Religion selbst von sich sagt , nicht was andere von ihr aussagen . « Die Köchin , eine rundliche , von der Natur gebräunte Person in der Tracht einer slowakischen Bäuerin , trug nun zwei oder drei genügende Gerichte auf , deren Anordnung von bescheidenem und verständigem Sinne Zeugnis gab , fern von aller Großtuerei . Auch der Wein , den Wohlwend einschenkte , war ein schmackhafter , jedoch keineswegs teurer Siebenbürgener , offen aus dem Fasse gezapft ; feinere Flaschen standen nicht bereit . » Diesen Wein hab ich schon von Haus kommen lassen , trink nur genug davon , er schmeckt immer besser und macht nichts ! « fügte er bei . Salander erstaunte beinah über das bürgerlich solide Wesen , welchem das Gebet vorausgegangen , während das Mitführen der Dienerin in fremder Volkstracht diesem Wesen wiederum einen fast vornehmen Anstrich verlieh . Wohlwend setzte aber sein Gespräch fort . » Du hast dich sehr gut ausgedrückt in deiner Weise , in Betreff der religiösen Kindererziehung ! Ich möchte aber einen Schritt weiter gehen und sagen , haben wir ' s erst auf diesen Standpunkt gebracht , so wollen wir die idealere Anschauung auch für uns Alte beibehalten oder wieder aufnehmen , wir tragen ja nicht schwer daran ! « Wenn ich nur wüßte , was er will ! dachte Salander , und verlor darüber einige Worte Wohlwends , fand sich aber ungefähr zurecht , als dieser fortfuhr : » Ja , Freund ! Ich bin überzeugt , daß ihr bei der Aufrichtung des unmittelbaren Volkswillens , die ihr glorreich vollzoget , eine große Sache übersehen , sozusagen rein vergessen habt ! Die Religion habt ihr links liegen lassen und die Kirche vor den Kopf gestoßen , statt die Geistlichkeit ins Interesse zu ziehen ! Das wird sich rächen ! « » Wer hat denn der Religion oder vollends den Geistlichen etwas getan ? « fragte Salander , » ich wenigstens , der nicht dabei gewesen , weiß nichts davon ! « » Es ist genug getan , wenn man tut , als ob sie nicht da wären , und es ist jammerschade um die Möglichkeit , den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten ! « Salander rief lachend : » Den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten ? Du sprichst ja in Jamben ! So wollen wir auch damit fortfahren ! Weißt du noch , wie Schillers Don Carlos schließt ? Nicht ? Kardinal , ich habe das Meinige getan , tun Sie das Ihre ! So wird das Stück immer wieder schließen ! « » Und ich werde nicht ruhen und meine Idee an den Mann zu bringen suchen ! « entgegnete Wohlwend , für welchen Salanders Zitat unbrauchbar war , da er den Don Carlos nie ausgelesen hatte . » Ich könnte viel Versäumtes nachholen und mich gegen den Lebensabend hin vielleicht dem Vaterlande noch nützlich machen ! « Das wird ja immer merkwürdiger ! dachte Salander , er kommt , eine theokratische Bewegung auf unsere Demokratie zu pfropfen , das hat natürlich gefehlt , deswegen haben wir sie ausgebaut ! Aber die Narrheit , die er diesmal aushängt , ist ungleich großartiger als die früheren Schnurren ; hoffentlich ist es der Konkurs , vor dem er diesmal flieht , nicht im selben Maße ! Allein das ist ' s doch nicht , sonst würde er nicht alte Schulden bezahlen ! Am Ende ist es der reine Übermut , da er nun versorgt ist ; er will auch seine Rolle spielen , und weil ihm nichts anderes zur Hand liegt , hat er sich irgendeiner missionierenden Sekte angeschlossen und macht den Apostel ! Wohlwend hielt indessen wirklich eine Art Predigt , welche Salander in seiner Zerstreutheit gar nicht vernahm . Das übrigens leere Wortgeräusch diente nur dazu , seine Aufmerksamkeit noch mehr einzuschläfern , und auch seine Gedanken verloren sich aus dem Gesichte , wie wenn ein Nebeldunst zwischen sie träte . Um zu wissen , wo er sich eigentlich befinde , blickte er auf und sah gegenüber das Antlitz des Fräulein Myrrha , deren elegisch bewimperte Augen ihn betrachteten und deren Lippen sich mit einem anmutigen Lächeln öffneten , weil seine überraschten Züge ihren Ausdruck änderten . Da sein Glas leer stand , ergriff sie eine Flasche und füllte es , worauf er das Gefäß nahm und ihr ebenfalls einschenkte . Bei der Gelegenheit ließ er sein Glas mit dem ihrigen bescheiden zusammenklingen und trank auf ihre Gesundheit , wobei der Abglanz eines jungen Glücksgefühls über seine Gesichtshaut wallte und die Fältchen derselben sich gleich kleinen Schlänglein winden , strecken und krümmen ließ und beinahe den Eindruck gutmütiger Torheit hervorbrachte . Wohlwend bemerkte den Vorgang und hielt inne mit seiner Rede . » Halt , « sagte er , » wir müssen zum Anstoßen einen bessern Tropfen nehmen ! « Er ging hinaus und holte nun doch eine Flasche Tokaier herbei , dessen Gold den mäßigen Martin Salander mit wohliger Wärme durchströmte und in seinem Munde zu fröhlichen Worten wurde , wenn auch nicht zu Worten der Weisheit , denn er sprach für die schönen Ohren der Myrrha Glawicz , ohne zu wissen , was in dieselben einging oder ihnen gefallen konnte , und da sein eigenes Licht wie in einem Luftzuge flackerte , wurde auch der Zusammenhang und Sinn seines Redens nicht recht erkennbar . Doch blieb es unbeachtet , weil durch das unverhoffte Ende von Wohlwends Predigt und das heitere Wesen Salanders sich eine Art Munterkeit einstellte und selbst die Knaben laut wurden . In solchem Tumültchen wandelte Martin plötzlich die Lust an , der Familie um der schönen Genossin willen auch eine Ehre anzutun und sie zu einer Spazierfahrt einzuladen . Er nahm eine Karte aus dem Carnet und schrieb für den Fuhrherrn , dessen Kunde er in Fällen des Bedürfnisses war , die Bestellung eines guten Wagens darauf . Louis Wohlwend , angenehm berührt , erklärte feierlich , die Einladung anzunehmen , und sandte die Knaben mit der Karte weg , sie einem der Dienstmänner zu bringen , die an der nächsten Straßenecke standen . In einer halben Stunde kam der Kutscher mit dem gutgehaltenen , offenen Wagen angefahren ; nach einem weiteren halben Stündchen waren die Frauen bereit und stieg die Gesellschaft die drei Treppen mit großem Ansehen hinunter , und es fügte sich gut , daß der Hauseigentümer , der in der Tat Salanders Schuldner war , unter der Haustüre stand und diesen begrüßte ; so konnte sich Wohlwend , heute vollends wie ein ungarischer Stuhlrichter dreinschauend , als Freund des Kapitalisten und Kaufherrn brüsten und schwang wohlmögend sein Hütchen . Die Damen hatten sich mit breiten Federhüten und bunten Überwürfen versehen . Myrrha trug einen solchen von roter Florseide über ihren weißen Staat . Die zwei Männer auf dem Rücksitze hatten den Knaben Louis zwischen sich genommen , Georg saß neben dem Kutscher auf dem Bocke . Die Pferde waren für Mietrosse rasch genug und hübsch geschirrt , das ganze Fahrzeug mithin augenfällig beschaffen , und so fuhr Martin Salander darin harmlos durch einen guten Teil der Stadt , und jedermann , der ihn erkannte , sah ihm nach , ohne daß er es gewahrte . Auch den Herrn Möni Wighart sah er nicht , der mit seinem alten Stock unter dem Arme auf einem Platze stand , fast ebensowenig gealtert oder beschädigt als der Stock , und eben ein abgebranntes Zigarrenrestchen aus dem Meerschaumröhrchen blies , um einen frischen Stengel aufzustecken . Bei ihm weilte Martins alter Rechtsanwalt im Gespräche , sich einer ziemlichen Haarverdünnerung erfreuend , die ihm an dem warmen Tage zustatten kam ; denn er hatte den Hut abgenommen , um den Scheitel zu lüften . Beide schauten dem Wagen nach . » Da fährt ja Martin Salander , der sieht uns nicht einmal ! « sagte Wighart , » was hat er wohl für ein Volk bei sich ? « Nachdem der Anwalt durch die Lorgnette die auf dem Rücksitze noch sichtbaren Herren erfaßt hatte , antwortete er : » Das kann nur einer sein - raten Sie , wer ? « » Ich habe keine Ahnung ! War vier Wochen im Bade und komme gestern abends zurück ! « » Nun , es ist kein anderer als der ehemalige Schadenmüller und Co. , der Louis Wohlwend ! « » Was Sie sagen ! Wie ist das möglich ? Ich hätte gedacht , das wäre ein verkleideter Chinese mit Familie ! Und seit wann ist der Kerl denn da ? « » Schon vor einiger Zeit kam Herr Salander zu mir und erzählte , wie er bei ihm erschienen sei und eine Abzahlung an den ersten Verlust , Sie wissen ja , von jener Jugendbürgschaft her , geleistet habe und sie jährlich fortsetzen wolle , und fragte , ob er ohne Gefährde darauf eingehen dürfe . Ich sagte , er solle nehmen , was er bekommen könne . Von der späteren größeren Geschichte sprach er ihn so gut wie frei . Ich konnte ihm keine Maßregeln anraten , der Mann Wohlwend ist der alte Hexenmeister in Gestalt eines blöden Gehirnes . Er hat hier Niederlassung genommen , und als man ihm das Steuerformular schickte , brachte er sein ganzes Geschäft auf das Gemeindehaus und wies in aller Form nach , daß , was er besitze , alles erheiratetes Weibergut sei , und erklärte , unweigerlich versteuern zu wollen , was nicht etwa in Ungarn liege und dort versteuert werde ! « » Und nun führt Salander ihn in der Kutsche spazieren ? « » Oder der andere ihn , ich weiß es nicht ! Aber ein schönes Stück Weiberfleisch saß in dem Wagen , soviel ich in der Geschwindigkeit bemerkte ! « fügte der Anwalt hinzu , » ob am Ende der Satan auf diese Art Mäuse fangen will ? « » Da liegt keine Gefahr ! Meister Martin hätte früher angefangen , wenn er über solche Steine stolpern wollte ! Aber dennoch ist mir das Ereignis , die Rückkunft des Schadenmüllers , so bitter wie ein Gallapfel ! Der verfluchte Kerl mit seinen Kalmückenschnäuzen ! Salanders Ölgötz , wie er ihn einst nannte , steht wieder da ! Es würde ihm freilich nicht schaden , wenn er nochmals eine nicht allzu derbe Lektion erhielte ; schon wegen seiner ewigen Wühlhuberei verdiente er einen etwelchen Nasenstüber ! Und dennoch gönn ich es ihm nicht , er ist doch ein rechter Mensch ! « » Gewiß ist er ' s ! « sagte der Anwalt und drückte dem Herrn Wighart , Abschied nehmend die Hand . Der also belobte Martin fuhr mit dem Hause Wohlwend-Glawicz nach einem etwa zwei Stunden entfernten , lustig gelegenen Erholungsorte , der wegen guter Bewirtung , schöner Aussicht und schattigen Gärten berühmt und viel besucht war . Dort verbrachten sie den Nachmittag mit Kaffeetrinken und Spazierengehen , wozu die reinlichen Wege eines nahen Tannenwaldes einluden . Dann und wann führte Salander die im grünen Halbdunkel weiß leuchtende Gestalt der Myrrha daher , und wenn sie allein ging , sah er sie , von einzelnen Sonnenlichtern gestreift , mit einer angeborenen Anmut sich bewegen , die ihr zu Gebote stand , sobald sie der angelernten Manieren einer mangelhaften Erziehung sich entledigen konnte . Ein bekannter Künstler , dem Salander in einem solchen Augenblicke begegnete , stand bei ihm still , der schönen Person nachschauend , und fragte , was er da für eine Muse aufgegabelt habe ? » Nicht wahr , das ist ein hübsches Frauenzimmer ? « sagte er mit angenommenem Gleichmut . » Das will ich meinen ! Das sieht man nicht alle Tage ! Sapperlot , sehen Sie , welch ein einfacher Rhythmus , ohne allen Aufwand , man weiß kaum , wo es steckt , Form und Bewegung in eines gegossen ! Wie edel das fließt , vom Nacken über Schultern und Arme auf den Rücken und von den Hüften herunter ! Wo stammt die Dame her ? « » Sie kommt mit einer Familie aus Ungarn , ihre Mutter soll aber irgend von altem Griechenboden , aus Thessalien herstammen . « » Ganz glaublich ! Und auch in diesem Falle noch eine Rarität ! Viel Vergnügen , Herr Salander ! « Die Worte des Künstlers und Kenners bewirkten eine seltsame Aufregung im innern und äußern Martin ; sie machten sein Herz klopfen und seine Augen glänzen , während sie zugleich seine Schritte lähmten , daß er sich auf eine im Gehölze befindliche Bank niederlassen mußte . Welch eine Bestätigung seines Schönheitsgefühles ! Wie wurde sein dunkler Trieb aufgehellt , noch eine Strecke Weges im Strahle echter Schönheit zu wandeln , und er ahnte nicht , wie echt pedantisch es war , durch Aussagen eines andern , eines Kenners , sich bestärken zu lassen . Er nahm sich aber zusammen , von Stimmen nahender Leute geweckt ; es waren die Wohlwendschen , die ihn aufsuchten . Mit verändertem Wesen , wie einer , der einen Geist gesehen hat , voll inneren Staunens über den Reichtum des Lebens und zugleich in ernster Zurückhaltung befangen , schritt er mit ihnen nach dem Garten zurück , wo eine Abendkollation bestellt war . Dort verharrte er , wenig sprechend , an Myrrhas Seite , die er ungesucht gefunden , und überließ ihrem Schwager das Wort , der den Frauen und Knaben allerlei Unterricht erteilte und zuweilen unversehens den Freund Salander mit einem » Ist ' s nicht so ? « überraschte und ihn dabei aufmerksam betrachtete . Unterdes sammelten sich noch andere Gäste , die zu Pferde oder im Wagen ankehrten und den schönen Abend noch rasch genießen wollten , darunter Leute , die dem Herrn Wohlwend nicht gefielen , weil es wahrscheinlich alte Gläubiger waren . Sie erkannten ihn zwar nicht , und wenn es auch geschehen wäre , so hätte es nichts zu sagen gehabt ; denn es liefen manche Geschäftsleute herum , welche ein oder mehr Male sich abgefunden , ohne deswegen belästigt zu werden . Allein es war ihm jetzt nicht angenehm , zumal er bemerkte , daß die Herren fleißig nach dem Fräulein Myrrha Glawicz zu blicken anfingen , und aus diesem gleichen Grunde war es auch Martin Salander recht , aufzubrechen . Sie ließen also einspannen und fuhren mit angehender Dämmerung ab . Als sie die Stadt erreichten , war es Nacht . Martin brachte die Familie Wohlwend in ihre Straße und begab sich dann zu Fuß nach Hause , langsamen Schrittes , bald gesenkten Hauptes , bald nach den Gestirnen ausschauend , welche einzeln und zu zweit hie und da in der Höhe über die Gassen zogen , ebenso säumig , wie der Mann in der Tiefe . Die alte treue Magdalene , die seiner geharrt , öffnete die Haustüre , erfreut , daß der Herr kam , nachdem sie den ganzen Tag allein im Hause gewaltet . » Habt Ihr auch ordentlich gelebt ? « fragte er ; » ich will wetten , es war Euch alles zuviel ! « » Mir ? Da kennen Sie mich schlecht , Herr Großrat ! Ich habe getan , was mich gut dünkte ! Mittags hab ich einen dicken Pfannkuchen und einen Salat gehabt , wie ein Fuder Heu , mit heißem Speck angemacht , Herr Großrat ! und abends kochte ich eine Milchsuppe , wie meine selige Mutter sie machte , es ist lang her ! mit Brot und Pfeffer drin ! Dazwischen hab ich alles Messing in der Küche geputzt und mir dazu extra einen Schoppen Wein im Keller geholt ! « » Ei , warum nicht gar ! « » Freilich , vom letztjährigen , der im Sommer gut für den Durst ist , wenn Sie ihn schon nur Purrligeiger nennen ! Aber haben Sie denn auch zu Nacht gegessen , Herr Großrat ? Soll ich Ihnen nicht Tee machen und etwas Kaltes dazu ? « » Gar nichts brauch ich ! « » Nur der Sympathie wegen ! Denn die Frau sitzt im Lautenspiel gewiß noch mit den Kindern zusammen und sie plaudern und tun sich gütlich ! Die armen Kinder ! Wie haben sie sich gebettet ! Aber Jugend hat eben keine Tugend , und ich Esel mußte noch mithelfen ! Glücklich , wer darüber hinaus ist , über das böse Wesen , und kein unruhiges Herz mehr hat ! « Martin Salander hörte nicht mehr und schickte die Magd zu Bett . Erst als sie aus dem Zimmer gegangen , hörte er nachträglich die Worte : » Glücklich , wer kein unruhiges Herz mehr hat , « wie man öfter in der Zerstreutheit eine Rede vernimmt , die schon verklungen ist wie ein Ruf im Felde . Aber er achtete nicht darauf , sondern ergriff das Licht und schritt in das Schlafzimmer hinüber , wo es still war , wie in einer Gruft . Der Spiegel seiner Frau warf ihm den Schein der flackernden Kerze entgegen , welche teils von seinen starken Schritten , teils von einem leisen Luftzuge unruhig brannte . Salander stellte sich vor den Spiegel , und das Licht emporhaltend , begann er prüfend sich selbst zu beschauen ; allein es beschlich ihn eine Scheu , es ward ihm zumut , als ob Marie Salander ihm mit ernsten Augen über die Schulter blickte und erblassend verschwände . Seine Aufregung verwünschend , ging er in das Besuchzimmer , wo ein großer wohlgeschliffener Spiegel hing , und stellte sich vor diesem auf . Martin Salander war nie ein Liebhaber seines Gesichtes gewesen und bewunderte es im Spiegel so wenig als in den Bildern , welche die Sitte der Zeit ihm abrang . Er ging nun im fünfundfünfzigsten Lebensjahre ; zwar nicht älter erscheinend als die meisten seiner Altersgenossen , die sich leidlich erhalten , sah er doch keineswegs so jung aus wie einer jener Glücklichen , die immer Zweiundvierziger bleiben ; das noch volle und sogar buschige Haar , sonst blond , war so bezuckert wie ein Ährenfeld , auf das der späte Reif gefallen ist , ebenso der krause Bart , der überdies mehr als eine sehnige Furche an Hals und Unterkiefer verhüllen mochte , aus dem zu schließen , was im oberen Gesichte in milderen Farben zutage trat . Die geistige Jugend und gemütliche Rüstigkeit , die trotzdem dasselbe Gesicht und dessen Augen belebten , konnte er selber nicht verstehen und anrechnen , und so fand er sich von dem nächtlichen Spiegelbild weder erbaut noch aufgemuntert . » Sei es ! « sagte er , indem er rasch den Leuchter wegstellte und sich in einen der Lehnstühle warf , » ich hab das ja wissen können , und daß ich Alter ein Gesell bin , gehört ja gerade zu der Frage , die mich bewegt ! Noch muß ich wirken und schaffen , und noch brauch ich einen Mund voll Frühlingsluft , welche das Herz erneuert ! - Die gute Marie ! von Untreue im banalen Sinn ist ja nicht die Rede ! Bessere Leute als ich haben ihre Jahre mit der Frauenfreundschaft , Neigung , nenne man es Liebe , verschönt und erweitert ; und hat sie nicht im voraus schon gelacht , und wie lieblich gelacht , als ich zum ersten Mal von der schönen Myrrha erzählte ? Die Myrrha ! Wird sie mich dulden können ? fühlen können und wollen , was sie mir zu sein vermag ? Hier ist ein Schicksal im Spiele , das so oder so vorübergehen wird ! Es vernünftig zu lenken , ist meine Sache , es wird bald getan sein , wenn es nicht ist , was ich wünsche - und wenn es ist , so soll der Pfad eben und sonnig bleiben und niemand straucheln ! « Er verlor sich in süßen Träumen vom Genusse einer jugendlichen Neigung des seltenen Geschöpfes und von einem Verkehre , der ein erfreuliches Schauspiel für die Menschen darbieten würde , weit entfernt , Ärgernis zu erregen ; und in unbestimmter Zukunft sah er Myrrhas Leben , befreit von den unheimlichen Banden , in denen er jetzt gefangen war , wohlgeordnet dahinfließen an der Hand eines ihrer würdigen Mannes . Nicht einen Augenblick fielen ihm seine unglücklichen Töchter ein , deren Liebesphantasie er so klar , wenn auch menschlich zu beurteilen wußte , noch weniger der Unterschied zwischen ihrem und seinem Alter und noch weniger derjenige zwischen ihrer damaligen Lage und der seinigen . Und noch weniger ahnte er , wie klar jetzt zutage trat , daß die guten Mädchen die Eigenschaft , solchen » fixen Ideen « anheimzufallen , von niemand anderem als von ihrem Vater ererbt hatten , und welch tragikomischen Anblick es bot , den armen Mann die Tatsache so sehr nachträglich nach rückwärts hin illustrieren zu sehen ! Und weiter bedachte er keineswegs , wie solch ideales Liebesverhältnis eines weisen älteren Mannes als Hauptsache ein mit ungewöhnlichem Geiste begabtes weibliches Wesen voraussetzt , während er von Myrrhas innern Zuständen noch gar keinen Begriff hatte oder dieselben zusammenphantasierte . Und das war wieder um so bedenklicher , als es darauf hinauslief , es walte auch hierin eine Selbsttäuschung vor und die schöne Neigung beruhe lediglich auf einem sinnlichen Anreiz . Alles das war dem guten Martin Salander in seiner jetzigen Seelenlage unbewußt , aber darum nichtsdestominder vorhanden in ihm , wie außer ihm , und drückte die Seele , wie wenn er an alles dächte ; denn sie war doch immer daheim , wie eine gut gewöhnte Hausfrau . Er fiel daher , als er um Mitternacht endlich das Lager suchte , in einen unerquicklichen Schlaf , in welchem die Seele unwirsch herumfuhr wie ein Poltergeist . Davon erwachte er am Morgen mit schwerem Herzen , und als er den Druck verspürte und ihm ein tiefer Seufzer entfuhr , sagte er : » Aha , da haben wir ' s ! Eine Leidenschaft ! Eine Leidenschaft ! Ach du lieber Gott ! Wie hat das noch an mich kommen müssen ! « Und so hielt er den Rumor des alten Gewissens für den Anbruch eines späten Liebesfrühlings und litt Liebesschmerzen , wie ein junger Mensch , doch mit dem Kummer eines bejahrten Vaters , der sich voll Sorgen für die Seinen niederlegt und mit Seufzen den Tag erwachen sieht . Dazu ward er in kurzer Zeit mit Verwunderung inne , wie jung er sich vor diesem unglückseligen Abenteuer gefühlt , und wie er jetzt täglich an seine Jahre denken müsse , während er noch nie so nötig hatte , sie zu vergessen , und zwar nicht allein wegen der unbequemen Leidenschaft , sondern auch wegen des allgemeinen Weltlaufes . Der Sommer wurde mit jeder Stunde geräuschvoller , sozusagen üppiger durch eine ungeheure Zahl größerer und kleinerer Feste , Anlässe , Gesamtreisen , Vereinsausflüge und Begehungen aller Art bis in den Herbst hinein in allen Himmelsrichtungen ; es war , als ob das ganze Volk wanderte , unter allen Vorwänden , Dorfschaften und städtische Nachbarschaften , Häuflein von Greisen , welche fünfzig , sechzig , siebzig Jahre alt geworden , und Hunderte von Kinderschulen mit flatternden Fähnchen , von denen zuweilen eine an der Sonne lagerte , bis die Vorsteher aus dem berühmten Bierhause kamen , in das sie geschwind untergetreten . Ein unkundiger Fremder hätte fragen können , wer eigentlich in diesem Lande im Sommer arbeite , außer etwa den Wirtsleuten , weil er nicht bedachte , daß ihrer noch genug da waren , die zu Hause blieben und etwas schafften , und daß auch von denen , die wanderten , manche vor und nach genug taten , um sich die Freude gönnen zu dürfen , wie denn auch immer neue Züge sich auf den Wegen kreuzten und bald wieder verschwanden . Wenn man jedoch sich der Klagen über schlechte Zeiten und stetig wachsende Volksnot erinnerte , so begriff auch der Einheimische nicht recht , wo sie alle das Geld hernahmen , das sie verjubelten . Scharen katholischer Wallfahrer , die zwischen den weltlichen Lustfahrern sich bewegten , konnten ihn aber belehren , daß früher noch mehr im Volke gewandert und geschmaust wurde , und das gerade in Zeiten der Bedrängnis . Martin Salander hatte zu besagter Fest- und Wanderfreude sonst redlich das Seinige beigetragen überall , wo irgendeine patriotische , volkserzieherische und fortschrittliche Idee hineingelegt werden konnte ; dann begann der wachsende Strom ihn stutzig zu machen , und er mahnte zum Maßhalten . Jetzt , wo das Übermaß im Lande rauschte , wendete sich sein Sinn wieder . Er wollte nicht auf der Seite des griesgrämigen Alters stehen und , gestachelt von dem verliebten Jugendbedürfnis , begab er sich selbst in das Gedränge und war da oder dort hinter den wallenden Fahnen zu erblicken , mit einem Festzeichen im Knopfloch , seidener Armbinde oder mindestens mit einer Alpenrose auf dem Hut . Dergestalt glaubte er das Blühen des Vaterlandes in neuer Jugend zu genießen und räumte an den Festtafeln in Gedanken der Bringerin derselben einen Ehrenplatz neben sich ein , unbeschadet des täglichen Seufzers , mit dem er sich schlafen legte . Es ist doch ein wahres Wort , sagte er einst bei sich selber , wenigstens für die ideale Liebe , jenes geflügelte : l ' amour est le vrai recommenceur ! Sie macht mir sogar die alte Republik wieder hüpfen wie ein Zicklein ! Die Abendsonne , welche eben unter die betreffende Festhalle hereinschien , spiegelte an der vergoldeten Innenwand eines großen Ehrenpokales , der vor ihm stand , mit rotem Weine frisch versehen , und der Goldschein leuchtete mit unbeschreiblichem Zauber in die durchsichtige Purpurflut . Martin heftete seine Augen auf das funkelnde Farbenbild , das , urplötzlich aus offenem Himmel gekommen , seine Gedanken zu besiegeln schien wie ein flammendes Siegelwachs . Ein rötlicher Schimmer aus dem Becher spazierte sogar über sein begeistertes Gesicht , was eine ihm gegenübersitzende anmutige Frau wahrnahm und es ihm sagte mit der Mahnung , er solle sich still halten , denn er sähe jetzt hübsch aus . Geschmeichelt hielt er ein Weilchen das Gesicht unbeweglich still , bis auf demselben der Abglanz zu flimmern begann , gleich dem Wein in dem Pokale . Denn es lief eine schwache Erschütterung durch den langen schmalen Tisch herauf , welche auch den Inhalt des Bechers bewegte . Die Erschütterung rührte aber davon her , daß ein Festgenosse von zwei bürgerlich gekleideten Polizeibeamten unversehens aufgefordert wurde , sich zu erheben und mit ihnen hinauszugehen , und sich dessen weigerte , so daß der leicht gezimmerte Tisch einen Stoß empfing , als sie Hand an den Mann legten und ihn zum Aufstehen zwangen . Erbleichend fügte er sich und folgte ihnen , nicht ohne mit niedergeschlagenen Blicken verschiedene Dekorationen , bestehend in Rosetten , Schleifen und silbernen oder vergoldeten Emblemen , vom schwarzen Kleide zu nehmen , eins nach dem andern , so unbemerkt als möglich . Er war nämlich nicht nur mit dem allgemeinen Festzeichen des Tages , sondern , da er im Verlaufe desselben mehrere Freundschaften geschlossen , mit den ausgetauschten besondern Vereinsorden geschmückt . Nur wenige wurden auf den Vorgang aufmerksam ; so auch Salander , an welchem der Mann mit seinen Begleitern vorbei mußte , und jener schauderte , als er wohl sah , wie der Unglückliche die Ehrenzeichen der Freude ablöste und verstohlen in die Tasche zu bringen suchte . Es dünkte ihn nicht weniger schrecklich , als wenn einem hohen Offizier vor der Regimentsfront Degen und Ehrenzeichen abgenommen werden . Erst als der Mann verschwunden war , verbreitete sich an den Tischen das Gerücht von der Ursache der Verhaftung . Er war ein wohlbekannter und beliebter Festbesucher und eines großen Vertrauens teilhafter Verwalter irgendeiner der florierenden Unternehmungen , stets fröhlich und aufgeräumt , wo er hinkam ; nur zuweilen , in letzter Zeit , mit einem gesummten Liedertriller einen aufsteigenden Seufzer abdrehend , oder mit den Fingern auf dem Tische trommelnd oder mit langem Absetzen des Glases zerstreute Gedanken verhüllend . Solche Beobachtungen wurden nun mitgeteilt , nachdem man vernommen , daß während seiner Abwesenheit von Hause ein Wirrsal von Unterschleifen , in das er verflochten , entdeckt und gleichzeitig festgestellt worden sei , wie er bei Auswanderungsagenten sich nach Schiffsgelegenheiten erkundigt habe . In seinem Leichtsinn hatte er sich nicht versagen können , vor der Flucht noch schnell das Fest mitzumachen zur letzten schönen Erinnerung , da ja ein reinlicher Bürger auch das Unliebsame stets zu einem artigen Stammbuchverslein zu gestalten strebt . Verstimmt verließ Salander das Fest und reiste stracks nach Münsterburg zurück . Nachdem er mit seiner Gattin das Abendbrot geteilt , nahm er eine Zeitung zur Hand , und das erste , was er las , war die Nachricht von den zutage getretenen Unterschlagungen eines Beamten im Osten der Schweiz ; im gleichen Blatte stand am Schlusse als Neuestes der kurze Bericht von der Flucht eines Kassiers im Westen . » Was ist denn das für ein Unglückstag ? « rief er kopfschüttelnd und erzählte , was er soeben an dem Feste selbst mit angesehen . » Es ist zwar nicht eidgenössisch gedacht , « sagte er ; » aber ich bin doch froh , daß diese traurigen Sachen nicht in unserm Kanton vorgefallen sind ! « » Lies nur fertig ! « versetzte Marie , » auf dem Beiblatte steht noch etwas Schönes ! « Da las Martin richtig , daß ein Aktuarius Schimmel in Münsterburg infolge einer Reihe von Veruntreuungen und Bestechlichkeiten , deren er verdächtig , am heutigen Tage verhaftet worden sei . » Das fängt bei Gott an , einem an den Hals zu gehen , wie das Wasser ! « sagte Salander , indem er die Zeitung wegwarf , » diesem habe ich durch meine Fürsprache zu der Stelle verholfen . Ich hab es zwar bereut , weil er sich sofort als ein großmäuliger und unverschämter Mensch aufführte und mit seinem Patriotismus prahlte ; für unehrlich hielt ich ihn jedoch nicht . Jetzt erinnere ich mich , vernommen zu haben , wie es auffalle , daß er immer an den öffentlichen Wirtstafeln speise , anstatt mit Weib