Marktbuden , der Vollendung des Akademiegebäudes , der Auskundschaftung eines Platzes für das Künstlerhaus der » Allotria « , Renovierung und Erweiterung alter Kirchen , Erbauung von Schulkasernen , Erhebung Schwabings zur Weltstadt , Umbau des Hofbräuhauses und des Landtagsgebäudes , » Sanierung der königlichen Kabinetskassa « , Ministerstürzerei u.s.w. Überall , wo ich angeklopft und sondiert habe , die nämliche Antwort : Warten ! Ich habe diesen Winter in Rom eine Denkschrift ausgearbeitet und an den Architekten- und Ingenieur-Verein nach München geschickt ; ich habe einigen Finanzgrößen Pläne und Rechnungen vorgelegt ; ich habe Fühlung gesucht mit den führenden Köpfen im Stadtbauamt ; ich habe Ministerialbeamte mit Anregungen bombardiert : Warten ! tönte es im Unisono - laut und leise . Das heißt , einige haben gar nicht getönt , sondern sind stumm geblieben bis auf den heutigen Tag . Das sage ich nur Ihnen . Nicht einmal Drillinger ist in alle meine Pläne und Bestrebungen eingeweiht . Ich machte ihm nur Andeutungen . Der hat genug mit sich selbst zu thun und wird mit seinem kleinen Zickzack-Schicksal und seinen unsinnigen Lebens-Experimenten und Liebeshändeln nicht fertig . Mich kann nur ein Mann der festen , geraden Linie verstehen . Drillinger ist das nicht , trotz oder wegen seiner naiven Irrwisch-Natur . Aber der sind auch Sie nicht mehr , mein verehrter Doktor Trostberg , seit Sie königsdichterlich flunkern , he ? Oder geht Ihre poetische Krumme bald wieder in eine logische Gerade über ? Oder läuft sie daneben her , bis sie sich in kurzem außer Atem gelaufen ? Dauert sie nicht länger , als Fürstengunst ? Als Ludwig ' sche Huld ? ... Darf man hoffen ? Warten ! Gut , warten wir in drei Teufels Namen der Dinge , die da kommen sollen . Dieses antike Pompeji , ein Provinznest nach unseren Maßbegriffen , sehen Sie , das war recht eigentlich eine Großstadt und eine Kunststadt zugleich . Was für ein großer , künstlerischer Zug in allem , selbst im Kleinsten und Alltäglichsten ! Diese Theater und Bäder und Hallen und Thore und Promenaden haben sicher kein provinzlerhaftes Spießer- und Krämer-und Bureaukratenvolk zu Urhebern und Nutznießern gehabt . Hier freute sich eine geistreiche , elegante Bürgerschaft ihres Daseins und das künstlerisch schöpferische Talent wurde seines Lebens und Schaffens froh . Eine Welt der Schönheit und der Freude auf einem Raum nicht größer , als eine Münchener Vorstadt ... Es ist mit der Kunststadt genau so wie mit der Großstadt . Was gibt einem Gemeinwesen den Charakter und die Bedeutung einer Großstadt ? Etwa bloß die Höhe der Einwohnerzahl ? Keineswegs ! Der Statistiker kann eine halbe Million Seelen nachweisen , und trotzdem sagt der Kulturforscher : Krähwinkel . Zehn oder zwanzig Dörfer und Märkte nebeneinander gelegt und verkehrs- und verwaltungsmäßig miteinander verbunden , geben eine große Stadt - aber keine Großstadt . Also was gibt einem großen bürgerlichen Gemeinwesen erst den Charakter einer wirklichen Großstadt ? Die großen Schulden etwa , das riesig anwachsende Budget , das fraktionsnärrische Parlamentspielen mit den endlosen Rede- und Rechthaberei-Turnieren der Stadtväter im Rathaus , wo jeder schließlich doch zuerst an den eigenen Sack denkt , wenn er sich als Vorsehung über das große Gemeindeportemonnaie hermacht ? Nein . Der Charakter der Großstadt kann nur aus dem großen Sinn der Bürgerschaft hervorwachsen , aus dem großen Sinn , der im Vereine mit dem weiten Blick und dem organisatorischen Genie der Verwaltung aller Hemmungen Herr wird und dem stockenden geistigen , künstlerischen , merkantilen und geselligen Verkehr neue und immer gewaltigere Schwungräder einsetzt . Und ähnlich verhält sich ' s mit der Kunststadt . Daß irgendwo ein Dutzend sehr guter , einige Dutzend guter , ein paar Hundert mittelmäßiger Ausüber irgend einer Kunst ihre Werkstätte aufschlagen und mit den Hilfs- und Nebengewerblern , den Modellen , Leinwand- , Farben- und Pinselhändlern , den Kritiken , den Atelierwanzen , den Bilderkrämern , Ausstellungs-Schacherern u.s.w. zusammenhausen und sich täglich mit der Frage quälen : was kunstwerkle ich nur heute gleich zusammen , um Sensation und Geld zu machen und die Kollegen zu verblüffen ? - das gibt noch lange keine Kunststadt . Aber das gibt eine Kunststadt , wenn Hoch und Niedrig , Reich und Arm , Meister und Schüler , Schöpfer und Kritiker und Händler , Verwaltung und Bürgerschaft von dem allbelebenden Kunstgeiste kräftiger Kulturentfaltung erfaßt und durchdrungen , miteinander wetteifern , schaffend und genießend , vorbereitend und ausnutzend , die höchsten Triumphe der Schönheit , der Phantasie und des Frohsinns an ihre Heimatstadt zu fesseln , damit von ihr die bahnbrechenden Ideen und Werke ausstrahlen in alle Welt und von allerwärts her Ströme der Bewunderung und goldenen Lohnes zurückfließen . Die Erziehung des Urmüncheners zum Kunststädter war anfangs eine fast aussichtslose That einzelner Fürsten . Besonders als sich die alte Herzogstadt in die neue Königsstadt umwandelte . Man wehrte sich gegen die Ansiedlung genialer Baumeister und Maler , genialer Schriftsteller und Musiker und Theatraliker oft mit komischer Verbissenheit ; der Urmünchener in seinem alten , dumpfen , verpfafften Winkelwerk fürchtete in ihnen die Lichtbringer und Aufklärer , die geistigen Unruhstifter und Bewegungsmacher . Die gewohnte saule Ruhe , mit edelstem Bier genossen , war ja so süß , die geistige Beschränkung half so lieblich die köstlichen Kalbsbraten und Bockwürste und Radi verdauen - - und dabei brachten die kirchlichen und büreaukratischen Koterien so gemütlich ihr Schäfchen ins Trockene . Nur durch das unverdiente Glück , so außerordentlich hochsinnige , weitblickende Fürsten wie die Könige Ludwig I. und Max II. als Landesväter zu haben , wurden die Münchener zu dem Range moderner Kunststädter erhoben . Alles verdankt München der beharrlichen Thatkraft und Unerschrockenheit dieser großen Könige ... Und erst als der phantasievollste und idealste aller Wittelsbacher , der jugendliche Ludwig II. den Thron bestieg , jubelte jedes echte Künstlerherz ... Das war der psychologische Moment in Münchens Kunstgeschichte , die nach neuen Zielen und Wegen drängte ... Da kam die große unselige Schicksalswende ... Seit der Monarch die Stadt verlassen und ... Berge und Inseln mit Millionen und aber Millionen verschlingenden Phantasiebauten sich bedecken , seit jenem verhängnisvollen Augenblick verlor das Münchener Kunstleben alle Führung und Richtung ins Große . Ein kleinliches , trübes , chaotisches Durcheinander . Es wurde dies und das probiert , allein ein stolzes , sicheres Zentrum , von dem aus die neue Entwickelung zu lenken gewesen wäre , wurde nirgends gefunden . Es ist auch kein Meister aufgestanden , der mit der Wucht seines Genius die Leitung an sich gerissen hätte . Das Kliquenwesen blühte , die Koterieherrschaft , der Intriganten-Unfug . Auflösung , Zerbröckelung . Kein Zug mehr ins Gewaltige . Ach , das Herz könnte einem brechen , wenn man bedenkt , wie ganz anders alles hätte kommen können ... Pompeji , Pompeji ! Wo bin ich denn ? Ja , mein verehrter Doktor Trostberg , Sie thun sich leicht mit Ihrem philosophischen Weltschmerz . Als ein halber Abkömmling jenes auserwählten semitischen Volkes , das wie kein anderes über einen aufgespeicherten , fast unerschöpflichen Schatz von Energie und Seelenkraft gebietet , können Sie ohne Gefahr im Ozean des Weltleids umherplätschern , während wir rassenmäßigen blonden Germanen viel weicherer und empfindlicherer Natur sind . Uns setzen die historischen Katastrophen ganz anders zu . Wir haben selten die feine Gabe , selbst das Unglück zu überlisten und aus verzweifelten Lebenslagen , in welche das Schicksal , der Zufall , die Schuld oder sonst irgend eine geheimnisvoll unverantwortliche Macht uns gestürzt , einen Zugang zu neuen Vorteilen , Freuden und Ehren im Kopfumwenden zu gewinnen . Merkwürdigerweise sind uns sogar die Frauen in der Ausnützung des Mißgeschickes überlegen . Da ist z.B. die wiederholt zitierte kleine geniale Person , Flora Kuglmeier nennt sie sich im profanen Leben - es gibt ja noch viel dümmere Namen , z.B. den meinigen - ein kleiner Vulkan , ein Dämon , und dabei von kältester Besonnenheit , von eiserner Beharrlichkeit , von unverwüstlichem Vertrauen auf die Kraft des eigenen Geistes , im kritischen Moment das Rechte zu treffen . » Das würde ich so und so machen , « spricht sie ; » den und jenen Erfolg muß man sich vorerst ganz aus dem Sinn schlagen - jetzt herrschen die Übergangsmenschen ; kämpfen muß man immer , zum Kämpfen sind wir da , wenn auch nicht immer zum Siegen . Kämpfen heißt aber nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen . « Dann wieder mit einem unbeschreiblich feinen pfiffigen Zug , der in dem stillen , überlegenen Gesicht gar humoristisch wirkt : » Auf Gott vertrau ' - und um Dich hau ' ! Hauen steht besonders dem Deutschen gut , wenn er ' s mit Grazie und Schick macht , daß jeder Hieb sitzt und zugleich so betäubend wirkt , daß der Andere sich gar nicht auf den Gegenschlag besinnen kann Hauen , aber weder prügeln , noch fuchteln . Hauen mit Gottvertrauen . Und wenn die Geschichte gefruchtet hat , auch dem lieben Gott sein ehrlich verdientes Lob nicht vorenthalten . Das ist heldenhaft und klug . Das hat mir immer in den preußischen Siegesberichten gefallen : Mit Gottes Hilfe haben wir die Mac Mahon ' sche Armee aufgerieben ; mit Gottes Hilfe haben wir den Kaiser Napoleon gefangen u.s.w. Wie ' s in dem Fibel-Sprüchlein heißt : Mit Gott fang ' an , mit Gott hör ' auf . Jeder Sieg ist eine Verantwortung . Es ist klug , bei Verteilung desselben Gott so wenig zu verkürzen wie den braven Kutschke . Bei Sadowa wurde auch der preußische Schulmeister für den Sieg ausdrücklich mitverantwortlich gemacht . Der preußische Schulmeister hat den österreichischen geschlagen . Sehr gut . Dann können sich die feindlichen Kriegsherren bald wieder froh in die Augen sehen und sich brüderlich die Hand schütteln . « Das sprudelt sie aber nicht heraus , auch spricht sie ' s nicht mit Pathos . Gott bewahre . Die Rede ist langsam , mit nachdenklichen Pausen . Man merkt ' s : Der Gedanke betrachtet sich den Weg und geht bedächtig im schönen Schrittwechsel , damit er nicht über die eigenen Füße stolpert . Und dann immer dies Entzückende : der Gedanke hat Gefühl in sich , ohne Sentimentalität ; über den dunklen , warmen Ernst ist ein leichter , fröhlicher Spott gehaucht . Von den gegenwärtigen Verlegenheiten des Königs spricht sie mit rührender Teilnahme . Sie ist eine kernechte , kerngesunde Bayerin , entflammt für eine große Auffassung und Deutung der bayerischen Geschichte im Rahmen der deutschen . Mit Betonung des Partikularistischen , Stammeseigentümlichen . Die Flammen schlagen aber nicht zum Dach hinaus und blenden nicht blitzartig den Blick . Ein starkes , ruhiges , inneres Feuer , das sich nicht verregnen läßt und üblen Qualm erzeugt . Für die Beurteilung des Königs fordert sie den tragischen Maßstab und verwirft den banal-kritischen . Sie betont die Ohnmacht des Einzelnen , und wäre er noch so hochgefürstet , gegenüber der unerbittlichen modernen Staatsmaschine . Auch für die Logik des Geldwesens fordert sie Respekt . » Das kleine Einmaleins hat schon die Größten zu Fall gebracht . Ein Rechnungsfehler ist auch ein Stück Fatum . « Bitte , nicht dieses Stirnrunzeln , mein verehrter Doktor Trostberg , das offenbar sagen will : Die hat ' s ihm mit ihrer klugen Hausbackenheit angethan , mit ihrem Gegengewicht zu seiner Kunstschwärmerei ! Sie wissen ja noch gar nichts . Ich bin heute außer stande , ein volles , rundes Charakterbild zu zeichnen . Ich gebe nur einzelne Züge , die sich in dieser Abgerissenheit vielleicht zu widersprechen scheinen . Zum Beispiel , fügen Sie in das bisher Gesagte die wärmste Kunstbegeisterung ein , die umfassendste , die mir jemals bei einem Weibe vorgekommen . Noch ein Wort von ihr : » An unserer Isar wird eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden : wer in München als der Stärkste die nächsten Generationen beherrscht - der Kunstsinn oder der Kapitalismus , Geist oder Geldsack . « Kurz , eine ungewöhnliche Person . Und dabei rührend anspruchslos . Und so bescheiden in ihren Bedürfnissen , in ihrer Kleidung . Wie das alles zusammen die Schönheit ihrer Erscheinung erhöht ! Wäre sie Schauspielerin geworden , raten Sie einmal , welche Meisterrollen die Pole ihres Wesens bezeichnen würden ! Nichtwahr , da reiben Sie verlegen Ihre pessimistische Denkerstirn , mein geheimer königlicher Separatdichter ? Ich will Ihnen darauf helfen : der Shakespearische Puck und die Ibsen ' sche Nora . Verschmelzen Sie Puck und Nora - die Nora des letzten Aktes , den lichten Sommernachtstraum mit der düsteren Winternachtstragödie - - - Nein , nein , auch das würde nicht ausreichen , die geheimnisvolle Art meines Originals erschöpfend darzustellen . Die Menschennatur hat Mischungszauber , hinter die noch kein Poet gekommen ist . Wie wunderbar ist auch diese Wirklichkeit : ich alter architektonischer Nußknacker träume hier in Pompeji , der schönsten und heitersten Ruinenstadt die einst in der Venus ihre Patronin verehrte , von unsern bajuwarischen Isar-Auen ; ich höre den Heimatstrom durch die Stille der Ruinen rauschen und vor meinem süditalischen Sonnenblick , in welchem die Farben und Linien des glücklichen Kampaniens als das herrlichste Landschaftsgemälde der Erde schwimmen , gleitet plötzlich deutscher Mondschein und deutsches Sternenlicht sanft durch die Wipfel unserer hochragenden , im Nachtwinde flüsternden Isar-Buchenwälder und wecken die nordischen Märchen auf , die im grünen Blätterdunkel schliefen , und die Elfen schlingen ihren luftigen Reigen , allen voran Puck , der allerliebste , allerschönste Puck ... Pompeji ! Pompeji ! Ich wollte schon längst diesen endlosen , konfusen Brief schließen , aber im Zimmer nebenan schreibt Puck , ich wollte sagen : Fräulein Flora Kuglmeier , gleichfalls unverdrossen drauf los , ich glaube , an einer Art Reisetagebuch - und sie sagte , ich solle nur ruhig weiter schmieren , bis sie fertig sei und mir klopfe . Da muß ich doch wohl gehorchen . Übrigens regnet ' s heute in Strömen . Von Freunden und Bekannten , überhaupt von ihrer Vergangenheit spricht sie nicht gern . Man muß schon sehr viel und gut zu fragen und das Unausgesprochene aus ihren Antworten heraus zu horchen verstehen . Sie denkt von ihrem toten Vater , einem ehemals sehr geschätzten Hofmusiker und Mitglied der königlichen Kapelle , besser und inniger , als von ihrer lebendigen Mutter . Ihr Bruder schlage leider ihrer Mutter nach . Dieses » Leider « muß man sprechen hören und - sehen . Geistig und körperlich ungewöhnlich . Besonders die Linie von der Nase zum Kinn ist von großer , charakteristischer Schönheit . Der zarte geschmeidige , jedoch gestählte Leib , elastisch , von der Biegsamkeit einer Toledaner Klinge , atmet die gesammelte Kraft , den herben Duft der Keuschheit . Frisch betauter Luzerner Klee . Für eine achtundzwanzigjährige Münchnerin - so alt taxiere ich sie - etwas Phänomenales : bei höchstem , natürlichem Wissen noch nicht voll erschlossene Sinnlichkeit , imponierende keusche Ruhe und Ausgeglichenheit den heikelsten Problemen gegenüber . Wichtiger Umstand : sie ist Protestantin , also ohne mystische Aufpeitschung der sexuellen Neugier durch frühzeitige Beichtstuhlerfahrungen u.s.w. ( Ich unterdrücke hier eine Parenthese . ) Aber was geht das Sie an ? Gar nichts geht Sie ' s an , mein verehrter Doktor Trostberg . Sie haben nicht das geringste Verständnis für solche verwickelte Reize . Ein geschworener Pessimist . Es ist ja lächerlich - - Ja , und wenn sie lacht , wozu sie sich freilich selten genug entschließt , erscheinen zwei wonnevolle Grübchen auf ihren Wangen und die kleinen , rosigen Ohren scheinen sich leise zu bewegen . Sie braucht auch gar nicht zu lachen . Seh ' ich sie an , lacht mir das Herz im Leibe . Und das genügt , nicht wahr ? Als Paar betrachtet , ich meine , wenn wir so nebeneinander dahinschreiten , in Pompeji , zwischen Ruinen - sind wir freilich hinlänglich komisch . Sie hat mich neulich selbst darauf aufmerksam gemacht . Wir standen auf dem Forum , blitzblauer Himmel , glühende Nachmittagssonnenkugel über dem Meer , auf dem die Reflexe wie kleine Flämmchen hüpften : unser Schatten lag wie eine ausgebreitete Haut dunkelbraunblau auf den weißen , sonnigflimmernden Steinplatten , ich ein riesenlanger Kerl mit einem Kopf in Haar und Bart wie ein Büschel Wirrstroh , sie daneben kaum bis an meine Schulter reichend , wenn sie sich auf die Zehenspitzen ihres Miniaturfüßchens stellt - ja , es war himmlisch komisch . Ich spürte in diesem Augenblick meinen klassischen Schulsack auf dem Rücken und kramte in Gedanken nach einem geistreichen mythologischen Vergleich . Wir haben ja so absurd niederträchtige Gewohnheiten von der blödsinnigen humanistischen Erziehung her . Und in Pompeji , wo man die Probe auf jeden lateinisch-griechischen Unsinn , den wir daheim aus den Büchern gesogen , glaubt machen zu können . Sie hingegen , vielwissende und doch unverbildete , klare Natur , deutete auf mein groteskes Schattenbild und sprach : Wotan , der Wanderer . Wie das in pompejanischer Luft klang ! Wotan , der Wanderer ! An sich selbst dachte sie gar nicht . Sie sah nur mich . Ich mußte an den Spruch eines griechischen Alten denken ; ich glaube , es war Aristoteles , der gesagt hat : » Ein kleines Weibchen ist ein Paradoxon der Natur . « Die alten Klassiker haben auch klassische Dummheiten gesagt ; das ist vermutlich eine . Ein Paradoxon der Natur ! Und eine lange Hopfenstange von Weib , was wär ' denn die ? Ein Weib , das man förmlich mit einer Leiter erklettern müßte , um im Kopfe doch nur ein leeres Nest zu finden ? Der Aristoteles , wenn ' s der Aristoteles war , was ich in diesem Augenblick ja nicht feststellen kann , war in diesem Punkt ein Esel . Nun sollten Sie einmal die Archäologin in dieser kleinen , genialen Person kennen lernen ! Nichts Muffiges , Schulzwängliches und Schulbängliches , Altjüngferlich-Pedantisches und nach eitler Unfehlbarkeit Mißduftendes , wie wir ' s mit sehr wenigen Ausnahmen bei unseren fachgelehrten Altertumskrämern finden . Nein , nein , von all ' diesen Lächerlichkeiten selbstverständlich keine Spur . Aber dafür ein unverdorbenes Auge voll naiver Spürkraft , einen waldfrischen Sinn für versteckte Schönheit und Wahrheit , einen kecken Bestimmungsmut , ohne Flausenmacherei . Ich kann mir nicht helfen , mein verehrter Doktor und Studienlehrer a.D. , abgesehen von unserem modischen , koketten , salonfähigen Wissenschaftlernachwuchse sind mir unsere gelehrten Häuser , sonderlich die Philologen , Rabbiner , Apotheker , Archäologen und verwandte Haarspalter , Geistespillendreher und Gehirnpflasterstreicher immer wie Halbmänner vorgekommen , ausnehmend gelungene Exemplare wie keifende , zänkische alte Weiber , und die vollendeten Fachtroddeln wie Hexen auf nächtiger Haide . Da hab ' ich mich oft gefragt : warum überträgt man diese männerverwüstenden Wissenschaften nicht lieber den Frauen ? Die Wissenschaften würden ihre widerwärtigen Eigenschaften ablegen und gewiß nicht schlechter dabeifahren ... Und nun lerne ich diese Archäologin von natürlichen Talentes Gnaden kennen ! Am ersten Tag war ihr Pompeji ein Stilleben , das sie nur von der malerischen Seite reizte . Am zweiten Tag war ' s ihr ein Kuriositäten-Kabinet , ohngefähr wie das bayerische Nationalmuseum in der Maximilianstraße : sie guckte in dieses Kästchen , in jenes Fensterchen , beäugelte da einen alten Waschtrog , dort eine vorsintflutliche Kochmaschine , hier eine mörderische Bartscheere , dort eine stimmungsvolle Klystierspritze u.s.w. Am dritten Tag streckte ihr archäologisches Spezialinteresse ganz herzhaft die Fühler aus . Nun geben Sie Acht , mein verehrter Doktor : wir schlendern durch eine uralte , krumme , enge Geschäftsgasse , sagen wir die Sendlingergasse von Pompeji - wir bleiben stehen , zur Linken irgend ein alter Schnapsladen , zur Rechten eine Bäckerei , und wie wir so mitten in der Gasse stehen zwischen den tiefausgefahrenen Geleisen im Lavablockpflaster , deutet mein kleiner genialer Kamerad mit der Spitze des Sonnenschirms auf eine Skulptur im Pflasterstein ( ich hatte schon meinen Stiefel daraufgesetzt ) und fragte mit Augen , Mund und Geste : » Was ist das ? « Und aus mir antwortete schlagfertig , sachgemäß und höflich eine Stimme : » Das ist ein Phallus . « Und sie darauf : - - - Ich erlasse ein Preisausschreiben mit einer Prämie von tausend Mark für jedes Wort und fordere das gesamte belletristische und psychologisierende Deutschland auf , das Zwiegespräch sich auszudenken und ehrlich und druckfähig niederzuschreiben , das sich an meine Antwort : » Das ist ein Phallus « an Ort und Stelle zwischen Flora Kuglmeier und mir geknüpft hat - und wer das Richtige trifft , der soll sofort den Preis baar ausbezahlt erhalten . Da sollen einmal unsere vielbeliebten idealistischen Familienromanziers die Probe auf ihren Scharfsinn und ihre Lebenswahrheit machen . » Das ist ein Phallus , « sagte ich . Und sie darauf : - - - Dann ich : - - - Dann sie : - - - Und so weiter in Rede und Gegenrede mit ganz kurzen Pausen . Dauer des Gesprächs etwa sechs Minuten . Es war Vormittags zwischen Neun und Zehn . Wir waren allein . Nur fünfzig Schritte von uns die Nasenspitze eines Aufsehers an der Straßenkreuzung . Der Himmel wolkenlos , von idealer Bläue . Über dem Vesuv ein leichtes , weißes Dampfwölkchen . Die Luft morgendlich frisch , seeduftig , reingewaschen , ozonsatt . Die ganze Natur reckte sich vor Wohlgefühl . ( In Parenthese muß ich Vergessenes mit zwei Worten gutmachen : ich habe noch nichts über die Farbe ihrer Augen , über den Klang ihrer Stimme und über das Tempo ihres Ganges gesagt , was auch von einer Archäologin zu wissen nützlich und angenehm ist . Augen , die man immer auf sich gerichtet sieht , in tiefster Einsamkeit , in dunkelster Nacht , im heimlichsten Traum , die mit einem gehen durch die geräuschvolle Menge am hellen Tag und die vom Himmel grüßen , wenn am Abend die ersten Sterne leuchten . Nun raten Sie ihre Art und Farbe . Und die Stimme ? Das Klangbild zu dem Farbenbild der Augen , im Klang übersetzte Seele . Nun wissen Sie die Stimme . Und der Gang ? B-dur-Sonate von Schubert erstes Motiv , dann Chopin Präludium in H-moll assai lento , dann - aber Sie verraten gewiß nichts ? - das üppige Geschlängel , wenn Kundry den reinen Thoren zum Kusse an sich zieht . Lassen Sie sich diese Sätze einmal vom Hofkapellmeister Levi nacheinander vorspielen - ich horte , Sie hätten Ihre Musikscheu hinlänglich überwunden , seit Sie in den poetischen Diensten des musikliebendsten Monarchen stehen ? - und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhythmischen Plastik eines auf zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes . Unsinn ! Als ob Sie sich in Ihrem ganzen Leben so etwas undefinirbar Schönes vorstellen könnten ! ) Und der besprochene , als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den Pflasterstein vor dem Bäckerladen gemeißelte Phallus versetzte uns mit einem Schlag mitten in das blühende Reich römisch-griechischer Archäologie . Wir bogen in die nächste Gasse ein , wohin uns die enorm lange Nasenspitze des Aufsehers als Wegweiser - verführte . Es war nämlich , wie sich bald herausstellte , eine sogenannte verrufene Gasse . ( In Parenthese : falls Ihre Müdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlaßt , hier die Lektüre abzubrechen , so bitte ich Sie , die folgenden Blätter ins Feuer zu werfen , damit nicht einer der unschuldsvollen Jünglinge , die in Ihrer Arbeitszelle , genannt » Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur « , studierenswegen verkehren , Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme . Ich habe vorgebaut - die Verantwortung fällt auf Ihr sündiges Haupt , wenn diese Blätter Unheil stiften . ) Eine sogenannte verrufene Gasse . In der heiter vorsorglichen Venusstadt Pompeji nichts Auffallendes . Nicht einmal in München , das den h. Benno zum Schutzpatron hat . ( Neue Parenthese : Sie kennen doch gewiß auch die historische Antwort , die König Ludwig I. auf das Gesuch gab , in der guten und braven Stadt München ein neues - Bedürfnishaus zu errichten ? Man baue , meinte der königliche Pessimist , über die ganze Stadt ein Dach , denn sie sei ja doch schon ein einziges großes ... und so weiter . ) Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isarathen und doch zugleich viel sittlicher . Obgleich hier zu Lande die Feigenblätter wild wachsen , während sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen Redensarten fabriziert werden , so verschmähten es die ehrlichen Alten doch , die wahre Natur auf so lächerliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes Feigenblatt die Frage herauszufordern : Was steckt dahinter ? Und während wir mit Feigenblättern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen , als wäre unser Kulturleben nur ein unaufhörlicher Karneval , erhebt unser Staat ganz ernsthaft eine Steuer von der gewerbsmäßigen Lasterübung und unsere staatlich bestellten Statistiker fisteln : Schöne Maske , ich kenne dich - und halten uns die Tabellen mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase . Die organisierte Lebenslüge ! Ah , mein verehrter Doktor Trostberg , in unserem Pessimistenstil werden wir nicht vergessen dürfen , aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ... Wunderbar , wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt : meinem kleinen , genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen , die Schritte zu zögern oder sonst das angelernte , scheue Gethue unserer Damen hervorzukehren , als der Aufseher uns mit der höflichen Meldung den Weg vertreten wollte : » Entschuldigen die Herrschaften , wenn ich Sie darauf aufmerksam machen muß , daß die Besichtigung gewisser Häuser in dieser Gasse den Damen untersagt ist . « Der Aufseher folgte uns , und es entwickelte sich folgendes Gespräch : Mein Kamerad : » Aber das Vorübergehen wird erlaubt sein ? « Der Aufseher : » Das ist es , Signora . « Ich : » Sind die Häuser wirklich so gefährlich , selbst in ihrer Ruinenhaftigkeit ? « Der Aufseher : » Man sagt ' s , gewisser Freskobilder wegen . « Mein Kamerad : » Und hat sie nie eine Dame gesehen , diese gefährlichen Freskobilder ? « Der Aufseher : » Ja , auf heimliche Weise . Mir ist jedoch nur ein Fall bekannt . « Ich : » Erzählen Sie , bitte . « Der Aufseher : » Es war eine Russin mit kurz geschorenem Haar und auch sonst sehr männerähnlicher Tracht . Es waren mehrere Herren bei ihr . Der Aufseher - es war mein Vorgänger im Amt - wurde getäuscht . Die Dame schlüpfte mit hinein . « Mein Kamerad : » Und welchen Eindruck hat sie empfangen ? Hat man Ihnen nichts davon gesagt ? « Der Aufseher : » Doch . Man hat in Pompeji lang darüber gelacht ... « ( Hören Sie , mein verehrter Doktor Trostberg : man hat in Pompeji darüber gelacht ! Die lachenden Pompejaner - die Mumien mit inbegriffen , welch ' ein Bild ! Bei uns hätte man Anzeige erstattet , Verhöre angestellt , Zeugen vorgeladen , Protokolle aufgenommen , Polizeiberichte an die Zeitungen verschickt , Urteile gefällt , den Aufseher davongejagt , das Haus unter Siegel gelegt oder demoliert , die Russin des Landes verwiesen , kurz , es hätte einen Mordsskandal gegeben : in Pompeji hat man gelacht ! Ist das nicht klassisch ? ) ... und das Geschichtchen ist von Mund zu Mund gegangen . Die russische Dame soll nämlich sehr enttäuscht gewesen sein . Sie hatte sich etwas ganz anderes erwartet , etwas Außerordentliches . Ärgerlich soll sie ausgerufen haben : » Und weiter ist es nichts ? Das ist alles ? Ce n ' est que ça ? ... Qu ' y a-t-il d ' extraordinaire ? Wir Russen sind wahrhaftig pompejanischer , als diese Pompejaner ! « Mein Kamerad : » Was sind ' s denn für Sachen ? « Der Aufseher : » Allerhand Unzucht , nur etwas sehr natürlich . Die Inschriften sollen noch deutlicher sein , als die Bilder . Ein deutscher Professor ... « Ich : » Mommsen . « Der Aufseher : » Ja , der Signor Mommsen , hat alle Inschriften mit der größten Genauigkeit abgeschrieben ; jetzt kann man sie in Deutschland in einem gelehrten Buche lesen ; das ist nicht verboten . Die Bilder hat man auch kopiert . In Neapel kann man die Photographieen kaufen ; die sind aber eigentlich verboten . Sie sind auch sehr teuer . « ( Auf meine vertrauliche Anfrage , unterstützt durch ein Trinkgeld , hat mir der Aufseher hernach die Adresse des neapolitanischen Photographiehändlers vertraulich mitgeteilt . ) Als wir uns vom Aufseher und seiner verrufenen Gasse mit vieler Rührung verabschieden wollten , bekamen wir noch ein charakteristisches Abenteuer in den Kauf . Auf der Schwelle des letzten anrüchigen Hauses - es duftete aber gar nicht nach Pöckelfleisch oder anderem Schweinernen , sondern roch ganz lieblich nach den würzigen Kräutern , die wild in den Mauerrissen blühten und ihre weißgelben Blumen im Morgenwinde schaukelten - saß ein schwarz gekleideter , hagerer Mann mit dem Rücken gegen die Holzthür , nach seinem ganzen Habitus ein puritanischer Geistlicher irgend einer englischen Religions- und Sittenverbesserungsgesellschaft . Was will der Mensch dort ? fragte ich blinzelnd und mit den Blicken deutend den Ausseher . Worauf dieser sich begnügte , mit Blicken und Gesten zu antworten und etwas durch die Zähne zu murmeln , was etwa sagen wollte : Ein verrückter Engländer , der freiwillig den Wächter spielt und die Besucher haranguiert , dem Ort des Verderbens fern zu bleiben . Darauf müssen wir die Probe machen , dachte ich . Mit raschem Mienenspiel - das lernt sich schneller in Neapel , als das Volapük - verständigte ich den Aufseher , nahm meinen kleinen , genialen Kameraden beim Arm und schritt mit ihm auf die Thür zu . Wie von der Tarantel gestochen , schnellte mein Engländer auf , stemmte den Rücken gegen die Thür , und breitete die Arme aus und mit einem Gesicht , in