« » Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten - ? « » Danke verbindlichst ! Aber verzeihen Sie - ich muß doch bemerken , Herr Doctor - « » Ja - ? « » Daß Sie den Ernst der Stunde ein Wenig zu unterschätzen scheinen - « » Meinen Sie ? - Ach nee ! Doch - offengesagt - : - ich finde die ganze Geschichte dämonisch kleinlich , albern , überflüssig , trivial ... und vor Allem empörend langweilig ... Gestatten Sie übrigens , daß ich mir ein Exemplar meiner Virginia zu Gemüthe ziehe . Hoffentlich finden Sie nicht , daß unser ehrenwerther , blutrother Pistolenspeech durch ein paar blaue Rauchwolken entweiht wird - ich meine im Gegentheil : derartige Akte dürfen des Weihrauchs nicht entbehren - sie möchten sonst zu nüchtern und zu schamlos nackt sein - « Herr von Schnauzl war etwas unruhig geworden . Er wußte nicht recht , wie er diesen Herrn Doctor nehmen sollte ... Sollte er sich durch diese Art der Gesprächsführung auch beleidigt fühlen und ... und die ganze Verhandlung abbrechen ? Grund genug dazu hatte er schließlich erhalten durch die höhnisch-moquante Art , mit welcher der Gegner seines Freundes sich aufspielte . Aber er hatte ja noch nicht einmal die Forderung selbst normirt - und darum - - Adam hatte sich in den Sessel geworfen , der vor seinem Cylinder-Bureau stand , und betrachtete sein schräges Gegenüber . Herr von Schnauzl machte ihm durchaus keinen sympathischen Eindruck . Das ganze Wesen dieses würdigen Jünglings athmete eine gewisse Freude darüber , das er auf der Welt war ... und daß diese Welt nun gezwungen wurde , ihn ernst zu nehmen ... Von der Wichtigkeit seiner momentanen Mission schien der mittelgroße , wie durch eine unnatürliche Gliederverkürzung corpulent gewordene Herr ganz außerordentlich durchdrungen zu sein . Sein volles , möhrenrothes Gesicht hatte etwas Verschobenes , Zusammengedrücktes , gleichsam versetzt Asthmatisches , zugleich etwas unbeholfen Böckisches , schnaufend Einhackendes , das eminent komisch wirkte . Auf beiden Seiten der prachtvoll gewölbten Nasenkuppel zogen sich abwärts zu dem gewöhnlich breiten Munde zwei markante Falten , wie Pfützenrinnsale in Miniatur-Ausgabe . Das Kinn war ungefüg und schwulstig , die Stirn schmal und niedrig , hökrig , mit Hitzblüthen betupft , die Ohren auffallend klein , das kurze , röthlich blonde Haar so elegant und peinlich correkt frisirt , wie es bei seiner verschüchterten Spärlichkeit nur irgend möglich war . Hm ! Idealisirter Bierhuhn-Stil . - » Herr von Bodenburg fühlt sich durch eine Aeußerung Ihrerseits , die Sie zwar nicht direkt an ihn gerichtet haben , die er aber dem ganzen Zusammenhange nach auf sich beziehen mußte - also dadurch , daß Sie von dem Ersten Besten , sprachen , in dessen Arme - ich glaube , so drückten Sie sich aus - - « » Ach ja ! Ich erinnere mich ... Nun , - ich weiß schon - also wie gesagt - : auf eine weitere , revocirende Erklärung lasse ich mich nicht ein . Des Kuriosums halber : Herrn von Bodenburgs Forderung - ? « Adam war ungeduldig geworden und aufgesprungen . Er hatte die Komödie mit diesem dummen Jungen satt . Lächerlich ! Im Nebenzimmer hörte er Hedwig hastig , aufgeregt hin- und hergehen . Die Erwartung der Entscheidung ihres Schicksals schien sie mit immer wachsender nervöser Unruhe zu erfüllen , je länger sich diese Entscheidung hinausschob . In der nächsten halben Stunde stand er vor ihrem Vater und hatte mit diesem eine ungleich ernstere und wichtigere Auseinandersetzung zu bestehen . Was gingen ihn da diese Krautjunker an , die nichts Anderes zu thun zu haben schienen , als sich in das erbärmlichste Zeug von der Welt , in den conventionellsten Phrasenschnickschnack festzubeißen ? Eine Unverschämtheit , ihr lächerliches Nichts hier vor ihm zu einer Haupt-und Staatsaktion aufzublähen ! » Die Forderung Herrn von Bodenburgs : also auf Pistolen - fünfzehn Schritt Distance - zweimaliger Kugelwechsel - mit Zielen - « » So ? Danke sehr ! Im Uebrigen also theilen Sie Herrn von Bodenburg nur gefälligst mit , daß ich seine Forderung nicht annehme - « » Nicht - ? « » Nein - ! « » Und darf ich fragen , aus welchem Grunde - ? « » Aus welchem Grunde ? Hören Sie ' mal , lieber Herr - : ich wäre wohl kaum verpflichtet , Ihnen meine Gründe auseinanderzusetzen . Es würde uns auch zu lange aufhalten , bin pressirt . Ich sage Ihnen nur , daß ich durchaus kein prinzipieller Gegner des Duells , speciell der Pistolenmensur , bin - durchaus nicht ! Aber ich halte zunächst Herrn von Bodenburg in keiner Weise für den Menschen , der würdig wäre , daß ich ihm mit der Waffe in der Hand gegenüberträte - « » Ich muß doch bitten Herr Doctor ! Ich bin hier sein Vertreter ... gleichsam in dieser Angelegenheit mit ihm identisch - und ich würde nun doch endlich gezwungen sein mich selber als beleidigt zu betrachten , wenn - - « » Das sollte mir leid thun , Herr von ... Schnauzl - ich würde es aber nicht ändern können . Uebrigens wenn Sie mit Ihrem Mandanten identisch sind - warum kommt er denn da nicht selber zu mir ? Wäre er vorhin anstatt zu Ihnen zu mir gegangen , hätte er - na ! da hätte er eben unsere liebe Emmy , den kleinen , reizenden Zankapfel , bei mir antreffen können . Wir hätten dann jedenfalls sehr bald Frieden geschlossen . Frauen entzweien zwar leicht und wohl in gewissen Fällen auch nicht gerade ungern - haben aber doch auch wieder einen riesigen Versöhnungstic ... Die Emmy war ganz außer sich vor Aufregung ... Nun - und dann - « » Ja ! Ihre weiteren Gründe - ? « » Ich lasse mich nur mit - verzeihen Sie ! - nur mit Meinesgleichen ein - Herrn von Bodenburg aber für Einen Meinesgleichen zu halten - ja ! - es sträubt sich Etwas in mir dagegen - ich glaube übrigens wirklich - ich kann ' s mir wenigstens nicht anders erklären - Sie werden wohl besser orientirt sein - kennen ihn ja näher - nicht ? Ihr Herr Mandant kränkelt auch ' n Bissel am modernen Größenwahn - ? Sich mit mir - na ! - hören wir damit auf - nix für ungut , Herr von Schnauzl - ja ! - also - und dann ... dann schlage ich mich noch , wenn ich die Ueberzeugung habe , daß ich für etwas Prinzipielles eintrete ... eintreten muß . Kindische Lappalien indessen - « » Sie lehnen die Forderung also definitiv ab - ? « » Ja ! - Außerdem giebt es noch einen Fall - « » So wollen Sie mir wenigstens bestätigen , daß ich Ihnen die Forderung Herrn von Bodenburgs überbracht habe - « » Mit Vergnügen ! Wünschen Sie eine schriftliche Erklärung - ? « » Nein ! Ich danke . Die mündliche Décharge genügt mir ... Ich empfehle mich ! Adieu ! « » Ich habe die Ehre ! Adieu ! - « Adam trat zu Hedwig in ' s Schlafzimmer . » Und nun will ich mich fertig machen und zu Deinem Vater gehen , mein Lieb . Verzeih die Verzögerung - die dumme Geschichte ließ sich aber nicht fixer abwickeln . Mein Gott ! Was habe ich seit gestern Abend bis heute Mittag nicht schon für Scenen erlebt ! Das geht auf keine Bärenhaut . Und eine immer schöner als die andere ! Na ! Nächstens werde ich meine Memoiren schreiben . ' S wird Zeit . Aber der Hauptcoup kommt noch . Hm ! Doch auch dieser Kelch wird sich wohl noch austrinken lassen . Himmel , hast du keine Flinte ! Mir ist doch immer noch nicht wohler . Diese dummen , stechenden Hitzeschauer ! Die Luders springen an Einem auf und ab , als wäre man ' ne Kletterstange . Wie gefiel Dir übrigens der Herr von Schnauzl ? Eine unglaubliche Leineweberseele ! Nee ! So ' n Trauerweiderich ! Eh bien ! Unser ' m Herrgott darf als Generallandwirth auch der zweibeinige Viehbestand nicht fehlen ... Es wird Einem manchmal wirklich zu schwer gemacht , nach Buddha ' s Recept Mitleid mit allem Erschaffenen zu haben - « » Und habe Nachsicht mit meinem armen , alten Vater , Adam ! Er wird sehr unglücklich sein ... Ach ! Das hätte ich ihm doch nicht anthun sollen ... Wenn Du ihn nur noch - wenn er nur noch - o Gott ! der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen , daß - - und diese Angst - diese furchtbare Angst - ! Und bitte für mich bei ihm , Adam - ! « » Für Dich ? Für uns , Hedwig ! Am Meisten aber für mich . Denn ich habe ihm sein Kind genommen . Und nun leb ' wohl , mein Lieb ! Wo hab ' ich nur meine Handschuhe ? Du kannst unterdessen ganz ruhig hier bleiben - Du bist ganz ungenirt . Nimm Dir ' n Buch vor und ließ ' n Bissel ! Da Daudets Tartarin ! Der drollige Kerl wird Dich aufheitern . Ich komme sofort zu Dir zurück . Es wird sich schon Alles ordnen lassen . Adieu - ! « » Adieu , Adam ! - Und - und - - « Die Beiden küßten sich . Hedwig wandte sich laut aufschluchzend ab . - Adam ging langsam die Treppen hinunter . Das Gehen wurde ihm schwer . Er fühlte sich doch noch recht unbehaglich , so unruhig , schwül , wie charpiezerzupft . Wie ein Träumender ging er langsam durch das Leben der Straße . Er konnte sich nicht in das Treiben der Dinge um ihn herum hineinfühlen . Alles gurgelte hohl und dumpf an ihm vorüber , huschte und flirrte wie Schatten an ihm vorbei . Eine dicke , unerklärliche , nur matt transparente Schicht trennte ihn von Allem , was ihn umgab ... eine Schicht , die er fast physiologisch als eine schwankende , gallertartige , milchweiße Substanz wahrnahm . Er war ganz auf sich angewiesen , auf sich zurückgedrängt , in sich hineingeschoben . Das Alles , was da vor ihm , neben ihm , hinter ihm geschah , hatte keine Beziehungen zu ihm , ging ihn nichts an , das Alles verstand er nicht . Und nach einer halben Stunde ging er wiederum sehr langsam die Treppe zu Irmers Wohnung hinauf . In seinen Schläfen stach und zerrte es heftig . Nun stand er schwer athmend oben und hatte das blanke , messinggelbe Namensschild vor sich und daneben den kleinen , weißen , flachaus gehöhlten Porzellanknopf der elektrischen Klingel . Pfui ! Wie der Kerl mit seiner eingedrückten Glatze grinste ! Adam stand vor der Entscheidung . Er horchte einen Augenblick gespannt , ob er hinter dieser Thür verdächtige , auffällige Geräuschzeichen wahrnähme . Es war Alles todtenstill . Das stimmte ihn noch ernster , schwerer , machte ihn noch muthloser , erfüllte ihn mit bangen Ahnungen , Erwartungen , quälenden Vermuthungen , steigerte seine Unruhe und Aufregung . Endlich raffte er sich auf und drückte mit forzirter Heftigkeit auf diesen ekelhaften , kleinen , weißen , flach ausgehöhlten Porzellanknopf . Scharf und schneidend , wie unerbittlich , schlug die Glocke an . Adam zuckte zusammen . Dort die Treppenstufen , welche er noch , indem er sich die peinliche Rechtfertigung ersparte , vor einer halben Minute hätte unbehelligt zurückgehen dürfen - diese dummen , lächerlich selbstverständlichen und neutralen Treppenstufen waren ihm jetzt ein verbotenes Reich , das verboten blieb , so heiß er es auch ersehnte ... Er dachte daran , wie er sich heute Nacht an der Seite Hedwigs an diesem Geländer hinuntergetastet . Da waren sie dem Leben , der Freiheit , dem Genuß entgegengegangen . Und nun stand er hier und stellte sich zur Abrechnung mit dem Vater , dem er sein Kind genommen . Aber jetzt wurde eine Thür zugeschlagen - Schritte schlürften heran - die innere Thürklinke ging nieder - XV. - Und die Thür that sich auf . - » Herr Doctor Irmer zu sprechen ? « fragte Adam das Mädchen mit halblauter , stolpernder Stimme . Das Gefühl beherrschte ihn ganz , daß er im nächsten Augenblicke vor seinem Richter stehen würde . Es war so altfränkisch , dieses anklagende , beängstigende Gefühl , Adam empörte sich auch ganz gewaltig gegen das Rudiment aus seinen Kindertagen , wie er es affektirt geringschätzig nannte , aber es war doch da , war doch in ihm , es ließ sich weder durch einen brutalen Gewaltakt des Willens noch durch ein logisches Raisonnement hinwegdisputiren . Adam hatte alles Selbstbewußtsein , alle Ueberlegenheit verloren . Er abstrahirte allerdings aus der Erinnerung , daß er seine ganze Sicherheit wiedergewinnen würde , sobald er erst mitten im Feuer stände und es zu starken Individualitätsreibungen gekommen wäre - er hatte diese seelische Erscheinung so oft schon an sich erlebt . Nur das Unklare , Ungewisse erregte ihn , wühlte ihn so auf , machte ihn so ängstlich und furchtsam . Seine Phantasie trieb Alles auf , zog sogleich die letzten Schlußfolgerungen , zeigte Alles von der unerträglichsten Seite , malte Schwarz in Schwarz . Adam hatte auf dem Boden seiner Natur sehr bedeutende Neigungen für ein beschauliches Künstlerleben . Ader früh war er in allerlei Mißverhältnisse gerathen , die seinen anfangs ziemlich schwachen , nachher immermehr gewachsenen Widerspruch herausgefordert . Wenn es irgend anging , lebte er mit der Welt am Liebsten in Frieden , das heißt : hielt er sich diese feudale Welt zehn Schritt vom Leibe - : um damit den erforderlichen , günstigen Beobachtungsstandpunkt zu gewinnen , wie er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit vorlog . Aber zugleich war doch in seine Natur ein heftiger , fahriger , unruhiger , widerspruchssüchtiger , bekehrungswüthiger Zug gekommen , der ihn immer wieder mitten in die Dinge hineinriß ... und mit der Zeit seiner ganzen Persönlichkeit immermehr etwas Herausforderndes , abweisend Kritisches , Aetzendes gegeben hatte . Ein gewisser Leichtsinn , dessen Keim Adam jedenfalls von seinem Vater ererbt ; eine behende Sorglosigkeit ermöglichten es ihm dann öfter , eine Weile seelenvergnügt in Verhältnissen auszuhalten , die sehr unerquicklich und peinlich werden mußten , wenn sie sich zuspitzten . Adam war sich dieses unangenehmen Endes auch klar bewußt . Seine Phantasie war ja sehr werklustig und übertreibungskundig , sehr ausmalungsbeflissen . Aber er hielt es nicht der Mühe für werth , Versuche zu machen , um jenes unangenehme Ende abzuwenden oder , war das nicht möglich , wenigstens abzuschwächen . Er war nicht einmal im Stande , sich auf widerwärtige fünfte Akte vorzubereiten , wenn sie durchaus unvermeidlich waren . Er ließ sie , öfter beinahe etwas wie Neugier und Gespanntheit in der Seele , getrost an sich herankommen . Dann fiel er ihnen zunächst zum Opfer , indem er , unmittelbar vor ihnen stehend , heftig zurückschrak . Schließlich wurde er mitten in einen solchen fünften Akt hineingeschoben ... und machte sich ' s mit der Zeit ganz bequem darin . Alle Widerstandskräfte wurden in ihm ausgelöst , er hatte sich allenthalben zu verantworten , zu vertheidigen , er mußte erklären und aufklären - und that das im vollen Bewußtsein seiner geistigen Fülle , Kraft und Ueberlegenheit . Er sah ja immer tiefer und schärfer , fühlte stärker und klarer , als alle die Kreaturen , die es für ihre Pflicht hielten , sich mit breitspuriger Wichtigthuerei an ihm abzuwursteln . Er lachte auf die Zwerge herab , mußte sich aber ihren läppischen Resultaten fügen ... so oft fügen ... wenn er eben auch die äußere Möglichkeit behalten wollte , ab und zu den Riesen zu spielen . Nun stand Adam wieder einmal , in gewisser Hinsicht ein » unsicherer Kantonist « , vor einer Entscheidung . Sie war ihm überaus lästig und unbequem . Er bebte vor ihr zurück . Wer konnte wissen , welche Folgen diese Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater für ihn haben würde ! Wenn Alles sehr mißlich für ihn ablief - zu verwundern war ' s nicht . Gar nicht . Wenn er nur vorher wüßte , ob Irmer ihm recht aufgebracht entgegentreten würde ! Geschähe das - nun ! dann würde er schon zu antworten wissen . Explosionen liebte Adam . Sie erleichtern so ... und bleiben in der Regel so hübsch in der ungefährlicheren Peripherie ... machen so oft den Kern einer Sache - einer » Schuld « , die gesühnt ; einer » Sünde « , die gerächt werden soll - ganz vergessen . Explosionen sind sehr praktisch . - » Ich weiß nicht , ob der Herr Doctor - « begann das Mädchen zögernd , beklommen . - Adam bemerkte unwillkürlich , daß sein Gegenüber recht bekümmert , wie starkverweint um die Augen herum , aussah . Es hatte so gar keine deutlicheren Farben im Gesicht . » Ist er sehr leidend - ? Dann könnte ich ja - wenn auch - - es wäre mir doch wichtig - - « » Ja ! Der Herr Doctor ist sehr leidend - er liegt zu Bett - er hat sich wieder hinlegen müssen - aber Sie kommen gewiß von wegen unseres Freileins - - « » Ja ! Ja ! Nun machen Sie doch ! Führen Sie mich an sein Bett - oder - Hedwig wartet - - « » Hed ... Mein Gott ! Dann kommen Sie nur ! Aber ich wills doch lieber dem Herrn Doctor erst sagen - bitte treten Sie so lange ein - « Und nun stand Adam wieder in dem Zimmer , in welchem er gestern Abend so Vieles erlebt hatte , was für ihn bedeutsam und entscheidend geworden war . Dort an dem Fenster - nein ! es war doch eigentlich zu närrisch ! - dort hatte er sich seine ... seine Braut erobert . Es hatte ihn Mühe genug gekostet . Nun ! Er hatte ja seinen Lohn dahin . Er hatte erreicht , was er halb bewußt , halb unbewußt gewollt hatte . Aber nein ! Das konnte sich ja unmöglich Alles so ereignet haben , wie er da glaubte - das wäre ja der pure , blanke Wahnsinn gewesen - ! Quatsch ! Seine Phantasie war wieder einmal mit ihm durchgegangen . Sie hatte doch sonderbare Passionen , diese merkwürdige Phantasie ! Manchmal wurde sie ganz unheimlich . Diese Vexierspiele streiften schon an .... an - natürlich an Verrücktheit ... Adam strich sich mit der Hand über Augen und Stirn . Und doch - aber nein ! nein ! Und noch zehntausendmal nein ! Er wartete ja auf das gnädige Fräulein , dem er einen conventionellen Besuch ... eine ganz formelle , gleichgültige Visite machen wollte - na ! die Prinzessin ließ ein Wenig lange auf sich - auf sich ... » warten « - nun könnte sie doch eigentlich ... nun könnte sie doch eigentlich kommen ! Was dachte sie sich denn ? Er stahl doch wahrhaftig seine Zeit nicht - Adam fühlte sich arg beleidigt . Er wollte es ihr schon zu verstehen geben , dieser - - Da öffnete sich die Thür und Doctor Irmer trat ins Zimmer , langsam , ganz langsam . Es machte ihm sichtbar Mühe , die Thür hinter sich nachzuziehen . Adam starrte den Eintretenden wie eine räthselhafte , ganz unerklärliche Erscheinung an . Was war denn das ? Nun sollte er sich auf einmal zwischen Traum und Leben entscheiden . Was sollte er denn für Leben , was für Traum halten ? Unwillkürlich paßte Adam Auge , und Intellekt mehr und mehr dem Phänomen , das er da vor sich sah , an . Ob es nun Täuschung , ob es Wahrheit war - er kam schließlich doch so weit , daß er so ziemlich unverworren mit der Thatsache , die sich ihm grell aufdrängte , die er sich aber doch noch nicht ganz zu eigen machen konnte , rechnete Irmer hielt sich den um ihn herumschlotternden Schlafrock in der Bauchgegend mit der linken Hand zusammen . Die ganze Gestalt war geknickt , gebrochen , überaus hülflos . Der Kopf hing auf die Brust herab , wie von der Klammer eines unwiderstehlichen Zwanges heruntergepreßt . Das Gesicht war bleich und welk , seine Furchen und Falten traten erschreckend scharf hervor . Das spärliche , mehr wasserfarbene als graublonde Haar stand in ungeordneten Büscheln auf dem Scheitel herum . Dazu müde , todte Augen und rothentzündete Lider . » Herr Doctor « - - begann Adam leise , stockend , ganz rathlos ... und trat einen Schritt zur Seite . Irmer nickte nur schwer mit dem Kopfe , ein Nicken wie das eines Blödsinnigen , der nicht wußte , was man von ihm wollte . Der schwerleidende Mann schlich quer durch das Zimmer nach der Ecke hin , wo sein Schreibtisch stand . Langsam ließ er sich in seinen breiten , wackeligen Sessel fallen . » Sie kommen - « knüpfte er mit seiner müden , amorphen , hökrig-verschleierten Windstimme an , nachdem er einige Male schwer , pfeifend geathmet hatte - » Ich komme , Herr Doctor , um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen - Hedwig ist bei mir - - « » Ist - bei - Ihnen - so ! So - ! « » Ja ! Und nun verzeihen Sie uns , Herr Doctor - mir und meiner Braut - « » Ihrer - Braut ! Hm ! Ja ! - Ja ! - Mein armes Kind - « » Herr Doctor - ! « Adam athmete wie von einem schweren Drucke befreit auf . Gott sei Dank ! Nun schien es doch zum offenen Kampfe kommen zu wollen . Da erhielt er ja unter Umständen Gelegenheit , seine ganze Dialektik zu entfalten . Nur sich nicht so wehrlos von halb verschwiegenen , halb angedeuteten Vorwürfen , von Anklagen , die tropfenweise durchsickern , martern lassen müssen - - » Mein armes Kind ! Sie haben es mir genommen - - « » Ja ! Ich weiß es . Und ich nehme auch alle Schuld auf mich . Ich werde zu sühnen versuchen , was ich verbrochen habe - wenn das , was ich gethan , wirklich ein Verbrechen war - « Adam war trotzig geworden . Das schleppte sich so langsam hin . Die Flamme fraß sich so widerstrebenden Zahnes , wie störrisch-gelangweilt , unter der Oberfläche fort . Das war alles so neblig , so schleimig . Er mußte seinen Gegner durch eine Kühnheit , ja ! durch eine - Unverschämtheit herausfordern , wenn Schwung und Stil in diese vage Abrechnung kommen sollte . Irmer hob seine linke Hand , die schielend und unbestimmt auf dem Schreibtische gelegen , schwerfällig in die Höhe und ließ sie schnell wieder niederfallen , als besäße er keine Macht mehr über Muskel und Gelenk . Dazu schüttelte er ein Wenig den Kopf , sagte aber weiter Nichts . » - ' s scheint Ihnen nichts daran zu liegen , Herr Doctor , daß wir uns näher aussprechen - « nahm Adam wieder das Wort , einen hochfahrenden Ton in der Stimme . » Ich hatte allerdings erwartet , daß - nun ! vielleicht ist es besser , wenn wir einfach mit der vorliegenden Thatsache rechnen . Ich bin auch damit zufrieden . Die Frage ist jetzt also die , ob Sie gestatten , daß Hedwig so lange zu Ihnen zurückkehrt , bis ich in der Lage bin , sie als mein eheliches Weib ... - also ... meinetwegen - : heimzuführen ... Das kann noch eine Weile dauern - darüber können noch einige Monate hingehen - ich muß mir erst eine Situation schaffen , die mir erlaubt - - « » Mein Kind ! Mein Kind ! Meine einzige Hoffnung - meinen einzigen Halt nehmen Sie mir , Herr Doctor ... haben Sie mir genommen ... was soll ich nun noch hier ? Es ist ja Alles für mich vorbei - Alles werthlos geworden . Blut und Jugend sind stärker gewesen , als alle meine Einflüsse ... als alle Erfahrungen und Erkenntnisse , die ich Hedwig einzuflößen gesucht , durch die ich sie mit der Zeit immermehr gefeit glaubte . Ich habe ja doppelt ... Doppeltes verloren . Ich mache Ihnen keinen Vorwurf . In dieser langen , schlaflosen Leidensnacht , die ich hinter mir habe - möge Ihnen das Schicksal solche Nächte ersparen , Herr Doctor ! - in dieser Nacht ist mir auch wieder so Manches eingefallen , was Sie gestern Abend in unserem Gespräche geäußert ... da ist mir erst klar geworden , wie Sie Verschiedenes eigentlich gemeint haben . Vieles wird so verständlicher . Was zwischen Ihnen und meinem armen Kinde sonst noch vorgefallen ist - das mögen Sie vor sich selber verantworten ... beide ... gegenseitig . Ich will wenigstens versuchen , Herr Doctor , Ihnen zu vertrauen . Man urtheilt ja immer nur aus der Enge bestimmter , vorliegender Verhältnisse heraus . Wenn Hedwig von mir gehen will - und sie hats ja bewiesen , daß sie ' s kann - - ich muß mein Kind ziehen lassen - ich habe nicht das Recht zu verlangen , daß es bei einer Ruine , die man nur studiren , aber nicht anbeten soll , wie Sie gestern Abend sagten , Herr Doctor - daß es da noch mehr verkümmern soll , als es vielleicht schon ist . Ich bin heute Nacht , als ich ... beim Ausbruch des Gewitters ... nach meiner Tochter rief - und sie nicht kam - und ich dann entdecken mußte , daß sie mich verlassen hatte - - - nachher dann - da habe ich - da kamen dann Stunden , wo ich um Vieles wieder menschlicher geworden bin , wenn ich so sagen darf ... Auch mein Trost in der Philosophie - meine Gewißheit , durch philosophisches Denken und Anschauen erlöst zu sein , die Phänomene des Lebens überwunden zu haben , war wohl ein schwerer Irrthum , eine furchtbare Illusion , eine grausame Selbsttäuschung ... Es ist ja Alles nur Nervenanlage . Bion - Seneka - Spinoza - sie forderten - nichts Unnatürliches von ihrem Organismus , wenn sie entsagen wollten ... sie waren darauf gestimmt . Wir Modernen sind Stümper , Materialisten , Epikureer ... und wir bleiben es , mögen wir uns nun drehen und wenden , wie wir wollen . Wenn wir in späterem Alter auf Dieses und Jenes verzichten , so sind wir eben zu stumpf geworden , um es noch begehren zu können . Das hat Alles seine natürlichen , psychophysiologischen Gründe . Nun ich mein Kind verloren habe , bin ich ganz wehrlos geworden für ' s Leben . Und wenn Hedwig auch wieder zu mir zurückkehrte - - ich habe doch das Gefühl eines ungeheueren Risses , der durch unser Verhältniß gegangen ist und der nicht zu heilen wäre . Um gegen Sie aufstehen zu können , Herr Doctor ... um Ihnen leidenschaftlich zürnen - mit Ihnen um mein verlorenes Kind kämpfen zu können - dazu bin ich zu müde und schwach geworden . Es ist nichts mehr mit mir . Ich habe keine Kraft mehr in Leib und Seele - - höchstens noch so viel , um diesem Jammer ein schnelles Ende machen zu können . Und so weit bin ich heruntergekommen , daß ich es nicht einmal mehr aus Liebe zum Tode , sondern nur aus Furcht vor dem Leben thun würde . Das schmerzt auch . Noch ein anderer Grund kommt hinzu . Da ein Brief - ich soll - - aber das verliert ja dann auch seine Berechtigung , wenn - - es ist ganz gut , Herr Doctor , daß Sie sich Hedwigs annehmen ... Sie mögen sehen , wie Sie beide zusammen mit dem Leben fertig werden ... « Irmer brach ab . Er hatte die letzten Sätze mit fast ganz unverständlich gewordener Stimme gesprochen , nur noch mühsam aus sich heraussickern lassen . Adam hatte mit aller Macht aufmerken müssen , um seinen ... Schwiegervater auch nur einigermaßen zu verstehen . Er war nun doch so etwas wie erschüttert und ergriffen . Zugleich aber auch skandalös verstimmt . Hm ! Hatte er denn nicht , allerdings nur ganz im Stillen gehofft , daß es zu einem regelrechten Kampfe um Hedwig zwischen diesem Manne da und ihm kommen würde ? - Und hatte er nicht die ... die teuflische Absicht gehabt , in diesem Kampfe - freiwillig zu unterliegen ? Ja ! Gewiß ! Diese Absicht wäre teuflisch gewesen und ruchlos - warum auch nicht ? - wenn er sie verwirklicht hätte . Aber er hätte sich in seiner sehr gefährlichen Situation kaum anders helfen können . » Liebte « er denn Hedwig ? War ihr Besitz denn eine » Lebensfrage « für ihn ? Scheibenschießen ! Und nun war von einer ehrlichen Auseinandersetzung keine Rede . Der Herr da verzichtete , er begnügte sich mit einer Reihe sentimentaler Lamentationen und wehmüthiger Betrachtungen - und Adam sah sich durch die Zusammenknotung der Verhältnisse mit einem Male gezwungen , das Leben von einer Seite ernst zu nehmen , mit der seine sublim vibrende Natur bis dahin nur gespielt ; über die sie nur gespöttelt ; die sie nur sehr aus der Entfernung herausgefordert hatte . Das war recht fatal . Aber andrerseits war es doch unmöglich , daß er jetzt plötzlich zurückhalte , andere Saiten aufzog und seinem liebenswürdigen , willfährigen Schwiegerpapa in ausführlicher Rede zu Gemüthe führte , daß es für beide Parteien wahrlich am Besten wäre , wenn er auf die Ehre , eben sein Schwiegerpapa zu werden , verzichtete - nicht ? das war doch ganz unmöglich ! Adam wurde dem alten , hülflosen , gebrochenen Manne ernstlich gram . Er schalt ihn den ärgsten Egoisten von der Welt . Denn wenn er nicht immer nur an sich und seine eigenen Schmerzen dachte , mußte