nie gestört worden sei . Zuletzt kam auch Roswitha , um den Herrn zu begrüßen , bei welcher Gelegenheit sie sagte : » Fräulein Annie ließe sich für heute entschuldigen « - ein kleiner Witz , auf den sie stolz war und mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte . Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch , und als Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und » auf glückliche Tage « mit allen angestoßen hatte , nahm er Effis Hand und sagte : » Aber Effi , nun erzähle mir , was war das mit deiner Krankheit ? « » Ach , lassen wir doch das , nicht der Rede wert ; ein bißchen schmerzhaft und eine rechte Störung , weil es einen Strich durch unsere Pläne machte . Aber mehr war es nicht , und nun ist es vorbei . Rummschüttel hat sich bewährt , ein feiner , liebenswürdiger alter Herr , wie ich dir , glaub ich , schon schrieb . In seiner Wissenschaft soll er nicht gerade glänzen , aber Mama sagt , das sei ein Vorzug . Und sie wird wohl recht haben wie in allen Stücken . Unser guter Doktor Hannemann war auch kein Licht und traf es doch immer . Und nun sage , was macht Gieshübler und die anderen alle ? « » Ja , wer sind die anderen alle ? Campas läßt sich der gnäd ' gen Frau empfehlen ... « » Ah , sehr artig . « » Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein ; nur die Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu wollen . Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz , und nur die gute Frau von Padden , zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr , freute sich aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie . Du seist eine reizende Frau , sagte sie , aber ich sollte dich gut hüten . Und als ich ihr erwiderte : Du fändest schon , daß ich mehr ein » Erzieher « als ein Ehemann sei , sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend : Ein junges Lämmchen weiß wie Schnee . Und dann brach sie ab . « Vetter Briest lachte . » Ein junges Lämmchen weiß wie Schnee ... Da hörst du ' s , Cousine . « Und er wollte sie zu necken fortfahren , gab es aber auf , als er sah , daß sie sich verfärbte . Das Gespräch , das meist zurückliegende Verhältnisse berührte , spann sich noch eine Weile weiter , und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und jenem , was Innstetten mitteilte , daß sich von dem ganzen Kessiner Hausstande nur Johanna bereit erklärt habe , die Übersiedelung nach Berlin mitzumachen . Sie sei natürlich noch zurückgeblieben , werde aber in zwei , drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen ; er sei froh über ihren Entschluß , denn sie sei immer die brauchbarste gewesen und von einem ausgesprochen großstädtischen Chic . Vielleicht ein bißchen zu sehr . Christel und Friedrich hätten sich beide für zu alt erklärt , und mit Kruse zu verhandeln habe sich von vornherein verboten . » Was soll uns ein Kutscher hier ? « schloß Innstetten . » Pferd und Wagen , das sind Tempi passati , mit diesem Luxus ist es in Berlin vorbei . Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können . Oder unterschätz ich die Wohnung ? « Effi schüttelte den Kopf , und als eine kleine Pause eintrat , erhob sich die Mama ; es sei bald elf , und sie habe noch einen weiten Weg , übrigens solle sie niemand begleiten , der Droschkenstand sei ja nah - ein Ansinnen , das Vetter Briest natürlich ablehnte . Bald darauf trennte man sich , nachdem noch Rendezvous für den andern Vormittag verabredet war . Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken lassen , und als Innstetten nun auch erschien , trat sie mit ihm auf den Balkon hinaus und sagte : » Nun , was sagst du ? Du wolltest den Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem Zoologischen . Ich weiß nicht , ob beide dir den Gefallen tun werden , aber möglich ist es . Hörst du wohl ? Das kam von drüben , drüben aus dem kleinen Park . Es ist nicht der eigentliche Tiergarten , aber doch beinah . « Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit , als ob Effi ihm das alles persönlich herangezaubert habe . Dann setzten sie sich , und nun kam auch Annie . Roswitha verlangte , daß Innstetten eine große Veränderung an dem Kinde finden solle , was er denn auch schließlich tat . Und dann plauderten sie weiter , abwechselnd über die Kessiner und die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine Sommerreise . Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen , um rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können . Man traf sich , wie verabredet , bei Helms , gegenüber dem Roten Schloß , besuchte verschiedene Läden , aß bei Hiller und war bei guter Zeit wieder zu Haus . Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen , Innstetten herzlich froh , das großstädtische Leben wieder mitmachen und auf sich wirken lassen zu können . Tags darauf , am 1. April , begab er sich in das Kanzlerpalais , um sich einzuschreiben ( eine persönliche Gratulation unterließ er aus Rücksicht ) , und ging dann aufs Ministerium , um sich da zu melden . Er wurde auch angenommen , trotzdem es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war , ja , sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende Liebenswürdigkeit ausgezeichnet . » Er wisse , was er an ihm habe , und sei sicher , ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen . « Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten . Ein aufrichtiges Bedauern war es für Effi , die Mama , nachdem diese , wie gleich anfänglich vermutet , fast sechs Wochen lang in Kur gewesen , nach Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen , ein Bedauern , das nur dadurch einigermaßen gemildert wurde , daß sich Johanna denselben Tag noch in Berlin einstellte . Das war immerhin was , und wenn die hübsche Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahestand wie die ganz selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha , so war sie doch gleichmäßig angesehen , ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen Herrin , weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit war . Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk zurückführen , woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung , ihr schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung erklären wollte . Johanna selbst teilte die Freude , die man allerseits über ihr Eintreffen empfand , und war durchaus einverstanden damit , als Hausmädchen und Jungfer , ganz wie früher , den Dienst bei Effi zu übernehmen , während Roswitha , die der Christel in beinahe Jahresfrist ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte , dem Küchendepartement vorstehen sollte . Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu , worüber Roswitha freilich lachte . Denn sie kannte die jungen Frauen . Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus . Er war glücklicher als vordem in Kessin , weil ihm nicht entging , daß Effi sich unbefangener und heiterer gab . Und das konnte sie , weil sie sich freier fühlte . Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein , aber es ängstigte sie nicht mehr , oder doch um vieles seltener und vorübergehender , und alles , was davon noch in ihr nachzitterte , gab ihrer Haltung einen eigenen Reiz . In jeglichem , was sie tat , lag etwas Wehmütiges , wie eine Abbitte , und es hätte sie glücklich gemacht , dies alles noch deutlicher zeigen zu können . Aber das verbot sich freilich . Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war , als sie während der ersten Aprilwochen ihre Besuche machten , noch nicht vorüber , wohl aber im Erlöschen , und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr daran . In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin , und mehr noch als vorher war man glücklich , sich in der Mittagsstunde , wenn Innstetten von seinem Ministerium kam , im Tiergarten treffen oder nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten machen zu können . Effi sah sich , wenn sie die lange Front zwischen dem Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt , immer wieder die massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an , fand eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus , sammelte Tannenäpfel , die von den Trauertannen gefallen waren , und ging dann , Arm in Arm mit ihrem Manne , bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene » Belvedere « zu . » Da drin soll es auch einmal gespukt haben « , sagte sie . » Nein , bloß Geistererscheinungen . « » Das ist dasselbe . « » Ja , zuweilen « , sagte Innstetten . » Aber eigentlich ist doch ein Unterschied . Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens soll es hier in dem Belvedere so gewesen sein , wie mir Vetter Briest erst gestern noch erzählte - , Spuk aber wird nie gemacht , Spuk ist natürlich . « » Also glaubst du doch dran ? « » Gewiß glaub ich dran . Es gibt so was . Nur an das , was wir in Kessin davon hatten , glaub ich nicht recht . Hat dir denn Johanna schon ihren Chinesen gezeigt ? « » Welchen ? « » Nun , unsern . Sie hat ihn , eh sie unser altes Haus verließ , oben von der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt . Als ich mir neulich ein Markstück bei ihr wechselte , hab ich ihn gesehen . Und sie hat es mir auch verlegen bestätigt . « » Ach , Geert , das hättest du mir nicht sagen sollen . Nun ist doch wieder so was in unserm Hause . « » Sag ihr , daß sie ihn verbrennt . « » Nein , das mag ich auch nicht , und das hilft auch nichts . Aber ich will Roswitha bitten ... « » Um was ? Ah , ich verstehe schon , ich ahne , was du vorhast . Die soll ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun . Ist es so was ? « Effi nickte . » Nun , tu , was du willst . Aber sag es niemandem . « Effi meinte dann schließlich , es lieber doch lassen zu wollen , und unter allerhand kleinem Geplauder , in welchem die Reisepläne für den Sommer mehr und mehr Platz gewannen , fuhren sie bis an den Großen Stern zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite Friedrich-Wilhelms-Straße auf ihre Wohnung zu . Sie hatten vor , schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische Gebirge zu gehen , wo gerade in diesem Jahre wieder die Oberammergauer Spiele stattfanden . Es ließ sich aber nicht tun ; Geheimrat von Wüllersdorf , den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt sein Spezialkollege war , erkrankte plötzlich , und Innstetten mußte bleiben und ihn vertreten . Erst Mitte August war alles wieder beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben ; es war aber nun zu spät geworden , um noch nach Oberammergau zu gehen , und so entschied man sich für einen Aufenthalt auf Rügen . » Zunächst natürlich Stralsund , mit Schill , den du kennst , und mit Scheele , den du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte was man aber nicht zu wissen braucht . Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard , von wo man , wie mir Wüllersdorf sagte , die ganze Insel übersehen kann , und dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder Bodden hin , bis nach Saßnitz . Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen . Binz ginge vielleicht auch noch , aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strande , und wir wollen doch baden . « Effi war einverstanden mit allem , was von seiten Innstettens geplant wurde , vor allem auch damit , daß der ganze Hausstand auf vier Wochen aufgelöst werden und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen , Johanna aber zu ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte , der bei Pasewalk eine Schneidemühle hatte . So war alles gut untergebracht . Mit Beginn der nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf , und am selben Abende noch war man in Saßnitz . Über dem Gasthause stand » Hotel Fahrenheit « . » Die Preise hoffentlich nach Réaumur « , setzte Innstetten , als er den Namen las , hinzu , und in bester Laune machten beide noch einen Abendspaziergang an dem Klippenstrande hin und sahen von einem Felsenvorsprung aus auf die stille , vom Mondschein überzitterte Bucht . Effi war entzückt . » Ach , Geert , das ist ja Capri , das ist ja Sorrent . Ja , hier bleiben wir . Aber natürlich nicht im Hotel ; die Kellner sind mir zu vornehm , und man geniert sich , um eine Flasche Sodawasser zu bitten ... « » Ja , lauter Attachés . Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden lassen . « » Denk ich auch . Und wir wollen gleich morgen danach aussehen . « Schön wie der Abend war der Morgen , und man nahm das Frühstück im Freien . Innstetten empfing etliche Briefe , die schnell erledigt werden mußten , und so beschloß Effi , die für sie frei gewordene Stunde sofort zur Wohnungssuche zu benutzen . Sie ging erst an einer eingepferchten Wiese , dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt in einen Weg ein , der schluchtartig auf das Meer zulief . Da , wo dieser Schluchtenweg den Strand traf , stand ein von hohen Buchen überschattetes Gasthaus , nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche , mehr ein bloßes Restaurant , in dem , der frühen Stunde halber , noch alles leer war . Effi nahm an einem Aussichtspunkte Platz , und kaum daß sie von dem Sherry , den sie bestellt , genippt hatte , so trat auch schon der Wirt an sie heran , um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen . » Es gefällt uns sehr gut hier « , sagte sie , » meinem Manne und mir ; welch prächtiger Blick über die Bucht , und wir sind nur in Sorge wegen einer Wohnung . « » Ja , gnädigste Frau , das wird schwerhalten . . « » Es ist aber schon spät im Jahr ... « » Trotzdem . Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden , dafür möcht ich mich verbürgen ; aber weiter hin am Strand , wo das nächste Dorf anfängt , Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen , da möcht es vielleicht sein . « » Und wie heißt das Dorf ? « » Crampas . « Effi glaubte nicht recht gehört zu haben . » Crampas « , wiederholte sie mit Anstrengung . » Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und sonst nichts in der Nähe ? « » Nein , gnädigste Frau . Hierherum nichts . Aber höher hinauf , nach Norden zu , da kommen noch wieder Dörfer , und in dem Gasthause , das dicht neben Stubbenkammer liegt , wird man Ihnen gewiß Auskunft gehen können . Es werden dort von solchen , die gerne noch vermieten wollen , immer Adressen abgegeben . « Effi war froh , das Gespräch allein geführt zu haben , und als sie bald danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte , sagte dieser : » Nun , wenn es hierherum nichts gibt , so wird es das beste sein , wir nehmen einen Wagen ( wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt ) und übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf , nach Stubbenkammer hin . Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl finden lassen , und finden wir nichts , so bleibt uns immer noch das Hotel selbst . Eins ist schließlich wie das andere . « Effi war einverstanden , und gegen Mittag schon erreichten sie das neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus , von dem Innstetten eben gesprochen , und bestellten daselbst einen Imbiß . » Aber erst nach einer halben Stunde ; wir haben vor , zunächst noch einen Spaziergang zu machen und uns den Herthasee anzusehen . Ein Führer ist doch wohl da ? « Dies wurde bejaht , und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an unsere Reisenden heran . Er sah so wichtig und feierlich aus , als ob er mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre . Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe , Binsen säumten ihn ein , und auf der stillen , schwarzen Wasserfläche schwammen zahlreiche Mummeln . » Es sieht wirklich nach so was aus « , sagte Effi , » nach Herthadienst . « » Ja , gnäd ' ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen . « » Welche Steine ? « » Die Opfersteine . « Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte , traten alle drei vom See her an eine senkrecht abgestochene Kies- und Lehmwand heran , an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten , alle mit einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen . » Und was bezwecken die ? « » Daß es besser abliefe , gnäd ' ge Frau . « » Laß uns gehen « , sagte Effi , und den Arm ihres Mannes nehmend , ging sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück , wo nun , an einer Stelle mit weitem Ausblick auf das Meer , das vorher bestellte Frühstück aufgetragen wurde . Die Bucht lag im Sonnenlichte vor ihnen , einzelne Segelboote glitten darüber hin , und um die benachbarten Klippen haschten sich die Möwen . Es war sehr schön , auch Effi fand es , aber wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah , bemerkte sie , nach Süden zu , wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten Dorfes , dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte . Innstetten , wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen , was in ihr vorging , sah doch deutlich , daß es ihr an aller Lust und Freude gebrach . » Es tut mir leid , Effi , daß du der Sache hier nicht recht froh wirst . Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die Steine . « Sie nickte . » Es ist so , wie du sagst . Und ich muß dir bekennen , ich habe nichts in meinem Leben gesehen , was mich so traurig gestimmt hätte . Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben ; ich kann hier nicht bleiben . « » Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche Schöne . « » Ja , gestern . « » Und heute ? Heute keine Spur mehr von Sorrent ? « » Eine Spur noch , aber auch nur eine Spur ; es ist Sorrent , als ob es sterben wollte . « » Gut dann , Effi « , sagte Innstetten und reichte ihr die Hand . » Ich will dich mit Rügen nicht quälen , und so geben wir ' s denn auf . Abgemacht . Es ist nicht nötig , daß wir uns an Stubbenkammer anklammern oder an Saßnitz oder da weiter hinunter . Aber wohin ? « » Ich denke , wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab , das , wenn ich nicht irre , morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen hinüberfährt . Da soll es ja so vergnüglich sein , und ich kann dir gar nicht sagen , wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne . Hier ist mir , als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte und überhaupt nie gelacht hätte , und du weißt doch , wie gern ich lache . « Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand , und das um so lieber , als er ihr in vielem recht gab . Es war wirklich alles schwermütig , so schön es war . Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am dritten Tage in aller Frühe in Kopenhagen ein , wo sie auf Kongens Nytorv Wohnung nahmen . Zwei Stunden später waren sie schon im Thorwaldsen-Museum , und Effi sagte : » Ja , Geert , das ist schön , und ich bin glücklich , daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben . « Bald danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d ' hôte die Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie , deren bildschöne Tochter , Thora von Penz , ebenso Innstettens wie Effis beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm . Effi konnte sich nicht satt sehen an den großen , blauen Augen und dem flachsblonden Haar , und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob , wurde seitens der Penzschen Familie - die leider , denselben Tag noch , Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen , das junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus ( eine halbe Meile vom Limfjord ) begrüßen zu dürfen , eine Einladung , die von den Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde . So vergingen die Stunden im Hotel . Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem denkwürdigen Tage , von dem Effi denn auch versicherte , daß er im Kalender rot angestrichen werden müsse . Der Abend brachte , das Maß des Glücks voll zu machen , eine Vorstellung im Tivoli-Theater : eine italienische Pantomime , Arlequin und Colombine . Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien , und als sie spät am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten , sagte sie : » Weißt du , Geert , nun fühl ich doch , daß ich allmählich wieder zu mir komme . Von der schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen ; aber wenn ich bedenke , heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ... « » ... die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen ... « » Offen gestanden , ja . Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen . Unser gutes Kessin war ein Unglück für mich . Alles fiel mir da auf die Nerven . Rügen beinah auch . Ich denke , wir bleiben noch ein paar Tage hier in Kopenhagen , natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und Helsingör , und dann nach Jütland hinüber ; ich freue mich aufrichtig , die schöne Thora wiederzusehen , und wenn ich ein Mann wäre , so verliebte ich mich in sie . « Innstetten lachte . » Du weißt noch nicht , was ich tue . « » Wär mir schon recht . Dann gibt es einen Wettstreit , und du sollst sehen , dann hab ich auch noch meine Kräfte . « » Das brauchst du mir nicht erst zu versichern . « So verlief denn auch die Reise . Drüben in Jütland fuhren sie den Limfjord hinauf , bis Schloß Aggerhuus , wo sie drei Tage bei der Penzschen Familie verblieben , und kehrten dann mit vielen Stationen und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg , Flensburg , Kiel über Hamburg ( das ihnen ungemein gefiel ) in die Heimat zurück - nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße , wohl aber vorher nach Hohen-Cremmen , wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben wollte . Für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage , da sein Urlaub abgelaufen war , Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es aus , erst zum dritten Oktober , ihrem Hochzeitstage , wieder zu Haus eintreffen zu wollen . Annie war in der Landluft prächtig gediehen , und was Roswitha geplant hatte , daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte , das gelang auch vollkommen . Briest gab sich als zärtlicher Großvater , warnte vor zuviel Liebe , noch mehr vor zuviel Strenge , und war in allem der alte . Eigentlich aber galt seine Zärtlichkeit doch nur Effi , mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte , zumeist auch , wenn er mit seiner Frau allein war . » Wie findest du Effi ? « » Lieb und gut wie immer . Wir können Gott nicht genug danken , eine so liebenswürdige Tochter zu haben . Und wie dankbar sie für alles ist und immer so glücklich , wieder unter unserm Dach zu sein . « » Ja « , sagte Briest , » sie hat von dieser Tugend mehr , als mir lieb ist . Eigentlich ist es , als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte . Sie hat doch den Mann und das Kind , und der Mann ist ein Juwel , und das Kind ist ein Engel , aber dabei tut sie , als wäre Hohen-Cremmen immer noch die Hauptsache für sie und Mann und Kind kämen gegen uns beide nicht an . Sie ist eine prächtige Tochter , aber sie ist es mir zu sehr . Es ängstigt mich ein bißchen . Und ist auch ungerecht gegen Innstetten . Wie steht es denn eigentlich damit ? « » Ja , Briest , was meinst du ? « » Nun , ich meine , was ich meine , und du weißt auch was . Ist sie glücklich ? Oder ist da doch irgendwas im Wege ? Von Anfang an war mir ' s so , als ob sie ihn mehr schätze als liebe . Und das ist in meinen Augen ein schlimm Ding . Liebe hält auch nicht immer vor , aber Schätzung gewiß nicht . Eigentlich ärgern sich die Weiber , wenn sie wen schätzen müssen ; erst ärgern sie sich , und dann langweilen sie sich , und zuletzt lachen sie . « » Hast du so was an dir selber erfahren ? « » Das will ich nicht sagen . Dazu stand ich nicht hoch genug in der Schätzung . Aber schrauben wir uns nicht weiter , Luise . Sage , wie steht es ? « » Ja , Briest , du kommst immer auf diese Dinge zurück . Da reicht ja kein dutzendmal , daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen ausgetauscht haben , und immer bist du wieder da mit deinem Alles-wissen-Wollen und fragst dabei so schrecklich naiv , als ob ich in alle Tiefen sähe . Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen Frau und ganz speziell von deiner Tochter ? Glaubst du , daß das alles so plan daliegt ? Oder daß ich ein Orakel bin ( ich kann mich nicht gleich auf den Namen der Person besinnen ) oder daß ich die Wahrheit sofort klipp und klar in den Händen halte , wenn mir Effi ihr Herz ausgeschüttet hat ? Oder was man wenigstens so nennt . Denn was heißt ausschütten ? Das Eigentliche bleibt doch zurück . Sie wird sich hüten , mich in ihre Geheimnisse einzuweihen . Außerdem , ich weiß nicht , von wem sie ' s hat , sie ist ... ja , sie ist eine sehr schlaue kleine Person , und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher , weil sie so sehr liebenswürdig ist . « » Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig . Und auch gut ? « » Auch gut . Das heißt voll Herzensgüte . Wie ' s sonst steht , da bin ich mir doch nicht sicher ; ich glaube , sie hat einen Zug , den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten , er werde wohl nicht allzu streng mit ihr sein . « » Meinst du ? « » Ja , das mein ich . Übrigens glaube ich , daß sich vieles gebessert hat . Ihr Charakter ist , wie er ist , aber die Verhältnisse liegen seit ihrer Übersiedlung um vieles günstiger , und sie leben sich mehr und mehr ineinander ein . Sie hat mir so was gesagt , und , was mir wichtiger ist , ich hab es auch bestätigt gefunden , mit Augen gesehen . « » Nun , was sagte sie ? « Sie sagte : » Mama , es geht jetzt besser . Innstetten war immer ein vortrefflicher Mann , so einer , wie ' s nicht viele gibt , aber ich konnte nicht recht an ihn heran , er hatte so was Fremdes . Und fremd war er auch in seiner Zärtlichkeit . Ja , dann am meisten ; es hat Zeiten gegeben , wo ich mich davor fürchtete . « » Kenn ich , kenn ich . « » Was soll das heißen , Briest ? Soll ich mich gefürchtet haben oder willst du dich gefürchtet haben ? Ich finde beides gleich lächerlich ... « » Du wolltest von Effi erzählen . « » Nun also , sie gestand mir , daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen habe , was sie sehr glücklich mache . Kessin sei nicht der rechte Platz für sie gewesen , das spukige Haus und die Menschen da , die einen zu fromm , die andern zu platt , aber seit ihrer Übersiedlung nach