» Kommt , Reb Simche « , sagte er tief aufseufzend . » Unsere Pflicht haben wir getan - gegen Sender , aber auch gegen den Stolz unserer Gemeinde ... Der frömmste Rabbi des Landes in den Händen der Polizei . Aber wird ' s unsere Schuld sein , Reb Simche ? « » Nein « , wehrte der Fuhrmann entsetzt ab . Er verstand nicht , was der Marschallik meinte , aber er wollte keinesfalls daran schuldig sein . Der Rabbi horchte hoch auf . » Was meint Ihr damit ? « fragte er . » Ja , wenn ich ' s sagen dürft ' ! « seufzte der Marschallik . » Aber kann ich ' s sagen ? Redet , Reb Simche , könnt Ihr ' s sagen ? Könnt Ihr ? « » Nein ! « beteuerte dieser , und da log er wahrlich nicht . » Ich nehm ' s Euch nicht übel , Reb Simche . Ihr seid eben Familienvater ! Und ich auch ... Lebt wohl , Reb Manasse . Aber wenn der Bann erlassen ist , und es kommt die Polizei und holt Euch - denkt dann an mich ... « » Die Polizei ? « fragte der Rabbi geängstigt . Er wußte wohl , des Kaisers Gericht hatte den Rabbinern streng verboten , den Bann zu schleudern , auch war die angedrohte Strafe hoch . Aber zur Untersuchung kam es nur , wenn die Anzeige eines einflußreichen Mannes vorlag , sonst kümmerten sich die Bezirksämter nicht darum . » Hat dieser Sender so mächtige Freunde ? « » Ja ! « sagte der Marschallik . » Mögen diese Herren dann mit mir tun , was sie wollen , ich warne meinen Rabbi ! Nur von zweien dieser Freunde will ich reden . Der eine ist so mächtig , daß er neulich - ich war zufällig dabei - einen Herrn in Uniform zu Sender gebracht hat , und der hat gleich versprochen : Sender wird nie Sellner werden . Ist es wahr , Reb Simche ? « » Ja « , erwiderte dieser feierlich , obwohl er das Lachen mit Mühe unterdrückte . Der Rabbi rückte unruhig hin und her . » Könnt Ihr bezeugen « , wandte er sich an den Fuhrmann , » daß auch Ihr diesen mächtigen Freund von Sender kennt ? « » Bei Weib und Kind kann ich ' s schwören « , beteuerte der dicke Mann . » Ich kenn ' ihn wie mich selbst ! « » Wer mag das sein ? « murmelte der Gelehrte beängstigt . Dann aber erhellte sich sein Antlitz . » Warum hat denn Frau Rosel so vor der Rekrutierung gezittert ? « fragte er . » Warum ist der Mann in Uniform nicht früher gekommen ? « Türkischgelb lächelte überlegen . » Ihr vergeßt , daß Sender geglaubt hat , er ist befreit . Und der Mann in Uniform ist damals noch nicht in Barnow gewesen ! « Er beteuerte auch dies mit schweren Eiden , und der Fuhrmann tat das gleiche . Der Rabbi seufzte . » Aber wer war es ? « fragte er . » Sagt es doch . « » Darf ich Euch nicht sagen « , erwiderte Türkischgelb . » Und ebenso kann ich Euch nicht sagen , wer sein zweiter , noch viel mächtigerer Beschützer ist . Ich kann nicht . Aber ist Euch nicht aufgefallen , woher der Bursch plötzlich lesen und schreiben kann ? Woher er die Bücher hat ? Welch einen Haufen haben Frau Rosel und ich verbrannt ! Welch einen Haufen ! Alles von diesen reichen Herren ... Glaubt Ihr , Rabbi , daß solche Herren schweigen werden ? Eine kleine Straf ' für ihren Schützling hätten sie hingenommen , aber den Bann ? Ihr kommt ins Kriminal , Rabbi , ich seh ' schon die Polizei , wie sie Euch holt ! ... Aber das ist nicht zu ändern , Ihr müßt nach Eurem Gewissen handeln ... Kommt , Reb Simche ... « » Halt ! « sagte Rabbi Manasse und wischte sich den Schweiß von der Stirne . » Sender ist reuig , sagt Ihr , und die Bücher sind verbrannt ? « » Ja , aber das nützt ja nichts ! Kommt , Reb Simche ! « Und er zog den Fuhrmann zur Tür hinaus . Als sie auf der Straße waren , brach der dicke Mann in ein Lachen aus , daß es wie ein Dröhnen klang . » Reb Itzig « , rief er bewundernd , » was seid Ihr für ein Kopf ! Aber warum seid Ihr nicht dageblieben ? Wir hätten irgend eine Buße für Sender vereinbart , und die Sach ' wär ' im reinen ! « » Weil die Buße morgen , wenn er mich holen läßt , kleiner sein wird . Denn zwischen heut ' und morgen liegt eine Nacht , die er schlaflos verbringt . « In der Tat erschien am nächsten Morgen Meyerl Kaiseradler beim Marschallik und entbot ihn sofort zu dem Rabbi . Türkischgelb ließ sich auch nicht lange bitten . » Vielleicht fragt er sonst einen anderen « , dachte er . Aber damit hatte es keine Gefahr . » Unser gestriges Gespräch bleibt unter uns « , begann der Rabbi . » Sonst könnten die Leut ' glauben , daß ich mich vor der Polizei fürchte , während ich nur unseren Weisen folge . Nach unseren Weisen läßt sich eine so schwere Strafe doch nicht aussprechen - ich hab ' mich davon überzeugt . Es mag genügen , wenn Sender die folgenden Bedingungen erfüllt . Erstens muß er zu mir kommen und mir Abbitte tun für die Kränkung , die er meinem frommen Herzen bereitet hat ... « Der Marschallik nickte . » Das sind Worte « , dachte er , » auf Worte wird es meinem Sender nicht ankommen ! « » Zweitens , er muß mit einem Schwur auf die Thora geloben , nie wieder ein deutsches Buch anzurühren ... « » Hm ! « Türkischgelb räusperte sich . Seine eigene Empfindung darüber war eine unsichere , er verdammte Sender nicht , sondern bemitleidete ihn nur : die Wissenschaft brachte ihm schwere Anfeindung und keinerlei Nutzen , aber gleich abschwören wie eine Sünde ! Und Sender mußte doch einen Zweck dabei verfolgt haben , und gleichviel , wie töricht dieser gewesen , würde er nun gewillt sein , ihn aufzugeben ? » Hm ? « fragte der Rabbi . » Hm ! « wiederholte der Marschallik . Aber er sah ein : da konnte der Rabbi wirklich nicht nachgeben , ohne sein Ansehen einzubüßen . » Und was noch ? « fragte er . » Zum dritten soll Sender zwei Jahre lang jeden Montag und Donnerstag fasten und zum vierten jeden Sabbat auf dem Sünderplatz neben der Tür der Schul stehen . « » Daraus wird nichts ! « erklärte Türkischgelb entschieden . Und in beweglichen Worten stellte er dem Rabbi vor , daß ein kränklicher Mensch doch nicht im Winter an der Tür stehen und zweimal wöchentlich fasten könne . » Aber eine dauernde Buße muß er auf sich nehmen ! « wandte Rabbi Manasse ein . » So laßt ihn durch zwei Jahre täglich fünf Psalmen sagen . « » Das ist eine zu leichte Strafe « , meinte der Gelehrte , gab sich aber schließlich damit zufrieden . » Außerdem aber « , sagte er , » will ich ihm das Versprechen abnehmen , bald zu heiraten . Dann wird er ehrbar und vernünftig . Warum soll er nicht zum Beispiel die Lea aus Kolomea nehmen ? « » Rabbi ! « rief der Marschallik lachend . » Das wäre ja die vierte und härteste Buße . Und eine Straf ' soll ' s doch nicht sein ! Es steht ja geschrieben : Ehestand ist Glücksstand . Aber daß er Euch das Versprechen leisten soll , damit bin ich einverstanden . « Er meinte dies ernst . Denn er wollte ja nicht , daß Sender ein » Deutsch « werde und unvermählt bleibe , wollte es , von dem Vorurteil abgesehen , das auch in ihm nicht schwieg , vor allem deshalb nicht , weil es ihm für den » armen Jung ' « kein Glück schien , nun in neue , fremde Bahnen einzulenken - für den Zwanzigjährigen von schwankender Gesundheit war ' s zu spät . Als der Marschallik seinem Bundesgenossen Simche das Ergebnis dieser Verhandlung mitteilte , brach der Fuhrmann in den ungestümen Ausruf der Bewunderung aus : » Reb Itzig , gegen Euch ist Gortschakow ein Esel , und Schwarzenberg ein Ochs . Wenn Ihr Tippelmat ( Diplomat ) geworden wäret , es gäb ' keinen Krieg auf der Welt . Mehr hätte niemand für Sender erwirken können , auch sein eigener Engel nicht . « Minder bilderreich drückte Frau Rosel ihre Zustimmung aus . » Gott wird ' s Euch vergelten « , sagte sie . » An Eurer Jütte wird er ' s Euch vergelten « - aber auch dies wenige erriet er mehr , als er es hören konnte , weil die Tränen der Freude die Stimme der armen Frau erstickten . » Ihr sagt es ihm aber erst , wenn er außer Bett ist « , mahnte er . Ihm machte jener Schwur Sorge , und obwohl er sonst auch sein eigenes Verdienst sehr gern und sehr lebhaft anerkannte , vermochte er doch diesmal nicht recht in das Lob der anderen einzustimmen . Denn da Sender in der Gemeinde beliebt war , ärgerten sich nur die Frömmsten darüber , daß er so glimpflich davonkommen sollte , wenn es auch die meisten geradezu wie ein Wunder berührte , daß der sonst so strenge Rabbi nicht einmal auf einer öffentlichen Buße beharrte - von den beiden Mächtigen , die dies bewirkt , erfuhr ja niemand ein Sterbenswörtchen . Nur ein Mann der Gemeinde , sonst der Stillste und Sanfteste , konnte sich über die Milde nicht beruhigen . » Schimpf verdient Ihr , nicht Lob « , rief Jossele Alpenroth dem Marschallik zu , als sie am Sabbat nach Abschluß jenes Vergleichs vor der Schul zusammentrafen . » Ihr habt den Rabbi betört . « Itzig Türkischgelb war sonst nicht der Mann , auf einen groben Klotz einen feinen Keil zu setzen , diesmal tat er es doch . Der Uhrmacher hatte bisher in seinen Zukunftsplänen für Sender eine große Rolle gespielt ; natürlich sollte der Jüngling nach seiner Genesung in die Werkstätte zurückkehren . » Reb Jossele « , sagte er betroffen , » Ihr seid doch sonst ein Milder und Weiser . Ihr werdet doch den armen Jungen nicht verstoßen ? « Der kleine Meister wurde krebsrot . » Was ? « schrie er und warf die Arme in die Luft . » Ihr glaubt , ich nehm ' ihn wieder auf ? Diesen Pojaz , diesen Tagedieb , diesen Gotteslästerer ! Wenn ich mein Versprechen brechen wollt ' , was könnt ' ich von ihm erzählen ! Und wie viel Rädchen hat er mir zerbrochen ! « Die Umstehenden lachten laut . » Lacht nicht ! « rief er außer sich vor Wut . » Wenn Gott noch zu den Menschen reden tät ' , er würde Euch zurufen : Schickt ihn als Baal Taschuba ( fahrenden Büßer ) hinweg aus dieser frommen Gemeinde . Sonst - « » Zerbricht er noch ein Rädchen « , fiel der Marschallik ein . » Ihr irrt , so würdet Ihr reden , wenn Ihr Gott wäret . Aber Gott ist kein kleiner , dummer , heimtückischer Uhrmacher ! « Das Gelächter erhob sich noch lauter . Jossele Alpenroth flüchtete schmachbedeckt in den Vorhof der Schul , aber auch seinem Besieger war ' s schwer ums Herz . » Was nun ? « dachte er . » Ein neues Handwerk kann er doch jetzt nicht anfangen . Simche nähm ' ihn gleich wieder , aber das ist doch kein Geschäft für einen kränklichen Menschen . « Indes , diese Frage konnte nur mit Senders Zutun erwogen werden . Eine andere Sache aber hatte der Marschallik sofort zu ordnen . Der Name Glatteis im Ladungsschein mußte als Irrtum erscheinen . Auch die schonendste Enthüllung seiner Abkunft hätte den Genesenden furchtbar erregt , aber noch aus einem anderen Grunde schauderte Frau Rosel davor zurück : » In der nämlichen Stund ' geht er in die weite Welt wie sein Vater ! Er hält ' s dann für seine Bestimmung , und dasselbe Blut hat er ja leider . Glaubt Ihr , er wär ' auf die christlichen Bücher gekommen , wenn er nicht Mendele Schnorrers Sohn wäre ? Ich bin nicht eher ruhig , bis er ein Weib hat und auch vor dem Kaiser mein Kind ist . « Sie wollte ihn nach Luisers Weisung adoptieren und diesem , der neben seinem Amt auch Winkelschreiberei betrieb , die Durchführung der Sache übergeben . Aber vorher mußte der Gemeindeschreiber jenen » Irrtum « bescheinigen . Der Marschallik übernahm es , Luiser dazu zu bestimmen . » Ihr schreibt die Vorladung zur Losung noch einmal « , schlug er ihm vor , » auf den Namen Kurländer und füget bei , bei , Glatteis ' wär ' Euch damals die Feder ausgeglitten . « Aber Luiser war für diesen bescheidenen Scherz unzugänglich . » Die größere Sach ' übernehm ' ich « , sagte er . » Warum nicht ? Eine ehrliche Sach ' , kostet hundert Gulden . Aber etwas Falsches bescheinigen ? Um keinen Preis ! Es geht ja um meine Ehre . Nicht um mein Leben ! Nicht um zehn Gulden ! « » Aber um zwei « , erwiderte Türkischgelb kaltblütig . » Zehn Gulden kann die arme Frau , die jetzt Arzt und Apotheker bezahlen muß , nicht erschwingen . « » Meine Ehre um zwei Gulden ? « rief Luiser entrüstet . » Also zwei und einen halben « , sagte der Marschallik begütigend , » aber mehr keinen Heller . Sonst lüg ' ich mir meinen Sender ohne Schein an . « Er faßte nach der Türklinke . Seufzend griff der Schreiber nach einem Formular und schrieb das Gewünschte , fügte auch in seiner unbeholfenen Schrift in zollhohen lateinischen Lettern bei : Friher durch Irtum mit anterer Ruprike Glatteis geheusen . - » Aber nun krieg ' ich auch die größere Sach ' ! « Der Marschallik zählte das Geld auf den Tisch und steckte den Schein ein . » Wahrscheinlich « , erwiderte er . » Aber vorher frag ' ich Dovidl , ob er ' s nicht billiger macht . « » Den ? « rief Luiser höhnisch . » Dovidl Morgenstern wollt ' Ihr eine so schwere Sach ' anvertrauen ? Seid Ihr bei Vernunft ? Natürlich wird er sie übernehmen , der Stümper , der zapplige Mensch übernimmt ja alles , aber kann er sie denn führen ? Von den Gesetzen versteht er so viel wie ich von - « er suchte vergeblich nach einer Sache , von der er , Luiser Wonnenblum , nichts verstand , und verbesserte sich darum - » wie der Rabbi von einem Walzer ! Und Deutsch schreibt er , hahaha « - er lachte krampfhaft - » in jedem Wort ist ein Fehler , auf Ehre ! Die Herren vom Bezirksgericht schütten sich aus vor Lachen , wenn jemand mit einer Eingab ' von ihm kommt . Das ist ja ein Unsinn , sagen sie , und nicht Deutsch , wir können ' s gar nicht erraten tun , was er will , sagen sie , warum nehmen Sie zu Ihrem Schaden so einen Esel ? Und ein Mensch - wißt Ihr , was er jetzt werden will ? Alles , was Koscielski bisher war . Ihr lacht , Reb Itzig ? Recht habt Ihr ! « » Fällt mir nicht ein « , sagte der Marschallik . » Warum sollt ' ich lachen ? « Wladimir Koscielski war der Lottokollektant und Versicherungsagent für Barnow , doch mußte er nun auf diese Ämter verzichten , da er Anfälle von Säuferwahnsinn hatte . » Besser als der versoffene Schlingel wird ' s Dovidl machen . « » Schlechter « , rief Luiser grimmig . » Ich sag ' ihm : Teilen wir zur ehrlichen Hälfte , ich die Kollektur , du die Versicherungen . Aber er will alles ! Der Stümper ! Und er soll gar eine Adoption durchführen ? Hahaha , der macht Euch den Froim lebendig , statt ihn totzusagen . Und warum das alles ? Weil er um zehn Gulden billiger ist und nicht neunzig Gulden verlangt wie ich , sondern achtzig . « Der Marschallik nickte ihm freundlich zu . » Nur weiter , Reb Luiser . Ihr redet gut , ich hör ' Euch gern zu . Aber hundert - neunzig - in einer halben Stund ' habt Ihr erst zehn Gulden nachgelassen - könnt ' s von nun an nicht schneller gehen ? « » Handeln laß ich mit mir nicht « , erwiderte der Gemeindeschreiber . » Was ich ausgesprochen hab ' , dabei bleibt ' s. Um achtzig will ' s Dovidl machen , sagt Ihr ? Gut , aus Freundschaft für Euch tu ' ich ' s um dasselbe Geld . Da kann Euch die Wahl nicht schwer sein , denn dieser Dovidl - wißt Ihr , wie weit es schon mit ihm gekommen ist ? Ich sollt ' micht ja darüber freuen , aber weil er Weib und Kind hat , so tut er mir eigentlich leid . Nämlich weil das Bezirksamt keine Eingab ' mehr von ihm annimmt , sucht er jetzt einen Schreiber , der besser Deutsch kann als er . Ein Erbarmen , sag ' ich Euch . Aber ist ' s ein Wunder ? Er benimmt sich ja wie ein Narr - alles an ihm zappelt - soll man da Vertrauen zu ihm haben ? Und so einen Menschen wollt Ihr mir vorziehen , wenn ' s bei uns beiden gleich viel kostet - siebzig Gulden . « » Nein « , erwiderte der Marschallik . » Wenn ' s bei euch beiden fünfzig kostet , kriegt Ihr die Sach ' , lebt gesund . « Siebzehntes Kapitel Der Marschallik überbrachte Frau Rosel das Schriftstück und suchte den Konkurrenten Luisers auf . Auf dem Weg hielt er plötzlich an . » Das wär ' ja was ! « murmelte er in höchster Freude . » Gott im Himmel , das wär ' ja was ! « Fast hätte er vor Jubel über den glücklichen Einfall auf offener Straße einen Luftsprung gemacht . Dann eilte er hastig zu Dovidl Morgensterns Haus . Aber auf dem Flur vor der Tür mit der Tafel in deutschen und hebräischen Lettern : » Prifat-Agentschaft . Guter Rath in alle Sachen « , verschnaufte er sich erst gründlich , ehe er eintrat . Da hieß es ruhig auftreten . Dovidl , ein hagerer Mann mit dünnem , rötlichem Bart , unsteten Augen und fahrigen Gesten saß an seinem Pult und schrieb eifrig , das Haupt tief hinabgeneigt , daß die Hakennase das Papier berührte . Bei Türkischgelbs Eintritt zuckte er empor , zwang sich dann aber , weiter zu schreiben . » Gut ' Woch ' - setzt Euch « , sagte er möglichst gleichmütig und setzte seine Arbeit fort . Der Marschallik blieb stehen und sah ihm eine Weile zu . » Reb Dovidl « , begann er . » Verzeiht - gleich ! Ich bin beschäftigt - noch fünf Minuten - « » Nicht eine halbe « , sagte der Marschallik freundlich , aber entschieden . » Deshalb kriegt Ihr die große Sach ' , die ich Euch bring ' , doch nur , wenn Ihr ' s billiger macht als Luiser ! « » Aber Reb Itzig « , rief der Winkelschreiber , fuhr empor und erhob vorwurfsvoll die Arme gen Himmel , » glaubt Ihr , ich mach ' Euch was vor ? Hab ' ich das nötig ? Ich hab ' ja so viel zu tun ! Wann hab ' ich zuletzt die ganze Nacht geschlafen ? Ich erinnere mich gar nicht mehr daran . Und mit Luiser droht Ihr mir ? Mit diesem Stümper ? Wißt Ihr , was die Herren vom Bezirksamt sagen , wenn sie eine Eingab ' von ihm bekommen ? « » Ja « , erwiderte der Marschallik . » Sie sagen : Das ist ein Unsinn , der kann nicht Deutsch , sagen sie , in jedem Wort ein Fehler . Und schütten sich aus vor Lachen . « » So ist es ! « rief Dovidl erfreut . » Habt Ihr ' s auch gehört ? « » Ja , von Luiser , er hat ' s mir eben über Euch gesagt ! « » Über mich ? « Dovidl riß seinen Kaftan auf . » Ich fahr ' aus der Haut . « » Später . Hört zuerst , was ich Euch bringe . « Er trug ihm kurz die Sache vor . » Sagt : Dreißig Gulden ! und wir sind einig . « » Unmöglich ! « rief der Winkelschreiber . » Unmöglich ! « wiederholte er wehklagend und taumelte händeringend in der Stube auf und ab . » Da verbrauch ' ich ja auf Tinte und Papier mehr . Wenn Ihr wüßtet , wieviel da zu schreiben ist . Zuerst muß ich ja bei allen Gemeinden in der ganzen Welt anfragen , ob sie was von Froim Kurländer wissen , denn vielleicht lebt er noch . Und wenn niemand von ihm weiß , erst die Scheidung , dann die Todeserklärung , dann die Annahme an Kindesstatt . Einen Menschen totschlagen geht leicht , und ein Kind bekommen noch leichter , aber auf gesetzlichem Wege ist das sehr schwer . Und das soll Luiser durchführen ? Freilich , übernehmen wird er ' s. Er will ja jetzt sogar die Kollektur und die Versicherungen übernehmen , obwohl ich ihm gesagt : Jedem - « » Die Hälfte ! Ihr die Kollektur , er die Versicherungen . Merkwürdig ! Die Hälften sind gleich , und doch will jeder die Kollektur ! « » Aber kann denn er die Kollektur führen ? ... Der Unverschämte ! Ich wette , daß er Euch für diese Sache zuerst achtzig Gulden abgefordert hat . « » Nein ! « erwiderte der Marschallik entschieden . Und in der Tat waren ' s ja hundert gewesen . » Also siebzig oder sechzig . Und ich will ' s um vierzig machen . Warum ? Weil mein Grundsatz ist : Leben und leben lassen . Luiser schindet die Leut ' , und dennoch verdien ' ich mehr . Er spricht mir Böses nach , sagt Ihr ? Das ist nicht schön von ihm , warum schimpf ' ich nicht über ihn ? Weil er mich erbarmt , denn seine Stube steht leer , und ich such ' nach einem Schreiber - mit Lichtern such ' ich - und find ' keinen . « » Deshalb bekommt Ihr doch nur dreißig Gulden . Das vom Schreiber glaub ' ich Euch nicht - wer sucht , der findet . « » Lächerlich ! Ich schreib ' die Eingaben zuerst in hebräischer Schrift , da geht ' s rascher , zum Abschreiben muß ich also einen Juden haben ! Gibt ' s denn hier so viel Juden , die Deutsch können ? Ich gut und Luiser schlecht . Einen von auswärts kommen lassen ? Das duldet Rabbi Manasse nicht . Wer sucht , der findet ? Schaffet mir einen Schreiber , und ich will Euch königlich belohnen - zwei Gulden sollt Ihr haben , oder einen , oder was Ihr verlangt ! « » Ich nehm ' Euch beim Wort . Drei Gulden verlang ' ich . Dafür sollt Ihr einen Schreiber haben wie noch nie einer war . Er kann besser Deutsch , als Ihr und Luiser zusammen , schreibt wie gedruckt , ist klug wie der Tag und ein treuer Mensch . Und der Rabbi wird nichts dagegen haben . « » Gut , drei Gulden . Wer ist ' s ? « » Roseles Pojaz . « » Der ? « rief der Winkelschreiber . In der Tat , das war ja ein kluger Mensch , und lesen konnte er auch . Aber für Sender brauchte er doch nicht dem Marschallik einen Vermittlerlohn zu zahlen . Den konnte er sich selbst schaffen . » Das ist nichts für mich « , sagte er . » Ein Sterbender ! Und gottlos ist er auch . Und ob er schreiben kann , weiß ich nicht . « Der Marschallik lächelte . » Ich hab ' s ja nur für Euch und Frau Rosel gut gemeint . Sender selbst will lieber fort - er hat auch schon was ... Reden wir nicht mehr darüber . Also kein Geschäft , Reb Dovidl , weder das große noch das kleine . Lebt gesund ! « » Das große ist ja in Ordnung « , rief Dovidl und sprang auf ihn zu . » Dreißig Gulden . Abgemacht . « Er hielt ihm die Hand hin , und Türkischgelb schlug ein . Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte , blieb der Marschallik stehen und lüpfte den Hut . » Reb Itzig « , sagte er verehrungsvoll , » das habt Ihr gut gemacht ! Will Sender hier bleiben , nun kann er ' s und braucht als Apotheker keinen Schwur zu leisten . In acht Tagen läßt Dovidl die Mutter zu sich bitten und bietet ihr ' s an . Und alle können zufrieden sein , auch Dovidl , denn der ist ja glücklich , daß er mich um die drei Gulden betrogen hat . « Er irrte nur insofern , als Morgenstern schon zwei Tage darauf um Frau Rosel sandte . Seine Aussichten auf die Kollektur waren gewachsen ; und nun wollte er sich den Schreiber jedenfalls sichern . Aber Frau Rosel konnte nicht abkommen ; es war der erste Tag , den Sender außer Bette verbrachte , und sie mochte ihn nicht verlassen . Regungslos saß der Genesende im Lehnstuhl am Fenster , ließ den Blick über die Straße und das Stückchen Getreidefeld schweifen , das er überblicken konnte , und atmete tief - der Sonnenschein , die warme Frühlingsluft taten ihm so wohl - und daß er lebte , lebte ! Noch war die dumpfe Betäubung im Hirn nicht ganz gewichen ; wie ein Spinnennetz lag es über seinen Gedanken , und wenn er sich klar machen wollte , was alles geschehen , und sich ausmalen , wie es nun werden sollte , empfand er einen leisen Schmerz in den Schläfen . Aber wozu denken ? Lieber atmen und wieder atmen - tief und immer tiefer - und die Glieder im Sonnenschein dehnen - die Hand nach einem Blättchen der Linde vor dem Fenster strecken , das Blättchen abreißen und fallen lassen , die Hand zur Faust ballen und sich freuen , daß er dies alles konnte . Die Hand zitterte , und wenn auch der Druck und die Stiche in den Lungen aufgehört , so mußte er doch noch zuweilen husten , aber daran lag ja nichts . » Sie werden gesund « , hatte ihm gestern der Regimentsarzt zum Abschied gesagt , da er nun weiter mußte , » und brauchen keine sonstige Medizin als Essen und Stillsitzen . Und noch eins : keine traurigen Gedanken ! « Der Genesende nickte vor sich hin , immer und immer wieder , und atmete und lächelte : Traurige Gedanken ? Es gab nur ein Unglück auf der Welt : sterben müssen - und er lebte ja und wurde gesund . Aber essen - der Arzt hatte recht - essen , wo nur die Mutter so lange blieb ? Aber da trat sie ja ein , den Teller in der Hand und lächelte ihm zu . Er aß gierig - welch köstliche Suppe das war , nur etwas wenig . Aber die Mutter sagte : » In zwei Stunden bekommst du wieder einen Teller « , und so lehnte er sich geduldig in den Stuhl zurück und blickte in das Grün der Linde und sah zu , wie Sonne und Schatten im leisen Windhauch über das Laub huschten , bis er die Augen schloß und einschlief . Am nächsten Tage fühlte er sich schon viel kräftiger . Da konnte er die Jacke selbst knöpfen und stützte sich bei dem Gang ans Fenster auf den Arm der Mutter nur , weil sie es so wollte , er hätte den Lehnstuhl fast selbst erreichen können . Und heute konnte er auch schon ein ganzes Zweiglein des Lindenbaums an sich heranziehen und die winzigen Knöspchen betrachten , aus denen einst die weißlich-grünen , duftigen Blüten brechen sollten . Und jenes Haschespiel zwischen Licht und Schatten konnte er länger verfolgen als gestern , ohne müde zu werden . Während er so hineinstarrte , flog ihm brummend ein Maikäfer an die Nase . Schwups ! - da hatte er ihn . Aber nachdem er die glänzenden Flügeldecken und die feinen Fühlfäden betrachtet , legte er ihn sacht auf das Fensterbrett und freute sich , wie rasch er davonflog . Auch der Käfer und alles , alles wollte leben und sich der Sonne freuen , wie er selbst . Einmal schob sich eine Wolke vor die Sonne , aber sie wich bald wieder . Es mußte ja schön bleiben , immer , denn Licht und Wärme taten ihm wohl , und er mußte ja gesund werden ... Und darum war auch am dritten und vierten Tage der Himmel blau , und es wurde immer schöner auf der Erde . Denken ? nein , denken mochte er auch heute nicht . Aber in einem hielt er '