haben soll ... Es ist nur gut , daß schwarzgelbe Schlagbäume an der Grenze stehen - da kann die Pest nicht herüber « ... Aber mein Vater hörte nicht und las das erfreuliche weiter : » Unter den preußischen Truppen aus Neiße herrscht das Fieber . Das ungesunde Sumpfland , die schlechte Verpflegung und die miserable Unterkunft der in den umliegenden Ortschaften aufgehäuften Truppen mußten solche Erscheinungen zur Folge haben . Von der Verpflegung der preußischen Soldaten macht sich der Österreicher keinen Begriff . Die Junker glauben dem Volk eben Alles bieten zu können . Sechs Lot Schweinefleisch für den Mann , der an die forcierten Märsche und sonstigen Strapazen nicht gewöhnt worden , der Alles , nur kein abgehärteter Soldat ist . « » Die Blätter sind überhaupt voll prächtiger Nachrichten . - Vor Allem die Berichte vom glorreichen Custozza-Tage - Du solltest Dir diese Zeitungen aufheben , Martha . « Und ich habe sie aufgehoben . Das sollte man immer thun ; und wenn ein neuer Völkerzwist heranzieht , dann lese man nicht die neuesten Zeitungen , sondern die , welche von vorigem Kriege datieren , und man wird sehen , was all den Prophezeiungen und Prahlereien und auch den Berichten und Nachrichten für Wahrheitswert beizumessen ist . Das ist lehrreich . Vom nördlichen Kriegsschauplatz . Aus dem Hauptquartier der Nord-Armee wird unterm 25. Juni über den Feldzugsplan ( ! ) der Preußen geschrieben : » Nach den neuesten Nachrichten hat die preußische Armee ihr Hauptquartier nach dem östlichen Schlesien verlegt . ( Folgt in dem gewöhnlichen taktischen Stile eine längere Aufzählung der von dem Feinde projektierten Bewegungen und Stellungnahmen , von welchen der Herr Berichterstatter gewiß ein klareres Bild vor Augen hatte , als Moltke und Roon ) . Es scheint demnach in der Absicht der Preußen zu liegen , hierdurch den Vormarsch unserer Armee gegen Berlin durch den eigenen zuvorzukommen , was ihnen jedoch bei den getroffenen Vorkehrungen ( welche unser Spezial- Korrespondent ebenfalls genauer kennt , als Benedek ) schwerlich gelingen dürfte . Mit vollstem Vertrauen kann man günstigen Berichten von der Nord-Armee entgegen sehen , die , wenn sie auch nicht so schnell , als die Sehnsucht des Volkes sie erwartet , einlaufen , dafür aber um so bedeutender und inhaltsreicher sein werden . ... Einen hübschen Zwischenfall bei dem Durchmarsch österreicher Truppen italienischer Nationalität durch München , erzählt die Neue Frankfurter Zeitung wie folgt : Unter den durch München gekommenen Truppen befinden sich Linienbataillone , sie wurden , wie die übrigen durch die bayerische Hauptstadt gekommenen Truppen , in einem dem Bahnhof nahegelegenen Wirtschaftsgarten bewirtet . Jedermann konnte sich überzeugen , daß diese Venezianer unter Jubel ihre Kampflust gegen die Feinde Österreichs kundgaben . ( Vielleicht hätte auch Jedermann denken können , daß betrunkene Soldaten sich willig für das begeistern , was ihnen zur Begeisterung angeboten wird . ) In Würzburg war der Bahnhof angefüllt mit der Mannschaft eines österreichischen Linien-Infanterieregiments . So viel wahrnehmbar , bestand die ganze Mannschaft aus Venezianern . Gleichfalls freundlich aufgenommen ( das heißt gleichfalls besäuft ) , konnten die Leute nicht Ausdruck finden , ihre Freude und ihre Absicht , gegen die Friedensbrecher ( von zwei kriegführenden Parteien ist die friedensbrechende stets die andere ) zu kämpfen , aufs lebhafteste kund zu geben . Die Evivas nahmen kein Ende . « ( Sollte der auf den Bahnhöfen sich herumtreibende , von Soldatengeschrei so erbaute » Herr von Jedermann « nicht wissen , daß es nichts Ansteckenderes gibt , als Vivat-Rufen ; - daß tausend miteinander brüllende Stimmen nicht den Ausdruck von tausend einmütigen Gesinnungen , sondern einfach die Bethätigung des natürlichen Nachahmungstriebes bedeuten ? ) In Böhmisch-Trübau hat der Feldzeugmeister Ritter von Benedek die drei Bulletins über den Sieg der Süd-Armee der Nord-Amee bekannt gegeben und daran nachstehenden Tagesbefehl geknüpft : » Im Namen der Nord-Armee habe ich folgendes Telegramm an das Kommando der Süd-Armee abgesendet : Feldzeugmeister Benedek und die gesamte Nord-Armee dem glorreichen durchlauchtigsten Kommandanten der tapferen Süd-Armee mit freudiger Bewunderung herzlichste Glückwünsche zum neuen ruhmvollen Tage von Custozza . Mit einem neuen glorreichen Siege unserer Waffen ist der Feldzug im Süden eröffnet . Das glorreiche Custozza prangt auf dem Ehrenschild des kaiserlichen Heeres . Soldaten der Nord-Armee ! Mit Jubel werdet ihr die Nachricht begrüßen , mit erhöhter Begeisterung in den Kampf ziehen , daß auch wir sehr bald ruhmvolle Schlachtennamen auf jenes Schild verzeichnen und dem Kaiser auch aus dem Norden einen Sieg melden , nachdem eure Kampfbegierde brennt , den eure Tapferkeit und Hingebung erringen wird , mit dem Rufe : Es lebe der Kaiser ! Benedek . « Auf obiges Telegramm ist folgende Antwort aus Verona telegraphisch in Böhmisch-Trübau angelangt : » Der Süd-Armee und ihres Kommandanten gerührten Dank ihrem geliebten frühern Feldherrn und seiner braven Armee . Überzeugt , daß auch wir bald zu solchen Siegen werden Glück wünschen können . « Überzeugt - überzeugt ...... » Lacht euch nicht das Herz im Leibe , Kinder , wenn ihr derlei Sachen leset ? « rief mein Vater entzückt . » Könnt ihr euch nicht zu genügendem patriotischen Hochgefühle aufschwingen , um angesichts solcher Triumphe eure eigenen Angelegenheiten in den Hintergrund zu drängen - um zu vergessen , Du , Martha , daß Dein Friedrich , Du , Lilli , daß Dein Konrad einigen Gefahren ausgesetzt sind ? Gefahren , welchen sie wahrscheinlich heil entkommen und denen selbst zu unterliegen - ein Los , das sie mit den besten Söhnen des Vaterlandes teilen - ihnen nur zu Ruhm und Ehre gereicht . Es gibt keinen Soldaten , der mit dem Rufe Für das Vaterland ! nicht gern stürbe . « » Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem Felde liegen bleibt « - entgegnete ich - » und da ungefunden durch vier oder fünf Tage und Nächte an Durst , Hunger , unter unsäglichen Schmerzen , lebendig verfaulend , zu Grunde geht - dabei wissend , daß durch seinen Tod dem besagten Vaterlande nichts geholfen , seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden - ich möchte wissen , ob der die ganze Zeit über mit jenem Rufe gern stirbt . « » Du frevelst ... Du sprichst zudem in so grellen Worten - für eine Frau ganz unanständig . « » Ja , ja , das wahre Wort - die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft , ist schamlos ... Nur die Phrase , die durch tausendfältige Wiederholung sanktionierte Phrase , ist anständig . Ich aber versichere Dich , Vater - dieses naturwidrige Gern-sterben , welches da allen Männern zugemutet wird , so heldenhaft es dem Aussprechenden auch dünken mag - mir klingt es wie gesprochener Totschlag . « Unter Friedrichs Papieren - viele Tage später - habe ich einen Brief gefunden , den ich ihm in jenen Tagen nach dem Kriegsschauplatz schickte . Dieser Brief zeigt am deutlichsten , von welchen Gefühlen ich damals erfüllt war . Grumitz , 28. Juni 1866 . Teurer ! Ich lebe nicht ... Stelle Dir vor , daß in einem Nebenzimmer die Leute beraten , ob ich in den nächsten Tagen gehenkt werden soll , oder nicht , während ich draußen auf diese Entscheidung warten muß . In dieser Wartezeit atme ich wohl - aber kann ich das leben nennen ? Das Nebenzimmer , in welchem die Frage entschieden werden soll , heißt Böhmen ... Doch nicht , Geliebter , das Bild ist noch nicht ganz zutreffend . Denn wenn es sich nur um mein Leben oder Sterben handelte , so wäre das Bangen nicht so groß . Denn mein Bangen gilt einem viel teureren Leben , als dem eigenen ... Und sogar noch ärgerem als Deinem Tode gilt meine Angst - sie gilt Deiner möglichen Todesqual .... O , wäre es doch nur schon vorüber , vorüber ! Kämen doch unsere Siege in rascher Folge - nicht der Siege , sondern des Endes halber ! Ob Dich diese Zeilen erreichen ? Und wo und wie ? Ob nach einem heißen Schlachttage , ob im Lager , ob vielleicht im Lazareth ... auf jeden Fall thut es Dir wohl , Kunde von Deiner Martha zu erhalten . Wenn ich auch nur Trauriges schreiben kann - was anders als Trauriges kann in einer Zeit empfunden werden , wo die Sonne durch das große schwarze Sargdeckeltuch verfinstert wird , welches » für das Vaterland « aufgehißt worden , damit es auf die Kinder des Landes herabfalle - dennoch bringen Dir meine Zeilen Labung ... denn Du hast mich lieb , Friedrich - ich weiß es , wie lieb , und mein geschriebenes Wort freut und bewegt Dich , wie ein sanftes Streicheln meiner Hand . - - Ich bin bei Dir , Friedrich , wisse das : mit jedem Gedanken , mit jedem Atemzug , bei Tag und Nacht ... Hier in meinem Kreise bewege ich mich und handle und spreche mechanisch ; mein eigenstes Ich - das ja Dir gehört - das verläßt Dich keinen Augenblick ... Nur mein Bub ' erinnert mich , daß die Welt mir doch noch etwas enthält , was nicht » Du « heißt ... Der gute Kleine - wenn Du wüßtest , wie er nach Dir fragt und sorgt ! Wir zwei sprechen miteinander eigentlich von gar nichts Anderem , als von » Papa « . Er weiß es wohl , der feinfühlige Knabe , daß dies der Gegenstand ist , von dem mein Herz voll ist , und so klein er ist - Du weißt es ja - ist er schon eine Art Freund seiner Mutter . Ich fange auch schon an , mit ihm zu reden , wie mit einem Vernünftigen , und dafür ist er mir dankbar . Ich meinerseits bin ihm dankbar für die Liebe , die er Dir weiht . Es ist so selten , daß Kinder ihre Stiefeltern gut leiden mögen , freilich ist an Dir auch nichts Stiefväterliches - Du könntest mit einem eigenen Jungen nicht zärtlicher , nicht gütiger sein , Du mein Zärtlicher , Gütiger ! Ja die Güte - die große , weiche , milde - die ist Deines Wesens Grundlage und - wie sagt der Dichter ? - so wie der Himmel aus einem einzigen großen Saphir sich wölbt , so formt sich eines edlen Menschen Charaktergröße nur aus einer Tugend - der Güte . Mit anderen Worten : ich lieb ' Dich , Friedrich ! Das ist ja doch immer der Refrain Alles dessen , was ich von Dir und Deinen Eigenschaften denke . So vertrauensvoll , so zuversichtlich lieb ' ich Dich - ich ruhe in Dir , Friedrich , warm und sanft ... Wenn ich Dich habe - versteht sich . Jetzt , da Du mir wieder entrissen bist , ist ' s mit meiner Ruhe natürlich aus . Ach , wäre der Sturm nur schon vorbei , vorbei - wäret ihr doch in Berlin , um dem König Wilhelm die Friedensbedingungen zu diktieren ! Mein Vater ist nämlich fest überzeugt , daß dies des Feldzugs Ende sein wird , und nach Allem , was man hört und liest , muß ich es wohl auch glauben . » Sobald , mit Gottes Hilfe , der Feind geschlagen ist « - so lautete ja Benedeks Aufruf - » werden wir ihn auf dem Fuße verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen « und so weiter . Was sind denn das für Erholungen ? Heutzutage darf kein Anführer mehr laut und unumwunden sagen : » Ihr dürft plündern , brennen , morden , schänden , « wie dies im Mittelalter Brauch war , um die Horden anzufeuern ; - jetzt könnte man ihnen als Lohn höchstens eine freigebige Verteilung von Erbswurst in Aussicht stellen ; das wäre aber etwas matt , also heißt es verblümt : » diejenigen Erholungen « und so weiter . Dabei kann sich Jeder denken , was er will . Das Prinzip des in » Feindesland « zu findenden Kriegslohnes lebt im Soldatenstil noch fort ... Und wie wird Dir in » Feindesland « zu Mute sein , welches ja eigentlich Dein Stammland ist , wo Deine Freunde und Deine Vettern leben ? Wirst Du Dich dadurch » erholen « , daß Du Tante Korneliens hübsche Villa dem Erdboden gleich machst ? » Feindesland « - das ist eigentlich auch so ein fossiler Begriff aus jenen Zeiten , wo der Krieg noch unverhohlen das war , was seine raison d ' être vorstellt ; ein Raubzug ; - und wo das Feindesland dem Streiter als lohnverheißendes Beuteland winkte ... Ich spreche da mit Dir , wie in den schönen Stunden , da Du an meiner Seite warst und wir , nach beendeter Lektüre irgend eines fortschrittlichen Buches , miteinander über die Widersprüche unserer Zeitzustände philosophierten , so einig , so einander verstehend und ergänzend . In meiner Umgebung ist Niemand , Niemand , mit dem ich über derlei Dinge reden könnte . Doktor Bresser war noch der Einzige , mit welchem sich kriegsverdammende Ideen austauschen ließen , und der ist jetzt auch fort - selber in den verurteilten Krieg gezogen - aber um Wunden zu heilen , nicht um sie zu schlagen . Eigentlich auch ein Widersinn , die » Humanität « im Kriege - ein innerer Widerspruch . Das ist ungefähr so , wie die » Aufklärung « im Glauben . Entweder , oder - aber Menschenliebe und Krieg , Vernunft und Dogma : das geht nicht . Der aufrichtige , lodernde Feindeshaß , gepaart mit gänzlicher Verachtung des menschlichen Lebens - das ist des Krieges Lebensnerv , gerade so wie die fraglose Unterdrückung der Vernunft des Glaubens Grundbedingung ist . Aber wir leben in einer Zeit der Vermittlung . Die alten Institutionen und die neuen Ideen wirken gleich mächtig . Da versuchen denn die Leute , welche mit dem Alten nicht ganz brechen wollen , welche das Neue nicht ganz erfassen können , Beides miteinander zu verschmelzen und daraus entsteht dieses verlogene , unkonsequente , widerspruchskämpfende , halbhafte Getriebe , unter welchem die wahrheits- , gradheits- und ganzheitsdurstenden Seelen so stöhnen und leiden ... Ach , was ich da Alles zusammenschreibe ! Du wirst jetzt kaum - wie in unseren friedlichen Plauderstunden - zu solch allgemeinen Betrachtungen aufgelegt sein : Du bist von einer grausigen Wirklichkeit umtost , mit der es sich abfinden heißt . Wie viel besser wäre es da , wenn Du sie hinnehmen könntest mit der naiven Auffassung alter Zeiten , da dem Soldaten das Kriegsleben eitel Lust und Wonne war . Und besser wäre es , ich könnte Dir schreiben , wie andere Frauen auch , Briefe von Segenswünschen und zuversichtlichen Siegesverheißungen und Mutanspornungen ... Die Mädchen werden ja gleichfalls zum Patriotismus erzogen , damit sie zu rechter Stunde den Männern zurufen : » Gehet hin und sterbet für euer Vaterland - das ist der schönste Tod . « Oder : » Kehret siegend heim , dann wollen wir euch mit unserer Liebe lohnen . Inzwischen werden wir für euch beten . Der Gott der Schlachten , der unsere Heere beschützt , der wird unsere Gebete erhören . Tag und Nacht steigt unser Flehen zum Himmel auf und - gewiß - wir erstürmen uns seine Huld : Ihr kommt wieder - ruhmgekrönt ! Wir zittern nicht einmal , denn wir sind eurer Tapferkeit würdige Genossinnen ... Nein , nein ! - die Mütter eurer Söhne dürfen nicht feige sein , wenn sie ein neues Geschlecht von Helden heranziehen wollen ; und müssen wir auch unser Teuerstes hingeben : für Fürst und Vaterland ist kein Opfer zu groß ! « Das wäre so der richtige Soldatenfrauen-Brief , nicht wahr ? Aber nicht ein Brief , wie Du ihn von Deiner Frau zu lesen wünschtest - von der Genossin Deines Denkens , von derjenigen , die den Groll gegen alten , blinden Menschenwahn mit Dir teilt ... O , ein Groll , so bitter , so schmerzlich - ich kann Dir ' s gar nicht sagen ! Wenn ich sie mir vorstelle , diese beiden Heere , - zusammengesetzt aus einzelnen vernünftigen und zumeist guten und sanften Menschen , - wie sie auf einander losstürmen , um sich gegenseitig zu vernichten , dabei das unglückliche Land verheerend , wo sie als Spielkarten ihrer Mordpartie die » genommenen « Dörfer hinschleudern ... wenn ich mir das vorstelle , da wollte ich aufschreien : So besinnt euch doch ! ... so haltet doch ein ! ! Und von hunderttausend würden auch neunzigtausend Einzelne sicher gerne einhalten ; aber die Masse , die muß weiter wüten . Doch genug . Du wirst es vorziehen , Nachrichten und Neuigkeiten von Hause zu hören . Nun denn - gesund sind wir Alle . Der Vater ist unausgesetzt in höchster Aufregung über die gegenwärtigen Ereignisse . Der Sieg von Custozza erfüllt ihn mit strahlendem Stolz . Es ist , als ob er denselben errungen hätte . Jedenfalls betrachtet er den Glanz dieses Tages als so hell , daß der auf ihn - als Österreicher und als General - fallende Abglanz ihn ganz glücklich macht . Auch Lori , deren Mann , wie Du weißt , bei der Süd-Armee ist , schrieb mir einen Triumphbrief über dasselbe Custozza . - Friedrich , erinnerst Du Dich , wie eifersüchtig ich während einer Viertelstunde auf die gute Lori war ? Und wie ich aus diesem Anfall mit verstärkter Liebe und verstärktem Vertrauen hervorging ? ... O hättest Du mich nur damals betrogen - hättest Du mich doch mitunter ein wenig mißhandelt ... da könnte ich Deine jetzige Abwesenheit wohl leichter ertragen - aber einen solchen Gatten im Kugelregen zu wissen ! ... Nun weiter mit den Nachrichten : Lori hat mir in Aussicht gestellt , daß sie mit ihrer kleinen Beatrix den Rest ihrer Strohwitwenschaft in Grumitz zubringen werde . Ich konnte nicht nein sagen - doch aufrichtig : mir ist gegenwärtig jede Gesellschaft lästig . Allein , allein will ich sein , mit meiner Sehnsucht nach Dir , deren Umfang ja doch Niemand Anderer ermessen kann ... Nächste Woche soll Otto seine Ferien antreten . Er jammert in jedem Briefe , daß der Krieg noch vor und nicht erst nach seiner Offiziersernennung begonnen hat . Er hofft zu Gott , daß der Friede nicht noch vor seinem Austritt aus der Akademie - ausbreche . Das Wort » ausbrechen « wird er vielleicht nicht gebraucht haben , aber jedenfalls entspricht es seiner Auffassung , denn der Frieden erscheint ihm jetzt als eine drohende Kalamität . Nun freilich : so werden sie ja groß gezogen . So lange es Kriege gibt , muß man kriegliebende Soldaten heranziehen ; und so lange es kriegliebende Soldaten gibt , muß es auch Kriege geben ... Ist das ein ewiger , ausgangsloser Cirkel ? Nein , Gott sei Dank ! Denn jene Liebe , trotz aller Schuldrillung , nimmt beständig ab . Wir haben in Henry Thomas Buckle den Nachweis dieser Abnahme gefunden , erinnerst Du Dich ? Aber ich brauche keine gedruckten Nachweise - ein Blick in Dein Herz , Dein edelmenschliches Herz , Friedrich , genügt mir zu dieser Beweisführung ... Weiter mit den Nachrichten : Von unseren in Böhmen begüterten Verwandten und Bekannten erhalten wir allseitig Jammerepisteln . Der Durchmarsch der Truppen - auch wenn sie zum Siege gehen - verwüstet schon das Land und saugt es aus ; wie wenn erst noch der Feind vordringen sollte , wenn sich der Kampf in ihrer Gegend , dort , wo sie ihre Schlösser , ihre Felder besitzen , abspielen sollte ? Alles ist fluchtbereit - die Habseligkeiten gepackt , die Schätze vergraben . Adieu den fröhlichen Reisen in die böhmischen Bäder ; adieu dem friedlichen Aufenthalt auf den Landsitzen ; adieu den glänzenden Herbstjagden und jedenfalls adieu den gewohnten Einkünften von Pachtung und Industrien . Die Ernten werden zertreten , die Fabriken , wenn nicht in Brand geschossen , so doch der Arbeiter beraubt . » Es ist doch ein wahres Unglück , « schreiben sie , » daß wir just im Grenzland leben - und ein zweites Unglück , daß Benedek nicht schon früher und heftiger die Offensive übernahm , um den Krieg in Preußen auszukämpfen . « Vielleicht könnte man es auch ein Unglück nennen , daß die ganze politische Zänkerei nicht von einem Schiedsgericht geschlichtet worden sei , sondern dem Mordgewühle auf böhmischem oder schlesischem Boden ( in Schlesien soll es , glaubwürdigen Reiseberichten zufolge , nämlich auch Menschen und Felder und Fechsungen geben ) anheimgestellt wird . Aber das fällt Niemandem ein ! Mein kleiner Rudolf sitzt zu meinen Füßen , während ich Dir schreibe . Er läßt Dich umarmen und unsern lieben Puxl grüßen . Das geht uns Beiden recht sehr ab , das gute lustige Pintschel - aber andererseits , es hätte seinen Herrn so schwer vermißt und Dir wird es eine Zerstreuung , eine Gesellschaft sein . Grüße ihn von uns Beiden , den Puxel - ich schüttle seine ehrliche Pfote und Rudi küßt seine gute schwarze Schnauze . Und jetzt , für heute leb ' wohl , Du mein Alles ! » Es ist unerhört ! ... Niederlage auf Niederlage ! Zuerst das von Clam-Gallas verbarrikadierte Dorf Podol erstürmt - bei Nacht , bei Mond- und Flammenschein genommen - dann Gitschin erobert ... Das Zündnadelgewehr - das verdammte Zündnadelgewehr mähte die unseren reihenweise nieder . Die beiden großen feindlichen Armeekorps - das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl befehligte - haben sich vereinigt und dringen gegen Münchengrätz vor « ... So klangen die Schreckensnachrichten , welche mein Vater ebenso heftig jammernd vortrug , wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet hatte . Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht : » Sie sollen nur kommen , Alle - Alle in unser Böhmen und dort vernichtet werden , bis auf den letzten Mann ... Einen Ausweg , einen Rückzug giebt es dann nicht mehr für sie , wir schließen sie ein , wir umzingeln sie .. Und das entrüstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen ... Es ist nicht gar so vorteilhaft , als man glauben mag , in Feindesland zu operieren , denn da hat man nicht nur das Heer , sondern die ganze Bevölkerung gegen sich ... Aus den Häusern von Trautenau gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und Öl auf die Menschen - « Ich stieß einen dumpfen Laut des Ekels aus . » Was willst Du ? « sagte mein Vater achselzuckend , » es ist freilich grauenhaft - aber das ist der Krieg . « » Dann behaupte wenigstens nie , daß der Krieg die Menschen veredle ! - Gestehe , daß er sie entmenscht , vertigert , verteufelt : ... Siedendes Öl ! ... Ach ! « ... » Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache , liebe Martha . Glaubst Du etwa , ihre Zündnadelgeschosse thun den unseren wohl ? ... Wie das wehrlose Schlachtvieh müssen unsere Tapferen dieser mörderischen Waffe unterliegen . Aber wir sind zu zahlreich , zu diszipliniert , zu kampftüchtig , um nicht doch noch über die Schneidergesellen zu siegen . Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler begangen worden . Das gebe ich zu . Benedek hätte gleich die preußische Grenze überschreiten sollen ... Es steigen mir Zweifel auf , ob diese Feldherrnwahl eine ganz glückliche war ... Hätte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt und dem Benedek die Süd-Armee übergeben ... Aber ich will nicht zu früh verzagen - bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden , welche von den Preußen zu großen Siegen aufgebauscht werden - die Entscheidungsschlachten kommen erst . Jetzt konzentrieren wir uns bei Königgrätz ; dort - über hunderttausend Mann stark - erwarten wir den Feind ... dort wird unser nördliches Custozza geschlagen ! « Dort würde auch Friedrich mitkämpfen . Sein letztes , am selben Morgen angelangtes Briefchen trug die Nachricht : » Wir begeben uns nach Königgrätz . « Ich hatte bisher regelmäßig Kunde erhalten . Obwohl er in seinem ersten Briefe mich darauf vorbereitet hatte , daß er nur wenig werde schreiben können , so hat Friedrich doch jede Gelegenheit benützt , ein paar Worte an mich zu richten . Mit Bleistift , zu Pferd , im Zelt - in flüchtiger , nur mir leserlicher Schrift , so schrieb er die aus seinem Notizbüchelchen herausgerissenen , für mich bestimmten Blätter voll . Manche hatte er Gelegenheit abzuschicken , manche gelangten erst später , erst nach dem Feldzug in meine Hände . Bis zur Stunde habe ich diese Andenken aufbewahrt . Das sind keine sorgfältig stilisierten Kriegsberichte , wie sie Zeitungskorrespondenten ihren Redaktionen , oder Kriegsschriftsteller ihren Verlegern bieten , keine mit Aufwand strategischer Fachkenntnisse entworfene Gefechtsskizzen , und keine mit rhetorischem Schwung ausgeführte Schlachtgemälde , in welchen der Erzähler immer bedacht ist , seine eigene Unerschrockenheit , Heldenhaftigkeit und patriotische Begeisterung durchleuchten zu lassen . Alles dies sind Friedrichs Aufzeichnungen nicht , das weiß ich ; was sie aber sind , das vermag ich nicht zu bestimmen . Hier folgen einige : - - - - - - - - - - - - - - Im Bivouak . » Ohne Zelte ... Es ist ja eine so laue , herrliche Sommernacht - der Himmel , der große gleichgültige , voll flimmernder Sterne ... Die Leute liegen auf dem Boden , erschöpft von den langen , ermüdenden Märschen . Nur für uns Stabsoffiziere wurden ein paar Zelte aufgeschlagen . In dem meinen stehen drei Feldbetten . Die beiden Kameraden schlafen . Ich sitze an dem Tisch , worauf die geleerten Groggläser und eine brennende Kerze stehen . Beim schwachen flackernden Schein der letzteren ( es weht von dem offenen Eingang ein Luftzug herein ) schreibe ich Dir , mein geliebtes Weib . Auf mein Lager habe ich den Puxl hingelegt ... war der müd ' , der arme Kerl ! Ich bereue fast , ihn mitgenommen zu haben ; der ist auch , was die unseren immer von der preußischen Landwehr behaupten : » an die Strapazen und Entbehrungen eines Feldzugs nicht gewöhnt « . Jetzt schnauft er wohlig und süß - ich glaube er träumt , wahrscheinlich von seinem Freund und Gönner Rudolf Grafen Dotzky . Und ich träum ' von Dir , Martha ... Zwar bin ich wach ; aber täuschend , wie ein Traumbild , sehe ich Deine liebe Gestalt in jener halbdunklen Zeltecke , auf einem Feldstuhl sitzen ... Welche Sehnsucht ergreift mich , dort hinzugehen und mein Haupt in Deinen Schooß zu legen . Ich thu ' es aber nicht , weil ich weiß , daß dann das Bild zerflattern würde ... Ich trat einen Augenblick hinaus . Die Sterne flimmern gleichgültiger als je . Auf dem Boden huschen verschiedene Schatten : es sind Nachzügler . Viele , Viele , blieben unterwegs zurück ; jetzt haben sie sich , vom Wachtfeuer angezogen , hierher geschleppt . Aber nicht Alle - Manche liegen noch in einem entfernten Graben oder Kornfeld . Das war aber auch eine Hitze , während dieses forcierten Marsches ! Die Sonne brannte , als wollte sie uns das Hirn zum Sieden bringen ; dazu der schwere Tornister , das schwerere Gewehr auf den wundgewetzten Schultern ... und doch , es hat Keiner gemurrt . Aber hingefallen sind ein paar , und konnten nicht wieder aufstehen . Zwei oder drei erlagen dem Sonnenstich und blieben gleich tot . Ihre Leichen wurden auf einen Ambulanzkarren geladen . Die Juninacht , so mond- und sterndurchleuchtet , so warm sie auch ist , ist doch entzaubert . Man hört keine Nachtigallen und keine zirpenden Grillen ; man atmet keine Rosen- und Jasmingerüche . Die süßen Laute werden durch die scharrenden und wiehernden Pferde , durch die Stimmen der Leute und das Geräusch der Patrouillenschritte unterdrückt ; die süßen Gerüche durch Juchten-Sattelzeug- und sonstige Kasernenausdünstungen überduftet . Aber das ist noch Alles nichts : noch hört man nicht festende Raben krächzen , noch riecht man nicht Pulver , Blut und Verwesung . Das Alles kommt erst - ad majorem patriae gloriam . Merkwürdig , wie blind die Menschen sind ! Anläßlich der einst » zur größeren Ehre Gottes « entflammten Scheiterhaufen brechen sie in Verwünschungen über blinden und grausamen , sinnlosen Fanatismus aus , und für die leichenbesäeten Schlachtfelder der Gegenwart sind sie voll Bewunderung . Die Folterkammern des finsteren Mittelalters flößen ihnen Abscheu ein - auf ihre Arsenale aber sind sie stolz ... Das Licht brennt herab , die Gestalt in jener Ecke hat sich verflüchtigt - ich will mich auch zur Ruhe legen , neben unseren guten Puxl . « - - - - - - - - - - - - - - - Auf einem Hügel oben , in einer Gruppe von Generälen und hohen Offizieren , mit einem Feldstecher am Auge : das ist die an ästhetischen Eindrücken ergiebigste Situation in einem Kriege . Das wissen auch die Herren Schlachtenmaler und Zeitungsillustratoren : bewaffneten Auges rundschauende Feldherren auf einer Anhöhe werden immer wieder gezeichnet - ebenso oft , wie die an der Spitze ihrer Truppen auf einem möglichst weißen , hochtrabenden Pferde voranstürmenden Führer , welche , den Arm nach einem rauchenden Punkt des Hintergrundes ausgestreckt , den Kopf zu den Nachsprengenden umgewendet , offenbar rufen : » Mir nach , Kinder ! « Von der Hügelstation herab sieht man wahrlich ein Stück Kriegspoesie . Das Bild ist großartig und genügend entfernt , um wie ein richtiges Gemälde zu wirken , ohne die Schrecken- und Ekelhaftigkeiten der Wirklichkeit : kein fließendes Blut , kein Sterberöcheln - nichts als erhaben prächtige Linien- und Farbeneffekte . Diese auf der langgestreckten Straße sich fortschlängelnde Heersäule , dieser unabsehbare Zug von Fußvolkregimentern , von Kavallerieabteilungen und Batterien ; dann der Munitionstrain , requirierte Bauernwagen , Packpferde und hinterher noch der Troß . Noch gewaltiger gestaltet sich das Bild , wenn auf der unter dem Hügel ausgebreiteten Landschaft nicht nur die Fortbewegung eines , sondern der Zusammenstoß zweier Heere zu sehen ist . Wie da die blitzenden Klingen , die