nicht immer mehr und lieber damit beschäftigt hätte . Auch die Freundlichkeit der alten Stigerin , die man fast eine mütterliche nennen konnte , begann sie für einen Beweis zu halten , daß die gute Frau sich mit dem Gedanken , sie einmal als Stighofbäuerin zu sehen , schon ein wenig vertraut gemacht habe . Dorothee hatte wirklich nicht ganz unrecht . Wenn die Stigerin das Mädchen weit weniger gern gehabt hätte , als das wirklich der Fall war , so hätte Hansens Rede doch genügt , sie an ihre Pflicht als Erzieherin zu erinnern und das Glück des Kindes ihr zu einer Gewissenssache zu machen . Freilich wär ' ihr jetzt jedes erlaubte rechtliche Mittel , Dorotheen aus dem Hause und mithin Hansen aus dem Gerede zu bringen , fast um keinen Preis zu teuer gewesen . Aber in Unehren sollte sie nicht aus dem Hause , da sie doch entweder unschuldig an allem war , was man sagte , oder gewiß auch Hansen sein Teil an allem zufiel . Nein , unglücklich werden für immer nur eines Geredes wegen durfte die nicht , welcher Mutter zu sein die Stigerin einmal gelobt hatte . Lieber wollte sie Hansen mit dem Mädchen , das an und für sich gewiß so gut als eine zu ihm gepaßt hätte , vor den Altar treten sehen , wie sehr das auch immer gegen ihre Rechnungen sein mochte . Glücklich mußte Dorothee werden , nur , wenn ' s menschenmöglich war , nicht gerade um den allerhöchsten Preis ; denn näher noch als das angenommene lag ihr doch noch immer das eigene Kind am Herzen , ihr einziger Sohn , den sie fast zu enterben glaubte , wenn sie keinen anderen Ausweg als eine Verehelichung der beiden zu finden imstande war . Aber noch weniger als bei der Mutter tat die Predigt und taten die durch selbe gutgeheißenen Verleumdungen bei Hansen die Wirkung , die der Krämer ganz bestimmt erwartet hatte . Erst nachdem es Hansen von allen Seiten vorgehalten wurde , daß nur er und die Magd gemeint , sogar zum Greifen deutlich gezeichnet worden seien , ward er recht fest und sagte mit Stolz , daß er dem Übel leicht abhelfen könne , wenn Dorothee gar so gern Stigbäuerin werden möchte . Ja , nun trotzte Hans aller Welt , daheim aber , wo er die so unschuldig Verfolgte so sicher und doch auch so demütig ihre Wege gehen und die vielen Arbeiten verrichten sah , konnte er zuweilen recht weich werden . Nein , die sollte man ihm nicht mehr nehmen ! Diese Freude sollte dem Neid und dem Eigennutz nicht werden ! Eine Angelika fand er doch nicht wieder , und da gab es nichts Besseres , als dieses edle Wesen so hoch und frei zu stellen , als er ' s konnte und als sie an innerem Wert über den meisten stand . Nach der Kirchweih war Hans dem Mädchen gegenüber gewesen wie ein Bürschlein , welches das der Mutter geholte Öl verschüttete . Wie dieses eine halbe Stunde zu spät mit den sorgfältig zusammengelesenen Scherben des Kruges , kam er mit seinen Klagen gegen den Knecht heim . Dorothee war seine Richterin , und erst die Versöhnung mit ihr gab ihm auch den Frieden mit sich selbst wieder . Schon stand jetzt das Mädchen so hoch , daß er eifersüchtig werden konnte , und als er sie nun gar seinetwegen verleumdet sah , stand sein Entschluß , sie zu heiraten , damit die Plagerei doch einmal ein Ende habe , so fest , daß sich alle darüber wunderten , die ihn einmal seine Abneigung gegen den Ehestand aussprechen hörten . Dorotheen war jetzt wunderbar zumute . Es kam alles so unerwartet , daß sie weder recht daran glauben noch sich darüber freuen konnte . Es war freilich ein großes Glück für sie und die armen Ihrigen . Aber es war ihr , wie es einem sein müßte , der auf einen Berg getragen würde . Ließe man ihn droben auf der furchtbaren Höhe , rings von Abgründen umgähnt , plötzlich allein , so käm ' er gewiß nicht dazu , sich an der herrlichen Aussicht zu erfreuen . Ach , auch sie sah rings um sich neidische Aufpasser , geldstolze Basen und Unheilstifter aller Art. Sie war eben nicht durch sich selbst auf diese Höhe gekommen , sondern nur durch ein Zusammenwirken von Umständen , die ihr jeden Augenblick wieder untreu werden konnten . Auch andere dienten so treu wie sie , ohne solchen Lohn zu erhalten . Jos tat dem Hofe so viel , und nun lag er daheim . Wohl sagte sie sich , daß ja Hans neben ihr stehen würde auf der stolzen Höhe ; aber wie lieb und recht ihr auch der Bursche war , so konnte sie doch kein solches Vertrauen zu ihm gewinnen , daß sie ganz ruhig wurde . Besonders quälte es sie , wenn sie aus seinen Reden etwas wie Trotz gegen den Kaplan und gegen alle , die fürs ganze Dorf Wetter machen wollten , herausklingen hörte . Jene Predigt machte ihr noch viel Kopfweh , und immer häufiger fragte sie sich , ob sie denn auch wirklich von jenen herben Vorwürfen so frei sei , als sie anfangs glaubte . Sie fand freilich nichts , und doch wollte ihr Gewissen nie ruhig werden . Ach , wie gern hätte sie bei jemandem um Rat fragen und einmal alles in ein vertrautes Herz ausschütten mögen ! Aber an wen sollte sie sich wenden ? Sie dachte zuerst an Jos , aber nur um heftig den Kopf zu schütteln , ohne daß sie sich noch sagte , warum das nicht gehen werde . Den Rat des Vaters aber und all der Ihrigen konnte sie sich denken . Diese Leute hatten nie ein Verständnis für ihre Gedanken und Gefühle . Die Not hatte sie hart und geldgierig gemacht . Ja , die Not ! Aber nun konnte sie ja helfen und mußte dabei nicht einmal ein Opfer bringen ! Ja , Hans hatte sie recht gern , und die Stigerin tat auch , als ob sich wenigstens von der Sache reden lasse , ja vermied leise Andeutungen bei weitem nicht so ängstlich als sie selbst . » Es darf gehen und kann gehen « , sagte sie sich in der folgenden Woche wohl hundertmal , aber immer war sie mit ihren Gedanken , mit ihrer unerklärlichen Angst am alten Fleck . Es ging eben nicht . Irgendwo mußte ein Querholz in die Speichen hereinragen , und sie bemühte sich vergebens und sann Tag und Nacht , um die Stelle zu finden . Es war ihr peinlich , immer nur noch an das zu denken , und dennoch suchte sie in freien Stunden gerne die Einsamkeit auf , um sich ungestört ihren Gedanken überlassen zu können . So schritt sie am folgenden Samstag abends dem kleinen Weidenwäldchen zu , welches sich unter Argenau südöstlich an der Ach hinaufzieht und den von ihr in früheren Jahren angerichteten Schaden so gut als möglich verdecken zu wollen scheint . Eine Bregenzerwälderin auf einem Spaziergang - das ist etwas Seltenes ! Ihr , der es doch bei Tag und Nacht , im Sommer und Winter an nichts weniger als an Bewegung fehlt , muß gewiß etwas viel zu eng , zu schwer geworden sein , wenn sie auch noch in den so seltenen Stunden der Ruhe und der Erholung die geselligen Kreise flieht und einen Gang macht , um die Einsamkeit aufzusuchen . Man kennt sie alle , die am Feierabend noch herumgehen wie der Schatten an der Wand und dabei tun , als ob sie an ihrem Kopf voll Gedanken recht grausam schwer zu tragen hätten . Wenn man ein Mädchen so auf einmal die schönsten Spaziergänge oder am Ende gar die allergreulichsten Schluchten und Tobel aufsuchen sieht , dann achtet man sorgfältig auf alles , was sie redet und tut , ob etwa nichts beweise , daß sie sich beinahe hintersinnt habe . Findet man aber noch alles in Ordnung , so sieht man ihr mitleidig nach und denkt an ein herbes , tiefes , kaum noch erträgliches Weh , an selbstverschuldetes Herzeleid , eine Liebe ohne Hoffnung oder an eine recht unglückliche Ehe . Auch die Angelika trug immer häufiger ihr Hauskreuz feuchten Auges in das Wäldchen neben der Ach hinab . Wenn ihr Kind beim Spielen oder unter dem Abendgebete einschlief und auch in Haus und Stall alles versorgt war , dann trieb es die Unglückliche , die doch noch nicht schlafen konnte , gar bald aus dem Hause . Es war ihr noch immer fast unmöglich , den Andreas in betrunkenem Zustande heimkommen zu sehen ; ja aufpasserische Leute wollten bemerkt haben , daß sie nicht selten erst nach ihm ins Haus gehe , vermutlich , weil das das einzige Mittel war , einen Wortwechsel mit ihm zu vermeiden . Freilich mochte der Mann sich auch hierüber ärgern , aber Angelika konnte ungemein eigensinnig sein , wo sie die Schuld ganz nur dem Gatten zuschreiben zu dürfen meinte . Auch heute traf Dorothee das unglückliche Weib . Sie saß hart neben der Ach auf einem moosbedeckten Steine und warf die ihr vom warmen Herbstwinde zugetragenen welken Blätter scheinbar gedankenlos in den rasch vorüberstürzenden Fluß . Ihren Kopf bedeckte statt der schweren Pelzkappe nur ein weißes Tuch , und Dorotheen kam es gerade vor , als ob sie eine Leidtragende mit dem bei Begräbnissen üblichen weißen Trauerschleier , dem sogenannten Sturz , erblicke . Da sie sich schon bemerkt sah , wagte sie nicht mehr zurückzutreten , wie bang ihr auch wurde neben Hansens ehemaliger Geliebten , die ihr in dem Halbdunkel des Waldes fast wie ein höheres Wesen erschien . Lang suchte sie vergebens nach einem Worte , die unglückliche Ernstblickende anzureden , und erbebte leise , wie vom Frost geschüttelt , als diese , sie immer schärfer ins Auge fassend , endlich fragte : » Hat auch dich die böse Welt schon da herausgetrieben ? Kannst auch du ihr nur noch dienen und deine Kräfte opfern , aber dich nicht mehr mit ihr freuen , ruhen und genießen ? « Dorothee sann verlegen nach , wie und warum sie denn eigentlich da herausgekommen sei , oder vielmehr sie sann , was sich denn eigentlich darüber Vernünftiges sagen ließe . Sie wollte sich nur ein wenig erspazieren , um - weil es daheim nichts mehr zu tun gab und - weil man ja keinen Tag sicher war , ob nicht der Winter dem freien Herumgehen in Feld und Wald ein Ende machen und alles ins Haus einsperren werde für lange Zeit . Sie floh eigentlich niemand und hatte auch keine Freude , sich mit der Welt unzufrieden zu zeigen . Sie war herzlich erschrocken , als Angelikas Rede sie daran erinnerte , daß ihr müßiges Herumtappen eine solche Auslegung zulassen würde . » Warum « , fragte sie endlich , » sollte denn eins nicht einmal , bevor es schneit , noch gern einmal in einer freien Stunde , wo nichts Gutes und nichts Wichtiges versäumt wird , einen Gang durch das schöne , ruhige Wäldchen machen , auch wenn man mit Gott und der Welt zufrieden und in der besten Stimmung ist ? « Noch selten hatte Dorothee solche lange Frage in einem Atemzuge getan . Sie mußte eben eine zustimmende Antwort haben , um dann so bald als möglich wegzukommen . » Nun , meinetwegen wohl « , sagte Angelika trocken . » Es hat jeder Mensch Liebhabereien , aber gewöhnlich streift sich das bald ab , wie die Blätter der Alpenrose , wenn sie vom Stamm wegkommt . Ist auch gar nicht schad ' um die Rose , wie hübsch sie sein mag . Sie ist nicht zum Verbrennen und taugt nichts ins Futter . Ich glaub ' , es gibt viele , die es dem lieben Gott verargen , daß er ganze Strecken Boden mit diesen Rosen angegärtnert hat . Schau ' mich nur nicht gar so groß an , wir redeten zuerst von Liebhabereien , dann von den Rosen . Ist ' s nicht eins ? Hier hat man Gärten , aber die brauchen sie nur für Rüben und Kraut . Das ist nützlich . Denk ' einmal an einen Menschen , der alles so genug hat , daß er gar nicht mehr auf den Nutzen sehen muß ! Gute Nacht , Ordnung und Fleiß und Friede und Tugend ! Und wer da nicht gleich mit Schlaf wohl sagt , der kann da heraus und Blätter in den Bach werfen und ihnen nachsehen , bis ihm die Augen übergehen . Ja , Mädchen , du bist meine Leidensgenossin , meine Schwester , drum hab ' ich dir auch soviel zu sagen . Wir beide haben keine Eigenen mehr , die uns verstehen , drum gehören wir uns . So ganz allein ist das Leben doch gar zu langweilig . « » Du hast ja dein Kind « , bemerkte Dorothee beinahe streng . » Seine Zukunft macht mir schwere Sorgen . « » Und Arbeit « , fuhr das Mädchen fort , » gibt ' s auf so einem Hof alle Hände voll . « » Dazu vergeht einem aber die Lust gar bald , wenn andere zum Fenster hinauswerfen , was man mit Mühe zum Schlüsselloch hereingebracht hat . « » Mir « , sagte das Mädchen , » ist auch die Arbeit eine Liebhaberei . Wieviel hab ' ich schon verschwitzen können ! Hat man den Kopf ganz frei für jeden Gedanken , der kommen will , dann kann man über keinen Weg , oft nicht einmal in die Kirche , ohne daß einem etwas aufstößt und viel ärger ist , als wenn ' s bei der Arbeit schief geht . Ich weiß gewiß , daß auch du bei der Arbeit am glücklichsten bist und dir auch bald nicht mehr so einsam vorkommst . « » Hast du es auch verarbeiten können , daß sie deinen Bruder verkauften ? « » Das tat mir da noch nicht so weh . Ich selbst hätte für Hansen durch ein Feuer mögen , drum fand ich ' s in Ordnung , daß der Bruder ging für den guten Hans . « » Ja , das glaub ' ich , denn auch ich hätte viel für ihn tun können . Wir haben uns früher auch oft und gern getroffen . Viel- und vielmal sind wir da heraus , haben dem Wirbeln und Wallen der Ach zugesehen , haben Blätter hineingeworfen und uns dann über ihren Gang verwundert . Die von mir wurden rasch erfaßt , aber nach allen Seiten hinaus und dann wieder in die ärgsten Strudel hineingetrieben , bis sie mit Hansens großen Ahornblättern endlich wieder zusammengekommen sind . Ich hab ' an diesem kleinen Wunder oft meine Freude gehabt und denk ' noch jetzt daran , wenn ich ein Blatt im Flusse schwimmen sehe . Auch der Jos ist vielmal dabei gewesen . Schon da hat er Hansen vielfach dienen müssen , wie später auch noch , und jetzt sitzt er vergessen daheim . « Dorothee fuhr erschrocken zusammen . Dann aber sagte sie um so leidenschaftlicher , weil ihre Worte hauptsächlich an sich selbst gerichtet waren : » Vergessen ist er nicht , und wir alle auf dem Stighof haben schon viel für ihn getan . « » Dein Bruder wird sogar die Arbeit auf dem Hofe für ihn tun , da er doch ausgebraucht ist . « » Das ist nicht wahr « , sagte Dorothee traurig . » Nicht ? « fragte Angelika , die ihre bittere Rede sogleich bereut hatte . » Er bleibt also - ach Gott , sein jetziges Handwerk ist recht gefährlich . « Das endlich war Dorotheens Herzen ein verwandter Ton . Jetzt trat sie näher zu dem wunderlichen Weibe , welches sie bald zu bemitleiden , bald zu hassen schien . Der letzte Ausruf gewann ihr Herz um so mehr , weil sie im Augenblicke nicht daran dachte , wie sehr Angelika dem eine glückliche Zukunft wünschen müsse , der durch ihren Vater einst aus seiner eingeschlagenen Bahn geworfen war . » Er hätt ' etwas werden können und wär ' bei uns nicht zu bedauern gewesen « , klagte das Mädchen . » Ja , gewiß , dehn Hans hat viel gutzumachen . Just so viel als mein Vater . Wenn er auch kein so geübter Knecht gewesen wär ' , man hätte sich leiden müssen und denken , in der Zeit , wo er dem Kaiser dienen mußte , hätten auch andere manches vergessen können . Oder sonst , wenn man daran sich nicht mehr erinnerte , wär ' er doch der Schwager . Ja , der sollte doch kein Schleichhändler sein , damit auch die Alte mit der Verwandtschaft ein bißchen zufrieden wär ' . Die sieht auf so etwas , und den Hans hat sie am kleinen Finger . « » Gute Nacht « , sagte Dorothee unmutig . » Wir wollen aber doch erst auch reden . « » Reden , einem deutsch Gutes und Böses sagen möcht ' ich schon auch , aber da weiß man nie , ob es gehauen oder gestochen gilt . « » Ich hab ' dir weh getan , gutes Kind , aber mir selbst noch viel weher « , sagte das schöne Weib in ganz verändertem Tone . » Gewiß , ich gönne dir sein Vermögen so gut als einer . An ihn denken darf ich auch noch , nicht wahr ? Auch du denkst vielleicht später an einen anderen . « Dorothee hatte die letzten Worte nicht mehr gehört . Schon ragte eine Wand von Buschwerk empor zwischen Angelika und dem offenen Platze , wo Dorothee aufatmend zum tiefblauen Himmel emporblickte . Die Sonne war bereits hinter der Kanisfluh verschwunden . Nur einzelne geflügelte Wölklein trugen ihre letzten Grüße über die Talenge herauf . Im Dorfe hörte man das Schellengeläute der zum Brunnen getriebenen Kühe , und die Ziegen eilten von den Bergen ihren Ställen zu . Aus den nahen Scheuern duftete das Heu wie reifes Obst , alles war in schönstem Frieden und schien sich gesättigt zur Ruhe begeben zu wollen . Dorothee kam nur langsam vorwärts , wie schnell sie sich anfangs heimmachen wollte . Waren ihr auch Angelikas Reden größtenteils unverständlich geblieben , so hatten sie ihr Herz doch mit einer ganzen Reihe quälender Gedanken belastet . Hansens Mutter und der stolzen Verwandtschaft war nicht einmal Angelika gut genug gewesen , und nun sollte sie , die Magd , an den Platz , während der treue Knecht daheim lag ! Einem von ihnen beiden geschah nicht recht , oder es mußte aus den jetzigen Verhältnissen noch ganz anderes erwachsen , als man augenblicklich vermuten konnte . Auch der Vorwurf wegen dem Bruder gab dem Mädchen zu sinnen . Es hätte doch schon damals etwas tun können bei Hansen , wenn es jetzt soviel bei ihm galt . Ums bare Geld hätte er auch einen anderen Stellvertreter für sich bekommen . Durfte sie den Hansjörg opfern für die allerdings zahllosen Wohltaten , die nur sie erhielt ? Während sie stand und sann , trugen zwei Mütterchen die mit dürrem Buchenlaub gefüllten Bettsäcke nicht weit von ihr vorüber . » Mein Ältester « , sagte die eine Laubsackträgerin , ohne die unfreiwillige Lauscherin zu bemerken , » hielt sich auch mit aller Kraft an einem Dornstrauch fest , als vor einem Jahr droben am Üntscherspitz das Bergheu unter seinen Füßen wegzurutschen begann . « » Das wohl « , entgegnete die andere , » aber Dorothee hält sich im Fallen an anderen Menschen fest und reißt sie mit in den Abgrund der Schande . Hans ist mit ihr ins Gerede gekommen . Nun hält er sie für die Unglückliche , und da will der gute Bursche sie beide durch eine Verbindung retten . Bei ihm ist ' s nur Mitleid und Trotz gegen die Leute , und aus Dummheit und Eigensinn ist noch nie viel Gutes entstanden . « Gefühlvolle Menschen , deren Einbildung sich beständig in einem engen Kreise bewegt , pflegen noch mehr als andere jedem Gegenstand , jedem Erlebnisse die Farbe ihrer augenblicklichen Stimmung zu leihen . Alles lebt , liebt , jubelt und weint mit ihnen , und der unbedeutendste Vorgang wird auf diese oder jene Art in Zusammenhang mit ihrem Leben gebracht . Es geschah , um sie zu mahnen , aufzumuntern oder das Künftige anzudeuten . Hätte Dorothee die beiden Mütterlein zu anderer Zeit so reden gehört , so wäre sie dadurch allenfalls an andere närrische Schwätzereien derselben erinnert worden ; jetzt aber waren es nicht etwa kurzweg die und die , sondern ein höheres Wesen hatte jene wenigen und doch so inhaltsschweren Worte durch sie gesprochen . Wie hätte sich alles so gut treffen , sie gerade diese Worte hören müssen , wenn daraus nichts Wichtiges werden sollte ? War wirklich sein Entschluß nur aus Trotz entstanden , oder hatte er sie wahrhaft gern ? Das erste konnte sie nicht glauben , und wenn sie das zweite annahm - sie suchte und fand dafür Gründe - , so hätte sie lange schon gehen sollen . Dann hatte der Kaplan recht . Feierliches Glockenläuten erklang im Tale . Die Berge gaben mit den den Feierabend verkündenden Klängen die frohen Lieder der Arbeiter wieder , die nun aus Feld und Wald zu den Ihren zurückkehrten . Ein leises Lüftchen schüttelte die mächtigen Buchen , und mit dem letzten Laub rieselten tausend Keime auf den nur noch mit Zeitlosen bedeckten Grund . Herbst und Samstag - ! Man steht gern einmal still , um eine gewisse Strecke des Lebensweges von solchen Höhen aus zu übersehen . Viele gingen jetzt zur Beichte und ließen sich helfen bei ihrer Rechnung . Ach , auch sie hätte sich in diesem Augenblicke zum Pfarrer gewünscht ! Warum fiel es ihr denn nicht schon längst ein , wohin sie sich wenden müsse in ihrer Ratlosigkeit ? » Wenn ihr « , hatte der edle Greis in der Schule gesagt , » keinen Freund auf der Welt mehr habt und niemand , der euch hinaushilft aus Nebel und Nacht , oh , so glaubt nicht , daß ihr das allein könnt , glaubt euch nicht zuviel , sondern nehmt teil an den Schätzen der Gnade , der Erfahrung und des Trostes , die die Kirche durch den Beichtvater anbietet ; wendet euch an ihn , der nicht wegen den Gesunden auf guter Weide , sondern gerade wegen den Kranken und Verirrten jeden Sonnabend und an jedem Heiligen Tag im Beichtstuhl sitzt , um zu helfen , zu trösten und zu erlösen ! « Ganz deutlich wußte das Mädchen noch jedes Wort , so daß es die ganze Rede wie gelesen hersagen konnte . Und dabei wurde sein Gesicht immer heiterer . Ja , es wollte beichten , alles sagen , wie es war , und dann den Zuspruch erwarten . Eine Gewissenssache war ' s jedenfalls , und die wichtigste , die es noch gehabt hatte . Der Priester an Gottes Statt sollte nun sprechen und seinem Herzen Ruhe gebieten . Achtzehntes Kapitel Eine Beichte ohne Reue Dorothee kam in der heitersten Stimmung auf den Stighof , wo man bereits mit Ungeduld die Köchin erwartete . Gewöhnlich war es ihr noch unlieber als den anderen , wenn ihretwegen etwas nicht in gewohnter Ordnung vorwärts ging . Heute aber ging ihr die etwas unfreundliche Frage der alten Stigerin , wo denn um Gottes willen sie so lang und so Wichtiges zu tun habe , daß das ganze Haus auf sie warten müsse , weit weniger nahe als die Freundlichkeit , mit der man den neuen Knecht begrüßte , einen kräftigen Burschen , der bald nach ihr mit Sack und Pack auf dem Stighof ankam . Diese Leute hatten den armen Jos schon ganz vergessen , seit ein anderer ihn zu ersetzen versprach ! Auch an ihren Bruder dachte kein Mensch mehr . Wenn nur das Rad vorwärts ging , um den Treiber kümmerte man sich nicht viel . Mit keinem Worte wurde des bisherigen Knechtes gedacht ; das tat dem Mädchen so weh , daß es , obwohl für die spät gekommene Köchin sicher nicht die rechte Zeit zum Reden war , in immer offeneren Andeutungen an das frohe Zusammenleben mit Jos und an seine Verdienste um den Hof erinnern mußte . Hans sah sie dabei recht unfreundlich an , die Stigerin aber schnitt bald mit der trockenen Bemerkung : » Andere Leute sind auch wieder Leute « , jede weitere Erörterung ab . Ja , was gab es auch Wichtigeres , als daß das Nachtessen im rechten Augenblick auf dem Tische stand und gedüngt und gemäht wurde , wenn der Mond im rechten Himmelszeichen stand ! Das Mädchen ward recht böse auf die alte , harte Frau , während es Hansen , der nichts anderes daheim lernen konnte als selbstsüchtige Rücksichtslosigkeit , nach Kräften zu entschuldigen suchte . Aber auch das wollte ihr nicht recht gelingen . Denn so ein böses Gesicht hatte der Jos doch nie verdient , und ihr sollte es denn doch hoffentlich auch nicht gelten . Freilich war der Hans aus Liebe zur Bequemlichkeit gut und böse , wie es die Umstände gerade mit sich brachten ; aber wenn ihre Erinnerung auch an sein Gewissen geklopft haben sollte , so durfte er sie nicht mit einer neuen Ungerechtigkeit abweisen . Noch in ihrem Schlafkämmerlein machte die Sache ihr Kopfarbeit . Wenn sie allenfalls , was ihr immer wahrscheinlicher wurde , nach der morgigen Beichte diesen Dienst verlassen mußte , so konnte ja die Stigerin wenigstens Hansen damit schnell trösten , daß doch andere Leute denn auch wieder Leute seien . Sie malte sich ' s schon lebhaft aus , wie es dann sein werde , und fand fast einen Trost darin , daß es ihr dann gehe wie dem guten Jos , ja daß sie , der die Verleumdung schon überall den Boden unterwühlt , noch tiefer als er falle , aber doch keinen Menschen mitreiße . Keinen ? Nicht den Vater , der den hübschen Jahreslohn , den sie gewiß nur hier erhielt , so grausam nötig brauchte , seit er selber kaum noch etwas verdienen konnte ? » Nein « , rief sie laut , » er soll nicht mit mir fallen ! Lieber will ich mich an den Dornstrauch der Arbeit festhalten , wie blutig mir die Hände dabei auch werden mögen . Wenn einmal solche Bedenken mich hielten , dann wär ' ich wahrhaft nicht besser , als der Kaplan gesagt hat . Erst will ich den Frieden mit mir selbst . Den gibt es morgen auf die oder jene Art , und dann - oh , dann bin ich wieder zu allem fähig und stark ! « Und nun konnte sie sich niederlegen und ruhig schlafen , wie sie seit Wochen nicht mehr geschlafen hatte . Kein beunruhigender Traum quälte sie mit den Gedanken und Fragen , welche sie in der letzten Zeit bei Tag und Nacht beschäftigen und ihr keine frohe Stunde mehr lassen wollten . Ihr hohes Bett mit dem zum Platzen vollen Laubsack stand hart neben dem Fenster , welches sie offen gelassen hatte , um eher von den Klängen der Avemariaglocke geweckt zu werden . Aber sie erwachte noch vorher , und das galt ihr für ein gutes Zeichen . Vielleicht hatte sie der Schutzengel so ungewöhnlich früh geweckt . Hurtig stand sie auf und hätte sich kaum schneller ankleiden können , wenn ' s gleich an eine Feuersbrunst gegangen wäre . Nur die letzte Arbeit , das Ordnen der großen blonden Zöpfe , nahm ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch , und immer noch war sie nicht zufrieden mit sich selbst , obwohl sie vor keinem Spiegel stand , aus dem sie einen Grund zu weiteren Anstrengungen hätte ersehen können . Jetzt erst fragte sie sich , was sie denn eigentlich nun zu beichten habe . Sie wollte losgesprochen werden von der inneren Unruhe , die sie quälte . Es mußte klar werden , ob ihr Gewissen oder Launenhaftigkeit sie vor einer Verbindung mit dem reichen Burschen immer noch zurückschrecken lasse . Ja , sie wollte eben gar nicht beichten , nur um Rat fragen beim Beichtvater . Und doch sollte sie sich auch anklagen , sollte losgesprochen werden . Ihr Gewissen ward von etwas recht furchtbar schmerzlich gedrückt , aber sie konnte diesem Etwas keinen Namen geben , wußte weder , woher es kam , noch , warum es da war , sondern nur , daß es etwas recht Sündhaftes sein müsse , weil sie noch nie ein innerer Vorwurf so gequält hatte . Sollte sie vielleicht sagen , daß sie sich über Hansen zuweilen noch recht ärgern könne ? Richtig war das , obwohl sie ihn für einen herzguten Kerl hielt , den man gern haben müsse , wenn man ihn recht kenne . Ja , Hans war ihr trotz allem nicht recht - vermutlich , weil sie ihn eben ganz nach ihrem Kopfe haben wollte . Da steckte es ! Das Gute an ihm war seine Güte gegen sie und die Ihrigen . Es fehlte nur noch , daß er sich nicht ganz von ihr beherrschen ließ ! Der Kaplan hatte daher ganz recht in seiner Predigt . Die Sache steckte schon viel tiefer , als sie bisher selber glaubte . Schon meinte sie , klar zu sehen , und nun gleich sollte alles das wieder heraus , wieviel anderes dabei auch mitgerissen werden möchte . Sie war mit den Zöpfen fertig und spitzte schon den kleinen Mund , um das Licht auszublasen , als der Glockenschlag der alten Schwarzwälderuhr sie erschreckte . Wie war das möglich ? Das Mädchen war über sich selbst erstaunt und hielt die Hand gegen die Wärme des Lichts , um sich zu überzeugen