im Stillschweigen ! Wäre ich seine Schwester , wie unsere liebe Eva , so wäre mein Glück vollkommen ! Aber ich bin nicht seine Schwester - ich bin nicht sein Weib geworden - sieh , Fritz Langreuter , die Sonne steht uns klar und hell über den Köpfen , und in ihrem Scheine spreche ich zu dir klar und hell , und eine alberne frauenzimmerliche Närrin bin ich nie gewesen : ich gehörte ihm zu , und er gehörte zu mir von Gottes und Rechts wegen , seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen Büschen von Schloß Werden aufschlugen ! Er aber weiß das , und jetzt , da meine Jugend dahin ist und da ich als Bettlerin bei dem guten , barmherzigen , weisen Mann , dem Vetter Just , hier auf dem Steinhofe sitze , da ich bin , was ich bin , kommt er - der Unbarmherzige , und ich fühle seine tapfere treue Hand wie mit einem bösen zornigen Griff und Schütteln an meiner Schulter ! Mir gehört heute deines Vaters Haus , deinetwegen gehört es mir ; ich habe in der Fremde , im Stillschweigen in der Arbeit , die lange , lange Zeit durch , dich keinen Augenblick aus meinen Sinnen und Gedanken freigelassen , nun nimm deine Kraft zusammen und vergiß und sei glücklich ; wir wollen uns von neuem einrichten in den Ruinen , mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je daran erinnern , daß wir in Ruinen wohnen ! Und nun - rede du mir dagegen , Fritz , und sage : Es hat keinen Sinn , was du sprichst , Irene , du sprichst nur aus deinem kranken , verwirrten Gemüte in den hellen , gesunden , lichten , stillen Tag hinein , weil du in deiner Unruhe und Angst eine Stimme - deine Stimme hören möchtest . « Sie hatte recht ; es war recht schwer , ihr etwas zu erwidern . Während ich nach Formeln , Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein erlösendes Wort suchte , schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gänge , Stuben und Kammern von Schloß Werden , rüttelte an verrosteten Türgriffen , drückte mit dem Knie die verquollenen , widerspenstigen Türen auf und sah scheu auf die Fußtapfen , die wir hinter uns zurückließen in dem Staube , der den Boden bedeckte . Er hatte recht , der Freund : es war nicht dasselbe , wenn er Schloß Werden gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann ! Schlafendes Leben läßt sich wieder aufwecken , aber Totes läßt sich nicht lebendig machen ; und Schloß Werden war tot , war tot auch für das Kind des Hauses und für den , der sein Herzblut darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen gegeben hatte , das Rad zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen : » Komm und sieh , was ich für dich und mich habe tun können « ... Das war nichts ; aber in dieser heißen , blendenden Mittagsstunde , nach dem letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz : Aber das ist ja auch nichts , und die Hauptsache ist es ja einzig und allein , daß sie es wissen und es deutlich sagen können , wie es ihnen zumute ist . Alles andere bedeutet nichts , und die Nester , die sie in die Zweige der Nußbüsche an der Hecke bauten , gelten ebensoviel wie die Mauern von Schloß Werden . Auf schwankendem Gezweige , zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle ; aber am meisten dann , wenn wir am tiefsten in die Erde graben , um einen festen Grundstein für die Burg zu legen , in der wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen . Irene kämpfte mühsam mit ihren Tränen ; mich aber überkam allgemach immer mehr die Gewißheit , daß hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei ; wie es aber sich zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen , widerspenstigen Seelen , wer konnte das sagen ? ! Wie aber schickte es sich , daß die Jugendfreundin gerade in diesem Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte : » Nicht wahr , Fritz , es ist doch auch gut so , wie sich das Verhältnis zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat ? « » Ja ! « sagte ich , und ich sprach keine Unwahrheit , wenn ich hinzufügte , daß ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei . Habe ich es nicht schon gesagt , daß ich der größte Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden war und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen hatte , allein zu bleiben und - dann und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder gar sogenannten guten Rat zu geben ? ... Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet , wenn es nicht die Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre , welcher gegenüber ich mein Recht , nein zu sagen , aufgegeben hatte . Ihre Augen hastig trocknend , rief Irene : » Da kommt der Vetter ! « Und wir wendeten beide uns ihm rasch zu , beide froh , daß er dieser kurzen , bitteren , schmerzensreichen Unterhaltung auf dem schattenlosen Feldwege ein Ende machte . Er kam von seinem Gehöft , von seinem in so ganz anderer Weise als Schloß Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde . Auch ihn sah ich jetzt zum erstenmal in der hellen Mittagssonne der Heimat , und sie änderte nichts daran , sie stellte es nur in ein helleres , freudigeres und sozusagen verständigeres Licht : in seinen gemütsruhigen , gesunden Jahren paßte und gehörte er ganz und gar zu Eva Sixtus , und ich änderte nichts an dem Faktum ! Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den ferneren guten , stillen , hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute . Mit den buntfarbigen Phantasmagorien , mit den Schmerzen und Tränen der Jugend hatte die lächelnde Sonne , die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag , freilich schon längst nichts mehr zu schaffen ; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr Gutes und Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung , des Nebels und des Landregens . » Das ist gut , daß du wenigstens da bist « , sagte der Vetter Just Everstein . Dreizehntes Kapitel » Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten « , rief ich ; es ging nicht anders . Wie einer der grünen Zweige , auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten , hing der Magister matheseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein ; ich mußte danach greifen und nicht bloß nach ihm , sondern nach allem , was an Blüten und Früchten sonst dran hing . Und es war wohlgetan . Zum erstenmal glitt etwas gleich einem Lächeln über Irenes Gesicht . » Wie wunderlich « , sagte sie , » daß wir einst kamen , um dich auszulachen , Just , und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten erinnern . Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesündigt ; aber das war wohl vor hundert Jahren - « » Nicht ganz so lange ist es her ! « meinte der Vetter Just ; doch Irene Everstein , seinen Arm nehmend , rief : » Für dich und - deine Braut wahrhaftig nicht , aber für uns andere . Sieh nur den Fritz Langreuter an , wie er mir recht gibt und was für ein verrunzelt , ernsthaft , urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht . Gewiß und wahrhaftig , ihr allein seid jung geblieben , Just und Eva ; - kreischend lachen und jauchzen wie wir konntet ihr nie ; nun dürft ihr heute lächeln , und wir dürfen das jetzt sowenig für eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen . Nun komm aber , Just , wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof zeigen ; es ist doch hundert Jahre her - mehr als hundert Jahre , seit er durch sein gastfreundlich-freudiges Tor einging . Wie oft er das freilich im Schlafen und Wachen im Traum tat , kann ich nicht wissen . « Ja , da lag der alte Hof , der echte , rechte Bauernsitz , die deutsche Heimstätte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze der Sommersonne , das heißt soviel augenblicklich , nachdem wir den altbekannten Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten , von ihm zu sehen war . Es war die Zeit der Heuernte , und bis ans Dach , schier bis hinauf an das Fenster der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetürmt , und der Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein . » Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst , was darauf passen will , « seufzte der gelehrte Bauer , um sodann behaglich hinzuzufügen : » Ja , da ist der Steinhof wieder , Fritz Langreuter , und ich glaube , ich habe nunmehr wirklich daraus gemacht , was zu machen war . Man will sich eben immer von seinen liebsten Freunden am liebsten loben lassen , sei es wegen seines Lateins , seiner Mathematik oder seiner Landwirtschaft . Also lobe mich nur dreist heraus . Mit meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen Erfahrungen wenig anzufangen gewußt ; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht ; ich aber habe manchen guten Morgen zugekauft , und es trägt sich aus . « Lächelnd stieß er mich in die Seite : » Du weißt es ja wohl , daß ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und das weiche Heu gehabt habe , nämlich für das Langhin-drein-sich-Legen . So kommt man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück ; - lache nur , Horaz hat ' s : Naturam expellas furca und so weiter , soviel Latein weiß ich noch ! Das war ein Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei uns Neuen geblieben . Klettre über , wühle dich durch ; - die Haustür findest du hinter dem Haufen an der alten Stelle , und hör nur - da sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung - gegeneinander . Taub sind sie alle beide ein bißchen , und zu sagen haben sie sich natürlich immer was - Jule Grote und Mamsell Martin meine ich ! Na , auf das Gesicht freue ich mich , was meine Alte über dich machen wird . Weißt du noch , für das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer eine Extrapartie von Pfeffer , Salz und Essig in ihrer Natur bereit ; denn darauf ließ sie sich jeden Tag totschlagen : wenn ein Mensch und nichtsnutziger studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen , ihren Just , auf dem Gewissen hatte , so warst - du das . « » Ist das wahr , Irene ? « fragte ich , mich zurückwendend , doch die Freundin war uns im Rücken abhanden gekommen , ohne daß ich es gemerkt hatte . » Das ist jetzt ihre Art so « , sagte der Vetter Just , » sie wird sich schon wiederfinden lassen . Hättest du es wohl für möglich gehalten , daß die Gute , Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können ? Aber sie hatte verweinte Augen ! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung am Wege nach Möglichkeit ausgenutzt ? Das ist recht , denn im Grunde habe ich dich dazu hergerufen ; aber nun komm fürs erste ins Haus und sieh zu , ob du die alte Herberge am Wege noch wiedererkennst . Glaube nicht , daß mir das etwas Natürliches und Selbstverständliches ist . Einen um den anderen Morgen wache ich auf und wundere mich , mich so wieder zu Hause zu finden . Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu Recht , daß jeder Vogel wieder in dasselbe Nest fällt , in welchem er flügge geworden ist , sondern ganz im Gegenteil . « » O Vetter , da sprichst du ein trostreiches Wort aus ! « rief ich . » Und das beste für uns andere ist , daß du , du das sagst ! Was kümmert uns denn da noch Schloß Werden ? Wie sehr es da spukt , das glaubte ich gestern erfahren zu haben , als man mich bat , als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden ; aber in Wahrheit erfahre ich es erst jetzt . Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen , aber die Gespenster mag er sich selber überlassen . Was geht uns Schloß Werden an ; denn wie würden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern , uns daselbst wieder zu Hause zu finden ? ! « » Irene auch , und das ist das allerbeste ! « sprach der Vetter Just , und wir stiegen durch das Heu , die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen verwandelte Wiesenschönheit des Jahres . Noch einmal dachte ich an den gestrigen Weg über den verwilderten , verwüsteten Schloßhof zu der Tür von Schloß Werden , dann aber nicht mehr ; der Steinhof nahm mich ganz gefangen . » Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen , und ihr kennt euch also noch ; aber mit dir ist es etwas anderes , Jule . Komm her , Alte , und betrachte dir den Gast genauer . Wer ist das ? Wer kann es sein ? « Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen ; doch schon platzte der Vetter heraus : » Das Fritzchen ist ' s ! Der kleine Fritz Langreuter von Werden ! Wer könnte es denn sonst anders sein ? « » I du meine Güte ! « schrillte der verrunzelte , graugelbe , weißhaarige Schutzgeist des Steinhofes , und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf , was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich noch im Schlafe gelegen hatte . Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende Altweiberstimme ? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs , sondern des ganzen Hauses hallte es gesprochen , und daß ich jetzo wiederum darauf komme , das Sixtus in Empfang nahm , wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den Hühnerställen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos , aber dreist auf den Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hüterin des umfriedeten Bezirkes ertappt wurde . Wer je einen erhitzten Gemütes abgezogenen Holzpantoffel gegen eine verriegelte Tür pochen hörte , dem lebt der Hall auch wieder auf , wenn er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt und die nämliche Fußbekleidung griffgerecht an ihren Füßen . » Es hilft uns nichts , Fritze , sie trommelt uns heraus « , pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen . - Ja , da stand sie , Gott sei Dank , noch in ihren Schuhen , und nun schlug sie die Hände vor dem Leibe zusammen , daß es gleichfalls den alten trockenen , knöchernen Hall gab , und seufzte herzzerbrechend , aber doch , wie es mir schien , mit einem gewissen Behagen : » Ach , du liebster Gott , also das ist er wirklich ? Ach , und ist wirklich aus einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor geworden ? Ach , und du liebste Barmherzigkeit , Herr Fritz , und - so dünn ! - Nehmen Sie es nur nicht übel , Herr Doktor Fritz ; je ja - je ja , es ist mir ja wirklich eine rechte Herzensfreude , aber recht schlecht und kümmerlich muß es Ihnen doch wohl da draußen in der Welt ergangen sein ? Je ja , das ist so , wenn der Mensche dem lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will ; da vernachlässigt er denn seine Leibesnahrung , zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert , daß es Klocke zwölfe am Mittage ist , wie ich meinen Just da , der sonst auch wohl als Faden sich durch ' n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte . Das habe ich ja immer gesagt , wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen und mein Just jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte . Just , habe ich gesagt , wie kann so ' nem Jungen was anschlagen ? Den setze du in ' n Fettpott , und er bleibt , was er ist ; an den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes . Wenn ich dem seine Mutter wäre , so schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn . Also , wenn du denn gar nicht von ihm lassen kannst , Just , so nimm dir zum wenigsten ein Exempel an ihm ! Ja , je ja , so habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen , und daß ich jetzo wiederum darauf komme , das tue ich nur , weil dem Menschen in seinem Vergnügen manches hingeht , was man sonst wohl krumm nimmt , wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt . Und das ist meine Rede , Herr Fritze , Herr Doktor Fritze , ich freue mich gewiß und sehr , daß ich Sie endlich doch noch mal erblicke ; und wie es Ihnen auch draußen in der Fremde ergangen sein mag , auf dem Steinhofe sind Sie immer willkommen , und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft nach dem Steinhofe ; meinen Jungen , den Just da , verführen Sie mir jetzt nicht mehr ; wir aber wollen es mit Pläsier versuchen , ob sich denn gar nichts an Sie heranfuttern läßt ! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut genug gekannt und gern gehabt , nach Ehren strebe ich nicht , aber das wäre mir doch was wert , wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gäbe und sagte : Jule Grote , Sie hat an allem , was mit Ihrem Just gut Freund gewesen ist , getan , was Sie konnte , selbst wenn sie es nicht verdient haben wie viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend , die ich jetzt hier nicht in den Mund nehmen mag ; aber an meinem Jungen , dem Fritz , da hat Sie Ihr allermöglichstes getan , und jetzt komme Sie nur her , dafür will ich Sie jetzt hier bekannt machen ; denn die Besten , die von unten heraufkommen , sind zuerst immer ein bißchen fremd - das ist überall so . « Nicht das kleinste Wörtchen , kaum ein zustimmender Gestus war in diese Begrüßungsrede einzuschieben gewesen . Wie der gelbe Heimatsfluß beim Eisgange rollte her , was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem Steinhofe vorzutragen hatte . Der Vetter Just stieß mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen in die Seite , was nichts weiter hieß als : Siehst du wohl ? Ganz die Alte ! Was wäre das alte Nest , der Steinhof , ohne die Alte ! - Ich aber hätte die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzüglich da , wo sich die Schollen aufeinanderzuschieben drohten , beim Kopf und Kragen nehmen mögen , um sie abzuküssen wie keine Jüngere im Lande . Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her , und alles war voll Heuduft ; und Frau Irene und ich waren die einzigen , die nicht in Hemdärmeln auf dem Steinhofe herumwirtschafteten . Es war ein heißer Sonnentag mitten im Sommer und in unserem Leben ; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt , und wer sie nicht ertragen mag , der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen . Es sind aber auch nur diejenigen , welche auch hier unten » fremd « bleiben , wie Jule Grote sich ausdrückt , die die Sonne nicht vertragen können . Aber ein drittes Wesen , das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging , hatte ich eben doch vergessen aufzuzählen . Zugeknöpft bis an den Hals , sowohl was das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf , setzte mir jetzt Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knicks hin - vor der Welt , um mich sodann mit zupackendstem , nicht den geringsten Aufschub zulassendem Interesse in den Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu flüstern : » Et l ' autre ? ! Der andere ? ! Wo ist der andere ? Was denkt sich der andere ? Was tut der andere ? « » Der andere ? Ewald ? ... Ewald Sixtus ? « Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich , wie sie mich nie in meiner Jugend auf Schloß Werden geschüttelt hatte : » Ah - oui - ich werde wie gebraten hier auf heißen Kohlen , und da kommt dieser , und ich halte ihn , und er sieht mich dans mon angoisse , und ich schüttele ihn , und er - fragt ! « ... » Ach Mademoiselle « , seufzte ich , » der andere fragt ebenfalls . Vor allen übrigen fragt er auch Sie , was er mit Schloß Werden anfangen soll . Wir haben gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen ; aber einen Eingang haben wir darum doch nicht gefunden . Am hellen Mittage haben wir große Furcht gehabt - « » Und ich weiß schon , was ich ihm sagen werde ; aber der vaurien , der Taugenichts , muß selber zu mir kommen . Was schickt er einen anderen hierher , wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen ! Aber es war immer so ! Nur wo er einen Unsinn konnte ausüben , kam er selber ; - wo es galt , nach der raison zu handeln , mußte man ihn immer suchen . « Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich trostreiches Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen , vor Hast und Erregung zuckenden soeur ignorantine , die gottlob so genau Bescheid wußte . Aber unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den Augenblick ; - es war wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe , und alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam , seinen Platz an dem Tische einzunehmen , den der Vetter Just Everstein durch die alte Stube auf feste Eichenfüße von neuem hingestellt hatte : zwei Bänke von Tannenholz die Langseiten entlang , ein Schemel für den Hofjungen und ein Holzstuhl mit einer Lehne für den Herrn . Es konnte in ganz Germanien keine vornehmere Hoftafel abgehalten werden ! Vierzehntes Kapitel Die Nacht war still , und ich überdachte den ersten Tag , den ich wieder auf dem Steinhofe zugebracht hatte . Die Nacht war ungemein still , und , Gott sei Dank , auch in mir ging ' s nicht außergewöhnlich lebhaft und lärmhaft zu . Was übrigens in dem gewohnten Laufe der Dinge und Stimmungen in der Welt durchaus nicht so hätte sein dürfen , denn ich befand mich in dem Hause meines außerordentlich glücklichen Freundes , und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der Vortrefflichkeit des Preises , der mir entgangen ist , gesprochen . Ich aber kann darüber nur sagen , was ich schon gesagt habe , und da es eine Nacht der Wiederholungen war , so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu Papiere bringen : ich gönnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute , Liebe und Schöne , das er , weil er ' s verdient hatte , sich gewonnen hatte - so kurz noch vor Torschluß ! Von alten Nestern handeln diese Lebenshistorien : die Zeiten , wo wir sie jung ins Grüne bauten , die waren für uns alle lange , lange vorüber ; aber Just Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles , solides Paar , auch ein stattlich Paar und eine Krone der Gegend . Eine Herrin gehörte noch an die fürstliche Tafel , die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags öffentlich , das heißt bei offenen Türen hielt , und wer hätte den Platz währschafter und freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau vom Försterhofe zu Werden - meine rehhafte , leichtfüßige , liebliche Jugendliebe ? ! ... Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst unterwegs begegnet ; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in Finkenrode : Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger Bürgermeister daselbst . Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen und der Obergerichtsrat Immermann in Düsseldorf schon längst vor der Nase weggefischt . Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrücken : mein Name war Dr. Langreuter , der irische Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich nur für einige Wochen aus einem mir völlig angemessenen Lebensberuf weggeholt , und ich gehörte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf Werden ; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen , aber sehr zur Ruine gewordenen Herrensitz der Grafen von Everstein . Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe , und die Kühle war sehr erfrischend und die Monddämmerung sehr wohltätig nach dem heißen , blendenden Heumondstage . Sie hatten ihr Heu wohl meistens glücklich unter Dach gebracht , aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm , wenngleich etwas betäubend die Nacht ; ich aber konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein . Es ist immer ein anderes , wenn die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen , mit seinen Illusionen und Herzensneigungen abzuschließen , und ein anderes ist ' s , zur Zeit des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu bringen . Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte , war die im Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung , daß auch zwei anderen Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel leichter glätten werde , als sie augenblicklich noch , beide für möglich hielten . Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben , ihm in dieser Nacht sofort zu schreiben : ich wußte , daß der Mann und wilde Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht , hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Dintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt ; aber - wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt , in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird , sowohl vom Wetter wie vom Schicksal ? ... Ihrem Schicksal entgingen sie - Ewald und Irene - darum doch nicht ; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund , war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen . Wie sich das stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug , das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Dinte und noch schlechterer Feder hinschreiben , und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben abgehalten . Er war ganz meiner Meinung gewesen ; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie . Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht , um Schloß Werden sich zu gewinnen ; weshalb sollte er nicht die eine und die andere Nacht durchwachen , um zu dem Entschluß zu kommen , es wieder aufzugeben ? » Gute Nacht , Just . Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh ? « » Ist denn noch Dinte drin ? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen ? « fragte der Vetter , lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend . » Lieber Bruder , die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert . Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen , um mir den notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen . « Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes schwarzes Naß , um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können und meine Ansicht , Meinung , Weisheit und guten Ratschlägen dazu ; der Vetter war gegangen , und ich hatte - die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster . Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben ? Daß ich sie in der heißen Sonne am Wege sitzend fand , daß sie in der Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte , daß sie viel und hastig , aufgeregt und verworren sprach , und ganz und gar nicht wie ein Professor der Psychologie ? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen , und zwar sehr still ? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause hockte und daß ich die beiden guten Alten reden ließ , ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen ? Daß alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann ? Daß aber , gerade weil dem so ist , alles auf Erden viel offener und sozusagen wehrloser daliegt , als der Mensch in seiner täglichen Verwirrung sich einzubilden pflegt ? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht hat ? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt - auch in und um Schloß Werden nicht ? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war und daß die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte und daß es trotz alle- , alledem sehr leicht sei , über mittelalterliche Geschichte , und sehr schwer , über das