Sarges auf seinen Knien lag , da fühlte ich den alten Mut und die gewohnten Kräfte wieder in mir aufgelebt . Es war , als ob ein Sonnenstrahl sich durch bleiernen Winternebel kämpft ; nur eine Sekunde lang ; bald umfängt uns wieder der nächtliche Schatten . Aber wir haben uns des unvergänglichen Lichtes dort oben erinnert . Eine plötzliche Hoffnung durchzuckte mich . Ob der Anblick des geliebten Mannes nicht den erlahmten Sinn der Mutter wecken sollte ? Der herbeigerufene Arzt zeigte kein Bedenken gegen den gewagten Versuch , aber auch keine Hoffnung auf sein Gelingen . So wurde denn der Sarg in das Zimmer getragen und an Stelle des Sofas , wo der Geschiedene so oft der Ruhe gepflogen , niedergelassen . Der Mantel bedeckte die steifen Glieder , der Kopf lag geneigt wie im friedlichen Schlummer . Auf meinen Armen trug ich die Kranke wie ein hilfloses Kind aus der Kammer und gab ihr dem Sarge gegenüber einen Platz . Mit welcher Spannung ich in ihren Zügen forschte ! Ach die starren Blicke richteten sich wohl mechanisch auf des Toten Gesicht , aber kein Zucken verriet eine Freude oder einen Schmerz , nicht das leiseste Zeichen , daß sie ihn erkannte , daß sie ihn nur sah ! Das Herz war tot , vielleicht schon jenseits bei ihm ; nur das Blut wallte noch in der entseelten Maschine . Wie lange Zeit , ob Stunden , ob Jahre ! Der Arzt zuckte schweigend die Achseln , als mein trostloser Blick ihm diese Frage stellte . Wir richteten nun die Kranke in meinem Dachzimmer ein , um die unteren Räume für den Toten frei und still zu halten . Peinvolle Verabredungen wegen der Bestattung mußten getroffen werden . Der alte Soldat hatte keinen Kameraden am Ort , der ihm das Ehrengeleit zu seiner Ruhestätte geben konnte , der letzte Reckenburg keinen Sohn , keinen Blutsverwandten , welcher die erste Handvoll Erde auf seinen Hügel rollen ließ . Seine Tochter aber sollte ihm auf dem letzten Gange nicht fehlen . Daß dieser Gang möglichst still und unbemerkt geschähe , wählte ich eine abendliche Stunde , und traf der gute Taube in diesem Sinne die erforderlichen Vorkehrungen . Er selber grub bis in die Nacht hinein mit dem ehrlichen Diener das Grab , für welches sich ein Raum neben der Faberschen Erbstätte gefunden hatte . Die alten Hausgenossen sollten auch unter der Erde beieinanderbleiben . Erst nachdem dieser wehmütige Freundschaftsdienst beendet war , machte sich Taube auf den Weg , dem Freunde im Kloster die Trauerbotschaft zu bringen , bei ihm zu nächtigen und dann am Morgen sein altes Schuldorf wiederzusehen . Sobald er am Abend von der Begräbnisfeier zurückkehren würde , sollte dann die Heimfahrt angetreten werden , Freund Purzel ihn begleiten . Der arme Schelm war , nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte , halb und halb zu der reumütigen Erkenntnis seiner Fahnenflucht gelangt . » Ich bin nicht ausgerissen , Fräulein Hardine , « sagte er schluchzend , » bloß versprengt . Und meine Wunde ist auch nicht zum Sterben , wie ich dachte , bloß ein Ritz . Nur meinen Herrn Major zur Ruhe , dann suche ich das Regiment und lasse mich totschießen wie er . « Taube hatte während der Herfahrt erkundet , daß die Vortruppen von Saalfeld sich nordwärts auf das Gros des Hohenloheschen Korps zurückgezogen und mit diesem Stellung bei Jena genommen hatten . Dort war demnach das Regiment aufzufinden . Mehrfältigen Aussagen nach hielten jedoch die Feinde bereits den Saalpaß bei Kösen besetzt , und so mußte man sich zu einem Umwege durch das Unstruttal entschließen . Welches unselige Verhängnis unserer Armee drohte , wenn jene feindliche Umgehung sich bewahrheitete , durch welche gröbliche Irrungen sie möglich geworden war , daran sollten wir nur zu bald jammervoll gemahnt merden ; in jenen ersten Stunden persönlichen Schmerzes fehlte uns der Vorausblick in die allgemeine Lage . Christlieb Taube hatte den Weg zum Kloster angetreten , die Magd , nach der Unruhe der verwichenen Nacht , früh ihr Bett gesucht ; Purzel hielt Wache , das heißt , der arme , übermüdete Mensch schlief selbst wie ein Toter neben dem Sarge seines lieben Herrn . Im Hause herrschte Leichenstille . Ich saß allein am Bette der Mutter , ob minuten- oder stundenlang , ich weiß es nicht . Das Bewußtsein der Verwaisung war in dieser stillen Einsamkeit zum erstenmal deutlich in mir aufgetaucht . Der Verwaisung ! Denn das Herz , das unempfindlich neben mir pulsierte , war ja nicht das einer Mutter mehr , und keiner ermißt die Ödigkeit dieses Bewußtseins , als der , welchem , wie mir , mit dem zurückleitenden Faden das einzige Band des Gemüts zerreißt . Ich war dreißig Jahre alt , ohne Geschwister , ohne Hoffnung auf ein kommendes Geschlecht , die Letzte meines Bluts und Namens , vor mir , neben mir , hinter mir alles leer - - ja in Wahrheit , ich war eine Waise . Und dann , ich war arm ; wie auch die Zukunft sich gestalten mochte , im Augenblick bitterlich arm . Für meine eigene Person würde ich darin kaum ein Lebenshemmnis gefunden haben . Ich hatte meinen Posten auf Reckenburg , und mußte ich eines Tages von ihm weichen , » so gehe ich als Kolonistin in einen Hinterwald Amerikas , « hatte ich mehr als einmal lachend dem Propste geantwortet , wenn er in mich drang , die Gräfin an ihre Pflichten gegen mich zu erinnern . In meiner gegenwärtigen Stimmung würde ich leicht aus dem Scherze Ernst gemacht , jedenfalls in einer größeren ländlichen Verwaltung meinen Platz gefunden haben . Im Hinblick auf die Mutter , die ich in ihrer langsamen Agonie nicht verlassen konnte , wurde die Armut zu einer drückenden Sorge . Die Veränderung meiner Lage war indessen zu neu und erschütternd , als daß ich sie mit klaren Gedanken hätte durchdringen mögen . Nur wühlend und brütend schlichen die Vorstellungen an meiner Seele vorbei . Die Lampe glimmte dunkel umschirmt ; das Krankenzimmer mußte kühl erhalten werden ; mich fröstelte , wie es auch den Kräftigsten nach großen Aufregungen in einem Sterbehause fröstelt . Seit zwei Tagen hatte ich keinen Augenblick geruht , und so überfiel mich jener bleierne Druck , welcher zwischen Schlaf und Wachen die Mitte hält , und in welchem wir uns vergeblich zu besinnen suchen , ob die wechselnden Erscheinungen wirklich vor offenen Augen oder ob sie im Traum an uns vorüberziehen . In diesem Zustande war es mir plötzlich , als spüre ich das Streifen eines lebenden Wesens ; ich sah eine verhüllte Gestalt sich über das Krankenbett beugen , lange in das Gesicht der Mutter blicken und endlich zwischen ihr und mir zu Boden gleiten . Dieses Geräusch , diese Berührung scheuchten den Alp . Es war kein Traum : diese rätselhafte Erscheinung lag zu meinen Füßen . Ich sprang auf , ergriff die Lampe und leuchtete in ihr Gesicht - Dorothee ! Dorothee im Krampfe erstarrt , eiseskalt , stieren , glasigen Auges , die Zähne knirschend zusammengepreßt , die Hände in der Gegend des Herzens in das Kleid gekrallt , - das nämliche Schreckensbild , das die Mutter am Hochzeitstage verlassen hatte . Alle Nebel des Geistes waren bei dem erschütternden Anblick geschwunden , das eigene Schicksal fast vergessen . Ich trug sie nach dem Sofa , öffnete das Fenster , flößte ihr von den belebenden Tropfen ein , welche für die Mutter bereit standen . Sie schien das Bewußtsein nicht verloren zu haben , und es währte nur wenige Minuten , bis die steifen Muskeln sich zu strecken , die Glieder sich zu erwärmen begannen . Der Puls wurde fühlbar , nur aus den Augen wich erst langsam der starre Ausdruck der Qual . Sie war noch immer schön ; dieselbe biegsame , jugendliche Gestalt , dieselbe Durchsichtigkeit der Haut in dem gerundeten Kinderangesicht . Die geschonten Hände , Haartracht und Kleidung , alles was ich sah , zeugten von Eleganz und Behagen ; alles was ich kürzlich während der preußischen Besatzung über ihre gesellschaftliche Stellung gehört hatte , sprach von Sicherheit und Ehren : sie war ein geliebtes , ein glückliches Weib , und wie verlassen , wie elend hatte ich vor wenigen Minuten vor mir selber gestanden . Und dennoch , - denn wer beschriebe jenen heimlichen Zug von Zwang , der gleich einem eisernen Stirnband die Unglücklichsten unter uns kennzeichnet ? Oder gäbe es einen wehe tuenderen Ausdruck , als den der Angst in einem Kinderauge ? - und dennoch tönte eine Stimme aus meinem Innersten heraus : dieses schöne , gesegnete Weib ist elender , gottverlassener als du ! Und als hätte diese Stimme ein Echo erweckt , so flüsterten jetzt die bleichen Lippen : » Hardine , ich bin elender als du ! « Der Krampf war gelöst ; sie atmete und bewegte sich frei ; aber sie sprang nicht in die Höhe wie sonst ; sie errötete nicht , senkte und hob nicht die Lider , schmiegte sich nicht an meine Knie , an meinen Arm , reichte mir nicht einmal die Hand . Sie ließ das müde Auge in dem meinen ruhen und erhob sich langsam , wie in gewohnter peinvoller Zurückhaltung . Ebenso ruhig ließ sie sich darauf , meinem stummen Winke folgend , wieder nieder , und nachdem ich neben ihr Platz genommen hatte , erklärte sie , ohne meine Aufforderung abzuwarten , ihr überraschendes Erscheinen . Sie tat es mit klaren , knappen Worten , wie man berichtet , nicht wie man erzählt . Ihr Laut war reiner , der Ausdruck reifer geworden , aber der silberne Lerchenklang der Stimme drang wie durch einen Flor . » Faber « , so sagte sie , » befand sich seit Wochen im Gefolge des Königs bei der Armee . Ich konnte ohne Entdeckung , und wenn entdeckt , ohne Aufsehen , eine Reise in die Heimat wagen , wegen der Zukunft des Knaben Verabredungen treffen , vielleicht ihn sehen . Von der letzten Station ab ging ich zu Fuße nach der Anstalt . Es war Abend geworden . Der Propst verweigerte es , mich heute noch , kurz vor Schlafengehen , einen Blick auf den Knaben werfen zu lassen . Es werde auffallen , Ahnungen , Erinnerungen , Entdeckungen wecken . Der Knabe dürfte nicht an eine Mutter denken , die ihm weder einen Vater nennen noch ihn in ein Elternhaus führen könne . « » Ich mußte mich seinem Willen fügen , « fuhr sie nach einer Pause mit fast eisiger Starrheit fort . » Niemals hätte ich das Herz , mich vor meinem Gatten als seine Mutter zu bekennen . « » Und was fürchten Sie , wenn Sie es täten ? « fragte ich . Sie stutzte , nein , ich glaube , sie seufzte leise bei dem » Sie « , das ich unwillkürlich gebrauchte . Doch schien sie rasch über unser verändertes Verhältnis klar geworden und antwortete mit dem Ausdruck reinster Wahrheit : » Nichts für mich . Wenn er mich verstieße , ich würde ihm meine Bettlerfreiheit danken ; wenn er mich tötete , ich würde ihn für die Erlösung segnen . Sie ahnen es nicht , Fräulein von Reckenburg , was es heißt , die Natur verleugnet haben . Aber was ich fürchte , fragen Sie ? Ich kann es deutlich nicht sagen . Ein unbestimmtes , vielleicht falsches Vorgefühl des Hasses , - der Rache , - da er den Vater nicht mehr erreichen kann , gegen den unschuldigen Knaben , der Feindseligkeit auch gegen - gegen - - « » Gegen die Schuldgenossen , « ergänzte ich . Sie neigte den Kopf . » Er ist ein gerechter , ein argloser Mann , und gütig , o viel zu gütig gegen mich , « fuhr sie fort , » aber denke ich daran , so blinkt es mir vor den Augen wie ein gezückter Dolch . Er würde es niemals vergeben , und dem Schuldlosen vielleicht weniger als mir , die er sich zu lieben gewöhnt hat . Alles das mag Selbsttäuschung sein ; auch die Scheu , das ätzende Gift in eine vertrauende Seele zu gießen . Kann eine sich selber kennen , deren ganzes Leben eine Lüge ist ? So sage ich denn einfach , ich habe nicht den Mut , die Wahrheit zu bekennen . Und dann : ich habe nicht mehr die Kraft , es zu tun . Sooft ich reden will , überfällt mich der Krampf , dessen Zeugin Sie vorhin waren . Wollte ich schreiben , die Hand würde mir erstarren . Es ist keine Krankheit ; es wird mich nicht töten ; ich werde alt dabei werden , oder - oder - « Sie deutete auf die Stirn mit einem Ausdruck , der mich schaudern machte . » Haben Sie Kinder ? « fragte ich nach einer langen Stille . Sie schüttelte den Kopf . » Gott ist gerecht , « sagte sie nach einer langen Pause . » Nein , er ist barmherzig . Ich würde keinem Kinde eine Mutter sein können . « » Und Ihr Gemahl ? « » Vermißt sie nicht , oder zeigt mir nicht , daß er sie vermißt . Er ist sehr , sehr schonend gegen mich - und noch immer so besonders , « setzte sie hinzu , indem zum erstenmal etwas , das einem Lächeln glich , über ihre Züge lief . » Du bist mein Kind , Dorothee , hat er mir mehr als einmal gesagt . Kein Arzt wünscht einem geliebten Weibe das Martyrium und die Sorgen der Mutterschaft . Er sieht der Qualen genug außer seinem Hause . « » Und haben Sie seine Liebe erwidern lernen ? « fragte ich nach einer neuen Stille . Sie sah mich einen Moment groß an , als ob sie über eine wahrhaftige Antwort nachdenke . Dann sprach sie : » Ich glaube , daß ich meine kindische Scheu überwunden und ihn liebgewonnen haben würde , wäre ich sein eigen geworden , damals , als ich keine Ursache hatte , ihn zu fürchten . Heute aber , wo ich sie habe - lieben ? - o nicht einmal wie einen Wohltäter , einen Bruder , einen Freund . Im Sklavendienst der Sünde erstirbt das Gemüt . « » Und auch diesen Mangel fühlt er nicht ? « » Nicht , daß ich es jemals gespürt hätte . Meine kühle Zurückhaltung paßt zu dem Traumbilde , das er sich von mir geschaffen hat . Ich glaube , daß meine ursprüngliche Natur ihm lästig geworden sein würde . Entweder , Fräulein von Reckenburg , ist die Liebe ein Rätsel mit vielen Auslegungen , oder dieser Mann ahnet nicht , was lieben ist . « Wir saßen nach diesen Worten eine Weile schweigend nebeneinander , dann fuhr sie in der Mitteilung fort , die meine Frage unterbrochen hatte . » Der Propst beredete mich , die Nacht in der Stadt in meinem alten Zimmer zu verbringen . Dort wollte er mir am Morgen den Knaben unter irgendeinem Vorwande zuführen . Er begleitete mich nur bis ans Stadttor , da ich in seiner Gesellschaft nicht gesehen und vielleicht erkannt werden sollte . Weder er noch ich ahnten ja das Schicksal , das dieses Haus betroffen hat . Ich sah Licht im unteren Zimmer und fand die Haustür unverschlossen . Ich hätte mich still hinaufschleichen mögen . Aber konnte ich unbemerkt bleiben ? So trat ich ein . Der alte Soldat schlief im Stuhle neben dem verhüllten Lager und erwachte nicht . Ich hob das Tuch und sah in das tote Antlitz des Mannes , den ich mehr als meinen eigenen Vater geliebt hatte . Ich stieg die Treppe hinan und beugte mich noch einmal über eine , die ich verehrt und die der Tod bereits erfaßt hat . Nun wollte ich mich ungesehen aus dem Hause entfernen , Ihnen meinen Anblick ersparen , heute und immerdar . Der Krampf überfiel mich . Vergeben Sie mir , Fräulein von Reckenburg . « Ich kann es nicht mit Worten aussprechen , wie dieser Ausdruck dumpfer Resignation mir durch die Seele schnitt . Was mußte das bewegliche Kind gekämpft haben , um so seiner Impulse Herr zu werden , und was gelitten ! Ich zog ihren Kopf an mein Herz , drückte ihre Hand und sprach : » Der Tote hat dich liebgehabt wie sein eigenes Kind - laß die bösen Erinnerungen zwischen uns gelöscht sein , Dorothee . « Ein Hauch , so rosig wie in ihrer glücklichsten Zeit , flog über das bis dahin schattenbleiche Gesicht . Sie beugte sich über meine Hände und warme Tränen rieselten auf sie herab . Die Wanduhr schlug eben Mitternacht . » O , Fräulein Hardine ! « rief sie , » wenn das Ihr Ernst ist - und Sie haben ja niemals ein Wort gegeben , das Sie nicht wahr gemacht - o so betätigen Sie es auch heute , diese Nacht vielleicht zum letzten Mal , daß wir im Leben beieinander sind . Ruhen Sie und lassen Sie mich wachen bei der teuren Frau , noch einmal sie pflegen wie sonst . Sie brauchen Kraft für den morgenden Tag , und ich , könnte ich in seiner Erwartung ruhen ? Gönnen Sie mir die Wohltat dieses Vertrauens , Fräulein Hardine ! « » Ja , wache bei meiner Mutter , Dorothee , « antwortete ich ohne Besinnen , » ich will in deinem Bette drüben schlafen . « Wie auf ein Zauberwort war sie plötzlich wieder die alte Dorl , küßte meine Hand , fragte nach der ärztlichen Vorschrift , richtete geschäftig alles für die Nachtpflege ein , zündete dann Licht an und leuchtete mir hinüber in ihre Mädchenstube . Unter der Tür stockte ihr Fuß ; sie sah den Raum sauber in Ordnung gehalten , unverändert , wie sie ihn verlassen hatte . Im Fenster breitete sich ein Strauch von Rosmarin , den die Mutter aus einem jener Hochzeitszweige aufgezogen hatte . Sie brach in einen Tränenstrom aus und barg das Gesicht hinter ihren Händen . » O daß ich niemals , niemals diese Schwelle überschritten hätte ! « schluchzte sie . Bald aber war sie wieder ruhig und gefaßt , ordnete mein Bett , half mir beim Auskleiden , mischte mir ein Glas Zuckerwasser , alles mit ihrer leise schwebenden Art , küßte dann noch einmal meine Hand und ging hinüber zur Mutter . Ich aber , als hätte das liebliche Geschöpf mir einen Beruhigungstrank eingeflößt , schlief ungestört bis zum grauenden Morgen . Als ich das Krankenzimmer betrat , stand Dorothee am Fenster in einem weißen Morgenkleide aus ihrer Mädchenzeit , da sie durch die bunten Farben ihres Reiseanzuges nicht allzu grell gegen unsere Trauer abstechen wollte . Der reiche Haarschleier war der Zeitmode zum Opfer gefallen ; die kurzen Löckchen ringelten sich natürlich um den feinen Kopf . Sie stand hinter der Gardine und starrte mit flammenden Augen und eine Fieberglut auf den Wangen hinaus nach dem Knaben , den sie nicht mehr ihren Knaben zu nennen wagte . Wie sie aber auch starren mochte , der dichte Morgennebel - der Nebel des 14. Oktober ! - wehrte jede Umschau . Sie sprach keinen Laut ; ein leises Zittern durchflog die Gestalt , über welche die Leidenschaft der Erwartung den lebensvollen Hauch erster Jugend ergossen hatte . Endlich hörte sie Schritte auf der Treppe und ich folgte ihr bis unter die Tür . Aber es war der Prediger allein , der die Schluchzende in seinen Armen aufgefangen hatte . » Mein Pflegesohn folgt mir in kurzem , « sagte er . » Diese erste Stunde gehöre unseren trauernden Freunden , liebe Dorothee . « Damit trat er in das Krankenzimmer ; auch einer jener stillgetreuen Balsamspender für die verwundeten Herzen , auch ein lange entfremdeter , wiedergefundener Freund . Er wurde uns allen ein Rater und Ordner an diesem unruhvollen Tage ; zumeist aber hatte Dorothee , die in ihrer Erregung häufig die vom Freunde gebotene Vorsicht vergaß , ihm ihr gelungenes Inkognito zu danken . Christlieb Taube war bis zum Abend über Land , der alte Diener in Begräbnisangelegenheiten früh aus dem Hause entfernt , die Torfahrt für Besucher und Neugierige verschlossen worden . Der Magd durfte vertraut werden , sie war als Auswärtige mit der Vergangenheit des Hauses unbekannt und hatte in ihrer blöden Ehrlichkeit von den fremden Leidtragenden in dem Trauerhause kaum Notiz genommen . Die Freunde hatten unserem Toten Lebewohl gesagt und mich allein an seinem Sarge in der Kammer zurückgelassen . Ein Geräusch unter der Tür weckte mich aus meiner Versunkenheit ; es war der Prediger , der seinen Pflegling vor die Leiche führte , um der verborgenen Mutter seinen Anblick zu gewähren und zugleich seine Aufmerksamkeit von der heftig Erregten abzulenken . Wenn er darüber hinaus etwa einen vom Soldatenhandwerk abschreckenden Eindruck bezweckte , so brachte sein Plan , nach mancher weislichen Pläne Art , die entgegengesetzte Wirkung hervor ; er hatte nur die Begierde , das Soldatenblut , in dem Knaben geweckt . August Müllers Jugenderinnerungen haben Euch , meine Freunde , ein anschauliches Bild der nachfolgenden Szene gegeben . Laßt mich nur eins hinzufügen . Als der Knabe so frisch und fröhlich rief : » Ich möchte auch für das Vaterland sterben ! « und jener markerschütternde Schrei sich dem Mutterherzen entrang , da fühlte ich meinen ungerechten Groll gegen den » Wildling « schwinden , ich sah in ihm wieder den Sohn des Freundes , der die Betörungen der Jugend durch ein ritterliches Ende gesühnt hatte . Und so sollten denn diese schweren Prüfungstage nach allen Seiten hin zu einem friedlichen Abschluß führen . » Ich werde ihn niemals wiedersehen , niemals ! « Mit diesem Aufschrei war die unglückliche Mutter zusammengebrochen , als die Tür sich hinter ihrem Kinde schloß . Der gestrige Krampf hatte sie überfallen . Wir trugen sie in ihr Zimmer hinauf , und an dem Herzen , unter den Tränen des alten Freundes erwachte sie wieder zum Leben . » Gott ist der Vater der Fremdlinge und Waisen , « flüsterte sie , das gläserne Auge auf ihn gerichtet , » und du bist Gottes Priester auf Erden . « Nach diesen Worten entfernte ich mich , die beiden zu einer langen Unterredung über des Knaben Zukunft beieinander lassend . Eine ansehnliche Summe für Lehrgeld und erste Einrichtung des künftigen Forsteleven ist seinem alten Beschützer bei dieser Gelegenheit eingehändigt worden . Mit mir sprach Dorothee bis zum Abschied keine Silbe mehr ; sie hielt sich ausschließlich im Krankenzimmer und folgte demütig des Freundes Winken . Das eiserne Band , von dem sie sich für etliche Stunden befreit , drückte schon wieder auf ihre Stirn . Sie hatte sich von neuem unter die Wucht ihres Verhängnisses gebeugt , und hätte ich heute noch von ihr fordern dürfen : zerbrich es oder fliehe ihm ? Während dieser Vorgänge hatten sich die ersten dumpfen Gerüchte über die ungeheure Katastrophe dieses Tages in der Stadt verbreitet . Bauern , welche von den entfernteren westlichen Dörfern zum städtischen Markte kamen , wollten seit dem Morgengrauen unausgesetztes Kanonenfeuer vernommen haben ; Leipziger Kaufleute , die , von Frankfurt zurückkehrend , in Naumburg übernachtet hatten , sprachen mit Bestimmtheit von der gelungenen Umgehung Davousts und einem blutigen Zusammenstoß mit der Hauptarmee , der man gestern auf dem Marsche von Weimar nach Eckartsberga begegnet war . Man nannte sogar schon das Dorf Hassenhausen als den Punkt , wo der Kampf um den Saalpaß entbrannt war . Wer von unseren Bürgern ein Fuhrwerk oder ein Pferd auftreiben konnte , wagte sich eine Strecke in abendlicher Richtung voran , um die Wahrheit dieser Angaben und ihrer Folgen zu erkunden . Wieder wogte es unruhig auf dem Markte durcheinander ; aber nicht ein Auge von den vielen blickte hoffnungsvoll , nicht eine Stimme redete beherzt . Das tragische Vorspiel von Saalfeld hatte die düstersten Ahnungen verbreitet . Keiner aber fühlte diese Vorahnungen drückender als die , welche in dem Hause der Trauer um das Opfer von Saalfeld den Tag des 14. Oktober in schweigendem Brüten dahinschleichen sahen , und wer möchte die wehevollen Stimmungen erschöpfend schildern , die binnen weniger Stunden sich unter dem einen Dach begegnet waren ? Trauerspiel schob sich in Trauerspiel ; das persönliche in das allgemeine , das vergangene in das zukünftige . Ein jeder fühlte im besonderen einen Kummer , eine Sorge , eine Angst und Qual ; jeder einzelne teilte die des anderen , und über allen schwebte das Schicksal des Vaterlandes wie eine drohende Wolke . So brach der Abend herein , und das Grabgeleit setzte sich in Bewegung . Obgleich ich es still , ohne fremde Zeugen gewünscht , hatte ich es nicht hindern können und wollen , daß die Bürgerschaft fast ohne Ausnahme , Fackeln tragend , den Zug eröffnete . Ehrten sie doch den Tapferen , der für das Vaterland gefallen war , betrauerten sie doch einen alten , werten , langjährigen Heimatsfreund . Hinter dem Sarge ging nur ich mit dem Propst , gefolgt von Christlieb Taube und dem alten Diener . Und so senkten wir den teuren Mann zur Ruhe , alle in Tränen , alle in düsterer Beklemmung in der verhängnisvollen Stunde , wo die gleichzeitig in zwei Schlachten vernichteten Armeen , keine der anderen Schicksal ahnend , in wilder Flucht aufeinanderstießen . Die erste und noch unklare Kunde der Niederlage bei Hassenhausen - erst späterhin nannte man sie Auerstedt - traf uns , als wir von unserem Trauergange heimkehrten . Christlieb Taube mit seinem » Versprengten « beschleunigte daraufhin seine Abreise in der schon gestern angenommenen Richtung über Freyburg . Auch Dorothee wurde von dem Propste bestimmt , mit der Nachtpost die Rückreise anzutreten , denn wer hätte dafür bürgen mögen , daß nicht morgen schon ein wilder Troß von Freund und Feind die Gegend überflutete ? So folgte dem ersten ewigen Abschied nun eine Trennung nach der anderen , und keine wohl ohne das Vorgefühl des Nimmerwiedersehens . Der ehemalige Lehrer und Bewerber ahnte nicht , daß er mit der Gattin Siegmund Fabers unter einem Dach geweilt hatte . » Das treue Herz ist schwer zur Ruhe gekommen , beirren wir es nicht von neuem , « hatte der gemeinsame alte Freund gemahnt , und Dorothee sich verborgen gehalten , bis das Wägelchen von dannen rollte . Ich aber sollte Zeuge sein , daß das treue Herz noch keineswegs zur Ruhe gekommen war . Ich traf den guten Menschen , nachdem er uns Lebewohl gesagt hatte , seine Tränen trocknend , auf der Schwelle von Dorothees Mädchenstube . » Die vergißt keiner , der ihr einmal angehangen hat , « sagte er mit gebrochener Stimme . Ein elegisches kleines Zwischenspiel inmitten so vieler Schreckensbilder ! Dorothee hatte ihre Reisekleider angelegt , und ich hielt ihre Hand zum letzten Lebewohl . Es war für uns beide ein Tag des Schweigens gewesen ; jetzt bedrückte etwas ihr Herz , für das sie sichtlich um den Ausdruck kämpfte . » Darf ich reden ? « fragte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen , und als ich die Frage herzlich bejahte , sagte sie hastig : » Sie werden eines Tages reich sein , sehr reich , Fräulein Hardine - bald vielleicht . - Aber für den Augenblick - bei der Verwirrung im Lande - wenn Sie vielleicht - vielleicht - - « Ich schüttelte ablehnend den Kopf . » Sie sollen das Darlehn nicht von mir annehmen , Fräulein Hardine , Sie würden es nicht , ich weiß es . Aber - von ihm . Er erwirbt so viel und achtet es so wenig . Er braucht so wenig . Sie würden ihn glücklich machen , Fräulein Hardine . « » Nein , Dorothee , « - rief ich übereilt - » nein . Von dir dürfte ich ein Darlehn annehmen , eine Unterstützung , wenn ich ihrer bedürfte . Von ihm - nimmermehr ! « - Ich sah sie erbleichen und bereute die böse Mahnung , die mir unwillkürlich entschlüpft war . Ich zog sie an mein Herz , küßte sie zum ersten Mal im Leben , und wir trennten uns ohne weiteres Wort . Wenige Minuten später hörte ich den Postwagen vorüberrollen . Bei der allgemeinen Verwirrung hatte niemand in der verhüllten , schweigsamen Reisenden die vielbeneidete einstige Mitbürgerin erkannt . Ihr flüchtiger Heimatsbesuch ist ein Geheimnis geblieben . Auch der Propst konnte in dieser drangvollen Zeit seine Anstalt nicht länger ohne Obhut lassen . Nach den zwei unruhvollsten Tagen meines Lebens saß ich um Mitternacht wieder allein in dem totenstillen Krankenzimmer . Wie nun in der nächsten Zeit das allgemeine Unheil , weit über alles Vorahnen hinaus , zutage trat ; wie die überstolzen Sieger von der Stadt Besitz nahmen , die Landestruppen halb und halb als französische Verbündete zurückkehrten ; wie die gefangenen Preußen , verhöhnt , des Notdürftigsten bar , in Kirchen und Schuppen gepfercht lagen , das stattliche Schloß , in ein verpestendes Lazarett verwandelt , von Freunden und Feinden ausgeplündert ward ; wie aller Mut , alle Kraft , aller gute Wille daniederlag ; wie alles staunend , geblendet , verwundert sich um den unüberwindlichen Kaiser drängte , als er an dem sieben Jahre später für ihn so verhängnisvollen 18. Oktober durch unser Städtchen gen Leipzig jagte ; wie ein jeder nur noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete - von diesen Eindrücken des Grauens und Ekels laßt mich schweigen . Sie haben die Erinnerung durchwühlt , jahrelang nachdem das persönliche Herzeleid sich in Frieden gelöst hatte . Zur Stunde freilich dämpften die persönlichen Nöte den Anteil an dem allgemeinen Geschick . Jenes feindliche Gefolge , das so häufig einem großen Schmerze nachhinkt und nach kleiner Tyrannen Art sich so hämisch an dem verachtenden Stolze rächt : die Sorge um das gemeine Dasein , die Unruhe um das tägliche Brot ,