Schneeball im Rollen wuchs die Bewegung . Schon reute es manchen jungen Mann und manches Mädchen in Halbenau , daß sie neulich die Anträge des Aufseheragenten abgelehnt hatten . Heimlich gingen sie dorthin , wo er neuerdings sein Quartier aufgeschlagen hatte , um sich seine Worte doch noch einmal mit anzuhören . Eines Abends befand sich denn auch Gustav Büttner auf dem Wege nach dem benachbarten Wörmsbach , wo , wie er aus den Zeitungen ersehen hatte , Zittwitz heute sprechen wollte . Gustav hatte daheim keinem Menschen etwas gesagt von seinem Vorhaben . Niemand in Halbenau sollte etwas davon wissen , er wollte sich gänzlich im Hintergrunde halten ; wenn irgend möglich wollte er vermeiden , von dem Agenten selbst gesehen zu werden . Im Gasthof zu Wörmsbach bot sich dem Eintretenden ein ganz anderes Bild dar als neulich in Halbenau . Der Aufseheragent saß auf einem erhöhten Podium , neben ihm ein junger Mann , welcher schrieb . Seinen Vortrag schien Zittwitz bereits gehalten zu haben . Hin und wieder richtete er noch ein Wort der Erläuterung an die Menge oder beantwortete Fragen einzelner , die an ihn herantraten . Er schien von Männern aus der Versammlung unterstützt zu werden , die von Tisch zu Tisch und von Gruppe zu Gruppe mit Zetteln gingen und den Leuten zusetzten , sie sollten unterschreiben . Besonders rührig darin zeigte sich ein gewisser Wenzelsgust , der für gewöhnlich als arbeitsscheues Individuum bekannt war . Dieser Mensch lief hier mit wichtiger Miene geschäftig umher und redete den Leuten zu , sie dürften sich eine solche Gelegenheit zur Arbeit um keinen Preis entgehen lassen . Hin und wieder trat ein Bursche oder ein Mädchen an das Podium und sprach mit dem Agenten . Waren sie handelseinig geworden , dann ließ sich der Schreiber die Personalien angeben , füllte ein Formular aus , und der Neugeworbene setzte seinen Namen unter den Kontrakt . Von Zeit zu Zeit verlas der Agent dann mit lauter Stimme die Namen und knüpfte daran Worte der Ermunterung an die , welche noch zauderten . Doch spielte sich nicht alles so ruhig und geschäftsmäßig ab . Starke Gefühle , Leidenschaften und Triebe arbeiteten versteckt unter anscheinender Ruhe und Stumpfheit in dieser Menge . In Gustavs Nähe stand eine alte Frau und ein junges Mädchen . Wie aus ihren Worten zu merken , war die Greisin die Großmutter des kaum sechzehnjährigen bildhübschen Dinges . Die Alte hatte Tränen in den Augen und redete voll Eifer auf die Enkelin ein . Die blieb stumm und blickte mit einem gewissen verinnerlichten Trotz in ihren kindlichen Zügen nach dem Podium hinüber , wo eben neue Sachsengänger sich meldeten . » Ne , Guste ! « sagte die alte Frau mit zitternder Stimme , das Mädchen mit ihrer runzeligen Hand liebevoll tätschelnd , » de werft uns buch su was ne oantun wellen . Was sillte denn aus dan kleenen Kingern warn , dernoa ! Gieh ! Bleib ack bei uns , Guste ! Weeß mer denne , wie ' s da draußen sen mag . « Dann sah sich die Greisin hilfesuchend im Kreise um : » ' s is ane Sinde und ane Schande , su a Madel mitnahmen ! « Und sich dem Mädchen wieder zuwendend : » Gleb mirsch , Guste , dir wird ' s ei der Fremde bange wern nach der Heemde . « In geschwätziger Greisenart erzählte sie jedem , der es hören wollte , von ihrer Not . Ihre Tochter , die Mutter des Mädchens , lag schon im siebenten Monat ans Bett gefesselt . Der Schwiegersohn war als Steinmetzger im Gebirge , hatte einen Haufen kleiner Kinder . Und nun wollte die Guste auch noch fort , welche bisher die Stütze des ganzen Haushalts gewesen war . » Raden Sie er ack zu ! « bat sie die Umstehenden . » Uf mich Altes tut se ne hieren . Se soit , se will sich a Sticke Geld verdiene mit a Riebenhacka . Ich ha ' gesoit , iber se gesoit ha ' ich : Guste , ' s is duch ane Sinde un ane Schande , su a Madel , su a jung ' s Madel alleene ei de Fremde losa . Was sull denne aus uns warn hernach ' n. « Die Greisin blickte in hilfloser Verzweiflung von einem zum anderen . Während sie noch ihr Leid klagte , war die Enkelin unvermerkt von ihrer Seite gewichen . Bald darauf sah man ihr rotes Kopftuch in der Nähe des Podiums , und nach einiger Zeit verlas der Agent ihren Namen unter den Angeworbenen . Gustav erlebte mit Staunen , wie flott hier das Geschäft des Werbers ging . Freilich in Wörmsbach lagen die Verhältnisse auch anders als in Halbenau . Wörmsbach und seine Bewohner genossen nicht gerade den besten Ruf in der Nachbarschaft . Hier hatte es ursprünglich viele wohlhabende und selbständige Bauern gegeben . Eine Zeitlang nahm der Ort einen Aufschwung , der die Nachbardörfer in Schatten stellte . Aber die junge Generation hatte angefangen , auf dem ererbten Wohlstande auszuruhen . Das Spiel , der ärgste Verderber des Bauern , war aufgekommen , und der Trunk hatte sich dazu gesellt . An Stelle des Reichtums trat die Überschuldung . Die Güter der Bankrottierer kamen unter den Hammer und wurden zerkleinert . In keinem Orte der ganzen Umgegend spielte die Güterschlächterei und der Bodenschacher eine solche Rolle wie in Wörmsbach . Samuel Harrassowitz aus der Kreisstadt war hier kein Unbekannter . An einem Tische für sich saß eine Anzahl Männer , die sich durch ihre Kleidung von den Dorfleuten abhoben . Der Gendarm mit einem geraden schwarzen Schnurrbart , neben ihm ein dicker Mann mit rotem Vollbart im braunen Lodenrock - in dem Gustav einen der Inspektoren der Herrschaft Saland wiedererkannte - dazu zwei Leute in Jägertracht , gräfliche Revierförster . Gustav erfuhr von einem neben ihm stehenden jungen Manne , weshalb die Beamten hier seien . » Zum Uffpassen ! « Neulich habe es bereits einen großen » Spektakel « gegeben , da seien ein paar Mägde und ein Holzarbeiter von der Herrschaft davongelaufen und hätten sich dem Agenten verdungen . Die Augen des Berichterstatters leuchteten vor Schadenfreude , als er erzählte : » Da soll nu der Schandarm , und er sull helfen uffpassen . In hellen Haufen lösen se weg vun der Herrschaft und och von den Pauern . Is denen schun recht , sag ' ch , was zahlt ' r sicke Hungerlöhne , daß unserener ne laben kann dermitte und ne starben . « Gustav sah sich den kleinen verwachsenen Burschen etwas näher an . Das war wohl ein » Sozialer « wie es hier auch schon welche gab . Er fragte jenen , wer er sei , und was er hier wolle . Er sei Ochsenknecht auf dem Rittergute , sagte der Kleine . » Ich ginge och glei . Ich ha ' das Luderlaben satt . Glei macht ' ch mitte nach Sachsen . Wenn ' ch ack ne verheirat ' wäre ! Und Zittwitz spricht : Frau und Kinder dirfte ees ne mitnahmen , spricht er . « Inzwischen schien sich die Zahl der Arbeitsuchenden erschöpft zu haben . Der Aufseheragent erhob sich und fragte , ob sich weiter niemand melde , sonst werde er für heute abend die Liste schließen . Dann verließ er das Podium und mischte sich unter die Menge . Hier und da blieb er stehen an den Tischen , redete einzelne Leute an : Er habe gerade noch eine Stelle frei auf einem ausgezeichneten Gute , sie sollten sich nur dazu halten , jetzt noch vor Toresschluß ihr Glück zu machen . So schritt er von Tisch zu Tisch . Als er Gustavs ansichtig wurde , stutzte er . Einen Augenblick schien er zu überlegen , wo er dieses Gesicht wohl schon gesehen hätte . Er warf dem jungen Manne einen mißtrauischen Blick aus seinen dunklen Augen zu . Dann aber , als habe er sich eines anderen besonnen , hellten sich seine Züge plötzlich auf . Wohlwollend reichte er dem erstaunten Gustav die Hand und meinte in vertraulichem Tone , wie zu einem alten Bekannten : » Recht so , daß Sie auch hier sind ! Haben sich ' s also doch überlegt ! Kommen Sie nur mit mir nach vorn , mein Bester ! Von Ihrer Art kann ich gerade noch einen gebrauchen . « Gustav erwiderte dem Agenten , daß er sich irre , wenn er ihn für einen Arbeitsuchenden halte . » Wer spricht denn von Arbeit ! Leute Ihres Schlages stellt man doch nicht zum Rübenhacken an . Für Sie habe ich ganz was anderes in petto . Sie sind Unteroffizier gewesen nicht wahr ? « Gustav bejahte verdutzt . Woher wußte der Mensch das bereits ? » Ihnen würde ich einen meiner Kontrakte verkaufen , verstehen Sie ! « sagte der Agent , näher an den jungen Mann herantretend mit gesenkter Stimme , andeutend , daß die anderen das nicht mit anzuhören brauchten . » Das heißt soviel : Ich übergebe Ihnen einen Auftrag , den ich von einem kleineren Gute erhalten habe , in eigene Entreprise , verstehen Sie wohl ! Sie besorgen sich die Leute selbst und gehen dann als Vorarbeiter oder Aufseher mit ihnen hinaus . « Gustav schüttelte den Kopf . Er verstand durchaus nicht , was jener meinte . » Die ganze Sache bedeutet nämlich für Sie ein glänzendes Geschäft , mein Lieber ! Sie verdienen pro Kopf drei bis vier Mark Provision , je nachdem ! Außerdem bekommen Sie Ihren Vorarbeiterlohn und im Herbst eine schöne Gratifikation , wenn die Arbeit zur Zufriedenheit ausgeführt ist . Ich dächte , so etwas sollte man nicht ohne weiteres von der Hand weisen . Also wie steht ' s , sind wir einig ? « Der Händler hielt die Hand ausgestreckt . Gustav sah ihn nur verwundert an . Da kam alles so Hals über Kopf ! - » Hier ! lesen Sie sich mal das Ding hier durch ! Das ist ein Vorarbeiterkontrakt . Die Wirtschaft , für die Sie Leute zu engagieren haben würden , ist ein Vorwerk . Vier bis fünf Männer und eine Mandel Mädchen etwa würden genügen . Lesen Sie sich das mal durch ! Ich komme nachher wieder zu Ihnen . Dann wollen wir weiter sprechen . Wir werden schon handelseinig werden . - Sie sind ja ein heller Kopf ! ! Das habe ich neulich in Halbenau gemerkt . « Damit klopfte er Gustav auf die Schulter , blickte ihn verschmitzt lächelnd von der Seite an , als wolle er sagen » wir verstehen uns ! « und ging dann zu anderen . Gustav blickte in das Papier , welches er ihm gelassen hatte . Darin stand , daß der Vorarbeiter N.N. sich verpflichte , mit einer Anzahl kräftiger Männer und Mädchen auf das Gut X. zu kommen , um dort gewisse Arbeiten auszuführen . Es folgten die einzelnen Arbeiten und die Lohnbedingungen . Gustav las die lange Reihe von Paragraphen nicht durch . Sollte er sich mit dieser Sache auch nur von ferne einlassen ? Er und Leute anwerben im Auftrage eines Fremden , für ein Gut , das er gar nicht einmal kannte , ja noch schlimmer , für Verhältnisse , die ihm gänzlich neu waren . Und wenn der Gewinn noch so hoch sein mochte , der dabei heraussprang , mit solchen unsicheren Dingen wollte er sich nicht bemengen . Es war etwas in ihm , eine warnende Stimme - mit Worten hätte er dem gar nicht Ausdruck geben können - ihm war es , als müsse dem Handel etwas Unrechtes zugrunde liegen , und als begehe er eine Leichtfertigkeit , wenn er sich dazu hergebe . Als der Agent zu ihm zurückkam , gab Gustav ihm den Kontrakt zurück , sagte , er habe sich überzeugt , daß das nichts für ihn sei , und wollte gehen . Zittwitz faßte den jungen Mann am Ärmel , um sein Forteilen zu verhindern . » Sie haben die Sache noch nicht richtig verstanden ; daran liegt ' s , mein Guter ! Setzen wir uns dorthin , ich werde Ihnen die Geschichte mal beim Glase Bier haarklein auseinandersetzen . Und wenn Sie dann nicht mit beiden Händen zugreifen , dann soll Sie und mich der Teufel frikassieren ! « Er führte Gustav in eine ruhige Ecke . Dort setzte er sich und bestellte zwei Glas Bier . » Also , was wollen Sie ! Was gefällt Ihnen nicht an dem Kontrakt ? « fragte der Agent in seiner eindringlichen Weise . Er hatte sich dicht vor Gustav hingesetzt , dessen Aufmerksamkeit gewissermaßen durch seine Körpernähe erzwingend . » Was haben Sie auszusetzen ? Welche Punkte wünschen Sie anders ? « Gustav , welcher sich schämte , einzugestehen , daß er den Kontrakt gar nicht durchgelesen hatte , gab als Entschuldigung an , daß er heiraten wolle . » Das paßt ja ausgezeichnet ! « rief der Agent , » dann bringen wir die junge Frau mit ! « und als errate er Gustavs nähere Verhältnisse : » und auch die Kinder , wenn schon Familie da ist . Das läßt sich alles einrichten , beim Aufseher heißt das ! Bei dem gewöhnlichen Arbeiter , versteht sich , wird dergleichen nicht geduldet . - Sehen Sie , mein Lieber , Sie haben ja keine Ahnung , wie schön und angenehm Sie dort alles vorfinden . Ein Haus ganz für sich , für Sie und die Arbeiter . Sie führen die Oberaufsicht . Kein Mensch hat Ihnen da was ' reinzureden in Ihren Kram . Natürlich auf Ordnung müssen Sie halten . Nun , das sind Sie ja vom Militär her gewöhnt . Ihre Frau versorgt den Herd , während die Mädel auf Arbeit gehen . Ist das nicht ein herrliches Leben ? Kann man sich was Selbständigeres , Freieres denken für einen unternehmenden , strebsamen , jungen Mann wie Sie , - he ! « Dabei klopfte er Gustav freundschaftlich auf die Schenkel . Der wandte ein , daß er die Arbeiten vielleicht gar nicht verstehe , zu denen er die Leute anstellen solle . » Verstehen Sie das Mähen ? « » Ja ! « » Verstehen Sie das Binden ? « » Ja ! « » Und das Setzen ? « Abermals » ja ! « » Nun , und das bißchen Rüben verhacken , verziehen und roden ist ja ein Kinderspiel . Außerdem ist dort natürlich auch ein Inspektor , der Sie in dem Notwendigsten unterweisen wird . Ihre Pflicht ist vor allem das Zusammenhalten und Beaufsichtigen der Leute , verstehen Sie ! Sie sind gewissermaßen der Korporalschaftsführer . « Die Worte des Agenten verfehlten nicht , einen gewissen Eindruck auf Gustav hervorzubringen . Was der da sagte , berührte sich mit seinen eigenen geheimsten Wünschen . Schon wußte er nicht mehr , was für Einwände er jenem noch entgegensetzen sollte . » Die Sache ist Ihnen noch fremd , mein Lieber ! « fuhr der Agent fort . » Ich will Ihnen mal was im Vertrauen sagen : Diese Art des Arbeitskontraktes und der Arbeiteranwerbung überhaupt , das ist die moderne Wirtschaftsweise . So wird ' s in Amerika gemacht auf den Plantagen und Farmen . Und in Zukunft wird ' s bei uns überall so werden . Das ist die moderne rationelle Wirtschaftsweise . « - Der Mann schien besonders stolz auf diesen Ausdruck zu sein , denn er wiederholte ihn noch einige Male . - » Das ist überhaupt das einzige Nationelle so ! Beide Teile kommen dabei auf ihre Rechnung . Der Arbeitgeber macht sich seinen Anschlag , bestellt sich dann , was er braucht an Arbeitskräften ; der Agent besorgt ihm die Leute , so viel wie er braucht , auf den Kopf . Und der Arbeiter - nun , der fährt auch nicht schlechter dabei . Der bekommt seine Leistungen auf Heller und Pfennig in bar ausbezahlt . Beide Teile wissen ganz genau , was sie voneinander zu fordern haben ; dafür ist der Kontrakt da . Der eine gibt das Geld , der andere seine Kräfte . Das Geschäft ist klipp und klar wie ein Rechenexempel . Alles wird auf Geld zurückgeführt , gerade wie in Amerika ! Ist das nicht viel praktischer und rationeller so ? Früher da bekam das Gesinde Geld überhaupt nicht zu sehen . Da gab ' s freie Wohnung und Verpflegung und höchstens noch Deputat . Das waren die sogenannten patriarchalischen Zustände . Unter uns gesagt , die reine Sklaverei ! Jetzt gibt ' s das nicht mehr . Jetzt wird alles nach amerikanischem Muster gemacht . Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem , verstehen Sie ! Aber alles das sage ich Ihnen nur ganz im Vertrauen . « - Dem jungen Mann brummte der Kopf von dem , was er gehört hatte . Ihm wurde bange zumute diesem Menschen gegenüber mit seiner aufdringlichen Beredsamkeit . Zittwitz hatte sich , nachdem er diesen Trumpf ausgespielt , erhoben . Er habe noch mit jemandem zu sprechen , sagte er , wolle aber bald zurückkommen . Gustav wartete nur , bis er den Agenten in eifrigem Gespräch mit ein paar jungen Leuten am anderen Ende des Saales vertieft sah , dann entfernte er sich so schnell wie möglich . Den Kontrakt des Agenten hatte er aber doch zu sich gesteckt . * * * Inzwischen waren aus den zwei bis drei Tagen , die Häschke hatte auf dem Bauerngute bleiben wollen , um seine Sachen instandzusetzen und seine Füße auszuheilen , volle vierzehn Tage geworden . Der Wanderbursche hatte es ausgezeichnet verstanden , sich bei den Bauersleuten wohlgelitten zu machen . Selbst die Gunst des alten Bauern hatte er sich zu erobern gewußt , indem er sich unentbehrlich machte . » Wozu bin ich denn Flammer von Religion ? « sagte er , womit er meinte , daß er sich auf Schmiedearbeit verstehe , und er müsse doch abarbeiten , daß er hier » treife wohne « . - Und so machte er sich über die Ackergerätschaften , die Pflüge , Eggen und die Handwerkszeuge , sah nach den Schrauben , hämmerte , nietete und schärfte . Kurz , er brachte alles in Schuß für die nahe Frühjahrsbestellung . Die Herzen der Frauen gewann Häschke durch seine gute Laune und seine schnodderigen Witze . Im Büttnerschen Hause war die Fröhlichkeit lange Zeit ein unbekannter Gast gewesen . Jetzt wurde sogar gesungen - allerdings nur , wenn der Bauer außer Hörweite war . Es stellte sich heraus , daß Häschke sangeskundig war , und Ernestine hatte eine hübsche Stimme . Da sangen sie manchmal zweistimmig allerhand neue und lustige Lieder , die der Wandersmann von der Walze mitgebracht hatte . Am schönsten aber war es , wenn er von seinen Reiseerlebnissen erzählte . Vielleicht nahm er es mit der Wahrheit nicht immer genau . Er wußte von wunderlichen Fahrten , Glücksfällen und Abenteuern zu berichten . Jedenfalls verstand er , spannend zu erzählen und seine Lügen geschickt auszuschmücken . Die Frauen glaubten ihm aufs Wort ; mit offenem Munde und leuchtenden Augen hörte ihm Ernestine zu , wenn er von den Wundern der Fremde berichtete . Häschkekarl hatte wohl schwerlich etwas vom » Mohren von Venedig « vernommen . Aber auch er wußte , daß man das Wohlgefallen der Frau durch Erwecken ihrer Teilnahme an Gefahren und außerordentlichen Erlebnissen am sichersten erregt . Erstaunlich schnell hatte Häschke es auch verstanden , sich aus einem zerlumpten Bummler in einen schmucken und leidlich anständig aussehenden Menschen zu verwandeln . Viel trug er zu dieser Mauserung bei , daß er sich seinen struppigen Vagabundenbart hatte abnehmen lassen . Faden , Nadel und Schere borgte er sich , und für ihn fand sich auch unter den Vorräten der Frauen dieses und jenes Stück Zeug . Karl Büttner mußte eine » Staude « hergeben , wie Häschke das dem Leibe zunächst gelegene Kleidungsstück benannte , der Schuster mußte ihm die » Trittchen « neu besetzen ; den » Wallmusch « , die » Kreuzspanne « und die » Weitchen « flickte er selbst mit den Tuchresten , welche er von den Frauen erhalten hatte . Der Erfolg war , daß er mit einer etwas scheckigen , aber nach seiner eigenen Auffassung » duften Kluft « umherging . Als der Büttnerbauer zum ersten Male mit der Egge aufs Feld hinausfuhr , ging Häschke mit . An einzelnen Stellen war der Frost noch im Boden und erschwerte die Arbeit . Der zugereiste Handwerksbursche wußte sich auch hier nützlich zu machen . » Nehmt mich als Knecht an , Vater Büttner ! « meinte Häschke in dem vertrauten Tone , dessen er sich seinem Wirt gegenüber zu bedienen pflegte . Und der alte Bauer sagte nicht » nein ! « Gustav kam in dieser Zeit nicht mehr auf den väterlichen Hof . Er ging dem Alten aus dem Wege . Neuerdings brauchten Vater und Sohn nur drei Worte zu wechseln , und der Streit war fertig . Gustav meinte , das könne er sich ersparen ; ändern würde er ja zu Haus doch nichts mehr an dem Gange der Dinge . Er hatte ganz genug mit seinen eigenen Angelegenheiten zu schaffen . Die Trauung war nunmehr festgesetzt auf den nächsten Sonntag . Das Paar selbst wollte von jeder Feierlichkeit , mit Ausnahme der kirchlichen , absehen . Aber Paulinens Mutter blieb darauf bestehen , daß man den Hochzeitsgästen etwas vorsetzen müsse . Frau Katschner verstand , von ihrer Dienstzeit in der herrschaftlichen Küche her , einiges vom feineren , Braten und Kochen . Sie wollte sich die Gelegenheit , ihre Künste einmal im hellsten Lichte zu zeigen , nicht entgehen lassen . Nach der Trauung in der Kirche sollte es also einen Schmaus bei ihr im Hause geben . Am Morgen , nachdem Gustav in Wörmsbach gewesen war , kam Ernestine zu ihm . Sie wolle mit nach Sachsen auf Rübenarbeit gehen , erklärte sie dem Bruder ohne viele Umschweife . Gustav lachte die kleine Schwester aus , sie sei wohl närrisch geworden , meinte er ; der Vater werde sie jetzt gerade fortlassen , wo er alle Hände nötig brauche . Das Mädchen erklärte dagegen mit einer Redefertigkeit , die man ihrer Jugend schwerlich zugetraut hätte : Die Eltern hätten kein Recht , sie zurückzuhalten , wenn sie gehen wolle . Hier halte sie es nicht mehr aus ! Sie wolle sich selbst etwas verdienen . Sich nur immer für andere abquälen , ohne je einen Pfennig Verdienst zu besehen , habe sie satt . Sie sei nun erwachsen und wolle sich nicht länger als Schulkind behandeln lassen . Kurz , sie werde mit den anderen fort auf Sommerarbeit gehen . Gustav sah sich das kleine schmächtige Persönchen mit Staunen an . Man hatte sich in der Büttnerschen Familie daran gewöhnt , Ernestine immer noch als ein halbes Kind anzusehen , weil sie eben ein Nesthäkchen war . Aber heute merkte er , daß sie den Kinderschuhen in der Tat entwachsen sei . Er hielt es trotzdem für seine Pflicht , ihr abzureden . Sie könne doch gar nicht wissen , wie es da draußen sei und was ihrer dort warte , sagte er . Aber da lachte das Mädchen den großen Bruder einfach aus . Das dürfe er doch zu allerletzt sagen , meinte sie mit altklugschnippischer Miene . Er habe sich ja selber dem Agenten verpflichtet , und er wolle ihm ja sogar Arbeiter verschaffen . Der Bruder faßte das Mädchen am Arme . Woher sie das habe , wollte er wissen . Einige Freundinnen von ihr waren am Abend zuvor in Wörmsbach gewesen , die hatten die Nachricht mitgebracht : Büttnergustav habe sich dem Agenten Zittwitz verpflichtet und wolle mit Arbeitern nach Sachsen gehen . Gustav war im höchsten Grade aufgebracht . Er schimpfte auf den Agenten und verschwor sich , die ganze Sache sei dummes Gerede . Ernestine schrie er an , sie solle sich auf der Stelle packen , er werde den Teufel tun ! Überhaupt wolle er mit der ganzen Geschichte nichts zu schaffen haben . Ernestine schien gerade keine allzu große Angst vor dem Zorne des Bruders zu haben . Sie war von zu Hause her gegen das Wüten der Männer abgebrüht . Sie ließ ihn austoben . Dann meinte sie mit ruhiger Miene , sie wisse auch noch im Dorfe eine Anzahl anderer Mädchen , die gern mitgehen würden , besonders wenn sie wüßten , daß sie unter Gustavs Aufsicht kämen . Der Bruder erwiderte ihr , es falle ihm gar nicht ein , mit einer Herde Gänse ins Land zu ziehen ; da möchten sie sich einen anderen dazu aussuchen . Aber die kleine Ernestine ließ sich nicht so leicht werfen . Ein Plan , der sich einmal in diesem Köpfchen festgesetzt hatte , wurde auch zu Ende geführt . Der Bruder möge ihr nur den Kontrakt geben , den er von dem Agenten bekommen habe , das übrige solle er ihre Sache sein lassen . Sie werde schon für die Unterschriften sorgen . Gustav hatte sich die Sache in der vorigen Nacht hin und her überlegt . Pauline hörte sein Seufzen und unruhiges Wälzen neben sich . Der Agent hatte ihn mit seinem Vorschlage einen wahren Feuerbrand in die Seele geworfen . Vielleicht war hier eine Gelegenheit , sein Glück zu machen ! Und auf der anderen Seite : war nicht die Verantwortung eine allzu große ? Würde er sich der Aufgabe gewachsen zeigen ? - Das waren Fragen , die er allein nur entscheiden durfte ; er konnte Pauline keine Erklärung geben . Als seine junge Schwester jetzt vor ihn trat mit ihrer unbefangenen Sicherheit , da kam es ihm vor , als sei das der Anstoß , auf den er nur gewartet habe , um sich über seine eigene Verzagtheit hinwegzusetzen . Es war vielleicht das beste so ! Er übergab dem Mädchen den Kontrakt des Agenten . Mochte die Sache nun gehen , wie sie gehen wollte ! - Schon am Tage darauf erschien Ernestine wieder vor dem Bruder . Sie hatte nicht weniger als elf Mädchen gewonnen . Und wenn man ihr ein paar Tage Zeit lasse , meinte sie , mache sie sich anheischig , noch ein halbes Dutzend anzuwerben . Gustav wußte anfangs nicht recht , ob er sich über diesen Erfolg freuen solle . Jedenfalls stand jetzt fest , daß er das begonnene Unternehmen weiterführen mußte . Er befand sich , ohne sich des Sprunges recht versehen zu haben , auf einmal jenseits des Grabens . Die Mädchen waren ihm also sicher . Es galt nun , die Männer , welche der Kontrakt verlangte , zu schaffen . Es sollten , den Vorarbeiter eingeschlossen , ihrer vier bis fünf sein . Gustav sann hin und her . Er überschlug alles , was er von jungen Leuten im Dorfe kannte . Kaum einer war da , dem er Lust und Befähigung für seine Zwecke zutraute . Aber es war merkwürdig ! Als ob sich so etwas durch die Luft wie ein Ansteckungsstoff mitteilen könne ! Kaum zeigte sich Gustav heute auf der Gasse , da redeten ihn die Leute auch schon auf sein Unternehmen an . Das Gerücht hatte sich bereits vergrößert . Er suche dreißig Mädchen - einer sprach sogar von fünfzig - mit denen er nach Sachsen gehen wolle . Auch einzelne spöttische Mienen bekam er zu sehen . Es war noch in zu frischem Gedächtnis , wie er neulich dem Agenten entgegengetreten war . Und nun war er zu einem Helfer eben dieses Mannes geworden ! Das mußte man mit in den Kauf nehmen ! Aber es wurmte ihn im geheimen , daß mancher ihn nun für wankelmütig oder doppelzüngig halten mochte . Nun boten sich ihm auch ganz ohne sein Dazutun , zwei junge Leute an . Der eine war auf einem der benachbarten Rittergüter Stallbursche gewesen und jetzt ohne Stellung , der andere wies sich als gewesener Schmiedegeselle aus , ebenfalls arbeitslos . Bei dem Stallburschen war Gustav zweifelhaft , ob er ihn mieten solle . Der junge , kaum siebzehnjährige Mensch mit seinen langen , knabenhaft mageren Gliedmaßen sah nicht gerade wie ein strammer Feldarbeiter aus . Aber er bat so inständig , angenommen zu werden , versprach , sein Möglichstes an Fleiß zu leisten , daß Gustav ihm schließlich den Willen tat . Der Schmiedegeselle machte den Eindruck eines kräftigen , handfesten Burschen . Zu Gustavs nicht geringer Überraschung trat auch Häschke an ihn heran und wollte angeworben sein . Seit jenem Abende , wo er den ehemaligen Kameraden auf den Bauernhof gebracht , hatte Gustav nicht mehr viel von ihm gesehen . Er hatte sich schon gewundert , daß dieser Sausewind so viel Seßhaftigkeit an den Tag legte ; denn über zwei Wochen war er jetzt schon in Halbenau . Und als er Häschkes Fleiß und Betriebsamkeit von den Seinen rühmen hörte , wollte er seinen Ohren kaum trauen . Was war denn auf einmal in diesen Menschen gefahren , daß er so gänzlich umgetauscht erschien ! Als Häschke jetzt mit diesem Ansinnen kam , lachte ihn Gustav anfangs aus . Das war wohl gar ein schlechter Witz dieses Tausendsasas ! Aber Häschke drang allen Ernstes darauf , angeworben zu werden . Gustav hielt ihm vor , daß Feldarbeit gar nicht sein Beruf sei . Häschke erwiderte , er verändere seine » Religion « gar gerne einmal , und er wollte mit Gustav » mang die Zuckerrüben « gehen . Gustav wollte den ehemaligen Kameraden nicht abweisen . Schließlich war Häschke ein fixer Kerl und offener Kopf . Er hatte schon mancherlei gesehen von der Welt und mochte sich in schwierigen Verhältnissen wertvoll erweisen . Gustav begab sich mit dem Kontrakte , unter dem nun schon eine ganz stattliche Anzahl von Unterschriften prangte , zu dem Agenten , der jetzt , nachdem er die