und in einer Viertelstunde , vielleicht noch schneller , wieder unten am Abhang sein mußten . Und wirklich , nicht lange mehr , so sahen sie ' s lichter werden ( das Unwetter hatte nachgelassen ) und hörten , trotzdem der Schnee den Ton dämpfte , wie Uncas mit immer lauter werdendem Gebläff ihre Hoihorufe beantwortete . » Gott sei Dank ! « so klang es jetzt von ihrer aller Lippen , und zwei Minuten später , so war man aus dem Schluchtwege heraus und erblickte Ruth und das Gefährt , ohne daß man lange danach gesucht hätte . Denn es fielen jetzt keine Flocken mehr , die Luft war klar geworden , und nur an der Schneemasse , die bis hoch über die Radachsen lag , sah man , wie mächtig eine halbe Stunde lang der von der Ebene kommende Wind den Schnee gegen das Gebirge getrieben hatte . » Gott sei Dank ! « wiederholte Toby , während er die Schwester umarmte . » Das wär uns beinahe ein teurer Baum geworden - ein teurer Baum und ein teures Fest . Und welch ein Glück , daß du tapfer ausgehalten hast ! Wie hätt ich vor den Vater hintreten sollen ! Aber das soll nicht wieder vorkommen , daß ich dich so allein lasse . Hast du dich geängstigt ? « » Nein ! Wenigstens nicht um mich . Wir hätten den Weg gefunden , nicht wahr , Uncas ? Aber ihr , du ! Nun , Gott sei Dank , es ist vorüber . « Inzwischen waren auch Kaulbars und Lehnert herangetreten und luden den so mühsam eroberten Baum auf den Wagen . Es war aber noch zu früh dazu , ja , man mußte den Baum wieder herabnehmen , weil man sich überzeugte , daß der Schnee , drin der Wagen stak , erst fortgeschaufelt werden müsse . Das bot Schwierigkeiten genug , und um so mehr , als man in der Eile und Erregung das Grabscheit oben im Walde hatte liegenlassen . Indessen Lehnert wußte auch hier zu helfen . Er nahm ein paar Bretter heraus , welche die Rückenlehne des Wagens bildeten , und begann mit Hilfe derselben die Räder freizuschaufeln , wobei Kaulbars und Toby natürlich halfen . Und nun konnte man das Gefährt mit verhältnismäßiger Leichtigkeit wenden und ihm die Richtung auf den Rückweg geben . Einen Augenblick noch , so setzte sich Uncas an die Spitze , den Weg durch den Schnee hin ausspürend , und ihm folgend , mahlte das Fuhrwerk langsam heimwärts auf Nogat-Ehre zu . Neunundzwanzigstes Kapitel Erst um sechs Uhr - es war längst dunkel geworden , und nur der Schnee leuchtete - trafen unsere Freunde wieder in Nogat-Ehre ein , wo man ihrer Rückkehr seit Stunden in banger Erwartung entgegengesehen hatte , selbst von seiten Obadjas , zu dessen Lebensregeln es sonst gehörte , sich nicht mit Vorängstigungen zu quälen . Seltsamerweise war es diesmal Maruschka gewesen , die , während all dieser Stunden voll Angst und Sorge , das recht eigentliche Trosteswort gefunden hatte . Sie seien ausgefahren , so hatte die gute Alte gesagt , um dem Christkind einen Baum zu holen , und das Christkind werde die liebe Ruth auch schützen . Denn Ruth sei ein darling und ein pet , im Himmel geradesogut wie auf Erden , und die liebe Jungfrau Maria - Maruschka vergaß in ihrer Aufregung ganz Obadjas Gegenwart - , die liebe Jungfrau Maria wisse nur zu gut , daß die alte Maruschka ohne Ruth nicht leben könne , und werd ihr das nicht antun . So hatte Maruschka getröstet , und Obadja , der wohl wußte , was ein treues und gläubiges Herz bedeute , auch wenn es in der alten Irrlehre stecke und seine Gebete bloß an die Heilige Jungfrau richte , hatte der Alten Hand genommen und mit bewegter Stimme gesagt : » Ja , Maruschka , du hast recht . Das Christkind wird unsere Kinder schützen . « Zeuge dieser Unterredung war auch L ' Hermite gewesen , der schon seit Stunden unten war und beinah noch ängstlicher als die beiden Alten nach dem Gefährt auslugte , noch ängstlicher , weil sein Vertrauen auf eine Hilfe von oben , trotzdem er eben ein Christkind in Wachs bossiert und es einer gleichfalls von ihm herrührenden Jungfrau Maria in den Schoß gelegt hatte , ziemlich gering war . Nebenher aber verschwor er sich ein Mal über das andere gegen diesen preußisch-hyperboreischen Tannenbaumkultus , der an all dieser Angst und Sorge törichterweise schuld sei . Warum es denn durchaus eine Tanne sein müsse ? Das sei nichts als eine bêtise allemande , deren Vater oder Urahne niemand anders als dieser wohlgenährte » Monsieur Luther « sei , ein Mann ohne Taille , so recht der Typus eines Deutschen , mit seinen Päffchen und seinem tête carrée . Schade , daß man ihn nicht zu Beginn seiner Laufbahn verbrannt habe , denn Ruth sei wichtiger als Luther . Dieser Groll über den Tannenbaumkultus hielt aber nicht vor , ja , ging rasch in sein Gegenteil über , als man , tags darauf , den Baum ohne Rücksicht auf seine Wurzellosigkeit in eine mit kleinen Steinen und Erde gefüllte Tonne gepflanzt und beides , Baum und Tonne , neben dem in der großen Halle stehenden Eßtisch aufgestellt hatte . Ihn hier auszuschmücken war , von Stund an , die Freude aller , am meisten L ' Hermites . Bis zu Mannshöhe machte sich dies leicht , dann aber mußten Stehleitern aushelfen , um zunächst , und zwar oben an der Spitze des Baumes , einen Weihnachtsengel anzubringen . L ' Hermite , glücklich damit zustande gekommen , blieb eine Viertelstunde lang oben in seiner Höhe , während welcher Zeit Ruth und Maruschka hinaufreichten , was alles in den voraufgehenden Tagen ausgeschnitten , vergoldet und versilbert worden war . Lehnert und Toby aber beschäftigten sich mittlerweile mit Herstellung einer transparenten Krippe , in deren Vordergrund alle die bekannten auf Pappe geklebten Christnachtfiguren standen . Nur einer der drei Könige aus dem Morgenland , der Alte mit dem Bart , war von L ' Hermite plastisch ausgearbeitet worden und sah aus wie Obadja . Das alles geschah im großen Hause . Natürlich verhielt sich auch Mistress Kaulbars nicht träge . Sie buk , tagaus , tagein , ihre Mandel- und Rosinenkuchen , auch solche mit Ingwer und Kardamom , deren würziger Duft , trotzdem das Küchenwesen im Nebenhause lag , das ganze Vorderhaus durchzog . Zugleich rieb sie Mohnpielen und beschäftigte sich mit der Frage , wie Bierkarpfen auch ohne Bernauer Bier gekocht werden könne . Wie sich denken läßt , wurden auch Enten , Hühner und Gänse geschlachtet , und Totto saß in der Wintersonne und rupfte das geschlachtete Federvieh , das ihm die Arapahomädchen unter Lachen und kleinen Neckereien beständig zutrugen . Jeder im Hause nahm teil und freute sich , und am vierundzwanzigsten früh erschienen auch noch die beiden Missionsschulen , die von Krähbiel und die von Nickel . Denn für die Kinder dieser beiden Schulen war ja recht eigentlich das Fest . Und nun war der Abend da , und Totto wurde beauftragt , um sechs Uhr an den großen Schild zu schlagen . Das tat er denn auch . Und nicht lange , so kam man von allen Seiten herbei : Maruschka , Ruth und Toby vom linken , Lehnert und L ' Hermite vom rechten Korridor her , während Mister und Mistress Kaulbars die verschiedenen Mägde , Krähbiel und Nickel aber die Indianerkinder herbeiführten , Knaben und Mädchen , die man bis dahin im Tabernakel untergebracht und mit Tee bewirtet hatte . Der große Flur ( Totto noch immer unter dem Tamtam ) war vorläufig Versammlungsplatz , und nun endlich öffnete Obadja die große Tür , und während einer der Lehrer auf dem Harmonium spielte , das man zu diesem Zweck aus Ruths Zimmer heruntergeschafft hatte , trat alles in langem Zug in die Halle , wo der Baum mit seinem Christengel und seinen Lichtern stand , vor allem aber über die lange Tafel hin die hundert Geschenke ausgebreitet lagen : in der Mitte die der Hausgenossen und Gemeinde , links und rechts die für die Cherokee- und Arapahokinder . Die Freude zu sehen bildete doch die Hauptfreude . L ' Hermite vor allem war entzückt , gab jedem der kleinen Rothäute , männlich wie weiblich , die bedenklichsten französischen Namen , unter denen petit bougre von den mildesten war , stellte dabei mehrere Jungen auf seine Schulter und blies ihnen ein Stück auf einer Blechtrompete . Das Bewundertste blieben aber doch die Tiere der Arche Noah , und Krähbiels und Nickels Anstrengungen , die Aufmerksamkeit der Kinder auf die Krippe hinzulenken , waren nur von halbem Erfolg . Das Natürliche war und blieb ihnen das Liebere , und so kam es denn , daß sie von dem alten weißbärtigen König aus Morgenland , trotzdem sie lächelnd Obadja in ihm erkannt hatten , nicht viel wissen wollten und immer wieder zur Arche Noah zurückkehrten . Im Flur wurde mittlerweile das Abendbrot genommen . Aber schon nach kurzer Zeit begab man sich wieder in die Halle zurück , wo jetzt von den Kindern Obadjas Lieblingslied gesungen wurde : » Valet will ich dir geben , Du arge falsche Welt , Dein sündlich böses Leben Durchaus mir nicht gefällt ; Im Himmel ist gut wohnen , Hinauf steht mein Begier , Da wird Gott ewig lohnen Dem , der ihm dient allhier . « Obadja , der schon vorher mit seinen Hausgenossen am Kaminfeuer Platz genommen , erhob sich während dieses Gesanges , alle mit ihm , sogar L ' Hermite , der zwischen Spott und Rührung kämpfte . Dabei zog er die Stirn in immer krausere Falten und versuchte hinter Gesichterschneiderei zu verbergen , was in ihm vorging . Als die Kinder dann zum dritten Mal an Obadja vorüberzogen , sangen sie die Schlußstrophe des schönen Liedes : » Schreib meinen Nam ' n aufs beste Ins Buch des Lebens ein , Und bind mein Seel gar feste Ins schöne Bündelein Der ' r , die im Himmel grünen Und vor dir leben frei , So will ich ewig rühmen , Daß dein Herz treue sei . « Die zwei letzten Zeilen erklangen schon draußen im Flur und gingen , zur Genugtuung Obadjas , der nicht nur ein Verständnis , sondern auch eine Freude für den natürlichen Menschen hatte , sofort in Kinderlachen und heiterstes Geplauder über . Dann schritten alle , die Geschenke vorläufig noch auf dem Weihnachtstische zurücklassend , bei klarem Sternenhimmel auf die Nachbargehöfte von Nogat-Ehre zu , wo man sie , je nach der Größe der Farmen , in größeren und kleineren Trupps unterzubringen wußte . Nur die , die nach ihrer Lehrer Zeugnis die Besten waren , blieben zur Auszeichnung und Belohnung in Obadjas Hause zurück und bezogen hier ein paar Zimmer auf demselben Korridor , auf dem Lehnerts und L ' Hermites Zimmer gelegen waren . Die Hausangehörigen ihrerseits , während die Mehrzahl der Kinder in den Farmen verteilt wurde , blieben noch beisammen und gruppierten sich wieder um den Kamin . Nur Mistress Kaulbars blieb in Bewegung , machte , vom Buffet her , die Wirtin und erntete viel Lob und Zuspruch für die von ihr bereiteten Weihnachtsgerichte . L ' Hermite fand die Mohnpielen » un peu curieux « , aber doch » admirable « und erklärte , wenn ' s irgend ginge , sich auf diesem Wege milderer Observanz zum Opiumesser heranbilden zu wollen , was er , ihm selber unerklärlich , bis diesen Augenblick ungebührlich versäumt habe . Denn des Lebens Bestes sei doch immer das Ins-Vergessen-Sinken , das lehre nicht bloß le grand Buddha , sondern auch le petit L ' Hermite . Obadja lachte herzlich , gab ihm dabei die Hand und sagte : das könn ihm in Nogat-Ehre nie und nimmer bewilligt werden ; er werde hier vielmehr fortleben , genau wie die Mohnpielen , » un peu curieux « , aber doch » admirable « . Was aber wichtiger sei : wenn sich ihm ( Obadja ) das erfülle , was er von ganzem Herzen hoffe , so werde Camille L ' Hermite dermaleinst auch an anderer Stelle nicht vergessen sein . Schon die Wege des Lebens seien wunderbar , aber am wunderbarsten seien die Gnadenwege . Wer die Gnade habe , der mühe sich umsonst , sie zu verscherzen . L ' Hermite lächelte , sei ' s , weil er im allgemeinen oder nur persönlich allerlei Zweifel unterhielt , Obadja aber sah über das Lächeln hin und fragte Lehnert , der die zuletzt gesprochenen Worte gierig eingesogen , ob er das eben von den Kindern gesungene Lied schon gekannt habe , das » Valet will ich dir geben « . Ja , sagte Lehnert , er hab es gekannt , denn es habe dem Liederschatze seiner heimatlichen Dorfkirche mit angehört . » Dann weißt du auch wohl , von wem es ist ? « » Nein . « » Aber das solltest du doch . Es ist nämlich ein Landsmann von dir , der es gedichtet hat , und hieß Valerius Herberger . Ein schöner Name , nicht wahr ? Denn unsere Kirche soll eine Herberge sein , und der , der darin waltet , ein rechter Herberger . Und ein solcher Herberger war unser Valerius auch wirklich . Ihr Schlesier seid überhaupt bevorzugt in solchen Stücken , und ich möchte wohl , ich könnte von meiner alten heimischen Weichsel- und Nogatgegend dasselbe sagen . Aber wenn ich auch stolz bin auf meine Nogatheimat , so sind uns doch die Gaben , die so viel bedeuten und so mächtig sind ( auch für die noch , die sich der rechten Lehre rühmen dürfen ) , versagt geblieben . Wir sind arm , und ihr seid reich . Da habt ihr den herrlichen Mann , den Zinzendorf , denn die Sachsen und Lausitzer sind schon wie halbe Schlesier , und da habt ihr den herrlichen Paul Fleming und vor allem auch den Opitz . « Lehnert verfärbte sich . Als er aber sah , daß der Name voll Unbefangenheit gesprochen worden war , kam er rasch wieder zu sich und folgte mit scharfem Ohre , während Obadja fortfuhr : » Und zu diesen Erwählten unter euch , die nun dastehen als eine Säule der neuen Kirche , zählt auch der Valerius Herberger , und wie sein Glaube in seinen Liedern lebt , so lebt er auch in seinen Werken . Und ich beuge mich vor diesem Manne . Kein Märtyrer , im Sinne der alten Kirche , hat er doch dem Tode Tag um Tag ins Auge gesehen . Er war Prediger in Fraustadt in Schlesien , und in neun Wochen starb die Stadt aus , denn der schwarze Tod ging in ihr um . Mehr als dreihundert hat er persönlich unter Schulgesang mit bestatten helfen , und doch blieb er ohne Furcht und Ekel . Manche Leiche begrub er mit dem Totengräber allein . Er ging voran und sang ; der Totengräber aber führte ihm die Leiche auf einem Karren nach , an dem ein Glöckchen hing , damit die Leute der Begegnung ausweichen konnten . Sein Trost war : wer Gott im Herzen und ein gut Gebet und einen ordentlichen Beruf hat und den Vorwitz meidet , dem kann der Teufel nicht ankommen und die Seuche noch weniger . « » Ah , das ist schön « , sagte Ruth . Obadja aber nickte Ruth zu und fuhr dann fort : » Und als die Seuche fort und aus dem Lande war , da schrieb er : Es war all die Zeit über , als ob ein Engel mit dem Schwert mein Haus verteidigt hätte , so daß mir kein Leid widerfahren durfte . Und während dieser Zeit war es auch , daß er das schöne Lied dichtete , das , wie ' s ihn aufrichtete , seitdem soviel tausend andere mit aufgerichtet hat . « Die Lichter am Baum waren schon lange vorher gelöscht worden . Auch im Kamin fiel das Feuer zusammen und glühte nur noch dunkel . Aber die goldnen Nüsse blinkten in dem tiefen Licht um so goldner , und der Christengel schwebte darüber . » Ich denke , wir trennen uns « , sagte Obadja . » Ruth , singe mir noch einmal die erste Strophe . Das soll heute mein Nachtgebet sein . « Ruth tat , wie ihr geboten . Dann nahm Obadja das zunächststehende Licht , grüßte die noch Versammelten und ging auf sein Zimmer zu . Auch die anderen erhoben sich bald . » Ihr scheint bewegt « , sagte Lehnert , als er sich an L ' Hermites Tür von diesem trennte . L ' Hermite lächelte . » Oui , oui . Mais cela n ' importe rien . Wir sind verpfuscht , cher Lehnert , verpfuscht durch die alte Legende . Heiland , Erlöser . Bah ! Le grand Sauveur c ' est l ' idée . « Dreißigstes Kapitel Früher als gewöhnlich war man am anderen Morgen auf und nahm das Frühstück , nachdem die Lichter am Baum noch einmal angezündet waren . Obadja las das Weihnachtsevangelium und zog sich dann in sein Arbeitszimmer zurück , um sich hier vorzubereiten , und zwar für die Christpredigt . Diese war , neben der Taufpredigt im September , die wichtigste Predigt im Jahre , zu der , schon weil die Mennoniten von Nogat-Ehre auf viele Meilen in der Runde die einzigen waren , die eine Gemeinde bildeten und einen Betsaal hatten , alles zusammenkam , was in der großen Talmulde zwischen den Shawnee-Hills und den Ozark-Mountains an Jesum Christum glaubte . Das waren , außer den Leuten von Station Darlington , ganz besonders auch die Besatzungen von Fort Holmes und Fort Gibson , die bei der Weihnachtspredigt nie zu fehlen und mit ihren bunten Uniformen die Kirche zu beleben pflegten . Und sie fehlten auch heute nicht . Überhaupt war es ein großes Andrängen , und unter der nun winterlich entlaubten Akazien- und Lindenallee standen in langer Reihe die Wagen , auf denen man herbeigekommen war . Einige fuhren auch auf die zum Teil weit ausgebauten Farmen , mit deren Bewohnern man schon aus Unterhaltungsbedürfnis auf dem besten Fuße stand . Um zehn Uhr begann der Gesang , bei dem Ruth wieder das Beste tat , und dann folgte Gebet und Predigt , die der Alte mit gewohnter Geschicklichkeit nicht bloß dem Tage , sondern auch den Anschauungen seiner gemischten Zuhörerschaft anzupassen wußte . Das Predigen über die Köpfe weg war nicht seine Sache . So ließ er auch heut alles bloß Lehrhafte fallen , hütete sich , vom » geistigen Leibe Christi « zu sprechen , und beschränkte sich darauf , in der schlichten Erzählung von der Geburt des Heilands das schön Menschliche zu betonen . Aus Not und Bedrängnis , aus Armut und Niedrigkeit sei das Heil geboren worden , und der Krippe zu Bethlehem entstamme die Welterlösung . Er verweilte hierbei , sprach aber trotzdem nur kurz , so daß schon um elf Uhr der Gottesdienst mit einem Vers aus dem Weihnachtsliede schließen konnte , bei dessen Verklingen Obadja den Saal als erster verließ . Dann folgte die Gemeinde , zuletzt die Kinder , die diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatten und , vom Betsaal in die Halle hinübergeführt , hier mit kaum unterdrückter Aufregung ihre Geschenke vom Weihnachtstische nahmen , um gleich danach unter Vorantritt Krähbiels und Nickels ihren Rückweg in ihre Dörfer anzutreten . Obadja hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen , und eine halbe Stunde später erschien Ruth , um ihm das Frühstück zu bringen , das er um diese Zeit zu nehmen pflegte . Sie setzte das Tablett vor ihn hin und wollte wieder gehen , aber er hielt sie fest . » Du bist so still , Ruth . Hast du mir nichts zu sagen ? « » Nein . Oder doch nur das eine , das du längst weißt , daß ich glücklich bin und dich liebe . « » Und bist du glücklich ? « » Ja . « Sie sagte das mit einem Ton , der jeden Zweifel ausschloß . Und dann küßte sie seine Hand und verließ das Zimmer . In der Halle , darin eben noch alles so laut und lebendig gewesen war , war jetzt alles still , und diese Stille schien noch zu wachsen unter der Dunkelheit , die herrschte . Denn es war ein grauer Tag , ein rechtes Weihnachtswetter . Nichts war sichtbar als der weißgedeckte Tisch , von dem jetzt die Geschenke verschwunden waren , und daneben der Weihnachtsbaum , der wie ein dunkler Schatten in dem allgemeinen Dämmer aufragte . Ruth wollte daran vorüber , fuhr aber zusammen , als ihr Lehnert , den der Baum bis dahin verdeckt hatte , plötzlich entgegentrat . Indessen es währte nicht lang ; im nächsten Augenblick lachte sie wieder : » Lehnert , du hier ? Du schleichst ja wie durch den Forst . « Sie wußte nicht , wie das Wort ihn traf , und setzte scherzhaft und in wiedergewonnener guter Laune hinzu : » Du darfst nicht vorher die goldnen Nüsse zählen ; dazu ist Zeit heut abend , wenn wir den Baum plündern . Und dafür mußt du Sorge tragen , daß Maruschka das Beste kriegt , sonst ist sie traurig und weint . « Lehnert versprach alles und fragte dann , ob der Vater in seinem Zimmer sei . » Willst du zu dem ? « » Ja . « » Und das heut am Weihnachtstag und gleich nach der Predigt ? Ei , das muß etwas Großes sein . « » Ist es auch . Ich will ihn um etwas bitten . Und höre , Ruth , dabei fällt mir ein , du könntest mir Glück dazu wünschen . « » Wenn es etwas Gutes ist . « » Ich glaube , daß es etwas Gutes ist . « » Nun denn von ganzem Herzen . « Sie gab ihm die Hand , und während sie nach links hin und weit um den Tisch herum auf den offenstehenden Flur zuschritt , schritt Lehnert auf Obadjas Zimmer zu , von dessen Tür er den Vorhang zurückschlug . Obadja saß an seinem Arbeitstisch , genau wie damals , als Lehnert zum ersten Male hier eintrat , und ganz wie damals gab er sich und seinem Stuhl eine rasche halbe Wendung und sagte : » Nun , Lehnert . Was bringst du ? Nimm Platz ! « Lehnert setzte sich auch wirklich , schwieg aber befangen . Endlich war er seiner Verlegenheit Herr und begann damit , ihm für die heutige Predigt zu danken , am meisten aber für das , was er gestern abend über den Valerius Herberger gesagt habe . Das hab ihn die ganze Nacht nicht schlafen lassen . Er fühle , daß das das rechte Leben sei : sich , mit Gott im Herzen , vor dem Tode nicht zu fürchten . Und solches Leben zu führen , das sei so recht seine Sehnsucht . Und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht verblende , so möcht er wohl sagen dürfen , er glaube , daß er nicht bloß die Sehnsucht , sondern auch die Kraft dazu habe . » Glaub ' s Lehnert , glaub ' s ... Aber du wolltest mir etwas anderes sagen . « » Ja « , bestätigte Lehnert , » das wollt ich ... « Und doch ( so fuhr er fort ) hab er alles , was er eben über den Herberger und über sich selbst gesagt , erst sagen müssen , denn nur daraus , daß er auch so was wie der Herberger in sich fühle , nur daraus käm ihm der Mut zu dem , was er jetzt sagen wolle . Heraus müss ' es ; er liebe Ruth , und wenn das vermessen und hoffnungslos sei , dann woll er fort , und zwar lieber heut wie morgen ... Und nun hielt er inne , gewärtig dessen , was Obadja sagen würde . Der aber schwieg beharrlich und schien nur durch Blick und Handbewegung andeuten zu wollen , daß Lehnert weitersprechen möge . Da fiel denn auch alle Furcht von ihm ab , und er ließ sein Herz nicht bloß reden , sondern ihm auch die Zügel schießen . Er wisse wohl , daß er ein schlechter Mensch und des Glückes , das er begehre , durchaus unwürdig sei . Aber er wisse auch , daß die Gnade groß sei , so groß wie seine Reue . Wen Gott erwählt habe ( das seien Obadjas eigene Worte ) , der könne straucheln und fallen , aber er falle nur , um durch Gott selbst wieder aufgerichtet zu werden . Er hoffe , daß dies auch sein Los sein werde . Selbstgerecht und gewalttätig sein , das seien die Fehler seiner Jugend gewesen und die Wurzeln des Verbrechens , um dessentwillen er seine Heimat habe meiden müssen , aber er glaube sagen zu dürfen , das alles liege jetzt weit zurück , und seit dem Tage , der seine Bekehrung gebracht , steh es fest in ihm , daß die Reinheit und der Friede das einzige Heil seien . Das Friedenslied , das damals gesungen worden sei , das hab ihn bekehrt , und wenn nicht das Lied , so die Stimme . » Und wenn nicht die Stimme , so Ruth « , lächelte Obadja . Aber Lehnert sah das Lächeln nicht . Er hörte nur heraus , was freundlich darin klang , und wiederholte mit Unbefangenheit : » Ja , Ruth ... « , sie sei es , der er alles schulde , und sie werd ihm auch dann noch das Glück bedeuten , wenn er es , ihm nur zu begreiflich , in diesem Augenblicke für immer hinschwinden sähe . Denn Ruth , das wiss ' er nur zu gut , sei weit über ihn hinaus , eine Herrentochter und eine Lady , während er in Not und Armut und in noch Schlimmerem großgezogen sei . Das heimatliche Haus habe nichts für ihn getan und die Schule nicht viel , und alles , was er sei , das habe zu Gutem und Schlimmem das Leben aus ihm gemacht . Er sähe hinauf zu Ruth . Aber seine Liebe sei groß und gleich groß sein Wille , sie glücklich zu machen . Sein Wille und hoffentlich auch seine Kraft . Und nun sah er Obadja fest an und erwartete sein Urteil . Der Alte schwieg aber und begegnete seinem Blicke mit nichts als freundlicher Ruhe . Dann erhob er sich , ging auf Lehnert zu und sagte : » Weiß Ruth davon ? « » Nein . « » Nun , dann gedulde dich , Lehnert ! Es ist Rahel , um die du wirbst ... Ich werde dir Antwort sagen . « Einunddreißigstes Kapitel » Gedulde dich ! Ich werde dir Antwort sagen . « Hundertmal wiederholte sich ' s Lehnert , und als Obadja am andern Morgen die Andacht gehalten und wie herkömmlich ein Bibelkapitel gelesen hatte , hoffte Lehnert , daß nun das Wort , das über sein Leben entscheiden sollte , gesprochen werden würde . Aber das Wort blieb aus , und er verzehrte sich tagelang darüber , daß es ausblieb . Er wurde wie krank im Gemüt und mied es nach Möglichkeit , mit Ruth und mehr noch mit Obadja zusammenzutreffen . Als aber , ohne daß ein Wort laut geworden wäre , das neue Jahr angebrochen war , war er entschlossen , mit dem Elend ein Ende zu machen und sich wieder in sein altes Leben zurückzufinden . Das wär ihm nun freilich einfach unmöglich gewesen , wenn die Haltung Obadjas irgend etwas gezeigt hätte , was auf Mißstimmung oder gar auf Übelwollen und Ablehnung hätte gedeutet werden können . Aber eher das Gegenteil war der Fall . Keine Begegnung verging , ohne daß Lehnert wenigstens einen freundlichen Blick erhascht hätte , was noch wuchs , als Obadja sich überzeugte , daß in der Tat keine Heimlichkeiten zwischen den jungen Leuten existierten und Ruth ohne jede Ahnung von dem Schritte war , den Lehnert getan hatte . So kehrte denn ein gewisser Zustand der Ruhe , wenigstens äußerlich , zurück , und Lehnert , wenn er jetzt , was nur zu oft geschah , seines Weihnachtszwiegespräches mit Obadja gedachte , verzichtete darauf , diesem Zwiegespräch nur das zu entnehmen , was ihm paßte , sondern erinnerte sich daran , daß der Alte hinzugesetzt hatte : » Es ist Rahel , um die du wirbst . « Das war , das sah er jetzt ein , mit gutem Bedachte gesagt worden , und jedenfalls zu dem Zweck , ihn wissen zu lassen , daß es einer langen Probezeit bedürfe . Ja , der frühere Zustand der Ruhe kehrte zurück , und als der Winter auf die Neige ging und der Frühling anbrach , wurden die Feldarbeiten , sowohl von Nogat-Ehre wie vom Vorwerk aus , wohin Kaulbars und Frau zurückgekehrt waren , im ganzen Umfange wiederaufgenommen . Überall gab es ein Pflügen und Säen , und Lehnert , bei Beaufsichtigung der Arbeit , war oft bis halben Weges nach Darlington oder auch , nach der andern Seite hin , bis an den Abhang der Berge hin in Tätigkeit . Auch Toby war mit Uncas viel draußen , um auf Hühner zu jagen , welche Form der Jagd der Alte , trotz prinzipieller Bedenken , gelten ließ , ja geradezu begünstigte , da zu seinen kleinen Schwächen , ganz nach Patriarchen- und Kirchenfürstenart , auch die gehörte , den Freuden der Tafel nicht abgestorben und speziell in bezug auf Bekassinen ein Feinschmecker zu sein . Eine dieser Jagden auf Hühner hatte sich an einem schönen Märztage bis an eine fast