, ohne Kraft , ohne Leben , dachte Agathon , und er fühlte sich einsam . Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern , an die Art ihres Schlafes , ihrer Träume , an die Stärke ihrer Todesfurcht , an ihre Krankheiten , ihre Sorgen . Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes , wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren . Gegenüber befand sich eine Allee , und am Wege war eine Bank . Agathon setzte sich , müde vom Schlaf , hungrig , durstig und doch erwartungsvoll , als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach dem vierzehnjährigen Schlaf . Der gelbe Vorhang des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern , schwankend und gleitend , die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel . Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise . Plötzlich erschien unter den unwirklichen , hingeträumten Bildern des Vorhanges ein Schatten , dann wurde der Vorhang aufgezogen , das Fenster geöffnet , und eine weibliche Gestalt trat in seinen Rahmen . Dann knirschte das Tor , die Gartentüre kreischte und ein sehr schlanker Herr , fest umhüllt mit dem Mantel , schritt über die Straße . Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt . Die Luft war lau und unbewegt . Sie verkündete den Frühling . Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem , umwand Baum und Stein , kroch an Häusermauern empor bis zum Mond . Agathon ging hinüber gegen das Fenster , das bei seinem Nahen geschlossen wurde , - langsamer als es geöffnet worden war . In diesem Augenblick fühlte er sich verlassen . Das Schließen des Fensters glich für ihn einer höhnischen Zurückweisung . Er blickte an seinen Kleidern herab , sie waren in schlechtem Stand ; seine Stiefel waren zerrissen . Er ging weiter und die Nacht erschien ihm tot , so daß selbst das Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte . Nach einer Stunde kam er wieder an dasselbe vornehme Haus , vor dasselbe Fenster , und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus , den Kopf auf beide Hände gestützt , spähte hinein ins Finstere , war unbeweglich , und ihr Gesicht erschien bleicher als die bleiche Mauer des Hauses . Agathon blieb stehen und grüßte hinauf . Sie fuhr zusammen , veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen Schrei aus . Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen . Einige Minuten später war er im Zimmer . Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm , während er stand , seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war . Jeanette blickte ihn forschend , überrascht , beinahe unterwürfig an . » Wie geht es dir , Agathon ! « fragte sie . » Was hast du getrieben ? Großer Gott , wie siehst du aus ! Wo kommst du her ? Was hast du erlebt ? Erzähle doch ! « Und Agathon erzählte . Er erzählte von sich und seinem Zigeunerleben und von dem Brand der Kirche so kühl und so gleichmütig , als ob er ein paar Seiten aus einer alten Chronik vorläse . Gerade dadurch vielleicht machte es auf Jeanette einen erschütternden Eindruck . Sie sah ihn an , ihre Augen flammten , ihr Antlitz wurde reiner und stiller . Als er fertig war , klagte er über Hunger und sie brachte ihm zu essen und zu trinken . Plötzlich erblaßte Agathon unter der Glut ihrer Blicke und ließ das Glas wieder sinken , das er an die Lippen führen wollte . Dies schien sie aufzurütteln . Sie lachte und erzählte von ihrem Leben in Paris ; erzählte , daß sie in die Residenz gehen würde , weil der König sie zu sehen wünsche ; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei ; erzählte Episoden , schien begeistert von dem heiteren , bunten Leben , das sie führte , das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot . Es war zuletzt , als ob sie phantasiere , so geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende , Wohlschmeckende dieses Daseins . Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen , leicht , duftig , aber auch leichtfertig , endigte mit Mißtönen , die klangen , als ob sich jemand auf die Tasten werfe , schlug krachend den Deckel zu und lachte mit ihrem knirschenden Lachen , nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte . Plötzlich erschien sie wie eine abgehetzte Läuferin . Ihr Kopf war nach hinten gebeugt , ihre Lippen ein wenig geöffnet , die Adern des Halses klopften stürmisch , so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers , die Ellbogen nach rückwärts gestemmt und sah in die Höhe . » Bist du müd ? « wandte sie sich zu Agathon . » Wenn du müd bist , kannst du in dein Zimmer gehen . « Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht . Agathon mußte aufstehen . Sein Herz wurde weit und weiter , hatte nicht Raum mehr . » Ich liebe nämlich die Nacht , « sagte Jeanette . » So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden . Liebst du nicht deine Sünden , Agathon ? « Wieder traf ihn ein Blick , der gleichsam aus ihrer geöffneten und stammenden Seele zu kommen schien . » Weißt du , ich möchte dumm sein , « fuhr sie fort . » So dumm , daß ich nicht wüßte , wie man lügt ; so dumm , daß ich Respekt vor den Männern hatte , so dumm , daß ich fromm wäre . Dann würde ich beten . Ich würde beten ... na , das ist gleich . Nun will ich tanzen . Setz ' dich dort in die Ecke . So . « Sie tanzte , indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte . Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen , die an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten . Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen , die Augen waren halbgeschlossen , beschattet durch die langen , roten Wimpern , die Arme hatten das Kleid gefaßt . Agathon schaute hin und ihm war , als müsse das Blut aus ihrer Brust sickern bei dem schmerzlichen und düsteren Ringen ihres Körpers . Plötzlich , der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle , reckte sie sich auf ; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den Goignade , einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Extase . Agathon biß die Lippen zusammen , ihn schwindelte . Als sie fertig war , lächelte sie flüchtig , nickte und sagte kühl , Agathon solle in das Zimmer nebenan , wo er schlafen könne . Damit ging sie . Agathon wartete , aber sie kam nicht wieder . Er betrat das Nebenzimmer , ließ jedoch die Türe offen , damit er das Licht sehen konnte , legte sich in den Kleidern aufs Bett , faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen , bis der Morgen anbrach . Dann erhob er sich und trat zum Fenster . Er war beunruhigt , und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Unruhe zu . Er gefiel sich nicht in den kostbar ausgestatteten Räumen ; es schien ihm , als sei seine Seele zusammengeschrumpft . Als Jeanette spät am Vormittag erschien , erstaunte er über die Veränderung an ihr . Sie war müde ; die Haut ihrer Wangen war schlaff , der Blick hart , ihre Bewegung mühsam , ihre Worte kalt . Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste , in einem circenhaften Blick . » Hast du geschlafen ? « fragte sie . » Wessen Blut steckt eigentlich in dir ? « fuhr sie unvermittelt fort . » Ich kenne keinen von den Leuten , bei denen du aufgewachsen bist , der mit dir zu vergleichen wäre . Und auch sonst - « . Sie stand auf , stellte sich hinter seinen Stuhl , legte beide Hände auf seine Schultern , so daß er den Kopf zurückbog , um sie zu sehen , und sie fragte lächelnd , indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte : » Hast du die Kirche in Brand gesteckt , Agathon ? « Agathon machte sich los und entgegnete , ebenfalls lächelnd : » Wolltest du , daß ich es getan hätte ? « Sie schwieg finster . » Es ist wahrscheinlich , daß es der Blitz getan hat , « sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck . Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber , endlich meinte sie spöttisch lächelnd : » Aber du mußt andere Kleider bekommen , trotz alledem . Bist du zornig ? « fügte sie erschrocken und demütig hinzu , als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte . » Oder kränkt dich der Tag so wie mich ? Dann werde ich die Türen zusperren , meine Dienstboten fortschicken , die Rollläden schließen und Nacht sein lassen . « Alles dies sagte sie fast kühl , hinwerfend . Agathon konnte nicht klug aus ihr werden . » Daß wir beide Juden sein müssen ! « rief sie aus , als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte . » Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen , alle seine Leiden . Ich habe alle seine Fehler in mir ; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche . Ich bin grüblerisch und scheu , feig und frech , ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich , wie du siehst . Und du , was bist du eigentlich ? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn ? « Plötzlich ging sie , nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände , zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen . Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an , bleich , mit weiten Augen . » Diese Lippen ! « flüsterte sie bewegt . » Du hast noch nie ein Weib geküßt ? « Langsam ergriff sie seine Hand , beugte sich und küßte auch sie . Agathon dachte an Monika , die einst ein gleiches getan . Warum ? » Was bist du ? Was willst du ? « fragte sie ihn nach einem langen Schweigen . » Was ich will , das ist zu schwer für Worte . Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben , Jeanette , das ist es , was ich will . Freilich , viele haben schon die Erde , aber nur die Erde ohne den Himmel , sie wissen , daß der Himmel fehlt . Verstehst du ? Sie müssen die reine Erde haben , ohne Kreuz , ohne Abfall , ohne Verzicht , ohne Abrechnung mit einem Droben . Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen . Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig . Er hat keine Freude , auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste , vergoldetste , mildeste Käfig von der Welt ist . So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden . Und so lange schon , daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen , sie könnten fliegen . Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist , können sie nicht fliegen . Ich will die Stäbe zerbrechen , Jeanette , oder nur einen , ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr . Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird , das schadet nichts . Nur die Großen , die Unterdrücker werden dann zermalmt , Simson der Täter und die Philister werden zermalmt , aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen . Freude wird sein . « Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele . Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend , wie alle , die mit ihm sprachen . Ein reiner Strom umfloß sie , der Strom reiner Gefühle . » Und was willst du tun für diese Idee ? « fragte sie , mühsam lächelnd . » Sterben natürlich , wie alle diese Schwärmer . « » Sterben ? Nein , leben . « Ihre Augen trafen sich . Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick . » Schwärmer ! Schwärmer ! Gütiger Himmel , wohin träumst du ? Aber ich liebe dich , Agathon , ich liebe dich seltsam . Und was denkst du dir unter dieser Freude da ? Auch so ein Wort , wie viele Worte . Nicht ? « » Es müßte ein Glanz sein , der von einem zum andern strahlt . Man dürfte nichts mehr verehren , nicht mehr die Natur , weil man selbst die Natur , selbst ein Stück Wald , ein Stück Meer ist , der Lehrer müßte Freund sein und vieles andere . Alles ohne Trunkenheit , verstehst du , Jeanette , ohne Gelehrsamkeit , jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding . Alle Juden müßten ausgerottet werden , nicht der Körper , aber der Geist , denn aller Glaube ist Judentum . Immer werden die Juden , auch die Christen sind Juden , immer werden sie neue Götter bringen . Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen . Warum lächelst du ? Jetzt könnte die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und könnte Gott eine andere Erde großsäugen . Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe . Dann gibt es keine Todesfurcht mehr , kein Verbrechen mehr , dann wird alles größer , unermeßlich größer . Aber ich kann nicht das Eigentliche sagen , ich kann dir nicht das Bild schenken , Jeanette . « Ein langes Schweigen entstand . » Du meinst vielleicht , es ist Atheismus , « begann Agathon wieder . » Nein , das wäre borniert . Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder und sie wollen selber Papa spielen , wenn der Vater ausgegangen ist . Aber siehst du , Jeanette , « fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher , » etwas quält mich und ich weiß nicht was es ist . Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir , als stünde ich vor einer Mauer . « Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Sofa , während ihre Füße den Boden berührten . Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch ab , und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene Kurve , während ihn Jeanette mit einem heißen , träumerischen Blick gleichsam suchte . Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon , sowie ein Domino , denn Jeanette wollte , daß er abends mit ihr zu einem Karnevalsfest ginge . Er wunderte sich über ihr Wesen , das jetzt an Grellheit abgenommen hatte , über ihren Gang , der etwas Wiegendes , Zögerndes , Erwartendes hatte , über ihre Worte , die bald kühn , bald zaghaft , bald heftig , bald gedrückt waren . Der Festsaal war groß . Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem breiten Feuerband , das um eine milde Dämmerung geschlungen war , in der die Säulen silbern glänzten , die Guirlanden wie aus dem schwülen Duft herausgewachsen schienen , die künstlichen Rosen wie Blut schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich . Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des Geräuschlosen , Zauberspielhaften ; alle Farben flossen in ein Bild , alle Töne in einen Ton , alle Heiterkeit hatte ein Ziel , und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres , über dem der Tag aufgehen will . Aber plötzlich , ganz mit einem Male und auf einen Anstoß wurde Agathon sehend . Und zwar in solchem Maß , daß er vor Grauen , Scham und Beleidigung wie verwundet war . Er schritt durch einen etwas abseits gelegenen Wandelgang , als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann an der Tür stehen sah . Der Alte spähte lauernd und unruhig in den Saal , legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte . Bald darauf kam ein junges Mädchen , deren Bewegungen graziös und übertrieben kindlich waren , auf den Alten zu , und ihr Mund unter der Maske verlor sein Lächeln . Sie reichte dem Alten Geld ; mit unbeschreiblicher Gier riß er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu , wobei seine Augen fast aus den Höhlen traten . Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus . Das Mädchen setzte sich auf eine Bank , drückte beide Hände gegen die Brust und atmete auf , dann warf sie beide Arme in die Luft , als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem übertrieben-kindlichen Gebaren davon . Agathon suchte ihr zu folgen , verlor sie aber aus den Augen . Er sah statt ihrer einen befrackten Herrn , der zu Komplimenten verbogen war wie ein Fragezeichen , einen andern , der übernächtig fahl , von Säule zu Säule schlich in der Art eines Gewürms , lichtscheu , träg , voll Verachtung , Müdigkeit , Hinfälligkeit ; einen dritten , dessen Lachen wie ein Schuß war , der abgefeuert wird , um eine nahende , nagende Angst oder das fletschende Gespenst der Sorgen zu verscheuchen ; einen vierten , der , künstlich und aufgeregt , geschäftig herumeilte und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung zerwühlt waren ; einen fünften der grinsend und nickend durch die Reihen strolchte , der Zynismus in Person , mit einem von Lastern aufgepflügten , vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht ; einen sechsten , der voll Anstand , Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben überflüssig schien , um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag , während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen zu lesen war ; ein Weib , das kichernd , sich drehend , mit erlogenem Lächeln , mit erstohlener Anmut , von einem Chor befrackter Bettler bezaubernd genannt wurde ; ein zweites , das mit allen Kräften heimisch zu werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit ; ein drittes , das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte ; ein viertes , das mit erhitzten Blicken und eisiger Seele dasaß , während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte . Und hinter der Buntheit der Gewänder , der Höflichkeit der Worte , hinter den ziehenden Blicken , den vom Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen , was lag da ? Agathon sah es . Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag ; auf einen Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen , von hundert Augenpaaren gezogen , daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer , ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen , ein Mischmasch von Betrübnissen , Verbrechen , Betrug und Lügen . Jener dicke Herr mit dem gütigen , ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur , und er wird all dies Glück , das ihm anvertraut ist , morgen getrost an der Börse verspielen ; den ungünstigen Fall erwägend , hat er bereits eine Schiffskarte bei sich . Dieser unwiderstehliche Stutzer , der so diskret lächelt , ist ein Arzt , der durch schmutzige Geschäfte in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines anständigen Menschen ist . Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt nur , sich zu amüsieren , und es amüsiert sie , die Schwermütige zu sein ; ihr Haus ist ein finsteres Bild der Verkommenheit , der Vernachlässigung , der Sittenlosigkeit , des geraubten , erborgten Prunkes , des versteckten Hungers ; jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb ; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit jungen Mädchen ; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger Wucherer ; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter Verläumder ... Und hinter ihnen , welch ein Chaos : verödete Stuben , tränennasse Betten , von Lastern besteckte Hände , das wahnsinnige Geheul Unterliegender und Gefesselter , das verschwiegene Lächeln der Sieger , die erheuchelte Trauer , der verstellte Hochmut , der Hunger , die Schande , die Raserei der Liebe , Krankheit und Tod , eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter , die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten , eine ganze fallende , stürzende , vermorschte Gesellschaft und darüber , darunter - nichts . Es war Agathon , als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen zusammengepreßt würde . Es war ihm , als dränge sich die gärende Masse des Unglücks , ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn , erflehe Hilfe , Rettung , und gepeinigt floh er , erreichte die Straße , eilte weiter , ohne sich umzublicken und wußte kaum , wie er in Jeanettens Wohnung kam . Er hatte sie selbst , seit beide den Saal betreten hatten , nicht wieder gesehen . Das Dienstmädchen öffnete ihm , wollte Licht machen , aber er bat sie , ihn im Finstern zu lassen , fiel wie vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender . Lange mochte er so gelegen sein , als er einen Hauch an seiner Stirn verspürte . Er schlug die Augen auf ; die Nacht kam ihm doppelt finster vor . Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten , der sich nah an seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob . Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar . » Jeanette , « flüsterte er dumpf . Sie kniete bei ihm . Er glaubte , ihre Augen flammen zu sehen ; es entstand eine Hitze um ihn , die aus diesen Augen zu kommen schien . Er wurde starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung , die seine Brust zusammenschnürte gleich einem Strick . » Jeanette , « flüsterte er , » sie brauchen doch einen Heiland . « Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine blutrote Orange neben den Leuchter . Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst , aber von zitterndem Leben erfüllt . Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid , das sie trug , warf Strahlen gegen diese dunkle Farbe . Ihr Hals , entblößt , leuchtete im Rahmen der Haare , und ihre Brust hob sich schwer . Einer warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon . Er saß und blickte sie unverwandt an und glaubte , eine Stimme zu hören , welche ihn rief : wo bist du , Agathon ? Jeanette lächelte und trat an den Tisch . Er setzte sich zu ihr , so nahe , daß ihre Körper sich streiften , und Agathon wurde völlig ausgefüllt von dem Bewußtsein dieser großen , und wie ihm vorkam , unverdienten Nähe ; die Welt rückte dadurch in eine maßlose Ferne , versank in einen Abgrund . Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte jede ihrer Bewegungen mit , ja , es war ihm , als ob er selbst die Frucht zerteilte . Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß . Er fühlte nicht die Süßigkeit der Frucht , es wurde ihm kaum bewußt , daß er aß . Sie beschäftigten sich damit , das Öl der saftreichen Schale in die Flamme zu spritzen ; es knallte und zischte , beide lächelten . Agathon lächelte aber wie über etwas in einem andern Leben Erlebtes , er lächelte Jeanettens Lächeln mit , vielleicht aus Furcht , daß sie aufhören könne zu lächeln . Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn ; ihr Gesicht wurde beinahe steinern , ihr Blick verschlingend groß , unbarmherzig wild , und er sah ihre Zähne schimmern . Sie stand auf . Die Kerze war erloschen . Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an seinem Halse die feuchte Berührung eines Mundes . Seine Sinne schmerzten , daß er glaubte , es müsse mit ihm zu Ende gehen , daß er die Nacht verwünschte . Was er dann empfand , war eine sich ausbreitende Angst , das Gefühl , als ob das Zimmer luftleer sei , und endlich eine verzweifelte , brennende Begierde . » Was zitterst du so ? « fragte Jeanette leise . Dann knisterten wieder ihre Kleider ; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein . Er lag mit offenen Augen , die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers , und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen . Sie küßte ihn ; er dachte , daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen , denn er glaubte zu ertrinken in einer heißen Gischt , sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz , der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte , dann kam ein bewußtloses Versinken ; das anfänglich blendende Licht verlor sich , und plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen , voll von einem grenzenlosen , vorher nie erfaßten , noch geahnten Jammer . Er wußte nicht mehr , wie er sich erhob , in die Kleider kam , wie er das Zimmer verließ , auf der Straße stand , die sich breit hindehnte in einen mühsam aufquellenden Morgennebel . Er sah einen Garten vor sich und sah das Tor offen ; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens , der noch mit Stroh umwunden war ; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich zu weinen . Als er aufsah , war die Sonne emporgegangen aus der Umarmung riesenhafter Wolken . Ein Hahn krähte . Kräftige Frische lag in der Luft . Jeanette schlief noch , als er zurückkehrte . Ihr Gesicht hatte etwas so Eisiges und Totes , als ob das Leben nie wieder die Züge bewegen könne . Auf den geschlossenen Lidern lag eine Müdigkeit , die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war . Durch die Spalten der Gardinen fiel ein schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust . Als sie zusammen frühstückten , blickte ihn Jeanette scharf an und sagte : » Nun siehst du wohl , daß die Welt aus Schmutz besteht . « Agathon schwieg . » Du siehst , was ich bin , « fuhr sie fort . » Und du kommst und verlangst , daß wir nicht mehr glauben sollen . Das ist ja ohnehin unsere Krankheit , das Nichtglauben , jetzt ist deine Mauer gefallen , Agathon , und du hast dich überzeugt , daß sie dir nur einen Haufen Schmutz vorenthalten hatte . « » Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz , weil wir es so wollen ? Weil du es willst ? « fragte Agathon . » Weil du dich der Stunde schämst , in der du dich hergegeben hast ? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit ? Und nur darin ? Warum sollte das Schmutz sein , was so erhaben sein kann ? « » Wirklich ? Kann es das ? Kann es so erhaben sein ? Köstlich . Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde . « Dann fuhr sie mit starrem Blick fort : » Auch du , auch du , Agathon , mußtest fallen . Aber es ist mir klar , wozu es dich treibt . Du willst die Sinnlichkeit wieder auf den Thron setzen , den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat . Das liegt in dir , spricht aus deinen Worten , strahlt aus deinen Augen . Aber eher kannst du dein Hirn verbrennen , oder du mußt neue Menschen formen . Das ist alles unanständig , was du willst , verstehst du , unanständig ; das ist das Wort , das dich erdrosselt . Wenn du es aus der Welt schaffst , dann glaube ich an dich . Ist es nicht unanständig , wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen ? Ist es nicht unanständig , Kleider zu haben und an Liebe zu denken ? Ach , nur die Kleider sind schuld , daß wir so krank lieben . Und dann bedenke , eine Religion , die nicht die Sinnlichkeit erstickt , schleudert die Könige vom Thron . « Eine Zeitlang schwieg sie , dann stand sie so heftig auf , daß der Stuhl hinter ihr auf den Teppich zurückfiel . » Nun sollst du alles wissen . Damit wenigstens ein Mensch weiß , was ich leide . Nicht mich ruft der König , sondern ich habe alles daran gesetzt , um zu ihm zu kommen . Keinen Schleichweg , keine Hinterlist habe ich gescheut . Er soll mein letztes Medikament sein . Vielleicht finde ich dort Heilung . Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land . Denn siehst du , ich langweile mich . Ich langweile mich , seit ich auf der Welt bin . Ich langweile mich bei Putz und Schmuck , beim herrlichsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde . Versteh mich recht , es ist mehr als die Langeweile , aus der müßige Frauen Ehebruch begehen , Dummköpfe zu Verbrechern werden , aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht . Nein , ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt . Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht , ich habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht durch den Tanz , ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen , - aber ich habe mich gelangweilt . Ich habe mich in den Betten gewälzt , die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht