; wieder verbeugte sich Hans , und der Geheime Rat Götz räusperte sich , schien es sehr zu bedauern , aufgestanden zu sein , blieb jedoch , da er einmal stand , stehen und fuhr mit dem rechten Arm schnell nach dem Rücken , was in jedem andern als dem Kandidaten die Vermutung erregt haben würde , jetzt drücke er auf eine Feder oder drehe eine Schraube oder ziehe an einem Faden . Was er aber auch an den beiden Knöpfen am Hinterteil seines Frackes vornehmen mochte , die Folge davon war eine schlechte Nachahmung einer der sechs theologischen Verbeugungen . » Der Herr Kandidat Unwirrsch « , wiederholte Kleophea ihre Vorstellung , während der Papa in einem wirklichen geheimen Rat zu überlegen schien , in welcher Weise er den Präzeptor empfangen solle . Jetzt entschloß er sich und sagte : » Ich sehe den Herrn , habe ihn auch bereits seit zehn Minuten erwartet , heiße denselben aber auch jetzt noch willkommen . Ist mei-ne Frau , deine Mutter zu Haus , liebe Kleophea ? « » Nein , Papa . « » Sehr leid ! Herr Kandidat , ich hoffe , daß ein längeres näheres Zusammenleben uns auch näher zusammenführen wird . Kleophea , wann wird mei-ne Frau , deine Mutter nach Haus kommen ? « » Ich kann es nicht sagen , Papa . Du weißt , daß sich selten darüber etwas Genaues bestimmen läßt . « Es schnurrte jetzt in dem Geheimen Rat , und er räusperte sich bedenklich ; Hans Unwirrsch hielt es für gelegen , seinen festen Willen kundzugeben , sich so nützlich als möglich zu machen und seinem schweren , aber auch segensreichen Werke mit allen Kräften obzuliegen . Er sprach dem Rate seinen besten Dank aus für das Vertrauen , welches er in einen unbekannten Mann gesetzt habe , und gelobte freiwillig , es in keiner Weise zu täuschen . Der Geheime Rat hatte wieder hinten an seinem Mechanismus gedrückt und war langsam in seinen Sessel , hinter seine Aktenhaufen hinabgesunken . Zweifelhaft konnte es sein , ob er über die Worte seines neuen Hauslehrers tief nachdenke oder ob er dieselben gar nicht gehört habe ; aber wahrhaft magisch war ' s , wie er wieder in die Höhe fuhr , als plötzlich der grün-goldne Lakai im Zimmer stand und anzeigte , daß die gnädige Frau soeben nach Haus gekommen sei und auf der Stelle den neuen Lehrer sehen und sprechen wolle . » Gehen Sie , Jean , und sagen Sie mei-ner Frau , ich würde ihr den Herrn Kandidaten sogleich vorstellen . Liebe Kleophea , willst du nicht auch vorangehen zu deiner Mutter ? « Jean verbeugte sich und ging ; Kleophea zuckte die Achseln , lächelte ironisch und ging ebenfalls . Als sie beide fort waren , geschah ein Wunder- der Geheime Rat faßte den Kandidaten am Knopf , zog ihn dicht zu sich heran und flüsterte ihm zu : » Es ist mein Wunsch , daß Sie in diesem Hause bleiben , Sie gefallen mir , soweit sich Ihre Personalakte bis jetzt übersehen ließ , sehr gut . Ich wünsche , daß Sie auch meiner Frau gefallen mögen . Tun Sie das Ihrige dazu , und nun kommen Sie . « Durch den schon erwähnten Salon führte der Geheime Rat jetzt den Kandidaten zu dem gegenüberliegenden Zimmer , an dessen Tür noch einmal eine merkliche Veränderung über den Mann kam . Die Federn in seinem Innern schienen plötzlich ihre Spannkraft zu verlieren , das Räder- und Zugwerk versagte seinen Dienst , die ganze Gestalt schien kleiner zu werden ; - der Herr Geheime Rat klopfte an die Tür seiner Gemahlin und schien Lust zu haben , vorher durch das Schlüsselloch zu sehen oder doch an demselben zu horchen . Einen Augenblick später stand Hans Unwirrsch vor der - Herrin des Hauses . Eine stattliche Dame in Schwarz mit Adlernase und Doppelkinn - ernst wie eine sternenlose Nacht , auf einem dunkelfarbigen Diwan , hinter einem dunkelfarbig behängten Tische ! Feierlicher Eindruck des ganzen Gemaches ! Jeder Stuhl und Sessel ein Altar der Würde . Ernst , keusch , feierlich und würdig Wände , Plafond und Teppiche , Bilder und Vorhänge - alles in stattlicher Ordnung und Gesetztheit bis auf den siebenjährigen , kaffeegesichtigen , geschwollenen kleinen Schlingel , der beim Anblick des Präzeptors ein entsetzliches , widerliches , wütendes Geheul erhob und mit einer Kinderpeitsche Angriffe auf die Beine des Kandidaten Unwirrsch machte ! » O Aimé , welch ein Betragen ! « sagte die Dame in Schwarz . » Komm zu mir , mein Liebling , rege dich nicht so schrecklich auf . Kleophea , willst du nicht dem Kind das Peitschchen fortnehmen ? « Kleophea zuckte wiederum die Achseln : » Ich danke , Mama . Aimé und ich- « Die gnädige Frau , mit der Hand winkend , rief : » Schweige nur ; ich weiß schon , was jetzt kommen wird . Sieh , mein Püppchen , was ich dir für deine Peitsche gebe ! « Einer Bonbontüte konnte das liebliche Kind nicht widerstehen , es gab sein Marterinstrument in die Hände der Mutter , die dadurch alles erhielt , was ihr noch zur letzten Vollendung ihrer imponierenden Erscheinung fehlte . Mit der Peitsche in der Hand widmete sich jetzt die Geheime Rätin gänzlich dem neuen Hauslehrer . Sie unterwarf ihn einem strengen Examen und erbat sich die allergenaueste Auskunft über die » Führung « seines Lebens . Moral und Dogma des jungen Mannes , dem ein so kostbares Juwel anvertraut werden sollte , waren ihr sehr wichtig , und nicht ganz ging ' s bei einigen Einzelfragen ohne Stirnrunzeln ab . Im ganzen jedoch fiel das Examen zugunsten des Examinanden aus , und der Schluß war sogar recht befriedigend . » Ich freue mich , hoffen zu können , daß Ihr Wirken in diesem Hause ein gesegnetes sein werde « , sagte die gnädige Frau . » Sie werden finden , Herr Kandidat , daß der Herr Sie unter ein streng christliches Dach geführt hat . Sie werden finden , daß der Same des Heils in dem Herzen dieses kleinen , sensitiven Engels bereits ausgestreut ist . Unter meiner speziellen mütterlichen Aufsicht werden Sie zur Entfaltung aller schönen Blüten in diesem jungen Herzen nach Kräften beitragen , und der Herr wird Ihr Werk uns zum Segen gereichen lassen . Demütigen und einfältigen Herzens werden Sie unter uns wirken und sich durch kein weltliches Lächeln und Spötteln ( hier traf ein Blick und ein imaginierter Peitschenhieb die schöne Kleophea ) beirren lassen . Aimé , mein süßes Blümchen , du darfst jetzt dem Herrn Kandidaten die Hand geben . « Das süße Blümchen mußte die Aufforderung jedenfalls falsch verstanden haben . Statt dem Herrn Kandidaten die Hand zu geben , zeigte es ihm etwas anderes und brach von neuem in jenes vorhin erwähnte , Mark und Bein durchdringende Geschrei aus ; und als der Hauslehrer es wagte , sich ihm zu nähern , stieß es mit den Füßen nach seinen Schienbeinen , so daß er schmerzlich bewegt zurückwich und nur aus der Ferne die Hoffnung aussprach , daß Aimé und er bald vertrauter miteinander werden würden . » Ich hoffe es auch « , sagte die gnädige Frau . » Ich hoffe , daß Sie alles aufbieten werden , sich die Liebe und Zuneigung meines Knaben zu erwerben . Durch ein kindlich einfältigliches und demütiges Wesen läßt sich leicht die Liebe eines Kindes erlangen . O welch einen Schatz lege ich in Ihre Hände , Herr Unwirrsch ! O meine liebliche Sensitive , mein Aimé ! « Der Geheime Rat hatte während der ganzen Verhandlung nicht ein einziges Wort gesprochen . Er stand da und hielt , wenigstens äußerlich , alles , was ward , für gut . Was er im Innern seines Busens bewegte , ward in keiner Weise kund - der gute Mann hatte gelernt , in Gegenwart seiner Gemahlin stille in dem Herrn zu sein . Kleophea war ganz verschwunden . Was sie hinter dem Fenstervorhang , hinter den sie sich versteckt hatte , trieb , bleibt ebensosehr ein Geheimnis wie die Gefühle des Papas . Die Gefühle des Herrn Hauslehrers waren nicht die angenehmsten . Mit Unbehagen sah er in die Zukunft und gestand sich seufzend , daß auch Kohlenau seine Reize gehabt habe . Er fühlte sich von einer Luft umgeben , die den Schweiß beförderte , ihn aber auch zurückhielt . Mit nicht allzu heißem Dank dachte er an den Leutnant Rudolf Götz , der ihm die Ehre und das Vergnügen verschafft hatte , in diesem Hause Erzieher zu sein . Das rätselhafte Verschwinden des Mannes im wichtigsten Augenblick und auf der Treppe konnte auch nicht zu seinen Gunsten gedeutet werden ; Hans Unwirrsch fing an , den Leutnant Rudolf Götz für einen arglistigen Charakter zu halten - der getreue Eckart verwandelte sich in einen heimtückischen Irrwisch , der mitten im Sumpf erlosch . Hans Unwirrsch sank unter den Blicken der Geheimen Rätin Aurelia Götz , geborener von Lichtenhahn , langsam , aber sicher in die Tiefe , und weder hinter dem Fenstervorhang noch hinter dem Rücken des Geheimen Rats kam eine helfende Hand hervor . Von einer andern Seite streckte sich die hülfebringende Hand aus . » Wo ist Franziska ? « fragte die gnädige Frau . Kleophea hinter dem Vorhang wußte es nicht : der Geheime Rat wußte es ebenfalls nicht . » Bitte , Herr Unwirrsch , wollen Sie die Güte haben , die Glocke zu ziehen ? « sagte die gnädige Frau , und Hans Unwirrsch suchte mit den Blicken den Zug . In dem Augenblick aber , wo er ihn gefunden hatte , öffnete sich bereits die Tür , die aus dem Salon in das Gemach der gnädigen Frau führte , und eine kleine , unscheinbare Gestalt im grauen , unscheinbaren Kleide glitt mit gesenkten Augen in das Gemach ; - Hans Unwirrsch klingelte nicht . An Franziska Götz hatte er während der letzten halben Stunde nicht gedacht . » Da bist du ja , Franziska « , rief die Geheime Rätin . » Meine Nichte , Fräulein Götz - Herr Unwirrsch ! « fügte sie kurz hinzu und sah dabei womöglich noch stattlicher , aber auch noch viel gletscherhafter aus . » Laß dem Herrn Kandidaten sein Zimmer anweisen , Kind ; wir haben ihn unter unsere Hausgenossen aufgenommen . « Franziska Götz verneigte sich stumm , und als sie unhörbar an Hans vorüberglitt , hob sie die Augen zu ihm empor , um sie blitzschnell wieder zu senken . » Folgen Sie dem Fräulein , Herr Kandidat « , sagte die gnädige Frau , die Peitsche weglegend . Hans machte ihr abermals eine Verbeugung , von welcher diesmal keine Notiz genommen wurde ; er verbeugte sich vor dem Geheimen Rat , der wenigstens ein klein wenig auf seinen Mechanismus drückte , und da der Fenstervorhang sich jetzt leise bewegte , so machte Hans auch dem eine Verbeugung ; dann folgte er dem Fränzchen des Leutnants Rudolf und erlaubte sich , auf dem Korridor tief , aber doch vorsichtig aufzuatmen . Da stand auch wieder der majestätische Bediente , dessen Backenbart immer mehr anzuschwellen schien , je länger man ihn betrachtete . Über seine Achselschnüre sah er mit legitimer Verachtung auf den » neuen Hauslehrer « und gab nur zweifelhafte Geneigtheit kund , den ungentilen Hungerleider zurechtzuweisen . Fräulein Franziska Götz sah aber auch zweifelhaft auf den Mann in Grün und Gold , wandte sich dann an Hans und sagte leise : » Wenn Sie die Güte haben wollen , mir zu folgen , so werde ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen . « Sanft war ihre Stimme , zärtlich und mild , » ein köstlich Ding an Fraun « , wie der alte König Lear sagte , und auf den Hacken drehte sich Jean bei ihrem Klang und schritt davon , mit ungebogenen Knien , sehr auswärts und sehr überzeugt , daß er seine Stellung zu wahren wisse . » O mein Fräulein , wie seltsam führt uns das Schicksal wieder zusammen , und wie sehr habe ich demselben dafür zu danken ! « rief Hans ; das Fräulein aber legte den Finger auf den Mund und flüsterte : » Ich habe meinen Onkel Rudolf gesehen - habe ihn gesprochen - - - er hat mir von Ihnen erzählt . O mein armer , treuer , lieber Onkel Rudolf ! « Sie schwieg , aber Hans Unwirrsch sah eine Träne an ihren Wimpern ; er wagte es nicht mehr , sie anzureden , sondern folgte ihr stumm in das zweite Stockwerk des Hauses . Im Innersten seiner Seele sagte er : Gottlob ! Er mußte wohl Ursache dazu haben . » Hier ist Ihr Gemach « , sagte Franziska , eine Tür aufschließend . » Mögen Sie frohe und glückliche Stunden darin verleben ! Es ist mein herzlicher Wunsch und auch der meines Onkels Rudolf , welcher Sie sehr gern zu haben scheint . « » Wie danke ich Ihnen , wie dem Herrn Leutnant ! Und es ist alles so unverdient , was der Herr Leutnant an mir getan hat ! Es ist so traumhaft , wie er mein Geschick in die Hand genommen und mich in dieses Haus geführt hat . « » Er hat oft von Ihnen gesprochen seit jenem Abend , an welchem wir in jenem Wirtshaus zusammentrafen . Ich war damals sehr bekümmert , sehr unglücklich . O der gute Onkel Rudolf ! Auch mein armes Leben hat er geführt . Ach wenn Sie ihn ganz , ganz kennten , Herr Kandidat ! « » Ich hoffe , ihn nach seinem vollen Wert kennen-und schätzenzulernen ! « rief Hans . » Bei längerm Aufenthalt in diesem Hause - « Wie erschrocken legte Franziska wieder den Finger auf den Mund . » In diesem Hause dürfen Sie nicht zuviel von dem Onkel Rudolf reden ! « sagte sie . » Die Tante liebt ihn nicht . Es ist recht traurig . « » Ah ! « seufzte Hans Unwirrsch , und im nächsten Augenblicke hatte ihn des Leutnants Fränzchen allein in seinem neuen Aufenthaltsort gelassen ; er konnte sich ihn genauer betrachten und aus dem Fenster sehen , nachdem er die vier Wände und die Gerätschaften gemustert hatte . Die blautapezierten Wände , die vier Stühle , der Tisch , der Kleiderstock , das kleine Sofa und der kleine Kanonenofen hatten nichts Außergewöhnliches an sich : der Blick aus dem Fenster dagegen war nicht so leichthin abgetan . Jetzt sprang der Brunnen inmitten des Grasplatzes und spielte lustig im Sonnenschein mit einer glänzenden Messingkugel . Da war das zierliche Eisengitter , welches das geheimrätliche Besitztum von dem Spazierweg der großen Stadt schied . Es war etwas Wunderbares für Hans Unwirrsch , auf diesen Weg und sein Gewühl von Wagen , Reitern und Fußgängern hinabzublicken und vergeblich zu warten , daß der bunte Strom sich verlaufe . Und da war jenseits des Weges für Rosse , Wagen und Fußgänger der waldähnliche Park und die schnurgraden Alleen , in die man hineinsah wie in einen Guckkasten . Und wie mußte das alles sein , wenn erst die Bäume grün waren ! Wahrlich , diese Hoffnung auf dieses Grün konnte allein schon einigen Trost im Grau der Gegenwart gewähren . Der Hausknecht vom Grünen Baum brachte jetzt mit einem Gruß des Herrn Leutnants Götz die Reisetasche des Kandidaten und entriß denselben dadurch seinen Fensterbetrachtungen . An den Faktor zu Kohlenau mußte der zurückgelassenen Habseligkeiten wegen geschrieben werden ; aus dem Taschenexemplar des griechischen Neuen Testamentes , das Hans auf den Tisch legte , fiel die Karte , auf welcher fein in Stahl gestochen zu lesen war : Dr. Theophile Stein Hedwigstr . 25 , 2 Tr . Hans Unwirrsch hatte keine Zeit mehr zu träumen ; er mußte überlegen , so gut ihm das bei dem Durcheinander der Gestalten und Verhältnisse in seinem Innern möglich war . Moses Freudenstein und der Leutnant Götz , Moses Freudenstein und Franziska Götz , Franziska und die gnädige Frau , die gnädige Frau und Kleophea , der Geheime Rat , Jean in Grün und Gold - bellum omnium contra omnes , und Hans Unwirrsch , candidatus theologiae und Präzeptor , mittendazwischen ! Es war ein Zustand , in welchem der Mensch wohl berechtigt war , nach der Stirn zu greifen , wie jemand , der mit verbundenen Augen längere Zeit im Kreise gedreht wurde und der nach abgenommener Binde sich durchaus nicht fest auf den Füßen fühlt und noch weniger weiß , was er von seiner Umgebung denken soll . Auch Hans Unwirrsch fühlte das unabweisbare Bedürfnis , einige Federn seines Wesens schärfer anzuspannen und einige Schrauben desselben anzuziehen . Er las ein Kapitel des Neuen Testamentes und darauf eine Seite in einer Taschenausgabe des Epiktet . Nachher konnte er mit größerer Fassung dem stattlichen Jean unter die Augen treten , als dieser ihn zum Diner herniederentbot und die Bemerkung fallenließ , daß es anständig sei , mit weißen Handschuhen dabei zu erscheinen . Zum erstenmal aß Hans Salz und Brot mit seiner neuen Lebensgenossenschaft . Wieder hatte er viele Fragen nach seiner Präexistenz zu beantworten , und es zeigte sich , daß in seiner Präexistenz viele der Dinge , welche auf die Tafel kamen , noch nicht vorgekommen waren . Die gnädige Frau blieb auch jetzt eine Geborene von Lichtenhahn , der Geheime Rat blieb , was er war ; Kleophea lächelte und zuckte die Achseln , Aimé war sehr unaimable , und Fränzchen saß zuunterst am Tisch neben dem Kandidaten Hans Unwirrsch . Achtzehntes Kapitel Der neue Hauslehrer orientierte sich nun in dem Hause des Geheimen Rates Götz , so gut es angehen wollte . Den Leutnant bekam er richtig nicht wieder zu Gesicht , und so war er im Anfang vollständig auf sich allein angewiesen . Daß das Regiment des Hauses in den Händen der gnädigen Frau lag , mußte auch dem Befangensten bald klarwerden ; in seinem Kollegio mochte der Geheime Rat eine Autorität sein , in seinem Heimwesen war er es jedenfalls nicht . Mit starker Hand führte Aurelia Götz , geborene von Lichtenhahn , das Zepter , nicht allein der Sitte , und ließ selten etwas über sich kommen . Bis an die Grenzen des Reiches Kleopheas gebot sie unumschränkt ; Reunionskriege Ober jene Grenzen hinaus waren jedoch immer erfolglos gewesen , und so herrschte zwischen Mutter und Tochter das , was man in der Politik einen bewaffneten Frieden nennt . Kleophea erschien dem Hauslehrer als ein Wunder , und sie war es auch in mancher Beziehung . Außergewöhnlich schön , war sie auch außergewöhnlich talentreich . Sie zeichnete und malte vortrefflich , doch am liebsten Karikaturen , sie spielte Klavier und sang , wenngleich ihre Stimme nicht zu den klangvollsten gehörte ; sie sprach und schrieb mehrere Sprachen , am liebsten aber die französische . Sie las viel , überschlug aber auch viel , doch nie das , was junge Damen lieber überschlagen sollten . Eine ihrer schrecklichsten Waffen gegen die Mama war , daß sie imstande war , in einem vollen Gesellschaftszimmer höchst unbefangen Bücher und Schriftsteller zu zitieren , die einen ganzen Teetisch in die Luft sprengen konnten . In einem Damentee , und noch dazu in einem frommen , den Boccaccio und den » Decamerone « zu nennen mußte freilich auf die Mama wirken wie ein Flintenschuß auf eine Schneealpe . Es kam eine Lawine herunter , aber verschüttet wurde weiter nichts als einige Tassen Tee . Das schöne Haupt der Sünderin ließ sich nicht so leicht verschütten ; die glänzenden Augen leuchteten munter durch alle eisigen , stäubenden Wirbel , und es befand sich in dem entsetzten Zirkel keine Matrone , die nicht ein Fräulein , das sich in solcher Weise bloßgeben konnte , zu vielen andern Dingen fähig hielt . - Wie zornig nach jedem solchen Vorfall die Geheime Rätin Götz sein mochte und wie sehr sie Recht dazu haben mochte : recht behielt sie nicht . Kleophea war eine gewandte Dialektikerin , fast so gewandt in der großen Kunst wie Moses Freudenstein . Mit tausend allerliebsten Bosheiten schlug sie die Mutter aus allen ihren Verschanzungen , und es gab keinen Engel im Himmel , der das Verhältnis zwischen der Geheimen Rätin Götz und dem Fräulein Kleophea Götz gebilligt hätte . Kleophea haßte ihre Mama schon des Namens wegen , welchen sie in der Taufe von derselben erhalten hatte . Von frühester Jugend an hatte sie gegen diesen Namen Opposition gemacht , und viel , sehr viel in ihrer jetzigen Charakterentwicklung war aus diesem Namen und der Opposition dagegen abzuleiten . Die Geheime Rätin war sehr kirchlich gesinnt und hatte in ihrem Boudoir einen sehr zierlich geschnitzten Betschemel aufgestellt , an welchem Kleophea in ihrer Kindheit so oft und so lange hatte knien müssen , daß sie es jetzt fast für ihre Pflicht hielt , sich an demselben und allem , was damit zusammenhing , zu rächen . Sie wurde im vollsten Sinne das Enfant terrible des Hauses , und daß unter so bewandten Umständen die Schrauben am und im Mechanismus ihres Vaters vor ihren vorwitzigen Fingern sicher seien , war eigentlich nicht zu verlangen . Der Geheime Rat hatte noch weniger Einfluß auf die Tochter als die Geheime Rätin ; der Unterschied zu seinem Nutzen lag nur darin , daß er , der Vater , nicht so sehr darauf bestand , seine Autorität auszuüben . Seine Frau hatte ihn das gelehrt . Um ihren Bruder kümmerte sich Kleophea durchaus nicht . Sie erklärte ihn für eine » ekelhafte kleine Kröte « , und er durfte kaum sich in ihre Nähe wagen . Sie war die einzige im Hause , welche die Tyrannei des kränklichen , verzogenen Kindes nicht duldete , wodurch sich freilich das Verhältnis zur Mutter nicht verbesserte . Ganz eigentümlicher Art aber war das Verhältnis der Tochter des Hauses zu der darin aus Barmherzigkeit aufgenommenen armen Verwandten . Anfangs war ihr Kleophea mit großer Freundlichkeit und Teilnahme entgegengekommen : eine Bundesgenossin glaubte sie gewonnen zu haben , hatte sich darauf gefreut , mit ihr zusammen den Schelm spielen zu können , und fühlte sich um so mehr enttäuscht , als sie das Fränzchen nach der ersten Stunde ihres Zusammenseins für ein » Lamm « erklären mußte . Nun versuchte sie es , eine Sklavin aus der Kusine zu machen , und dieses gelang ihr wenigstens zum Teil , In allen Dingen , bei denen es nicht auf das Weh anderer abgesehen war , unterwarf sich das stille Fränzchen vollständig der schönen , muntern Kleophea ; doch zu keinem der vielen Streiche , die das Hauswesen dann und wann in Verwirrung brachten , bot Franziska Götz ihre Hand und Hülfe . So war sie bald Vertraute , bald das Gegenteil , so wurde sie jetzt geliebkost und verhätschelt , um im nächsten Augenblick schnöde und kühl beiseite geschoben zu werden . Je nachdem die Wolken am Himmel des Hauses wechselten , je nachdem der Barometer der Mädchenlaune stieg oder fiel , wurde des Leutnants Fränzchen aus dem Winkel hervorgeholt oder in denselben zurückgetrieben . Immer gut , sanft und freundlich blieb des Leutnants Fränzchen , und nur ein scharfes Auge konnte den oft so leidvollen Ausdruck ihrer Züge erfassen . Man lernte Franziska Götz doch nicht in der ersten Stunde kennen , wie Kleophea sich einbildete . Von der Tante wurde die Nichte nicht ganz so gut behandelt , als man hätte wünschen sollen . Die Geheime Rätin hatte mit ihren beiden Schwägern nie auf dem besten Fuße gestanden ; weder Felix noch Rudolf paßten in den Kreis ihrer Anschauungen ; sie hielt sie beide für » gemeine Naturen « , im besondern aber Felix für einen » geächteten , gottlosen Freibeuter und Jakobiner « - und Rudolf für einen » leichtsinnigen Bettler und unsittlichen Vagabonden « . Dessenungeachtet hatte sie die Waise gern in ihr Haus aufgenommen ; die Stadt sprach davon , und man konnte auch selber davon sprechen . Es war Christenpflicht , der Verlorenen eine hülfreiche Hand zu bieten ; es war Verwandtenpflicht , den Versuch zu machen , das » bejammernswerte , verwahrloste Geschöpf « den anständigen Kreisen der Gesellschaft zu erhalten . Es gab keine Frau in der ganzen Stadt , die ihre Pflichten genauer kannte als die Geheime Rätin Götz ; aber ein so großer sittlicher Vorzug das auch sein mochte , Franziska fühlte sich darum nicht glücklicher in der Temperatur dieser Pflichten ; denn kühl , sehr kühl war diese Temperatur . - - Von Kohlenau schickte der Buchhalter den Koffer mit einem Briefe , in welchem er mitteilte , daß der neue Hauslehrer eingerückt sei , daß aber er - der Buchhalter - kein Agio auf ihn gäbe und daß er brutto wie netto ein Artikel sei , der keinem Menschen gefallen könne außer der Schwägerin . Dieses alles ließ Hans Unwirrsch auf sich beruhen ; er packte seinen Koffer aus , und da fast mit jedem Gegenstande , der darin verborgen war , eine Erinnerung früherer , freierer , glücklicher Stunden ans Licht kam , so trug das viel dazu bei , ihm sein Gemach in dem Hause des Geheimen Rates Götz behaglicher zu machen . Viel hatte ihm die Natur versagt , aber die Kunst , sich einzurichten , hatte sie ihm gegeben , und damit ein großes Gut . - Den süßen Aimé durfte der Präzeptor natürlich nur unter den Augen der Mama unterrichten , und der Lehrer schwitzte dabei mehr als der Schüler . Manches hatte die Geheime Rätin an dem armen Hans auszusetzen ; seine Lehrmethode , seine Ansichten erschienen ihr oft im höchsten Grade tadelnswert , und daß er nicht schon jetzt ein Nervenfieber bekam , hatte er nur der ungemeinen Zähigkeit seiner Nerven zu danken . Daß Kleophea dann und wann bei den Lektionen zugegen war , machte dieselben auch nicht behaglicher . Sie hatte eine Art , über ihre Arbeit oder ihre Schulter zu blicken , welche , zumal wenn die Mama redete , sehr leicht in Verlegenheit bringen konnte . Sie war zu schön , um andere Leute ruhig sitzen zu lassen und selber ruhig zu sitzen . Ihre Garnknäule rollten nicht durch Zufall , sondern meistens mit Absicht im Zimmer umher , und die Fäden schlangen sich dann oft mit großer Arglist um die Füße des Herrn Kandidaten , und sehr schwer wurde es dem Herrn Kandidaten , sich von diesen bunten Fäden loszumachen , während die Mutter des jungen Gracchen , den er unterweisen sollte , stirnrunzelnd und drohend sich über ihn wunderte . Ob sich Franziska im Zimmer befinde , konnte oft sehr zweifelhaft sein ; meistens wurde ihre Anwesenheit erst durch eine Seitenbemerkung oder einen frostig gegebenen Auftrag der gnädigen Frau kund . Es dauerte eine geraume Zeit , ehe Hans auch aus andern Zeichen ihre Gegenwart erkannte . Der größte Trost für den Präzeptor lag in dieser Epoche in der Gefräßigkeit seines Zöglings . Sehr oft überarbeitete , das heißt überaß sich Aimé , und an den Tagen , an welchen er dafür büßte und sich etwas zu voll fühlte , fühlte sich sein Lehrer verhältnismäßig erleichtert ; ja er kam sich dann stellenweise wie einer jener jugendlichen Engel vor , die beim Kinn aufhören und für alle andern Gliedmaßen durch ein Paar hinter den Ohren befestigte Flügel entschädigt sind . An einem solchen Tage fand er auch Gelegenheit und Zeit , von der Karte Gebrauch zu machen , die ihm der Doktor Theophile Stein in die Hand gedrückt hatte und die ihm schon so viele Sorgen gemacht hatte der schiefen Stellung wegen , in welche er durch sie sowohl dem Leutnant Götz als auch der Hausgenossin Franziska gegenüber kam . Der Gedanke , daß Moses Freudenstein am meisten zur Lösung dieses für einen Menschen wie Hans so bedenklichen Knotens beitragen könne , kam ihm natürlich auch allmählich wieder in den Sinn . Wie ein Maikäfer , der einem Knaben entwischte , aber noch den Faden , an dem er gehalten wurde , am Beine trägt , flog Hans aus . Das wonnige Gefühl der Freiheit und Selbständigkeit , mit welchem er quer durch den Park und durch die ersten Straßen der Stadt schritt , wich jedoch mehr und mehr , je weiter er in dem Gewühl vordrang . Als er vor dem eleganten , modernen Gebäude in der Hedwigstraße , in welchem der Doktor Stein den zweiten Stock bewohnte , stand , fühlte er sich wieder bedeutend beklommen , starrte geraume Zeit nach den Fenstern hinauf und hätte viel darum gegeben , wenn der Moses oder Theophilus aus einem derselben hätte heraussehen und rufen wollen : » Na , alter Kerl , was stehst du da und gaffst ? Es ist richtig , es ist meine Bude , komm herauf und salve ! « Da aber niemand aus dem Fenster sah als eine alte Dame im ersten Stock , und diese sehr bedrohlich , so blieb für Hans zuletzt doch nichts weiter übrig , als in das Haus hineinzutreten und die Treppe hinaufzusteigen . Er nahm es für ein günstiges Zeichen , daß jene alte , grimmige Dame nicht auch aus einer Tür guckte , als er über die Wachstuchdecke ihrer Hausregion schritt oder vielmehr auf den Zehen schlich . Er hätte nicht gewußt , was er antworten sollte , wenn sie ihn gefragt hätte , was er suche und ob sie nach der Polizei schicken solle . Ohne Fährlichkeiten erreichte Hans das zweite Stockwerk und die Tür , an der ein Porzellantäfelchen den geänderten Namen seines Jugendfreundes verkündete . Er klopfte , fuhr aber mit höchst charakteristischem Ruck des Oberkörpers zurück , als nicht Moses , sondern eine frische , jugendliche Weiberstimme » Herein ! « rief . Er starrte nochmals das Schildchen mit dem Namen an : es war ganz richtig - Dr. Theophile Stein ! Wie lange er noch seine Zweifel hin und her