und eine leise Stimme hauchte : Oswald , o mein Gott , Oswald ! Ein Knabe , der mit seinem Schwesterchen gespielt und aus Unachtsamkeit das Kind schwer verletzt hat , kann nicht bestürzter und erschrockener sein , wenn er das Blut der Kleinen fließen sieht , wie es Oswald war , als er die Thränen des Mädchens auf seiner Wange fühlte . Sein wahnsinniger Rausch von Liebe und Eifersucht war in einem Augenblicke verflogen . Was hatte er gethan ? Er hatte die schnöde Rolle des listigen Finklers gespielt ; er hatte das arme Vögelchen mit Schmeichelworten und Liebesblicken gelockt , bis es zu ihm herangeflattert kam und sich an seinen Busen schmiegte . Mein Fräulein , flüsterte er , indem er sanft den Kopf des Mädchens , das jetzt leise an seiner Brust schluchzte , emporzuheben suchte , Emilie , theures Kind , um Gotteswillen , beruhigen Sie sich ! Bedenken Sie , wenn Jemand Sie hier sähe , oder hörte - Was gehen mich die Andern an , ich liebe Dich , murmelte das Mädchen . Mein bestes Fräulein , ich beschwöre Sie , kommen Sie zu sich , machen Sie sich nicht unglücklich - So lieben Sie mich nicht , sagte das leidenschaftliche Mädchen , sich schnell emporrichtend , so lieben Sie mich nicht ? Gut , ich gehe - Sie machte einen Schritt nach dem Vorhang hin , aber die Leidenschaft hatte ihre Kräfte aufgezehrt . Sie schluchzte laut auf und wäre zu Boden gestürzt , hätte Oswald sie nicht in seinen Armen aufgefangen . Seine Lage war so peinlich wie möglich . In jedem Augenblick fürchtete er , Stimmen in dem Zimmer zu hören , den Vorhang zurückschlagen zu sehen - und wiederum , die Aermste in diesem Zustand halber Ohnmacht zu verlassen , zumal da er ihr schicklicherweise Niemand zu Hülfe senden konnte , war ihm unmöglich . Und doch mußte er sich losreißen , denn er fühlte , wie das für einen Augenblick zurückgedrängte Fieber seiner Sinne , je länger diese wunderliche Situation währte , wieder heiß und immer heißer durch seine Adern zu rieseln begann . - Zärtliche , liebevolle , leidenschaftliche Worte mischten sich , er wußte selbst nicht wie , in seine leisen Bitten ; eine unwiderstehliche Gewalt drückte ihm den jugendlichen Leib fester und fester in die Arme , ließ seine Lippen flüchtig die Lippen , die Augen , das Haar des holden Geschöpfes berühren . Mehr , als alle Worte es vermocht hätten , brachten diese Zeichen der Liebe das leidenschaftliche Kind wieder zu sich . So liebst Du mich also doch , Oswald ? flüsterte sie , sich innig an ihn schmiegend . Ja , ja , Holde , wer könnte so grausam sein , Dich nicht zu lieben . Aber bei Ihrer Liebe beschwöre ich Sie , verlassen Sie mich jetzt , ehe es zu spät ist . Ich sehe Sie im Saale wieder . Das Mädchen legte noch einmal ihren Kopf an seine Brust , als ahnte ihr , daß er da zum ersten und zum letzten Male geruht , und hob noch einmal den Mund zum Kusse zu ihm empor , als wüßte sie , daß so süße verstohlene Küsse sie nun und nimmer wieder im Leben geben und empfangen würde . - Die weiße , schlanke Gestalt war verschwunden und nur der Mondschein flimmerte auf dem dunkelrothen Vorhang , der das Fenster von dem Zimmer trennte . Und jetzt , als Oswald die Hand an den Vorhang legte , sich womöglich auf einem Umwege wieder in den Ballsaal zurückzubegeben , hörte er die Stimme zweier Männer , die soeben in das Gemach traten . Sechsundzwanzigstes Capitel Wer zum Teufel war denn das , sagte die eine Stimme - es war die Stimme des Baron Oldenburg - war das nicht die schlanke Emilie ? Wonach hat denn die kleine Menschenfischerin hier im Trüben geangelt ? - Aber jetzt , Barnewitz , sage ich mit Hamlet : Wo führst Du mich hin ? Red ' , ich geh ' nicht weiter . Zweimal habe ich schon in dem verdammten Clairobscur , das in diesen Räumen herrscht , meine freiherrlichen Schienbeine mit einem groben Schemelbeine in unangenehme Berührung gebracht . Gott sei Dank , hier ist eine Causeuse : eh bien , mon ami , causons ! Ich bitte Dich , Oldenburg , sei für einen Augenblick ernsthaft , sagte Herr von Barnewitz , und seine Stimme klang seltsam gepreßt - mir ist wahrhaftig nicht lächerlich zu Muthe . Ihr seid seltsame Menschen ! Du und Deines Gleichen . Ihr glaubt , ein ehrlicher Kerl könne kein ernsthaftes Wort vorbringen , ohne eine Leichenbittermiene dabei zu machen . Der Humor ist Euch ein unbekannter Luxus . Nun wohl , mein ernsthafter Freund , was hast Du ? Höre , Oldenburg - Still ! wir sind doch hier unbelauscht ? Mir war , als hörte ich eine Ratte hinter den Tapeten ! Es war nichts . Eh bien , so verkünde mir in möglichst verständlichen Worten Deine Trauermähr . Die Stimmen der Redenden wurden leiser , aber nicht so sehr , daß Oswald nicht jedes Wort deutlich hörte . Er verwünschte seine Situation , die ihm die Rolle des Lauschers aufzwang ; aber er sah keine Möglichkeit zu entrinnen . Da Oldenburg Fräulein von Breesen erkannt hatte , würde er die Ehre dieser jungen Dame preisgegeben haben , wäre er jetzt aus seinem Versteck hervorgekommen . Er versuchte , ob er nicht geräuschlos das Fenster öffnen könne , um mit einem kühnen Sprunge über die Stachelbeerhecke fort , die sich unter demselben hinzog , in den Garten , und von dort durch die offene Thür des Ballsaales in diesen zurückzugelangen , aber er stand von diesem Vorhaben , als zu gewagt , ab , und ergab sich , nicht ohne heimlich seinen Unstern zu verwünschen , in die halb lächerliche , halb ärgerliche Situation . Oldenburg , sagte Barnewitz , hat Dich Cloten gebeten , ihn zu meiner Frau zu setzen , oder war es blos ein Einfall von Dir ? Wie kommst Du auf diese seltsame Frage ? Gleichviel ! beantworte sie mir nur ? Nicht , bevor ich weiß , wo dies Alles hinaus soll ! Ich will eine Antwort und keine Ausflucht , sagte der wüthende Edelmann . Euer Drohen hat keine Schrecken , Cassius , antwortete Oldenburg mit einem Tone , dessen königliche Ruhe sonderbar mit dem heisern , leidenschaftlichen Ton der Stimme des Andern contrastirte . Ich sage Dir noch einmal , Barnewitz , entweder Du sagst mir , was meine Aussage in dieser Sache für eine Bedeutung hat , oder ich verweigere , Dir Rede zu stehen . Nun wohl , die Sache ist kurz und bündig die : Cloten liebt Hortense ! O ! und vice versa : liebt Deine Frau auch diesen liebenswürdigen Jüngling ? Der Teufel soll ihn holen . Ein höchst christlicher Wunsch , dem ich mich von ganzem Herzen anschließe . Seit wann spielt dieses romantische Verhältniß ? Seit wir von unserer Reise zurück sind . Und welche Beweise hast Du ? Tausend ! Und was gedenkst Du zu thun ? Herr Gott des Himmels , Oldenburg , Du fragst , als ob es sich um eine Whistpartie handelte ! Umbringen will ich den Schuft , mit der Hetzpeitsche will ich ihn von meinem Hofe jagen , ihn und seine Maitresse ! Bon ! Und willst Du mir einen dieser tausend Beweise nennen ? Nun , ich dächte , der heutige Abend wäre Beweis genug . Erst läßt sie sich von ihm zu Tische führen , hernach coquettirt sie mit ihm auf eine unverschämte Weise - Halt , wer hat Dir das gesagt ? Der junge Grieben . Dann sage dem jungen Grieben , daß er sein Spatzengehirn zu etwas Besserem verwenden könnte , als so alberne Geschichten zu erfinden und sie Dir zuzutragen . Ich habe näher gesessen , als er , und bin mindestens kein schlechterer Beobachter , und ich sage Dir , daß Deine Frau und Cloten sich über Tische so anständig benommen haben , wie - man es nur von einem Edelmann und einer Edelfrau erwarten kann . Und dann bedenke doch gefälligst , daß das ganze Arrangement nur ein Einfall , und wie ich jetzt sehe , ein schlechter Einfall von mir war . Ich kann mich darauf verlassen , Oldenburg ? Ich meine gewöhnlich , was ich sage . Aber es ist doch wahr ! knirschte von Barnewitz . Lieber Freund , ich kann darüber gar nicht urtheilen , und Du würdest mich also ausnehmend verbinden , wenn Du mich aus dem Handel ließest . Willst Du aber meinen freundschaftlichen Rath , so steht er Dir gern zu Diensten . Was soll ich thun ? Deine Hetzpeitsche an der Wand hängen lassen , und auf jede Weise einen Scandal vermeiden , in welchem sich derjenige immer am meisten blamirt , auf dessen Kosten der ganze Spectakel schließlich aufgeführt wird , c ' est à dire : der Ehemann . Sodann rathe ich Dir , zu bedenken , daß unsere chronique scandaleuse überreich ist an dergleichen Geschichten , und daß , wenn alle gekrönten Häupter unter uns bei jedem neuen Ende , das ihrem Schmucke angesetzt wird , zur Hetzpeitsche greifen wollten , schließlich keine Seiler und Riemer im Lande mehr aufzutreiben sein würden . Drittens erlaube ich mir , Dir den unmaßgeblichen Rath zu ertheilen : schaffe die Hälfte von Deinen Jagdhunden , und Deine sämmtlichen Maitressen ab . Lasse die Hasen ihren Kohl in Ruhe fressen , und die Bauerbengel ihre Schätze in Frieden küssen ; bekümmere Dich mehr um Hortense , die , wie alle Frauen , nichts Besseres verlangt , als geliebt zu werden , und die eine viel zu kluge Dame ist , als daß ihr , wenn sie die Wahl zwischen Dir und Cloten hat , Deine Vorzüge nur einen Augenblick verbogen bleiben könnten . Und schließlich , laß uns wieder unter Menschen gehen , denn dieses philosophische Gespräch in dem mystischen Halbdunkel hat mich außerordentlich angegriffen , und mich verlangt herzinnig nach einem Glase Champagner . Ja , das ist wahr , sagte der halb betrunkene Barnewitz ; ich bin ein ganz anderer Kerl , als dieser verdammte Hasenfuß , dieser Cloten . Und Hortense weiß das auch recht gut , ha , ha , ha ! S ' ist auch wahr : ich habe in der letzten Zeit ein bischen flott gelebt . Weißt Du , unsere italienische Reise hat mich eigentlich so liederlich gemacht . Die verdammten Weibsen mit ihren schwarzen glänzenden Augen - Ja und à propos , glänzende Augen . Was ich Dich immer fragen wollte : ist es denn jetzt ganz vorbei mit Dir und der Berkow ? Mit mir und Frau von Berkow ? Welch ' tolle Blasen treibt denn Dein Gehirn nun schon wieder ? Was soll vorbei sein zwischen ihr und mir ? Aber Oldenburg , Du wirst einem alten Fuchs wie mir doch nicht einreden wollen , daß Du die süßen Trauben nur immer fein säuberlich aus der Ferne bewundert hast ? Höre , mein Schatz , sagte Oldenburg , und seine Stimme klang scharf wie ein zweischneidiges Messer ; Du weißt , ich verstehe Scherz , wie Einer ; wer es aber wagt , Melitta ' s Ehre zu begeifern , beim allmächtigen Gott : er stirbt von meiner Hand . Nun sieh ' , wie heftig Du gleich wieder wirst . Ich heftig ? Ich bin so kühl wie Champagner in Eis . - Ja , was ich sagen wollte , versprich mir , Barnewitz , daß Du weder heute , noch morgen , überhaupt nicht , bevor Du mit mir Rücksprache genommen , etwas in dieser Angelegenheit thust ; vor allem Dir gegen Deine Frau nicht das Mindeste merken läßt ; hörst Du , Barnewitz , nicht das Mindeste . Ja , der gute Rath kommt nur zu spät , sagte Barnewitz ; ich habe schon im Vorübergehen ein paar Worte gegen Hortense fallen lassen ; ich sage Dir : sie wurde bleich wie die Wand . Der verdammte Hallunke ! Das war sehr unrecht und sehr unritterlich , mein Ritter von der traurigen Gestalt , sagte Oldenburg ; alte Weiber schwatzen , Männer handeln ; solche Scenen zwischen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich über alle Begriffe plebejisch und gemein , und das Bewußtsein , daß wir im Rechte , der andere im Unrechte ist , sollte uns doppelt mild , zartfühlend und nachsichtig machen . Im Unrecht sein , und es noch dazu eingestehen müssen , ist an sich schon Unglück genug . Ach Oldenburg , das ist Alles für mich zu hoch . Und dann , Du kennst die Weiber nicht , wenn Du glaubst , sie nehmen sich dergleichen so sehr zu Gemüth . Zum einen Ohr hinein , zum andern wieder heraus . Komm Oldenburg , und überzeuge Dich , ob Du Hortense ansehen kannst , daß ich ihr vor zehn Minuten gesagt habe , ich würde Cloten die Knochen im Leibe entzwei schlagen , wenn die verdammte Geschichte nicht sofort ein Ende nähme . Ja , ja , Du bist der wahre Othello ! Und ich in meiner gutmüthigen Dummheit versuche diesen brutalen Mohren zu einem civilisirten Europäer zu waschen ! Quelle bêtise ! Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm , und die Musik , die aus dem Saale herübertönte , zeigte , daß der Tanz wieder begonnen hatte , kam er aus seinem Versteck hervor . Er vermuthete , daß diese Flucht von Zimmern auf einem langen Corridor enden müsse , den er beim Hinaufgehen in den Speisesaal bemerkt hatte . Er hatte sich nicht getäuscht . Schon aus dem nächsten Zimmer führte eine Thür auf den Corridor . Aus demselben gelangte er auf den Hausflur und von dort , ohne irgend Aufsehen zu erregen , in den Empfangsaal und die Gesellschaftszimmer . Hier und da wurde noch gespielt , aber die meisten Herrschaften hatten sich nach dem Ballsaale begeben , wo demnächst der Cotillon getanzt werden sollte . Dahin begab sich denn auch Oswald . Sein Auge suchte und fand alsbald Emilie von Breesen . Er traute seinen Augen kaum , so ganz schien sie ihm verwandelt ; aus dem wilden Mädchen von heute Nachmittag war eine Jungfrau geworden . Sie erschien ihm größer und bedeutender ; ihr vorher rosiges Antlitz war jetzt bleich , aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewöhnlichen Feuer , und für die Scherze ihres Tänzers hatte sie kein Lächeln mehr . Sobald sie Oswald ansichtig wurde , zuckte ein Freudenblitz über ihr Gesicht . Eifrig wandte sie sich zu ihm , als er in ihre Nähe trat . Auf ein Wort , Herr Doctor ! - und dann im leisen Ton : Ich tanze den Cotillon mit Ihnen , ich weiß , Sie sind noch nicht engagirt ; ich habe den Grafen Grieben so zur Verzweiflung gebracht , daß er soeben mit seinen Eltern fortgefahren ist . Er vermuthet wahrscheinlich , das werde großen Eindruck auf mich machen , der Narr ! Entschuldigen Sie , Herr von Sylow , ich bin noch zu angegriffen . Tanzen Sie eine Extratour mit meiner Cousine . Sie schmachtet nach Ihnen . - Gott sei Dank , daß er fort ist ! - Oswald , liebst Du mich ? liebst Du mich wirklich ? Ich kann es kaum glauben . Mir schwindelt der Kopf ; ich möchte laut aufjauchzen vor Wonne . O , bitte , bitte , sieh ' mich nicht so an , ich muß - muß Dir sonst um den Hals fallen und Dich küssen , wie vorhin . Bist Du mir bös , Oswald ? Es war wohl recht schlecht von mir . Aber sieh , ich konnte nicht anders . Warum sprichst Du nicht Oswald ? Weil es so süß ist , Ihrem Geplauder zuzuhören . Ich bin wohl ein rechtes Kind , nicht wahr ? Aber warum nennen Sie mich nicht Du ? Glaubst Du denn , Holde , daß man nur die liebt , die man Du nennt ? Nein , aber daß man die Du nennt , die man liebt . O , ich finde dies Du so himmlisch . Gott sei Dank , der Tanz ist zu Ende . Komm , wir wollen uns einen guten Platz suchen , den dort in der Ecke am Fenster . Die Herren waren eifrig beschäftigt , nach den vorher von ihren Damen eingeholten Instructionen , die Stühle zu arrangiren ; schon war der Kreis fast geschlossen , als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermüthigen Jugend , und das Quinquiliren der armen gequälten Musiker auf ihren seit einiger Zeit sehr widerspänstigen , Instrumenten , und das Klappern der Gläser und Tassen auf Präsentirtellern und in den Händen der Durstenden - Stimmen aus dem Nebenzimmer ertönten , die nichts weniger als festlich klangen - laute , von Wein und Wuth heisere Stimmen , drohende Worte hinüber und herüber - nur ein paar Worte , aber gerade genug , um wenigstens alle , die sich auf dieser Seite des Saales befanden , für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuschrecken . Freilich auch nur für einen Moment , denn ein mit unfeinen Worten geführter Streit war der hier versammelten Gesellschaft nichts Unerhörtes und dauerte nicht immer so kurze Zeit , wie diesmal . Auch dieser Vorfall würde , wie so viele andere ähnliche , kein weiteres Aufsehen erregt haben , wenn nicht ein zweiter Vorfall , der sich in dem Ballsaale ereignete , dem ersteren eine eigenthümliche , und für die Scharfsinnigeren wenigstens keineswegs räthselhafte Bedeutung gegeben hätte . Kaum waren nämlich die drohenden , heiseren Stimmen nebenan von einer dritten , die eine große Autorität über die trunkenen Lapithen ausüben mußte , zum Schweigen gebracht , als Hortense von Barnewitz , die mit dem jungen Herrn von Süllitz den Cotillon tanzen sollte , den Arm dieses Herrn faßte , der , ihre Blässe bemerkend , schnell einen Stuhl herbeizog , auf welchen sie ohnmächtig niedersank . Die Bestürzung der Gesellschaft war natürlich sehr groß . Trotzdem , daß ein Dutzend Riechfläschchen sofort zur Hand waren , und mit dem Inhalt derselben die Stirn , die Augen , die Schläfe der schönen Ohnmächtigen reichlich benetzt wurden , dauerte es doch einige Minuten , bis Hortense nur so weit zu sich kam , um mit blassen Lippen den sie umgebenden Damen ihren Dank zuzulächeln , und sie mehr mit Blicken , als mit Worten zu bitten , sie aus dem Ballsaale zu führen , was denn auch alsbald geschah . Die Zurückbleibenden sahen einander an , als wenn sie fragen wollten , was hatte denn das zu bedeuten ? Mit dem Balle ist es nun wohl vorbei ? fragte Adolf von Breesen , der mit seiner jungen Cousine Lisbeth , welche er anbetete , zum Cotillon engagirt war , kleinlaut Oswald , der neben ihm stand . Ich fürchte , ja , antwortete dieser . Wir tanzen doch weiter ? fragte eine dritte Stimme . Unmöglich , sagte Herr von Langen , ich habe schon anspannen lassen . Was war denn das eigentlich vorhin für eine Geschichte zwischen Barnewitz und Cloten ? fragte ein Anderer . Was wird ' s sein ? Sie haben Beide ein Glas über den Durst getrunken . Das ist Alles , sagte von Langen . Es sollte mich sehr freuen , wenn das Alles wäre , sagte von Breesen ; aber ich fürchte , dahinter steckt mehr . Ich hörte , daß Cloten über Hals und Kopf davon gefahren ist . Herr von Barnewitz erschien an Oldenburgs Seite in dem Ballsaal . Das Gesicht des Barons war so ruhig wie immer , aber das des andern Edelmanns war von Aufregung , Zorn und allzureichlich genossenem Wein purpurroth ; seine Augen schwammen , und seine Stimme war etwas lallend , als er jetzt den Herren , die ihm in den Weg kamen , zuredete , den Ball fortzusetzen . Aufhören , nach Hause fahren - dummes Zeug - lasse keinen Menschen vom Hofe - Heda ! Champagner hierher ! - Nach Hause ? Warum ? meine Frau wird alle Augenblicke ohnmächtig mit und ohne Grund - da könnte ich gar keine Gesellschaft geben . Musik anfangen ! Aber trotz dieser gastfreundlichen Worte , deren Wirkung durch das allzusichtlich aufgeregte Wesen des Sprechenden wesentlich beeinträchtigt wurde , und trotz der ersten Töne der Instrumente , die mit einem schauerlichen Accord einsetzten , waren nur sehr Wenige bereit , den unterbrochenen Ball wieder aufzunehmen . Alle Uebrigen fanden plötzlich , daß es schon sehr spät sei , daß man zu lange bei Tisch gesessen habe , daß es unverantwortlich wäre , ein Fest nicht zu beenden , an welchem die Wirthin selbst nicht mehr theilnehmen könnte - und was dergleichen Phrasen denn mehr sind , durch die eine Gesellschaft , die einmal aufbrechen will , ihren Rückzug zu motiviren sucht . Schon hörte man einen Wagen nach dem andern vorfahren . Mütter suchten ihre Töchter , diese ihrer Shawls und Tücher - überall ein Aufbrechen , Abschiednehmen , hier ein übermüthiger Scherz , dort eine böswillige Bemerkung , hier ein verstohlenes Liebeswort . - Oswald sah nicht viel Anderes , als die Gestalt des hübschen , leidenschaftlichen Kindes , das ihm so schnell so theuer geworden war . Hatte er doch noch vor wenigen Minuten ihre Lippen geküßt , sah er doch ihre jungen , strahlenden Augen voller Seligkeit zu sich aufgeschlagen , vernahm er doch ihre leise , liebedurchglühte Rede . Was Wunder , wenn er in der kurzen Frist , die ihm mit dem süßen Kinde noch beisammen zu sein vergönnt war , Liebe für Liebe gab ; wenn er dem Augenblicke , der sie trennen würde , mit kaum geringerer Angst entgegensah , als das Mädchen selbst , welches bei der Ankündigung , der Wagen sei vorgefahren , fast in Thränen ausbrach . Emilie hatte den Augenblick , wo Oswald sie nach dem Tanze zu ihrer Tante zurückführte , wahrgenommen , ihn dieser Dame , die bei ihr Mutterstelle vertrat , vorzustellen . Ein paar gewandte , witzige Worte hatten ihn schnell bei der Matrone , die mit dem besten Herzen von der Welt gern auf Kosten Anderer lachte , in Gunst gesetzt . Auch sie lud Oswald ein , doch ja recht bald einmal nach Candelin ( dem Gute von Emiliens Vater , der Vater litt für den Augenblick an der Gicht und hatte deshalb zu Hause bleiben müssen ) herüber zu kommen . Ja , und dann wollen wir etwas nach der Scheibe schießen , sagte Adolf von Breesen , der herantrat , um den Damen anzukündigen , daß der Wagen da sei . Ich lade noch ein paar Herren dazu , damit Sie sich nicht allzusehr bei uns langweilen . Ich besitze das Talent , mich zu langweilen , nur in einem sehr bescheidenen Maße , und überdies glaube ich , daß die Gegenwart dieser Damen , und Ihre eigene , Herr von Breesen , ein besseres Präservativ gegen diese Krankheit ist , als eine Gesellschaft von hundert Personen , sagte Oswald mit höflicher Verbeugung . Siehst Du , Adolf , rief die lebhafte alte Dame , Herr Stein sagt dasselbe , was ich Dir schon tausendmal gesagt habe : nur langweilige Menschen langweilen sich ; zum Beispiel Du und Deine Schwester , die Ihr jeden Tag hundertmal vor langer Weile sterben wollt . Ich langweile mich nie , Tante , rief Fräulein Emilie eifrig . Kind , Du beginnst irre zu reden , es ist die höchste Zeit , daß wir nach Hause kommen . Also à revoir , Monsieur . Ich bitte um die Gnade , Sie bis zum Wagen begleiten zu dürfen , sagte Oswald , der alten Dame den Arm bietend . Vous êtes bien aimable , Monsieur , erwiderte sie , den dargebotenen Arm annehmend . Sind Sie überzeugt , Herr Stein , daß Sie nicht von Adel sind ? Wie von meinem Dasein , gnädige Frau . Weshalb ? Hm ; Sie haben in Ihrem ganzen Wesen etwas Chevalereskes , das man heut zu Tage nur selten und nur bei unsern jungen Leuten aus den besten Familien findet . Adolf kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen . Hörst Du , Adolf ? Ich höre stets auf das , was Sie sagen , liebe Tante , antwortete der junge Mann , der mit seiner Schwester folgte , auch wenn ich , was Sie sagen , schon ein oder das andere Mal von Ihnen gehört haben sollte . Emilie , Kind , wo hast Du denn die Augen , Du wärst um ein Haar unter das Rad gekommen ! Die Damen waren eingestiegen , Adolf von Breesen gab dem Kutscher auf dem Bocke noch eine Instruction über den einzuschlagenden Weg . Oswald stand an der geöffneten Thür , die Tante hatte sich schon bequem in ihrer dunkeln Ecke zurecht gesetzt , Emilie hatte sich etwas nach vorn gebeugt . Das Licht von den Laternen auf dem Bocke und vor der Hausthür fiel auf ihr Gesicht . Ihre Blicke hingen unverwandt an Oswald ; aber sie sah ihn wohl kaum , denn ihre großen Augen waren von Thränen verschleiert ; sie wagte nicht zu sprechen , aber ihr leise zuckender Mund war beredt genug . Ihr Bruder sprang in den Wagen und zog die Thür hinter sich zu . Fort ! die Pferde zogen an . Eine kleine Hand in weißem Handschuh winkte aus dem Fenster . Das war das letzte Liebeszeichen . Im nächsten Augenblick stand ein anderer Wagen auf dem Platze . Oswald kehrte in das Haus zurück . Die Gesellschaft war schon sehr zusammengeschmolzen ; unter den Wenigen , die noch da waren , und , in Mäntel und Shawls gehüllt , auf ihre Equipagen warteten , war Niemand von denen , welche Oswald im Lauf des Tages näher kennen gelernt hatte . Herr von Langen war der Erste gewesen , der aufgebrochen war , nachdem er seinen neuen Freund auf das dringendste wiederholt zu einem Besuche aufgefordert hatte . Oswald hatte sich draußen erkundigt , ob der Wagen von Grenwitz wieder da sei , aber eine verneinende Antwort erhalten . Je mehr die Gesellschaft sich lichtete , desto unangenehmer wurde ihm dies ganz unbegreifliche Ausbleiben . Er sah schon im Geiste , wie er der letzte von Allen sein würde , und hatte schon beschlossen , lieber vorher zu Fuß aufzubrechen , als schließlich auf die Gastfreundschaft des Herrn von Barnewitz angewiesen zu sein . Da kam der Baron Oldenburg aus dem Nebenzimmer und schien Jemand mit den Augen zu suchen . Sobald er Oswald bemerkte , lenkte er seine Schritte auf diesen zu . Wie ist es , Herr Doctor , sagte er , ich dächte , es wäre Zeit , nun abzufahren . Ich wäre schon auf und davon , antwortete Oswald , nur fehlt es mir vorläufig noch an Roß und Wagen ; ich vermuthe , daß des Barons Kutscher und Pferde , die mich abholen sollen , unterwegs eingeschlafen sind . Ich mache mir ein besonderes Vergnügen daraus , Ihnen einen Platz in meinem Wagen anzubieten , sagte der Baron . Der kleine Umweg , den ich machen muß , um Sie vor dem Thore in Grenwitz abzusetzen , wird mir durch das Vergnügen Ihrer Gesellschaft doppelt und dreifach entschädigt . Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an . Eh bien , partons ! Auf dem Flure trafen sie Herrn von Barnewitz , der augenscheinlich seinen Pflichten als Wirth nur noch mit der größten Mühe nachkam . Seine Augen waren blutunterlaufen , seine Stimme war auf eine unangenehme Weise rauh und heiser . Er schwatzte allerlei tolles Zeug durcheinander , während er den einzelnen Gästen , die er bis an den Wagen begleitete , eine höfliche Phrase mit auf den Weg zu geben bemüht war . Wollen schon fort - na , bleiben Sie gut nach Hause - Johann ! Deinen Wagen für Frau von Poggendorf - gnädige Frau müssen noch einen Augenblick anspannen lassen . Empfehle mich Ihrem Herrn Gemahl ! Ah ! Poggendorf , alter Junge , hatte Dich gar nicht gesehen , laß Deine Frau in Teufels Namen allein fahren , wollen Glas Champagner - Oldenburg , Doctor , auch schon fort ? - Unsinn ! freue mich Ihre Bekanntschaft zu machen - schießen wie der Teufel - ist recht , daß Sie den Cloten blamirt haben - ist ganz recht ; bist ein famoser Kerl , Doctor , ( zärtliche Umarmung ) , bist mein Herzensfreund , ( Schluchzen ) , mein bester Freund , ( neue Umarmung ) , hättest ihn todtschießen sollen , den Hallunken . Komm , Barnewitz , ich habe Dir etwas mitzutheilen , sagte der Baron , Herrn von Barnewitz ziemlich derb auf die Schulter schlagend und ihn ein paar Schritte von dem Wagen fortführend . Entschuldigen Sie auf eine Minute , Herr Doctor ; Karl ! Platz machen , daß die andern Wagen vorfahren können . Die Beiden gingen eine Weile im Gespräch auf und ab , bald in dem Dunkel des Hofes fast verschwindend , bald in den lichten Kreis , der das Haus umgab , tretend . Oswald konnte sich wohl denken , wovon zwischen den Beiden die Rede war . Ein paar Mal erhob Herr von Barnewitz seine Stimme , aber er senkte sie auch alsbald wieder vor einem St ! oder bist Du nicht gescheut ? Oldenburgs , wie eine wilde Bestie in der Menagerie aufbrüllt und sofort schweigt , wenn der Blick oder die Peitsche des Herrn sie trifft . Dieser Mann übt eine magische Gewalt über die Andern aus , sagte Oswald bei sich , während er die lange Gestalt des Barons neben dem um einen Kopf kleineren Barnewitz , wie das personificirte Gewissen