! Wenn du das noch nicht wüßtest , so würdest du es jetzt erfahren , erkennen , einsehen , zugeben und bestätigen müssen . In diesem ihrem gescheiten Köpfchen ist nämlich ein Plan entstanden , welcher der vortrefflichste Plan aller Pläne ist und mich geradezu begeistert hat . Du stehst so still da . Bist du nicht begierig , zu erfahren , was ich meine ? « » Ich bin still , weil ich es umso eher erfahre , je weniger ich selbst rede , sondern dich sprechen lasse . « » Dieser Plan betrifft nämlich die gefangenen Soldaten . Wir haben uns von dem Versprechen , welches wir dem Scheik der Beni Khalid gaben , in jeder Beziehung unabhängig gemacht , nur aber nicht in Betreff dieser Soldaten , um deren Befreiung noch erst gekämpft werden muß . Dies wäre nicht nötig , wenn es uns gelänge , sie jetzt während der Nacht den Beni Khalid durch List zu entführen . Bist du nicht auch dieser Meinung ? « » Ich gebe dir recht . Ja , ich gestehe sogar , daß ich auch schon daran gedacht habe . Es giebt zwar eine sehr leichte Art und Weise , sie loszumachen , nämlich indem wir sie gegen den Häuptling umtauschen , worauf die Beni Khalid ja gezwungen wären , einzugehen ; aber da er schon einmal umgetauscht worden ist , so kommt mir diese Manipulation keineswegs sehr geistreich vor , und ich - - - « Da fiel er mir rasch in die Rede : » Geistreich , geistreich ! Ja , das ist das richtige Wort , Sihdi . Wir wollen und wir müssen geistreich sein , und ich sage dir , daß wir es gar nicht zu sein brauchen , weil Hanneh , die pfiffigste aller irdischen Pfiffigkeiten , schon geistreich für uns gewesen ist . Wir haben es gar nicht nötig , unsere hehren Seelenkräfte anzustrengen , weil diese doch immerhin belästigende Arbeit uns von dem herrlichsten Gegenstande meiner Liebe und Verehrung , welcher Hanneh heißt , abgenommen worden ist . Ich ging vorhin zu ihr , um ihr den Bericht zu erstatten , den ich als der Mann ihres Herzens ihr schuldig bin . So erfuhr sie , daß wir die Soldaten noch nicht frei gemacht haben und also um sie kämpfen müssen . Sie ist mutig , tapfer , kühn und verwegen , sowohl im Frieden wie auch im Streite ; sie weiß , daß wir uns nicht besiegen lassen würden , und hat also nicht eine Spur von Sorge oder gar Angst um uns ; aber als kluge Frau ist sie doch der ganz richtigen Ansicht , daß man , wenn man die Wahl besitzt , ganz denselben Erfolg durch List oder durch Gewalt zu erreichen , der List den Vorzug geben soll . Und kaum hatte sie diesen Gedanken ausgesprochen , so war auch schon der Plan zur Ausführung in ihrem lieben Köpfchen fertig . Du wirst staunen , staunen , wenn du ihn erfährst ! « » Hoffentlich teilst du ihn mir noch im Verlaufe dieses Jahrhunderts mit ? « » Spotte nicht ! Bist du nicht gespannt darauf ? « » Sehr ! « » Ich war es auch , außerordentlich sogar ! Und ich sage dir : Als sie ihn mir klargelegt hatte , wußte ich , daß ein solcher Entwurf nur aus einem weiblichen Kopfe kommen könne , und zwar aus dem weiblichen Kopfe meiner Hanneh , deren Scharfsinn über alle andern Scharfsinnigkeiten hoch erhaben ist ! « » So bitte ich dich , mich an deinem Entzücken doch baldigst teilnehmen zu lassen ! « » Das sollst du auch , Effendi . Gestatte mir nur erst die Frage : Vor wem sind die Beni Khalid vorhin ausgerissen ? « » Vor dem Münedschi , weil sie ihn für ein Gespenst hielten . « » Wie nun , wenn ihnen dieser Geist jetzt wieder erschiene , ganz plötzlich erschiene ? « » Hm ! « » Du hmst dazu ? Ich dachte , du würdest ganz entzückt davon sein ! « » Ist dies der Gedanke deiner Hanneh ? « » Ja . Wie findest du ihn ? « » Hm ! « » Hmse nicht , sondern sage es offen ! « » Er ist echt weiblich . « » Nicht wahr ? Echt weiblich ! Großartig ausgedacht und ungemein praktisch . Der Erfolg kann gar nicht ausbleiben ; sie reißen alle , alle aus ! « » Meinst du das wirklich ? « » Bloß meinen ? Ich bin überzeugt , vollständig überzeugt davon . Also du stimmst bei . Es wird gemacht ! « » Langsam , langsam , lieber Halef ! Wer hat gesagt , daß ich beistimme ? Ich nicht ! « » Du hast das Gegenteil nicht gethan und also beigestimmt . Wir werden darum den köstlichen Gedanken meiner Hanneh sofort zur Ausführung bringen ! « Schon hob er den Fuß , um fortzugehen ; da hielt ich ihn fest und sagte : » Nicht so schnell , Halef ! Erlaube , daß ich deine Begeisterung ein wenig abkühle ! Wie nun , wenn die Beni Khalid nicht ausreißen ? « » Sie reißen aus ! « behauptete er . » Hanneh hat es gesagt , und folglich thun sie es ! Ich weiß zwar , daß du ein vollständig nüchterner Mensch bist , aber so viel Phantasie besitzest du doch wohl , dir ausmalen zu können , welcher Schreck sie erfaßt , wenn der Geist plötzlich abermals bei ihnen erscheint , und zwar mitten unter ihnen und mit brennenden Fackeln in den Händen ! « » Mit Fackeln ? « » Ja , mit Fackeln , aus Lef und Katran102 gefertigt . Du weißt doch , daß wir welche mitgenommen haben , um unterwegs , wenn es nötig werden sollte , das Lager hell zu erleuchten ! « » Das weiß ich wohl ! Also mit Fackeln soll er erscheinen , und ausreißen werden sie ? Wenn sie nun da die Soldaten mitnehmen ? « » Mitnehmen ? Fällt ihnen gar nicht ein ! Ihr Schreck wird so groß sein , daß sie augenblicklich fortrennen , ohne sich um sie zu bekümmern . « » Und dann ? « » Dann machen wir die Soldaten schnell frei und gehen mit ihnen fort , ehe die Beni Khalid zurückkehren . « » Dazu brauchen wir sehr lange Zeit ! « » Nein ; das geht sehr rasch ! « » Bedenke , daß wir doch auch die Waffen , die Kamele und alles , was den Soldaten gehört , haben müssen ! « » Das dauert trotzdem nicht lange , denn wir nehmen soviel Haddedihn mit , wie wir brauchen ; die bleiben natürlich im Dunkel der Nacht , hinter dem Münedschi , bis der geeignete Augenblick gekommen ist . « » Aber der Münedschi ist blind ! Er kann nicht geführt werden , da sie zunächst nur ihn sehen dürfen ! « » Wir stellen ihn so , daß er nur geradeaus zu gehen hat . Das ist doch nicht schwer . « » Wird er sich zu diesem Coup brauchen lassen ? « » Warum nicht ? Wir sagen ihm , um was es sich handelt . « » Das dürfen wir nicht . « » Warum nicht ? « » Weil wir noch nicht wissen , wie er sich von jetzt an zu den Mekkanern , seinen bisherigen Freunden , stellen wird . Hat er etwa alles gehört , was du Hanneh erzählt hast ? « » Nein , gar nichts , denn er befand sich wieder in seinem schlafähnlichen Zustande , aus welchem er infolge seiner Schwäche und Ermüdung nur zuweilen und für kurze Minuten kommt . In diesem Halbschlafe ist er , als er zu uns , beinahe an das Feuer kam , plötzlich aufgesprungen und so schnell fortgelaufen , daß ihn Hanneh gar nicht hat halten können , aber ebenso rasch wiedergekommen , um sich niederzusetzen und weiterzuschlafen . Er weiß also gar nicht , wo wir sind und was hier geschehen ist . « » Wir wollen es ihm auch nicht sagen , um zu vermeiden , daß er im Gefühle seiner Zugehörigkeit zu den Mekkanern vielleicht etwas sagt und thut , was uns hinderlich ist . In seinem jetzigen Zustande ist er zur Ausführung von Hannehs Plan unmöglich zu verwenden . « » So warten wir , bis er erwacht ! « » Womit willst du ihn dann dazu bringen , den fackeltragenden Geist zu spielen ? « » Sihdi , das laß nur Hannehs Sorge sein ! Sie weiß jeder Sache einen Grund zu geben , und wenn dieser nicht ausreicht , sogar mehrere und viele Gründe , und wird also auch hier zur rechten Zeit den richtigen Gedanken finden ; darauf kannst du dich verlassen ! Und nun sag : Stimmst du endlich bei ? « » Noch nicht . « » Aber warum nicht ? « » Weil mir die Sache vorkommt , als ob Kinder spielten ; sie ist kindlich , sogar kindisch und nicht so tapferen Kriegern angemessen , wie unsere Haddedihn doch jedenfalls sind . Wir können unseren Zweck ja doch auf ganz andere , uns würdigere Weise erreichen . « » Das gebe ich zu , Sihdi ; aber diese andere Weise würde mir nicht gefallen , weil sie nicht der Klugheitstiefe meiner Hanneh entsprungen ist . Ich bitte dich , doch einmal in den Brunnen ihrer Gedanken hinabzusteigen ! Sie hat einen so köstlichen Plan ersonnen , und nun soll er nicht ausgeführt werden ! Daß du diesen Plan kindisch genannt hast , das darf sie nie im Leben erfahren , weil dies eine Kränkung für sie wäre , welche ihr Herz wohl gar nicht überstehen könnte . Du mußt also schon um ihretwillen deine Genehmigung erteilen , ohne daß ich dich darauf aufmerksam zu machen brauche , daß nach deinem eigenen Willen jetzt ich allein zu bestimmen habe , was geschehen soll . Ja , das hast du gesagt ! Und nun willst du dich meiner Anordnung doch nicht fügen ! Ist das recht ? Ist das gut und schön von dir ? « Da seine Appellation sich auf diese , seiner Meinung nach gewichtigen Gründe stützte , beeilte ich mich , zu antworten : » Lieber Halef , ich bleibe zwar bei meiner Ansicht , will dich aber nicht hindern , den Versuch zu machen , ob der großartige Plan deiner guten Hanneh ausgeführt werden kann . « » Ich danke dir , Sihdi ! Wie wird sie sich freuen , wenn sie erfährt , daß du eingewilligt hast ! Ich werde alles Nötige sogleich mit ihr besprechen und mich dann beeilen , es auszuführen . « » Alles Nötige ? Was verstehst du darunter ? « » Was ? Das will ich eben mit ihr beraten . « » Lieber Hadschi , der Plan ist ihrem Köpfchen entsprungen , die Ausführung desselben aber laß Männersache sein ! Ueber das dabei Nötige ist unser Urteil wohl nicht weniger genügend als das ihrige . Ich werde natürlich auch mit dabei sein . Wir müssen zunächst vor allen Dingen wissen , wo die Beni Khalid sind und in welcher Weise sie sich gelagert haben . Ich gehe sofort , dies zu erforschen , und du wirst mich begleiten . Komm ! « » Jetzt gleich ? « fragte er enttäuscht . » Ja . « » Du willst mit helfen ? « » Natürlich ! « » Aber , Effendi , es war uns ja eben darum zu thun , diese Sache ohne deinen Beistand auszuführen ! « » Das kann ich nicht zugeben . Du sollst zwar bestimmen , was zu geschehen hat , aber daß ich von der Erfüllung deiner Befehle ausgeschlossen sein soll , davon habe ich nichts gesagt . Der Streich , den du den Beni Khalid spielen willst , hat große Aehnlichkeit mit einem Knabenscherze , kann aber sehr ernste und beklagenswerte Folgen für uns haben . Wenn ich trotzdem darauf eingehe , so thue ich das nur unter der Voraussetzung , daß die Ausführung unter meinen Augen geschieht . Wenn du es nicht willst , so verzichten wir ganz darauf und tauschen die Soldaten gegen den Scheik aus . Jetzt entscheide ! « » Sihdi , du nimmst da meiner Hanneh die Butter von der Milch herunter , aber da ich einsehe , daß ich dich nicht anders zu stimmen vermag , so sollst du deinen Willen haben . Komm also jetzt ; ich gehe mit ! « Er war jetzt unzufrieden mit mir , doch durfte mich das nicht beirren . Glücklich zwar ist der Mensch , dem es gelungen ist , seinen kindlichen Sinn mit herüber in die ernsten Jahre zu retten , aber der Ernst soll sich ihm nicht unterzuordnen haben . Wir gingen miteinander nach der Richtung , in welcher wir die Beni Khalid wußten . Ich nahm an , daß sie die Gegend gewählt hatten , wo ich sie gegen Abend ihre Fantasia hatte reiten sehen , und es stellte sich heraus , daß diese Vermutung richtig war . Sie hatten dort wohl noch Brennmaterial liegen gehabt , denn es brannten zwei Feuer , zwar nur klein und nicht hell leuchtend , aber sie genügten für uns doch , uns leichter zu orientieren , als wir es ohne sie gekonnt hätten . Der Platz war von einigen Felsen flankiert , welche unsere unbemerkte Annäherung ermöglichten . Indem wir einen von ihnen als Deckung benutzten und von ihm aus unsere Beobachtungen machten , gewannen wir folgendes Resultat : Es war zwar nicht hell genug , die Beduinen einzeln unterscheiden und also zählen zu können , aber die Figuren ihrer Gruppen konnten wir erkennen . Gleich vor unserem Felsen lagerten die Kamele , deren Sättel und Gepäckstücke unweit davon mehrere wohlgeordnete Reihen bildeten . Eine besondere , kleine Abteilung von Kamelen war nicht zu sehen , woraus wir schlossen , daß die Tiere der Soldaten bei den anderen untergebracht worden waren . Das mußte es uns leider fast unmöglich machen , sie so schnell , wie dies nötig war , herauszufinden . Links davon bildeten die an der Erde liegenden Beduinen zwei halbmondförmige Gruppen , deren Sichelspitzen gegen einander gerichtet waren . Dadurch hatte sich zwischen ihnen ein freier , länglich schmaler Platz ergeben , an dessen Enden die Feuer brannten , während in der Mitte die Soldaten lagen , welche gefesselt zu sein schienen . Sehen konnten wir das nicht genau . Daß die Beduinen ihre Waffen bei sich hatten , verstand sich von selbst ; aber wo sich diejenigen der » bezahlten Krieger des Sultans « befanden , das konnten wir nicht entdecken . Es stand mit ihnen also gerade so wie mit den betreffenden Kamelen : Bei der Schnelligkeit , mit welcher unser Streich auszuführen war , fehlte es uns wahrscheinlich an der nötigen Zeit , nach ihnen zu suchen und sie mitzunehmen . Als ich Halef diesen meinen Gedanken mitteilte , antwortete er : » Ich finde keinen Grund , unseren Vorsatz nicht dennoch auszuführen . Die Hauptsache ist die Befreiung der Soldaten . Der Scheik der Beni Khalid pocht darauf , daß sie gefangen sind , und ich freue mich schon jetzt auf sein enttäuschtes Gesicht , welches er uns zeigen wird , wenn er sieht , daß sie im besten Wohlbefinden zu ihm kommen , um ihm den höflichen Besuch der hochachtungsvollen Zuneigung zu machen ! Ihre Waffen und Kamele und was ihnen sonst noch alles gehört , das muß man ihnen später doch herausgeben , weil wir sonst den Scheik nicht freilassen würden . Ich bin vollständig überzeugt , daß du das einsiehst ! « » Und ich bin dir außerordentlich dankbar , daß du mir den nötigen Scharfsinn zutraust , der zu dieser Einsicht erforderlich ist ! « » Oh bitte , bitte ! Du machst mich stolz mit dieser deiner Dankbarkeit ! Bleiben wir vielleicht noch länger hier ? « » Nein ; wir sind fertig . Komm ! « Wir kehrten nach unserem Lagerplatz zurück und gingen da sogleich zu Hanneh hinüber , welche mit Spannung auf das Ergebnis ihres Vorschlags gewartet hatte . » Der Effendi ist einverstanden , « berichtete ihr Halef , » vollständig einverstanden ! Er war ganz entzückt , als ich ihm den köstlichen Gedanken mitteilte , welcher der fruchtbaren Tiefe deines geistigen Vermögens entsprossen ist . Wir sind sofort gegangen , um das Lager der Beni Khalid zu erspähen , und kehren , nachdem uns dies gelungen ist , zu dir zurück , um dich um weitere Erleuchtung zu ersuchen . « Während er in dieser Weise meine widerstrebende Ansicht in eine begeistert zustimmende verwandelte , richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Münedschi , von dessen Verhalten das Gelingen unseres Planes abhing . Ich konnte hier in dieser Dunkelheit sein Gesicht nicht deutlich erkennen , aber seine im Sitzen gerade Haltung und die Art und Weise , wie er den Worten Halefs zuhörte , sagten mir , daß er wach und geistig munter sei . Dieses bestätigte sich durch die Worte , welche er , als Halef gesprochen hatte , an diesen richtete : » Ich höre an deiner Stimme , daß du Hadschi Halef bist , der Scheik der Haddedihn , und ich habe erfahren , daß ich mich hier bei Hanneh , deinem Weibe , befinde . Mein Ohr sagt mir , daß jemand mit dir gekommen ist . Wer ist das ? « » Es ist Hadschi Akil Schatir , der Effendi aus dem Wadi Draha , « antwortete Halef . » So nimm meinen Gruß , Hadschi Akil Schatir Effendi ! Du hast Worte der Freundschaft , der Liebe und Barmherzigkeit mit mir gesprochen , bevor und nachdem ich Marrya , deinen Schutzengel , sah . Ihr seid gut und hilfreich zu mir gewesen , dem armen , verlassenen Blinden in der Wüste , und so werde ich thun , was ihr verlangt , und nicht nach dem Grunde dieses eures Wunsches fragen . « » Welchen Wunsch meinst du ? « erkundigte ich mich . » Hanneh bat mich , in jede Hand eine brennende Fackel zu nehmen und langsamen Schrittes , ohne ein Wort zu sagen , vorwärts zu gehen . Sie versprach mir , daß ich die Ursache dieses Verlangens dann später erfahren werde ; jetzt dürfe man es mir nicht mitteilen , weil sonst die dabei gehegte Absicht sehr leicht zu verfehlen sei . Ich thue nie etwas , ohne zu wissen , warum ich es thue ; in diesem Falle aber will ich gegen diesen Grundsatz handeln , weil ich weiß , wie sehr ich euch zur Dankbarkeit verpflichtet bin . « In diesen seinen Worten lag die indirekte Mitteilung , daß Hanneh in ihrem weiblichen Scharfsinne so vorsichtig gewesen war , ihm über die Vorgänge der letzten Stunden nichts mitzuteilen . Das war gut . Ebenso hätte es mich befriedigt , wenn sie das Verlangen , von welchem er sprach , noch nicht an ihn gestellt , sondern gewartet hätte , bis sie unseres Einverständnisses sicher gewesen wäre . Sie war um eine Erklärung ihres Wunsches verlegen gewesen , hatte keine gefunden und sich so allein auf seinen guten Willen verlassen müssen . Das war mir nicht lieb , konnte aber nun nicht geändert werden . Jetzt sagte sie zu mir : » Du hörst , Effendi , daß ich alles wohl vorbereitet und eingeleitet habe , und da mir Halef sagt , daß auch ihr fertig seid , so brauchen wir mit dem Beginne wohl nicht länger zu warten . « Indem ich mich nicht fragte , ob diese liebe Ungeduld des Ewig-Weiblichen etwa eine spezielle Eigenschaft nur der Orientalinnen sei , antwortete ich : » Ja , wir können sofort die Probe machen , ob der Erfolg , den du erwartest , sich einstellen wird . « » Ich zweifle nicht daran , Sihdi . Wir können also gehen ? « » Wir ? Du meinst damit auch dich ? « » Ja . Der Plan ist von mir , und so möchte ich auch gern dabei sein , wenn meine Gedanken zur Wirklichkeit werden . Hast du etwas dagegen ? « » Eigentlich ja . Was wir vorhaben , ist nicht Frauensache . Aber ich will dich nicht um das Vergnügen bringen , auf welches du dich freust , erwarte aber , daß du stets an meiner Seite bleibst ! « » Ich verspreche dir , dies zu thun ! « » So besorg die Fackeln , Halef ! Zehn Haddedihn bleiben mit Kara Ben Halef hier , zur Bewachung derer , welche dort am Feuer liegen . Die anderen gehen mit uns ; sie nehmen die Gewehre nicht mit , weil diese hinderlich sein würden , doch die Messer . Ich habe meinen Stutzen , welcher wohl genügen wird , etwaigen Andrang von uns fernzuhalten . Ich mit dem Münedschi und du mit Hanneh , wir gehen voraus ; die andern folgen hinter uns und thun nichts weiter als das , was wir ihnen sagen ! « Diese Weisungen gab ich deshalb , ohne die Mekkaner zu nennen , weil der Blinde noch nicht wissen durfte , daß sie sich und gar als Gefangene , bei uns befanden . Kurze Zeit darauf waren wir unterwegs . Halef führte seine Hanneh , ich den Münedschi am Arme ; die Haddedihn folgten uns mit leisen Schritten . Es war ein eigentümliches Unternehmen ; ich fühlte etwas wie Scham in mir . Die Anregung dazu hatte allerdings nur von einer Person kommen können , welche mit der Natur noch so direkt in Berührung stand , wie eben unsere Hanneh , und dabei doch so schlau berechnend war wie sie . Ihre Hoffnung stand auf dem Aberglauben der Beni Khalid , und da ich wußte , wie groß er bei den Beduinen im allgemeinen ist , so hatte ich keinen Grund , anzunehmen , daß er grad bei diesem Stamme kleiner sei . Wir kamen , ohne von irgend etwas auf- oder abgehalten zu werden , bei der Stelle an , von welcher aus ich vorhin mit Halef die Beduinen beobachtet hatte , und sahen , daß keine Veränderung inzwischen eingetreten war . Es bekam jeder seine Weisung in Betreff dessen , was von ihm gefordert wurde , und ich muß sagen , daß es unter den Haddedihn keinen gab , der die Sache als ernsthaft oder gar als gefährlich aufgenommen hätte ; sie machte vielmehr ihnen allen Spaß . Sie stellten sich hinter uns im Dunkeln auf , den Augenblick erwartend , an welchem sie den Befehl zum Zuspringen erhalten würden . Vor ihnen stand der Münedschi , mit dem Gesichte nicht etwa ganz genau dahin , wohin er gehen sollte , sondern ein wenig nach rechts gerichtet . Warum das ? Darum : Wer sich in einem wegelosen Wald verläuft und immer wieder an die Stelle kommt , von welcher er ausgegangen ist , der weiß wohl kaum , weshalb sein Weg einen Kreis bildete . Ganz dasselbe kann einem in der Wüste , in der Prärie , auf jeder pfadlosen Strecke begegnen , wenn die Sonne nicht scheint oder es keine Sterne giebt und man die Zeichen nicht kennt , aus denen die Himmelsrichtung zu ersehen ist . Die Kreislinie , welche man läuft , wird stets nach links gerichtet sein , und zwar deshalb , weil bei den meisten Menschen der Schritt des rechten Fußes oder Beines ein wenig länger als derjenige des linken ist . Dadurch wird der Körper mehr und mehr nach links gedreht , während man doch überzeugt ist , in schnurgerader Richtung zu gehen . Jeder Westmann , jeder Beduine , jeder mit der Wildnis vertraute Mensch weiß ganz gut , wie sehr schwer es ist , auch nur eine halbe Stunde lang einen genau linealen Weg zurückzulegen , wenn die natürlichen Richtungszeichen fehlen . Der Münedschi sollte nach dem ersten Feuer der Beni