Ob diese Antwort Lydia genügte ? Ob sie dem Glauben sich einfügen ließ , den sie selbst unumstößlich von ihrem Vater überkommen hatte ? Gewißlich nicht . Aber ihr Puls schlug heute empfänglich für die Deutungen der Jugend , Freude und Liebe jauchzten in ihrer Brust . Sie stellte keine Frage weiter , saß ganz still mit halbgeschlossenen Augen , so als ob die plätschernden Wellen sie in Schlummer lullen sollten , und wie aus einem Traume erwachend fuhr sie jach in die Höhe , als Max und seine Schwester unerwartet früh zurückkehrten . Sidonie lachte ; aus ihren klugen Augen blitzte ein lustiger Spott ; ihres Bruders schönes Gesicht dahingegen war durch einen Zug mehr von Ekel als Zorn bis zur Unschönheit entstellt . » Ich gehe zu Fuße nach Hause , « sagte er . » Am Fährplatze erwarte ich euch . Du , Lydia , « setzte er freundlicher hinzu , » müßtest eigentlich mit mir kommen . Du hast mir diese häßliche Stunde aufgenötigt und bist mir eine Vergütung schuldig . « Sie stieg ohne ein Wort der Erwiderung aus , legte ihren Arm in den seinen , und sie gingen den Uferpfad entlang . Da die übrige Gesellschaft noch zögerte , setzte Sidonie sich neben Dezimus auf die Ruderbank , um ihm in blühenden Farben die Begegnung mit ihrem herzigen Großväterchen auszumalen . Sie ahmte seine Naturlaute nach , schilderte die patriarchalische Toilette , die Schauer der düster romantischen Höhle , Stube genannt , mit ihren Spinnweben , ihrem Staub und Dunst , beschrieb das ambrosische Vespermahl : ein schwarzes Brot , rund und hart wie ein Mühlstein , dazu ein aromatischer Käse , vom ehrwürdigen Grau des Schimmels überzogen , und ein Krug lehmfarbigen Nektars , neuhochdeutsch » Kofent « genannt . » Alle Genre der Poesie waren vertreten , « sagte sie , » mit Ausnahme des heldenmäßigen , das erst mein Mäxchen in die Heimatszene trug . Sogar das dramatische kam noch als dickes Ende hinterdrein . Und so hätte ich nun auch einmal einen Blick in die ursprüngliche germanische Volksseele getan , von welcher euere Denker die Rettung unserer durch Überbildung angefaulten Gesellschaft erwarten , und könnte allenfalls auch ein Idyll oder , wie eure Dichter es neuerdings auszudrücken belieben , eine Dorfgeschichte schreiben . Ewig schade , Dezimus , daß Sie sich den poesiestrotzenden Inspektorposten bei Ihrem Vizepaten verscherzt haben , und wirklich unverzeihliche Verblendung , daß mein Mäxchen , der als Dichter doch notwendig nach Anregungen trachten muß , sich so hartnäckig dagegen sträubt ! Aber sagen Sie , heimtückischer Schäferknabe , was haben Sie meinem trauten Papachen eigentlich angetan , daß Ihr bloßer Name allen bukolischen Frieden aus seiner ungeschminkten Seele scheucht ? Als ich , ich weiß auch gar nicht , wie ich darauf geriet , erwähnte , daß Sie nächstens zur Universität abgehen würden und die Werbener Pfarre so gut wie in der Tasche hätten , wenn nach ein vier , fünf Jährchen etwa der alte Blümel sich nach Ruhe sehnen sollte , da war mirs , als sähe ich Bankos Geist in Hemdsärmeln und bocksledernen Buxen vor mir aufsteigen . Der , der ! krächzte er , daß es mich eiskalt überlief ; der mich abspeisen ! Der Lumpenjunge - verzeihen Sie ! - der Lumpenjunge mir den Lebenslauf halten ! Und dann brüllte er : Sackerment ! und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch , daß - - aber da kommen die anderen . Unter vier Augen die Fortsetzung . Es handelt sich ja um Ihre Missetat an meinem eigenen Fleisch und Blut . Nur so viel noch : Ich habe in gutem Glauben Sie christlich herausgestrichen - des Abspeisens halber , Freund Dezimus ! « Die anderen stiegen ein . Sidonie hatte schon während der letzten Worte ihre Gitarre rein gestimmt und löste nun die lustige Dorfgeschichte mit einem traurigen Volksliede ab , das die Gesellschaft mit Brummstimmen begleitete . Die klagende Weise wehte zu den beiden hinüber , die raschen Schrittes talauf den einsamen Uferweg zwischen junggrünenden Erlenbüschen wandelten . Max war heute nicht wie seine Schwester zum Karikaturenzeichnen aufgelegt ; alles , was Adel hieß , hatte sich in ihm empört . Überdies schloß Lydias kindlicher Ernst unwillkürlich bei jedem , der ihr nahte , eine ironische Stimmung aus , ja selbst die gutmütige Deckung des Humors . » Welch eine Zumutung ! « rief Max unwillig , » und welch ein Widersinn , einen Menschen wie diesen ehren zu sollen oder gar ihn zu lieben ! « » Ich kenne deinen Großvater nicht , « entgegnete Lydia sanft , » ich glaube dir aber , armer Max , daß das erste menschliche Gebot ihm gegenüber kein leichtes ist . Allein warum wäre denn auch sonst diesem Gebote eine Verheißung schon für diese Welt gegeben ? Wo die Liebe natürlich ist , trägt sie ihren Lohn in sich . « Sie sah ihn bei diesen Worten mit einem Blicke an , welcher die heimlichste Tiefe ihrer Seele entschleierte und vor dessen Zauber aller Widerspruch und aller Groll aus seinem Herzen floh . Er preßte sie in seinen Arm , an seine Brust . Die Liebe , die natürlich ist , hatte sie zueinander gezogen . Sie setzten sich auf einen Rasenhügel , und was da unter dem pfingstlichen Blattgesäusel gehaucht worden - der Worte werden es nicht viele gewesen sein ; aber selbst diese wenigen wiederzugeben ist dem Erzähler nicht gegönnt . Muntere Stimmen vom jenseitigen Ufer weckten sie aus ihrem Traum . Er däuchte den Glücklichen ein Moment , und doch war die Sonne gesunken , als Dezimus sie hinüber in das Gehege ruderte , in welchem Sidonie zum heiteren Abschluß ihres Festes ein Tischchendeckedich hergezaubert hatte . Das junge Volk tat sich gütlich und trieb seinen Scherz , während Max seine Schwester abseit führte zu einer Mitteilung , die sie wie das eigenste Schicksal berührte . Lydia war , ohne umzublicken , am Ufer entlang geflohen , die Terrassen hinan , in ihr Haus . Die Mutter kam ihr auf den Zehenspitzen aus ihres Gatten Zimmer entgegen . Sie hatte Tränenspuren in den Augen , aber ihr argloses Kinderlächeln auf den Lippen . » Er ist eingeschlummert , « sagte sie , auf die halbgeöffnete Tür deutend . Der Propst saß am Fenster , vor sich einen Haufen Papiere , in welchen er bis zum Tagesneigen geblättert hatte . Sein edles weißes Haupt war auf die Brust gesunken , die welken Lider deckten die Augen ; doch schlief er nicht . Seit Jahren quälte ihn ja dieses Schmachten nach Schlummerruhe , das künstliche Mittel nur stillten , um es desto peinvoller zu reizen . Als er seiner Tochter leisen beflügelten Schritt vernahm , hob er den Kopf ihr entgegen . Sie warf sich , ohne jedes Wort , zu seinen Füßen und barg auf seinen Knien das Gesicht , das im Purpur der Scham erglühte . Derlei affektvolle Bezeugungen waren beider Naturen und dem keusch begrenzten Verhältnis der Familie fremd . Wo aber ein Mensch dem anderen in so seltener Weise verbunden ist wie dieser Vater seiner Tochter , bedarf es keiner Erklärung für einen stark bewegenden Trieb . Der Vater wußte , was die Tochter erlebt hatte ; ein Widerstrahl ihres Glücks flog über seine fahlen Wangen , und er erleichterte ihr das Geständnis , das sich so schwer von ihrem Herzen löste , indem er nach einer langen Pause anhob : » Ich will dir nicht bergen , Lydia , daß , wie ich dich so still umfriedigt heranwachsen sah , ich den Glauben gehegt habe , vielleicht die Hoffnung , du erwüchsest zu einer jener Berufenen , die Martin Luther hohe , reiche Geister nennt , weil sie in edler Freiheit lieber für das Himmelreich wirken wollen als für die Welt . Ich achtete dich zu gut , Lydia , für die gemeine Not . Aber Martin Luther nennt diese Berufenen seltene Menschen , zählt unter Tausenden kaum einen . Und wie ich selber mich der Befugnis nicht würdig erkannte , mich über Gottes natürliche Ordnung hinwegzusetzen , ich , der ich doch ein Mann war mit schweren Lebenskämpfen hinter sich und einer großen Lebensaufgabe vor sich , so werde ich um so williger zu meiner Tochter sagen : Trage Weibes Los , sobald du des Weibes natürlichen Trieb in deinem Herzen spürst . Liebst du Max , Lydia ? « » Ja , ich liebe ihn , « stammelte Lydia mit bebenden Lippen , und sie blieb auf ihren Knien wie der Beichtiger vor dem Hüter seiner Seele . » Warum zitterst du dann aber und scheust dich wie vor einem Frevel , weil du einen Mann liebst , wie doch das Weib es soll ? « Lydia hatte sich zu einem Ausspruch über Wohl und Wehe gefaßt . Sie erhob sich von ihren Knien und sprach : » Nicht daß ich ihn liebe , aber daß du ihn nicht lieben wirst , mein Vater , darum zittere ich . Er ist keiner von den Unseren , keiner von den Deinen , Vater - - « » Weiß ich das nicht ? « unterbrach sie der Propst . » Er ist nicht einmal ein Christ . Er ist , daß ich so sagen soll , noch ein Fragment . Aber eben darum sehe ich in deiner Liebe eine Mission und segne sie als solche . Du kennst mich , Lydia , und wirst darum es keinen Sophismus nennen , wenn ich dir gestehe : Hättest du dich einem Manne zugeneigt , festgewurzelt in seinem Glauben , der aber nicht der deine , nicht der unsere , meine Tochter , war , oder wäre Max auch dem Geiste nach seiner Mutter Sohn , einer von denen , welche das ewige Geheimnis von seinem Throne reißen , um die nackte Vernunft auf denselben zu erheben , so würde ich deine Wahl zwar nicht haben hindern dürfen , aber meinen Segen hätte ich ihr nicht geben dürfen , denn es war keine Einigung zwischen euch abzusehen . So aber ist in deine Hand gegeben ein unerfülltes Gemüt , in welchem der Strahl einer reinen Liebe den reinen Glauben , das Gebet der Liebe das Wunder der Gnade bewirken wird . Die Skepsis ist niemals unüberwindlich , meine Tochter . Es waren oftmals heidnische Männer , denen untertan zu sein die Apostel ihren Jüngerinnen geboten , und nicht zum geringsten ist durch dieses Gebot das Heil in die Heidenwelt gedrungen . Das , Lydia , ist dein Beruf , und danach handle . « Lydia stand hochaufgerichtet mit gefaltenen Händen und verklärtem Blick . Dann aber neigte sie sich zu ihrem Vater nieder und küßte voll inbrünstigen Dankes seine Hand . Ein paar Minuten waltete tiefe Stille . Herr von Hartenstein war wieder schattenbleich geworden ; krampfhaftes Ringen zuckte aus seinen Mienen . Was er bis dahin gesagt hatte , war als freudige Überzeugung leicht aus seiner Seele geflossen ; nun kostete es ihm einen harten Kampf , zu sagen : » Ich bin noch nicht zu Ende , meine Tochter . « Lydia setzte sich an seine Seite , nahm seine kalte Hand in die ihre und hielt den Blick unverwendet auf ihn gerichtet . Er hob an : » Aber auch in dem anderen Sinne , welchen wir neben jenem höchsten als eine heilige Aufgabe hegen und pflegen , im Sinne der Familie , muß ich deine Wahl als eine Schickung der Gnade verehren . Du allein kennst die sorgenvolle Lage , in welche das Gesetz der Treue mich gedrängt hat . Aber auch du kennst sie nicht aus , und jung , wie du bist , vermagst du den martervollen Zustand nicht zu ermessen , unter welchem ein Vater , sehnsüchtig der Erlösung und doch erdenbange , aus dem Kreise hülfloser Kinder scheidet - vielleicht in der nächsten Stunde schon . Jetzt scheide ich beruhigt . Als Gattin eines begüterten Mannes aus unserem Geschlecht ist es nicht nur dir ermöglicht , sondern es ist auch ihm eine Satzung des Blutes , die Pflichten für die Vergangenheit den Aufgaben für die Zukunft zu einen . Bedarf ich deines bindenden Wortes , Lydia , daß du für deine Mutter und deine Geschwister Sorge tragen wirst nach wie vor als für deine eigensten Angehörigen , wenn ich von ihnen gegangen bin ? « » Nein , Vater , « antwortete Lydia , indem sie seine Hand an ihr Herz drückte , » nein , es bedarf keines ausdrücklichen Versprechens , um mich in irgendeiner Lage an das Gesetz der Treue gegen die Menschen , welche bis heute meine nächsten waren , zu mahnen . Aber vergib , wenn ich in diesem Betracht deine Auffassung meines Verhältnisses zu Max nicht begreife . Denn auch seine zweifelhafte äußere Lebensstellung war ein Grund , um dessentwillen ich an deiner Zustimmung verzagte . Er dankt seine Ausbildung fremder Unterstützung , er ist durch diese Unterstützung , die er fortan entbehren wird , verwöhnt , ist sorgloser Gemütsart . Es wird Jahre währen , bevor er irgendwelches Amt , irgendwelche Verwertung seiner mannigfachen Anlagen erringen kann . Und du baust auf ihn als den Schützer deiner Familie ? du nennst ihn einen begüterten Mann ? « » Er wird es in der Kürze sein , « versetzte der Propst mit sichtbarem Zwang . » Sein Großvater ist noch ein rüstiger Mann , « entgegnete Lydia unerschrocken , da Klarsehen ihr jetzt zu einer Pflicht geworden war . » Seine Familie ist ihm gänzlich entfremdet ; und zwischen dem Großvater und dem Enkel steht die Mutter . « » Nun denn , Lydia , - « sagte Herr von Hartenstein nach einem tiefen Atemzuge , » ich hätte diese Erörterung dir und mir erspart gewünscht , da du mich aber zu derselben drängst , so wisse , daß ohne Zweifel Max der Erbe von Werben ist . « » Der Erbe von Werben - Max - , Vater ? « fragte Lydia betroffen . » Zuverlässig , Lydia . Deine Mutter stand der Besitzerin verwandtschaftlich näher , aber sie stand ihr äußerlich wie innerlich fern . Wenn ich nun das Wesen der wunderlichen Greisin von Grund aus überdenke , so suchte sie für ihr altes Geschlecht einen Stammhalter , auf den sie wohl selbst seinen Namen überträgt ; und dürfen wir uns darüber täuschen , wie weit an Glanz der Gaben , die sie über alles schätzte , unser Martin gegen seinen Vetter zurücksteht ? Philipp , der ihm einmal ähnlicher zu werden verspricht , lag noch in der Wiege , als sie ihren letzten Willen abfaßte und niemals änderte . Dazu das nahe Verhältnis zu Sidonie , die ihrer Sache gewiß scheint . Es ist so ; es kann kaum anders sein ; - aber - ich fühle mich erschöpft . Geh , Lydia , hole Max - und dann laßt mich ruhen . « Lydia ging , aber nicht beflügelten Schrittes wie eine , der sich ein entzückendes Hoffen erfüllen soll . Ein Nebelflor hatte sich plötzlich zwischen ihr Auge und den Sonnenschein gedrängt . » Max und Lydia sind verlobt ! « mit diesem Jubelruf trat am anderen Morgen Sidonie in die Pfarre ein . Pastor Blümel fuhr erschrocken , wie vor einer Hiobspost , zusammen , und auch seiner Hanna , die doch sechs Töchter mit so gutem Glauben unter die Haube gebracht hatte , wollte der Glückwunsch gar nicht flott vom Herzen gehen . Röschen und Dezimus dahingegen waren wohl erfreut , aber gar nicht überrascht . Sie hatte schon am Bestattungsabend ein Liebesvögelchen über dem Schlosse zwitschern hören ; er hatte ja von jeher an eine Konjunktion des herrlichen Jupiter und der holden Venus geglaubt . Die hausbackene Folgerung von Hochzeit und Herdfeuer wie bei gemeinen Sterblichen wollte ihn freilich hier ganz kurios bedünken . » Sie sind füreinander prädestiniert ! « rief Sidonie in ihrer Herzensfreude . » Wer hat schon ein so vollkommenes Menschenpaar gesehen ? Ach , die Schönheit gibt doch das einzige Frauenrecht auf Glück ! Beide reinster Hartensteinscher Typus und doch Gegensätze , auch seelisch . Hier übersprudelnde Fülle ; einsaugende , sammelnde Stille dort ! Und daß auf diese Weise ein natürlicher Ausgleich für getäuschte Erbaussichten bewerkstelligt wird , auch das ist mir lieb ; denn verdrießlich ist solch ein Vorzug unter Gleichberechtigten allemal . Schade , daß Sie ihnen nicht die Traurede halten dürfen , Papa Blümel . Der Propst wird sich diese natürlich nicht nehmen lassen . Ich möchte um meines Mäxchens willen , sie wäre schon überstanden . Das Hochzeiten müßte eigentlich aus dem Stegreif ganz in der Stille betrieben werden . Den Trauermonat muß man natürlich anstandshalber respektieren . Dann aber auch keinen Tag zwecklosen Sehnens mehr . Die Brautreise gönne ich den Glücklichen allein , wohin und so lange es ihnen beliebt . Geht es aber an das Hüttenbauen , so hausen wir zu dreien , und der Welt wird ein Exempel vorgeführt werden , daß es sich mit einer Schwester weit behaglicher als mit einer Schwiegermutter wirtschaften läßt . « Max täuschte weder seine Braut noch sich selbst , wenn er sie seine erste Liebe nannte . Wohl war er kein Neuling in der Frauenhuld , er hatte seit den Knabenjahren Knospen und volle Rosen mancher Art umflattert . Eine Blüte so rein und eigenartig wie diese hatte sich aber ihm noch niemals erschlossen , und wie vor einem ungeträumten Gebilde dem Künstler plötzlich ein höheres Ideal aufgeht , so ergriff sein Gemüt der Zauber dieser keuschen , heiligen Schöne . Zum ersten Male blickte er zu einem Menschen empor . Dennoch war Lydia noch glücklicher als er . Sie , der Emporblicken eine Gewöhnung war , sie fühlte zum ersten Male die Wonne des Umfangens . Ihr innerlichster Kelch öffnete sich dem warmen Sonnenstrahl . War sie im eigentlichen Sinne niemals ein Kind gewesen , nun erst , da das Weib in ihr die Hülle sprengte , ward sie ein Kind . Hatte sie bisher älter geschienen , als sie war , nun schien sie jünger ; ihre Wangen färbten sich gleich Maienrosen , die stillen Augen leuchteten in meerdunklem Glanz , sie bewegte sich rascher , die leise Stimme tönte klangvoll aus der Brust heraus ; sie lächelte fröhlich wie noch nie . Denn wann hätte das Nachtgespenst der Sorge standgehalten vor der Liebe erstem Morgenstrahl ? Jener Nebel , der jach vor Lydias Augen aufgestiegen war , hatte sich unter dem Verlobungssegen gesenkt ; auch ihres Vaters Krankheit sah sie in einem heitereren Licht ; ein Widerstrahl ihrer Freude fachte seine Kräfte an , sie war sein liebstes , sein eigenstes Kind , er hoffte für sie und sie für ihn . So lebte sie Tage und Tage im reinsten Äther des Glücks . - Zehn Tage im reinsten Glücksäther ! - wie viele Menschen sind es , die auf sie zurückblicken ? War das Brautpaar verpflichtet , sich dem Großvater Mehlborn als solches vorzustellen ? Max hatte nein gesagt , Lydia ja , und ein Bräutigam von kaum zwei Wochen gibt nach . Bruder Martin erbot sich , an Stelle des kranken Vaters das junge Paar » zu chaperonnieren « . So zog man bei hellem Sonnenschein aus , um eine Stunde später unter einem drohenden Gewitter heimzukehren . Amtmann Mehlborn war , wie füglich hätte erwartet werden können , beim ersten Kleeschnitt auf dem Felde gewesen , Leutnant und Doktor von Hartenstein hatten ihre Karten abgegeben ; der letztere , da seine Braut über derartige gesellschaftliche Utensilien nicht verfügte , nachdem er unter die seine gekritzelt hatte : » und Lydia von Hartenstein . Verlobte . « Irgendwelche herzliche oder auch nur höfliche Erwiderung wurde , mit gutem Grunde , nicht erwartet . Trotz des erwünschten Verfehlens empfand Max heute doppelt , weil auch aus einer Art von Scham vor seiner Braut , das Widerwärtige dieses Familienbezugs . Er kam daher während des Heimwegs auf seine neuliche Behauptung zurück , daß derlei aufgenötigte Verhältnisse nicht nach hohen sittlichen oder gemütlichen Werten zu bemessen seien . » Kannst du im Ernst das Band zwischen mir und diesem alten Manne Liebe nennen , Lydia ? « fragte er , und da sie nicht augenblicklich eine Antwort gab , gab er sie selbst , indem er fortfuhr : » Im besten Falle wäre es ein Blutszwang , im schlechtesten Heuchelei , und selber das , was du als Tugend oder dergleichen Willensakt anführen möchtest , hieße gerade darum nimmermehr Liebe , die ja die Freiheit selber ist . Und wäre es mein leiblicher Vater , wenn ich ihn nicht lieben könnte , ohne daß er mein Vater ist , dann verdiente mein Gefühl zu ihm diesen Namen nicht . « Lydia schwieg auch jetzt , die Augen sinnend zu Boden gesenkt ; der ehrliche Martin aber erwiderte : » Nimm es mir nicht übel , Max , aber das finde ich am Ende doch ein bißchen stark . Da wäre ich ja nicht besser als ein Hund oder Pferd , die wohl einem Herrn anhängen , aber keinen Vater und keine Mutter kennen . Sind uns denn die Anverwandten für nichts und wieder nichts vom lieben Gott gegeben ? Und wenn dein Großpapa den Spieß nun umdrehte und sagte : mein Herr Enkelsohn ist gar nicht nach meinem Geschmack , ich werde mir einen Erben suchen , der mir gefällt ? « » Würde ich seine Geschmacksrichtung durchaus in der Ordnung finden , « entgegnete lachend Max , » wenn auch die Folgerung auf das Pflichtgebiet anders gezogen werden muß für den , welcher das Leben gibt , und dem , welchem es willenlos gegeben wird . Auch das Tier sorgt für seine Brut . Beruhige dich indessen , Freund ; keinem Bauer , richtiger ausgedrückt , keinem Ungebildeten fällt es ein , sich einen fremden Erben zu suchen , wenn ihm der natürliche auch noch so wenig zusagte . Das ist es ja eben , was ich Blutszwang , item der Liebe Gegensatz genannt habe . « » Ich würde es ganz anders nennen , Max . « » Und wie , Bruder Leutnant , wenn es beliebt ? « » Das richtige Wort fällt mir nicht gleich ein . Aber würde ich denn , nämlich gar nicht etwa bloß , weil ich es geschworen , sondern ganz von Natur , nicht mehr an meiner Fahne hängen , weil ein siegreicher Feind sie in Fetzen gerissen hätte ? « Lydia drückte ihrem Bruder mit einem zustimmenden Blicke die Hand , und das war das erste Zeichen des Widerspruchs , das sie sich gegen ihren Verlobten gestattete . Unter Donner und Blitz erreichten sie das Haus . Sidonie war mit den beiden jüngeren Cousinen nach der Pfarre gegangen , dagegen eine Briefsendung der Mutter aus der Schweiz eingetroffen als Antwort auf die Verlobungsanzeige von seiten des Propstes und der Kinder . Mütterliche Freude hatte die Verbindung mit einer Familie , die ihr so fremdartig gegenüberstand , Frau Brigitten ja nicht erwecken können ; schlechthin Einspruch dagegen zu erheben war indessen unstatthaft , und zu pflichtmäßig aufrichtig , um einen Anteil , den sie nicht empfand , mit Phrasen abzufertigen , behandelte sie das Verhältnis eingänglich von einer Seite , die bisher , geflissentlich oder nicht , unberührt geblieben war , von der praktisch häuslichen . » Du hast , mein Sohn , « so schrieb sie unter anderem , » mit dem Leben bisher getändelt wie ein Kind . Nun baue ich darauf , daß das , was du dein Glück nennst , den Ernst des Mannes in dir reifen und dich für die erste Menschenpflicht , die einer der Gesamtheit nutzbringenden Tätigkeit , tüchtig machen werde . Wenn deine künftige Gattin dir in diesem Sinne eine Gehülfin wird , dann , aber auch nur dann , wirst du wie den Zweck der Ehe mit ihr erreichen , so das Glück der Ehe durch sie erfahren . Ich lese mit Staunen zwischen Sidoniens Zeilen heraus , daß sie , zumeist um deinetwillen , sich auf das Erbe des alten Familiengutes zuversichtlich Rechnung macht . Ich kann euch beide nicht dringend genug vor diesem Fehlschluß warnen . Wie ich eure Großtante - ohne Zweifel richtig - beurteile , überträgt sie in dem Stammsitz ihrer Familie ein Ehrenamt , und solch ein Ehrenamt überträgt keine Werben auf die Enkel eines reich gewordenen Bauers . Daß sie deine und deiner Schwester Wohltäterin gewesen ist , würde nur ein Grund mehr für meine Auffassung sein ; denn selten schätzt man die , welche von unserer Großmut Vorteil gezogen haben . Gesetzt aber auch , du würdest durch irgendwelche Schicksalsgunst vor der Zeit deiner Reife in eine nach außenhin unabhängige Lage versetzt , entbände dich das von deiner ersten Pflicht gegen dich selbst und gegen die Welt ? Gibt es etwas Erbärmlicheres als einen vornehmen Müßiggänger , der Kraft , Geld und Zeit in spielerischen Liebhabereien vergeudet und in Genüssen , die , weil sie niemals befriedigen , alle Tage wechseln müssen ? Es ist , im Gegensatz zu reicheren Ländern , ein Segen der durchschnittlichen Armut unserer höheren Stände , daß das Faulenzertum , selbst von Erbsöhnen , als Unsitte und das Dienen als Pflicht und Ehre gilt . Oder hältst du eine deiner künstlerischen Anlagen , die leichte Dichtergabe eingeschlossen , für bedeutend genug , um sie , selber bei fleißiger Übung , in langer Zeit über den Dilettantismus zu erheben ? Täusche dich nicht , mein Sohn , sie sind es nicht ; eben um ihrer Vielseitigkeit willen nicht und ganz besonders bei deiner Temperamentsanlage nicht . Eine großartig schöpferische Künstlerkraft ist fast ohne Ausnahme eine einseitige , und ein großartig schaffender Künstlerwille ist es auch . Täusche dich aber auch nicht darüber , daß du auf unberechenbare Jahre hinaus - und wahrlich zu deinem Heil ! - auf dich allein gestellt sein wirst , auf Selbstüberwindung und strengen Fleiß . Da du nun einmal vorzeitig an die Gründung eines eigenen Hausstandes gedacht hast , somit eine aussichtslose , militärische Friedenskarriere aufgegeben werden muß - und dafür preise ich , wie man so sagt , den Himmel , mein Sohn ! - , bleibt dir keine Wahl als die allein deiner würdige : die wissenschaftliche Bahn , zu der du vorbereitet bist , zu verfolgen und mit bescheidenem Anfang einem edlen Ziele zuzustreben . Es naht sich ja mit starken Schritten die Zeit , in welcher auch in unserem Vaterlande mit dem Schlendrian aufgeräumt werden wird . Sei es als Beamter , sei es als akademischer Lehrer hast du dann den Punkt gefunden , von welchem aus ein geistvoller Mann den Hebel ansetzt , um für den Umschwung der Zeit sein Pflichtenteil beizutragen . « Den Schlußpassus von des geistvollen Mannes archimedischem Zeitberuf abgerechnet - denn aus dem Munde einer Brigitte Zacharias schmeichelt die Anerkennung seiner Bedeutendheit auch den unzärtlichsten Sohn - , erregte » der pädagogische Leitartikel , der sich in ein Briefkuvert verirrt hatte « - dem Adressaten ein herzliches Lachen . Die Frau Professorin hatte jedoch ihrem Glückwunsch an den Propst und seine Tochter ungefähr die gleiche Ermahnung beigefügt , indem sie beiden , unter deren vorwaltendem Einfluß sie zurzeit den Sohn sich dachte , die Zügelung vorlauter Erwartungen und unsteter Gelüste zur Gewissenssache machte ; und diese beiden nahmen die Sache ernst , wenn auch nicht aus übereinstimmenden Gründen . In dem Vater weckte das apodiktische Absprechen jeglicher Erbaussicht des jungen Bräutigams kaum zur Ruhe gebrachte persönliche Hoffnungen wieder auf , während gleichzeitig die einleuchtenden Belege für diesen Abspruch den Riß in den Stammbaum , über welchen die Not hinweggeholfen hatte , als empfindlichen Makel erscheinen ließen , und die zweifelhafte Existenzfrage ernstliche Sorge erregte . Hätte er seine Tochter nicht so tief beglückt gesehen , würde er , der Heidenbekehrung zum Trotz , das voreilige Verlöbnis bereut haben . Seine Tochter dahingegen fühlte sich plötzlich aus ihrer traumumfangenen bräutlichen Seligkeit aufgescheucht und dem ernüchterndsten Tagewerke gegenübergestellt . Arme Lydia , welche widersprechenden Forderungen werden dir gutem , weltfremden Mädchen doch in einem Atem vorgehalten ! Ein ungläubiges Weltkind zum gläubigen Lutheraner zu bekehren und eine schwere Familiensorge auf seine jungen Schultern zu legen , heischt der Vater ; einen dilettierenden Flattergeist zum liberalen Staatsbürger und praktischen Hauswirt zu bändigen , verlangt die Mutter ; und der , welchen du liebst , mehr als dein Dasein liebst , er will , daß du mit ihm den Schaum des Lebensbechers schlürfst und nichts weiter erstrebst , als ihn zu beglücken und durch ihn beglückt zu sein . Ist es ein Wunder , wenn hastig die Maienrosen von deinen Wangen flüchten und deine Blicke der Nebelflor der ersten Glückesstunde wiederum verschleiert ? Jenes dunkle Ahnen , daß du den Mann , welchem du lebenslang als deinem Hort vertrautest , an eine haltlose Planke geklammert , in der Brandung verschwinden und den Stern der Liebe , so jach wie er aufgetaucht , an deinem Horizonte verschwinden sehen wirst ? » Nun , Feinliebchen , « fragte Max , nachdem die mütterlichen Briefe gegeneinander ausgetauscht und still zu Ende gelesen worden waren , » wie gefällt dir die Perspektive , in vier bis fünf Jahren - denn früher würde es selbst dem unermüdlichsten Büffel , und wenn er als ein Engel vom Himmel heruntergefallen wäre , bei unserem löblichen Schematismus platterdings unmöglich sein - , item in vier bis fünf Jahren als Hausfrau eines königlichen Gerichtsassessors , notabene vorderhand noch eines Diätarius , in einem kassubischen Landstädtchen hinter dem Kochherd und dem Bükefaß zu stehen ? « » Ei nun , mir würde sie schon gefallen , « antwortete Lydia mit einem Lächeln , das freundlich , aber nicht mehr wie vor wenig Stunden fröhlich war ; » wenn nur du , lieber Max , sie dir gefallen ließest . « » Ich würde sie mir allerdings nicht gefallen lassen , weder für dich , liebes