, die gute Luft dieser Gegend und pries ihr Wohlbefinden in derselben . Sie sprach von ihrer Heimath , von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Bekannten , und schien es lange gar nicht zu bemerken , daß sie allein die Unterhaltung führte . Auch der Baron beachtete es nicht ; er hatte seine eigenen Gedanken . Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlichkeit , die kleine , feine Gestalt am Arme führend , war es ihm , als komme mit der Berührung dieses Armes , der sich so weich und leicht dem seinen anschmiegte , ihm eine langvergangene Zeit zurück , eine Zeit , in der er voll Feuer , voll Hoffnung , voll jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in das Leben getreten war , die ihm - wie er sich dagegen auch sträubte - jetzt noch reizend und begehrenswerth erschien . Er sehnte sich nach den Empfindungen der Leichtlebigkeit , die er in der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt , und er konnte nicht anders , er mußte in seinem Innern der Herzogin darin Recht geben : die Ehe , wie nothwendig ihre strenge Beschränkung auch sein mochte , war eine Fessel , die wohl drücken konnte . Was denken Sie ? fragte die Herzogin ihn endlich . Der Baron nahm sich zusammen . Ich freue mich daran , wie wenig Gewalt die Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt hat ! gab er ihr zur Antwort . Sie sind noch heute ganz dieselbe , die Sie in Vaudricour gewesen sind ! Und Sie , Cousin ? Können Sie mich das fragen ? erwiderte er , und die Herzogin hütete sich , ihm schnell eine Entgegnung darauf zu machen . Sie schritt jetzt nur , als sei sie des Auf- und Niedergehens müde , die breite Treppe der Terrasse hinunter und wendete sich dann einer der Alleen zu , welche vom Schlosse aus den ganzen Park in langen Linien durchschnitten . Die Bäume waren noch blätterlos , aber die Knospen hatten sich bereits stark gefärbt und begannen zu platzen und sich zu entfalten , daß es wie ein farbiger Duft hier bräunlich roth , dort gelblich , und daneben auf den anderen Gipfeln wie ein leichter , grüner Schleier anzusehen war . Die Sonne schien warm , nur hie und da wehte ein leichter , kühler Hauch durch die Luft , und wohin das Auge sich wendete , verkündete der helle frische Rasen das neue Werden der Natur . Die Herzogin ging wie in stillem Genießen versenkt langsam fort und fort . Erst als sie sich eine Strecke vom Schlosse entfernt hatten , hob sie den Kopf zu ihrem Begleiter empor , sah ihm mit ihren sanften Augen , aus welchen der Frohsinn ganz entschwunden schien , prüfend in das Antlitz und sagte : Sie haben Recht , mein Freund ; und einem Manne , der so viel Philosophie besitzt , wie Sie , kann man das wohl aussprechen , ohne ihn damit zu verletzen : Sie sind allerdings älter geworden , als Ihre Jahre , welche auch die meinen sind , es nöthig machen . Ich komme mir jünger vor , als Sie , aber mich dünkt , Sie tragen daran selbst die Schuld ! Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu erhalten , der uns nicht angenehm ist und den man sich wegleugnen möchte , ist immer eine sehr peinliche Sache . Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen , als die Herzogin ihn nannte , und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmuthe , in wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen könne . Ich weiß nicht , meinte die Herzogin , ob ich mich irre . Es ist indeß mit uns Menschen wie mit den Pflanzen . Jedwede fordert ihr eigenes Erdreich , ihre eigene ihr angemessene Wärme und Behandlung , und auch wir sind nicht überall hin zu versetzen , nicht für jede Umgebung gemacht . Ich meine , Sie hätten sich nicht aus der großen Welt zurückziehen sollen . Der Baron zuckte die Achseln . Ich war ihrer müde geworden , meinte er , und die Baronin .... Die Baronin ist ein Engel , fiel die Herzogin ihm in die Rede , ein Engel an Güte und an Tugend ! Sie besitzt in der That alle die Vorzüge , welche ein Mann wie Sie von einer Frau nur fordern kann , aber - denn eine alte Freundin darf ja wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen ? .... Aber , rief der Freiherr in einem Tone , der nicht eben ermuthigend klang , den jedoch die Herzogin nicht zu beachten für gut fand . Aber , sagte sie , mich dünkt , für Sie , eben für Sie , Cousin , war sie vielleicht nicht die glücklichste Wahl . Sie sind lebhaft , lebenslustig , beweglich , ein wenig eitel und ziemlich egoistisch . Solche Männer sind in der Regel nicht darauf gestellt , immerfort das Gleiche zu empfinden . Solche Männer wollen auch bewundert werden , wollen etwas zu erringen haben , und an dem Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen , nichts zu thun übrig , als fortdauernd zu bewundern und zu verehren . Die Baronin ist vielleicht zu gut für Sie ! Sie sprach das in einer Weise , die es ihm anheimstellte , ob er ihre Worte ernsthaft oder scherzhaft nehmen wollte . Auch zögerte der Baron , ihr zu antworten , und erst nach einer kleinen Pause erwiederte er : In gewissem Sinne könnten Sie Recht haben . Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer der Liebe , und Nachsicht finden , Nachsicht gewähren , Verzeihen und Verzeihung erhalten , kann sehr süß sein , kann die Herzen sehr nahe zusammenführen , sie sehr dauernd verbinden ! Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt . Die Herzogin wußte jetzt , woran sie war ; aber sie wollte auch hier nicht absichtlich , nicht zudringlich erscheinen , und sie beherzigte bei sich , daß man um zu herrschen nicht eilig sein , daß man verstehen müsse , zu warten , um sicher vorwärts zu kommen . Mit jenem spielenden Lächeln , das selten von ihren Lippen wich und das ihren feinen Zügen so wohl anstand , ging sie völlig wieder zum Scherze über . Nun , rief sie , in diesem Falle , mein Cousin , sind Sie durch reichliche Erfahrung competent ! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlaß gegeben und - ich rühme Ihnen das nach - Sie waren liebenswürdig , wenn man Ihnen Nachsicht zeigte ! Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich , theure Herzogin ? fragte der Baron , dem mit diesem Lächeln und diesem Tone seiner Begleiterin eine Vergangenheit wach wurde , deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber nicht gewagt hatte . Die Treue .... Treue ! Wer spricht davon ? Ich habe das Wort nie leiden mögen . Weil Sie sich nie entschlossen , es zu einer Wahrheit zu machen ! Als ob es Ihnen Vortheil gebracht hätte , wäre ich treu gewesen wie die Heldinnen der Fabliaux ! Treu sein , heißt beschränkt sein , Nichts weiter ! In Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen , das heißt ja sich Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten ! Treue ist ein halber Selbstmord . Warum denn von Treue sprechen in einer Welt , in welcher Alles wechselt .... Und Alles eigentlich so schön ist ! unterbrach sie der Baron , der sich mehr und mehr erheiterte . Der Frühling hat seine Blüthen , der Sommer seine Blumen und seine heiße Gluth .... Und der Herbst ? fragte sie , indem sie ihm mit einem langen Blicke , dessen Wirkung sie früher oft genug erprobt , in die Augen schaute , und der Herbst ? O , rief der Freiherr , der Herbst hat seine klare , heitere Wärme , der Herbst hat oft das Licht des Frühjahres und den Duft des Sommers , und darüber hinaus die süße , erquickende Traube des Weines , dessen Feuer beständig ist und dessen Werth sich steigert mit der Zeit . Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen , und - war es der magische Glanz des hellen Sonnenlichtes , das seinen glühenden Schein über das Gesicht der Herzogin ergoß , oder war es der Reflex des dunkelrothen , kleinen Fächers , mit dem sie ihre Augen überschattete - sie kam dem Baron noch jung vor und er fand sie noch reizend . Freilich sah er die Fältchen in ihren Augenwinkeln , aber sie erhöhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes . Er sah auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Züge , welche die Leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten , aber er sah sie nur mit dem Bedauern , daß auch diese einst so anmuthvolle Bildung der Vergänglichkeit zum Raube fallen müsse , und obschon weit davon entfernt , jetzt noch ein Gefühl der Liebe für die Herzogin zu fühlen , wie er es einst vorübergehend auch für sie gehegt , hatte er sie doch nie höher gehalten , als eben in dieser Stunde . Sie war ihm werth , unschätzbar werth ! Er sprach ihr das aus . Er gestand ihr , daß er in diesem Augenblicke , in welchem er finde , was er so lange entbehrt , erst inne werde , wie schwer er einen Menschen , eine Freundin vermißt habe , die seine Erinnerungen mit ihm theile , die durch Menschenkenntniß , durch Welterfahrung ihm nahe stehe , die in sich selbst die Schwäche des Herzens und der menschlichen Natur erfahren habe , die ihm helfen könne , den zu ernsten Sinn Angelika ' s zu erheitern , ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben . Und , so schloß er , ich bin glücklich , theure Herzogin , daß ich in Ihnen , meine Freundin , jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe , die auch mir noch nicht entschwunden ist , und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich gelingen wird , wenn Sie , theure Margarethe , mir die Hand dazu bieten ! Er hielt ihr die Hand hin , sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte , deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet hervorsahen , und er führte sie an seine Lippen . Sie gefielen einander gar wohl in dieser Lage , denn sie betrachteten einander mit den Augen früherer Tage , und in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze Liebe mit ein . Wie segne ich die Stunde , sagte der Baron , in welcher Sie sich entschlossen , uns hier aufzusuchen ! Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft nicht zu werth , das Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen ! O , rief der Freiherr , das muß feststehen zwischen uns , Cousine , daß Sie uns nicht verlassen , bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurückgeleiten können ! Ihr Wort darauf ! Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen , die obenein wetterwendisch ist wie alle alten Frauen ? meinte sie mit guter Laune , während sie umlenkte , um den Rückweg nach dem Schlosse anzutreten . Nun denn , so appellire ich an die Vergangenheit , um mir die Zukunft zu sichern , meinte der Baron . Wir haben es uns einst versprochen , Freunde zu bleiben und einander nicht zu fehlen , wo wir einander nützen können . Denken Sie noch daran , Margarethe ? Ich denke daran , erwiederte sie anscheinend gerührt , denn ich erinnerte mich dieses Versprechens in der Stunde der Sorge , und ich kam zu Ihnen . Wohlan denn , Herzogin , an der Seite meiner jungen Frau fehlte mir immer meine alte Freundin Margarethe . Ich verlange von ihr , daß sie nicht von mir geht , ehe ich sie entbehren kann ! Wird sie mir das versagen ? Nein , o nein , gewiß nicht , mein alter theurer Freund , mein lieber Vetter , rief die Herzogin , als überwältigten sie das Zartgefühl und die Großmuth des Barons , aber gewähren auch Sie mir eine Bitte ! Befehlen Sie , theure Freundin ! Ihnen einen Wunsch zu erfüllen , wird mich glücklich machen ! Nun denn , Baron , gönnen Sie es mir , die Vermittlerin zwischen Ihnen und den Wünschen unserer lieben Angelika zu machen . Die fromme Seele hat ihr Herz einmal an den Bau der Kirche in Rothenfeld gehängt , geben Sie ihr darin nach . Sie wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger , ein wenig fügsamer zu finden ; gehen Sie ihr mit gutem Beispiele voran und fordern Sie Nachgiebigkeit um Nachgiebigkeit . Wie gern , meinte der Baron , nur daß wir eines schönen Effectes entbehren , wenn wir den Vortheil nicht benutzen , welchen der Bau auf der Höhe uns bieten würde . O , Cousin , das ist Monsieur Herbert ' s Sache ! Sie rühmen sein Genie , seine Erfindungsgabe ; er wird einen anderen Vorschlag machen , er wird da oben eine Capelle , ein Kreuz errichten , und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen Eifer genug gethan hat , nun , so wird sie allmählich auch ihren Sinn mehr den Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und das beschämende Gefühl von unseren Häuptern nehmen , daß wir jünger , o , weit jünger sind , als unsere liebe junge Schwärmerin . Sie lachte und wandte ihr Haupt ab ; ihr Nacken und ihr Ohr waren noch zierlich und sehr hübsch . Wie haben Sie es gemacht , Cousine , so jung zu bleiben ? fragte der Baron . Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben , nachdem ich sie durch den Tod des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte , entgegnete sie . Der Baron antwortete ihr nicht darauf , aber sie glaubte ihn seufzen zu hören . Am Abende erklärte der Freiherr seiner jungen Gattin , daß er sich hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Wünschen füge . Sie war davon gerührt und überrascht . Aber sie ahnte nicht , daß sie die Gewährung ihres Verlangens einer fremden Frau verdankte , die wohl wußte , was sie damit gethan , als sie dem Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als zwei von einander abweichende Pfade bezeichnet hatte . Zweites Buch Erstes Capitel In dem grünen Parke von Schloß Richten hatten die zahmen Rehe und Hirsche sich bereits gewöhnt , das Brod aus den Händen des kleinen Renatus zu nehmen , wenn die Wärterin ihn an das Gitter des Geheges führte , und in Rothenfeld stieg die Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor , als die Kriegstrommel durch das Land rasselte , weil der Feldzug , mit welchem man dem bedrängten Könige von Frankreich zu Hülfe kommen wollte , nun eine beschlossene Sache war . Ueberall im Lande gab es Truppenmärsche , in allen Häusern hatte man Einquartierung ; auch das große , schön gelegene Haus des Juweliers Flies war natürlich nicht davon verschont . Angenehme Gäste waren diese , von Werbern aus allen vier Weltgegenden zusammengebrachten Truppen , diese Söldlinge , welche nur mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten , eben nicht , und der Kriegsrath Weißenbach hatte es von dem Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst gefordert , daß dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quartier nahm und dem Kriegsrathe die beiden Offiziere überließ , mit denen doch ein Verkehr und ein anderes Auskommen möglich war . Der Kriegsrath , dem der Caplan vor einigen Jahren auf den Vorschlag des Juweliers den Sohn Paulinen ' s übergeben hatte , stand aber auch mit seinem Hausherrn immer auf dem besten Fuße . Herr Weißenbach war ein Mann , der seine Ruhe liebte , der seine festen Gewohnheiten hatte und der für das Muster eines ruhigen und fleißigen Beamten galt . An jedem Morgen ging er um die bestimmte Stunde in sein Bureau , an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde heim , und eben so regelmäßig pflegte er dann in den Laden des Juweliers zu treten , der schon lange neben seinem Gold- und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte machte und von dem Gouverneur der Provinz , wie von dem hohen Adel mit mannigfachen Geld-Operationen beauftragt wurde . Dadurch war er meist wohl unterrichtet über alles , was in den Familien des Adels und des Bürgerstandes vorging . Der Kriegsrath seinerseits , obschon er sehr gewissenhaft über seinen Amtseid dachte , wußte doch immer Dies und Jenes von den Maßregeln der Regierung zu erzählen , was er freilich nur als Muthmaßungen bezeichnete , was aber dem scharfsichtigen und gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz und Frommen gereichte , und da man auf diese Weise für einander zugleich unterhaltend und förderlich war , so liebten beide Männer es , alltäglich ein Viertelstündchen zusammen zu verplaudern . Sie sprachen daneben vor Fremden auch günstig von einander , und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig ihren guten Ruf und ihren Credit , ohne daß sie deshalb einen eigentlichen gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten . Denn die Flies ' sche Familie zu sich einzuladen , fand die Kriegsräthin nicht passend ; aber sie verschmähte es deßhalb nicht , sie hier und da einmal allein zu besuchen , von ihr jeden Dienst zu fordern und anzunehmen , welchen dieselbe zu leisten nur irgend geneigt und im Stande schien , und beide Theile glaubten nicht , sich damit etwas zu vergeben . Der Kriegsrath , wie weit er auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war , fühlte sich doch als einen Theil der Beamtenwelt , die in des Königs Namen das Land regierte , und der Juwelier , welcher seinen Schwerpunkt in seinem wachsenden Vermögen hatte , gönnte dem Kriegsrath seinen Beamtenstolz und sein gemessenes feierliches Wesen . Konnte er doch berechnen , wie weit diese Vornehmheit ungefähr zu gehen vermochte ! Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegenseitigen Verhältnisse nichts . Denn wie abweichend der Hausherr und sein Miether auch über die Dinge dachten , welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt geschahen , so waren beide doch vorsichtig genug , die obwaltende Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu berühren . Der Kriegsrath wünschte es mit einem Manne nicht zu verderben , der nachzusehen wußte , wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten ließen . Auch um Paul ' s willen mußte man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu bleiben suchen , und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest , daß man jeden Menschen einmal brauchen könne und also Niemanden unnöthig von sich weisen dürfe . Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das Abkommen wegen des Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben , mit welcher er alle seine Geschäfte abzumachen liebte , und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt . Einmal hatte er gewünscht , sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen , der ihm ein guter Kunde war , und zweitens hatte er geglaubt , es könne ihm in jedem Betrachte nur vortheilhaft sein , wenn die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe steigerten , welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den Betrag des Miethzinses ausmachte . Aber erst , als sie das Kind bereits im Hause hatte , war die Kriegsräthin auf die Frage gekommen , in welcher Weise sie dasselbe vor den Leuten aufzuführen haben werde . Eingestehen , daß sie den Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme , das mochte sie nicht gern , und ein Kind von solcher Herkunft für den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben , verweigerte der Kriegsrath . Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel , den Knaben als eine Waise darzustellen , deren man sich angenommen habe , und damit schienen die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelöst . Man hatte eine Form , in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte , es war gerechtfertigt , wenn man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt , es gab für die Großmuth und Herzensgüte der Pflegeeltern ein schönes Zeugniß , und es erzog , wie die Kriegsräthin sagte , ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fügsamkeit , die für ihn am angemessensten schien , weil seines Gleichen doch in der Regel keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten . Die Kriegsräthin war überhaupt eine gescheite und daneben eine hübsche Frau , die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem älteren Manne zusammenstimmte . Er war ein wenig trocken und pedantisch ; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch . Er liebte die Arbeit , sie die Muße ; er hielt auf seine Gewohnheiten , sie sehnte sich nach Wechsel und nach Neuem ; ihm genügten sein Amt und seine Lebenslage , sie besaß den Ehrgeiz , für ihren Mann ein höheres Amt , für sich eine glänzendere gesellschaftliche Stellung zu begehren , und sie war der Meinung , daß eine hübsche , gescheite Frau ihrem Manne vielfach nützen könne . Es war ja nicht das Verdienst allein , daß man im Staate belohnte , nicht allein die Kenntnisse und die Tüchtigkeit , welche den Beamten vorwärts brachten . Vornehme Verwandtschaften und einflußreiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale , und Frau Weißenbach , welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte , ihrem Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln , hatte sich eben deshalb auch so schnell bereit erklärt , das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich aufzunehmen . Denn auf die förderliche Gunst eines Mannes , dem man ein Geheimniß bewahrte , meinte sie rechnen zu dürfen . Wenn man aber mit einflußreichen Leuten in Berührung zu kommen wünschte , so mußte man , wie die Kriegsräthin behauptete , einen gewissen äußern Anstand zeigen , weil sich mit einer Familie einzulassen , von welcher man in jedem Augenblicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muß , der Angesehene und Vielvermögende , der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein mag , überall Bedenken trägt ; und der äußere Anstand war auch gar so schwer nicht zu behaupten . Eine gute Einrichtung , wenn sie einmal angeschafft ist , hält lange vor , und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu tragen , daß alles an ihr einen besonderen Anstrich erhält . Es war auch gar nicht nöthig , daß der Kriegsrath sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte . Sah man die Frau nur im Theater , wenn die Schauspielertruppe sich am Orte aufhielt , traf man sie nur in dem Kaffeegarten , in welchem die angesehenen und gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden , so konnte der Mann in Gottes Namen bei seiner Arbeit bleiben . Hier und da ein Abendbrod zu geben , oder einige Personen zum Spiel bei sich zu sehen , das konnte man leicht ermöglichen . Man schränkte sich dafür in der Familie ein wenig ein , und ließen die Ausgaben und Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen , so verstand Laura es vortrefflich , den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes einflußreiche Stellung Geduld zu predigen , und sie auf die mancherlei Lieferungen zu vertrösten , welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward . Auf solche Art geschah es , daß die Kriegsräthin ihre Handwerker und diese die Weißenbach ' sche Familie lobten , daß Herr Weißenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war , daß Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten leitete und daß man die Familie Weißenbach durchaus als eine sehr achtungswerthe bezeichnete . Wem die Menschen aber , sei es mit Grund oder ohne Grund , einmal wohlwollen , dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als ein solches aus , und Frau Weißenbach hatte selbst nicht voraussehen können , welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte , da man einmal günstig für sie gestimmt war . Die Leute , welche sich nur an die materiellen Verhältnisse hielten , meinten , daß verständige Personen sich nur dann die Sorge für eine Waise aufladen , wenn ihnen dies ein Leichtes sei . Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der Kriegsräthin , welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu thun wisse , und kam dem Kriegsrath inzwischen doch einmal die Frage , wie seine Laura es nur anfange , mit seinen Mitteln so weit auszureichen , so wußte diese , seit Paul in ihrem Hause war , Alles auf die für ihn bezahlte Pension zu übertragen und es deutlich zu beweisen , was sich leisten und bestreiten lasse , wenn neben der ausreichenden Summe für das Unerläßliche noch eine sichere Einnahme zur Beschaffung des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei . - Es machten sich also , wie gesagt , die Dinge alle ganz vortrefflich , und Jedermann war recht zufrieden , bis auf den Knaben , der in dem Weißenbach ' schen Hause seine Heimath haben sollte und der es deutlich genug empfand , daß er von der Kriegsräthin , die sich seine Mutter nannte , nur geduldet , nicht geliebt ward ; daß sie ihn entfernte , wenn sie konnte ; daß sie ihn ängstlich bewachte , wenn man mit ihm sprach , und daß sie ihn zum Schweigen verwies , sobald er von seiner wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann . Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange , denn er hatte des Neuen in der Stadt so viel zu sehen , daß es die alten Eindrücke zurückdrängte , und nachdem der Knabe in den ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt hatte , sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag völlig vergessen zu haben , daß er je eine andere Heimath gehabt hatte . Aber mit seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Fröhlichkeit verloren . Er war ein ernsthafter , still beobachtender Knabe geworden , der sich in den Willen und die Weise der Personen , von denen er abhängig war , früh zu schicken lernte . Morgens , wenn der Kriegsrath sich in sein Bureau verfügte , und der alte , reiche Herr Präsident der schönen Laura seine alltägliche Morgenvisite machte , ging Paul bald ganz von selbst hinaus . Er hatte es ja auch schon so oft gesehen , wie der alte Herr der Pflegemutter zärtlich die vollen , weißen Hände küßte und ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strauß oder die gefüllte Bonbonnière überreichte , in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines , werthvolles Geschenk sich verbargen . Abends hingegen , wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe zum Spiele kamen , dann sollte Paul freilich in der Gesellschaft bleiben , aber er mußte es dann stets aufs Neue rühmen hören , wie gut , wie großmüthig seine Pflegemutter , und wie sie zu beklagen sei , daß ihr Pflegesohn nicht freundlicher , nicht fröhlicher , daß er , trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften Gesichtes , ein so verschlossener , ein so wenig liebenswürdiger Knabe sei . Er war herzlich froh , wenn er endlich die Weisung erhielt , das Zimmer zu verlassen , wenn er aus den lichten Räumen sich über den Corridor in die letzte Stube der Wohnung flüchten konnte , in welcher der Kriegsrath , zwischen Actenstößen vergraben , bei seiner Arbeit saß , oder wenn er hinuntergehen durfte zu dem Hauswirthe in die große Stube , welche an den Laden anstieß . Unten bei Herrn Flies , da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort . Da hieß man ihn nicht reden und nicht schweigen , da ließ man ihn nicht hart an , ohne daß er wußte , was er verbrochen habe , da küßte und lobte man ihn nicht vor Fremden , ohne daß er einsah , womit er dies verdient hätte . Herr Flies saß auch Abends niemals so , wie der Kriegsrath , ganz allein in einer stillen , dunkeln Arbeitsstube . Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu thun von früh bis spät , aber sein Thun war lustiger , als das des Kriegsrathes , es war nicht einsam und nicht immer dasselbe . Denn vorn im Laden , der nach der Straße hinaussah , da standen die spiegelhellen Silbervasen , auf denen allerlei Figuren : Menschen , Thiere und Pflanzen nachgebildet waren , vor dem Fenster . Da führte der silberne Mohr mit goldenem Schurz den schneeweißen Elephanten an goldener Kette , da ringelten sich goldene Schlangen um silberne Palmbäume , da gab es in kostbaren Geschmeiden die rothen Korallen und die schimmernden Perlen , welche man , wie ihm Herr Flies sagte , aus der Tiefe des Meeres hervorholte , und daneben funkelte der rothe Rubin und leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Diamanten und dem glänzenden Smaragd , die man in jenen Gegenden finden konnte , in denen die Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der Hindu und der Löwe zu Hause waren , die Paul am Fuße eines großen Tafelaufsatzes zu bewundern liebte . Alles gefiel ihm in dem Laden . Er hatte immerfort etwas zu betrachten . Er hörte es gern , wenn Herr Flies den Käufern die Schönheit seiner Waaren rühmte , er sah ihm gern zu , wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blitzschnell aus der Rechten in die Linke gleiten ließ , um es dann in gleichmäßigen Haufen neben einander aufzustapeln , oder wenn die Leute kamen , denen man Geld zu