Blicken , das alles hingegeben und für ihren höchsten Besitz nichts eingetauscht als die Kenntnis , wie Strohfeuer brennt und erlischt . Es war , als trotzte aus seinen Augen das Mannesrecht . » Vielleicht , « sprach sie endlich mit grausamer Härte , » ist für Dein schwankendes Herz die Entscheidung heute noch ein zu bitterer Kelch , den Du lieber nicht tränkest . Aber ich will ihn Dir doch reichen . « Sie richtete sich höher auf und legte ihren Arm in den Lanzenaus , als solle der sie in der nächsten Minute fortführen . » Lieber Freund , « sagte sie , » Sie haben die Güte , nachher an die Vormundschaft der jungen Grafen Itzelburg zu schreiben , daß Herr von Herebrecht die ihm angebotene Administratorstelle annimmt und daselbst eintreffen wird , sobald nur irgend der Zustand einer kleinen Verwundung , die er bei der Jagd erhalten , ihm zu reisen gestatte . Auch bitte ich Sie , unsern Herrn Pastor darauf vorzubereiten , daß Herr von Herebrecht noch heute um die Hand seiner Pflegetochter anhalten wird . Der Pastorin mag man sagen , daß ich mein früher gegebenes Versprechen , Severina auszusteuern , selbstverständlich so glänzend erfüllen werde , als es mir nur irgend möglich ist ; habe ich doch das Vergnügen , sie in den Kreis meiner Verwandten treten zu sehen . « Sie sprach , als sei Joachim nicht zugegen ; sie ging , als höre sie nicht seinen jähen Verzweiflungsruf : » Fanny - Fanny ! « Er blieb allein in der maßlosesten Erregung , unfähig , aus Bett gefesselt . Und ihm war es in diesem schrecklichen Augenblick , als habe er nur Fanny allein geliebt , als könne er ohne sie nicht leben . Sie aber war gegangen , Verachtung im Herzen , und nie - das fühlte er , nie würde sie ihn wieder vor ihr Angesicht lassen . Er wollte sich erheben - ihr nach - ihr nach . Allein die von der Aufregung gesteigerte Schwäche warf ihn ohnmächtig zurück . Lanzenau führte die teure Freundin seines Lebens schweigend in ihr Zimmer zurück . O , wie sie ihm dies Schweigen dankte ! Von Schritt zu Schritt fühlte er ihre Hand sich schwerer auf ihn stützen . Oben endlich fiel sie bleich und kraftlos in ihre Sofaecke . Er stand vor ihr und sah sie mit tiefstem Mitleid an . » Mußte es sein ? « fragte er . » Wird Severina ihn so glücklich machen , als Sie es gethan hätten ? « » Nein , « sagte sie , » nein ; das ist die Rache , die mich sättigt . Ganz glücklich wird er niemals sein . Immer und überall wird der Gedanke an mich zwischen ihm und seinem Weibe stehen . « » Ist das unsere edelsinnige Fanny ? « rief er . » Ich bin ein Weib , nur ein Weib , « sprach sie vor sich hin ; » wäre ich es noch , wenn ich mich in dieser Stunde mit großrednerischem Pathos über mein Leid erheben könnte ? Ist es eine grenzenlose Schwäche oder eine schreckliche Kraft - die Kraft , mit jeder Faser echt zu empfinden - genug , ich fühle , daß dieser Schlag die Wurzel meines Lebens getroffen hat . « Sie sagte das alles so eintönig , als spräche sie nur , um ihn nicht durch Schweigen so sehr zu ängstigen . » Nein , Fanny , « sagte er , einen Entschluß fassend , » das darf nicht sein . Sie beurteilen das ganze Geschehnis hart , so hart , wie Frauen immer über Männer urteilen , weil sie nicht verstehen , die ausgleichende Versöhnung zwischen den natürlichen Rechten beider Geschlechter zu finden . Charakter , Ehre , Herz , alles hat Joachim in Ihren Augen verloren , weil sein noch junges Blut , seine noch nicht ausgetobten Jahre nicht die Kraft hatten , die Liebe zu verschmähen , die ihm von zwei Seiten zugleich entgegengebracht wurde . « » Sie nehmen ihn in Schutz - Sie , sein voriger Feind ? Bloß vielleicht , weil Sie meinen , es gilt hier , Ihr ganzes Geschlecht zu verteidigen für das , was ja alle Tage vorkommt ? « bemerkte Fanny herbe . » Ja , alle Tage ! Sollte das nicht ein wenig für die Entschuldbarkeit sprechen ? Lassen Sie sich sagen , daß es tausend und abertausend Männer gibt wie Joachim , liebenswürdig , berufstüchtig , und die sehr erstaunt wären , wenn man ihnen sagte : Sie haben ehrlos gehandelt , weil Sie nicht aufrichtig waren . Diese hegen den selbstverständlichen Begriff von der Liebe , daß sie sich ihrer überall freuen dürfen , so lange sie ihre Jahre des Austobens haben . Sie werden niemals eine Lüge aussprechen , niemals mit einem Herzen spielen , das heißt also , niemals Gefühle heucheln . Aber ihre Liebesversicherungen sind nur die momentanen Wahrheiten der auflodernden Sinne . Der natürliche Egoismus verhindert es , daß sie sich einen rechten Begriff davon machen können , wie die bei ihnen erloschene Flamme noch schmerzlich im Herzen des Weibes fortbrennen könne . Die Treue ist ihnen ein Zukunftsbegriff , in dem sie aber einmal leben werden , denn er bedeutet ihnen das Gesetz , wenn Du erst einmal verheiratet bist , hört dies Getändel auf . Sie werden die besten , liebevollsten Ehemänner und tragen ihre Frauen auf Händen , schon des bloßen Umstandes wegen , weil sie ihnen nur durch die Heirat erreichbar waren . Deshalb dürfen Sie Joachim verzeihen , daß er Severina vor Ihnen liebte , daß ihr Bild noch nicht ganz aus seinem Herzen entwich , als das Ihre hineintrat . Denn Sie sind die Unerreichbare , Sie wird er treu anbeten , wenn Sie vermählt sind . Darum , teure Fanny , rauben Sie sich nicht trotzig das Glück , auf das Sie so lange warteten . « Fanny erhob sich langsam . Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und sah ihn gramvoll an . » Treuer , großmütiger Mann , « sagte sie , » nun versteh ' ich Deine Beredsamkeit ; Du sprichst für ihn , nur damit ich glücklich werde . « Sie schloß die Augen . Einen Herzschlag lang setzten ihre Pulse aus , dann sprach sie , es ging nur wie ein Hauch an des Freundes Ohr vorüber : » Es ist hoffnungslos . Es ist Severina , die ihm noch alles zu geben hat - nicht - ich - ich nicht . « Unwillkürlich , als müsse er sie retten und schützen , faßte er sie in seine Arme . Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter , und Thränen , die ersten Thränen stürzten aus ihren Augen . » Fanny , « sagte er mit zitternder Stimme , » teure Fanny , bedenke Dein ganzes Leben , all Dein nützliches Wirken und wie Deine Augen über so viele sonnenlose Existenzen Licht verbreiten . Laß uns nicht allein - lebe für uns . Wir wollen Dich alle doppelt lieben . « Sie weinte heftiger . » Ich weiß nicht , ob ich das Leben noch tragen kann . « Siebenzehntes Kapitel Der Winter war vergangen , langsam , als sei er nicht vier Monate , als sei er vier Jahre lang gewesen . Joachim hatte sich längst in seiner neuen Heimat eingelebt und rüstete sich nun , zu seiner Hochzeit nach Mittelbach zurückzukehren , nach demselben Mittelbach , das er anfangs Dezember , kaum genesen , verlassen und seitdem nicht wiedergesehen . Aber Severinas Briefe unterrichteten ihn mit der peinlichsten Genauigkeit von allen Vorgängen dort . Er wußte , daß die Pastorin von der Stunde an , daß Severina die Braut eines Edelmannes war und für ihr künftiges Leben die Aussicht auf auskömmliche Verhältnisse hatte , ihre Pflegetochter mit anderen Augen ansah , ihre demütigenden Sittenpredigten nicht mehr hielt und diese glückliche Geschickswendung als eine Belohnung ansah , die der liebe Gott ihr , der opferfreudigen Pflegemutter , geschickt . Er erfuhr auch , daß Magnus durch einige wissenschaftliche Aufsätze viel Erfolg gehabt habe , Weihnacht zu Hause gewesen sei und von Adrienne mit einer besonderen , ernsten Auszeichnung behandelt worden wäre , was Magnus durch die höchste Ehrfurcht im Benehmen erwidert habe . Lanzenau sei sehr kränklich , man spreche von Teplitz und für nächsten Winter vom Süden . Wie ihm das alles gleichgiltig war ! Seine Augen suchten in Severinas Zeilen immer nur nach einem Namen ! Und wenn dieser genannt war , ärgerte er sich über alles , was in Verknüpfung damit berichtet wurde . Er fehlte nie , dieser eine Name . Fanny habe mit verschwenderischer Hand eine Aussteuer beschafft , die für ein gräfliches Haus genügen würde , aber Fanny habe nichts selbst ausgesucht , nichts geprüft . Entgegen ihren sonstigen vernünftigen und geschickt wachsamen Gewohnheiten beim Einkaufen habe sie alles unbesehen beordert und nachher auch kaum einen gleichgiltigen Blick dafür gehabt . Fanny fahre nicht mehr aus ; wenn die Familie Taiß käme , was ungewöhnlich oft geschehe , bleibe sie freudlos und gleichgiltig . Weder lese , noch musizire , noch male man mehr im Schlosse . Die Tage gingen so öde hin , Fanny habe nur unendliche Fürsorge für Lanzenau , andere Menschen schienen für sie nicht vorhanden . Fanny sei sehr gealtert , Fanny sei sehr elend - und so immer Fanny und Fanny . Eine dämonische Verwandlung ging in der Brust des jungen Mannes vor . Mit bedrücktem Gewissen war er abgereist , lange peinigte ihn der unerfüllt gebliebene Wunsch , Fanny noch einmal zu sehen , einen vergebenden Blick von ihr zu erhalten . Dann fing ein leiser Groll über ihre Unerbittlichkeit an , sich in ihm zu regen . Weiter wurde schon ein Vorwurf daraus , daß Fanny eine solche Sache so tragisch nehme und sich das Leben damit vergifte . Beinahe fand er es geschmacklos von einer Frau mit Fannys Verstand . Dann glaubte er , daß sie sich so gebrochen zeige , sei wie ein steter Hinweis auf seinen Leichtsinn , und fand ihre Haltung nicht im Verhältnis zu dem Geschehenen . Wenn alle Frauen und alle Männer einen vorübergehenden Glücksrausch nachher mit einer solchen Lebensjeremiade bezahlen wollten oder sollten , müßte die Erde ja einem Trauerhause gleichen . Und endlich war es ihm , als ob er sie hasse ; und mit immer größerer Gier suchte er in Severinas Briefen ihren Namen und eine Bemerkung , die ihm immer wieder das Recht gab , ihr zu zürnen , sich über sie zu ärgern . Der Gedanke an sie wurde ihm ganz zuwider . Eine fürchterliche Grausamkeit gegen sie erfüllte sein ganzes Herz . Wenn er daran dachte , daß er sie bei der Hochzeit sehen werde , peinigte ihn brennende Neugier , wie sie sich dabei benehmen werde . In manchen Stunden ergriff ihn eine Art sentimentales Bedauern ; wenn Fanny mit der Welterkenntnis einer großen Dame , mit dem weiten Blick einer klugerfahrenen Frau ihren gewiß natürlichen Schmerz niedergedrückt und versucht hätte , zu verzeihen , wie gut Freund hätte man da bleiben können - gewiß , gut Freund fürs Leben . Das war so schade und lediglich Fannys Schuld , daß man nun getrennt war wie durch einen heißfließenden Lavastrom . Aber immer verstummten alle diese angewiderten oder bedauernden Empfindungen sehr schnell . Sie wurden eben nur gelegentlich der Briefe hervorgerufen ; im übrigen war Joachim guter Dinge . Alle seine Wünsche und Pläne waren nur auf das Weib gerichtet , das er im Frühling sein nennen würde . Und Fanny ? Was Severina von ihr schrieb , waren die Resultate dessen , was Fannys Umgebung an ihr beobachtet . In Fannys Herz konnte niemand sehen ; daß sie in den langen Winternächten eine alte Frau geworden war , schien ihr selbst nicht bewußt zu sein . Sie äußerte sich nie über ihr verändertes Aussehen und gab nie durch Klagen über ihr Befinden zu der Vermutung Anlaß , als sei etwa ein körperliches Leiden die Last , an der sie schleppe . Adrienne und Severina hatten ihr alle Pflichten der über Haus und Hof wachenden Herrin abgenommen , ohne daß Fanny es bemerkt zu haben schien . Ihren Bauern erteilte sie keine Audienzen mehr , Vorgänge in den Familien der Dorfbewohner , selbst die leidvollsten , erweckten ihr keine Teilnahme . Wie und womit sie eigentlich ihre Zeit ausfüllte , wußte niemand zu sagen , Fanny selbst am wenigsten . Lanzenau , der in der That ernstlich kränkelte , trug sich mit schweren Sorgen . Wie sollte das enden ? Und was sollte eines Tages aus Fanny werden , wenn er davonginge ? Er erwartete irgend eine Katastrophe vom Tage der Hochzeit , und so sehr er sie anfangs gefürchtet , so sehr riet er endlich dazu , die Rückkehr des Kapitäns von Herebrecht nicht abzuwarten . Er wußte Adriennens Widerstreben zu beschwichtigen , denn diese hatte Joachim das Versprechen abgenommen , mit der Heirat zu warten , bis Arnold heimkäme , was Ende Mai geschehen sollte . Sie selbst sah ein , daß jede Entscheidung wohlthätiger für Fanny sein werde , als dies stumme Erstarren in undurchdringlicher Gedankenverlorenheit . So wurde das Fest denn auf die Mitte des April festgesetzt . Man sprach in Fannys Gegenwart erst zaghaft und dann , als sie kein Anteilszeichen gab , lebhafter davon , in welcher Art die Hochzeit stattzufinden habe . Zuletzt hatte Lanzenau den Mut , Fanny geradeaus zu fragen , ob sie wünsche , daß Adrienne , die Pastorsleute und vielleicht er selbst mit der Braut nach Joachims Wohnsitz reisen , um daselbst die Trauung vorzunehmen . » Nein , « sagte Fanny mit ihrer so müde gewordenen Stimme , aber mit unbewegtem Gesicht , » nein . Ich will , daß die Trauung hier in der Kirche sei und daß dann ein Mahl im Pastorenhause statthabe . « Von da an schien wieder etwas Leben in Fannys Brust zu kommen . Sie wies Severinas schüchterne , dankbare Liebkosungen nicht mehr herbe zurück , sondern sah ihr manchmal mit einem sonderbaren Ausdruck des Mitleids ins Gesicht . Sie zeigte auch dem alten Freunde eine erhöhte Teilnahme , die mit einer schmerzlichen Zärtlichkeit gemischt war , wie man vor einem nahen Abschied sie noch zeigt . So kam der Tag heran , an dem Fanny und Joachim sich wiedersehen mußten . Joachim traf erst am Abend zuvor ein , nahm das ihm bereitete Quartier im Pfarrhause und zeigte eine fröhliche , vollkommen unbefangene Bräutigamsmiene . Jedermann war zu taktvoll , ihm von Fanny zu reden , und weil er nicht nach ihr fragte , so schien es , als existire sie gar nicht für diesen Kreis von Menschen , die ihr ohne Ausnahme so viel verdankten . Severina hatte wohl den Mut gehabt , in Briefen an der Sache zu rühren , darüber zu sprechen , hier in Fannys Nähe fehlte ihr die Unbefangenheit , denn ihr Herz war von einer verzehrenden Unruhe erfüllt , daß Fannys Anblick genüge , Joachims Herz abermals in Zwiespalt zu bringen . » Wenn er erst mein Gatte ist , « gelobte sie sich mit der finsteren Entschlossenheit ihrer eifersüchtigen Natur , » werde ich über ihn wachen . « Wie eine Erlösung kam ihr denn auch die Botschaft von Fanny , daß diese » wegen eines Unwohlseins « nicht an der Vorfeier im Pfarrhause teilnehmen könne , auch aus dem gleichen Grund auf das morgige Festmahl verzichten müsse und nur bei der Trauung zugegen sein könne . Bei der Trauung - dann war Joachim schon ihr Gatte , dann hatte schon der Schullehrer von Mittelbach in seiner Eigenschaft als Standesbeamter sie zusammengegeben . Während im Pfarrhause alles von fröhlicher Unruhe war , saß Fanny allein in ihrem Zimmer am Fenster . Ihre Jungfer hatte gefragt , was für ein Kleid sie bereiten solle . Dasselbe , antwortete ihr Fanny , was sie in der Taißburg an ihrem Geburtstag getragen . Das Mädchen wagte keine Einwendungen , wenngleich es ihr unbegreiflich war , wie die Herrin bei der einfachen Trauung in der Dorfkirche eine so prächtige Ballkleidung tragen mochte . Fanny lächelte , als das Mädchen gegangen war . Sie fühlte ganz klar , daß es kindisch und kleinlich war , ihn durch ihr Gewand an jenen Tag erinnern zu wollen , da er ihr gesagt : Fanny , wie habe ich Dich lieb . Sie fühlte sich aber so erniedrigt , daß ihr Geist mit krankhaftem Bemühen hundert verschiedene Pläne ausbrütete , wie sie ihm für alle Zeiten sein Leben vergällen könne . Und in diesem monatelangen Grübeln war endlich immer wieder die Vorstellung in ihr erstanden , daß ihr Tod , in den sie seinetwegen gegangen , ihm als Vorwurf auf der Seele lasten werde , so lange er atme . Endlich war in ihrem kranken Gemüt diese Vorstellung zur fixen Idee geworden . Ihre Gedanken waren davon gesättigt und beruhigt . Sie wartete auf seinen Hochzeitstag wie auf den Tag der Befreiung . Nun saß sie hier und harrte der Stunde . Adrienne und Lanzenau waren auf ihren Wunsch im Pfarrhause . Sie wollte allein in die Kirche gehen . Die Morgenstunden schlichen entsetzlich langsam . Fanny dachte plötzlich an jenen ersten Abend , an welchem Joachim unter ihr in die Nacht hinaussang und sie oben lauschte . » Die Flammen werden Asche , Das ist das End ' vom Lied , Das End vom alten Liede , Mir fällt kein neues ein , Als Schweigen und Vergessen - Und wann vergäß ' ich dein ? « Mit peinvoller Deutlichkeit erinnerte Fanny sich an seine Stimme , deren Klang sie lange in ihrem Gedächtnis vergebens gesucht . Jetzt , mit den Worten des Liedes , das er damals gesungen , ward der Nachhall in ihrem Ohr lebendig , so lebendig , als stände Joachim vor ihr und spräche zu ihr mit seiner lieben , lustigen Stimme . Vor Schrecken stockten ihre Pulse ; ein Schauder durchrann sie . So neu , als wäre alles erst in dieser Stunde geschehen , stand das Rätsel , das unfaßbare , dieser Art Mannesliebe wieder vor ihr . Das Mädchen kam mit dem Festkleid . Fanny ließ sich schmücken , ohne weiter auf das acht zu geben , was die leisen Hände der Jungfer mit ihr machten . Diese treue Person aber ging von dem Wunsche aus , daß ihre Herrin durch die Pracht ihrer Erscheinung dem » jungen Herrn « beweisen solle , was er verscherzt . Sie behängte Fanny mit so viel Diamanten , als diese nur irgend besaß , und ordnete ihr Haar mit großer Künstlichkeit . Dann mußte sie Fanny in die Kirche begleiten . Der sonnige Apriltag beschien die festlichen Vorrichtungen , Tannenreiser hatte man auf den Weg vom Pastorenhause bis zum Kirchenportal gestreut , welches von Guirlanden umkränzt war . Fanny trat gerade und aufrecht über die Schwelle . Ihre Schleppe fegte die Tannenreiser mit sich . Sie ging bis an den Altar und stellte sich dort neben den Sesseln auf , die für das Brautpaar bestimmt schienen . Sie sah weiß und kalt aus wie ein Steinbild . Die Kirche war von den Dorfbewohnern gefüllt ; von der Hochzeitsgesellschaft war noch niemand zugegen . Allmälich erschienen diese : benachbarte Pfarrerfamilien , einige Verwandte der Frau Pastorin , Lanzenau und Adrienne . Alle kannten Fanny , hatten von ihrem » Unwohlsein « gehört und wollten mit Flüsterfragen nach ihrem Befinden an sie herantreten . Aber sie stand und sah so unbeweglich gerade vor sich hin , daß man glaubte , sie wünsche hier an diesem geheiligten Ort keine profane Unterhaltung . Die Orgel erbrauste . Fanny wandte ihr Gesicht langsam dem Eingange zu ; sie wollte den Schreck auf seinem Gesicht lesen , wenn er sie erblickte . Joachim und Severina traten Arm in Arm ein . Sie hatte ihr Haupt unter dem Schleier geneigt , ihr Gesicht war von vergossenen Thränen gerötet . Joachim trug den Kopf frei erhoben ; er war etwas blaß , aber sein Auge blickte ruhig und fast gleichgiltig auf Fanny . Seine heftige Abneigung gegen sie war in diesem Augenblick nicht rege , denn alle seine Gedanken waren bei dem Weibe , das er besitzen sollte , nicht bei derjenigen , die schon sein gewesen . Nur als er vor dem Altar stand und sich Fanny nahe gegenüber sah , dachte er mit einer Art Wohlwollen , daß es doch vernünftig von ihr sei , anstatt Scenen zu machen , ruhig als unbefangene Zeugin zu erscheinen . Daß sie das Gewand von » damals « trug , bemerkte er nicht , daß sie elend und gealtert aussah , erregte in seiner Brust eine flüchtige Empfindung , die man vielleicht hätte eine eitle nennen können . Fanny stand erstarrt und sah auf ihn . Sein Anblick war ihr wie eine Offenbarung , sein junges , hübsches Gesicht , seine geschmeidige Figur , sein offener Blick - er selbst noch ganz er selbst , so wie sie ihn geliebt ! Ihr wahnwitziger Haß war jäh erstorben ; die künstlich großgezogene Unwahrheit entfloh vor seiner Gegenwart . Sie begriff , daß sie ihn noch liebte ! Fanny erzitterte . Wird er nicht noch einmal ihrem Blick begegnen ? Der Pastor begann die Predigt . Joachim schien zuzuhören . Außer der milden Greisenstimme regte sich kein Laut in der Kirche . Durch die Bogenfenster hinter dem Altar brach der volle Sonnenschein . Die Tannenreiser dufteten harzig . Ein Hauch wie der eines unendlichen Friedens lag über dem Gotteshause und der Versammlung darin . Fanny fühlte es , und es umschlich sie wie Wehmut ; sie seufzte laut , ohne sich dessen bewußt zu sein . Darüber erhob Joachim erschreckt das Auge zu ihr , und ihre Blicke trafen sich . Der Seufzer hatte ihn geärgert , und sein Blick war feindselig . Sie erkannte es - sie wankte , faßte sich und stand wie vorher . Die liebevolle Stimme scholl predigend weiter . Fanny hatte ihre Hände gefaltet ; sie sah langsam über die ganze Gemeinde hin ; es fehlte niemand aus dem Dorfe . Fanny kannte jedes Gesicht . Alle Augen hatten schon dankbar und verehrungsvoll auf sie geschaut , und alle Augen würden weinen , wenn ... Ihr Blick ging über Adrienne . Die saß still gefaßt , ihr Schmerz um das Kind erstarb mehr und mehr in der Hoffnung auf den nahenden Gatten . Eine neue , blühende Kinderschar wird die beiden in wenig Jahren umspielen , froh und glücklich werden sie sein . Fannys Reichtum könnte ihnen das Leben erleichtern ... aber Fanny hat kein Testament gemacht , und ihr Geld geht an fremde , ferne Leute über , wenn sie heute ... Und da ist Lanzenau . Armer , treuer Freund , für alle Entsagung verdiente er wenigstens , daß seine letzten Lebensjahre von zärtlicher Fürsorge durchwärmt würden , und wie allein ist er in der Welt , wenn Fanny aus ihr geht . - Sie hob den Kopf stolzer und stolzer . Ja , vielen war sie nützlich gewesen im Leben ; sie hatte ihre Kräfte nicht vergraben , sondern ihr Pfund redlich verwaltet . Ihr Geschick hatte sie auf hervorragenden Platz gestellt , und sie hatte bewiesen , daß auch eine Frau die Aufgaben erfüllen kann , die sonst das Leben an Männer stellt . Und nun fiel sie doch dem gemeinen Frauenlos zum Opfer . Es war einmal so in der Welt und blieb unabänderlich : bis an die Zähne bewaffnet kämpft Geschlecht gegen Geschlecht , und es ist die geheimnisvolle Laune der Natur , daß sie in diesem Kampf den Mann Sieger bleiben läßt . Einerlei , ob das Weib klüger , besser , nützlicher , wichtiger auf ihrem Platz ist als der Alltagsmann , dem sie unterliegt , sie unterliegt , bloß weil sie Weib ist , er siegt , bloß weil er Mann ist . Eine Vision erstand vor Fannys Auge . Es war ihr , als stehe ein Cherub vor ihr , der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog . In ihre Schale fielen alle Dankesthränen , die man über ihrer arbeitsamen , segenspendenden Hand geweint , all ihr nützliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten , alle die selbstlosen Freundesthaten , die sie an den Ihrigen gethan , und all das deckte ganz die eine Schwäche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens zu , und ihre Schale neigte sich schwergewichtig , die andere Schale aber flog leicht in die Höhe - nein , sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden . Thränen verdunkelten Fannys Augen . » Muß es denn sein ? « fragte sie sich in stummer Qual , » muß ich denn unterliegen , bloß weil ich ein Weib bin ? « Es regte sich etwas in ihr - etwas , das nach Befreiung , nach Erhebung schrie ; etwas , das sich wild dagegen empörte , dem Mann den Sieg zu lassen ; etwas , das ihr zuraunte , sie kämpfe für ihr Geschlecht , wenn sie für sich kämpfe . Ihr Herz klopfte . Unvermittelt , wie ein Blitzstrahl , fiel ein Licht in Fannys Seele . Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewußtsein . Eine neue Kraft kam über sie - die Kraft , würdig zu leiden . Sie fühlte , daß Joachim sich innerlich ganz von ihr gelöst hatte und daß sie nicht aufhören könne , ihn zu lieben , aber die Würde haben müsse , ihr Leben nicht unter das seine zu stellen . Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten , ruhig , groß , erhaben . Die Predigt war zu Ende , Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des Altars nieder , um den Segen zu empfangen . Dann erklang die Orgel , und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor hernieder . Ueber Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Größe . Sie sah dem Sonnenstrahl zu , der auf Joachims blondem Haupte lag ; und als Joachim sich wieder erhob und ergriffen , doch in diesem Augenblick tief ergriffen , sich Fanny nahte , vielleicht um ein Wort der Vergebung zu stammeln , vielleicht um einen großmütigen Segenswunsch zu hören , da nahm sie seine Hand . Ihre Lippen wollten sprechen , aber die Stimme fand nicht die Kraft zu lautem Ton . So sah sie ihn an , lange und tief , und dann ließ sie seine Hand fallen . Sie trat von ihm hinweg , erfaßte die kalten Hände ihres alten Freundes und sagte , ihm groß ins Auge sehend : » Ich will leben ! «