sie sich in die des Papas . Leonhard Hagebucher befand sich mit dem Herrn Kornelius van der Mook auf dem Wege zur Katzenmühle . Zu den Müttern ! Es war in der Seele beider Männer etwas von jenem Grauen Fausts , als er zu jenen andern Müttern , den geheimnisvollen Schlüssel in der Hand tragend , niederstieg . Der Tag war dunkel und stürmisch , und das war gut ; denn weder Leonhard noch Viktor Fehleysen hätten mit der holdseligsten Witterung etwas anzufangen gewußt . Sie fuhren desselben Weges , auf welchem Viktor einst mit der Frau Klaudine vor dem Schicksal des väterlichen Hauses floh . Erst die Post mit ihrem wüsten , zähneklappernden Getümmel , dann die Landstraße durch Wald und Feld und Verregnete , schmutzige Dörfer ! ... Knielahme Gäule , verdrossene Kutscher , mürrische Schlagbaumwächter , die den niederträchtigsten Weg teuer bezahlt haben wollten ! Wald und Feld - bergauf , bergab ; welch ein Tag und welch ein Pfad , um zu dem schönen Wunder in der Einsamkeit , um zu der Frau Klaudine zu gelangen ! Der Tierhändler lag entweder stumm in der Ecke des Wagens , oder er machte seiner Erregung durch wilde , unartikulierte Ausrufe Luft und erzählte dazwischen in abgebrochenster Weise seinem Reisebegleiter von dem , was ihm am gestrigen Abend als das Unbedeutende , Gleichgültige erschienen war , nämlich von seinem Leben , seinen Fahrten und Abenteuern nach der Flucht aus der Zivilisation . Aber auch Hagebucher hatte ihm bis ins kleinste Rede zu stehen , nicht etwa über seinen Aufenthalt in Abu Telfan , sondern über seine Rückkehr in die Heimat , über seine Ankunft und sein Leben in Nippenburg , Bumsdorf und der Umgegend . Auf das allergenaueste verlangte Viktor jetzt zu wissen , wann und wie der Afrikaner zuerst den Namen seiner Mutter vernommen und wie er ihre Bekanntschaft gemacht habe , und gern berichtete Leonhard , wie es von ihm verlangt wurde . Er suchte den reuig-zornigen Sohn , den wilden Schwächling zu beruhigen und ihn in jeder Weise besser auf dieses seltsam-traurige Wiedersehen vorzubereiten ; aber der Herr van der Mook war ein zu ausgelernter Selbstpeiniger , um sich so schnell zu geben . Als der Wagen sich seinem Ziele näherte , sank er jedoch vollständig in sich zusammen , und nie hatte die Madam Kulla Gulla ihren Gefangenen so weich und gebrochen unter ihren Händen gespürt , als jetzt Leonhard den Tierhändler in den seinigen fühlte . Es war ein furchtbarer Passionsweg für den Sohn der Frau Klaudine , und er tat Buße nach seiner Art auf jeglicher Station desselben . Sie erreichten die Stelle , an welcher Viktor die Mutter in jenem Schneesturm verließ , um die Hülfe des Vetters Wassertreter und seiner Myrmidonen anzurufen . Sie ließen auch heute halten und stiegen aus dem Wagen , welchen sie jetzt zurücksendeten . Fieberschauernd stand der Herr van der Mook auf der Landstraße und hielt den Arm seines Begleiters oder vielmehr Führers wie ein Kind die Schürze der Mutter . Zerrissenes Gewölk hing in den Wipfeln der Bäume , schwere , dunkle Massen des Regennebels wälzten sich langsam an den Berglehnen hin , es träufelte aus den Zweigen , und es war still und öde ringsumher . Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichten die beiden Wanderer den schon geschilderten Eingang in das kleine Seitental , in welchem die Katzenmühle lag . In dem Walde selbst herrschte bereits halbe Dämmerung - Bist du bereit ? Nicht Schlösser sind , nicht Riegel wegzuschieben ! Sie standen vor der Mühle , standen und starrten , und ihre Herzen schlugen wie in keiner Gefahr ihres abenteuerlichen , gefahrenreichen Lebens . Ach , wie sehr gehörte das frischeste Grün des Jahres dazu , um eine solche Stelle dem Auge und der Phantasie lieblich zu machen ! Heute war der Zauber gebrochen und der Schleier von den Dingen gefallen , das Märchen war zu Ende , und die Wirklichkeit drängte sich nackt und nüchtern vor und schrie laut zu dem Herzen und dem Verstande . Der Felsen drohte kahl und kalt über dem zerfallenden Dache der Hütte ; die Katzenmühle war nichts anderes als eine gespenstische , verwahrloste Ruine , und der dünne Rauch ihres Schornsteins stieg gleich der leisen Klage eines Bettlers zum Himmel empor . Wo waren die blinkenden , spielenden Tropfen , die mit heimlichem Klang so süß die Stunden maßen und so viel von einer seligen erfüllungsreichen Zukunft zu erzählen wußten ? Ein trüber Strom schmutzigen Wassers ergoß sich über das schwarze , zerbrochene Rad , versumpfte den Weg und verwandelte das Gehölz auf eine weite Strecke in einen häßlichen Morast . Auch das war wie Spott und Hohn . » Jetzt habt ihr unser wahres , echtes Gesicht ! « rief alles in der Runde . » Waret ihr solche Narren , zu glauben , wir seien anders als ihr , so lachen wir eurer und freuen uns eurer Narrheit : wir sind ebenso falsch und so häßlich als ihr und tragen unsere Feiergewänder und unsere feinen Mienen wie ihr . Fort mit euch , zurück ! Ihr eitlen , selbstsüchtigen Gefühlskrämer , was wir auch sein mögen , wir sind gute Wächter und wollen euer Eindringen in unsern Bezirk nicht leiden . « Einen tiefen Schauder hatte Leonhard zu überwinden , als er über diesen hastigen , sprudelnden Bach , der jetzt seinen Weg kreuzte , sprang . Der Herr van der Mook warf den Hut zu Boden und zerbiß die Lippen , daß sie bluteten , während Hagebucher an die Tür der Mühle pochte ; er drückte sich unwillkürlich gegen den Stamm der Eiche , neben welcher er stand , und murmelte unzusammenhängende Worte der schrecklichsten Selbstanklage , und dann lachte er , aber das war noch schrecklicher und fand kein Echo im Walde . Des Hundes wohlbekannte , rauhe , ehrliche Stimme antwortete zuerst dem anklopfenden Leonhard ; dann blickte die Magd Christine vorsichtig durch das Fenster , zog aber schnell den Kopf zurück und kam eiligst , die Tür zu öffnen und den unerwarteten Gast zu ihrer Herrin zu führen . » O Herr Hagebucher , da sind Sie schon ? ! Ach , es tut uns so sehr leid , und meine Madam sitzt in tiefer Betrübnis um Sie und die Mutter und Schwester zu Bumsdorf ! « rief sie , indem sie jetzt auch die Stubentür öffnete . » Treten Sie nur ein und nehmen Sie es sich nicht allzusehr zu Herzen . - Madam , hier ist der Herr Leonhard schon . « Und die Frau Klaudine , welche bereits , horchend auf den Tritt und die Stimme des Nahenden , das schöne , alte Gesicht Von der Arbeit erhoben hatte , richtete sich jetzt ganz aus ihrem Sessel auf und streckte dem Eintretenden beide Hände entgegen : » Leonhard , Leonhard , sind Sie es denn wirklich ? So schnell kann die Nachricht des Unglücks fliegen ? Gott tröste Sie , mein Freund ; - aber Sie können nicht von dem Dorfe kommen , das ist unmöglich - wie führt Sie Ihr Weg jetzt zur Mühle ? « Das war ein eigentümlicher Gruß , und betroffen suchte Leonhard in den Mienen der Frau Klaudine nach einer näheren Erklärung . » Noch lebt er , aber leider in großen Schmerzen . Der Herr von Bumsdorf ritt erst vor einer Stunde zu meiner Hütte und rief mir die traurige Botschaft ins Fenster , und nun treten Sie , mein armer Leonhard , da so plötzlich aus dem Walde - welch eine Unruhe , welch ein ängstliches Drängen , o Gott ! « » Was ist das ? « stammelte Hagebucher . » Wer ist so sehr krank ? Was für eine Nachricht hat der Herr von Bumsdorf gebracht ? « Und die Frau Klaudine trat zurück und rief : » Also hat nur der Zufall Sie heute hierhergeführt , und Sie wissen nichts von dem , was in Ihrem elterlichen Hause vorgeht ? « » Nichts , nichts ! « » Das ist das Leben ! Immer die alten , harten Hände am Webstuhl ! Ihr Vater ist seit gestern schwer erkrankt , Leonhard ; es ist kaum eine Hoffnung , ihn zu erhalten , und der Vetter Wassertreter ist sehr betrübt und aufgeregt und soll meinen , es sei seine Schuld , daß dieses Unglück so plötzlich hereingebrochen sei . « Einen Augenblick stand Leonhard Hagebucher betäubt , erschüttert , fassungslos , doch dieses konnte nicht dauern . Jetzt trafen zwei Strömungen in seiner Brust aufeinander , und daraus entstand wenigstens für den Moment die innerlichste Klarheit . Er beugte sich nieder , und als die Madam Klaudine ihn nun auf die Stirn küßte , flüsterte er : » Nicht der Zufall , gewiß nicht der Zufall ! O Frau Klaudine , ich komme nicht allein , sondern bringe einen alten Bekannten mit mir . Er steht vor der Tür , er kniet vor der Tür , Frau Klaudine ; ich aber wußte nicht , wie ich ihn einführen sollte , denn es erfordert ein starkes , tapferes Herz , die Begegnung zu tragen . Ich bringe den Herrn van der Mook , meinen Befreier aus der Gefangenschaft : er aber kannte bereits den Weg zu dieser Hütte . Sie redeten zu mir von dem Tode , Frau Klaudine ; ich bringe Ihnen das Leben , die Erfüllung eines langen schmerzlichen Sehnens , einer Liebe , die auch stark ist wie der Tod . « Er geleitete die Mutter Viktors zu ihrem Sessel und ließ sie sich niedersetzen : sie ließ sich willenlos führen . » Ich gehe jetzt zu meiner Mutter « , sprach er mit Bedeutung . » Wenn ich hierher zurückkehre - « Er vollendete nicht , denn er sah , daß die Frau Klaudine ihn nicht mehr verstand . Sie saß bleich und sprachlos , und Leonhard Hagebucher befreite seine Hand von ihrem krampfhaften Griff , verließ das Zimmer und trat an die Tür der Katzenmühle , wo der andere schon stand und die Stirn an den morschen Pfosten lehnte . Stumm wies er in das Haus , sah den Sohn in die Stube der Mutter treten und ging , ohne sich umzusehen , allein weiter , zurück durch das enge Tal . Schnell eilte er auf der Landstraße durch Fliegenhausen und dann fast im Lauf nach Bumsdorf , dem Vaterhause zu . Dreiundzwanzigstes Kapitel Früher beschrittene Wege , ist das nicht etwas , das zu dem Schönsten oder Schlimmsten im menschlichen Leben zu rechnen ist ? Wo der Pfad führte , durch die Einöde oder die wimmelnden Gassen einer großen Stadt , über die stille Wiese , der grünen Hecke entlang oder durch den grünen Wald , es redet überall der Boden unter den Füßen und mahnt : Erinnere dich , erinnere dich ! Es gibt kaum etwas Wehmütigeres als schon einmal beschrittene Wege , selbst wenn sie zum Glücke führten ; denn nichts lehrt so eindringlich als sie , in welchem Traume die Menschen wandeln . Fortwährend ein Schall gleich dem Tritt eines Rosses im Ohr , fortwährend ein weißer Schein wie von einem weißen Pferde in der Dämmerung zur Seite , trotz der Gedanken an den sterbenden oder gestorbenen Vater ! Wie hatte der Wanderer einst in das Gesicht der schönen Reiterin und Kranzwinderin geblickt und ewige Jugend und alle Heiterkeit und Herrlichkeit des Daseins da gefunden , wo sich die Falten des Alters , der Sorge , der tiefsten Lebensnot zusammenzogen ! Was war noch übrig von alledem , was sich vor zwei kurzen Jahren mit dem schönen , lachenden Haupt in jener Mondscheinnacht aus dem Gebüsch , aus dem Boden der Heimat erhoben hatte ? » Dem Manne ein Schwert , dem Weibe das schwarze Brot der Frau Klaudine ! « murmelte der Wanderer , dessen Pfad sich durch so viele Trümmer und Täuschungen wand . Da war die Höhe , und wieder lagen die dunkeln Täler zu den Füßen Leonhard Hagebuchers ; aber er trug jetzt nicht mehr eine Kornähre in der Hand . » Krieg ! Krieg ! « rief er laut hinaus . » Krieg für alle , denn wir wollen ihn alle ! Die Täler sollen sich regen und die Höhen von Waffen leuchten , und wer die Schlacht überlebt , dem soll ' s erlaubt sein , sich zu wundern über den Sieg . « Er horchte , als ob jetzt der Klang von tausend Trompeten die Nacht durchbrechen müsse , und als es nun doch still blieb , dachte er von neuem an den alten wunderlichen Vater , und wie er denselben so sehr geärgert und in seinen einfachsten und natürlichsten Erwartungen getäuscht habe . Dadurch wurde er wieder schneller vorwärts getrieben , bis der Brunnen , aus welchem er vor einem Jahre als ein ganzer Narr und ein halber Verliebter trank , an der Landstraße vor ihm rauschte . Damals war er , wie wir wissen , längere Zeit niedergesessen , um sich über die neu hervorbrechenden Quellen der Hoffnung , des Lebensmutes zu freuen ; diesmal hielt er bloß einen flüchtigen Augenblick an , um wie in jener Sommernacht von dem klaren Strahl zu trinken . Als er sich aufrichtete , lächelte er doch wieder , trotz allem , was ihn bedrängte . Und so wandelte er für der und gab in Gedanken seinem armen Freunde , dem träumenden Schneider Felix Täubrich , genannt Täubrich-Pascha , von allen Empfindungen , Gefühlen , Worten und Handlungen des heutigen Tages Bericht , bis er den ersten Bumsdorfer Hahn krähen hörte . Damit versanken alle Gestalten , die außerhalb des Vaterhauses in seinem Gesichtskreis sich bewegten , selbst die der Frau Klaudine und des Herrn van der Mook . Die Familie trat zum erstenmal wieder ganz und gar in den Vordergrund , und naturgemäß mußte jeder Streit und Kampf für und um die eigene Existenz oder die anderer aufhören ; denn es lag ein Sterbender oder ein Toter in der Familie , und die Toten verstehen es , Stille zu gebieten . - Der Hahn krähte , aber er bedachte sich , und indem er nach der Uhr zu sehen schien , schloß er den Schnabel , ehe er seinen Weckruf vollständig hervortrompetet hatte . In den warmen Ställen regten sich die Kühe , und ein Gaul schien unter einem schweren Traum zu leiden und wurde von einem erbosten schlaftrunkenen , fluchenden Knechte zur Ruhe verwiesen . Mitternacht war kaum vorüber , als der Wanderer am Ende der Dorfgasse das einzige Licht des Dorfes , das Licht in der Kammer seiner Eltern , zu Gesicht bekam , und im heftigsten Laufe erreichte er das Haus . Der sonst so zierlich geglättete Kies in den Wegen des Gartens war von vielen Fußtritten zerstampft , ja sogar der Buchsbaum , welcher die Beete einfaßte , der Stolz des Alten , war an mehreren Stellen niedergetreten . Die Haustüre stand offen , und schwer fiel dieses deutlichste Zeichen , daß der Herr des Hauses nicht mehr über dem Seinigen wache , dem Sohne auf das Herz . Die Schlüssel lagen nicht mehr unter dem Kopfkissen des Steuerinspektors Hagebucher ; eine in Schmerz und Schrecken zitternde Hand hatte sie unter dem sorglichen , sorgenvollen , ängstlichen Haupte hervorgezogen - das mächtigste Königreich kann auf die gleiche Weise zerfallen oder in die Gewalt eines andern übergeben . Auf dem Flur stieß Leonhard auf einen feuchten Mantel und einen Mann drin , auf den Reichsvikar des Hauses Hagebucher , den Vetter Wassertreter , der soeben einen Erfrischungslauf durch den Garten und das Dorf gemacht hatte , jetzt den Afrikaner mit einem leisen » Wer da ? « empfing , ihn sodann in höchster Überraschung in die Arme schloß , um ihm das ewige , trostlose » Zu spät ! « zuzuflüstern . Wie die Frau Klaudine wußte auch er sich dieses plötzliche Erscheinen Leonhards nicht zu erklären ; aber noch war die Zeit für solche Erklärungen nicht gekommen . » Gegen neun Uhr ist er gestorben « , sagte er . » Herrgott , welch ein Trost , daß du da bist ! O Leonhard , ich , ich habe ihn auf dem Gewissen , und wenn er auch einen schönen Tod hatte , so verzeihe ich es mir doch mein Leben lang nicht , ihm dazu verholfen zu haben . Willst du dich erst fassen , mein Junge , oder soll ich dir meine Beichte auf der Stelle ablegen ? « » Was macht die Mutter ? Wo ist die Schwester ? « fragte Leonhard , die eigentümliche Selbstanschuldigung des Wegebauinspektors wenig beachtend . » Sie sind natürlich außer sich ! « rief der Vetter Wassertreter . » Aber auch sie wird deine Ankunft unmenschlich trösten . « Er öffnete dem Afrikaner die Tür der Wohnstube im untern Stockwerk des Hauses und führte ihn in dieses Gemach , worin vordem jener große Familienrat unter dem Vorsitz der Tante Schnödler gehalten wurde . » Ich will das Kind rufen . Die Alte sitzt natürlich neben dem Alten und will nicht davon weichen . Wärme dich , wenn du es kannst , und mache dem armen kleinen Mädchen das rechte Gesicht , sie hat es nötig . « Der Vetter zog leise die Tür hinter sich zu , und Leonhard stand in dem dunkeln Zimmer , in welchem noch ein letzter warmer Hauch des erkaltenden Ofens schwebte . Die Uhr , welche der Vater noch aufgezogen hatte , setzte ihren Weg durch die Zeit auch jetzt in ihrem Winkel fort ; der runde Tisch in der Mitte des Zimmers stand noch an seiner Stelle , und als der Sohn des Hauses an demselben einen Stützpunkt suchte , stieß er mit der Hand an die Schnupftabaksdose des Alten und erschrak sehr darüber . Der Raum war so voll von Gespenstern wie in der vergangenen Nacht die Stube des Leutnants Kind , und der Spuk von Nippenburg und Bumsdorf zupfte kaum weniger an den Nerven als der von Wallenburg und der Residenz . Dazu durchfröstelte jetzt den Wanderer am Ziel seines Weges das erste Gefühl der Übernächtigkeit und Erschöpfung im vollsten Maße ; er seufzte tief , aber er wagte nicht , einen Stuhl heranzuziehen und sich zu setzen . Mit geschlossenen Augen und übereinandergeschlagenen Armen lehnte er an dem Tische , bis Lina mit einem Lichte in der Hand hereinschwankte und ihr bleiches , entsetztes , tränenüberströmtes Gesicht an der Brust des Bruders verbarg . » Der Vater , der arme Vater , der Vater ist tot ! « Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen ; aber Leonhard Hagebucher hätte nun doch vielleicht manchen Regentag seines Lebens hingegeben , wenn er dafür in dieser Stunde nur einige solcher erfrischenden Tränen , wie das junge , zitternde , furchtsame Ding in seinen Armen weinte , hätte eintauschen können . Er hatte zu lange in der Fremde und in der Heimat unter den Wilden gelebt und hatte von manches Menschen Tode gehört oder gar ihn sterben sehen , um bei solcher Gelegenheit noch über das köstliche Naß verfügen zu können . Dafür sprach er aber um so besser und verständlicher leise , schmeichelnde Trostesworte zu der kleinen Trostlosen und trug sie dann mehr , als daß er sie führte , die Treppe hinauf , zu der alten Frau . » Ach , das ist ein so großes Grauen ! Es ist mir so sehr fürchterlich , und ich schäme mich , denn ich habe ihn doch so liebgehabt und habe ihn so lieb - « » Wo ist der Vetter , mein Herzchen ? « fragte der Bruder . » Auch dort drinnen bei der Mutter und - und dem Vater . « » Ich schicke ihn dir heraus . Sei ruhig ; wir müssen nun recht wacker zusammenhalten . Mein armes Kind , alles wird ja zu seiner Zeit zu einem Ding , welches anfängt : Es war einmal ! Fasse dich , Lina , auch diese böse Nacht wird vergehen ; es ist übrigens kein Unrecht , Respekt vor den Toten zu haben , sie fürchtet man nur dann nicht mehr , wenn man anfing , die Lebenden sehr zu fürchten . « Mit zärtlicher Sorglichkeit setzte er nun die Schwester auf einen Stuhl , welcher vor der Kammer der Eltern stand , und den Leuchter zu ihren Füßen nieder , dann trat er ein in das Sterbegemach , winkte dem Vetter Wassertreter hinaus und faßte darauf sanft die alte Frau neben der Leiche in die Arme , und wenig läßt sich über dieses Wiedersehen , diese traurige Begrüßung sagen : der alte stumme Herr spielte eben die Hauptperson dabei , und der war schon zu Lebzeiten nicht auf viele und unnötige Worte eingerichtet . Da lag er ! Durchaus nicht gelber und verdrießlicher als in den heitersten und behaglichsten Momenten seines Daseins , aber jedenfalls ebenso gelb und verdrießlich . » Er war so gut , so gut ! « schluchzte die alte Dame . » Vierzig Jahre haben wir miteinander gehauset und Leid und Freude miteinander getragen . Es weiß niemand so als ich , wie gut er war , wenn man ihm seinen Willen tat . Nimmer hat er mir ein böses Wort gesagt , und nun liegt er da . Vorgestern noch beim Kaffee hat er alles eingerichtet , wo die Bohnen gepflanzt werden sollten und wo der Salat und die Erbsen , und es war ganz gegen meine Meinung , aber ich habe sie wieder einmal nicht durchgesetzt , und das ist mein einziger Trost in dieser Stunde . Tot , tot , ja , ihr habt gut sagen , es sei so ; ich muß mich noch langehin besinnen , ob es wirklich wahr ist und ob es wirklich möglich sein kann . Vierzig Jahre , vierzig Jahre , und nun , als ob es alles nichts gewesen sei ! Ich kann nicht dran glauben ! O Leonhard , ich freue mich , daß du gekommen bist , aber helfen kannst du deiner alten Mutter auch nicht , der kann niemand helfen . « » Was soll aus dem Hause und allem , was dazu gehört , werden , wenn du es und uns aufgeben willst , Mama ? « fragte der Sohn mit rührender Listigkeit . » Es geht jetzt schon alles drunter und drüber , wie wird das erst morgen aussehen ! Da ist denn doch noch ein Trost , daß der Vater den Jammer und die Verwahrlosung nicht mehr sehen wird , denn es würde ihn sehr ärgern . Solch ein akkurater Mann ! Ich glaube sicher , Mama , du tätest ihm nun grade die rechte Liebe an , wenn du dich zusammennähmest und an seiner Stelle Ordnung hieltest und alles , was ihm am Herzen lag , nach seiner Weise versorgtest ! Ich glaube , du mußt dich jetzt in jeder Art schonen , daß du Kräfte behältst ; du weißt , spaßen ließ er nicht mit sich , und daß er einmal eine ganz genaue Rechenschaft verlangt , das ist mir unzweifelhaft , wie ich ihn kenne . « » Das wird er , mein Kind ! Jaja , ich sehe es wohl ein , und ich will auch tun , was menschenmöglich ist ; aber ich fürchte mich schon jetzt , an seine Schiebladen und Kasten und Rechenbücher zu rühren : er war so sehr eigen . « » Wer sollte es aber sonst ihm zu Dank machen ? O Mama , jetzt bringe ich dich zu der armen Lina , und du mußt mit ihr zu Bett gehen . Er paßt uns ganz sicher auch von da oben auf die Finger , und die Verwandtschaft wird ebenfalls mit dem frühesten kommen , ihm die letzten Ehren anzutun , und nichts ist vorgerichtet . O Mama , was soll daraus werden , wenn du uns und ihm nicht bei Kräften bleibst ? « Dieses war die rechte Art , zu trösten und zu kräftigen , sie führte also auch besser zum Zweck als hundert weinerliche Sentimentalitäten . Es gelang , die alte Frau aus der schwülen Kammer zu entfernen und sie unter Beihülfe des Wegebauinspektors der Schwester zu übergeben . Nachdem dieses geschehen war , öffnete Leonhard Hagebucher mit einem tiefen Seufzer die Fenster und ließ die winterliche Luft hinein in das dumpfige Sterbegemach . Nun krähten die Hähne von neuem , aber dieses Mal mit vollem Rechte , es war Morgen geworden . Der Vetter Wassertreter trat wieder ein und sagte : » Gottlob , endlich haben sie Vernunft angenommen und sind ins Bett gekrochen , beide in ein Bett und in den vollen Kleidern . Nun werden sie sich in den Schlaf weinen , aber derselbe soll ihnen nichtsdestoweniger ebenso gesegnet sein wie uns dieser frische Nordwind . Ah , welche Wohltat ! « Die beiden Männer standen jetzt wieder neben dem Toten und betrachteten ihn schweigend . In tiefem Grame dachte Leonhard daran , mit welchem Glanze er so oft während seiner Gefangenschaft dieses Haupt umkleidet gesehen hatte und wie nun nicht eine seiner würdigen und schönen Phantasien zur Wirklichkeit geworden sei . Er grübelte aber , zu seiner Ehre sei ' s gesagt , nicht seiner selbst wegen darüber nach : ein unendliches Mitleid mit dem alten Mann , der aus so tausenderlei kleinen und nichtigen Kümmernissen und Sorgen sein Leben spann , beherrschte ihn ganz und gar und regierte alle seine Gedanken . Er quälte sich bitter damit , Selbstvorwürfe aus allen Winkeln seiner Brust zusammenzuscharren ; aber wie er sich auch anstellte , der Alte tat ' s nicht , auf keine Weise paßte er als weißlockiger Patriarch auf die Bank unter den Lindenbaum , um weise Lehren und würdige Lebenserfahrungen einem ehrfurchtsvollen , lauschenden Kreise mitzuteilen . » Laß es gut sein , Leonhard « , sagte endlich der Vetter , » wir wollen nicht bloß den Frauen gute Lehren geben , wir wollen selber uns danach halten . « » Jaja « , sprach Leonhard traurig , » das werden wir wohl müssen . Jetzt aber - « » Jetzt willst du meine Beichte und wünschest zu erfahren , wie das Unglück seinen Weg ins Haus fand . Leider kann ich immer nur wiederholen , daß ich einzig und allein die Schuld trage und mir grad , weil alles in der besten Absicht geschah , die schlimmsten Gewissensskrupeln mache . « » Ich habe das wunderliche Wort bereits gehört : was soll es bedeuten ? « » Nichts weiter , als daß ich mein Versprechen hielt und ihn mit der Menschheit aussöhnte . Seine Natur war jedoch nicht darauf eingerichtet , und so - so hast du denn die Folgen davon hier vor dir . « » Ach , Vetter , laß uns jetzt nicht einander Rätsel aufgeben . « » Das ist wahrhaftig nicht meine Absicht ; im Gegenteil , ich werde die Geschichte dir so klar wie möglich zu Protokoll geben . Es ist mir ein wahres Bedürfnis , mir die Hände zu waschen und mich schlafen zu legen . Also höre ; ich habe es glorreich zustande gebracht ! « » Was , was ? « » Den Fackelzug und die Stadtmusik und die Deputation aus dem Pfau und die Reden und die Abbitte des Onkel Schnödler samt dem dreimaligen Tusch und Vivat . Es war gelungen , ungemein gelungen , und der Vetter Wassertreter durfte sich wohl die Hände reiben , wenn der Alte mir nicht zum Schluß , als alles in schönster Ordnung war , diesen Streich gespielt hätte . Ich traute ihm zwar vieles zu , aber das nicht ! « Ein großes Licht ging dem Afrikaner auf : von neuem betrachtete er kopfschüttelnd das verrunzelte , verkniffene Gesicht auf dem Kopfkissen , unterbrach jedoch durch keine weitere Bemerkung den betrübten Vetter , und dieser fuhr im kläglichsten Tone fort : » Wie habe ich fast seit deinem Fortgehen von Nippenburg gearbeitet , intrigiert und gewühlt ! Kein Maulwurf auf zwanzig Meilen in der Runde hätte seine Sache besser gemacht . Welche Hebel habe ich in Bewegung gesetzt ! Ganz Nippenburg hat mir helfen müssen , ohne es zu ahnen . Die Menschheit hat in mir einen ihrer größten Triumphe gefeiert . Ein Kunstwerk , ein wahres , richtiges Kunstwerk ; das lasse ich mir auch in dieser Stunde noch nicht nehmen ! Und eines seligen Todes ist er auch verblichen , das ist mein zweiter Trost , Leonhard , und wenn ich wüßte , wie jener alte Grieche hieß , dem man zurief : Stirb , du hast nichts mehr zu wünschen , so würde ich dir ein recht passendes Zitat zu kosten geben . Ach , liebster Herrgott , auf dem Markte in Nippenburg formieren wir uns vorgestern bei einbrechender Dämmerung , wie ich es dir versprach - sämtliche Honoratioren , die Schützengilde , der Gesangverein und natürlich alles Volk , das abkommen kann , und du weißt , wir können alle abkommen in Nippenburg . Bedeckter Himmel , windstilles , recht angenehmes Wetter , sämtliche holde Weiblichkeit an den Fenstern , in den Haustüren oder die Häuser entlang ! Banner und Fahnen , kurz , alles , was dazu gehört ! Jedermann sein eigener Fackelträger , jeder Nippenburger Philister mit seinem eigenen Lichte - - wundervoll ! O Leonhard , es ist kein Unterschied zwischen den Gefühlen Manzonis in der Ode über den fünften Mai welche ich ans der Übersetzung meines Goethe kenne , den ich von hinten kenne , und meinen eigenen Gefühlen in betreff deines Vaters ! Da liegt er still und stumm , er , um den vor so kurzer Zeit noch eine so große Bewegung stattfand ! - Wir sendeten drei auserwählte Männer zu der Tante Schnödler , nämlich den Bürgermeister , den Kreisdirektor und den Steuerrat , und ließen ihn holen , nämlich den Onkel Schnödler , und führten ihn dicht hinter der Musik nach Bumsdorf . Und die