herbeiführte . Besonders der neben seinen andern Apartheiten auch durch langes weißes Haar und große Leuchteaugen ausgezeichnete Professor hatte - gestützt auf einen unentwegten Peter-Cornelius-Enthusiasmus - alles hinzureißen gewußt . » Ich bin glücklich , noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden Künstlers gesehen zu haben . Sie kennen seine Kartons , die mir das Bedeutendste scheinen , was wir überhaupt hier haben . Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt das Horn an den Mund , um zu Gericht zu rufen . Diese eine Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen , will also sagen netto fünfzehntausend Bilder . Und eben diese Kartons , samt dem Bläser zum Gericht , die wollen sie jetzt fortschaffen und sagen dabei in naiver Effronterie , solch schwarzes Zeug mit Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht soviel Raum einnehmen . Ich aber sage Ihnen , meine Herrschaften , ein Kohlenstrich von Cornelius ist mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen , und die Tuba , die dieser Tubabläser da an den Mund setzt - verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen Kalauer - , diese Tuba wiegt alle Tuben auf , aus denen sie jetzt ihre Farben herausdrücken . Beiläufig auch eine miserable Neuerung . Zu meiner Zeit gab es noch Beutel , und diese Beutel aus Schweinsblase waren viel besser . Ein wahres Glück , daß König Friedrich Wilhelm IV. diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr erlebt hat , diese Zeit des Abfalls , so recht eigentlich eine Zeit der Apokalyptischen Reiter . Bloß zu den dreien , die der große Meister uns da geschaffen hat , ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen , ein Mischling von Neid und Ungeschmack . Und dieser vierte sichelt am stärksten . « Alles nickte , selbst die , die nicht ganz so dachten , denn der Alte mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen . Nur Melusine blieb in einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin zu : » Tubabläser . Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem Fischleib lieber . Ich bin freilich Partei . « Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde . So war es auch heute wieder . Es schlug eben erst zehn , als Rex und Czako auf die Straße hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende von Lichtern vor sich hatten , von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten . » Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen « , sagte Czako . » Was meinen Sie , Rex ? Sind Sie mit dabei ? Wir gehen hier am Ufer entlang , an den Zelten vorüber bis Bellevue , und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück , Sie bis an die Friedrichsstraße , ich bis an den Alexanderplatz . Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus . « Rex war einverstanden . » Ein wahres Glück « , sagte er , » daß wir uns endlich mal getroffen haben . Seit fast drei Wochen kennen wir nun das Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt . Und das ist doch immer die Hauptsache . Für Sie gewiß . « » Ja , Rex , das für Sie gewiß , das sagen Sie so spöttisch und überheblich , weil Sie glauben , Klatschen sei was Inferiores und für mich gerade gut genug . Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen doppelten Fehler . Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht inferior , und zweitens klatschen Sie geradeso gern wie ich und vielleicht noch ein bißchen lieber . Sie bleiben nur immer etwas steifer dabei , lehnen meine Frivolitäten zunächst ab , warten aber eigentlich darauf . Im übrigen denk ich , wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber von der Hauptsache . Ich finde , wir können unserm Freunde Stechlin nicht dankbar genug dafür sein , uns mit einem so liebenswürdigen Hause bekannt gemacht zu haben . Den Wrschowitz und den alten Malerprofessor , der von dem Engel des Gerichts nicht loskonnte - nun die beiden schenk ich Ihnen ( ich denke mir , der Maler wird wohl nach Ihrem Geschmacke sein ) , aber die andern , die man da trifft , wie reizend alle , wie natürlich . Obenan dieser Frommel , dieser Hofprediger , der mir am Teetisch fast noch besser gefällt als auf der Kanzel . Und dann diese bayrische Baronin . Es ist doch merkwürdig , daß die Süddeutschen uns im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind , nicht von Bildungs , aber von glücklicher Natur wegen . Und diese glückliche Natur , das ist doch die wahre Bildung . « » Ach , Czako , Sie überschätzen das . Es ist ja richtig , wenn sie da so die Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni mit dem Maßkrug kommt , so sieht das nach was aus , und wir kommen uns wie verhungerte Schulmeister daneben vor . Aber eigentlich ist das , was wir haben , doch das Höhere . « » Gott bewahre . Alles , was mit Grammatik und Examen zusammenhängt , ist nie das Höhere . Waren die Patriarchen examiniert oder Moses oder Christus ? Die Pharisäer waren examiniert . Und da sehen Sie , was dabei herauskommt . Aber , um mehr in der Nähe zu bleiben , nehmen Sie den alten Grafen . Er war freilich Botschaftsrat , und das klingt ein bißchen nach was ; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter Naturmensch , und das gerade gibt ihm seinen Charme . Beiläufig , finden Sie nicht auch , daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht ? « » Ja , äußerlich . « » Auch innerlich . Natürlich ' ne andre Nummer , aber doch derselbe Zwirn - Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus . Und wenn Sie vielleicht an Politik gedacht haben , auch da ist wenig Unterschied . Der alte Graf ist lange nicht so liberal und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich , wie ' s aussieht . Dieser Barby , dessen Familie , glaub ich , vordem zu den Reichsunmittelbaren gehörte , dem steckt noch so was von Gottesgnadenschaft in den Knochen , und das gibt dann die bekannte Sorte von Vornehmheit , die sich den Liberalismus glaubt gönnen zu können . Und der alte Dubslav , nun , der hat dafür das im Leibe , was die richtigen Junker alle haben : ein Stück Sozialdemokratie . Wenn sie gereizt werden , bekennen sie sich selber dazu . « » Sie verkennen das , Czako . Das alles ist ja bloß Spielerei . « » Ja , was heißt Spielerei ? Spielen . Wir haben schöne alte Fibelverse , die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuer-Spielens warnen . Aber lassen wir Dubslav und den alten Barby . Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen , die Gräfin und die Comtesse . Welche wird es ? Ich glaube , wir haben schon mal darüber gesprochen , damals , als wir von Kloster Wutz her über den Cremmer Damm ritten . Viel Vertrauen zu Freund Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht , aber ich sage trotzdem : Melusine . « » Und ich sage : Armgard . Und Sie sagen es im stillen auch . « Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen , daß Rex und Czako dies Tiergartengespräch führten . Eine halbe Stunde später fuhren sie , wie verabredet , vom Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurück . Überall war noch ein reges Leben und Treiben , und Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner . In dem zunächst am Flur gelegenen großen Speisesaale , von dessen Wänden die früheren Kommandeure des Regiments , Prinzen und Nichtprinzen , herniederblickten , sah man nur wenig Gäste . Daneben aber lag ein Eckzimmer , das mehr Insassen und mehr flotte Bewegung hatte . Hier , über dem schräggestellten Kamin , drin ein kleines Feuer flackerte , hing seit kurzem das Bildnis des » hohen Chefs « des Regiments , der Königin von England , und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege : die Trompete , darauf derselbe Mann , Stabstrompeter Wollhaupt , erst am 3. Juli auf der Höhe von Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur Attacke gerufen hatte , bis er an der Seite seines Obersten fiel ; der Oberst mit ihm . Dies Eckzimmer war , wie gewöhnlich , auch heute der bevorzugte kleine Raum , drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei zusammengefunden hatten , unter ihnen die Herren von Wolfshagen , von Herbstfelde , von Wohlgemuth , von Grumbach , von Raspe . » Weiß der Himmel « , sagte Raspe , » wir kommen aus den Abordnungen auch gar nicht mehr heraus . Wir haben freilich drei Sendens im Regiment , aber es sind der Sendbotschaften doch fast zuviel . Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei . Was wird er sagen , wenn er oben in Ostpreußen von der ihm zugedachten Ehre hört . Er wird vielleicht sehr gemischte Gefühle haben . Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da , mutmaßlich bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert , und dann Hals über Kopf und in großem Trara nach London . Und London ginge noch . Aber auch nach Windsor . Alles , wenn es sich um Chic handelt , will doch seine Zeit haben , und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger . « » Laß sie sehn « , sagte Herbstfelde . » Wir sehen auch . Und Stechlin ist nicht der Mann , sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen . Ich glaube , daß ihn was ganz andres geniert . Es ist doch immerhin was , daß er da mit nach England hinüber soll , und einer solchen Auszeichnung entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer . Das paßt nicht jedem , und nach dem Bilde , das ich mir von unserm Stechlin mache , gehört er zu diesen . Er ficht nicht gern unter der Devise nur über Leichen , hat vielmehr umgekehrt den Zug , sich in die zweite Linie zu stellen . Und nun sieht es aus , als wär er ein Streber . « » Stimmt nicht « , sagte Raspe . » Für so verrannt kann ich keinen von uns halten . Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen und kann doch unmöglich in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel geworfen haben . Und unser Oberst ! Der ist doch auch nicht der Mann dazu , sich irgendwen aufreden zu lassen . Der kennt seine Pappenheimer . Und wenn er sich den Stechlin aussucht , dann weiß er , warum . Übrigens , Dienst ist Dienst ; man geht nicht , weil man will , sondern weil man muß . Spricht er denn Englisch ? « » Ich glaube nicht « , sagte von Grumbach . » Soviel ich weiß , hat er vor kurzem damit angefangen , aber natürlich nicht wegen dieser Mission , die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt , sondern der Barbys wegen , die beinah zwanzig Jahre in England waren und halb englisch sind . Im übrigen hab ich mir sagen lassen , es geht drüben auch ohne die Sprache . Herbstfelde , Sie waren ja voriges Jahr da . Mit gutem Deutsch und schlechtem Französisch kommt man überall durch . « » Ja « , sagte Herbstfelde . » Bloß ein bißchen Landessprache muß doch noch dazukommen . Indessen , es gibt ja kleine Vademekums , und da muß man dann eben nachschlagen , bis man ' s hat . Sonst sind hundert Vokabeln genug . Als ich noch zu Hause war , hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn , der - eh ihn die Gicht unterkriegte - sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte . Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln . Unter anderm war er auch mal in Südrußland gewesen , von welcher Zeit ab - und zwar nach vorgängiger , vor einem großen Liqueurkasten stattgehabten Anfreundung mit einem uralten Popen - er das Amendement zu stellen pflegte : Hundert Vokabeln ; aber bei ' nem Popen bloß fünfzig . Und das muß ich sagen , ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt gefunden . Mary , please , a jug of hot water , soviel muß man weghaben , sonst sitzt man da . Denn der Naturengländer weiß gar nichts . « » Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben , Herbstfelde ? « » Drei Wochen . Aber die Reisetage mitgerechnet . « » Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen ? Einblick ins Volksleben , Parlament , Oxford , Cambridge , Gladstone ? « Herbstfelde nickte . » Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen , was hat da so den meisten Eindruck auf Sie gemacht ? Architektur , Kunst , Leben , die Schiffe , die großen Brücken ? Die Straßenjungens , wenn man in einem Cab vorüberfährt , sollen ja immer Rad neben einem her schlagen , und die Dienstmädchen , was noch wichtiger ist , sollen sehr hübsch sein , kleine Hauben und Tändelschürze . « » Ja , Raspe , da treffen Sie ' s. Und ist eigentlich auch das Interessanteste . Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall , von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden . Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein Parlament . Und manche sagen , unsres sei noch besser . Aber das Volk . Sehen Sie , da steckt es . Das Volk ist alles . « » Na , natürlich Volk . Oberschicht überall ein und dasselbe . Was da los ist , das wissen wir . « » Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf ' nem Omnibus gesessen und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen . Ein bißchen gefährlich ; man hat da seinen Messerstich weg , man weiß nicht wie , ganz wie in Italien . Bloß in Italien gibt es vorher doch immer noch ein Liebesverhältnis , was in Old Wapping - so heißt nämlich der Stadtteil an der Themse - nicht mal nötig ist . Und dann , wenn ich zu Hause war , sprach ich natürlich mit Mary . Viel war es nicht . Denn die hundert Vokabeln , die dazu nötig sind , die hatte ich damals noch nicht voll . « » Na , ' s ging aber doch ? « » So leidlich . Und dabei hatt ich mal ' ne Szene , die war eigentlich das Hübscheste . Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer kleinen stillen Querstraße von Oxford Street . Und Mary war gerade bei mir . Und in dem Augenblicke , wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu verständigen suche ... « » Worüber ? « » In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster hinein , so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte . « » Wie war denn das aber möglich ? « » Ja , das ist ja eben das , was ich das Londoner Volksleben nenne . Alles mögliche , wovon wir hier gar keine Vorstellung haben , vollzieht sich da mitten auf dem Straßendamm . Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen , ihres Zeichens Akrobaten , in die Querstraße von Oxford Street gekommen , und der eine , ein dicker starker Kerl , hatte einen Gurt um den Leib , und in der Öse dieses Gurtes steckte ' ne Stange , auf die der zweite Chinese hinaufkletterte . Und wie er da oben war , war er gerade in Höhe meiner Beletage und sah hinein , als ich mich eben bemühte , mich Mary klarzumachen . « » Ja , Herbstfelde , das war nu freilich ein Pech , und wenn Sie wieder drüben sind , müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinauf . Aber interessant ist es doch . Und ich bezweifle nur , daß Stechlin in eine gleiche Lage kommen wird . « » Gewiß nicht . Daran hindern ihn seine Moralitäten . « » Und noch mehr die Barbys . « Zweiundzwanzigstes Kapitel Woldemar , von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet , kürzte seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab , hatte trotzdem aber , nach seinem Wiedereintreffen in Berlin , nur noch zwei Tage zur Verfügung . Das war wenig . Denn außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen lag ihm doch auch noch ob , verschiedene Besuche zu machen , so bei den Barbys , bei denen er sich für den letzten Abend schon brieflich angemeldet hatte . Dieser Abend war nun da . Die Koffer standen gepackt um ihn her , er selber aber lehnte sich , ziemlich abgespannt , in seinen Schaukelstuhl zurück , nochmals überschlagend , ob auch nichts vergessen sei . Zuletzt sagte er sich : » Was nun noch fehlt , fehlt ; ich kann nicht mehr . « Und dabei sah er nach der Uhr . Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war noch fast eine Stunde . Die wollt er ausnutzen und sich vorher nach Möglichkeit ruhn . Aber er kam nicht dazu . Sein Bursche trat ein und meldete : » Hauptmann von Czako . « » Ah , sehr willkommen . « Und Woldemar , sowenig gelegen ihm Czako auch kam , sprang doch auf und reichte dem Freunde die Hand . » Sie kommen , um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren . Und wiewohl es soso damit steht , Ihnen glaub ich ' s , daß Sie ' s ehrlich meinen . Sie gehören zu den paar Menschen , die keinen Neid kennen . « » Na , lassen wir das Thema lieber . Ich bin dessen nicht so ganz sicher ; mancher sieht besser aus , als er ist . Aber natürlich komm ich , um Ihnen wohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen dazu . Donnerwetter , Stechlin , wo will das noch mit Ihnen hinaus ! Sie werden natürlich Londoner Militärattaché , sagen wir in einem halben Jahr , und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und etablieren sich als Sieger in einem Steeplechase , vorausgesetzt , daß es so was noch gibt ( ich glaube nämlich , man nennt es jetzt alles ganz anders ) . Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine Cavendish , haben den Bedforder oder den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Generalgouverneur nach Mittelafrika , links die Zwerge , rechts die Menschenfresser . Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein . « » Czako , Sie machen sich ' s zunutze , daß die Mittagsstunde glücklich vorüber ist , sonst könnten Sie ' s kaum verantworten . Aber rücken Sie sich einen Sessel ran , und hier sind Zigaretten . Oder lieber Zigarre ? « » Nein , Zigaretten ... Ja , sehen Sie , Stechlin , solche Mission oder wenn auch nur ein Bruchteil davon ... « » Sagen wir Anhängsel . « » ... Solche Mission ist gerade das , was ich mir all mein Lebtag gewünscht habe . Bloß Erhörung kam nicht geschritten . Und doch ist gerad in unserm Regiment immer was los . Immer ist wer auf dem Wege nach Petersburg . Aber weiß der Teufel , trotz der vielen Schickerei , meine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen . Ich denke mir , es liegt an meinem Namen . Hier hat Czako ja auch schon einen Beigeschmack , einen Stich ins Komische , aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas Apartes , während es in Petersburg wahrscheinlich heißen würde : Czako , was soll das ? Was soll Czako ? Dergleichen haben wir hier echter und besser . Ja , ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher , ob man da drüben nicht Lust bezeugen könnte , in der Wahl von Czako einen Witz oder versteckten Affront zu wittern . Aber wie dem auch sei , Winterpalais und Kreml sind mir verschlossen . Und nun gehen Sie nach London und sogar nach Windsor . Und Windsor ist doch nun mal das denkbar Feinste . Rußland , wenn Sie mir solche Frühstücksvergleiche gestatten wollen , hat immer was von Astrachan , England immer was von Colchester . Und ich glaube , Colchester steht höher . In meinen Augen gewiß . Ach , Stechlin , Sie sind ein Glückspilz , ein Wort , das Sie meiner erregten Stimmung zugute halten müssen . Ich werde wohl an der Majorsecke scheitern , wegen verschiedener Mankos . Aber sehn Sie , daß ich das einsehe , das könnte das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen . « » Czako , Sie sind der beste Kerl von der Welt . Es ist eigentlich schade , daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben . Oder wenigstens nicht genug . Fein ist ja ganz gut , aber es muß doch auch mal ein Donnerwetter dazwischenfahren , ein Zynismus , eine Bosheit ; sie braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben . Übrigens , was die Patentheit angeht , so fühl ich deutlich , daß ich auch nur so gerade noch passiere . Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche . Wer heutzutage nicht drei Sprachen spricht , gehört in die Ecke ... « » Sag ich mir auch . Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen angefangen . Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte beinah erstaune , dann berapple ich mich momentan wieder und sage mir : Courage gewonnen , alles gewonnen . Und dabei laß ich dann zu meinem weitern Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir vorüberziehen , immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen und mitunter auch moralischen Überlegenheit . Da ist zuerst der Derfflinger . Nun , der soll ein Schneider gewesen sein . Dann kam Blücher - der war einfach ein Jeuer . Und dann kam Wrangel und trieb sein verwegenes Spiel mit mir und mich . « » Bravo , Czako . Das ist die Sprache , die Sie sprechen müssen . Und Sie werden auch nicht an der Majorsecke scheitern . Eigentlich läuft doch alles bloß darauf hinaus , wie hoch man sich selber einschätzt . Das ist freilich eine Kunst , die nicht jeder versteht , Das Wort vom Alten Fritz : Denk Er nur immer , daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat , dies Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verlorengegangen , trotz unsrer Siege . Oder vielleicht auch eben deshalb . Siege produzieren unter Umständen auch Bescheidenheit . « » Jedenfalls haben Sie , lieber Stechlin , zuviel davon . Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben ... « » Ach , Czako , kommen Sie mir nicht immer mit Ruth . Oder eigentlich , seien Sie doch bedankt dafür . Denn dieser weibliche Name mahnt mich , daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe , bei den Barbys , wo ' s , wie Sie wissen , freilich keine Ruth gibt , aber dafür eine Melusine , was fast noch mehr ist . « » Versteht sich , Melusine is mehr . Alles , was aus dem Wasser kommt , ist mehr . Venus kam aus dem Wasser , ebenso Hero ... Nein , nein , entschuldigen Sie , es war Leander . « » Egal . Lassen Sie ' s , wie ' s ist . Solche verwechselte Schillerstelle tut einem immer wohl . Übrigens können Sie mich in meinem Coupé begleiten ; vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne . « Das Coupé tat seine Schuldigkeit , und es schlug eben erst acht , als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und , sich von Czako verabschiedend , die Treppe hinaufstieg . Er fand nur die Familie vor , was ihm sehr lieb war , weil er kein allgemeines Gespräch führen , sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen wollte . Der alte Graf kannte London besser als Berlin , und auch Melusine war schon über siebzehn , als man , bald nach dem Tode der Mutter , England verlassen und sich auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte . Darüber waren nun wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen , aber Vater und Töchter hingen nach wie vor an Hyde Park und dem schönen Hause , das sie da bewohnt hatten , und gedachten dankbar der in London verlebten Tage . Selbst Armgard sprach gern von dem wenigen , dessen sie sich noch aus ihrer frühen Kindheit her erinnerte . » Wie glücklich bin ich « , sagte Woldemar , » Sie allein zu finden ! Das klingt freilich sehr selbstisch , aber ich bin doch vielleicht entschuldigt . Wenn Besuch da wäre , nehmen wir beispielsweise Wrschowitz , und ich ließe mich hinreißen , von der Prinzessin von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und Thyra zu sprechen , so hätt ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit heut abend noch ein Duell auszufechten . Was mir doch unbequem wäre . Besser ist besser . « Der alte Barby nickte vergnüglich . » Ja , Herr Graf « , fuhr Woldemar fort , » ich komme , mich von Ihnen und den Damen zu verabschieden , aber ich komme vor allem auch , um mich in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren . In dem Augenblick , wo der gänzlich ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt , guckt er - so was soll vorkommen - noch einmal ins Corpus juris und liest , sagen wir , zehn Zeilen , und gerad über diese wird er nachher gefragt und sieht sich gerettet . Dergleichen könnte mir doch auch vorbehalten sein . Sie waren lange drüben und die Damen ebenso . Auf was muß ich achten , was vermeiden , was tun ? Vor allem , was muß ich sehn und was nicht sehn ? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem . « » Gewiß , lieber Stechlin . Aber ehe wir anfangen , rücken Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Tee . Freilich , daß Sie den Tee würdigen werden , ist so gut wie ausgeschlossen ; dazu sind Sie viel zu aufgeregt . Sie sind ja wie ein Wasserfall ; ich erkenne Sie kaum wieder . « Woldemar wollte sich entschuldigen . » Nur keine Entschuldigungen . Und am wenigsten über das . Alles ist heutzutage so nüchtern , daß ich immer froh bin , mal einer Aufregung zu begegnen ; Aufregung kleidet besser als Indifferenz , und jedenfalls ist sie interessanter . Was meinst du dazu , Melusine ? « » Papa schraubt mich . Ich werde mich aber hüten , zu antworten . « » Und so denn wieder zur Sache . Ja , lieber Stechlin , was tun , was sehn ? Oder , wie Sie ganz richtig bemerken , was nicht sehn ? Überall etwas sehr Schwieriges . In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern , in England mit Hinrichtungsblöcken . Sie haben drüben ganze Kollektionen davon . Also möglichst wenig Historisches . Und dann natürlich keine Kirchen , immer mit Ausnahme von Westminster . Ich glaube , was man so mit billiger Wendung Land und Leute nennt , das ist und bleibt das Beste . Die Themse hinauf und hinunter , Richmond Hill ( auch jetzt noch , trotzdem wir schon November haben ) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer . Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten Straßen-Raffael begegnen , dann stehenbleiben und zusehen , was das sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die breiten Straßensteine hinmalt . Denn diese Straßen-Raffaels haben immer nur eine linke Hand . « » Und was malt er ? « » Was ? Das wechselt . Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten eine richtige Sixtina aufs Trottoir . Aber in der Regel ist er mehr Ruysdael oder Hobbema . Landschaften sind seine Force ; dazu Seestücke . Die Klippe von Dover hab ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer hin den zitternden Mondstrahl . Da haben Sie schon was zur Auswahl . Und nun fragen Sie Melusine . Die hat von London und Umgegend viel mehr gesehn als ich und weiß , glaub ich , in Hampton Court und Waltham Abbey besser Bescheid als an der Oberspree , natürlich das Eierhäuschen ausgenommen . Und wenn Melusine versagen sollte , nun , so haben wir ja noch unsere Tochter Cordelia . Cordelia war damals freilich erst sechs oder doch nicht viel mehr . Aber Kindermund tut Wahrheit kund . Armgard , wie wär es , wenn du dich unsers Freundes annähmest ? « » Ich weiß nicht , Papa , ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder auch nur sein kann . Vielleicht ging ' es , wenn du nur nicht von meinen sechs Jahren gesprochen hättest . Aber so . Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt , was , in den Augen andrer , des Erzählens wert wäre . « » Comtesse , gestatten Sie mir ... die Dinge an sich sind gleichgültig . Alles Erlebte wird erst was durch den , der es erlebt . « » Ei « , sagte Melusine . » So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht aufgefordert worden . Nun wirst du sprechen müssen , Armgard . « » Und ich will auch , selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage . « »