heutige freundliche Mitwirkung . « Elisabeth verabschiedete sich noch rasch von Doktor Fels und Frau und schritt dann mit erleichtertem Herzen in den Wald hinein . Sie atmete auf , als das Gewühl hinter ihr lag , als ein rauschender Akkord den Walzer schloß , dessen jubelnde Töne sie noch eine Weile begleitet hatten ... Jetzt durfte sie sich ungestört dem Zauber hingeben , der ihrem ganzen Denken und Sinnen einen süßen Bann auferlegte , der sie zwang , immer wieder auf jene längst verhallte Stimme zu hören , die mit ergreifendem Klange ihr Herz bestrickte , und vor welcher alle Vorsätze ihres Mädchenstolzes , alle Vorsichtsmaßregeln des Verstandes haltlos verwehten ... Sie dachte daran , wie sie zuerst ihm widerstandslos gefolgt war , obgleich ihr tief gekränktes Ehrgefühl ihr gebot , den Kreis , in welchem sie so unwillkommen erschien , zu verlassen ; sie empfand noch einmal jene Glückseligkeit , mit der sie an seine Seite geeilt war , als er es vor allen Anwesenden betont hatte , daß er ihr für heute angehöre und keine Stellvertreterin für sie wolle . Er hätte sie bis an das Ende der Welt führen können , sie wäre ihm blindlings gefolgt mit unerschütterlichem Vertrauen und der vollsten Hingabe ihres ganzen Wesens ... Und ihre Eltern ? ... Jetzt begriff sie , wie eine Jungfrau das Vaterhaus verlassen könne , um einem Manne anzugehören , dessen Lebensbahn bis dahin , fernab von der ihrigen , über vielleicht ganz entgegengesetztes Gebiet gelaufen war , der nichts wußte von all jenen Neigungen , Beziehungen , großen und kleinen Ereignissen , durch die jede Faser ihres bisherigen Lebens mit dem ihrer gesamten Familie innig verwebt wurde . Noch vor zwei Monaten war ihr das ein unlösbares Rätsel gewesen . Sie hatte einen Weg betreten , den sie oft in Miß Mertens ' Gesellschaft zurückgelegt hatte . Er mündete , in zahllosen Windungen schmal durch das Dickicht laufend , an der Chaussee , die den Wald durchschnitt und eine Strecke lang die Grenze zwischen dem Fürstlich L.schen Forstgebiete und dem des Herrn von Walde bildete ; jenseits der Chaussee , dem Fußwege gegenüber , öffnete sich die breite Fahrstraße , die nach dem Forsthause lief . In ihre Träumerei versenkt , hatte Elisabeth nicht gehört , daß schon längst rasche Schritte ihr folgten ; deshalb erschrak sie jetzt doppelt , als dicht in ihrer Nähe ihr Name von einer männlichen Stimme genannt wurde - Hollfeld stand hinter ihr . Sie ahnte , was ihn hierher führte , sie fühlte ihr Herz klopfen , aber sie faßte sich schnell und trat ruhig seitwärts , um ihn auf dem schmalen Wege vorüber zu lassen . » Nein , so ist es nicht gemeint , Fräulein Ferber , « sagte er lächelnd und in einem eigentümlich vertrauten Tone , der sie tief verletzte . » Ich wollte mir erlauben , Sie zu begleiten . « » Ich danke , « entgegnete das junge Mädchen ruhig , aber zurückweisend , » es wäre eine nutzlose Aufopferung Ihrerseits denn ich gehe am liebsten allein durch den Wald . « » Und kennen Sie keine Furcht ? « fragte er , so nahe an sie herantretend , daß sein heißer Atem ihre Wange berührte . » Nur die vor ungebetener Gesellschaft , « entgegnete sie , mühsam ihre Entrüstung bekämpfend . » Ah , das ist wieder einmal jene hoheitvolle Haltung , hinter der Sie sich mir gegenüber stets verschanzen ; weshalb ? nun , das weiß ich mir schon zurechtzulegen ... Heute jedoch werde ich sie nicht so respektieren , wie ich sonst folgsamerweise thue - ich muß Sie sprechen . « » Und ist das so wichtig , daß Sie um deswillen Ihre Freunde und das Fest verlassen ? « » Ja , es ist ein Wunsch , der mit meinem Leben zusammenhängt , der mich Tag und Nacht verfolgt . Ich bin krank und elend , seit ich fürchte , er könne sich vielleicht nie verwirklichen - ich - « Elisabeth war unterdes immer rascher vorwärts geschritten . Es wurde ihr unsäglich unheimlich diesem Menschen gegenüber , aus dessen Augen jetzt jene Leidenschaft unverhohlen loderte , die ihr schon einen heftigen Abscheu eingeflößt hatte , als sie noch beherrscht wurde . Sie fühlte aber auch , daß Ruhe in diesem Augenblicke ihre einzige Waffe sei , und deshalb unterbrach sie ihn , während der schwache Versuch eines Lächelns um ihre Lippen zuckte . » Ach , « sagte sie , » unsere Klavierübungen sind also vom besten Erfolge gewesen , Sie wünschen meinen Beistand auf dem Gebiete der Musik , wenn ich recht verstehe ? « » Sie verstehen mich absichtlich falsch , « rief er zornig . » Nehmen Sie das als eine Art von Schonung meinerseits , ich müßte Ihnen sonst Dinge sagen , die Sie vielleicht noch weniger zu hören wünschen , « erwiderte Elisabeth ernst . » Sprechen Sie immerhin , ich kenne die Frauen genug , um zu wissen , daß sie es lieben , eine Zeitlang die Maske der Kälte und Zurückweisung vorzuhalten ... die Beglückung ist dann um so süßer . Ich gönne Ihnen die Freude dieser unschuldigen Koketterie , aber dann - « Elisabeth stand einen Augenblick starr und sprachlos vor dieser Unverschämtheit ; solch häßliche Worte hatten noch nie ihr Ohr berührt . Scham und Entrüstung trieben ihr das Blut in das Gesicht , und sie suchte vergebens nach Worten , um diese beispiellose Frechheit zu strafen . Er faßte ihr Schweigen anders auf . » Sehen Sie , « rief er triumphierend , » daß ich Sie durchschaut habe ! ... Das Erröten des Ertapptseins steht Ihnen unvergleichlich ! ... Sie sind schön wie ein Engel ; noch nie ist mir eine solche Nymphengestalt vor die Augen gekommen , wie die Ihre ... Sie wissen recht gut , daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung bereits zum Sklaven gemacht haben , der zu Ihren Füßen schmachtet ... Welcher Nacken ! ... Welche Arme ! und das alles haben Sie bisher neidisch verhüllt . « Ein Ausruf der höchsten Aufregung entrang sich Elisabeths Lippen . » Wie können Sie es wagen , « rief sie laut und heftig , » mich so zu beleidigen ! ... Haben Sie mich vorhin nicht verstanden , so sage ich Ihnen jetzt klar und deutlich , daß mir Ihre aufgedrungene Gesellschaft verhaßt ist , und daß ich allein sein will . « » Bravo , der befehlende Ton gelingt Ihnen vortrefflich ! « sagte er spöttisch . » Man sieht doch gleich , daß von der Mutter her ein Tröpflein adlig Blut in Ihren Adern rollt ... Was habe ich Ihnen denn gethan , daß Sie so plötzlich die Entrüstete spielen ? Ich habe Ihnen das Kompliment gemacht , daß Sie schön sind , das aber lassen Sie sich des Tages unzählige Male von Ihrem Spiegel sagen , und ich bezweifle sehr , daß Sie ihn dafür zertrümmern . « Elisabeth wendete ihm verachtungsvoll den Rücken zu und schritt hastig weiter . Er hielt sich an ihrer Seite und schien durchaus nicht gesonnen zu sein , auf einen endlichen Sieg zu verzichten . Sie hatten oben die Chaussee erreicht , als eine Equipage vorüberbrauste . Ein Männerkopf bog sich aus dem Wagenfenster , fuhr aber jäh , wie erschrocken , zurück - es war Herr von Walde . Noch einmal sah er heraus nach dem Waldwege , als ob er sich überzeugen wolle , daß er recht gesehen habe , dann verschwand der Wagen bei einer scharfen Biegung der Chaussee . Elisabeth hatte unwillkürlich die Arme nach dem davonrollenden Wagen ausgestreckt , als möchte sie ihn zurückhalten ; er , der da drinnen saß , wußte ja um ihre Abneigung gegen Hollfeld ; nach ihrer vor wenig Stunden abgegebenen Erklärung durfte er keinen Augenblick im Zweifel sein , daß sie sich nicht freiwillig in dessen Gesellschaft befand . Konnte er nicht für einen Moment seine Reise unterbrechen , um sie von dem Zudringlichen zu befreien ? Hollfeld hatte ihre Bewegung gesehen . » Ei , « rief er unter boshaftem Lachen , » das sah ja beinahe zärtlich aus ! ... Müßte ich nicht an die siebenunddreißig Sommer meines Vetters denken , wahrhaftig , ich könnte eifersüchtig werden ! ... Ah , Sie dachten wohl , er solle sofort aussteigen und Ihnen galant den Arm bieten , um Sie nach Hause zu führen ? Sie sehen , er ist tugendhaft , er verzichtet auf dies Glück und erfüllt lieber eine sogenannte heilige Pflicht . Er ist ein Eisblock , für den die Reize des schönen Geschlechts vergebens in der Welt sind ... Daß er heute ausnahmsweise ritterlich gegen Sie war , das galt durchaus nicht Ihren bezaubernden Augen , schöne Goldelse , es geschah lediglich , um meine Mama ein wenig zu ärgern . « » Und scheuen Sie sich nicht , den Mann , dessen Gastfreundschaft Sie unausgesetzt genießen , einer so gemeinen Denkungsweise zu beschuldigen ? « rief Elisabeth empört . Sie hatte sich zwar vorgenommen , ihm mit keiner Silbe mehr zu antworten , in der Hoffnung , daß sie ihn mit diesem Schweigen langweilen und endlich verscheuchen würde , allein die Art und Weise , wie er sich über Herrn von Walde äußerte , brachte ihr ganzes Innere in den heftigsten Aufruhr . » Gemein ? « wiederholte er . » Sie reden in sehr starken Ausdrücken . Ich nenne es eine kleine Revanche , zu der er vollkommen berechtigt war ... Und was die Gastfreundschaft betrifft , so genieße ich jetzt schon einfach von dem , was später doch einmal mein Eigentum sein wird ; ich sehe nicht ein , wie ich um deswillen das Urteil über meinen Vetter ändern soll ... Uebrigens bin ich derjenige , welcher sich aufopfert und Dank verdient ; rechnen Sie meine Hingebung und Aufmerksamkeit für Fräulein von Walde gar nicht ? « » Es mag in der That eine schwere Aufgabe sein , hie und da einige Blumen zu pflücken , um sie einer armen Kranken zu bringen , « sagte Elisabeth ironisch . » O , Sie sind über diese kleinen Huldigungen mißvergnügt , wie ich zu meiner großen Befriedigung bemerke , « rief er triumphierend . » Haben Sie im Ernste geglaubt , ich könne da zärtlich fühlen , wo mein Schönheitssinn so stark beleidigt wird ? ... Ich schätze mein Mühmchen , aber deswegen vergesse ich doch keinen Augenblick , daß sie ein Jahr älter ist als ich , einen Höcker und eine schiefe Hüfte hat und - « » Abscheulich ! « unterbrach ihn Elisabeth , außer sich vor Entrüstung , und sprang hinüber auf die Chaussee . Er folgte ihr . » Abscheulich sage auch ich , « fuhr er fort , indem er gleichen Schritt mit ihr zu halten suchte , » besonders wenn ich Ihre Hebegestalt neben ihr sehe ... Und nun laufen Sie nicht so , schließen Sie lieber Frieden mit mir und verzögern Sie nicht mutwillig das Glück , von dem ich Tag und Nacht träume . « Er legte plötzlich den Arm um ihre Taille und zwang sie stehen zu bleiben , sein glühendes Gesicht mit den funkelnden Augen näherte sich dem ihrigen . Im ersten Augenblicke starrte sie ihn an , wie gelähmt oder bewußtlos , dann flog ein Schauder durch ihre Glieder , und mit einer Gebärde des tiefsten Abscheues stieß sie ihn von sich . » Wagen Sie es nicht noch einmal , mich zu berühren ! « rief sie mit weithin klingender Stimme . In diesem Augenblicke erscholl lautes Hundegebell in der Nähe . Elisabeth wandte freudig erschrocken den Kopf nach der Richtung . » Hektor , hierher ! « rief sie in den Wald hinein . Gleich darauf stürzte der Jagdhund des Oberförsters aus dem Dickicht und sprang mit einem Freudengeheul an ihr in die Höhe . » Mein Onkel ist in der Nähe , « wandte sie sich jetzt ruhig und kalt an den verdutzt Dastehenden , » er kann jeden Augenblick hier sein ... Sie werden sicher nicht wünschen , daß ich ihn bitte , mich von Ihrer Begleitung zu befreien ; ich rate Ihnen deshalb , freiwillig den Rückweg anzutreten . « Wirklich blieb er feige stehen , während sie sich mit dem Hunde entfernte , aber er stampfte wütend mit dem Fuße auf und verwünschte seine rasende Leidenschaft , die ihn unvorsichtig gemacht hatte . Daß er dem jungen Mädchen in Wirklichkeit einen Widerwillen einflößen könne , das fiel ihm nicht im entferntesten ein , ihm , dem Vielbegehrten , von dem ein karges Wort , eine Aufforderung zum Tanze in der gesamten L.schen Damenwelt Sensation machte und oft zur Fackel der Zwietracht wurde . Ihm konnte ein solcher Gedanke gar nicht kommen . Es lag viel näher , daß die Forstschreiberstochter eine Kokette war , die ihm die Eroberung so schwer wie möglich zu machen suchte . An die jungfräuliche Reinheit der Seele , die Elisabeths ganze Erscheinung so unwiderstehlich machte , und deren Zauber gerade auf ihn , wenn auch von ihm unverstanden , hinreißend wirkte - an jenes keusche , unentweihte innere Leben glaubte er nicht , und deshalb konnte er auch nie zu dem Schlusse gelangen , daß das junge Mädchen instinktmäßig vor seiner inneren Zerrüttung und Verdorbenheit zurückbebe . Er machte sich heftige Vorwürfe , zu plump und stürmisch gewesen zu sein , wodurch er das heißbegehrte Ziel selbst wieder in unbestimmte Ferne gerückt hatte . Ueber eine Stunde lief er im Walde umher , um Herr seiner Aufregung zu werden , denn die dort drüben auf dem Festplatze , von welchem die heiteren Klänge der Tanzmusik zu ihm herüberschallten , durften ja nie erfahren , daß hinter der interessant kalten , verschlossenen Außenseite ein solcher Vulkan tobte . Elisabeth war scheinbar festen Fußes schnell weiter geschritten . Sie hütete sich jedoch , rechts oder links zu sehen , in der Furcht , sein verhaßtes Gesicht könne plötzlich wieder neben ihr auftauchen . Endlich wagte sie es , stehen zu bleiben und sich umzusehen - er war verschwunden . Aufatmend lehnte sie sich an einen Baumstamm , um vorerst ihre Gedanken zu sammeln , während Hektor ruhig und mit klugem Blicke vor ihr stehen blieb , als wisse er genau , daß er heute die Rolle ihres Beschützers spiele . Er hatte ohne Zweifel einen Spaziergang auf eigene Faust durch den Wald gemacht , denn von seinem Herrn war keine Spur zu sehen . Elisabeth fühlte jetzt erst , wie ihre Kniee zitterten . Ihr Schrecken , als Hollfeld gewagt hatte , sie zu umschlingen , war ein unbeschreiblicher gewesen . In ihrer unschuldigen Seele war nicht einmal der Gedanke an eine solche Roheit aufgetaucht ; deshalb hatte der plötzliche Angriff sie momentan starr gemacht vor Entsetzen . Sie vergoß schmerzliche Thränen der Scham , als Herrn von Waldes Bild vor ihr aufstieg , nicht mit dem milden Ausdrucke der letzten Stunden , sondern in seiner ganzen Strenge und Unnahbarkeit ; sie glaubte , nicht zu ihm aufblicken zu dürfen , weil jener Mensch sie berührt hatte . Ihre ganze Glückseligkeit lag zertrümmert zu ihren Füßen . Die unselige Begegnung mit Hollfeld hatte sie schonungslos in die Gegenwart zurückgeführt ; seine Aeußerungen über Herrn von Walde , wenn auch niederträchtig und verleumderisch , hatten doch vieles wieder wachgerüttelt , was sie sich einst als Steuer gegen ihre wachsende Neigung eingeprägt ... Sie dachte an seinen unerschütterlichen Ahnenstolz , an die sich selbst vergessende Liebe zu seiner Schwester und an die Meinung aller , daß er ein völlig kaltes Herz habe gegenüber dem anderen Geschlechte ... All die bunten , schimmernden Träume , die sie umflattert hatten auf dem Wege durch den stillen Wald , sie legten jetzt die Flügel zusammen und starben einer nach dem andern unter dem prüfenden Blicke des erwachten Auges ... Sie war sich ja jetzt nicht einmal klar , worin jene Glückseligkeit bestanden . Daß er heute eine wunderbar weiche Stimmung ihr gegenüber gezeigt und sie gegen den Hochmut seiner Verwandten hochherzig in Schutz genommen hatte , konnte dies nicht alles aus dem Gefühle einer strengen Gerechtigkeitsliebe stammen ? Hatte er nicht auch Miß Mertens geschützt und großmütig das Unrecht auszugleichen gesucht , das ihr unter seinem Dache widerfahren war ? Und der Glückwunsch ... an den Glückwunsch und an sein noch ungelöstes Ende durfte sie freilich nicht denken , wenn nicht alle Traumleichen ein fröhliches Auferstehen feiern sollten . Als sie in die Thür des Forsthauses trat , kam ihr Sabine mit angstbleichem Gesichte entgegen . Sie deutete stumm auf die Wohnstube . Der Onkel sprach drinnen laut und heftig , und man hörte deutlich , wie er dabei mit starken Schritten auf und ab ging . » Ach , ach , « flüsterte Sabine , » da drinnen geht ' s schlimm her ! ... Die Bertha ist dem Herrn Oberförster in den letzten Wochen immer geschickt aus dem Wege gegangen ; vorhin aber hat sie hier in der Hausflur gestanden und hat nicht gemerkt , daß er durch die Hofthür hereingekommen ist ; das war ihm gerade recht . Er hat nicht lange Federlesens gemacht , hat sie von hinterrücks bei der Hand genommen und in die Stube gezogen . Sie sah aus wie eine geweißte Wand vor Schrecken , aber all ihr Sperren und Zerren hat nichts genutzt , sie hat mit gemußt ... Herr meines Lebens , bei dem Herrn Oberförster möchte ich auch nicht zur Beichte gehen ... « Ein lautes Aufschluchzen , das fast wie ein erstickter Schrei klang , unterbrach Sabines Geflüster . » So recht ! « hörten sie jetzt den Oberförster mit bedeutend milderer Stimme sagen , » das ist doch ein Zeichen , daß du nicht gänzlich verhärtet und verdorben bist ... Und nun sprich auch . Denke , daß ich hier an Stelle deiner braven Eltern stehe ... Hast du einen Kummer , so schütte ihn aus ; ist er ohne dein Verschulden über dich gekommen , so kannst du sicher sein , daß ich ihn redlich mit dir tragen werde . « Es erfolgte abermals ein leises Weinen . » Du kannst nicht sprechen ? « frug der Oberförster nach einer kleinen Pause ; » das heißt , ich weiß ganz genau , daß dich kein körperliches Leiden verhindert , deine Zunge zu gebrauchen , denn du sprichst ja , wenn du dich unbeachtet glaubst , mit dir selbst ; es ist also ein moralischer Zwang , dem du dich unterwirfst , wohl gar ein Gelübde ? « Jedenfalls mußte ein stummes Kopfnicken seine Vermutung bestätigt haben , denn er fuhr heftiger fort : » Hirnverbrannte Idee ! ... Glaubst du , dem lieben Gott eine Freude zu machen , wenn du ihm seine herrliche Gabe , die Sprache , vor die Füße wirfst ? ... Und willst du deine ganze Lebenszeit hindurch schweigen ? ... Also nicht ? Du wirst einmal wieder sprechen , auch wenn sich das nicht erfüllt , was du durch dein Gelöbnis zu erreichen suchst ? ... Nun gut ; ich kann dich nicht zwingen , zu reden , trage demnach allein , was dich bedrückt , und was dich unglücklich macht ; denn daß du das bist , das steht leserlich genug auf deinem Gesichte geschrieben ... Aber das sage ich dir , an mir hast du einen unerbittlichen Richter , wenn es einmal klar werden sollte , daß du etwas gethan hast , was das Licht scheuen und hüten muß , vor den Ohren rechtlicher Menschen laut zu werden ; denn du hast in deinem grenzenlosen Hochmute von vornherein jeden ehrlich gemeinten Rat , jede gute Lehre von dir gewiesen und es mir unmöglich gemacht , dir so zur Seite zu stehen , wie ich es als Vertreter deiner Eltern gewünscht und gesollt hätte ... Ich will es noch einige Zeit mit dir versuchen , aber sobald ich nur ein einziges Mal merke , daß du dich bei Nacht und Nebel aus dem Hause entfernst , dann kannst du dein Bündel schnüren ... Noch eins , morgen werde ich den Doktor hierher kommen lassen , er soll mir sagen , was dir fehlt , denn du bist in den letzten Wochen geradezu unkenntlich geworden ... Jetzt geh ! « Die Thür öffnete sich und Bertha taumelte heraus . Sie bemerkte Elisabeth und Sabine nicht , und als sie die Thür hinter sich ins Schloß fallen hörte , da streckte sie plötzlich in sprachloser Verzweiflung die gerungenen Hände gen Himmel , und stürzte , wie von Furien gejagt , die Treppe hinauf . » Die hat etwas auf dem Gewissen , es mag nun sein , was es will , « sagte Sabine kopfschüttelnd . Elisabeth aber ging hinein zum Onkel . Er lehnte am Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben , was er gewöhnlich that , wenn er aufgeregt war . Er sah sehr finster aus , allein es flog ein heller Schein über sein Gesicht , als Elisabeth eintrat . » Gut , daß du kommst , Goldelse ! « rief er ihr entgegen . » Ich muß ein klares , reines Menschengesicht sehen , das thut mir not ... Die schwarzen Augen von der , die da eben hinausgegangen ist , sind mir fürchterlich ... Na , nun habe ich doch mein Hauskreuz wieder aufgenommen , um es ein Stück weiter zu schleppen ... Kann nun einmal so ein Wesen nicht weinen sehen , und wenn ich zehnmal weiß , daß ich mit dieser Zerknirschung über den Löffel barbiert werden soll . « Elisabeth war herzlich froh , daß das gefürchtete Zusammentreffen zwischen dem Onkel und Bertha so glimpflich abgelaufen war . Sie beeilte sich , seine Gedanken völlig abzuziehen von der Unglücklichen , indem sie ihm von der heutigen Festlichkeit und , wenn auch in etwas hastiger und flüchtiger Weise , von der schnellen Abreise des Herrn von Walde erzählte . Auch Linkes schauerliches Ende teilte sie ihm mit , eine Nachricht , die ihn nicht sehr überraschte , denn er hatte diesen Ausgang vermutet . Er begleitete das junge Mädchen bis an die obere Gartenthür . » Sei hübsch vorsichtig und läute nicht zu stark am Mauerpförtchen , « mahnte er beim Abschiede , » deine Mutter hat heute nachmittag einen Anfall ihrer Migräne bekommen , sie liegt zu Bette ... ich war vorhin noch einmal droben . « Erschrocken lief Elisabeth den Berg hinauf . Sie brauchte nicht zu läuten ; Miß Mertens kam ihr , in Begleitung des kleinen Ernst , auf der Waldblöße entgegen und beruhigte sie sofort . Der Anfall war vorüber , die Mutter lag in einem erquickenden Schlummer , als das junge Mädchen leise an das Bett trat . Es dämmerte bereits stark , und die tiefste Stille herrschte in der traulichen Wohnung ; die Schlaguhren waren in ihrem Gange gehemmt worden ; an den verschlossenen Fenstern verhallte das leise Geflüster der Blätter draußen , nicht einmal das Summen einer naseweisen Fliege wurde hörbar , denn der Vater hatte alles , was die Ruhe der Kranken stören konnte , unerbittlich entfernt . Hätte die Mutter jetzt auf ihrem Lehnstuhle in der einen Fensternische der Wohnstube gesessen , zwischen dem schützenden Vorhange und der grünen Buschwand vor dem Fenster , auf die der dunkelnde Abendhimmel schweigend niedersah , dann wäre heute die traute Ecke zum Beichtstuhle geworden ; Elisabeth hätte , knieend auf dem Fußkissen , den Kopf auf die Kniee der Mutter gelegt , ihr übervolles Herz dem mütterlichen Auge erschlossen ... Nun zog sich das süße Geheimnis wieder in den innersten Schrein ihrer Seele zurück ; wer weiß , ob sie je wieder den Mut fand , das auszusprechen , was unter den obwaltenden Verhältnissen die Mutter voraussichtlich erschrecken und mit großer Sorge um die Tochter erfüllen mußte . 16 Die Ruinen von Gnadeck mochten wohl verwundert aufhorchen bei dem seltsamen Geräusche , das seit dem ersten Morgengrauen mit kleinen Unterbrechungen an ihre schiefen Mauern schlug . Das klang so ganz anders , als das Zerstörungswerk der Regenfluten , oder der Schneemassen , wenn sie in der Frühlingssonne schmolzen . Leise grub dann das Wasser kleine Rinnen zwischen das Gemäuer und hob einen Granitblock um den andern aus dem Sattel , ohne daß er es ahnte ; er blickte noch eine Weile stolz und dräuend in die Welt , denn sein Untergang wurde so geräuschlos vorbereitet , wie kaum der Sturz eines Fürstengünstlings , oder der eines mißliebigen Ministeriums . Dann kam nächtlicherweile ein Sturmwind dahergebraust - es erfolgte ein gewaltiges Krachen , und der Strahl der Morgensonne irrte zum erstenmal über Wände und Fußböden , die er bis dahin nie berührt hatte . Es lag dann freilich ein tüchtiges Stück Mauerwerk zerschmettert unten auf dem Steinpflaster , und den ganzen Tag über , wenn ein leichtes Lüftchen vorüberflog , oder der Flügel eines Vogels droben anstreifte , rieselten zerbröckelter Mörtel und feine Sandbäche aus der Wunde ; aber nicht lange , so sproßte junges Grün aus dem Risse , und nun vergingen wieder Jahre , lange Jahre , ehe das heimtückische Nagen der Wasser unter der trügerischen grünen Decke ein neues Opfer für die Stürme hergerichtet hatte . Das war ein langsames , unmerkbares Hinscheiden - die Ruinen konnten getrost sein , wie der Kranke , der ein unheilbares Leiden in sich trägt , bei welchem er jedoch ein womöglich alttestamentliches Alter erreichen kann . Heute waren es Menschenhände , welche das Zerstörungswerk vollbrachten . Unglaublich schnell und rührig hoben sie Stein um Stein ab . Der Erker , der so kühn seinen Fuß vorgestreckt hielt und jahrhundertelang wie ein unerschütterlicher Wachtposten vor dem Flügel gestanden hatte , sah kläglich aus . Er hatte bereits ein beträchtliches Stück von seiner Höhe eingebüßt ; sein Epheugewand war zerrissen , es wurden nun dunkle Fensterhöhlen und grünangelaufenes Mauerwerk sichtbar , dessen jetzt freilich verstümmelte und zerklüftete Steinzieraten einst schön und kunstreich gewesen sein mochten . Die Arbeiter waren sehr fleißig . Es interessierte sie selbst , so halsbrechend auch die Aufgabe war , von oben herab in die dunkeln Winkel und Ecken des alten Nestes sehen zu können , das der Gespensterglaube des Volkes mit zahllosen schauerlichen Erscheinungen bevölkerte . Am Nachmittage saß Frau Ferber mit Elisabeth und Miß Mertens auf dem Damme , als Reinhard , der sich stets nachmittags zu einer bestimmten Stunde einfand , die Lektüre unterbrach . Er erzählte , daß Linke heute morgen in aller Stille beerdigt worden sei , und daß Fräulein von Walde nun auch durch einen unvorsichtigen Diener das Attentat auf ihren Bruder erfahren habe . Mit tiefer Bitterkeit bemerkte der Erzähler , Herrn von Waldes Besorgnis , daß der Schreck über den Vorfall nachteilige Folgen für seine Schwester haben könne , sei sehr unnötig gewesen , denn das Fräulein habe die Nachricht mit großer Kaltblütigkeit entgegengenommen ; auch das Unglück des Herrn von Hartwig , mit dessen Frau sie befreundet sei , berühre sie durchaus nicht in der Weise , wie man sich hätte denken müssen . » Ja , wenn es ihrem blondgelockten Protegé ans Leben gegangen wäre , « meinte er zornig , » dann hätte sie sich sicher ihre schönen , kastanienbraunen Locken einzeln ausgerissen ... Dieser Herr von Hollfeld wird mir nachgerade unerträglich ! Heute geht er mit einem Gesichte im Hause herum , als ob er die ganze Welt vergiften möchte . - Ich wette , die rosenfarbene Laune ist einzig und allein schuld an Fräulein von Waldes verweintem Gesicht , das sie vorhin , bei einer Begegnung im Garten , vor mir zu verbergen suchte ! « Elisabeth bog sich bei Erwähnung des verhaßten Namens tiefer auf ihre Arbeit . Das Blut schoß ihr in das Gesicht bei dem Gedanken an Hollfelds gestrige Unverschämtheit , von der sie jedoch bis jetzt der Mutter noch nichts erzählt hatte , aus Furcht , sie könne sich nachträglich alterieren . Vielleicht war dies auch nicht der einzige Grund - wenigstens vermied sie es , die unumstößliche Thatsache klar zu erörtern , nach welcher sie doch eigentlich große Furcht hatte , die Eltern könnten ihr infolge der Zudringlichkeiten Hollfelds die ferneren Besuche im Lindhofer Schlosse verbieten - damit aber wäre ihr ja jegliche Gelegenheit , Herrn von Walde wieder zu sehen , abgeschnitten worden . Währenddem rollte und prasselte es beinahe unaufhörlich drüben bei dem Erker . Bald darauf trat Ferber in den Garten . Er war im Forsthause gewesen und kam nun in Begleitung des Oberförsters zum Kaffeestündchen heim . Ernst lief ihm aufgeregt entgegen . Der Kleine hatte , obgleich den Kordon streng respektierend , den der Vater der Sicherheit wegen für ihn gezogen , bis dahin fast immer im Hauptwege gestanden und mit großem Interesse das Abtragen des Erkers verfolgt . » Papa , Papa ! « rief er , » der Maurer will dich sprechen , du sollst hinaufkommen ... er sagte , er habe etwas gesehen . « Wirklich winkte einer der Arbeiter den beiden Männern eifrig zu , näher zu kommen . » Wir sind auf eine Kammer , oder was es sonst sein mag , geraten , « rief der Mann hinab , » und wenn ich recht sehe , so steht ein Sarg drin . Wollen Sie nicht erst einmal die Sache ansehen , Herr Ferber , ehe wir weiter arbeiten ? ... Sie können sich getrost herauf wagen ; wir stehen auf einer noch recht festen Decke . « Reinhard hatte den Zuruf gehört und kam eilends die Terrassenstufen herabgelaufen . Ein verborgener Raum , der einen Sarg enthielt , das klang fast berauschend für seine Altertumsforscherseele . Vorsichtig stiegen die drei Männer die Leiter hinauf . Die Arbeiter standen da , wo der Erker aus dem Hauptgebäude hervorsprang , und zeigten auf eine ziemlich weite Oeffnung zu ihren Füßen . Bis dahin waren sie auf keinen verschlossenen Raum gestoßen . Dem