sprechen . « » Also das sind die Pantheisten , « sagte Regina . » Nun und was betet die übrige Welt an , die nicht pantheistisch gesinnt ist , aber auch vom Kreuze nichts wissen mag ? « » Fetische , Gräfin Regina ! - Der Fetisch ist , wie bekannt , jedes beliebige Ding oder Unding . Die alten Egypter beteten unter Anderen , nebst Krokodill und Katze , auch die Zwiebel an , weil sie gern dieselbe speisten . Wenden Sie das auf die Welt an ! Der größte Fetischdienst wird aber unstreitig mit Papierschnitzeln getrieben . « » Da muß ich auch zuhören ! « rief Corona , und legte ihren Bleistift nieder , mit dem sie bis dahin fleißig gezeichnet hatte . » Das ist ja über allemaßen merkwürdig ! - Also , Herr Ernest , Papierschnitzel ! « » Ja , Komteßchen , mit Zahlen bedruckte . Steht eine Eins darauf , so ist die Anbetung gering ! Zehn - zehnmal höher ! Hundert - hundertmal höher ! Tausend - nun dann ist sie enorm ! Ein Päckchen solcher mit der Zahl Tausend bedruckter Papierschnitzel - ja , wenn das da drüben zu Engelberg auf der Stelle läge , wo die heilige Mutter Gottes steht - und es hieße : Derjenige bekommt es , der zuerst auf Händen und Füßen den Berg erklimmt - o mein liebes Komteßchen , welch ' eine Jagd würden wir erleben ! Kein Glatteis , kein Regen , kein Schnee , keine dreißig Grad Hitze - nichts hielte diese Adoranten zurück , sich auf allen Vieren an die Eroberung ihres gebenedeiten Fetisches zu machen . Knieend die Wallfahrtstreppe zu ersteigen , andächtig dabei den Rosenkranz zu beten und sich in dieser kindlichen Weise vor dem göttlichen Kindlein Jesu zu demütigen : das ist in den Augen dieser Fetischdiener der höchste Grad des Lächerlichen und Törichten . Aber eine Promenade auf allen Vieren wäre höchst weise , respektabel und durchaus notwendig , wenn es sich um jene Papierschnitzel handelte ; denn das sind Bankzettel , die Geldeswert haben - oder haben sollen . « » Bankzettel ! « sagte Corona im Tone getäuschter Erwartung . » Ich dachte Wunder , was das sein würde ! « » Sie sind gar nicht auf der Höhe des Jahrhunderts , wenn das Wort Sie nicht elektrisiert zu brennendem Verlangen . Ja , Bankzettel sind die Idole der Welt , denn sie verhelfen zum Genuß ihrer Herrlichkeit und darin besteht , nach vorherrschender Meinung , das Glück und die Würde des Menschengeschlechtes . « » O , « rief Regina , » wie notwendig ist es , daß gegen diesen niedrigen Zug , der durch die Menschheit geht und sie entadelt , ein energischer Protest eingelegt werde und ein Zug nach dem himmlischen mit Entschiedenheit sich kund gebe ! Je mehr die einen nach den Freuden der Erde schreien und rennen , desto mehr müsse die anderen ihre Verachtung dieser Nichtigkeiten an den Tag legen und nach übernatürlichen Gütern seufzen und streben . « » Diesen himmlischen und ganz unausrottbaren Zug in der Menschheit , der durch ihre dunkelsten Epochen wie Sternenlicht schimmert , vertritt eben der Ordensstand , « sagte Levin . » Sein Dasein ist der energische Protest einer Menschheit , die nach dem Bilde Gottes sich geschaffen und für ein ewiges Leben bestimmt weiß ; die sich als verbannt aus dem Paradiese führt und sich dahin zurücksehnt ; die , von geheiligter Willenskraft bewogen , eben so entschieden erlaubtem Erdenglück entsagt , wodurch sie , - wie Atalante durch die goldenen Äpfel - in ihrem Lauf gehemmt werden könnte , als man sich auf der anderen Seite , von brutalen Leidenschaften blind getrieben , gierig im Unerlaubten ergeht . Der Ordensstand ist der entschieden und in bestimmtester , gleichsam handgreiflicher Form ausgeprägte Protest der Kinder Gottes gegen das Gebahren der Kinder Belials . Daher der unaussprechliche Grimm dieser gegen jene ! sie fühlen sich gleichsam bei Leibesleben schon verdammt durch die lichte Richtung , welche ihre finstere doppelt dunkel erscheinen läßt . Haben sie die Oberhand in den Angelegenheiten der Welt , so ist es regelmäßig ihre erste Großtat , daß Klöster aufgehoben und Ordensleute verjagt werden . Dies sage nicht ich , dies sagt seit mehr als dreihundert Jahren die Geschichte . Jede Verbindung in der menschlichen Gesellschaft , welche irgend einem Zweige des Baalsdienstes huldigt , darf bestehen . Verbinden sich aber einige Männer oder Frauen , um gemeinsam dem göttlichen Heiland durch Gebet und Liebeswerke zu dienen , so wird irgend ein beliebiges Zetergeschrei so hartnäckig und so betäubend von ihren Widersachern angestimmt , als führten sie den Untergang der Welt herbei . Fahndet man aber auf die Singvögel wie auf Habicht und Geier , so wird der Wald stumm und öde und der liebliche Gesang verhallt , der dem Wandersmann das Herz frisch und fröhlich machte und ihn zuweilen veranlaßte einzustimmen in die friedlichen Hymnen . So sind denn auch wir gar arm jetzt an Klöstern und daher auch bitterarm an Gebet . Das Kloster ist so recht dessen Heimat . In der Welt bereiten ihm wohl auch fromme Seelen eine Stätte , allein es ist dort eine Ausnahme ; im Kloster ist es die Regel . Dem Gebetsleben sich widmen : das war in den ersten christlichen Jahrhunderten der bezeichnende Ausdruck für das klösterliche Leben ; er zeigte an , daß jede Arbeit , jede Beschäftigung , jedes Werk , jede Handlung durch das Gebet in der Vereinigung mit der Anbetung der Engel geschehen sollte . Das gemeinschaftliche Chorgebet , das durch Tage und Nächte zu festgesetzter Stunde anhub - die andächtige stille Betrachtung der heiligen Geheimnisse des Glaubens - die Anbetung des Sanktissimums , worin sich ununterbrochen , Stunde um Stunde , in gewissen Klöstern die Ordensleute abwechselten - das höhere , beschauliche Gebet , das sich versenkt in das Leben , Leiden und Sterben des Gottessohnes - das alles ist mit den Klöstern verschwunden . Dazu hat in der Welt niemand Zeit , niemand Lust , auch niemand Anleitung . Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu geringer Zahl , um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu genügen ; wie sollte sie höhere Bedürfnisse des Seelenlebens pflegen können ! Je mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen und Verhältnissen hingeben muß - desto heilsamer wär ' es auch ihr , wenn sie die weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen hätte und zu heiligem Wetteifer angespornt würde . « » Es gab auch viele Mißbräuche in den Klöstern , viel Trägheit , Schwelgerei und Müssiggang , « bemerkte die Baronin , um Regina herabzustimmen , deren leuchtende Augen immer heller leuchteten , je länger der Onkel sprach . » Die Zahl der Klöster war zu groß , als daß der Beruf sie hätte bevölkern können ; sie wurden ein Exil , wohin Eltern unliebsame Kinder schickten , oder ein Zufluchtsort für Taugenichtse , die dort ihr Behagen fanden . « » Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb zugelassen haben , « entgegnete Levin . » Wir wissen ja sämtlich , daß der Mensch alles Gute mißbrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann . Läßt er sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten , so ist er inner-wie außerhalb der Klostermauern ein Kind Belials . Überdies hat das Kloster , als solches , kein Privilegium , wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche Schwäche verschlossen wäre . Jeder Bewohner desselben bringt sein Stückchen Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klöster ist ihnen zum Verderben geworden . « » Nun , « sagte Ernest , » diesen Stein des Anstoßes hat man ja mit zarter väterlicher Sorgfalt fast überall hinweg geräumt . « » Wir wollen auch nicht darüber klagen , « entgegnete Levin . » Arm sein ist für alle Menschen ohne Ausnahme besser , als reich sein , weil die Armut auf Sinnlichkeit und Hochmut drückt , Reichtum sie nährt . Wer sich der Nachfolge Christi widmet , freut sich der Armut und nennt sie , wie St. Franziskus Seraphicus , seine geliebte Braut . Daß wir keine gefürsteten Äbte und Äbtissinnen haben , wollen wir verschmerzen - ohne doch das Recht anzuerkennen , welches sie von ihren Stühlen warf . Aber daß man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit treibt , um dem lieben Gott zu mißgönnen , daß ihm einige stille Seelen in demütiger Zurückgezogenheit , durch geistliche und leibliche Werke der Barmherzigkeit dienen - das ist wohl sehr schmerzlich . Nie gab es mehr Leid hienieden , als in unserer Zeit , weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die Begier nach Genüssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet , so rasend gesteigert war , und weil sie noch nie einen solchen Schein von Zugänglichkeit für alle und jeden hatten , als eben jetzt vermöge der vielfach gesteigerten Mittel der Bildung , der Spekulation , der Tätigkeit , der Verbindung für kommerzielle Zwecke . Da wähnen denn alle und jeder , sie müßten ihren Sitz haben bei dem Festgelage des Lebens und sind mißvergnügt , wenn sie ihn nicht einnehmen . Diese massenweise getäuschten Erwartungen der Eitelkeit , des Dünkels , der Hoffart , der Lüsternheit machen die Menschen unsäglich elend , und sie wird nicht eher zu ihrem Frieden kommen , als bis sie das gefunden hat , was keine Revolution , wohl aber die Religion ihr geben kann : Liebe zum Leiden . Daß eine solche Liebe existiere , würde sie gewahr werden durch die armen Klöster , und wenn durch deren Beispiel , Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom Dienste des Baal abgelöst würden - oder fünfzig , oder nur zehn - welch ein Gewinn für die Ewigkeit ! « » Wie würden die aber als Reaktionäre verschrien werden ! « rief Ernest lächelnd . » Gerade so wie in der französischen Revolution des vorigen Jahrhunderts diejenigen als Aristokraten verschrieen wurden , die sich nicht wollten guillotinieren lassen . Sie waren Reaktionäre gegen die Guillotine , die das letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist . « » Es ist in der Tat kein übles Monopol , welches sich die revolutionäre Partei vindiziert , daß nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung gelten soll , « sagte Ernest . » Jede andere Bewegung empfängt das Stigma Reaktion ! was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestät dieser Partei haben soll , und was die gedankenlose und verschüchterte Menge ihr nachlallt . Übrigens gefällt es mir , daß die Demokraten sich somit als Aktionäre der Revolution bezeichnen ; nämlich als solche , die auf dieselbe zum Vorteil ihrer Aufgeblasenheit spekulieren . « » Mir ist das Wort ultramontan noch widerwärtiger ! « seufzte die Baronin . » Es ist auch - wo möglich - noch hämischer , « sagte Levin . » Jeder Katholik , der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgemäß spricht und handelt , soll ein Ultramontaner sein . Dies Wort , das nur einen geographischen Sinn hat , wird von der Revolutionspartei angewendet , um jemand zu bezeichnen , der Verrat am Vaterlande durch sein Glaubensbekenntnis begehen , während der Reaktionär diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll . Der Ultramontane ist selbstverständlich immer reaktionär ; aber der Reaktionär - und wenn er der strengste Calviner oder Altlutheraner wäre - muß es sich auch gefallen lassen , ultramontaner Tendenzen beschuldigt zu werden , sei sein Abscheu vor der römisch-katholischen Kirche auch noch so heftig . « » Wir Windecker , « sagte Korona , » sind Alle ultramontan und reaktionär ; bei Onkel Levin angefangen und bei mir geendet . « » Das wolle Gott ! « sagte Levin . » Ist das schwer , lieber Onkel ? « fragte sie . » Die Revolution zu hassen und zu bekämpfen ist für jemand , der Herz und Ehrgefühl hat , nicht schwer ; allein der äußere Krieg gegen das Reich der alten Schlange genügt nicht ; er muß auch innerlich gegen die Revolten der Selbstsucht geführt werden - und das ist schwer ; das ist die ächte , wahre , heilige Reaktion gegen das Böse , die das Fundament jeder anderen sein müßte . Und ultramontan bist Du noch nicht , weil Du Deinen Katechismus auswendig weißt . O nein ! Nur wer ein in Glauben und Werken lebendiges Glied ist des mystischen Leibes Christi , der sein sichtbares Haupt zu Rom im Stellvertreter Gottes , dem heiligen Vater , hat - und wer sich bestrebt zu leben , wie es sich ziemt für ein Kind des Reiches Gottes : der nur darf sich die Benennung ultramontan als einen Ehrennamen ausbitten . Dazu aber brauchen wir recht sehr den Gnadenbeistand Gottes . « Corona küßte errötend des Onkels Hand und gestand sich heimlich , daß ein solcher Ultramontanismus seine Schwierigkeiten habe . Levin schlug einen Spaziergang vor . Der Graf war nach der Besitzung gefahren , wo früher Gratian gelebt hatte ; man wollte ihm entgegen gehen . Die Sonne stand schon zum Untergang , aber die Hitze war den Tag über so drückend gewesen , daß man sich nicht im Freien hatte aufhalten können und daß man sich gegen die Einwendung der Baronin , welche nicht für Spaziergänge auf der Landstraße in der Dämmerung war , einstimmig aussprach . Sie ging nicht mit ; Levin , Ernest , Regina und Corona machten sich auf den Weg und freuten sich des lieblichen Abends , der sich recht wie eine Gabe Gottes , mit seinem heiteren Frieden und stillen Segen über die Welt legte und all ' deren Aufregungen und Leidenschaften für ein paar Stunden zur nächtlichen Ruhe brachte . Dann schlafen sie alle , die armen Menschen ! dann sind sie alle hilflos , gebunden , still , auf gleicher Stufe , in gleicher Unfähigkeit , ohnmächtig hingesunken in die Hand Gottes , die ihnen die Erquickung des Schlafes spendet und sie dann erweckt für einen neuen Tag , der ihnen neue Gnaden bringt und in den sie ihren Unfrieden , ihren Haß , ihre Unruhe , ihren Hader bringen . Aber diese friedvollen Seelen dachten an keinen Hader ! Ernest mußte erzählen von seinen Reisen , von seinem Aufenthalt in fremden Ländern , von der wilden Schönheit des Hochgebirges und den zauberischen Reizen der südlichen Natur . Regina wollte wissen , ob wohl ein Punkt auf der Erde so schön sei , daß man darüber die Sehnsucht nach dem Himmel vergessen könne . Corona versicherte , sie fasse nicht , daß es irgendwo schöner sein könne als gerade hier um das liebe Windeck herum , hier - wo man Wasser und Berge , Fluren und Wälder beisammen habe . » Wasser und Berge schön und gar freundlich gemischt , « entgegnete Ernest . » Indessen muß ich doch bekennen , Komteßchen , daß mir die mit Kaktus , Aloe und Myrthen umsäumten Felsenküsten der leuchtenden Meere des Südens - und die Granit- und Gletscherpyramiden des Hochgebirges mit ihren pyrenäischen Tälern und ihren Schweizerseen - großartiger , mannigfaltiger und malerischer erscheinen , als der kleine Main und als die Ausläufer des Odenwaldes hüben und des Spessarts drüben . Im Ganzen genommen haben Sie aber gar nicht unrecht ! die Elemente der Naturschönheit sind überall dieselben , und das , was sie erst recht schön macht , die wundervolle Weisheit und Allmacht des Schöpfers , strahlt auch überall aus ihnen hervor . « » So bin ich denn ganz gerechtfertigt in meiner Vorliebe für mein Windeck ! « sagte Corona . » Ich weiß nun , daß es gewissermaßen alle Schönheit in sich faßt . « - Sie ging vor den übrigen her und zwar rückwärts nach Kinderart , um alle ansehen zu können , mit denen sie sprach . Plötzlich stieß sie einen kurzen Schrei aus , denn sie sah einen Stein von der Seite durch die Luft fliegen , und in demselben Augenblick sank Levin mit dem dumpfen Seufzer Jesus Maria ! zu Boden . Sie hielten ihn für tot und knieten mit grenzenlosem Schmerz und Entsetzen neben ihm nieder . Der Stein hatte ihn dicht über der Schläfe verletzt und hätte leicht die gefährliche Stelle treffen können , da er , nach seiner Gewohnheit , den Hut abgenommen hatte und in der Hand trug . Das Blut strömte aus der Wunde . Regina suchte es mit Taschentüchern zu stillen , Corona unterstützte das Haupt des lieben Onkels Levin ; beide zerschmolzen in Tränen . Ernest hatte auch Tränen in den Augen . Er hätte gern nach dem Frevler umhergespürt , aber er konnte die jungen Mädchen nicht verlassen und es dämmerte stark . » Was fangen wir an ? « wehklagte Corona . » Wir warten auf den Vater , der ja bald kommen muß , « sagte Regina , » da er nie die Teestunde versäumt und es nicht weit von neun Uhr sein kann . « Da schlug Levin die Augen auf und sagte : » Ach , es ist nichts , liebe Kinder ! Wir wollen Tücher um den Kopf binden und heimgehen . « Er stand auf . Indem ließ sich das dumpfe Rollen hören , das auf einer Chaussee die Ankunft eines Wagens schon in großer Entfernung anzeigt . » Gott Dank ! da kommt der Graf ! « rief Ernest . » Nun werd ' ich ausschauen , wer diese Untat verübt hat . « » Nicht doch , Herr Ernest , « sagte Levin , » das war ein Zufall ! seien Sie ganz ruhig ! « » Ja , ein Zufall - der nur Ultramontane trifft ! « rief Ernest empört . » Genug , es bleibt bei dem Zufall ! « entgegnete Levin . Der Wagen kam näher . Ernest eilte ihm entgegen und erkannte bald mit unbeschreiblicher Freude die offene Kalesche des Grafen . Er winkte dem Kutscher Halt zu und des Grafen Erstaunen über Ernests unerwartete Erscheinung ging in zornige Bestürzung über , als er die ruchlose Tat erfuhr . Die Kalesche mußte die ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam , jede Erschütterung vermeidend , fuhr der Kutscher heim . Im Schloßhof empfing sie neue Bestürzung . Es war eben eine Staffette aus Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt , schwerlich eine gute Nachricht bringend . Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft löste sich in Jammern auf , als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten Kleidern sah . Die arme Baronin war ganz fassungslos . Ernest mußte ihr zwei- dreimal das Attentat erzählen , bis sie es verstand . Es wurden inzwischen Eisumschläge über die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt . Regina besorgte alles mit Ruhe und Pünktlichkeit und ließ es sich nicht nehmen , die Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen , der fortwährend versicherte , die Wunde sei unbedeutend , obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn sehr abmatteten . Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht : ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin , doch war sie bei Besinnung und ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos . Die vielfachen Gemütsbewegungen der letzten Zeit erschütterten ihr Nervensystem aufs heftigste . Als eine Erkältung dazu kam , trat der Anfall ein . Der Graf machte sich reisefertig . Er wollte nur abwarten , wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztes - und dann in der Morgenfrühe aufbrechen . Er sagte zu Ernest , der bei dem Verwundeten ab und zu ging und die Eisumschläge bereiten half : » Welch eine Beruhigung für mich , daß Sie in diesem Augenblick hier sind , wo ich meine Töchter auf zwei bis drei Tage verlassen muß ! Ich würde sie am liebsten mitnehmen , aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten Onkels . « » Darf ich fragen , Herr Graf , weshalb Sie plötzlich so besorgt sind ? « » Man sagte mir in Jochhausen , es hätten sich dort gesindelhafte Figuren mit großen Bärten und Schlapphüten gezeigt . Das Attentat auf den Onkel beglaubigt ihre Nähe . Daß ich ein Reaktionär bin , versteht sich von selbst - und was ein solcher zu erwarten hat , auch wenn er sich fern von jeder politischen Demonstration hält , haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses Waldenburg in Sachsen . Auf dergleichen muß unsereiner jetzt gefaßt sein . « » Gott verhüt ' es ! kommen Sie nur recht bald wieder ! « » Mir brennt der Boden unter den Füßen , um fortzuziehen und heimzukehren , das glauben Sie mir ! Aber ich muß meine arme Mutter noch einmal sehen . Als ich sie im Winter von Frankfurt aus besuchte , merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre siebenundsechzig Jahre an - und jetzt ! ja , solche Zeiten machen die kräftigsten Menschen kaput , weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwätzern sich tyrannisieren lassen muß . Hätte ich nicht die beiden Kinder , so ginge ich zu meinen Buben nach der Lombardei , wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann ! « Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklärten die Verwundung für schwer , aber nicht für gefährlich , vorausgesetzt , daß sich das Wundfieber nicht steigere ; deshalb müsse die äußerste Ruhe und Stille den Kranken umgeben . Sie legten ihm einen regelrechten Verband an , lobten die Eisumschläge und empfahlen sich . Levin sagte lächelnd : » Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehört : es hat gar nichts zu bedeuten . Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes . « » Das glaub ' ich auch , « entgegnete Ernest gerührt . Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit , nahm Abschied von allen , versprach möglichst schnelle Heimkehr und reiste ab . Kaum war er fort , so ließ die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen . Als es von den Zinnen sank , fiel ihr ein Stein vom Herzen . Der Tag verstrich wie jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut . Regina saß mit ihrer Arbeit in seinem Vorzimmer , während er still im Schlafzimmer ruhte . Zu bestimmten Stunden gab sie ihm Arznei oder einen kühlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie zuweilen auf , ging auf den Fußspitzen zur Türe des Schlafzimmers , schaute hinein und nickte zärtlich dem lieben Onkel Levin zu . Die Baronin , Corona und Ernest kamen und gingen ; zuweilen auch Brigitte , Regina ' s Kammermädchen . Es war gegen Abend , als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit gebrochener Stimme flüsterte : » Unsere Leute , die von draußen kommen , sagen , es sei eine Rotte im Anmarsch , welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle . O liebster Heiland , was wird das für eine Bitte sein ! « Leise öffnete Ernest die Türe des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen . Sie sagte zu Brigitte : » Bleiben Sie ruhig hier und fürchten Sie sich nicht . Wir sind ja alle sicher in Gottes Hand . Ich will selbst mit unseren Leuten reden . « Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im Geiste schon eine Mordbrennerbande vor das Schloß rücken . Regina ging hinaus und fragte Ernest : » Was ist denn Wahres an dieser Geschichte ? « » Ein Reitknecht , der Pferde frisch beschlagen ließ , begegnete auf dem Heimritt von der Schmiede zwei Männern , die ihn fragten , wie viel Gewehre der Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe . Der Reitknecht gab zur Antwort , das wisse er nicht , und ritt von dannen . Er und die übrigen Leute sagen aber , es munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und Ihr Herr Vater schien gestern in Jochhausen Ähnliches gehört zu haben - nach seiner eigenen Äußerung zu schließen und nach denen des Kutschers und des Bedienten , die ihn begleiteten . « Während er so sprach , gingen sie die Treppe hinab . Unten in der Halle standen der Portier , der Koch , zwei Bedienten und ein paar Stubenmädchen und unterhielten sich eifrigst von den Dingen , die da kommen sollten . » Was geht hier vor ? « fragte Regina ernst . Aber ehe jemand antwortete , flog die Türe des Salons auf und die Baronin Isabelle stürzte , von ihrem Kammermädchen und von Corona begleitet , in die Halle und umfing mit krampfhaftem Weinen Regina . Nun sprach die ganze Dienerschaft auf einmal , was man alles tun müsse : das Hoftor und die Fensterladen schließen ; die äußeren Türen verrammeln ; Geld , Silberzeug und sonstige Kostbarkeiten zusammenpacken und dann übersetzen nach Engelberg ; die Gewehre aber sämtlich vor dem Hof niederlegen , damit jeder Vorwand zum Einbruch in das Schloß entfernt sei . » Welche Feigheit ! « rief Regina . » Ach Gott , ja ! nach Engelberg ! « seufzte die Baronin . » Und Onkel Levin ? « sagte Regina . » Nein ! ich bleibe - und ich denke , wir bleiben alle , ruhig jeder bei seinem Geschäft und mit geöffneten Fenstern und Türen - ganz wie gewöhnlich . Kommt irgend jemand mit irgend einer Anfrage , so rufe man mich . « » Regina ! « rief die Baronin , » Du wolltest Dich weiß der Himmel welchen Beleidigungen aussetzen ? O nimmermehr leid ' ich das ! « » Liebe Tante , ich bin die älteste Tochter des Hauses und muß in meines Vaters Abwesenheit dessen Stelle vertreten . Ich tue meine Pflicht , Gott ist mit mir , und es wird keinem Menschen einfallen mich zu beleidigen , « sagte Regina sanft und fest . » Kind , « sagte die Baronin in grenzenloser Aufregung , » Kaiser und Könige sind vor diesen Mannern der Volkssouveränetät gewichen und haben ihnen ihre Rechte abgetreten - und Du willst ihnen ein paar Gewehre verweigern : das ist unerhört kühn . « » Wollen Kaiser und Könige ihre Arsenale von dem souveränen Volk erstürmen lassen : so ist das ihre Sache ; allein in dem unseren hat es nichts zu tun . Überdies find ' ich , daß wir gerade so gut zum souveränen Volk gehören , wie irgend ein Blousenmann . « Regina sagte dies alles so einfach und heiter , daß sich die allgemeine Aufregung etwas legte - nur nicht bei der Baronin . Sie rang die Hände und rief klagend : » Was fangen wir an , wenn sie mit dem einbrechenden Dunkel kommen ? « » Halten Sie Windlichter bereit , « sagte Regina zu den Dienern . » Die werden ganz festlich die Audienz beleuchten , welche wir den Herren von der Blouse auf dem Perron geben werden , wenn sie heute kommen ; was ja ganz ungewiß ist . « » Gewiß kommen sie heute , « jammerte die Baronin ; » gewiß benutzen sie des Vaters Abwesenheit . « » Sollten sie davon unterrichtet sein ? « fragte Regina . » Versteht sich ! ich ließ sogleich die Fahne einziehen . « Regina lächelte und sagte zu den Dienern : » Also wenn jemand in den Hof kommt , so rufe man mich ; aber bei Zeiten , denn draußen will ich mit dem souveränen Volk sprechen - nicht hier in der Halle . Und Niemand zeige den ungebetenen Gästen Unruhe oder Mißtrauen . « » Liebste Regina , ich fasse gar nicht Deine übermenschliche Verwegenheit , « sagte die Baronin . » Die Leute kommen vielleicht , um das Schloß an allen vier Ecken anzuzünden und Du willst mit ihnen Gespräche führen ! « Regina nahm die Baronin unter den Arm , führte sie in den Salon zurück und sagte : » Wer soll denn sonst mit ihnen sprechen , liebe Tante ? man muß ihnen doch Bescheid geben und unsere Leute könnten sich verwirren lassen . « » Daß der Rentmeister auch gerade jetzt auf vierzehn Tage Urlaub nahm ! der ist redefertig und dreist ! « seufzte die Baronin . Regina erwiderte nichts , sondern ging in das Zimmer ihres Vaters , das zur Rechten neben dem Salon lag . Es war sein Schreibzimmer ; sie ging hindurch ; auch durch sein Schlafzimmer . Die dritte Türe , welche sie öffnete , war die der sogenannten Gewehrkammer , ein sehr geschmackvoll eingerichtetes kleines Arsenal , die Wände mit Eichenholz getäfelt und die verschiedensten Arten von Waffen trophäenmäßig darin aufgehängt . Eine Sammlung von Pistolen und eine andere von Dolchen enthielt alte , seltene und manche sehr kostbare Exemplare , welche sich der Graf mit vieler Mühe und großen Kosten verschafft hatte . Seine Gewehrkammer war seine Liebhaberei und noch weit mehr die seiner Söhne , die , wie alle junge Männer , eine wahre Leidenschaft für Waffen hatten . Und dies sollt ' ich plündern lassen ? Nimmermehr ! sprach Regina bei sich selbst . Sie verschloß die Türe , nahm den Schlüssel , ging in den Salon zurück und sagte : » Jetzt bekommen die Goldfische im Basin einen eisernen Kameraden . « Die Baronin starrte sie an ohne sie zu sehen und fragte ganz stumpf , als Regina auf die Terrasse ging , zu Ernest gewendet : » Was sagt sie ? « was will sie ? « » Sie wirft den Schlüssel der Gewehrkammer in das Bassin , « entgegnete Ernest , der mit größter Freude Regina beobachtete . » Ist Ihnen je ein junges Mädchen von solcher Löwenkühnheit vorgekommen , mit einem Trupp Blousenmänner es aufnehmen zu wollen ! « flüsterte die Baronin mit versagender Stimme : » Gräfin Regina hört alle Tage in heiliger Messe beten : Adjutorium nostrum in nomine Domini , « erwiderte Ernest . » Da sie