doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher « usf. Die Frauensleute hingegen ärgerten sich über meine Vagabunden , Kesselflicker und Fratzengesichter und begriffen nicht , warum ich im Felde nicht lieber ein artiges vorübergehendes Landmädchen oder einen anständigen Ackersmann abgebildet habe , als mich fortwährend mit solchen Unholden zu beschäftigen ; die Söhne belachten meine ungeheuerlichen Berghöhlen , die unmöglichen und lächerlichen Brücken , die menschenähnlichen Steinköpfe und Baumkrüppel und gaben jeder solchen Tollheit einen lustigen Namen , dessen Lächerlichkeit auf mich zu fallen schien . Ich stand beschämt da als ein Mensch , der voll närrischer und eitler Dinge ist , und die mitgebrachte künstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der einfachen Gesundheit dieses Hauses und der ländlichen Luft . Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim , um mich wieder auf eine reale Bahn zu leiten , die Aufgabe , seine Besitzung , Haus , Garten und Bäume , genau und bedächtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu entwerfen . Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentümlichkeiten und auf das , was er besonders hervorgehoben wünschte , und wenn seine Andeutungen auch eher dem Bedürfnisse eines rüstigen Besitzers als demjenigen eines Kunstverständigen entsprachen , so ward ich doch dadurch genötigt , die Gegenstände wieder einmal genau anzusehen und in allen ihren eigentümlichen Oberflächen zu verfolgen . Die allereinfachsten Dinge am Hause selbst , sogar die Ziegel auf dem Dache , gaben mir nun wieder mehr zu schaffen , als ich je gedacht hatte , und veranlaßten mich , auch die umstehenden Bäume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen ; ich lernte die aufrichtige Arbeit und Mühe wieder kennen , und indem darüber eine Arbeit entstand , die mich in ihrer anspruchlosen Durchgeführtheit selbst unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jüngsten Zeit , erwarb ich mir mit saurer Mühe den Sinn des Schlichten , aber Wahren . Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen , was ich im letzten Jahre hier verlassen , beobachtete alle Veränderungen , welche etwa vorgefallen , und harrte im stillen auf den Augenblick , wo ich Anna wiedersehen oder wenigstens zuerst ihren Namen hören würde . Aber schon waren einige Tage verflossen , ohne daß die geringste Erwähnung fiel , und je länger dies andauerte , desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor . Man schien sie völlig vergessen zu haben , als wäre sie niemals dagewesen , und , was mich innerlich kränkte , niemand schien im geringsten zu ahnen , daß ich irgendeine Berechtigung oder ein Bedürfnis besitzen könnte , von ihr zu hören . Wohl ging ich halbwegs Über den Berg oder in den Schatten des Flußtales , allein jedesmal kehrte ich plötzlich um , aus unerklärlicher Furcht , ihr zu begegnen . Ich ging auf den Kirchhof und stand an dem Grabe der Großmutter , welche nun schon seit einem Jahre in der Erde lag ; aber die Luft war windstill vom Gedächtnisse Annas , die Gräser begehrten nichts von ihr zu wissen , die Blumen flüsterten nicht ihren Namen , Berg und Tal schwiegen von ihr , nur mein Herz tönte ihn laut hinaus in die undankbare Stille . Endlich wurde ich gefragt , warum ich den Schulmeister nicht besuche ? und da ergab es sich zufällig , daß Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im Lande sei und daß man meine Kunde hierüber vorausgesetzt habe . Ihr Vater hatte , in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht , daß nach seinem Tode sein Kind , das einmal für eine Bäuerin zu zart sei , verlassen in der rauhen dörflichen Umgebung bleiben würde , sich plötzlich entschlossen , Anna in eine Bildungsanstalt der französischen Schweiz zu bringen , wo sie sich bessere Kenntnisse und Selbständigkeit des Geistes erwerben sollte . Er ließ sich , als sie ihre Abneigung dagegen aussprach , durch ihre Tränen nicht erweichen , allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht , und begleitete das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen , vornehm-religiösen Erziehers , wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte . Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel . Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater , begleitete ihn auf seinen Wegen und hörte von ihr sprechen ; oft blieb ich mehrere Tage dort , alsdann wohnte ich in ihrem Kämmerchen , wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete die wenigen einfachen Gegenstände , welche es enthielt , mit heiliger Scheu . Es war klein und enge ; die Abendsonne und der Mondschein füllten es immer ganz aus , daß kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes , bei diesem wie ein silbernes Juwelenkästchen aussah , dessen Kleinod ich nicht verfehlte mir hineinzudenken . Wenn ich nach malerischen Gegenständen umherstreifte , so suchte ich vorzüglich die Stellen auf , wo ich mit Anna geweilt hatte ; so war die geheimnisvolle Felswand am Wasser , wo ich mit ihr geruht und jene Erscheinung gesehen , schon von mir gezeichnet worden , und ich , konnte mich nun nicht enthalten , auf der schneeweißen Wand des Kämmerchens ein sauberes Viereck zu ziehen und das Bild mit der Heidenstube , so gut ich konnte , hineinzumalen . Dies sollte ein stiller Gruß für sie sein und ihr später bezeugen , wie beständig ich an sie gedacht . Diese fortwährende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde ; ich begann lange Liebesbriefe an sie zu schreiben , die ich zuerst verbrannte , dann aufbewahrte , und zuletzt wurde ich so verwegen , alles , was ich für Anna fühlte , auf ein offenes Blatt zu schreiben , in den heftigsten Ausdrücken , mit Vorsetzung ihres vollen Namens und Unterschrift des meinigen , und dies Blatt auf das Flüßchen zu legen , das es vor aller Welt hinabtrieb , dem Rheine und dem Meere zu , wie ich kindischerweise dachte . Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze , allein ich unterlag zuletzt ; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis meines Geheimnisses , wobei ich freilich voraussetzte , daß es in nächster Nähe niemand finden würde . Ich sah , wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte , hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde , dann lange an einer Blume hing , bis es sich nach langem Besinnen losriß ; zuletzt kam es in Schuß und schwamm flott dahin , daß ich es aus den Augen verlor . Allein der Brief mußte unterwegs doch wieder irgendwo gesäumt haben , denn erst tief in der Nacht gelangte er zu der Felswand der Heidenstube , an die Brust einer badenden Frau , welche niemand anders als Judith war , die ihn auffing , las und aufbewahrte . Dies erfuhr ich erst später , denn während meines jetzigen Aufenthaltes im Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig . Das Jahr , um welches ich älter geworden , ließ mich mit Beschämung auf das vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flößte mir eine trotzige Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt ; ich verbarg mich , ohne zu grüßen , rasch , als sie einmal am Hause vorüberging , und sah ihr doch neugierig nach , wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah . Siebentes Kapitel Fortsetzung des Schwindelhabers Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück , mit einer tiefen Sehnsucht im Gemüte , welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfaßte , was mir fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte . Mein Lehrer führte mich jetzt auf die letzten Stufen seiner Kunst , indem er mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu deren sauberer und flinker Anwendung anhielt . Da jedoch die Natur wieder nicht in Frage kam , so lernte ich bald gefärbte Zeichnungen hervorbringen , wie sie ungefähr im Hause verlangt wurden , und ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende war , sah ich nicht viel mehr zu lernen , ohne doch etwas Rechtes zu können . Ich langweilte mich in dem alten Kloster und blieb wochenlang zu Hause , um dort zu lesen oder Arbeiten zu beginnen , die ich vor dem Meister verbarg . Dieser suchte meine Mutter auf , beschwerte sich über meine Zerstreutheit , rühmte meine Fortschritte und schlug vor , ich sollte nun in ein anderes Verhältnis zu ihm treten , in seinem Geschäfte für ihn arbeiten , fleißig und pünktlich , aber gegen Entschädigung . Es sei dies , erklärte er , das zweite Stadium , wo ich , indessen ich mich vorläufig immer mehr ausbilde , mich an vorsichtige Arbeit gewöhnen und zugleich Ersparnisse machen könne , um in einigen Jahren in die Welt zu gehen , wozu es doch noch zu früh sei . Er versicherte , daß es nicht die Schlechtesten unter den berühmten Künstlern wären , welche sich durch jahrelange anspruchlosere Arbeit endlich auf die Höhe der Kunst geschwungen , und eine mühevolle und bescheidene Betriebsamkeit dieser Art lege manchmal einen tüchtigeren Grund zur Ausdauer und Unabhängigkeit als eine vornehme und ausschließliche Künstlererziehung . Er habe , sagte er , talentvolle Söhne reicher Eltern gekannt , die es nur deswegen zu nichts gebracht hätten , weil sie nie zu Selbsthilfe und raschem Erwerb gezwungen gewesen und in ewiger Selbstverhätschelung , falschem Stolze und Sprödigkeit sich verloren hätten . Diese Worte waren sehr verständig , obgleich sie auf einigem Eigennutze beruhen mochten ; allein sie fanden keinen Anklang bei mir . Ich verabscheute jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem geraden Wege ans Ziel gelangen . Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr als ein Hindernis und eine Beengung ; ich sehnte mich darnach , in unserm Hause mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen , so gut es ginge ; und eines Morgens verabschiedete ich mich , noch vor Beendigung meiner Lehrzeit , bei Herrn Habersaat und erklärte der Mutter , ich würde nun zu Hause arbeiten ; wenn sie verlange , daß ich etwas verdienen solle , so könne ich dies auch ohne ihn tun , zu lernen wüßte ich nichts mehr bei ihm . Vergnügt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf , in einer Dachkammer , welche über einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah , deren Fenster am frühen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick auffingen . Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit , hier eine eigene Welt zu schaffen , und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der Kammer zu . Die runden Fensterscheiben wurden klar gewaschen , vor dieselben auf ein breites Blumenbrett ein kleiner Garten gepflanzt . Die geweißten Wände behing ich teils mit Kupferstichen und solchen Zeichnungen , welche irgendeinen abenteuerlichen Knalleffekt enthielten , teils zeichnete ich mit Kohle seltsame Masken oder schrieb Lieblingssprüche und gewaltsame Verse , die mir imponiert hatten , darauf . Ich stellte die ältesten und ehrwürdigsten unserer Geräte hinein , schleppte herzu , was nur irgend einem Buche gleichsah , und türmte es auf die gebräunten Möbeln ; die verschiedensten Gegenstände häuften sich nach und nach an und vermehrten den malerischen Eindruck ; in der Mitte aber wurde eine Staffelei aufgepflanzt , das Ziel meiner langen Wünsche . Ich war nun ganz mir selbst überlassen , vollkommen frei und unabhängig , ohne die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift . Ich knüpfte abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten , an denen mich ein verwandter Hang oder ein freundliches Eingehen anzog , am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen , die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir , mich in meiner Klause besuchend , getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem , was in den Schulen vorkam . Diese Gelegenheit benutzte ich , noch ein und andere Brocken aufzuschnappen , und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung , erst jetzt recht fühlend , was ich verloren . Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und manchen Anknüpfungspunkt kennen , von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden , und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner Abgeschiedenheit , gefiel ich mir in einer komischen , höchst unschuldigen Gelehrsamkeit , welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte . Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze , begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf tiefsinnige Aphorismen , die ich , mit Zeichnungen und Schnörkeleien vermischt , in Tagebüchern anbrachte . So glich meine Zelle dem Küchenwinkel eines Alchimisten , auf dessen Herd ein ringendes Leben gebraut wurde . Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare , Maß und Willkür brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus . Und ungeachtet meines äußerlich stillen Lebens trat doch manche frühe Trübung hinzu , welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte . Ich hatte um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund , welcher meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten , viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte und , da er noch die Schulen besuchte , reichlichen Stoff von da in meine Kammer brachte . Zugleich war er lebenslustig und trieb sich ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshäusern herum , von deren Herrlichkeiten und energischen Gelagen er mir dann erzählte . Ich blieb meistens wehmütig zu Hause , da mich meine Mutter in dieser Beziehung äußerst knapp hielt und keine Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe solcher Art einsah . Darum schaute ich dem froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der Höhe fliegenden und träumte von der Freiheit einer glänzenden Zukunft , wo ich eine Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm . Inzwischen aber mißbilligte ich , wie der Fuchs , dem die Trauben zu sauer sind , öfter die Wildheit meines Freundes und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln . Dies verursachte manche Mißstimmung zwischen uns , und ich freute mich endlich innerlich seiner Abreise in die Ferne , welche zu einem feurigen Briefwechsel die willkommene Gelegenheit gab . Wir erhoben nun unser Verhältnis zu einer idealen Freundschaft , nicht getrübt von dem persönlichen Zusammensein , und boten in regelmäßigen Briefen die ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf . Nicht ohne Selbstzufriedenheit suchte ich meine Episteln so schön und schwungreich als immer möglich zu schreiben , und es kostete mich Übung , meine unerfahrene Philosophie einigermaßen in Form und Zusammenhang zu bringen . Leichter wurde es , einen Teil der Briefe in ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hüllen und mit dem meinem Jean Paul nachgemachten Humor zu verbrämen ; allein wie sehr ich mich auch erhitzte und allen meinen Eifer aufbot , so übertrafen die Antworten des Freundes dieses alles jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an wirklichem Witze , der beschämend das Schreiende und Unruhige meiner Ergüsse hervorhob . Ich bewunderte meinen Freund , war stolz auf ihn und nahm mich , doppelt zusammen , indem ich mich an seinen Briefen bildete , würdige und ebenbürtige Sendungen aufzubringen . Doch je mehr ich mich erhob , um so höher und unerreichbarer wich er zurück , wie ein glänzendes Luftbild , welches ich fruchtlos zu ergreifen strebte . Dazu trugen seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem ewigen Meere , ebenso reizend launenhaft und überraschend und ebenso reich an Quellen , die aus der Tiefe , von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu strömen schienen ; ich staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle großartige Erscheinung , deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tage Größeres versprach , und rüstete mich mit Bangen , an ihrer Seite ins Leben hinaus möglichst Schritt zu halten . Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch über die Einsamkeit in die Hände , von welchem ich schon viel gehört und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde las , bis ich auf die Stelle traf , welche anfängt : » Auf deiner Studierstube möchte ich dich festhalten , o Jüngling ! « , Jedes Wort ward mir bekannter , und endlich fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu abgeschrieben . Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots unmaßgeblichen Gedanken über die Zeichnung , welche ich bei einem Antiquar erworben , und fand so die Quelle jener Schärfe und Klarheit , die mich so erregt hatten . Und wie lange säumende Ereignisse und Zufälle plötzlich haufenweise zutage treten , so trat nun rasch eine Entdeckung nach der anderen hervor und enthüllte eine seltsame Mystifikation . Ich fand Stellen aus Rousseau wie aus dem Werther , aus Sterne und Hippel sowohl wie aus Lessing , glänzende Gedichte aus Byron und Heine in briefliche Prosa umgewandelt , sogar Aussprüche tiefsinniger Philosophen , die , unverstanden , mich mit Achtung vor dem Freunde erfüllten . Mit solchen Sternen hatte ich ohnmächtig gerungen ; ich war wie vom Blitz getroffen , ich sah im Geiste meinen Freund über mich lachen und konnte mir seine Handlungsweise nur durch eigenen Unwert erklären . Doch fühlte ich mich schmerzlich beleidigt und schrieb nach einigem Schweigen einen anzüglichen Brief , mittelst dessen ich seine angemaßte geistige Herrschaft abzuwerfen , doch nicht unsere Freundschaft aufzuheben , vielmehr ihn zu treuer Wahrheit zurückzufahren gedachte . Allein mein verletzter Ehrgeiz ließ mich zu heftige und spitze Ausdrücke wählen ; mein Gegner hatte sich nicht über mich lustig machen , sondern nur mit wenig Mühe meinem Eifer die Waage halten wollen , wie er sich auch nachher , in ernsteren Dingen , immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte , obgleich er die Talente zu wirklichem Streben in vollem Maße und daher auch Selbstgefühl besaß . So kam es , daß er , um seine Verlegenheit zu bedecken und ärgerlich über meine Auflehnung , noch gereizter und beleidigter antwortete . Es stieg ein mächtiges Zorngewitter zwischen uns auf ; wir schalten uns rücksichtslos , und je mehr wir uns zugetan gewesen , mit desto mehr Aufwand an tragischen Worten kündeten wir uns die Freundschaft auf und bestrebten uns blindlings , jeder der erste zu sein , der den andern aus seinem Gedächtnis verbanne ! Aber nicht nur seine , sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir ins Herz ; ich trauerte mehrere Tage lang , indessen ich den Geschiedenen zu gleicher Zeit noch achtete , liebte und haßte ; ich empfand nun zum zweiten Male , in vorgerückterm Alter , das Weh beim Brechen einer Freundschaft , aber um so schmerzlicher , als das Verhältnis edler gewesen war Daß mir nur die Possen wiedervergolten worden , die ich meinem Lehrer Habersaat mit jenen schwindelhaften Naturstudien gespielt hatte , daran dachte ich nicht im Traume . Achtes Kapitel Wiederum Frühling Der Frühling war gekommen ; Schlüsselblümchen und Veilchen waren im erstarkten Grase verschwunden , niemand beachtete ihre kleinen Früchtchen . Hingegen breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrün um die lichten Stämme junger Birken aus , am Eingange der Gehölze ; die Lenzsonne durchschaute und überschien die Räumlichkeiten zwischen den Bäumen ; denn noch war es hell und geräumig , wie in dem Hause eines Gelehrten , dessen Liebste dasselbe in Ordnung gebracht und aufgeputzt hat , ehe er von einer Reise zurück kommt und bald alles in die alte tolle Verwirrung versetzt . Bescheiden und abgemessen nahm das zartgrüne Laubwerk seinen Platz und ließ kaum ahnen , welcher Überdrang in ihm heranwuchs . Die Blättchen saßen symmetrisch und zierlich an den Zweigen , zählbar , ein wenig steif , wie von der Putzmacherin angeordnet , die Einkerbungen und Fältchen noch höchst exakt und sauber , wie in Papier geschnitten und gepreßt , die Stiele und Zweigelchen rötlich lackiert , alles äußerst aufgedonnert . Frohe Lüfte wehten , am Himmel kräuselten sich glänzende Wolken , es kräuselte sich das junge Gras an den Rainen , die Wolle auf dem Rücken der Lämmer , überall bewegte es sich leise mutwillig ; die losen Flocken im Genicke der jungen Mädchen kräuselten sich , wenn sie in der Frühlingsluft gingen , es kräuselte sich in meinem Herzen . Ich lief über alle Höhen und blies an einsamen , schön gelegenen Stellen stundenlang auf einer großen Flöte , welche ich seit einem Jahre besaß . Nachdem ich die ersten Griffe dem Verkäufer , einem musikalischen Nachbaren , abgelernt , war an weitern Unterricht nicht zu denken , und die ehemaligen Schulübungen waren längst in ein tiefes Meer der Vergessenheit geraten . Darum bildete sich , da ich doch bis zum Übermaß spielte , eine wildgewachsene Fertigkeit aus , welche sich in den wunderlichsten Trillern , Läufen und Kadenzen erging . Ich konnte ebenso fertig blasen , was ich mit dem Munde pfeifen oder aus dem Kopfe singen konnte , aber nur in der härteren Tonart , die weichere hatte ich allerdings empfunden und wußte sie auch hervorzubringen , aber dann mußte ich langsam und vorsichtiger spielen , so daß diese Stellen gar melancholisch und vielfach gebrochen sich zwischen den übrigen Lärm verflochten . Musikkundige , welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hörten , hielten dasselbe für etwas Rechtes , belobten mich und luden mich ein , an ihren Unterhaltungen teilzunehmen . Als ich mich aber mit meiner braunen einklappigen Röhre einfand und verlegen und mit bösem Gewissen die Ebenholzinstrumente mit einer Unzahl silberner Schlüssel , die großen Notenblätter sah , bedeckt von schwarzem Gewimmel , da stellte es sich heraus , daß ich zu nichts zu gebrauchen , und die Nachbaren schüttelten verwundert die Köpfe . Desto eifriger erfüllte ich nun die freie Luft mit meinem Flötenspiele , welches dem schmetternden und doch monotonen Gesange eines großen Vogels gleichen mochte , und empfand , unter stillen Waldsäumen liegend , innig das schäferliche Vergnügen eines andern Jahrhunderts . Um diese Zeit hörte ich ein flüchtiges Wort , Anna sei in ihre Heimat zurückgekehrt . Ich hatte sie nun seit zwei Jahren nicht gesehen ; wir beide gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen . Sogleich rüstete ich mich zur Übersiedelung nach dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die geliebten Wege . Meine Stimme war gebrochen , und ich sang , dieselbe mißbrauchend , mich müd durch die hallenden Wälder . Dann hielt ich inne , und die Tiefe meiner Töne bedenkend , dachte ich an Annas Stimme und suchte mir einzubilden , welchen Klang sie nun haben möge . Darauf bedachte ich ihre Größe , und da ich selbst in der Zeit rasch gewachsen , so konnte ich mich eines kleinen Schauers nicht erwehren , wenn ich mir die Gestalt sechszehnjähriger Mädchen unserer Stadt vorstellte . Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild am See oder auf jenem Grabe vor , mit seiner Halskrause , seinen Goldzöpfen und freundlich unschuldigen Augen . Dies Bild verscheuchte einigermaßen die Unsicherheit , welche sich meiner bemächtigen wollte , daß ich getrost fürbaß schritt und das Haus meines Oheims in alter Ordnung und lauter Fröhlichkeit fand . Doch nur die älteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben ; das junge Volk führte einen etwas veränderten Ton in Scherz und Reden . Als nach dem Nachtessen sich die Älteren zurückgezogen und einige junge Dorfbewohner beiderlei Geschlechtes dafür ankamen , um noch einige Stunden zu plaudern , bemerkte ich , daß die Liebesangelegenheiten nun ausschließlicher und ausgeprägter der Stoff der neckischen Gespräche geworden , aber so , daß die Jünglinge mit etwas spöttischer Galanterie den Schein tieferer Empfindung zu verhüllen , die Mädchen eine große Sprödigkeit , Männerverachtung und jungfräuliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen bemüht schienen ; und an der Art und Weise , wie die sich kreuzenden Scherze und Angriffe da reizten , dort scheinbar verletzten , war nicht zu verkennen , daß hier die Kristallelemente zusammenzuschießen auf dem Punkte waren . Ich war anfangs still und suchte mich in den mehr wort- als sinnreichen Scharmützeln zurechtzufinden ; die Mädchen betrachteten mich als einen anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an mir gewinnen zu wollen . Doch unversehens nahm ich , das Scheingefecht für vollen Ernst haltend , die Partei meines Geschlechts . Die vermeintliche Bedürfnislosigkeit und stolze Selbstverklärung der Schönen dünkte mir gefährlich und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefühlen . Aber leider setzte ich , anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner Genossen zu bedienen , knabenhafter- und ungalanterweise den Mädchen ihre eigene Kriegführung entgegen . Der trotzige Stoizismus , welchen ich gegen das jungfräuliche Selbstgenügen aufwandte , warf mich um so schneller in eine einsame und gefährliche Stellung , als ich in meiner Einfalt augenblicklich selber daran glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr . Ich vereinigte sogleich alle Pfeile des Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrührer ; die männlichen Teilnehmer ließen mich auch im Stich oder hetzten mich fälschlicherweise auf , um bei den erzürnten Mädchen desto besser ihre Rechnung zu finden , worüber ich wieder verdrießlich und eifersüchtig wurde , und es ärgerte mich gewaltig , wenn ich bemerkte , wie mitten im Kriege die verständnisvollen Blicke häufiger fielen und der schöne Feind seine Hände den Burschen immer anhaltender und williger überließ . Kurz , als die Gesellschaft auseinanderging und ich die Treppe hinanstieg als ein erklärter Weiberfeind , verfolgten mich die drei Basen , jede ihr Nachtlämpchen tragend , spottend bis vor die Tür meines Schlafzimmers . Dort wandte ich mich um und rief : » Geht , ihr törichten Jungfrauen mit euren Lampen ! Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Bräutigam haben wird , fürchte ich doch , das Öl eurer Geduld reiche nicht aus für die kürzeste Frist ; löscht eure Lichter und schämt euch im Dunklen , so spart ihr das bißchen Öl , ihr verliebten Dinger ! « Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein ; sie tauchten ihre Finger in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht , während sie mit ihren brennenden Lämpchen mir um Haar und Nase herumzündeten und mich hart bedrängten . » Mit Feuer und Wasser « , sagten sie , » weihen wir dich zu ewigem Frauenhasse ! Nie soll eine wünschen , diesen Haß schwinden zu sehen , und das Licht der Liebe soll dir für immerdar erlöschen ! Schlafen Sie recht wohl , gestrenger Herr , und träumen Sie von keinem Mädchen ! « Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten auseinander , daß ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im Finstern stand . Ich tappte in das Zimmer , stieß an alle Gegenstände und streute in der Dunkelheit mißmutig meine Kleider auf dem Boden umher . Und als ich endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke schwingen wollte , fuhr ich mit den Füßen in einen verwünschten Sack , daß ich sie nicht ausstrecken konnte , sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde . Die Leintücher waren , infolge einer ländlich-sittlichen Neckerei , so künstlich ineinandergeschürzt und - gefaltet , daß es allen meinen ungeduldigen Bemühungen nicht gelang , sie zu entwirren , und ich mußte mich in der unbequemsten und lächerlichsten Lage von der Welt zum Schlafe zusammenkauern . Allein dieser wollte trotz meiner Müdigkeit sich nicht einfinden ; ein ärgerliches und beschämendes Gefühl , daß ich mich in eine schiefe Stellung geworfen , die Besorgnis , wie Anna sich zu all diesem verhalten würde , und das verhexte Bett ließen mich die Augen nur auf Augenblicke schließen , wo dann die verworrensten Traumbilder mich verfolgten . Die Nacht im Tale war unruhig und geräuschvoll , denn es war diejenige des Sonnabends auf den Sonntag , in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwärmen und ihren Liebeswegen nachzugehen pflegen . Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend und jauchzend die nächtliche Gegend , bald fern , bald nah hörbar werdend ; ein anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her , mit verhaltner Stimme Mädchennamen rufend , Leitern anlegend , Steinchen an Fensterladen werfend . Ich stand auf und öffnete das Fenster ; balsamische Mailuft strömte mir entgegen , die Sterne zwinkerten verliebt hernieder , ein Kätzchen duckte sich um die eine Hausecke , um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und lehnte sie an das Haus , drei oder vier Fenster von mir . Rüstig klomm er die Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ältesten Base , worauf das Fenster leise aufging und ein trauliches Geflüster begann , von einem Geräusche unterbrochen , welches von demjenigen feuriger Küsse nicht im geringsten zu unterscheiden war . Oho ! dachte ich , das sind feine Geschichten ! und indem ich so dachte , sah ich einen andern Schatten von dem Fenster der mittleren Base , welche eine Treppe tiefer schlief , sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und flink zur Erde gleiten ; kaum war er aber fünfzig Schritte entfernt , so brach er , den fernen Nachtschwärmern antwortend , in ein mörderliches Jauchzen aus , welches weithin widerhallte . Mit sehr ungewohnten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrinth Mädchen , Liebe , Mainacht und Verdruß zu vergessen . Noch gemischtere Gefühle jedoch kehrten zurück , als ich am Morgen meine nächtlichen Erfahrungen bedachte . Zuerst befiel mich eine bekümmerte Entrüstung gegen meine Basen und ihre Liebhaber . Es machte mir den Eindruck , wie wenn in einem verschlossenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben würde und ich als ein Verhöhnter vor dem Tore stände . Indessen beschloß ich , als es darauf ankam , in die große Wohnstube zu gehen und mein nächstes Benehmen zu ordnen , vorderhand gänzliche Verschwiegenheit zu üben , und dieser Entschluß kam mir so edel und großmütig vor , daß ich , ganz aufgebläht davon , wähnte , die Mädchen müßten