Nacht . Gute Nacht . Die Thür wurde aufgeschlossen . Auf Wiedersehen ! flüsterte Oswald , noch einen Kuß auf Helenens Hand drückend . Auf Wiedersehen ! flüsterte Helene . Im nächsten Augenblick war sie im Hause verschwunden . Ohne recht zu wissen wie , war Oswald in die Stadt zurückgekommen . Wo die Marktstraße auf den Markt mündet , in dem großen Eckhause , waren die Fenster hell erleuchtet ; Wagen auf Wagen rollte vor die Thür ; geputzte Damen und Herren stiegen aus und verschwanden im Portale . Als Oswald , dicht an den Häusern hinschreitend , in unmittelbarste Nähe der Thür gekommen war , fuhr eben wieder ein Wagen vor . Der Kutscher parirte die feurigen Thiere zu gewaltsam , und der Bediente , der eben in Begriff stand , vom Bock zu springen , wurde unsanft auf die Erde geschleudert . Er raffte sich sogleich wieder auf , aber der Schmerz mußte gar groß sein ; er blieb wie betäubt stehen . Oswald , der eine einzelne Dame im Coupé bemerkt hatte , die schon , des Oeffnens der Thür harrend , aufgestanden war , griff nach dem Drücker , öffnete die Thür , und die Dame , ihre kleine weißbehandschuhte Hand ahnungslos auf seinen Arm legend , schwebte in einer Wolke von Mousselin und Spitzen herab . In diesem Augenblick , wo das Licht aus dem Portale hell auf Beide fiel , stieß die Dame einen leisen Schrei aus , Oswald mit großen Augen anstarrend . Eine glühende Röthe ergoß sich über ihr Gesicht . Ihre Augen flammten auf - es mochte unentschieden bleiben , ob in Liebe oder Haß . Ihre Lippen zuckten , - augenscheinlich hatte die plötzliche Ueberraschung sie gänzlich überwältigt . Der Bediente , der mit dem Hut in der Hand herangehinkt kam , lös ' te den Zauber . Verzeihen Sie , gnädige Frau - begann der Mann . Ueber Oswalds Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln . Ich gratuliere , gnädige Frau , sagte er leise , ihr die Hand bietend , sie die Stufen hinaufzuführen . Oswald fühlte , daß die schlanken Finger sich sehr fest in die seinen legten . Sie haben es ja gewollt , flüsterte sie ; und jetzt war es entschieden , daß die großen , grauen Augen nicht Haß , sondern Liebe blickten . Besten Dank ! Lassen Sie sich doch einmal bei mir sehen . Ich garantire , daß Cloten Sie freundlich empfangen wird . Sie waren auf der letzten Treppenstufe angelangt . Oswald verbeugte sich . Also auf Wiedersehen , Herr Doctor ? Auf Wiedersehen ! Die junge Dame rauschte in das Portal . Oswald stieg die Stufen hinab , an dem lahmen Bedienten vorüber , der , sich noch immer die Kniee reibend , seinen improvisirten Collegen verwundert anblickte . Emilie von Breesen , murmelte Oswald , indem er weiter schritt ; die reizende Emilie - Frau von Cloten ? Und blos , weil ich es gewollt ? Und wenn ich es nun nicht will , nicht länger will ? Was dann ? Einundzwanzigstes Capitel In den nächsten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt gekommen und hatten ihre Winterquartie in den Kirchthürmen bezogen ; auch behauptete man in gut unterrichteten Kreisen , daß von den adeligen Familien , die den Winter in Grünwald zu residiren pflegten , keine von einiger Bedeutung mehr draußen sei . Das regere Leben , das auf einmal in der sonst so stillen Stadt sich bemerklich machte , bewies das zur Genüge . In dem Theater waren jetzt die Prosceniumslogen , die ausschließlich für den Adel reservirt waren , stets gefüllt . Des Nachts wurden die guten Bürger von Grünwald durch das Rollen schnell fahrender Carossen aus ihrem ersten Schlaf aufgeschreckt , und zwölf Stunden später donnerten dieselben Carossen abermals durch die Straßen , da die nächtlichen Ruhestörer um diese Zeit ausgeschlafen hatten und das Bedürfniß fühlten , einander nach so langer Zeit wieder zu sehen und ihre Ansichten über die interessanten Ereignisse der letzten Ballnacht , - wie oft der junge Graf Grieben mit dem jüngsten Fräulein von Nadelitz getanzt , und welch ' sonderbaren Kopfputz die alte Baroneß Renzien aufgehabt habe - gegenseitig auszutauschen . Gestern war bei Griebens großer Ball gewesen ; auf morgen hatten Grenwitzens zu einer Soirée - der ersten , die sie in dieser Saison gaben - invitirt . Da die Etiquette erforderte , daß man sich nach einer Gesellschaft und ebenso vor einer Gesellschaft nach dem Befinden der betreffenden Gastgeber erkundigte , so mußten heute bei Griebens und bei Grenwitzens Visiten gemacht werden . Das Rollen der Carossen wollte deshalb heute Mittag kein Ende nehmen . Wenn Visiten in größerer Zahl zu erwarten standen , waren im Hôtel Grenwitz die sonst verschlossenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet . So auch heute . Ein Dutzend Visiten waren schon abgefertigt , ein anderes Dutzend wurde noch erwartet . Es befand sich augenblicklich Niemand im Salon , als die Baronin und der Baron . Sie hatten eben die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirt ; aber die Thür hatte sich kaum hinter jenen Damen geschlossen , als der alte Herr sich mit der Miene äußerster Verdrossenheit in einen Lehnstuhl fallen ließ und Anna-Marie sich ihm gegenüber auf das Sopha setzte mit einem Gesicht , von dem jede leiseste Spur von Lächeln hinter Wolken tiefsten Unmuths verschwunden war . Augenscheinlich hatte , ehe der Besuch kam , zwischen ihnen eine unerquickliche Scene stattgefunden , und es handelte sich jetzt darum , wer von Beiden zuerst den unterbrochenen Dialog wieder aufnehmen würde . Diesmal war es gegen die Gewohnheit , daß der alte Herr , der mit nervöser Erregung aus seiner goldenen Tabaksdose eine Prise nahm , den Deckel zuklappte und sodann , als ob ihm Anna-Maria eben jetzt und nicht bereits vor einer halben Stunde das Stichwort gebracht hätte , sagte : Bleiben ? es muß doch Alles einmal ein Ende nehmen - wir können doch Helene nicht für ewig bei Fräulein Bär lassen . Ich bin es nicht gewohnt , erwiderte Anna-Maria , ihre Stickerei zur Hand nehmend , heute so zu sprechen und morgen so . Andere Leute mögen anders darüber denken . Wir würden uns vor aller Welt lächerlich machen , wenn wir Helene nach vier Wochen wieder in ' s Haus nähmen . Es sind beinahe sechs Wochen , brummte der Baron . Vier oder sechs , das bleibt sich gleich . Für mich nicht ; ich bin ein alter Mann , ich kann morgen sterben . Das sagst Du schon seit zehn Jahren . Wenn ich es seit zehn Jahren sage , erwiderte der Baron mit vor Aufregung zitternder Stimme , so ist es , weil ich mich seit zehn Jahren noch keinen Tag gesund gefühlt habe . Und einmal wird doch der Morgen kommen , wo ich nicht mehr bin , und deshalb möchte ich meine Tochter so bald als möglich wieder um mich haben . Nach Deinem Sohn fragst Du nichts ; ob Malte krank oder gesund ist , das kümmert Dich nicht . Und doch ist es Malte , auf dem alle unsere Hoffnungen ruhen . Du solltest Gott danken , daß Du einen Sohn hast , auf den das Majorat forterben kann ; statt dessen ist es Helene und immer wieder Helene , um die sich bei Dir Alles dreht . Ich danke Gott , daß ich einen Sohn habe , und danke Dir , daß Du mir einen Sohn geboren hast , nicht aber deshalb , weil er mein Erbe , sondern weil er mein Fleisch und Blut ist , das ich lieben kann , wie meine Tochter auch . Was das Majorat anbetrifft , so kennst Du meine Ansicht darüber seit langer Zeit . Ich verabscheue ein Institut , das nur dazu dient , Zwietracht in der Familie zu säen . Der Baron nahm abermals eine Prise , augenscheinlich in der Absicht , sich zu beruhigen . Doch schien das Mittel diesmal die entgegengesetzte Wirkung zu haben , denn er fuhr nach dieser Unterbrechung mit noch größerer Heftigkeit fort : Weshalb hast Du Deine Tochter durchaus an Felix verheirathen wollen ? weil Felix möglicherweise einmal Majoratsherr wird ! Weshalb protegirst Du Felix ? weil er möglicherweise einmal Majoratsherr wird ! Weshalb muß ich Felix um mich sehen , den ich nicht leiden kann , und meine Tochter entbehren , die ich liebe ? weil Felix möglicherweise Majoratsherr wird . Wiederhole Dich nicht so oft , lieber Grenwitz , sagte Anna-Maria mit einer Ruhe , die mit den rothen Flecken auf ihren Wangen und dem stechenden Blick ihrer großen , grauen Augen nicht recht harmonirte ; und ereifere Dich überhaupt nicht ganz unnöthigerweise so sehr ; Du wirst Deinen Husten wieder bekommen . Du kannst , Gott sei Dank , nichts daran ändern . Was aber mich anbetrifft , so erlaube , daß ich anders darüber denke und daß ich nach dieser Seite hin thue , was ich für meine Pflicht halte . Wenn Du gegen Deine Kinder keine Pflichten hast , ich habe welche . Wenn Du Deine Tochter wo möglich dem ersten besten Abenteurer gäbst , der sie haben will , oder den sie haben will - Du brauchst nicht ungeduldig mit Deinem kranken Fuß zu stampfen und Du wirst Deinen Tabak auf den Teppich schütten , wenn Du so heftig mit der Dose auf die Lehne klopfst - ich sage , wenn Dir es gleichgiltig ist , wen Helene heirathet , mir ist es nicht gleich . Ich habe die Heirath mit Felix befürwortet , nicht aus Eigensinn , den ich andern überlasse , sondern weil ich die Heirath für eine gute Partie hielt , für die beste , die ein Mädchen ohne Vermögen machen kann . Wie wenig eigensinnig ich bin , kannst Du schon daraus sehen , daß ich seit Felix ' Unfall und seit der Doctor ihn für schwindsüchtig hält , durchaus nicht mehr so sehr für die Heirath bin . Im Gegentheil , sobald es sich als sicher herausgestellt haben sollte , daß Felix nur noch kurze Zeit zu leben hat , so werde ich die Erste sein , die ihn fallen läßt , um so mehr , als von ihm nur Schulden zu erben sind . Der alte Herr schien durch diesen kaltblütigen Egoismus nichts weniger als angenehm berührt . Er hatte , wie schon oft in der letzten Zeit , ein dunkles Gefühl davon , daß seine Gattin eigentlich ein sehr schlechtes Herz habe , und er seufzte tief . Sei wenigstens gut gegen sie , wenn sie heute Morgen uns zu besuchen kommt , sagte er plötzlich , nachdem er einige Minuten in dumpfem Brüten dagesessen hatte . Ich habe noch stets gewußt , was ich zu thun habe , antwortete die Baronin , von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend ; ich werde es auch in diesem Falle wissen . Der Baron war durch diese Versicherung innerlich keineswegs beruhigt . Aber bevor er für seine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte , öffnete der Bediente die Thür und meldete : Herr und Frau von Barnewitz . Haben wir endlich das Vergnügen ? sagte Anna-Maria , mit dem huldvollen Lächeln , das sie für solche Gelegenheiten , stets bereit hatte , den Eintretenden ein paar Schritte entgegengehend . Ganz auf unserer Seite , gnäd ' ge Frau ! rief der Fuchsjäger , der Baronin die magere Hand küssend ; ganz auf unserer Seite . Konnten , bei Gott , nicht früher . Gestern Mittag angekommen ; gestern Abend bei Grieben ' s. Schade , daß Sie nicht da waren ; famos , sage ich Ihnen , beinahe so gut amüsirt , wie auf der letzten Treibjagd . Meine Frau hat sich ennuyirt ; hatte keinen rechten Anlauf . Leute ennuyiren sich immer , wenn sie keinen Anlauf haben . Sie müssen Karl ' s Ausdrucksweise entschuldigen , sagte Hortense , bei der Baronin auf dem Sopha Platz nehmend ; er hat in den letzten sechs Wochen fast ausschließlich mit seinen Reitknechten und Förstern verkehrt . Und mit Dir , mein Schatz , nicht zu vergessen ! rief Herr von Barnewitz überlaut lachend . Na , Hortense , brauchst nicht so bös zu werden . Ein Scherz muß unter Eheleuten erlaubt sein . Wie sieht es denn bei uns aus ? fragte Anna-Maria , der Unterhaltung eine andre Wendung zu geben . O , es geht ; sagte Herr von Barnewitz . Das Winterkorn steht im Allgemeinen gut ; stellenweise haben die Mäuse Schaden gethan . Der Sommer war gar zu heiß . Ich denke , daß die Nässe sie jetzt ein bischen mürbe machen wird . A propos Nässe , Grenwitz ! Wir müssen die Grabenangelegenheit endlich einmal reguliren . Wir ersaufen sonst , bei Gott , gelegentlich noch alle miteinander . Ich habe vor einigen Tagen auch mit Oldenburg gesprochen . Er gehört durch sein Vorwerk Cona mit zu unserer Feldmark . Er war auch der Meinung , daß die Sache wo möglich noch in diesem Herbst in Angriff genommen werden müßte . Ei , seit wann bekümmert sich denn der Baron um die Landwirthschaft ? Das ist ja ganz was Neues , sagte Anna-Maria . Ganz was Neues , gnäd ' ge Frau , bestätigte Herr von Barnewitz , das Allerneueste , seitdem er von seiner letzten Reise zurück ist ; also ungefähr seit vierzehn Tagen . Ich glaube , er schnappt nächstens über . Oder heirathet Ihre Cousine Melitta , sagte die Baronin lächelnd . Sollte das nicht auf dasselbe herauskommen ? warf Hortense dazwischen . Aber , liebe Hortense , wer wird so satyrisch sein ! sagte die Baronin , der spottsüchtigen Blondine schalkhaft mit dem Zeigefinger drohend . Bist eifersüchtig , Schatz ; bist eifersüchtig ! rief Herr von Barnewitz ; hast ihr stets ihre Pousseurs beneidet , weil sie immer an jedem Finger einen hatte ! Es ist eine rechte Kunst , von den Herren gefeiert zu werden , wenn man kein Mittel der Koketterie unbenutzt läßt , sagte Hortense , ihre Mantille so weit fallend lassend , daß ihre weißen Schultern zum Vorschein kamen . Na , so schlimm ist sie nun auch nicht , meinte der Gatte . Hortense zuckte die weißen Schultern . Schlimm ist ein relativer Begriff . Melitta hat in ihrem Leben so viel Anlaß zum Skandal gegeben , daß man es bei ihr allerdings nicht so genau nimmt . Dasselbe dürfte aber auch bei Baron Oldenburg der Fall sein , meinte Anna-Maria . Möglich , sagte Hortense ; ich kenne Oldenburg nicht näher - Hier mußte der Fuchsjäger nothwendig sein Taschentuch ziehen und sich mit großem Geräusch schnäuzen . Nicht näher , wiederholte Hortense , die irgend eine mysteriöse Verbindung zwischen ihren Worten und dem Schnäuzen ihres Gemahls entdecken mußte , mit Nachdruck : aber wenn er sich über Melitta ' s letzte Affaire wegsetzen kann , so muß er allerdings - viel vertragen können . Letzte Affaire ? sagte Anna-Maria , ihre Augenbrauen in die Höhe ziehend ; ei , ei ! das ist ja das Erste , was ich höre . - Geschwätz , gnäd ' ge Frau , Geschwätz ; sagte Barnewitz , der sich erinnerte , daß Melitta seine leibliche Cousine sei , und daß er als Junge von siebzehn Jahren das schöne zwölfjährige Mädchen angebetet hatte ; nichts als Geschwätz von einigen alten Kathenweibern . Alte Kathenweiber haben oft noch recht unbequem scharfe Augen , bemerkte Hortense mit einem aufmerksamen Blick nach den Stuck-Ornamenten der Zimmerdecke . Sie machen mich in der That neugierig , sagte Anna-Maria , sich in ihrer Sophaecke zurechtrückend . Es ist dummes Zeug , gnäd ' ge Frau , ich versichere Sie , sagte Barnewitz ärgerlich . Ein paar alte Weiber aus unserm Dorfe , die Nachts im Berkower Forst Holz stahlen - ich wüßte sonst nicht , was sie um die Zeit da zu thun hätten - erzählen , daß Melitta in ihrem Waldhäuschen heimliche Zusammenkünfte mit Gott weiß wem ? gehabt hat . Das ist ja eine sehr pikante Geschichte , sagte Anna-Maria . Ja , und sie wird noch dadurch pikanter , sagte Hortense , die unverwandt die Augen nach der Decke gerichtet hielt , daß der glückliche Gott weiß wer ? stets auf dem Wege von Grenwitz gekommen ist und sich auf demselben Wege wieder entfernt hat . Anna-Maria ' s Augen wurden bei dieser Nachricht so groß , wie sie überhaupt werden konnten . Wann soll dies geschehen sein ? fragte sie streng . Ich will nicht hoffen - O , beunruhigen Sie sich nicht ! unterbrach sie Hortense ; Felix ist erst sehr viel später gekommen . Es war um die Zeit , als wir den Ball gaben und Oldenburg , der mit Karl die Tischzettel vertheilte , meine Cousine von Ihrem Doctor Stein zu Tisch führen ließ und ihn hernach in seinem Wagen nach Hause brachte ; - eine rührende Aufmerksamkeit , die in diesem Fall etwas unwiderstehlich Komisches hat ; ebenso wie die Wärme , mit der sich Oldenburg hernach Herrn Stein ' s annahm , als ihr Neffe Felix die fatale Geschichte mit ihm hatte ! O , es ist wirklich zu lustig ! Aber das muß man meiner Cousine lassen , sie versteht ' s unter ihren - Freunden Freundschaft zu stiften . Der alte Baron hatte während dieser Unterhaltung schweigend und , wie es schien , vollkommen theilnahmlos dagesessen . Um so mehr überraschte die Heftigkeit , mit der jetzt , den grauen Kopf unwillig schüttelnd , sagte : Frau von Berkow ist eine liebe Dame , die ich schätze ; Baron Oldenburg ist ein Ehrenmann ; ich habe ihn stets und kürzlich , als ich in wichtigen Geschäften mit ihm zu thun hatte , als solchen kennen gelernt . Es thut mir weh , meine Herrschaften , daß ich Sie in dieser harten und lieblosen Weise sprechen höre - sehr weh ! sehr weh ! Und der alte Mann zitterte vor innerer Erregung so , daß er die Prise , die er zwischen den Fingern hatte , kaum zur Nase führen konnte . Von Barnewitz nickte mit dem Kopfe , als ob er sagen wollte : der Alte hat so Unrecht nicht ; aber Hortense war nicht in der Laune , die verdiente Zurechtweisung geduldig hinzunehmen . Lassen Sie sich das nicht so unlieb sein , Herr Baron , erwiderte sie höhnisch ; Sie wissen , daß der Name dieses Herrn Stein auch noch sonst eine gewisse Berühmtheit in der Chronik dieses Sommers erlangt hat . Je öfter man denselben also mit meiner Cousine zusammennennt , desto seltener kann man ihn mit den Namen anderer Damen in Verbindung bringen . Es war ein Glück für den alten Herrn , daß er diese auf Helene gemünzte Anspielung nicht verstand , da es ihm nie auch nur im entferntesten in den Sinn gekommen war , seine Tochter habe zu dem Streit zwischen Oswald und Felix die Veranlassung gegeben . Indessen mochte Hortense doch fühlen , daß sie zu weit gegangen sei . Sie beeilte sich deshalb zu bemerken , es sei schon sehr spät , und wollte sich eben zum Fortgehen erheben , als ein neuer Besuch gemeldet wurde , der zum Bleiben zwang . Es sollte Niemand als Hortense von Barnewitz sagen , daß sie einer Nebenbuhlerin das Feld geräumt habe . Und das war in mehr als einer Hinsicht Emilie von Cloten , die so eben ihrem Gatten voran in den Salon rauschte . Emilie war seit vierzehn Tagen verheirathet . Sie hatte es vorgezogen , keine längere Hochzeitsreise zu machen , als von dem Gute ihrer Eltern , wo die Vermählung stattgefunden hatte , nach Grünwald . Sie wollte den Anfang der Saison nicht versäumen . Sie durstete , auf dem Schauplatz ihrer nächsten Triumphe zu erscheinen , um von vornherein jede Concurrenz unmöglich zu machen . Emilie von Breesen wollte nicht umsonst Frau von Cloten geworden sein , nicht umsonst die Frau eines Mannes , mit dem sie sich in einer eifersüchtigen Laune verlobt , den sie aus purer Caprice geheirathet hatte . Der Erfolg den sie auf den ersten Bällen dieser Saison gehabt , entsprach ihren kühnsten Hoffnungen . Sie sah die Männerwelt zu ihren Füßen , und das Bewußtsein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten Schönheit . Siegesgewißheit strahlte aus ihren mandelförmigen , grauen Augen , Siegesgewißheit lächelte schalkhaft aus den Grübchen ihrer rosigen Wangen ; Siegesgewißheit verkündete selbst das Rauschen ihres langen , seidenen Kleides und das Winken und Nicken der weißen Straußenfeder auf dem reizenden Hütchen von schwarzem Sammet , unter dem das hellbraune glänzende Haar in üppigen Flechten hervorquoll . Herr von Cloten seinerseits schien schon angefangen zu haben , das hohe Glück , der Gemahl einer so glänzenden Dame zu sein , einigermaßen problematisch zu finden . Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck einer Truthenne , die sich Wochenlang über der Hoffnung des Glücks , dermaleinst junge , anständige Truthühner auf dem Hofe spazieren führen zu können , halb blödsinnig gesessen und geträumt hat , und nun plötzlich ihre Brut als wilde , übermüthige Entlein auf den Teich hinausschwimmen sieht . Wer ihn früher gekannt hatte , mußte die Bemerkung machen , daß er seinen blonden Schnurrbart weniger häufig drehte und seine Stimme nicht mehr ganz so selbstgefällig schnarrte . Vielleicht trug zu dieser sichtlichen Verstimmung auch die unerwartete und jedenfalls unerwünschte Begegnung mit seiner treulos und etwas feig verlassenen Geliebten bei , wie umgekehrt dieser selbe Umstand die gute Laune der jungen Frau noch wesentlich zu erhöhen schien . Hatte sie doch das angenehme Bewußtsein , Hortense gestern Abend vollständig verdunkelt zu haben ; weshalb sollte sie jetzt bei dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin etwas Anderes als innige Freude empfinden ? sie mit allen Zeichen herzlichster Freundschaft bewillkommnen und theilnehmend fragen , ob sie ihre Kopfschmerzen von gestern Abend verschlafen habe ? Wie schade , liebe Barnewitz , daß Ihre Migräne Sie zwang , vor dem Cotillon wegzugehen . Ich versichere Sie , es war der reizendste Cotillon , den ich je mitgebracht habe . Fürst Waldernberg - Sie wissen , daß ich mit dem Fürsten den Cotillon aufführte - Max Grieben hatte uns dringend darum gebeten - kannte eine Menge der reizendsten Touren , wie sie auf den Hofbällen in Berlin getanzt werden . Ich sage Ihnen , ein solcher Cotillon ist in Grünwald noch nicht getanzt . Nicht wahr , Arthur , es war zu allerliebst ! O gewiß , gewiß ! schnarrte der gehorsame Gatte , der mit der verwachsenen Comtesse Stilow hatte tanzen müssen ; ich versichere Sie , meine Herrschaften , es war gottvoll , auf Ehre , gottvoll ! Mir schien die Gesellschaft , offen gestanden , ein wenig gemischt , sagte Hortense , die seit Emiliens Eintreten noch um einige Grade blasirter aussah ; ich habe nicht weniger als vier , sage vier , bürgerliche Artillerie-Offiziere gezählt . Gott , das ist wohl möglich , sagte Emilie ; obgleich ich allerdings keine Zeit gehabt habe , sie zu zählen . Ich habe sogar mit einem getanzt - Schulz oder Müller , oder wie er hieß , der nebenbei so ausgezeichnet walzte , wie man es sich nur wünschen kann . Aber , liebe Emilie , konnten Sie denn das nicht vermeiden ? fragte Hortense , ihre Mantille in die Höhe ziehend . Ganz dieselbe Frage , die Fürst Waldernberg an mich stellte . Durchlaucht , antwortete ich , ich schwärme gerade auch nicht für die Artillerie ; aber ich tanze doch noch lieber mit einem Bürgerlichen , als daß ich sitzen bleibe . Die Erwähnung eines Unglücks , welches Hortense gestern Abend zweimal begegnet war , versetzte die genannte Dame in eine Aufregung , welche die zarte Rosaschminke auf ihren Wangen vollständig überflüssig machte . Sie wollte eben die Thorheit begehen , durch eine heftige Antwort zu verrathen , wie sicher sie der von Emilien geschleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte , als der Bediente » Herr und Frau Professor Jäger « meldete . Der Mann war so wohl geschult , daß er diesmal nicht , wie sonst , die Gemeldeten sogleich in ' s Zimmer ließ , sondern die Thür hinter sich schloß und , der weiteren Befehle seiner Herrschaft gewärtig , kerzengrade an derselben stehen blieb . Sie erlauben , meine Herrschaften , sagte Anna-Maria in entschuldigendem Tone , zu der übrigen Gesellschaft gewandt , daß ich Herrn und Frau Professor Jäger empfange ? Die Leute haben sich stets treugesinnt und ihrer Stellung bewußt gezeigt . Ich halte es für unsere Pflicht , dergleichen Menschen zu protegiren . Auf einen Wink der Gebieterin entfernte sich der Bediente , und alsobald erschienen der Fragmentist und die Dichterin , unter tiefen Verbeugungen , die von der adligen Gesellschaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden . Nur der alte Baron erhob sich , schüttelte Beiden die Hand und hieß sie in seiner ungeschminkten , herzlichen Weise willkommen . Primula blickte etwas verschüchtert aus den blauen Kornblumen , mit denen ihr Hut garnirt war , hervor , während der Herausgeber des Chrysophilos mit gekrümmtem Rücken heran trat , der Baronin die huldvoll dargebotene Hand küßte , sich dann tief vor den beiden anderen Damen , nicht ganz so tief vor den Herren verbeugte , und sich nach einigem Zögern auf den Rand eines Stuhls , der etwas außerhalb des Kreises stand , setzte , den Kopf auf die rechte Seite geneigt , harrend , ob Jemand sich gemüßigt fühlen würde , ihn mit einer Frage zu beehren . Das Gespräch der Herrschaften drehte sich eben um ein höchst interessantes Thema , um die Person Sr. Durchlaucht , des Premierlieutenants Fürsten Waldernberg , der vor einigen Wochen von seinem Garderegiment in der Residenz nach dem in Grünwald garnisonirenden Linienbataillon abcommandirt , und von dem ersten Augenblick seines Auftretens der Löwe des in der Stadt versammelten Landadels geworden war . Ich möchte nur wissen , weshalb er eigentlich abcommandirt ist , sagte von Cloten . Felix , mit dem ich gestern über ihn sprach - à propos , gnäd ' ge Frau , es ist sehr gut , daß Felix das Zimmer hütet , er sieht wirklich recht schlecht aus ; - Felix meint , der Fürst werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben ; er soll der leidenschaftliche Mensch sein , der sich denken läßt . Gott , Arthur , sagte Emilie , Du sprichst , als ob Leidenschaft ein Verbrechen wäre ; ich wollte , es hätte Mancher mehr davon . Sind die Waldernbergs nicht slavischer Abkunft ? fragte Hortense ; mir däucht , der Fürst sieht wie ein Mongole aus . O , Sie haben ihn nicht wie ich in der Nähe betrachtet , liebe Barnewitz , sagte Emilie ; er ist einer der schönsten Männer , die ich je gesehen habe , und er tanzt wie ein Gott . Ich glaube , daß die Waldernbergs eine ursprünglich polnische Familie sind , meinte Anna-Maria . Bewahre , gnäd ' ge Frau ! rief von Cloten , rein germanisch , auf Ehre , rein germanisch . Ich bin überzeugt , daß uns Professor Jäger darüber etwas Genaueres mittheilen kann , sagte die Baronin , sich mit huldvollem Lächeln zu dem Gelehrten wendend . Allerdings , meine Gnädigste ; rief dieser , froh , eine Gelegenheit zum Auskramen seines Wissens gefunden zu haben ; allerdings , es hat mir stets bei meinen historischen Studien ein ganz besonderes Vergnügen gewährt , den Genealogien der adligen Geschlechter nachzuforschen , und so habe ich denn auch der Geschichte der Familie Waldernberg , die in vieler Hinsicht eine sehr interessante ist , eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt . Die Waldernbergs sind , wenn meine Gnädigste mir diese Berichtigung verstatten will , in der That rein germanischer Abkunft . Sie stammen ursprünglich aus Franken und sind erst mit dem deutschen Orden nach Preußen gekommen . In späterer Zeit haben sie sich allerdings mit polnischen adligen Familien vielfach verschwägert , wie sie denn außer in der Lausitz , wo die Stammherrschaft Waldernberg liegt , in russisch Polen reich begütert sind . Auch der jetzige Fürst hat Beides , sarmatisches und germanisches Blut in seinen Adern . Seine Mutter , die Frau Fürstin Stephanie Letbus aus dem Hause Waldernberg vermählte sich im Jahre achtzehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg , wo sie seit ihrer frühesten Jugend residirt hatte - ich erwähnte schon vorhin , daß ein Theil der Besitzungen in Rußland liegt - mit dem Grafen Constantin Malikowsky , dem letzten Sprossen einer ehemals sehr reichen und mächtigen , später aber verarmten polnischen Familie . Der Kaiser Alexander , der , wie man sagt , nach beiden Seiten hin Verpflichtungen hatte , ( hier lächelte der Professor ein schüchternes Lächeln ) sowohl gegen die junge Fürstin , die Hofdame bei der Kaiserin war , und sehr schön gewesen sein soll , als auch gegen den Grafen , dessen Familie hauptsächlich durch russische Güterconfiscationen ruinirt war , soll die Heirath zu Stande gebracht haben , obgleich der Ruf des Grafen - die gnädigen Herrschaften verzeihen die Wahrhaftigkeit des historischen Forschers - einigermaßen , wie soll ich gleich sagen ? anrüchig war . Cavaliere müssen sich austoben - das versteht sich ; aber Graf Malikowsky hat es vermuthlich ein wenig zu arg getrieben . Wie dem auch sei - aus der Ehe des Grafen Constantin Malikowsky mit der Fürstin Stephanie Letbus stammt der Fürst , der bis vor wenigen Jahren in russischen Diensten stand , dann , als mit dem letzten Fürsten Waldernberg der Mannesstamm der Familie ausstarb und die Herrschaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel , durch die Gnade seiner Majestät successionsfähig erklärt wurde und als gefürsteter Graf von Malikowsky-Waldernberg - sein ganzer Name ist , wie den gnädigen Herrschaften vielleicht noch nicht bekannt ist : Raimund , Gregorius