Herr von Bärenbinder rieb sich über dem Billett Leons nicht die Hände , sondern die Augen gleich dem träumenden Abu Hassan . Er lief mit ihm in der Stadt umher , er legte es an demselben Abend noch im Jockeiklub vor ; - allgemeine Perplexität , und kein Graf Örindur , welcher eine irgend befriedigende Lösung dieses Zwiespalts der Natur fand . Binnen kurzem hatte sich das Gerücht dieser Umwandlung , dieser Bekehrung über die ganze Stadt verbreitet ; die Spötter lachten darüber , die Frommen segneten den Herrn , der verständige Mittelschlag zuckte die Achseln . Die Achseln zog auch Juliane von Poppen in die Höhe , als sie zuerst die große Neuigkeit vernahm . » Er ist früh mit seinem Leben fertig geworden « , sagte sie . » Es ist das alte Lied ; nun mag er zu den Pfaffen laufen und sich Krankensuppen kochen lassen . Man möchte um so mehr weinen , je mehr die andern darüber so laut lachen . « Als die alte Jungfer ihrem gebesserten Neffen zum erstenmal nach seiner Metamorphose wieder in der Gasse begegnete , streckte sie ihm den Krückstock entgegen und sprach - zu dem ehrbar den Hut Abziehenden : » Nun , Herr Neffe , meine arme Fliege , wir kriechen wohl recht matt , mit zusammengeklebten Flügeln , aus dem Weinglase hervor ? Die Poppen haben ihr Leben auf alle mögliche Art geendet , auf dem Block , am Galgen , auf dem Schlachtfelde , auf dem Misthaufen ; der letzte geht unter die Betbrüder und Betschwestern und greint in einem Konventikel die Seele aus - jeder nach seinem Geschmack ; - Glück auf den Weg , Neffe , meine Empfehlung an die Herren Krokisius , Drönemeier , Nothzwang und Kompanie ; ich lasse - « Aber das Freifräulein brach verwundert ab , als Leon auf ihre Rede mit einem hellen , höchst ehrlichen Gelächter antwortete . » Entschuldigen Sie , liebe Tante « , rief er . » Glauben Sie wirklich auch an die tolle Fabel ? Ich danke doch recht sehr für die Gesellschaft , in welche Sie mich zu stecken belieben . Für die frommen Leute , die Sie da nennen , bin ich doch noch nicht weich genug . Übrigens ein Wort im Ernst , Tante : Charakter und Willen kann man den Poppen nicht absprechen - Sie sind in Parenthese selbst kein übles Beispiel dafür - , ich habe den Willen , meine Lebensart ein wenig zu ändern . Ich gestatte Ihnen gern , mich so erbarmungsvoll anzusehen ; ich gebe Ihnen das Recht , die Geistesänderung auf Rechnung einer angegriffenen Körperkonstitution zu setzen ; nach Belieben können Sie mich einen blasierten Menschen nennen ; aber bei alledem werde ich Ihnen beweisen , daß ein Poppen kann , was er will ; - ich will umkehren , und wenn es auch nur der Veränderung wegen wäre . Bon jour , ma tante ! « Damit schritt Leon weiter , und das Freifräulein stand , schüttelte den Kopf , rieb die Nasenspitze und sagte : » Merkwürdig ! « Eine Stunde später stand sie an einem ganz andern Ende der Stadt wiederum in tiefes Nachdenken verloren , kopfschüttelnd , die Nasenspitze reibend , und sagte wiederum : » Merkwürdig ! « Sie fing an , dem Gebaren des Neffen eine bei weitem größere Aufmerksamkeit zu widmen , obgleich immer ein sehr scharfes Auge dazu gehörte , um das an ihr zu erkennen . Sie suchte auf Umwegen allerlei über ihn zu erfahren ; sie würdigte die Wohnung ihrer Schwägerin Viktorine öfters einer genauen Beobachtung von den Fenstern des Bankiers aus . » Ich wollte viel darum geben , wenn Hopfen und Malz an dem Schlingel noch nicht vollständig verloren wären ! « - Leon von Poppen wandelte immer sicherer auf dem Pfade der Tugend fürbaß ; er zeigte , daß in gewisser Beziehung Hopfen und Malz durchaus noch nicht an ihm verloren waren . Je ernsthafter er von außen erschien , desto mehr grinste er inwendig - soviel Amüsement hatte er sich von seiner Umwandlung nicht versprochen ! Es machte dieser glücklich organisierten Natur ungemeinen Spaß , an einem Haufen seiner frühern Lebensgenossen und Lebensgenossinnen mit der Würde eines Cato vorüberzuschreiten . Wie letzte er sich an diesem Kopfzusammenstecken , diesem Geflüster , das hinter seinem Rücken anhub ! Mit vorgeschnellter Zungenspitze kostete er schon im voraus die Wonne , den Jubel des Augenblicks , wo der Knoten der Komödie sich löste und der gewandte Schauspieler , beleuchtet von bengalischen Flammen , der versteinerten Creme der Gesellschaft den gewonnenen Preis unter die Nase hielt . Er malte sich dieses Schlußtableau auf das reizendste aus und verbrachte manche Stunde , um es mit immer neuen Pointen auszustatten . Gegen Ende des Oktobers las man in den » Vermischten Nachrichten « fast aller Zeitungen der Stadt folgende rührende Geschichte : » Wir können unsern Lesern einen Vorgang mitteilen , der wohl wert ist , das allgemeine Interesse auf sich zu ziehen . Ein junger Mann aus einem alten angesehenen Geschlecht , vor kurzem noch eins der berufensten Mitglieder des Jockeiklubs , rettete mit Gefahr des eigenen Lebens eine jüdische Familie aus äußerster Bedrängnis . Diese Familie , bestehend aus Vater , Mutter und zwei erwachsenen Töchtern , kam am 27. dieses Monats gegen Abend von einem Ausflug heim und hatte das Unglück , am Anfange des Parks , eine halbe Stunde von der Stadt , unter einen Haufen betrunkener Soldaten , Handwerksburschen und liederlicher Dirnen zu geraten . Dieser Haufe benutzte sogleich die günstige Gelegenheit , die harmlosen Lustwandler aufs gröblichste zu beleidigen und zu beschimpfen . Die Polizei schien wie gewöhnlich anderswo beschäftigt zu sein , niemand von den wenigen andern Spaziergängern wagte es , dem bewaffneten und unbewaffneten Pöbel seine Opfer zu entreißen , und keiner wehrte es dem wütenden Haufen , von Worten zu Handgreiflichkeiten überzugehen . Am meisten waren die beiden armen Mädchen zu bedauern , die alle Qualen der Hölle duldeten , bis endlich der mutige Retter und Ritter erschien . Der Baron , Herr L. von P. , kam den wild sich daherwälzenden Scharen entgegen und stürzte sich , nachdem er die Sachlage erkannt , ohne Bedenken in die Mitte des Pöbels , ihn mit Drohworten und Stockschlägen auseinandertreibend . Der Pöbel , anfangs verblüfft , ließ von seinen Opfern ab , und diese eilten halb besinnungslos auf beflügelten Sohlen fort ; - der Baron blieb allein in der Mitte der Wütenden . Die Soldaten warfen sich mit gezogenen Säbeln , die Handwerksburschen mit ihren Knitteln auf den jungen tapfern Mann . Er wehrte sich nach besten Kräften , aber erhielt bald einen Säbelhieb über den Arm , der ihn kampfunfähig machte . Wer weiß , was nun das Schicksal des mutigen Schützers der Bedrängten gewesen wäre , wenn nicht endlich doch die Polizei herbeigeeilt wäre und die Übeltäter verhaftet hätte ! Wir haben allen Respekt vor einem Adel der Gesinnung , der in solchen ritterlichen Taten zur Erscheinung kommt . Die Verwundung des Herrn Barons v.P. soll gottlob nicht gefährlich sein . « Die Verwundung des Herrn Barons v.P. war gottlob nicht gefährlich , machte dagegen einen ausgezeichneten Effekt in der Stadt . Selbst die Tante Juliane konnte den » Juden « nicht so widerstehen , wie sie wohl gemocht hätte ; fast wider ihren Willen beschäftigte sie sich von Tag zu Tag mehr mit ihrem Neffen , seiner Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft ; sie wußte wirklich nicht mehr , » was sie von dem Burschen denken sollte « . Acht Tage lang hatte Leon von Poppen mit seinem verwundeten Arm , indem er ihn in einer schwarzseidenen Binde spazierenführte , Parade gemacht , als ihm am neunten das Freifräulein wieder begegnete . Diesmal hielt der Neffe die Tante an , indem er ihr lachend den Weg vertrat und rief : » Die beiden Israelitinnen waren reizend , chère tante - Philanthrop vom reinsten Wasser , ma tante ! Auf Ehre , ganz allerliebste Mädchen , diese schwarzlockigen Semitinnen ; hätte mich für die beiden krummnasigen Alten gewiß nicht auf den Altar der Humanität gelegt ! « » Weshalb sagen Sie mir das , Leon ? « » Weil ich noch weit entfernt von den höchsten Stufen der Vollkommenheit bin , gnädigste Tante . Ich habe die Ehre - « Der Freiherr warf der alten Dame eine Kußhand zu und tänzelte davon ; Juliane sah ihm wiederum nach , und dieses Mal noch viel nachdenklicher als das erste Mal . » Der Junge ist wenigstens kein Heuchler ! « sagte sie . Vierzehn Tage nach dieser Begegnung bat der Neffe die Tante in einem höchst komischen Briefe um ein Darlehen von fünfzig Friedrichsdor , welches er mit einem kurzen Begleitschreiben erhielt und welches er wieder acht Tage später persönlich zurückerstattete . In kürzester Frist hatte somit der junge Diplomat die bedeutendsten Fortschritte gemacht , die größten Erfolge errungen ; das Freifräulein gewann allmählich den Glauben an eine würdigere Fortdauer des Geschlechtes derer von Poppen wieder , und in ihrer innersten Seele tat ihr dieser Gedanke doch recht wohl . Nun widmete sie manche Stunde den ernstesten Betrachtungen über ihren Neffen ; - wie gern hätte sie ihr kleines Vermögen , ihre ganze Existenz geopfert , wenn sie dadurch den Stammhalter der alten Familie auf dem rechten Wege hätte erhalten können ! Manche Stunde widmete Leon den ernstesten Betrachtungen seiner selbst vor - dem Spiegel . Er frisierte sich à la bonhomme , er gab seinen Halsbinden ein unbeschreiblich solides Etwas - jeden Morgen legte er seiner ganzen Person ein Bruchteil von Gesetztheit zu . Zu Anfang November hatte er sich vollständig das Äußere eines jungen Doktors der Medizin , welcher eine große Praxis ahnt , dieselbe jedoch noch nicht hat , zugelegt . Er war bewunderungswürdig ! Gewichtige alte Herren aus den maßgebenden Kreisen fingen an , seinen Gruß achtungsvoll zu erwidern . Vornehme Mütter , deren Söhne noch auf den Pfaden der Sünde lustwandelten , blickten ihm mit geheimen Seufzern nach und beneideten die seligen Gefühle Viktorines von Poppen . Letztere befand sich in einem Zustande ratloser Verwirrung , welcher in der Skulptur nur durch einen offenen Mund und starre , weit geöffnete Augen ausgedrückt werden kann . Die Beglückwünschungen , welche ihr von allen Seiten zukamen , nahm sie aber fast wie Beileidsbezeigungen auf , und sie hatte recht , da solch ein edler Sohn , solch ein reuiger Sünder durchaus nicht in die engen Kreise ihrer Anschauungen paßte . Was sollte sie mit » einem solchen Leon « anfangen ? Was sollte sie seinen Anspielungen auf Verwandtenliebe , Juliane von Poppen und dergleichen entgegensetzen ? Wahrlich , die Baronin Viktorine war lange nicht so zu beneiden , wie manche der betrübten Mütter aus den höhern Ständen glaubte . Aber was war dem Baron Hekuba ? Der schlechte Sohn kümmerte sich wenig um die Migräne der Mutter ; immer mehr , immer offener nahm er Partei für die Tante Juliane , und diese ging mit sich zu Rat , ob sie den umgewandelten Neffen zum Kaffee einladen könne , solle und - möge . Wir werfen einen Blick nach der andern Häuserreihe der Kronenstraße ! Die jetzige Wohnung des Bankiers Wienand lag auf der Sonnenseite der Straße ; aber sie war durch niedergelassene Vorhänge so dunkel als möglich gemacht . Wie das Feuer dem Tischler Tellering die Augen des Leibes genommen hatte , so hatte es dem Bankier die Augen des Geistes verdüstert ; keiner von beiden konnte mehr das Licht ertragen . Als wir den Bankier zum letztenmal erblickten , war er ein kräftiger Mann ; jetzt war er ein armer Idiot , der zusammengefallen in seinem Lehnstuhl saß , stier vor sich hin sah und die Hände wie in großer Angst aneinander rieb . Es ist ein schrecklich Ding , wenn jemand in die fixe Idee sinkt , langsam verhungern zu müssen ! Wie viele reiche , überreiche Leute sind schon in dieser unglückseligen Vorstellung zugrunde gegangen ! Es liegt eine unendlich bittere Ironie in diesem Spiel des Schicksals mit den Menschen . Von Tag zu Tag hatte sich bei dem Bankier der Gedanke , daß er bankerott , daß sein Name ehrlos sei , fester gesetzt . Da half kein vernünftiges Zureden , keine Aufforderung , sich zu fassen . Am liebsten möchte sich der arme Kranke in dem tiefsten Grund der Erde verbergen , wenn nicht auch da der Hungertod so schrecklich wäre . Wer kann die gräßlichen Fratzen und Gespenster verscheuchen , die aus allen Ecken und Winkeln hohnlachen ? Niemand ! Niemand ! Nun treibt die Angst , die Verzweiflung den Irrsinnigen auf . Er springt empor , er durchsucht das Gemach , das Haus ; Abfall aller Art , Lumpen , Papierschnitzel , zerbrochenes Glas , Bindfadenstückchen rafft er auf und trägt sie zusammen . Seine Taschen strotzen von den verschiedenartigsten Dingen ; er macht Schatzkammern , Vorratskammern daraus ; er hat einen Platz , wo er alles Gesammelte anhäuft , vor welchem er wacht wie der Drache vor dem verzauberten Schatze . Wagt es nicht , euch diesem Platze zu nähern ; der Kranke würde Riesenstärke in der Verteidigung desselben gewinnen ; er würde euch töten , wenn ihr die Hand danach ausstrecktet . Der berühmte Bankier Wienand will auch nicht mehr essen . Wie Verschwendung , leichtsinnigste Vergeudung des letzten Notpfennigs erscheint ihm alles , was zum Leben nötig ist . Harte Brotrinden und Wasser sind das einzige , was er annimmt , und auch nach diesen greift er nur zitternd und im höchsten Hunger und Durst . Was wäre aus der armen Helene geworden , wenn sie in Dunkelheit , Jammer und Elend nicht den Gedanken an den Schützling des Polizeischreibers Fiebiger , den Schüler des Sternsehers Ulex gehabt hätte ? Was wäre aus ihr geworden , wenn sie gewußt hätte , welche Pläne der Freiherr Leon von Poppen , gegenüber in dem großen altersschwarzen Hause , im Busen bewegte ? Was wäre aus ihr geworden , wenn sie endlich gewußt hätte , wie unendlich günstig das Schicksal in diesem Augenblick auf die Pläne und Wünsche des trefflichen jungen Barons , der leider noch lange nicht der letzte seiner Art war , herablächelte ? Ja , der Baron Leon von Poppen hatte Aussichten auf Erfolg seiner Pläne . Wünschen wir ihm alles Glück dazu ; denn was hilft ' s , wenn wir uns darüber ärgern oder gar grämen ? Laissez aller ! Einundzwanzigstes Kapitel Große Krisis in Nummer zwölf - höchst tragisches Kapitel . Der Polizeischreiber Fiebiger entdeckt etwas , was andere Leute längst wissen Der dichte Nebel eines dunkeln Vorwintermorgens lag schwer über der Stadt . Vor einer großen aufgeschlagenen Bibel saß der Sternseher Heinrich Ulex in seinem warmen Gemache und blickte ernst in die weißgraue Dämmerung , welche der neue Tag nicht hatte verscheuchen können . Es war ein Sonntagmorgen , und der Klang der Glocken , welche zur Kirche riefen , kam zum Ohr des gelehrten Greises bei der schweren feuchten Luft wie aus weitester Ferne . Man konnte fast nicht sagen , ob diese Tonwellen aus der Höhe nach der Tiefe oder aus der Tiefe nach der Höhe rollten . Geheimnisvoller als sonst sprachen die Glocken zu den Herzen der Menschen ; es war , als hätten sie mehr zu sagen und mehr zu verschweigen ; ihr Klingen gab viel zu bedenken ; die meisten Leute dachten jedoch nicht sehr viel dabei . Der Sternseher Heinrich Ulex gehörte aber nicht zu denjenigen , welche den Sonntagmorgen nur insoweit schätzen , als man an ihm ungestört einige Stunden länger schlafen kann . Er stand im Gegenteil an diesem Tage früher als gewöhnlich auf ; die ersten Stunden desselben waren dem tiefsten Nachdenken gewidmet ; er ließ sich höchst ungern darin stören und verriegelte und verrammelte seine Wohnung womöglich noch fester als zu anderer Zeit . Den wallenden Nebel schätzte er auch mehr als andere , weniger phantasiebegabte Menschen . Er konnte Bilder darin aufbauen , Gestalten darin hervorzaubern , er konnte ihn formen wie der Bildhauer den Ton , er konnte darauf zeichnen wie der Maler auf der grauen Leinwand . So saß er denn auch an diesem gegenwärtigen Sonntagmorgen , blätterte in dem weisheitvollen Buche , ließ die Poesie des sonnigen Orients im winterlichen Norden emporsteigen und verknüpfte die Sprüche und Erzählungen der jüdischen Seher und Propheten mit den Ereignissen , den Empfindungen , den Hoffnungen und Befürchtungen , den Freuden und Schmerzen des eigenen Daseins . Wie der Nebel über die Dächer rollte , wie er sich ballte und löste ! Jetzt war die weite schwarze Brandstätte ganz verdeckt und nur die nächste Nähe , in einen feuchten Schleier gehüllt , sichtbar ; - jetzt tauchten in der Ferne die Baugerüste , die sich bereits hier und da wieder inmitten der Trümmerhaufen erhoben , auf , und traurig dunkel schimmerte der Grund durch den schwankenden Dunst . Des Alten Seele war sehr häufig an diesem Morgen in der niedrigen Kammer des Meisters Johannes Tellering , dessen Tod man nunmehr täglich , stündlich erwartete . » Jetzt siehet man das Licht nicht , das in den Wolken helle leuchtet ; wenn aber der Wind weht , so wird ' s klar « , las er aus dem Buche Hiob . Wieder blickte er in den Nebel hinein und dachte an seinen Schüler , seinen jungen Wolf aus seinem Heimatswalde , und wieder schlug er ein Blatt um und las : » Die dicken Wolken scheiden sich , daß es hell werde , und durch den Nebel bricht das Licht . Er kehret die Wolken , wohin er will , daß sie schaffen alles , was er ihnen gebeut , auf dem Erdboden , es sei über ein Geschlecht oder über ein Land . « Lang schaute er wieder zu , wie der Dunst wogte und sich kurz vor seiner Verflüchtigung immer seltsamer gestaltete . Wieder las er : » Alle Menschen hat er in der Hand wie verschlossen , daß die Leute lernen , was er tun kann . « Und bald dumpfer , bald heller klangen in das Sinnen des Greises die Glocken - Geisterstimmen , die aus der Höhe , die aus der Tiefe einander riefen . Wer wagte es , den Sternseher im jetzigen Augenblick zu stören ? Ein schnelles , wie aufgeregtes , ängstliches Klopfen ließ sich an der verriegelten Tür vernehmen und schreckte den Greis auf . Einige leise Runzeln mehr erschienen auf seiner Stirn , als er sich erhob und gegen die Tür schritt . Sein Verdruß ob der Störung legte sich freilich ; aber seine Verwunderung stieg , als er den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger atemlos vor sich sah . Auch der Schreiber brachte die Sonntagmorgen gern ganz still innerhalb seiner vier Pfähle zu und gab , eingehüllt in Tabakswolken , seinen innersten Gedanken Audienz oder las , auf dem Sofa liegend , seine sehr verschiedenartigen Lieblingsschriftsteller . Der Sternseher hätte in dem Störenfried jeden andern eher vermutet als seinen Freund Fritz . Nur ein wichtiges Ereignis konnte denselben zu so ungewohnter Stunde zu dem Giebel des Gelehrten hinauftreiben ; und Heinrich Ulex trat , nachdem er seine Tür geöffnet hatte , einen Schritt zurück und rief mit bewegter Stimme : » Er hat es überstanden ? ! Er ist tot ? ! « » Wer ? « fragte der Schreiber . » Der Meister Johannes ! « Fiebiger schüttelte den Kopf , warf Hut und Stock von sich , sank auf einen Stuhl , legte die Hände auf die Knie , blickte dem Sternseher einige Augenblicke hindurch komisch , verlegen , zweifelnd ins Gesicht , zog ein Büchlein , in blauen Samt gebunden , mit silbernem Schnitt und Titel aus der Tasche und rief aufspringend : » Privatgelehrter Heinrich Ulex , bist du am vierundzwanzigsten Juni dieses Jahres , nachmittags um vier Uhr , durch die Musikantengasse gegangen , mit der Nachtmütze statt des Hutes auf dem Kopfe ? « Der Sternseher sah den Fragenden höchst verwundert an , ohne eine Antwort finden zu können . » Erinnerst du dich des Faktums , Ulex ? « » Ich - ich - gewiß nicht - mein Gott - was soll das heißen ? « » Hier steht es schwarz auf weiß , alter Knabe ! Hier steht noch viel mehr über dich , über mich , über das Freifräulein , über Gott , den Teufel , Himmel und Erde . Welch ein Weib ! O Ulex , Ulex , du auf deinem Turm hast gar keinen Begriff von den Dingen , welche eine edle Frauenseele in ihrem Tagebuch notieren kann . Und unser Robert - mein Robert Wolf - Himmel und Hölle , Heinrich Ulex - es ist heraus ! « Der Sternseher schlug seine Bibel zu und sagte : » Ich verstehe dich nicht , Fritz . Was hast du ? Was sollen die Fragen ? Was soll dieses Buch ? Was ist heraus ? Was ist ' s mit unserm Zögling ? « » Er ist wieder verliebt ! « rief der Polizeischreiber kläglich und setzte mit tragischem Ton hinzu : » Und ich rühmte mich meines scharfen Auges ! Morgen werde ich mein Pensionierungsgesuch einreichen . « » Sprich weniger in Rätseln , so werde ich dich verstehen « , sagte der Gelehrte . » Ja Rätsel , Rätsel ! « rief der Schreiber auf und ab laufend . » Dich trifft ' s so gut wie mich . Du bist ebenso blind gewesen wie ich ! « Der Sternseher setzte sich in seinen hohen Lehnstuhl wie ein Mann , der Zeit hat zu warten . » Blind ! blind ! blind ! O Fiebiger , o Polizei und schwarzer Star ! « sprudelte der Schreiber . » Verliebt - uns vor der Nase - Fräulein Wienand - Juliane - tausendfacher Maulwurf - o Ulex , Ulex ! « Der Sternseher rührte sich nicht in seinem Lehnstuhle ; er wußte , daß die hochgehenden Wogen sich ihrerzeit beruhigen würden ; er wartete mit Geduld . » Die Hexe notiert es in ihren Memoiren ; Julius Schminkert weiß es länger als lange - Was kein Verstand der Verständigen sieht , Das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüt - schönes kindliches Gemüt - o Fiebiger , Fiebiger , geh heim und laß dich pensionieren ! « Wir wollen mit dem Sternseher in Geduld abwarten , bis sich der Polizeischreiber beruhigt hat , und während dieser Zeit dem Leser erzählen , was in der Nummer zwölf der Musikantengasse vor diesem merkwürdigen Sonntagmorgen vorgegangen war . Das kalte Wasserbad , welches dem deklamierenden Künstler Julius Schminkert unter dem Kammerfenster Angelika Stibbes zuteil geworden war , hatte seine Liebe zu dem holden Kinde nicht im mindesten abgekühlt . Die Wasserfluten hatten sich gleichsam über ungelöschten Kalk ergossen : Schminkerts Seele zischte , kochte und dampfte . Der Schauspieler war in seinen jetzigen Plänen fast ebenso beharrlich wie der Freiherr von Poppen in den seinigen . Jeder von den beiden hatte ja außer der künftigen Lebensgefährtin auch den Geldkasten des Schwiegerpapas in spe im Auge , und ein voller Geldkasten ist bekanntlich ein trefflicher Gesichtspunkt auf dem stürmischen Meere des Lebens . Die größte Hälfte der Menschen hält ihn für den besten und behält ihn im Auge , wenn alle andern Leitsterne , Leuchttürme , Feuerbaken längst in die Wogen gesunken sind . So lavierte denn Herr Julius seinem Ziel mit Ausdauer entgegen und ließ sich durch keinen ungünstigen Wind aus seinem Kurs bringen . Er gewann soviel Geschmack an diesem Kreuzen wie Leon von Poppen an dem seinigen . Man konnte Geschick und Wissen dabei zeigen und beweisen , daß man kein dummer Teufel sei . Fräulein Aurora Pogge suchte ihr Tagebuch nicht mehr . - Wie jener wohlaffektionierte römische Regent wünschte sie aber der ganzen Menschheit nur einen einzigen Kopf , um ihn mit einem einzigen Streiche abschlagen zu können . Solange sie die Hoffnung noch nicht verloren hatte , das köstliche Manuskript wiederzufinden , war sie ungemein vorsichtig , zurückhaltend und höflich im Umgange mit jedermann gewesen ; denn sie betrachtete jeden , der ihr nahe kam , mit geheimer Angst . Nachdem sie die letzte Hoffnung aufgegeben hatte , das Buch mit den schnäbelnden Tauben zurückzuerhalten , änderte sich natürlich ihre Stimmung ; sie geriet in den Zustand stumpfster Gleichgültigkeit gegen alles , was die Welt denken , sagen und tun mochte . Sie heuchelte nicht mehr , sondern zeigte sich in ihrem eigensten Wesen . Die Herren Drönemeier und Nothzwang fanden die einst so gastfreundliche Tür jetzt fest verschlossen ; es gab nun keinen Tee , keine Schokolade , keinen alten Madeira mehr für sie ; sie segneten sich und stöhnten über das arme Schaf , das sich so plötzlich aus der Hürde verloren hatte . Die Hausgenossenschaft vorzüglich fand oft Ursache zur Verwunderung über Fräulein Aurora Pogge . Niemand - sogar der Rentier Mäuseler nicht - , niemand entging ihren Wutanfällen ; ihre kreischende Stimme erschreckte zu jeder Zeit des Tages und in der Nacht alt und jung . Mimi , die Katze , wurde immer magerer , ging eines Abends aus und - kam nicht wieder ; es war ihr zuviel geworden . Hulda folgte der vierbeinigen Leidensgenossin und nahm eine Stelle in einer Privatheilanstalt für Irre an ; sie hatte die Befähigung zur Ausfüllung eines solchen Platzes im Dienste Auroras vollkommen erlangt . Das Fräulein kochte » sich selber « und schlang somit immer mehr Gift hinein . Der Rentier Mäuseler - kündigte ihr die Wohnung und zerbrach damit das letzte Band , welches Aurora der Hausgenossenschaft gegenüber noch fesselte . Sie zog jetzt alle Register ihres Grimmes ; Mäuseler , der Polizeischreiber , Robert Wolf , Schminkert , die Frau Krieg , die Familie Tellering , Monsieur Alphonse Stibbe , Fräulein Angelika Stibbe wurden auf gleich schreckliche Weise von der Erinnye angefallen . Der Augenblick , wo Julius Schminkert Gebrauch von dem blauen Buche machen mußte , war gekommen . Die Götter hatten es in allgemeiner Ratsversammlung so beschlossen ; Zeus der Vater hatte die ambrosischen Locken , nickend , geschüttelt , der grause Mars hatte sich zähnefletschend die Hände gerieben , Aphrodite die Liebliche hatte den Gürtel der Reize enger geschnallt und siegesfroh gelächelt : - pasci Pugnando teneri volunt Amores , wie Johannes Secundus ebenso schön wie wahr sagt . Am Sonnabendmorgen schwang sich Iris , da Merkurs Flügelschuhe eben beim Schuster waren , zur Erde nieder , und eine halbe Stunde später erschienen an den Ecken der Stadt riesengroße Zettel , welche das vergnügensuchende Publikum zum Maskenball und zu vorzüglichen warmen und kalten Speisen und Getränken in die Walhalla einluden . In das lauschende Ohr Julius Schminkerts flüsterte die Götterbotin ; sie flüsterte in das Ohr Angelika Stibbes . Und nicht lange , so flüsterten Julius und Angelika zusammen im Hausgange . Was hatte Iris in der Wohnung Auroras zu flüstern ? Treppab schlich die rosen-näsige Bewohnerin des ersten Stocks und lauschte dem Gespräch des Jünglings und der Jungfrau . So lauscht die Boa constrictor , ehe sie sich vom Wipfel der Königspalme niederstürzt auf das unschuldige , kosende Gazellenpaar ! » Ich will euch ! ... jetzt soll ' s zu Ende kommen ! « flüsterte Fräulein Aurora Pogge , als sie , ihre Pantoffeln in der Hand tragend , wieder treppauf schlich . Es kam zu einem Ende ; aber zu einem andern , als das hohnlächelnde Mitglied des bessern , sanftern Geschlechts sich vorgestellt hatte . Julius Schminkert und Angelika Stibbe besuchten den Ball in der Walhalla , ohne eine Ahnung des düster über ihren leichtsinnigen Häuptern sich zusammenziehenden Gewitters . Sie tanzten , ohne , wie die französische Gesellschaft , zu wissen , daß sie auf einem Vulkan tanzten . Wie Luise Millerin genoß Angelika die Limonade , die ihr Julius präsentierte . - Wehe euch Unglücklichen , vergiftet war der kühlende Trank ! Julius Schminkert im Kostüm des Grafen Almaviva war ein Kavalier , wie ihn Angelika sich nicht eleganter wünschen konnte . Die Tochter Don Alphonso Stibbelinos als Sonnenjungfrau war unwiderstehlich , widerstand aber auch selbst nicht den schmeichelnden , überredenden , überzeugenden Beteuerungen des Conte Julio . Nach dem siebenten Walzer war das Paar einig , und Julius Schminkert schlug der Geliebten , der Verlobten vor , in Kompanie ein Parfümeriegeschäft zu etablieren und zwischen Seife , Wohlgerüchen , Haar- und Schönheitstinkturen ein wonniges , seliges , sonniges Liebesleben zu führen . Wer aber klopfte in nächtlicher Stunde an die Tür der Schlafkammer des schlummernden Vaters , der jetzt in seinen Träumen nicht mehr angstvoll dem Baron Schleifenbein , sondern fast noch angstvoller einem neuen Schuldner , dem Kammergerichtsassessor Beutler , nachjagte - ? Drückte den juristischen Stutzer die Last seiner Schuld so sehr , daß er sie jetzt in der ersten Stunde nach Mitternacht von der Seele wälzen wollte ? ... Nein ! Fräulein Aurora Pogges knöcherner Finger weckte den Schneider , daß er den imaginären Rockkragen des Kammergerichtsassessors losließ , sich jählings im Bett aufrichtete und hastig fragte : » Was gibt ' s ? Was ist ' s ? Wer ist da ? « Und eine Stimme drang durch das Schlüsselloch , so scharf und schrill wie ein Zugwind , der es auf einen hohlen Zahn abgesehen hat . » Stibbe , wenn ich in Ihrer Stelle wäre , so sähe ich einmal von Zeit zu Zeit nach , ob die hochnäsige , naseweise Gans , meine Tochter , im Bette sei . « » Was ? ! Wer ist das ? Sind Sie es , Fräulein Pogge ? Wo soll meine Tochter sein ? « » Nicht auf dem Walhallaballe , Sie alter Narr ! « antwortete die Zugwindstimme . » Der Schauspieler , der Vagabund vom Hahnebalken , ist auch natürlich zu Hause . Stibbe , in Ihrer Stelle guckte ich von Zeit zu Zeit einmal unvermutet in meiner Tochter Bett . «