Wirthes an , wenn seine Gäste betrunken wurden , im besten Falle taumelnd heimgingen , oder auch noch in seinem Zimmer bewußtlos zu Boden sanken und halbe Stunden brauchten ihren Rausch auszuschlafen . Solche Niedergetrunkene wurden dann in das Cabinet gewälzt , in dem jetzt Ulrich wartete und dem man deshalb den Namen der Todtenkammer gegeben . Zum Glück hatte sie jetzt noch keinen Insassen . Heute würde sich der Propst keine Gäste geladen haben , da er sich vorgenommen , ernsthaft mit Ulrich zu sprechen ; allein auswärtige Amtsbrüder und Genossen waren unerwartet und gehörig ausgefroren angekommen , sie saßen nun jetzt schon ein paar Stunden mit ihm beim Mahl und vertilgten immer mehr von der edlen Gottesgabe , die sie mißbrauchten , bis sie dadurch sich selbst und gewaltsam unter das Thier erniedrigten . Für einen Helden galt , wer am meisten saufen konnte - so nannten sie auch selbst ihr unmäßiges Trinken , das auch auf keinen andern Namen mehr Anspruch zu machen hatte und wenn bei Einigen in allerlei kaum glaublichen und nicht zu schildernden Rohheiten die viehische Lust ausbrach , oder Andere wie Todte da lagen , so galt dies meist als das fröhlichste Ende eines fröhlichen Gelages - bei Fürsten und Geistlichen ebenso gut , ohne daß diese darum in der öffentlichen Meinung verloren , wie bei Bürgern und Gesellen . Mit rothglühendem Gesicht trat der Propst vor Ulrich - er hatte ganz vergessen , daß er ihn herbestellt ; jetzt fiel es ihm ein und auch welche Warnungen er ihm hatte mitgeben wollen ; aber er war seiner Sinne zu wenig mächtig , um selbst zu wissen , was er sprach . Er gehörte zu den gutmüthigen und gemüthlichen Naturen , die in der Trunkenheit sich durch Geschwätzigkeit und Zärtlichkeit offenbaren , gleich sehr zum Lachen wie zum Weinen geneigt , je nachdem die Veranlassung dazu reizt . » Ach , Du bist es , mein guter Junge ! « sagte er zu Ulrich ; » Du kommst , ehe Du in das Kloster gehst - nun , möge der Gang Dir nicht zum Unglück werden - Du weißt , ich meine es gut mit Dir - ich wußte mir nicht zu helfen , ich mußte nachgeben , Dich hinschicken , da der Werkmeister gleich darauf einging . « » Ein Unglück ? « sagte Ulrich und dachte an Hieronymus ' Argwohn : » ich meinte , man habe uns eine Gunst erwiesen , und kam , sowohl Euch dafür zu danken als Euren Auftrag zu empfangen . « » Ach ja ! « sagte der Propst und rieb sich die erhitzte Stirn , » es ist gewiß eine Gunst . Ich wollte nur sagen , daß Ihr im Kloster vorsichtig sein sollt - nicht mit den Mönchen reden - es darf bei Strafe nicht sein - auch nie ein Wort laut werden lassen von dem , was Ihr drinnen sehet und höret - es geht die Laien nichts an - und Euch könnte es nur schaden . « » Ich werde mich gewiß der erwiesenen Gunst nicht unwerth erweisen , « versetzte Ulrich ; » indeß erlaubt mir eine Frage : Ich sah Euch ehegestern beim Meister Kraft mit einem Benediktinermönch am Fenster stehen , der mir derselbe zu sein schien , welcher mir vor - « Entsetzt sprang der Propst auf Ulrich zu und drückte seine Hand auf dessen Mund , ihm die Rede abzuschneiden : » Um aller Heiligen Willen , vollendet nicht ! Wißt Ihr - ahnt Ihr es denn wirklich schon ? - Nein ! denkt lieber gar nicht daran - denkt lieber , es sei nicht - es wäre ja schrecklich , wenn es wäre , und noch schrecklicher , wenn es an den Tag käme ! « Jetzt war die Reihe zu erschrecken an Ulrich . Er sah wohl , daß der Wein in diesen unzusammenhängenden Reden schäumte , aber irgend einen Hintergrund mußten sie doch in des Propstes Seele haben . » Ich verstehe Euch nicht , « sagte er ; » was ich fragen wollte , ist etwas Ungefährliches und Geringes . Ich hatte bald nach meiner Ankunft in Nürnberg das Unglück , im Gedränge mit meinem Schwert den Rosenkranz eines Benediktinermönchs zu zerreißen ; das kostbare Kreuz , das daran hing , ist mir zurückgeblieben , und ich möchte es gern seinem Eigenthümer zurückgeben : nun schien es mir , als hätte ich denselben Klosterbruder neben Euch gesehen ; wenn er vielleicht es war , der die Sendung des Abtes vom heiligen Kreuz Euch überbrachte , so wollte ich nur fragen , ob ich das Verlorene dem Abt oder dem Mönch übergeben sollte ? Was ist dabei das Unglück ? « Der Propst hatte mit äußerster Anspannung seiner Sinne und Kräfte zugehört , er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fragte : » Weiter weißt Du gewiß nichts von dem Mönch ? « » Nichts ! « » Nun , dann danke Gott , daß Du es nicht weißt ! « » Aber ich irrte mich nicht , es war derselbe ? « » Derselbe ! ach , es ist schrecklich , daß es immer derselbe ! « » Soll ich ihm das Kreuz geben ? « » Thue es , aber höre nicht auf seine Reden - er ist halb wahnsinnig - sprecht nicht mit ihm , wenn es Jemand sieht und hört - aber dem Abt gebt das Kreuz auch nicht - da gebt es lieber noch dem Bruder Amadeus selbst - aber hört nicht auf ihn ; er hat wunderliche Einfälle und fixe Ideen . « » Amadeus heißt er ? « » Amadeus ; aber laß Dich nicht irre von ihm machen , ich beschwöre Dich . Er ist schon lange im Kloster , aber er war früher ein vornehmer Ritter und büßt um seine Sünden , die er damals begangen ; er hat viel Unglück angerichtet , er könnte Dich auch unglücklich machen - wie er Deine Mutter unglücklich gemacht hat - « » Meine Mutter ? sagt Ihr ? « rief Ulrich aufhorchend in äußerster Bestürzung . » Mutter sagt ' ich ? « rief der Propst ; » nein , das sagt ' ich nicht ; ich meinte meine Schwester , wenn ich ' s sagte - bedenke , daß er wahnsinnig - und mit mir - was meinst Du , mit mir ist es wohl auch nicht richtig ? Hörst Du , wie drinnen die Pokale klingen ! - Warte , Du sollst auch nicht dursten , der Wein erfreut des Menschen Herz ! « Mit diesen Worten ging er zu seinen Gästen zurück und sandte ihm durch die Dienerin einen großen gefüllten Humpen heraus , ließ ihm sagen , er möge nur austrinken , dann käme er wieder . Ulrich trank mit Maß , er war in der peinlichsten Stimmung . Bisher hatte er den Propst nie anders gesehen als in der Bauhütte oder Kirche , oder wenn er ihn in der Krankheit besuchte , da war er immer nüchtern gewesen - jetzt sah er wohl , daß er betrunken war und nicht wußte , was er sprach ; aber es schien ihm doch , daß er spreche , was er denke und fühle , und gerade nicht sprechen wollte . Welch ' ein Zusammenhang konnte zwischen diesem Amadeus und seiner Mutter und ihm selbst sein ? Es fiel ihm ein , daß in seiner Kindheit , als flüchtige Söldnerschaaren im Elsaß sein Heimathsdorf verwüstet , indeß er selbst Obdach im Kloster gefunden , Einige gesagt hatten , daß seine Mutter ein Lanzenknecht auf seinem Pferde fortgeschleppt ! Konnte dies nicht auf den Befehl eines Anführers geschehen sein , oder doch ein solcher - vielleicht dieser Amadeus sie als seine Beute an sich gerissen haben ? Aber was wußte der Propst davon ? was wußte denn er von seiner Mutter , da er doch nach dem Schicksal seiner Eltern wie seinem ganzen Herkommen gleich bei seinem Eintritt in die Bauhütte gefragt hatte . Aber gerade seitdem hatte er ihm auch jene ungewöhnliche Theilnahme bewiesen , die Ulrich anfangs befremdet und fast bedrückt hatte , an die er aber im Laufe der Zeit sich selbst gewöhnt , so daß es ihm endlich zu Etwas geworden , das gar nicht anders sein könne , und das er nur etwaigen besondern Empfehlungen seiner Kunstleistungen an den Kunstfreund zuschrieb . Außer jenem ersten Gespräch in der Bauhütte hatte der Propst nie wieder mit ihm von seinen Eltern gesprochen . Wenn er etwas von seiner Mutter wußte , warum hatte er es ihm nicht gesagt ? - Und wenn es nur Unglückliches und Unwürdiges war ? Wenn nun jener elsässische Benediktinermönch , Bruder Anselm , der es ihm auf die Seele gebunden , nie nach seiner Mutter zu forschen , weil man ihr üble Dinge nachgesagt , damit Recht hatte ? Und wenn es dieser Amadeus war , der sie in üblen Ruf gebracht ? - Ulrich fühlte ein Gefühl von Haß , das er bisher kaum gekannt , gegen den Mann in sich aufsteigen , der seine Mutter unglücklich gemacht ; er fühlte , daß er strenge Rechenschaft von ihm fordern müsse , Rache und Sühne verlangen für seine Mutter . Aber er sollte ja nicht nach ihr forschen und fragen ! Und mitten durch alle diese Gefühle und Gedanken klang auch als Echo die Warnung des Judenmädchens : » Sie wollten aussprengen , Eure Mutter sei eine Hexe gewesen ! « und daß ihm Hieronymus später einmal gesagt , man habe während seiner Krankheit wirklich einmal ein derartiges Gerücht in die Hütte gebracht , aber durch seine Zeugnisse von Straßburg und die Bürgschaft des Propstes sei es vernichtet worden . Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet . Ulrich leerte den Becher fast ohne es zu wissen unter diesen von allen Seiten auf ihn eindringenden Gedanken . Des Weines gänzlich ungewohnt , fühlte er ihn bald glühend durch seine Adern rollen , indeß ein Anderer vielleicht vieler dieser Pokale hätte leeren können , ohne in gleicher Weise erregt zu werden . Umgekehrt hatte indeß der Propst versucht , sich durch ein niederschlagendes Pulver zu ernüchtern , oder wenigstens in eine ruhigere Umfassung zu bringen . Er kam jetzt zurück mit dem Brief an den Abt in der Hand . Ulrich schob denselben in seine Ledertasche und fragte : » Ist ' s ein Uriasbrief ? « Der Abt sah den Steinmetzgesellen verwundert an , legte seine Hand auf seine Schulter und sagte : » Ich dächte , Ihr hättet von mir Beweise genug , daß Ihr mir vertrauen könntet und wissen , ich fördere Euer Wohl in allen Stücken ! « » Ja gewiß , « sagte Ulrich und drückte dankbar des Propstes Hand ; » darum darf ich Euch auch ganz vertrauen und um eine neue Gunst Euch bitten : sag ' t mir , was Ihr von meiner Mutter wißt ? « Der Propst stand bestürzt . Auf eine solche directe Frage war er nicht vorbereitet ; er war sich so weit klar , zu wissen , daß ihm vorhin wohl unvorsichtige Aeußerungen entschlüpft waren , aber er konnte sich nicht besinnen , was und wie viel er verrathen . Um jeden Preis mußte er das wieder zurücknehmen , aus Ulrich ' s Seele zu verdrängen suchen . Nach einer Pause antwortete er : » Hab ' t Ihr nicht selbst erzählt , daß ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter fortgeschleppt und daß Ihr seitdem nichts von Ihr gehört ? Meine Schwester hatte ein ähnliches Schicksal - sie ward auch eine Kriegsbeute im Elsaß , und erzählte von einer Genossin ihrer Leiden , die vielleicht Eure Mutter gewesen sein konnte , denn sie hieß Ulrike und stammte aus Eurem Dorfe . « » Und was ist aus Ihr geworden ? « rief Ulrich . » Darauf kann ich Euch keine Antwort geben , « versetzte der Propst . » Aber Eure Schwester kann es , weiß wenigstens ihr damaliges Schicksal - o sag ' t mir , wo sie weilt , damit ich mir von ihr die langersehnte Kunde hole . « » Das ist unmöglich , « antwortete der Propst . » Meine Schwester ist Nonne im Kloster der heiligen Klara hier in Nürnberg , Du wirst sie niemals sehen und sprechen . Ich selbst darf sie nur einmal im Jahr besuchen . - Gebt es auf , nach Dingen zu forschen , die unerforschlich sind und deren Enthüllung Euch keinen Gewinn bringen würde . Laßt das Vergangene und die Todten ruhen , es thut nicht gut , in die Gräber zu blicken und die Särge wieder zu öffnen - es könnte ein Pesthauch von ihnen in ' s Leben strömen und es vergiften . Leb ' t Eurer Kunst und geh ' t in Gottes Namen dahin , wo Ihr immer ihr dienen könnt . Forschet nichts Unnützes , am wenigsten bei dem Bruder Amadeus - er hat nur zuweilen klare Augenblicke , auf seine irren Reden könnt Ihr nimmer etwas geben . Meidet ihn lieber ganz . Wenn Ihr aber zurückkommt und mir beichtet , was er mit Euch gesprochen , so will ich Euch seine unglückliche Lebensgeschichte erzählen , durch die er in diesen wüsten Zustand gekommen - jetzt ist dazu keine Zeit . Und nun gehab ' t Euch wohl , meine Gäste harren auf mich . Die Ordensregel verlangt , daß Ihr nicht mit den Mönchen sprecht ; wenn Ihr Euch dawider vergeht , wird man Euch im Kloster bestrafen und es in Eure Zeugnisse schreiben , daß sich die Strafe in der Hütte wiederhole . Aber nicht mit einer Drohung will ich scheiden : der Herr segne Euch und gebe Euch Frieden ! « Damit war Ulrich entlassen . Als er in die kalte Winternacht hinaustrat , war es ihm , als ob sich das ganze Firmament mit ihm drehe . Sie flimmerten und glitzerten auch gar so hell diese Millionen von Sternen , und es war , als suchten sie einander an Schimmer und Glanz zu überbieten . Ulrich blickte hinauf und wünschte in den Sternen zu lesen . Gleich den Meisten seiner Zeitgenossen war er erfüllt von dem Gedanken , daß sie eine Sprache redeten , welche die Wissenschaft erlernen könne und daraus das Geschick des Menschen deuten . Indem er so fragende Blicke zu dem funkelnden Firmament emporrichtete , mahnten ihn die sechszackigen Sternlein an das doppeltgenommene Dreieck und das heilige Sechsort seiner Kunst - da ward plötzlich seine aufgeregte Seele groß und stille und er fühlte wieder begeistert , daß es für ihn keine höhere Aufgabe geben könne , als dieser Kunst zu leben , die auch berufen war , erhabene Werke zu schaffen auf der Erde , welche würdige Abbilder waren jener Wunderwerke des Himmels und gleich ihnen die Augen der Menschen tröstend und freudig zu ihm emporführten . Fünftes Capitel Reichstag Anfang Februar war der Reichstag zu Nürnberg anberaumt worden , der erste , auf dem König Max daselbst erschien , obwohl noch von seinem greisen Vater begleitet . Kaiser Friedrich nahm wie gewöhnlich seine Wohnung auf der Veste , und der Burggraf Friedrich von Zollern war schon einige Tage vor ihm erschienen , um ihm das Quartier würdig zu bereiten . König Max hielt Wort und sandte seine Boten an Herrn Christoph Scheurl , ihm zu melden , daß er in seinem Hause um ein Stübchen bitte . Herr Hans von Tucher , der diese Ehre gern für sich in Anspruch genommen , wählte nun den edlen Kurfürsten Friedrich von Sachsen , der sich bereits von seinen Zeitgenossen den wohlverdienten Beinamen des Weisen erworben , zu seinem Gaste . Die geistlichen Herren von Mainz , Worms und Trier sollten in der Propstei bei Anton Kreß wohnen , der Bischof von Eichstädt bei dem Rath Pirkheimer einkehren , dem er den Sohn Willibald mitbrachte - und so hatte der Rath von Nürnberg lange Sitzungen zu halten , bis er glücklich für alle Kurfürsten , Pfalzgrafen , Bischöfe , Fürsten und Herren , ihre Gesandten wie ihre Begleiter die passenden Wohnungen aufgesucht und bestimmt hatte . Es war dies keine Kleinigkeit , sondern eine Verhandlung , die zu vielen Reibungen der Patrizier wie der Geschlechter führte . Den allgemein geachteten Kurfürsten von Sachsen wollte Jeder gern bei sich haben , ebenso den Herzog Georg von Baiern mit dem Beinamen : der Reiche ; denn die Nürnberger achteten nach Kaufmannsweise den gar hoch , der Schätze zu erwerben oder die schon überkommenen zu wahren verstand . Auch den Grafen Eberhard von Würtenberg , der von sich sagen konnte , daß er , wenn er ganz allein durch sein Land gehe und ermüdet sei , getrost sein Haupt in den Schooß jedes Würtenbergers könne schlafen legen ; so wie den Kurfürsten Johann von Brandenburg , den man auch als bürgerfreundlich und für das Wohl seines Landes im Innern sorgend kannte , wünschte man als Gast - aber der meisten andern Fürsten und Herren , die theils als Wüstlinge , theils als rohe Tyrannen oder nur auf Kriegsruhm und Ländervergrößerung , oder als Schützer des Adels und seiner Rauf- und Raublust dem fleißigen Bürgerstand gegenüber bedacht waren , hätte sich Jeder gern in seiner Wohnung verwehrt . Da es darüber in der Rathsstube selbst zu keiner Einigung kommen wollte , sondern die sonst so ruhigen Herren in diesem Streite sich immer mehr erhitzten bis er endlich sogar in das Gebiet der Schimpfworte , Grobheiten und Thätlichkeiten gerieth : so kam Hans von Tucher , um die Würde der Versammlung zu retten , auf den Einfall , das Loos entscheiden zu lassen , da auf eine andere Weise keine Einigung zu erzielen war . Als Belohnung für seinen Rath und weil er und Herr Holzschuher als oberste Loosunger sich doch als Häupter der Stadt betrachteten , behielt er sich aber vor , daß der Kurfürst von Sachsen bei ihm und bei jenem Herzog Georg der Reiche wohnen solle , ihre Namen also nicht mit auf die Zettel kamen , die in der Loosurne gemischt wurden . Wie verständig dieser Rath auch war und von Allen , wenn auch von Einigen mit Murren angenommen ward , so bereute Hans Tucher doch gar bald , ihn gegeben zu haben , als der ihm verhaßte Gabriel Muffel gerade den Grafen Eberhard im Bart wie ein großes Loos ziehen mußte ! Ihm würde er nur den allerwiderwärtigsten und verhaßtesten Potentaten oder nur den geringsten Abgesandten gegönnt haben - und nun mußte er gerade den allerbeliebtesten erhalten . Tucher ging in seinem Aerger so weit einzuwenden , daß Muffel ' s Haus wohl nicht geräumig und würdig genug geziert sei , einen solchen Fürsten zu empfangen ; aber Muffel entgegnete seines unerwarteten Glückes sich freuend : » Groß genug ist mein Haus , und ist es nicht mit orientalischer Pracht gleißend von Gold und Marmor gleich dem Euren geschmückt und überladen , so ist es dafür echt deutsch einfach und fest , und eignet sich gerade für einen so biedern deutschen Herrn , der schon manchmal mit der Hütte eines Landmanns vorlieb genommen . Gebt Acht , er wird sich wohler fühlen in dem Haus von deutscher Art erbaut und von deutscher Sitte bewohnt , und nicht lüstern sein nach der türkischen Herrlichkeit , die Ihr ihm zu bieten hättet . « In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher über diese Worte ausbrach , es blieb ihm doch unmöglich eine Aenderung des einmal durch seinen eigenen Vorschlag Entschiedenen herbeizuführen , und er hoffte sich nun nur dafür an Gabriel Muffel zu rächen , daß er seinen Sohn Stephan im Geleit des Kaisers wiederkehren sehen werde , vollkommen geheilt von seiner Leidenschaft für Ursula Muffel durch schönere Frauen Wiens , Italiens und Ungarns , und daß er die einst blühende Mädchenrose , die jetzt der Gram gebleicht hatte , daß sie indeß um ein Jahrzehent gealtert erschien , gewiß nicht mehr begehren werde . Einzeln hielten die Fürsten und Herren ihren Einzug . Aber keiner kam ohne einen ganzen Schweif von Rittern und Reisigen mitzubringen , ja im Gefolge mancher waren mehr denn hundert Pferde . Kaum begreiflich schien es , wie eine so ungeheuere Menge von Menschen und Thieren noch Platz finden solle in Nürnberg , das zwar mit zu den großen , aber auch zu den bevölkertsten Städten gehörte , denn es zählte damals über hunderttausend Einwohner . Denn nicht allein die kamen , die zum Reichstag berufen waren , und das waren eben diesmal weniger als sonst , da in der Eile , mit welcher Max den Reichstag ausgeschrieben , er die Abgesandten der Städte nicht auffordern lassen und auch sonst , sowohl der kurzen Zeit wegen als überhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in sich zerfallenden deutschen Reiches , viele Fürsten es nicht der Mühe werth hielten sich einzustellen . Aber dafür strömten zahllose Volksmassen herbei , welche die Neugier lockte oder der Erwerb . Aus Nah ' und Fern kamen Ritter und Bürger sammt ihren Frauen , die hohen Herrschaften zu sehen und den Festlichkeiten beizuwohnen , die immer an die Reichstage sich knüpften ; kamen Gelehrte , Dichter und Künstler , um hier ihre hohen Gönner zu begrüßen oder neue zu finden , oder doch sich gegenseitig zu treffen , wohl auch Bestellungen zu erhalten , oder sich selbst doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu suchen . Aber es kam auch niederes Gesindel ohne Zahl : Gaukler und Possenreißer , Bettler und Diebe , Wucherer und Betrüger , Wahrsagerinnen und fahrende Frauen - Tausende strömten herzu trotz der Winterszeit , vielleicht daß sie sich bei der langen Dunkelheit um so besseren Gewinn für alle diese Gewerbe versprachen , welche das Licht zu scheuen hatten . Die Nürnberger aber sangen ihre Verslein auf die einen wie die Andern . Von dem niedern Volke hieß es : » Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen , Die haben zum Reichstag ein gutes Vertrauen ; Und ob auch gleich sonst es Niemand hätt ' - Die mästen gewiß dabei sich fett . « Und beim Einzuge der Reichstagmitglieder klang es gerade nicht feiner : » Hier kommen hochgeborene Fürsten und Herren , Die sehen , essen und trinken gern ; Sie geben Dirnen und Buben genug , Das ist aller Freiheiten Fug . « So urtheilte damals das deutsche Volk über seine Vertreter , und zwar ungescheut wie ungestraft ; aber zu mehr brachte es auch der mittelalterliche Volkswitz nicht , als wie dazu , sich über das deutsche Reich und seine Gesunkenheit lustig zu machen und sich damit doch selbst in ' s Gesicht zu schlagen . Endlich kam auch der deutsche Kaiser und der römische König . Ein unabsehbarer Zug von Hofleuten , Rittern und Reisigen war in ihrem Gefolge . Der alte Friedrich , obwohl schon an den Siebzigen , saß dennoch noch immer stattlich zu Roß und schaute mit dem Gleichmuth , den er sich durch sein ganzes Leben zu bewahren wußte , vor sich aus . » Unwiederbringlicher Dinge Vergessenheit ist die größte Glückseligkeit auf Erden « , war sein Wahlspruch , den er sogar damals , als er von Wien nach Neustadt , aus seinen Erblanden vertrieben , unaufhaltsam flüchten mußte , in jedem Gasthofe , in dem er eingekehrt , bis er an den Rhein kam , auf den Tisch schrieb oder in die Fensterscheiben grub - vielleicht weniger zur Mahnung für Andere als zum Beweis , das Kaiser Friedrich sich über Alles zu trösten wisse und dem Stern des Hauses Habsburg vertrauend fast unthätig zuwartete , bis die Dinge sich wieder zu seinem Gunsten gestalteten . Uebrigens wendete er diesen Wahlspruch doch auch nicht auf Alles an : denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergessen , daß Herzog Albrecht von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde sammt Regensburg schon vor langer Zeit geraubt , und hatte dem eigenen Sohne Max gezürnt , der eine Vermittelung ersuchte . Ja Friedrich kam hauptsächlich mit hierher , um , wenn nicht die Hülfe des Reichs , doch die der einzelnen Fürsten und Städte wie des Adels zu gewinnen , die zu dem schwäbischen Bund und dem Löwlerbund gehörten , welche beide gestiftet waren , die willkürlichen Fehden im Reiche niederzuhalten und sich untereinander gegen übermüthige Lehensherren oder ungehorsame eigenmüthige Reichsvasallen beizustehen , gleicherweise wie die Städte und ihre Bürger gegen die Bedrückungen und Raubanfälle des Adels zu schützen . Jetzt war es Friedrich , der nicht nachgeben mochte und auch Vergangenes nicht vergessen konnte und gegen Regensburg drohte , das Albrecht befestigte : » Ob man die Stadt auch ganz zumauere , will ich doch hinein , und sollt ich durch ein Spältlein schlüpfen . « - Neben ihm ritt der goldlockige König Max . Noch ebenso heldenhaft und schön war seine Erscheinung , wie vor zwei Jahren , wenn auch vielleicht die Sorgen , die ihn jetzt bedrückten , vornehmlich die Sorgen um die immer noch nicht beendeten Flandrischen Händel , die der heldenhafte Herzog Albrecht von Sachsen , seit Jahr und Tag fast ohne alle Reichshülfe gelassen , mit einem kleinen Heer in den immer wieder aufständigen Provinzen allein zu schlichten suchen mußte , und dann um die neue Ungebühr , die ihm der König von Frankreich erwiesen - wenn auch diese Sorgen vielleicht ein paar Furchen auf seiner Stirn gezogen , welche die Krone mehr drückte als der Helm des Ritters , den er mit größerem und froherem Stolze trug , als jene . Er grüßte noch ebenso leutselig wie bei seinem ersten Einzug , und gewann sich noch ebenso alle Herzen , wie damals , die durch eine edle ritterliche und huldvoll um sich blickende Erscheinung zu gewinnen waren . Unter seinem Gefolge erblickte man auch einige Nürnberger , die mit ihm gezogen waren , ihm ihr Schwert zu weihen und im Kampfe für ihn sich ihre Sporen zu verdienen . Darunter befand sich Stephan Tucher in strahlender Rüstung , deren stählerne Schilder durch goldene Einfassungen miteinander verbunden waren ; ein weißer Federbusch wehte von dem glänzenden Helm . Sein Schwert hing an einer rosenfarbenen Schärpe mit silbernen Fransen - war es blinder Zufall oder bewährte Treue , daß er doch so Ursula ' s Farben trug ? Sein Antlitz glänzte von Heiterkeit und Gesundheit - etwas wettergebräunter war es geworden - aber sonst lächelte es gerade so stolz und selbstgefällig wie vordem . Gleich hinter dem König ritt sein treuer Bruder und lustiger Rath Kunz von der Rosen , der ihn , seit ihn einmal Kerkermauern von seinem Herrn getrennt , nie wieder verlassen hatte . Er war es auch , der , da der Zug sich dem Stadtthor näherte , plötzlich voraussprengte und durch ein Seitengäßlein reitend sagte : sein Pferd sehne sich nach dem Stall und er nach der Herberge , so wollten sie sich beides ohne Ceremonienmeister suchen . So durch enge Gäßchen trabend , die eigentlich den Reitern verboten waren , gelangte er vor Scheurl ' s Haus unter der Veste , als der Herr desselben mit andern Rathsherren und Edlen nach der andern Seite hin dem König entgegen zog , um ihn feierlich in sein Haus zu führen . Kunz konnte recht wohl berechnen , daß er auf diese Weise , indem er sich nicht nur einen Umweg , sondern auch alle aufhaltenden Empfangsfeierlichkeiten ersparte , um eine halbe Stunde früher als der König selbst in die für ihn bereitete Wohnung kam . Er wollte sich den Spaß machen , vor ihm einzutreffen , die Hausfrau vielleicht durch verfrühtes Kommen noch in den letzten Vorbereitungen zu stören , oder sich dann gleich selbst als Hauswirth zu geberden und Herrn Scheurl in seiner eigenen Wohnung gleich einem fremden Herrn zu empfangen . Dergleichen Späße waren nun einmal seine Weise und gehörten in der damaligen Zeit mit zu den Hauptbelustigungen . Der Thorweg , welcher , an einer andern Seite als die Hausthür befindlich , in den Hof des Scheurl ' schen Hauses führte , stand weit geöffnet , eben so die Thüren der Ställe , und Alles war bereitet , darin mindestens ein paar Dutzend Pferde aufzunehmen . Aber kein Stallknecht ließ sich sehen , alle Leute waren davon gelaufen dem kaiserlichen Zuge entgegen . Kunz sprang vom Pferde , führte es am Zügel an eine gefüllte Krippe , streichelte es . und sagte zu ihm , indem er es anband : » Nun sieh , für Dich ist der Tisch gleich gedeckt ; Du wirst eher und besser bedient als Kaiser und König , und auch als sein lustiger Rath ; ich muß sehen , ob ich auch ein so gutes Quartier finde wie Du . « Er ging über den Hof in die weite Hausflur , schüttelte den Schnee von seinen Füßen und dachte , indem er mit seinen nassen gewaltigen Reiterstiefeln auf die schönen weichen Teppiche von venetianischer Weberei trat , die sich die marmornen Treppen herunterschlängelten und an den Stufenfugen mit blitzenden Metallhaltern befestigt waren : » Nun , das laß ich mir gefallen ! Am Ende hat Aeneas Sylvius doch recht , wenn er behauptet , daß kein Potentat so schön wohne wie die Bürger von Nürnberg und Augsburg , und wenn mein Herr an seine Worte denkt , die er einmal als Jüngling sprach , da ihm der geizige Vater einige Münzen geschenkt und darüber schalt , daß Max keine bessere Anwendung davon mache , als sie an andere Knaben zu vertheilen : » Ich will kein König des Geldes werden , sondern eines Volkes und derer , die Geld haben - so erfüllt es sich wenigstens einmal bei den Nürnbergern : die haben Geld , was sonst ein rarer Artikel im lieben deutschen Reich , besonders am kaiserlichen und königlichen Hofe und auch anderwärts - den reichen Jörge ausgenommen , der in der Schatzkammer zu Burghausen mehr Gold und Silber birgt , denn jemals eine Kaiserkrone eingebracht . «