bei der Hand , und so traten sie vor das getreue Ungetüm , das am Weg Wache hielt . » Altes Tier , « sagte er und streichelte den rußigen Kessel . Und als sie weitergingen , schaute er sich alle drei Schritt nach ihr um , als könne er sich nicht von ihr trennen . » Ich habe sie gut bewacht , « sagte Elsbeth , » sie steht sonst dicht unter meinem Fenster , denn wir haben sie mit deines Vaters Erbschaft zusammen erstanden , damit sie dir nicht verloren ginge . « Als sie sich dem jenseitigen Waldesrand näherten , sagte er , auf zwei der Stämme zeigend , die zwanzig Schritte abseits vom Weg standen : » Hier ist der Platz , wo ich dich in der Hängematte liegen fand . « » Ja , « sagte sie , » da war ' s auch , wo ich zum erstenmal merkte , daß ich nie würde von dir lassen können . « » Und hier ist der Wacholderstrauch , « fuhr er fort , als sie ins Freie hinaustreten , » wo wir « - und dann plötzlich schrie er laut auf und streckte beide Hände ins Leere . » Was ist dir ? « rief sie , angstvoll zu ihm aufschauend . Er war totenblaß geworden , seine Lippen zitterten . » Er ist fort , « stammelte er . » Wer ? « » Der - der - mein - mein Eignes . « Wo sich einst die Gebäude des Heidehofes erhoben hatten , breitete sich nun eine flache Ebene aus , nur einzelne Bäume streckten kümmerliches Geästel in die Lüfte . Er konnte sich an den Anblick nicht gewöhnen und verdeckte das Gesicht mit den Händen , während ein Schüttelfrost durch seinen Körper ging . » Sei nicht traurig , « bat sie . » Papa hat ihn nicht wieder aufbauen lassen wollen , ehe du nicht deine Anordnungen getroffen hättest ... « » Komm hin , « sagte er . » Bitte , bitte , nein , « erwiderte sie , » es ist dort nichts zu sehen - außer ein paar Schutthäufchen - ein andermal , wenn du nicht so erregt bist ... « » Aber wo werd ' ich schlafen ? « » In demselben Zimmer , in dem du geboren bist ... Ich hab ' s für dich herrichten lassen und die Möbel deiner Mutter hineingestellt . Kannst du nun noch sagen , daß du die Heimat verloren hast ? « Er drückte ihr dankbar die Hand , sie aber wies auf den Wacholderstrauch , der ihm vorhin aufgefallen war . » Komm lieber dorthin , « sagte sie , » leg den Kopf auf den Maulwurfshügel und pfeif mir eins . Weißt du noch ? « » Ob ich weiß ! « » Wie lange ist ' s her ? « » Siebzehn Jahre ! « » Ach du lieber Gott , und so lang ' lieb ' ich dich schon und bin darüber eine alte Jungfer geworden ... Und gewartet hab ' ich auf dich Jahr um Jahr ! Aber du hast nichts davon sehen wollen . Endlich muß er doch kommen , dacht ' ich mir , aber du kamst nicht ... Und da bin ich mutlos geworden und habe gedacht : Aufdrängen kannst du dich ihm doch nicht , schließlich will er dich gar nicht ... Du mußt ins klare kommen mit dir ... Und um allem Sehnen ein Ende zu machen , hab ' ich dem Vetter das Jawort gegeben , der schon an die zehn Jahre um mich herumschwänzelte . Er hatte mich so oft zum Lachen gebracht , und da glaubt ' ich , er würde - aber still davon « -und sie schauerte zusammen . » Komm , leg dich hin - pfeife ! « Er schüttelte den Kopf und wies mit der Hand schweigend über die Heide hin , wo am Horizont drei einsame Fichten ihre rauhen Arme gen Himmel streckten . » Dorthin ! « sagte er . » Ich hab ' keine Ruh ' , eh ' ich dort gewesen bin . « » Du hast Recht , « sagte sie , und Hand in Hand schritten sie durch das blühende Heidekraut , das wilde Bienen mit schläfrigem Summen umschwärmten . Als sie den Kirchhof betraten , läutete vom weißen Haus her die Mittagsglocke . Zwölfmal schlug sie an mit kurzen scharfen Schlägen , ein leiser Nachhall verzitterte in den Lüften , und dann ward ' s wieder still , nur das leise Summen und Singen dauerte fort . - Das Grab der Mutter war dicht bewachsen mit Efeu und wilder Myrte , und zu Häupten erhob eine Königskerze ihre strahlende Blütenkrone . - Zwischen den Blättchen krochen rostfarbene Ameisen , und eine Eidechse raschelte in die grüne Tiefe hinunter . Schweigend standen sie beide da , und Paul zitterte . Keiner wagte die heilige Stille zu brechen . » Wo haben sie den Vater begraben ? « fragte Paul endlich . » Deine Schwestern haben die Leiche nach Lotkeim hinübergeführt , « antwortete Elsbeth . » Es ist gut so , « erwiderte er , » sie ist ihr Lebtag einsam gewesen , mag sie ' s auch im Tod sein . Doch morgen wollen wir auch zu ihm hinüber . « » Willst du bei den Schwestern einkehren ? « Er schüttelte traurig den Kopf . - Darauf versanken sie wieder in Schweigen . Er stützte den Kopf in beide Hände und weinte . » Weine nicht , « sagte sie , » es hat ja jetzt ein jeder von euch seine Heimat . « Und darauf nahm sie das Päckchen , das sie unter dem Arm hielt , löste das weiße Papier der Umhüllung , und was sie zum Vorschein brachte , war ein altes Schreibheft mit zerzaustem Deckel und vergilbten Blättern . » Sieh , das schickt sie dir , « sagte sie , » und läßt dich grüßen . « » Wo hast du das her ? « fragte er erschrocken , denn er hatte die Handschrift der Mutter erkannt . » Es lag in der alten Kommode , die beim Brande gerettet wurde , zwischen Lade und Hinterwand geklemmt . Dort scheint es seit ihrem Tode gelegen zu haben . « Darauf setzten sie sich nebeneinander auf das Grab , legten das Buch zwischen sich auf ihre Knie und fingen an zu studieren . Jetzt besann er sich wohl , daß Käthe damals , als er sie mit ihrem Geliebten überraschte , von einem Arienbuch gesprochen hatte , das der Mutter gehört haben sollte , aber er hatte es nie übers Herz gebracht , sie danach zu fragen , weil er die böse Erinnerung an jene Stunde nicht wieder lebendig machen wollte . Allerhand Lieder standen darin , die waren fließend abgeschrieben , daneben andre halb durchstrichen und mit Verbesserungen versehen . Diese letzteren schien sie aus dem Gedächtnis wiedergegeben oder vielleicht selbst gemacht zu haben . - Da war auch jenes von dem Sängersmann , das Käthe damals hergesagt hatte . Und dann kam eines , das lautete so : Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es wacht am Bett die Mutter dein , Bis du in Traum gesungen . Schlaf ein ! Das Glöcklein , das vom stillen Wald So sanft , so süß herüberhallt , Ist auch wohl bald verklungen . Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es glänzt im Hof der Mondenschein , Erzählt ein Märchen der Linde - Schlaf ein ! Vom Hirtensohn auf der Heide draus Und der Prinzeß im weißen Haus ; - Da seufzen die Blätter im Winde . Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Dein Rosenstock am Treppenstein , Der träumt von Hain und Hügel . Schlaf ein ! Dein Vögelchen vom Fensterbrett Piept leise her nach deinem Bett , Schlägt müde die kleinen Flügel - Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es wacht am Bett die Mutter dein Und harret und harret beklommen ; Schlaf ein ! Wohl rinnt die Zeit , die Mutter wacht ; Es naht , es naht die Mitternacht , Vielleicht wird auch Vater dann kommen . Schlaf ein ! Und dann kam ein andres Gedicht : Wußt ' ich einst eine herzensallerliebste Maid , Die wohnt verlassen auf der grünen , grünen Heid ' Und verlangt nach Liebe ; Sie guckt bei Tag und Nacht zum Fensterlein hinaus , Sie guckt die schönen Blauäugelein sich aus , Denn sie verlangt nach Liebe - - - Da kam ein blanker , junger , kecker Reitersmann , Der fragt ' : » Was schaust du mich so wunderseltsam an ? « » Mich verlangt nach Liebe ! « Da lacht er : » Mädel , dummes , komm in meinen Arm , Schau da liegst du mollig und da liegst du warm , Und da gibt es Liebe . « - - » O Lieber , wüßtest du , wie ich verlassen bin ! So nimm mich armes , armes Mädel , nimm mich hin , Aber gib mir Liebe ! « Als er sich satt geruht an ihrer weißen Brust , Da sprach er : » Hast du Schelm es wirklich nicht gewußt ? So ist die Liebe ! « ... » Und ist dir meine Liebe , Lieber , noch nicht leid , So will ich bei dir bleiben bis in Ewigkeit ; Mich bangt nach deiner Liebe . « Da lacht der blanke , junge , kecke Reitersmann Und zäumt ' sein Roß und sang ein Lied und ritt von dann ' , Ließ sie in Jammer und Liebe ! Und als die Frist , die böse Frist verstrichen war , Sieh , da geschah ' s , daß sie ein Knäblein gebar , Ein Kind der Liebe . Sie trug ' s wohl auf die grüne Heid ' in Nacht und Wind . » Im Kuß erstick ' ich dich , du armes Jungfernkind , Ersticke dich in Liebe ! « » Herr Richter , tut mit mir , was Euer Herz begehrt , Verlassen bin ich Ärmste auf der weiten Erd ' , Bin ohne Liebe ! « Im weißen Brautgewande stieg sie zum Schafott , Sie sprach : » Nun nimm mich hin , du lieber , lieber Gott . Denn mich verlangt nach Liebe ! « Da mußte er der beiden Schwestern gedenken , und ihm war zumute , als hätte die Mutter alles vorausgewußt und alles im voraus vergeben . Und gleich darauf stand in großen Buchstaben überschrieben : Das Märchen von der Frau Sorge . Es war einmal eine Mutter , der hatte der liebe Gott einen Sohn geschenkt , aber sie war so arm und so einsam , daß sie niemanden hatte , der bei ihm Pate stehen konnte . Und sie seufzte und dachte : » Wo krieg ' ich wohl eine Gevatterin her ? « - Da kam eines Abends mit der sinkenden Dämmerung eine Frau zu ihr ins Haus , die hatte graue Kleider an und ein graues Tuch um den Kopf geschlungen ; die sagte : » Ich will bei deinem Sohn Pate stehen , und ich werde dafür sorgen , daß er ein guter Mensch wird und dich nicht Hungers sterben läßt . Aber du mußt mir seine Seele schenken . « Da zitterte die Mutter und sagte : » Wer bist du ? « » Ich bin die Frau Sorge , « erwiderte die graue Frau . Und die Mutter weinte ; aber da sie so großen Hunger litt , so gab sie der Frau ihres Sohnes Seele , und diese stand Pate bei ihm . Und ihr Sohn wuchs heran und arbeitete schwer , um ihr Brot zu schaffen . Aber da er keine Seele hatte , so hatte er auch keine Freude und keine Jugend , und oftmals sah er die Mutter mit vorwurfsvollen Augen an , als wollte er fragen : » Mutter , wo ist meine Seele geblieben ? « Da wurde die Mutter traurig und ging aus , ihm eine Seele zu suchen . Sie fragte die Sterne am Himmel : » Wollt ihr ihm eine Seele schenken ? « Die aber sagten : » Dafür ist er zu niedrig . « Und sie fragte die Blumen auf der Heide ; die sagten : » Dafür ist er zu häßlich . « Und sie fragte die Vögel auf den Bäumen , die sagte : » Dafür ist er zu traurig . « Und sie fragte die hohen Bäume ; die sagten : » Dafür ist er zu demütig . « Und sie fragte die klugen Schlangen ; die sagten : » Dafür ist er zu dumm . « Da ging sie weinend ihres Weges . Und im Walde begegnete ihr eine junge , schöne Prinzessin , die war von einem großen Hofstaat umgeben . Und weil sie die Mutter weinend sah , stieg sie von ihrem Roß und nahm sie mit sich auf ihr Schloß , das ganz von Gold und Edelstein gebaut war . Dort fragte sie : » Sage , warum weinst du ? « Und die Mutter klagte der Prinzessin ihr Leid , daß sie ihrem Sohn keine Seele schaffen könnte und keine Freude und keine Jugend . Da sagte die Prinzeß : » Ich kann keinen Menschen weinen sehen ! Weißt du was ? - Ich werd ' ihm meine Seele schenken . « Da fiel die Mutter vor ihr nieder und küßte ihr die Hände . » Aber , « sagte die Prinzeß , » aus freien Stücken tu ' ich ' s nicht , er muß mich darum fragen . « -Da ging die Mutter mit ihr zu ihrem Sohn , aber die Frau Sorge hatte ihm ihren grauen Schleier um sein Haupt gelegt , daß er blind war und die Prinzeß nicht sehen konnte . Und die Mutter bat : » Liebe Frau Sorge , laß ihn doch frei . « Aber die Sorge lächelte - und wer sie lächeln sah , der mußte weinen - und sie sagte : » Er muß sich selbst befreien . « » Wie kann er das ? « fragte die Mutter . » Er muß mir alles opfern , was er lieb hat , « sagte Frau Sorge . - Da grämte sich die Mutter sehr und legte sich hin und starb . - Die Prinzeß aber wartet noch heute auf ihren Freiersmann . - - - * * * » Mutter , Mutter ! « schrie er auf und sank an dem Grabe nieder . » Komm , « sagte Elsbeth , mit Tränen kämpfend , indem sie die Hand auf seine Schulter legte . » Laß die Mutter , sie hat ihren Frieden , und uns soll sie nichts mehr tun , deine böse Frau Sorge . «