sein . Und überall hier herum ist mit Blut gedüngt worden ; bei Kunersdorf ist eine Stelle , die sie das , rote Feld nennen . Und das alles soll preisgegeben werden , weil ein König nicht stark genug ist , sich schwacher Ratgeber zu erwehren ? Nein , Kniehase , mit dem König , solange es geht , ohne ihn , wenn es sein muß . « Berndt schwieg . In diesem Augenblicke klopfte es , und der eintretende Jeetze übergab einen Brief , großes Format mit großem Siegel . Berndt erkannte Turganys Handschrift . Er überflog den Inhalt und las dann laut : » Ich bitte Sie , hochverehrter Herr und Freund , in Ihrer Umgegend , vielleicht auch auf dem Forstacker , recherchieren zu lassen . Alles deutet darauf hin , daß die Sippschaft , die wir suchen , irgendwo zwischen Hohen Vietz und Manschnow steckt . Wir haben heute ein zweites Verhör , der Manschnower Müller ist vorgeladen . Aber es wird nur das Resultat des ersten bestätigen , und unsere zwei herkömmlichen Sündenböcke werden , wie gewöhnlich , wieder entlassen werden müssen . Ich behalte mir weitere Mitteilung für die nächsten Tage vor . Ihr Turgany . « Berndt lachte . » Sie sehen , Kniehase , Transport und Gefangenenkost sind abermals vergeudet . Aber Turgany ist auf falscher Fährte . Hier herum sitzen sie nicht . Es wird sich zeigen , wo . Wer brachte den Brief , Jeetze ? « » Konrektor Othegraven . « » Ist er noch da ? « » Ja , Fräulein Renate hat ihn hereingebeten . Sie sind mit dem anderen gnädigen Fräulein im Wohnzimmer . « » Ich lasse den Herrn Konrektor bitten . « Jeetze ging , der Schulze wollte folgen . » Nein , Kniehase , Sie bleiben , ich will mir den Sukkurs , den mir ein glücklicher Zufall schickt , nicht entgehen lassen . « Gleich darauf trat der Konrektor ein , von Berndt mit besonderer Freundlichkeit empfangen . Einige kurze Begrüßungsworte wurden gewechselt . Dann fuhr der Hohen-Vietzer Gutsherr fort : » Ich will Sie , lieber Othegraven , nicht mit Aufträgen an Turgany belästigen , wir haben morgen ohnehin Frankfurter Botentag . Aber gegen meinen alten Kniehase hier möcht ich mich Ihrer versichern . Er will mich im Stich lassen , er kennt in diesem königlichen Lande Preußen kein anderes Losschlagen , als was von oben her gebilligt worden ist . Seidentopf stimmt ihm zu . Auch Sie ? « » Nein , und dreimal nein « , antwortete Othegraven , » und ich schätze mich glücklich , endlich einmal statt vor tauben Ohren vor einem gleichgestimmten Herzen Zeugnis ablegen zu können . « Kniehase , der die strengkirchliche Richtung des Konrektors kannte , horchte auf ; Othegraven selbst aber fuhr fort : » Es ist ein königliches Land , dieses Preußen , und königlich , so Gott will , soll es bleiben . Es haben es große Fürsten aufgebaut , und der Treue der Fürsten hat die Treue des Volkes entsprochen . Ein Volk folgt immer , wo zu folgen ist ; es hat dem unseren an freudigem Gehorsam nie gefehlt . Aber es ist fluchwürdig , den toten Gehorsam zu eines Volkes höchster Tugend stempeln zu wollen . Unser Höchstes ist Freiheit und Liebe . « Berndt war im Zimmer auf und abgeschritten . Er stellte sich vor Othegraven : » Ich wußt es . So sind wir einig , und ich darf auf Sie rechnen . Dieser Moment , der nicht wiederkommt , darf nicht versäumt werden . Ist man an oberster Stelle verblendet genug , sich der Waffe , die wir schmieden , nicht bedienen zu wollen , nun , so führen wir sie selbst . « » So führen wir sie selbst « , wiederholte Othegraven . » Aber der Bruch , den wir fürchten , er wird sich nicht vollziehen . Es kommen andere , bessere Tage . Die Schwäche wird der Entschlossenheit weichen , und das sicherste Mittel , dahin zu wirken , ist , daß wir selber Entschlossenheit zeigen . Es ist , wie ich wohl weiß , ein Mißtrauen da in unsere Kraft , selbst in unseren guten Willen . Zeigen wir dem König , daß wir für ihn einstehen , auch wenn wir ihm widersprechen . Auch die Schillschen setzten sich in Widerstreit mit seinem Willen und starben doch unter dem Rufe : Es lebe der König . Es gibt eine Treue , die , während sie nicht gehorcht , erst ganz sie selber ist . « Kniehase sah vor sich hin . Er fühlte den Boden , auf dem er stand , erschüttert , aber noch war er nicht besiegt . » Ich habe meinen Eid geschworen « , sagte er , » um ihn zu halten , nicht , um ihn zu brechen oder auszulegen . Die Obrigkeit ist von Gott . Aus der Hand Gottes kommen die Könige , die starken und die schwachen , die guten und die schlechten , und ich muß sie nehmen , wie sie fallen . « » Aus der Hand Gottes « , rief jetzt Berndt , » kommen die Könige , aber auch viel anderes noch . Und gibt es dann einen Widerstreit , das letzte bleibt immer das eigene Herz , eine ehrliche Meinung und - der Mut , dafür zu sterben . « » Es ist so , Schulze Kniehase « , nahm Othegraven wieder das Wort , » und sich entscheiden ist schwerer als gehorchen . Schwerer und oft auch treuer . Ihr Gutsherr hat recht . Sehen Sie sich um , das Ganze versagt den Dienst ; überall fast ist es der einzelne , der es wagt . Ein Mann wie Sie , Kniehase , war auch der Hofer , treu wie Gold . Aber als sein Kaiser Frieden machte , da sagte der Sandwirt : Der Franzl hat ' s gewußt , ich muß es nicht ; ich halt ihm dies alte Land Tirol . Und als er so sprach und handelte , da brach er seinem Kaiser den Frieden und war schuldig bei Freund und Feind . Er hat es mit dem Tode bezahlt . Aber glauben Sie , Kniehase , daß der Kaiser , wenn er den Namen Hofer hört , an Eidbruch und Untreue denkt ? Nein , das Herz schlägt ihm höher , und gesegnet Land und Fürst , wo die Liebe lebendig ist und auf sich selber mehr hört als auf Amtsblatt und Kommandowort . « Kniehase war jetzt aufgestanden . Er streckte Berndt seine Hand entgegen . » Gnädiger Herr , ich glaube , der Konrektor hat es getroffen . Sich entscheiden ist schwerer als gehorchen . Ich habe mich entschieden . Wir machen uns fertig hier herum , und wir schlagen los , ohne nach , ja oder , nein zu fragen . Denn Fragen macht Verlegenheit . Es darf keiner über die Oder . Und kommt es anders und soll uns dies fremde Volk auf ewig unter die Füße treten , nun , so geb uns Gott Kraft , zu sterben , wie Hofer und die Schillschen gestorben sind . « » Das dank ich Ihnen , Othegraven « , sagte Berndt , » ich allein hätte meinen Schulzen nicht bezwungen . Ich hoffe , wir sehen uns jetzt öfter . Der Plan ist mit Graf Drosselstein durchgesprochen . Ein Netz über das Land . Lebus beginnt ; wir sind die Vorhut . Hier zwischen Frankfurt und Küstrin treffen die großen Straßen zusammen . Ich zähle die Stunden , bis es sich entscheidet . « Sie blieben noch eine Weile ; dann verabschiedeten sich der Konrektor und Kniehase und schritten die Treppe hinunter , über den Flur . Hektor , unter Zeichen besonderer Freude , als er den Schulzen sah , begleitete beide Männer über den Hof . Sie nahmen ihren Weg auf den Scharwenkaschen Krug zu , immer noch in lebhaftem Gespräch . Doch schien es andere Fragen als Krieg und Landsturm zu betreffen . Sie trennten sich erst , nachdem sie die Front des Krügergeböftes wohl ein dutzendmal ausgemessen hatten . Als des Konrektors kleines Fuhrwerk wieder auf der Frankfurter Straße südlich trabte , saß Schulze Kniehase bei seiner Frau . Sie plauderten lange , und wiewohl Frau Kniehase Verschwiegenheit gelobte , war doch vor Ablauf des Tages alles Geplauderte in Hohen-Vietz herum . Nur eine wußte nichts davon : sie , die der Gegenstand dieses Plauderns gewesen war . Vierzehntes Kapitel Es geschieht etwas Sankt Jonathan , der 29. Dezember , war von alter Zeit her der Tag der Umzüge in Hohen-Vietz , allerhand Mummenschanz wurde getrieben , und bei Beginn des Nachmittags zogen außer Knecht Ruprecht und dem Christkinde auch Joseph und Maria und die Heiligen Drei Könige von Haus zu Haus . Zu diesem alten Bestande traten aber auch neue Figuren hinzu , so heute der » Sommer « und der » Winter « von denen jener zu seinem leichten Strohhut Harke und Sense , dieser zu Pelz und Holzpantinen einen Dreschflegel trug . Sie führten ein Zwiegespräch : Ich bin der Winter stolz , Ich baue Brücken ohne Holz- und rühmten sich ihrer gegenseitigen Vorzüge , bis zuletzt Versöhnung und Segenswünsche für das jedesmalige Haus , in dem sie sich befanden , ihren lang ausgesponnenen Streit beendeten . Ein besonderes Glück machten heut auch die Schulkinder , deren mehrere als Schneewittchen und ihre Zwerge ihren Umzug hielten ; Schneewittchen mit langem blonden Haar , die Zwerge mit Flachsbärten und braunen Kapuzen . Als sie zuletzt auf den Gutshof kamen , fanden sie die jungen Herrschaften samt Tante Schorlemmer in derselben großen Halle , in der auch der Weihnachtsaufbau stattgefunden hatte , versammelt , und nach kurzer Ansprache , worin Schneewittchen für ihre Begleiter um die Erlaubnis zum Rätselaufgeben gebeten hatte , traten die Zwerge vor und taten ihre Fragen : » Was kann kein Mensch erzählen ? « » Daß er gestorben ist . « » Wer kann alle Sprachen reden ? « » Der Widerhall . « » Wer ist stärker , der Reiche oder der Arme ? « » Der Arme ; denn er hat Not , und Not bricht Eisen . « So gingen die Fragen , aber die hier gegebenen Antworten blieben aus , und Maline Kubalke , die mit in der Halle war , mußte manchen Teller voller Äpfel und Nüsse herbeischaffen , um die Quersäcke der Zwerge zu füllen . So verging der Nachmittag . Als es dunkelte , wurd es still in Hohen-Vietz , weil alt und jung zu Tanz und festlichem Beisammensein im Scharwenkaschen Krug sich putzte , und erst um die sechste Stunde , als von den ausgebauten Losen her , die zum Teil weit ins Bruch hineinlagen , Wagen und Schlitten unter Peitschenknall und Schellengeläut herangefahren kamen , war es mit dieser Stille wieder vorbei . Auch auf dem Herrenhofe rüstete sich alles zum Aufbruch , Herrschaft und Dienerschaft , und wer eine halbe Stunde nach Beginn des Tanzes von der Dorfstraße her auf die lange Front des Vitzewitzschen Wohnhauses geblickt hätte , hätte nur an zwei Fenstern Licht gesehen . Diese zwei Fenster lagen neben der Amts- und Gerichtsstube und zogen die Aufmerksamkeit nicht bloß dadurch auf sich , daß sie die einzig erleuchteten waren , sondern mehr noch durch das dunkele Weingeäst , das sich von dem starken Spalier aus in zwei , drei phantastischen Linien quer über die Lichtöffnung ausspannte . Hinter diesen Fenstern , an einem mit einem roten Stock Fries überdeckten Sofatisch , saßen Renate und Kathinka , zu denen sich seit einer Viertelstunde , um den Abend mit ihnen zu verplaudern , auch Marie gesellt hatte . Allen dreien , selbst Kathinka nicht ausgeschlossen , war es eine herzliche Freude , sich einmal allein und ganz unter sich zu wissen , und um diese Freude noch zu steigern , hatten sie sich aus dem großen Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses in diese viel kleinere Stube des ersten Stockes zurückgezogen . Tante Schorlemmer fehlte . Sie war gegen ihre Gewohnheit ausgeflogen und saß plaudernd in der Pfarre , während der alte Vitzewitz , abwechselnd vom Schulzen Kniehase und dann wieder von Lewin und Tubal unterstützt , im Kruge seinen politischen Diskurs hatte . Die Bauern zeigten sich in allem willig ; es war so recht ein Abend , um das Eisen zu schmieden . Sehr anders , wie sich denken läßt , verliefen mittlerweile die Plaudereien unserer drei jungen Mädchen , von denen Renate durch besondere Lebhaftigkeit , Marie durch besondere Zurückhaltung sich auszeichnete . Sie hatte - aller Herzlichkeit unerachtet , mit der sich ihr Kathinka , wie schon bei früheren Gelegenheiten , so auch diesmal wieder genähert hatte - doch ein bestimmtes Gefühl , daß es sich für sie zieme , ihre schwesterlichintime Stellung zu Renaten sowenig wie möglich geltend zu machen und nur bei gegebener Veranlassung , am liebsten , wenn aufgefordert , sich an dem Gespräche der beiden Cousinen zu beteiligen . Dieses Gespräch selbst war ihr Freude genug und wurd es mit jedem Augenblicke mehr , seit Kathinka , die , halb sitzend , halb liegend , den rechten Fuß auf die Sofapolster gezogen hatte , von Berliner Gesellschaftszuständen und zuletzt von einer großen Soiree bei dem alten Prinzen Ferdinand zu sprechen begann . » Das ist der Vater von dem Prinzen Louis , der bei Saalfeld fiel ? « fragte Renate . » Was gäb ich drum « , fuhr sie fort , nachdem ihre Frage bejaht worden war , » wenn ich einer solchen Soiree beiwohnen könnte , Papa hat es mir für diesen Winter versprochen ; aber die Zeiten sehen nicht darnach aus . « » Du verlierst weniger dabei , als du meinst . Es sind Gesellschaften wie andere mehr . Du siehst Generale , Grafen , Präsidenten , als wärest du in Ziebingen oder in Guse ; die Schleppen sind etwas länger , und ein paar hundert Lichter brennen mehr . Das ist alles . « » Aber der Prinz wird doch keine Krachs und Bammes um sich versammeln ? « » Nicht ausschließlich ; aber ebensowenig kann er sie vermeiden . Er hat keine Wahl ; Stellung und Geburt entscheiden , nicht der Mann . Du siehst auf die Auserwählten von Schloß Guse mit so wenig Respekt , weil du sie kennst ; aber laß deine Neugier und Eitelkeit erst einen einzigen Winter lang befriedigt sein , und es ist mit dem Zauber dieser Hofgesellschaften für immer vorbei . « » Ich zweifle daran , wenn ich auch glaube , daß du persönlich nicht anders sprechen kannst . Du erhebst eben Ansprüche , die mir fremd sind . Ich für mein Teil würde zufrieden sein , einen Blick in diese Welt tun zu dürfen , in der jeder etwas bedeutet . Nimm den alten Prinzen selbst ; er ist der Bruder Friedrich des Großen ; das allein genügt , ihn mir wert zu machen ; ich könnte nicht ohne Ehrfurcht auf ihn blicken . Er würde mich vielleicht ignorieren oder ein an und für sich gleichgiltiges Wort an mich richten , aber es würde mir nicht gleichgiltig sein , ihn gesehen oder gesprochen zu haben . « Kathinka lächelte . » Du lachst mich aus « , fuhr Renate fort , » aber denke , daß ich das Leben eines armen Landfräuleins führe , öde und einsam , und statt der Mutter nur die gute Schorlemmer im Haus . Gib mir die Hand , Marie ; du bist mir Trost und Freude , aber du kannst mir keinen Hofball ersetzen . Wie das alles blitzen und rauschen muß ! Und dann der König selbst . Nenne mir ein paar Namen , Kathinka , daß ich mir eine Vorstellung machen kann . « » O da ist der alte Graf Reale , der Gemahl der Oberhofmeisterin , der vor zwei Jahren auf Besuch in Guse war , und der Hofmarschall von Massow auf Steinhöfel und der Herr von Eckardtstein auf Prötzel und Herr von Burgsdorff auf Ziebingen und Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar . « » Aber die kenn ich ja alle . « » Eben darum hab ich sie dir genannt . « » Und die fremden Gesandten ! « sagte Renate , der kurzen Unterbrechung nicht achtend . » Wie gern säh ich den Grafen von St. Marsan und den Minister Hardenberg , an dem Papa beständig zu mäkeln und zu tadeln hat . Ich denke mir ihn liebenswürdig . Apropos ! Ist auch dein Graf Bninski , verzeihe , daß ich ihn so nenne , bei Hofe vorgestellt worden ? « » Nein . Er lehnte es ab . « » Ach , nun weiß ich , warum die Hofgesellschaften so wenig Gnade vor dir finden . Lewin hat mir den Grafen beschrieben ; aber ich möcht ihn gern von dir geschildert hören . « » Denk ihn dir als das Gegenteil von dem Konrektor , dem ich heute vormittag das Glück hatte vorgestellt zu werden . Wie hieß er doch ? « » Othegraven . « » Richtig , Othegraven . Ein hübscher Name , ursprünglich adlig . Aber diese bürgerliche Abart , welche pedantische Figur ! Er hält sich gerade , aber es ist die Geradheit eines Lineals . « » Du mußt ihn auf das hin ansehen , was er ist . « » Dann kann er als vollkommen gelten ; denn er ist der Schuhmeister , wie er im Buche steht . « » Ich sehe doch , wie recht Tante Amelie hatte , als sie neulich von dir sagte : Kathinka ist eine Polin . Nur die Deutschen , wie mir erst gestern wieder unser Seidentopf versicherte , verstehen es , von äußerlichen Dingen abzusehen . Meinst du nicht auch ? « » Nein , Närrchen , ich meine es nicht ; es ist nur deutsch , sich in diesen und ähnlichen Eitelkeiten zu gefallen . Und ich will auch nicht daran rütteln , ebensowenig wie an den Verketzerungen , die über uns Polen von langer Zeit her im Schwunge sind . Nur zweierlei wird man uns lassen müssen : Leidenschaft und Phantasie . Und nun laß dir sagen , Schatz , wenn es etwas in der Welt gibt , das imstande ist , über Äußerlichkeiten hinwegzusehen , so sind es diese beiden . Der Graf ist ein schöner Mann , aber ich versichere dich , er wäre mir derselbe , wenn er auch diesem Othegraven wie sein leiblicher Zwillingsbruder gliche . Denn bei der vollkommensten äußeren Ähnlichkeit würde diese Ähnlichkeit doch aufhören , weil er eben innerlich von Grund aus ein anderer ist . « » Ein anderer . Aber ob ein besserer ? « » Es genügt ein anderer . Es gibt prosaische und poetische Tugenden . Laß uns über den Wert beider nicht rechten . Ich möchte dich nur dahin bekehren , daß es nicht Form und Erscheinung ist , wiewohl ich beide zu schätzen weiß , was mir den Grafen wert und angenehm macht . « » Und so wär es denn was ? « » Beispielsweise seine Treue . Denn , unglaublich zu sagen , die Polen können auch treu sein . « » Es gilt wenigstens nicht als ihre hervorragendste Eigenschaft . « » Um so mehr ziert sie den , der sie hat . Und ich möchte Bninski dahin zählen . Als Kosciuszko im letzten Treffen , das über Polen entschied , am Saume eines Tannenwäldchens lag , das er drei Stunden lang gegen Übermacht verteidigt hatte , stand ein Fahnenjunker , ein halbes Kind noch , neben ihm und deckte den von Blutverlust ohnmächtig Gewordenen mit seinem jungen Leben . Er hätte sich retten können , aber er verschmähte es . Endlich überwältigt , bat er um eines nur : seinen gefangenen General pflegen und dieselbe Zelle mit ihm teilen zu dürfen . Dieser Fahnenjunker war der Graf . « Marie , die bis dahin von ihrer Handarbeit nicht aufgeblickt hatte , sah Kathinka mit ihren großen Augen an . Kathinka aber , den Blick freundlich erwidernd , fuhr fort : » Siehe , Renate , das war Treue ; nicht solche , wie ihr sie liebt , die jeden heimlichen Kuß zu einer Kette für Zeit und Ewigkeit machen möchte , aber doch auch eine Treue und nicht der schlechtesten eine . Und wie der Fahnenjunker war , so blieb er . Er war mit in Spanien . Das polnische Lancierregiment , das er führte , Tubal hat mir davon erzählt , nahm einen Engpaß ; den Namen hab ich vergessen ; aber sie sagen , der Fall stehe einzig da in der Kriegsgeschichte . Unter den wenigen , die den Tag überlebten , war der Graf . Nach Paris schwerverwundet zurückgeschafft , empfing er aus des Kaisers Hand das rote Band der Ehrenlegion . Und ich darf sagen , es kleidet ihn ... Nein , Renate , du verkennst mich und dich nicht minder . Wir empfinden gleich . Alles Poetische reißt uns hin , und Steifheit und Pedanterie , auch wenn sie Othegraven heißen , lassen uns kalt . Das ist nicht polnisch , das ist weiblich . Frage Marie . « » Ich werde die Frage nicht tun « , scherzte Renate , » denn du mußt wissen - « » So will ich antworten , ohne gefragt zu sein « , unterbrach Marie mit Unbefangenheit . » Alle Welt schätzt den Konrektor , unser Pastor liebt ihn . « » Aber du , könntest du ihn lieben ? « » Nein . Nie und nimmer , und wenn er Kosciuszko verteidigte oder einen Engpaß stürmte . Er ist vielleicht mutig , aber ich kann ihn mir nicht als Helden vorstellen . Ich bedauere , wenn ich ihm unrecht tue . Wen ich lieben soll , der muß mich in meiner Phantasie beschäftigen . Er beschäftigt mich aber überhaupt nicht . « » Aber du ihn desto mehr . Othegraven hat Heimlichkeiten , flüsterte mir noch gestern unser alter Seidentopf zu . - Doch es schlägt neun , und wir vergessen über dem Plaudern unser Abendbrot . « Damit erhob sich Renate und schritt auf eine Rokokokommode zu , auf deren überall ausgesprungener Perlmutterplatte Maline , ehe sie das Haus verließ , ein großes Cabaret mit kaltem Aufschnitt samt Tischzeug und Teller gestellt hatte . Das Sofa und die Kommode standen an derselben Wand , und zwischen ihnen war nur der Raum frei , wo sich die früher aus diesem Fremdenzimmer in die Amts- und Gerichtsstube führende Tür befunden hatte . Diese Türstelle , weil nur mit einem halben Stein zugemauert , bildete eine flache Nische und war deutlich erkennbar . Renate , in ihrer Plauderei fortfahrend , war eben - während Kathinka die Lampe aufhob - im Begriff , das Cabaret , das nach damaliger Sitte in einer Holzeinfassung stand , auf den Tisch zu setzen , als sie etwas klirren hörte . Sie sah die beiden anderen Mädchen an . » Hörtet ihr nichts ? « » Nein . « » Es klirrte etwas . « » Du wirst mit dem Cabaret an die Teller gestoßen haben . « » Nein , es war nicht hier , es war nebenan . « Damit legte sie das Ohr an die Wand , da , wo die vermauerte Tür war . » Wie du uns nur so erschrecken konntest « , sagte Kathinka . Aber ehe sie noch ausgesprochen hatte , hörten alle drei deutlich , daß in dem großen Nebenzimmer ein Fensterflügel aufgestoßen wurde . Gleich darauf ein Sprung , und dann vorsichtig tappende Schritte , vielleicht nur vorsichtig , weil es dunkel war . Es schienen zwei Personen . Und in dem weiten Hause niemand außer ihnen , keine Möglichkeit des Beistandes ; sie ganz allein . Marie flog an die Tür und riegelte ab ; Kathinka , ohne sich Rechenschaft zu geben , warum , schraubte die Lampe niedriger . Nur noch ein kleiner Lichtschimmer blieb in dem Zimmer . Renate legte wieder das Ohr an die Wand . Nach einer Weile hörte sie deutlich den scharfen , pinkenden Ton , wie wenn mit Stahl und Stein Feuer angeschlagen wird ; sie horchte weiter , und als der Ton endlich schwieg , war ihre Phantasie so erregt , daß sie wie hellsehend alle Vorgänge im Nebenzimmer zu verfolgen glaubte . Sie sah , wie der Schwamm angeblasen wurde , wie der Schwefelfaden brannte und wie die beiden Einbrecher , nachdem sie auf dem Schreibtisch umhergeleuchtet , das Wachslicht anzündeten , mit dem der Vater die Briefe zu siegeln pflegte . Alles war Einbildung , aber einen Lichtschein , während sie den Kopf einen Augenblick zur Seite wandte , sah sie jetzt wirklich , einen hellen Schimmer , der von der Amtsstube her auf das Schneedach des alten gegenübergelegenen Wohnhauses fiel und von dort über den dunkelen Hof hin zurückgeworfen wurde . Die Mädchen sprachen kein Wort ; alle unter der unklaren Vorstellung , daß Schweigen die Gefahr , in der sie sich befanden , verringere . Sie reichten sich die Hand und lugten nach der Auffahrt und , soweit es ging , nach der Dorfgasse hinüber , von der allein die Hilfe kommen konnte . Nebenan war es mittlerweile wieder lebendig geworden . Es ließ sich erkennen , daß sich die Strolche sicher fühlten . Sie warfen ein Bündel Nachschlüssel wie mit absichtlichem Lärmen auf die Erde und fingen an , sich an der großen , neben der Tür stehenden Truhe , darin das Geld und die Dokumente lagen , zu schaffen zu machen . Sie probierten alle Schlüssel durch , aber das alte Vorlegeschloß widerstand ihren Bemühungen . Ein Fluch war jetzt das erste Wort , das laut wurde ; dann sprangen sie , die bis dahin größerer Bequemlichkeit halber vor der Truhe gekniet haben mochten , wieder auf und begannen , wenn der Ton nicht täuschte , an der inneren , die beiden Stuben voneinander trennenden Wand hin auf den Realen umherzusuchen . Sie rissen die Bücher in ganzen Reihen heraus und fegten , als sie auch hier nichts ihnen Passendes entdeckten , mit einer einzigen Armbewegung den Sims ab , so daß alles , was auf demselben stand : chinesische Vase , Büste , Dragonerkasketts , mit lautem Geprassel an die Erde fiel . Ihre Wut schien mit der schlechten Ausbeute zu wachsen , und sie rüttelten jetzt an der alten Tür , die nach dem Korridor hinausführte . Wenn sie nachgab ! Die Mädchen zitterten wie Espenlaub . Aber das schwere Türschloß widerstand , wie vorher das Truhenschloß widerstanden hatte . Die Gefahr schien vorüber ; noch ein Tappen , wie wenn in Dunkelheit der Rückzug angetreten würde ; dann alles still . Renate atmete auf und schritt auf den Tisch zu , um die Lampe wieder höherzuschrauben ; aber im selben Augenblicke fuhr sie zurück ; sie hatte deutlich einen Kopf gesehen , der von der Seite her sich vorbeugte und in das Zimmer hineinstarrte . Keines Wortes mächtig und nur mühsam an der Sofalehne sich haltend , wies sie auf das Fenster , vor dem jetzt wie ein Schattenriß eine Gestalt stand , die mit der Linken an dem Weingeäst sich klammerte , während die mit einem Fausthandschuh überzogene Rechte die Scheibe eindrückte und nach dem Fensterriegel suchte , um von innen her zu öffnen . Alle drei Mädchen schrien laut auf und stoben auseinander ; Kathinka , aller sonstigen Entschlossenheit bar , faltete die Hände und versuchte zu beten , Renate riß an der Klingelschnur , gleichgiltig gegen die Vorstellung , daß niemand da sei , die Klingel zu hören , während Marie , von äußerster Angst erfaßt , in die Gefahr hineinsprang und , ohne zu wissen , was sie tat , zu einem Stoß gegen die Brust des Draußenstehenden ausholte . Aber ehe der Stoß traf , knackte und krachte die Spalierlatte , und die dunkele Gestalt draußen stürzte auf den Schnee des Hofes nieder . Keines der Mädchen wagte es , einen Blick hinaus zu tun , aber sie hörten jetzt deutlich den Ton der Flurglocke , die Renate fortfuhr zu läuten , und gleich darauf das Anschlagen eines Hundes . Es war ersichtlich , daß Hektor seine neben der Herdwand liegende warme Binsenmatte dem Tanzvergnügen im Krug vorgezogen und , ohne daß jemand davon wußte , das Haus gehütet hatte . Er stand jetzt unten auf der Flurhalle , unsicher , was das Läuten meine , und sein Bellen und Winseln schien zu fragen : wohin ? Aber er sollte nicht lange auf Antwort warten . Renate , die Tür öffnend , rief mit lauter Stimme den Korridor hinunter : » Hektor ! « , und ehe noch der Ton in dem langen Gange verklungen war , hörte sie das treue Tier , das in mächtigen Sätzen treppan sprang und im nächsten Augenblicke schon der jungen Herrin seine Pfoten auf die Schulter legte . Jegliche Angst war jetzt von ihr abgefallen ; sie faßte mit der Linken das Halsband des Hundes , um Halt und Stütze zu haben , und flog dann mit ihm treppab über den Hof hin . Als sie eben von der Auffahrt her in die Dorfgasse einbiegen wollte , stand der alte Vitzewitz vor ihr . » Gott sei Dank , Papa - Diebe - komm ! « Im nächsten Augenblick war der Alte in dem Zimmer oben , wo sich Kathinka weinend an seinen Hals warf , während Marie ihm mit noch zitternden Lippen die Hände küßte . Fünfzehntes Kapitel Die Suche Der andere Morgen sah die Familie samt ihren Gästen wie gewöhnlich im Eckzimmer des Erdgeschosses versammelt . Nur Renate fehlte ; sie hatte Fieber , und ein Bote war bereits unterwegs , um den alten Doktor Leist von Lebus herbeizuholen . Das Gespräch drehte sich natürlich um den vorhergehenden