nur leider bald , auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen , als trügerisch erwies und der lachende Widerschein einer kranken Brust war . Schon in diesen ersten Anfängen seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal , daß er auf der hessischen Bergstraße , ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Basel - wo wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse ! - von einem Blutsturz befallen wurde und hülflos und verlassen in kleinen Städtchen liegen bleiben mußte . Die vornehmste Bühne , auf der er , leidlich genesen , im Fache der Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte , war St.-Gallen gewesen . Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer . Er erlebte dabei , daß selbst eine so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte . In Lindau am Bodensee ging es ihm nicht besser . In den kleinsten Städten werden jetzt schon Recensionen und nach auswärts Correspondenzen geschrieben . Um diese seine beiden Niederlagen zu decken , wählte er statt seines eigentlichen Namens Firmian Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewußtsein aus Göthe ' s Wilhelm Meister . Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum Priesterstande , hatte er vorzugsweise die beiden male , wo nach seinen Blutstürzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm eine Zeit lang Muße gewährte , sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen gesucht . Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau , Regensburg , ja selbst mit der Zeit in Nürnberg behaupten . Hatte Serlo einen Erfolg errungen , so warf ihn leider immer wieder sein körperliches Befinden zurück , nahm ihm feste Stellungen , zwang ihn , monatelang zu pausiren und in den Bädern wieder Erholung und Stärkung zu suchen . Seine Gemüthsstimmung erfüllte sich dabei mit großer Bitterkeit . Er konnte dieser Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben . Er sah überall die Erfolge der Talentlosigkeit , der Intrigue , des schlechten Geschmacks . Er , mit ungleich größern Ansprüchen auf die Gunst der Musen , mußte zurückstehen . Schon war ihm geschehen , daß er an irgendeinem glücklichen Abend irgendeinem durchreisenden Kunstkenner in kleinen Städten aufgefallen war und einen Ruf nach einem großen Hoftheater bekommen hatte ; kaum dort angelangt , überfiel ihn eine Heiserkeit , die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn , wenn er spielen konnte , außer Benutzung seiner Mittel setzte . Und doch hatte sich darauf etwa fünf Jahre lang seine Lage ziemlich günstig gestaltet . Er bekleidete erste Fächer an großen Stadttheatern und hatte Erfolge , Erfolge sowol auf der Bühne wie in der Gesellschaft . Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnißvollen , den seine liebenswürdige und angenehme Persönlichkeit unterstützte . Serlo gehörte keineswegs zu denen , die sich der bösen Welt gegenüber unbewaffnet betreffen ließen . Das Unglück hatte ihn längst mehr scharf als schartig gemacht und im Glück gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wol auch zuerst , da ihm Urtheil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten . Die Macht , die er überall durch Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah , reizte ihn sogar , auch seinerseits nicht die Hände in den Schoos zu legen oder unter Gaunern , wie er zu sagen pflegte , der einzige ehrliche Mann zu bleiben . Serlo schien sogar vielen gefährlich ; er rührte sich nach Kräften , zerriß hier eine Fessel , um dort eine andere zu vortheilhafterm Dienst sich anzulegen , stieß fort , was ihm im Wege stand , und unterdrückte mit Gewalt Gemüth und Reue , zwei Begriffe , die für diese » elende und erbärmliche Welt « nicht paßten und » die Krähen da einließen , wo die Adler wohnen sollten « , wie er oft mit Shakspeare sprach . Geist , Bildung , Intrigue , Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemüthlicher Zug gaben in Serlo eine Erscheinung , die zum Höchsten berufen schien , wenn nur die Natur und das Glück gewollt hätten . Die Natur hatte Firmian Neumeister , genannt Serlo , zu einem frühen Tode bestimmt . Er war glücklich zu einem der ersten Hoftheater emporgeklommen , hatte sich drei Jahre behauptet , begehrte einen Contract , der ihn nach fernern fünf Jahren hätte pensionsfähig machen müssen ; man wollte ihm nur einen kürzern geben , der diese Pensionsfähigkeit ausschloß . Bei dem Streite , der darüber entstand , vergaß sich Serlo in den Formen , in denen sein Chef sich behandelt zu sehen berechtigt war . Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung . Damals traf er in gleicher Stimmung jenes Fräulein Leonhardi . Man hatte an demselben Hoftheater geglaubt , nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der ersten Künstlerinnen zu gewinnen , und fand bald , daß sie eine Rolle wie die andere gab , die Lady Macbeth von demselben zuckersüßen Lächeln begleitet , wie sie Bauernfeld ' sche junge Witwen spielte . So verließen beide zu gleicher Zeit dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen , den Empfindungen der Bitterkeit , und auch mit demselben Uebermuth , der die Verzweiflung wegzulügen sucht . Serlo sprach später oft von dieser Verbindung mit Lionel ' s Worten : » Glück zu dem Frieden , den die Furie stiftet ! « Nach einem halben Jahre , wo beide zusammen Gastrollen gaben , mußte Serlo schon für seine Begleiterin sorgen , als wäre sie seine Gattin . War sie dies oder war sie es nicht , sie konnte kein Engagement annehmen . Serlo mußte sie und ein erwartetes Kind ernähren . So nahm er die erste beste Stellung , die nur etwas Brot gab . Er nahm sie in einer Form , die sich später nur zu oft wiederholte ... Es ging zum Herbst . Die Entbehrungen , die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich sind , hatten ihn aufs Krankenlager geworfen . In einer Mittelstadt Norddeutschlands , wo Fräulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besaß , traf sie , ihren Zustand möglichst verbergend , bei einem derselben mit einem durchreisenden Director einer Bühne zusammen , der einen Liebhaber zu engagiren wünschte . In einem Augenblick , wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Straße zu sehen ans Fenster trat , besaß sie die Geistesgegenwart , dem alten Freunde rasch zuzuflüstern : Schicken Sie in unser Hotel ! Serlo soll sich ankleiden ! ... Wie ? fragte der Director und wandte sich . Sie sprachen ja eben von Serlo ? Ist Serlo hier ? ... Im Goldenen Adler ! hieß es ... Schade , daß er kränkelt ! antwortete der Director ... Kränkelt ? erwiderte die Leonhardi . Serlo ist so gesund wie ein Fisch ! ... Ich möchte ihn wol sprechen ; ich könnte ihn brauchen ... ließ überlegend der Director fallen . Der alte Verehrer des Fräuleins , ein wohlhabender Theaterliebhaber , der sich darin gefiel , im Orte die seltensten Weine zu haben , hielt ihn zurück : Nein , nein , nein ! Sie bleiben ! Ein Glas Tokayer ! Der Director schützte Eile vor , blieb jedoch , um wenigstens auf baldiges Wiedersehen anzustoßen . Damit fand der Kunstfreund einen Moment , hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen : Lauf in den Goldenen Adler ! Herr Serlo soll sich ins Zeug werfen , ein Director kommt ihn zu engagiren ! Nachdem bietet er der Künstlerin und dem Director ein improvisirtes Frühstück . Dem Director , der fürchtete , mit Fräulein Leonhardi , die er schon einmal sechs Wochen im Engagement gehabt , auf neue Erörterungen zu stoßen , ergab sich bald , wie Serlo zu Fräulein Leonhardi stand . » Madame Serlo ? Ei der Tausend ! « - » Ja Madame Serlo ! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an . « Eine halbe Stunde verfließt . Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler . Dort , wo noch eben im abgetragenen Schlafrock , mit einem großen wollenen Tuch um den leidenden Hals , ein armer Kranker , leichenblaß , auf dem Bett gelegen hatte ; dort , wo alles ringsum in der größten Unordnung gewesen war , wo Arzneigläser am kühlenden Fenster standen , Wäsche am Ofen hing , um erwärmt zu werden ; dort , wo ein hinfälliger Kranker , einem Greise ähnlich , das dunstige Zimmer mit Seufzern und Verwünschungen über sein Geschick erfüllt hatte , hatte nach der Meldung des Dieners im Nu eine Verwandlung stattgefunden . Die Gläser waren entfernt , das Bett durch einen Schirm verdeckt worden , die Wäsche hinweggenommen , die größte Ordnung herrschte . Der Kranke , der Lebensüberdrüssige , Hinfällige , Hustende stand in dem einzigen Frack , den er besaß , mit eng anschließenden Beinkleidern , gefirnißten Stiefeln , weißer Weste , über welche eine Lorgnette niederhing , buntem , lose umgeschlungenen Halstuche , eben den Hut aufsetzend , eben helle Handschuhe anziehend , eben noch die Cigarre im Munde , um sie rasch gleichsam auszurauchen , ein Liedchen trällernd und die Thür öffnend . Wohl hatte er das Gefühl , als wenn ihm die Füße versagten , die Hände flogen noch vor Fieberfrost , die Lippen zuckten , der ganze Körper zitterte ... dann aber hört er kommen , jetzt eine Arie geträllert , laut eine Tirade gesprochen und nun : Was zum Henker , Sie Herr Director ? Was führt Sie in dies verdammte Nest , wo ich einen alten Freund besuchen mußte ? Bravaden folgten auf seine Kraft , Bravaden über den langweiligen Aufenthalt , die baldige Abreise ... man plaudert , man scherzt , man bietet Cigarren ... Der Director engagirt den unverwüstlichen , interessanten Serlo für die Wintersaison . Die Contracte waren , wie gewöhnlich , gleich zur Hand in der Rocktasche ; noch einige Debatten über die Gage , dann Unterschrift ... Beim Scheiden sagte der Director scherzend , mit einem feinen Blick auf Madame Serlo : Serlo ! Serlo ! Die grauen Härchen an den Schläfen ! Schonung ! Schonung ! ... Diese grauen Härchen hatte der Leidende in der Eile zu färben vergessen . Madame Serlo versprach zu sorgen , daß die Härchen nicht um sich griffen . Das Uebrige ist Ihre Sache ! sagte sie mit der Süßigkeit jenes Conversationstons , mit dem sie ihre Eroberungen machte . Als der Director fort ist , sinkt Serlo , der eine Stunde lang mit der äußersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuthen durchgeführt , ohnmächtig zusammen . Die Gefährtin seines Lebens sprach den ganzen Tag nur - von dem Glück , solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem Kunstfreund ! Es war , sagte Serlo , als er diese Scene eines Abends , als seine Gattin spielte , Lucinden erzählte , nicht das erste mal , daß ich gut gespielt hatte und - ohne Beifall blieb . In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall . Voller Unmuth über die ihr gewordene Kündigung hatte sie eine Wohnung gesucht . Sie erhielt das Anerbieten derjenigen , die Serlo verlassen wollte ; die Saison war zu Ende , mit ihr das Engagement . Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck , die Menschen , die sie in dem von ihr immer heiß geliebten Theater nur im bunten Flitter , geschminkt und in wallenden Locken gesehen hatte , hier unter lärmenden Kindern , trotz artiger Formen verdrießlich und aller Hülfsmittel zu täuschen entkleidet , wiederzufinden . Die stadtkundige Geschichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine Anknüpfung nähern Gesprächs gegeben . Serlo sagte , daß sich daraus ein Lustspiel machen ließe und Madame Serlo vertheilte schon die Rollen . Lucinde hörte . Der Einblick in diese neue und , wie sie sogleich sah , leidenschaftlich bewegte Welt reizte sie . Sie miethete zwar die Wohnung nicht , kam aber wieder und machte sich , wie dies in ihrer Art war , mit den Kindern zu schaffen . Diese waren hübsch und von viel aufgeregterer Natur , als Kinder in solchem Alter zu sein Pflegen . Sie waren selbst schon Schauspieler . Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft , die ihm Lucinde mittheilte und in die sie ihn einführte . Ihm hatte diese Sphäre ganz bewußt und in poetischer Wahrheit den Reiz , der im Wilhelm Meister nur zu künstlich um sie gebreitet ist . Lucinde fühlte sich tastend , doch desto verhängnißvoller hinein . Bedrängt und verurtheilt von der öffentlichen Meinung , hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden , wo sie sich aussprechen und in ihrer Art ganz gehen lassen konnte . Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen Schaden dieser unglücklichen Künstlerverbindung . Serlo litt unter der Kälte und Herzlosigkeit seiner Lebensgefährtin bis zur Verzweiflung . Das ganze Leben dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder . Sie behauptete , um ihn die glänzendste Laufbahn verfehlt zu haben , während Serlo doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war . Lucinde wurde , wie das geschieht , die Vertraute , die Rathgeberin beider , die Vermittlerin zweier Gegensätze , die mit höchst ungleichen Waffen kämpften . Dort die kalte frischeste Gesundheit , hier ein Siechthum , das Schonung und Liebe bedurfte . Lucindens Empfindungen über Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo bald errathen . Sie verurtheilte den Doctor , wie sie ihrerseits alle Männer verurtheilte , ausgenommen die , die ihr huldigten . Lucinde fand für alles das , was sie an Klingsohrn nicht mochte , den weltgewandtesten Ausdruck . Kaum stand es fest , daß sie Klingsohrn nicht mehr liebte , so hatte Madame Serlo auch schon den Plan fertig , das räthselhafte , schöne und aus unbekannten Hülfsquellen reich mit Mitteln ausgestattete Mädchen an sich zu ziehen . Sie schmeichelte ihr zunächst mit dem unverkennbaren Urtheil , das sie über die Bühne hätte , dann sogar mit einem Berufe für sie . Sie löste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab , die sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte . Als der Augenblick der Auflösung des Theaters heranrückte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde , in dem die Trümmer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten , bedurfte es bei Lucinden keiner langen Ueberredung . Sie entschloß sich eine Stadt zu verlassen , die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Erörterung ihrer Intrigue mit dem Prinzen unerträglich geworden war . Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo , die das Leben kannte , ein Bild entworfen , dessen Wahrheit sich nicht widerlegen ließ . In voller Gewißheit ging ihr auf , daß die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war , die ihren Ursprung in der Gewohnheit unmäßigen Trinkens hatte . Die Trunksucht war bei Klingsohrn entstanden wie im Traume , wie bewußtlos , wie die natürliche Begleiterin genialer Ueberspannung . Wie sie auch gekommen , sie war da , und Madame Serlo schonte die Farben nicht , diesen Zustand auszumalen . Sie kannte die Nachtseiten des Lebens und sparte keinen Zug an dem Bilde der Zukunft , das sie für Klingsohrn aufrollte . Sie behauptete , schon gehört zu haben , daß er Opium nähme ; sie schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise , die die zum ersten male von solchen Dingen Hörende nicht an der Wahrheit des Gerüchts zweifeln ließen . Sie hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen , wie er , wenn er mit ihr ging , sie starr betrachtete und sie ihn unmuthig anrufen mußte , um ihn nur zur Besinnung zu bringen . Die Abneigung , die sie immer tiefer gegen ihn empfand , bekam jetzt Grund und Ausdruck . Da sie wußte , wie er nach ihr verlangen , sie verfolgen würde , so hüllte sie die Entfernung von Kiel , die sie in der That drei Monate vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr ' s ausführte , gerade so weit in Dunkel , als ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend möglich wurde . Mit ihren noch ausreichenden Mitteln , mit dem reichen Schatze ihrer Kleider und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts . Die andern Schauspieler reisten ab , geradeswegs nach jenem Bade . Nach einigem Hin- und Herreisen , um ihre Spur zu verbergen , erschien auch Lucinde in jenem noch menschenleeren Strandorte . Sie war nun in diesen neuen Kreis , eben aus Furcht vor Klingsohrn , wie gebannt . Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht viel auf , wie überhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehörte . Daß sie aber schon ein bewegtes Leben geführt , wurde sogleich erkannt , wie auch der Name des Kronsyndikus haften blieb als desjenigen , vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen hätte und auf dessen Gunst und Unterstützung hier alles ankam . Die sich mehrenden Spuren der Nachforschungen , die um sie angestellt wurden , veranlaßten das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo ' schen Familie . Sie gab dabei uneigennützig , was sie besaß . Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des Schmeichelns . Sie hatte jetzt das sehnsüchtigste Ziel wieder eines Engagements an solchen Plätzen , wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe , die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte , verwerthen konnte . Die eigentliche Fessel aber , die diese Eroberung festhielt , war in der That der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geschützte Mann . Serlo hatte etwas Vergeistigtes . Er besaß ganz jene verklärte Schönheit , die bei Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt . Sein Auge blickte voll sanfter Glut , wenn er am wenigsten beobachtet wurde . Die Formen seines Antlitzes waren so edel , daß sie den Meißel des Bildhauers herausfordern konnten . Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer , wenn es nicht gefärbt wurde der » Komödie « wegen . Alles , was Serlo sprach , war der Brust wie mit Anstrengung abgerungen , darum aber auch gewichtvoll und fest und nie unnütz . Einen Ueberfluß an Worten , wie ihn seine Gattin sich wohlbekommen ließ , kannte er nicht . Die Bitterkeit seiner Aeußerungen zog Lucinden tief an ; sie war in ähnlicher Stimmung . Dazu die Furcht , sich von Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu müssen . Da Madame Serlo sie darum drängte , hatte sie an letztern geschrieben und um neue Geldmittel gebeten . Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen . In der unendlich elegischen Stimmung , die Serlo täglich beherrschte , ironisirte er sich und sogar die Anhänglichkeit der Familie an Lucinden . Wenn sie ihm dankte für alles , was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr erzählen mußte , von Menschen , Gegenden , die er gesehen , sagte er bitter lächelnd : Kind , wir ziehen uns gegenseitig aus ! Darüber hatte sie die ganz klare Vorstellung , daß Madame Serlo die Klugheit alternder Theaterdamen befolgte , sich an ein frisches , aufblühendes Talent anzuklammern , stets es zu bewundern und solange als nur irgendmöglich die Erträgnisse desselben für sich zu behalten . Aber es irrte sie darum nicht . Sie durchschaute alles , nur zu wenig die Schmeichelei über ihr Talent . Sie wollte wirklich noch die Bühne betreten . Madame Serlo begann eine Art Unterricht ; sie glaubte vielleicht aufrichtig , der Geistesschärfe ihres Zöglings , dem Wagemuth , dem noch zuweilen aufsprudelnden Humor desselben entspräche das gleiche Vermögen auch auf der Bühne . Selbst Serlo glaubte dies und ergänzte in geistvoller Rede die Anleitungen , die seine routinirte Gattin gab . Von Klingsohrn unbehelligt , ging dies plötzlich veränderte Leben einige Monate hin . Von ihrer Höhe war Lucinde völlig herabgestiegen . Wo war die Amazone hin , die auf den Rossen des Universitätsstallmeisters geprangt hatte ! Serlo fühlte dies und sagte zu ihr : Bestes Fräulein , wie beklage ich Sie ! Wie hat das alles möglich werden können ! Du sublime au ridicule il n ' y a qu ' un pas ! Napoleon sagte das ! erwiderte sie , stolz den gesenkten Kopf erhebend . Das ist wahr , entgegnete Serlo erglühend . Die großen Geister wandeln regellos ! Bitter lächelnd setzte er hinzu : Nur die Hofräthe fallen nie aus der Rolle ! Die sind ewig erhaben ! Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dorthin . Die Seebadsaison war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen . Der Kronsyndikus antwortete nicht . Madame Serlo schrieb zuletzt selbst . Sie that sich auf ihr Talent , mit den Großen zu verkehren , etwas zugute . Es erfolgte aber auch für sie keine Antwort . Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen ... durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend . Eines Tages erschien aber Klingsohr . Es war in Lüneburg auf der Heide . Man hatte gehofft , für den Winter dort eine Unterkunft zu finden . Von dem Versiegen ihrer Hülfsmittel , den Anstrengungen der Reise und den Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde schon so muthlos geworden , daß sie Klingsohrn in das kleine Gasthofzimmer , das sie bewohnte , mit einem leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah . In früherer Zeit wäre sie ruhiger gewesen und hätte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen Kündigung begrüßt . Klingsohr trat auf sie zu , gleichsam um sich zu überzeugen , ob sie es denn wirklich wäre ... Dann fragte er , während sie langsam aus der Sophaecke sich erhob : Warum hast du mir das gethan ? Sie begann keine Erörterungen , sondern erwiderte kleinlaut und durch die Schule des Lebens gedemüthigt : Wann bist du angekommen ? Auf einem Felde gleichgültiger Gespräche fand man sich zuletzt so leidlich wieder zurecht . Ja auch aus der Theatersphäre und Verstellungskunst heraus war dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklären . Wenn Madame Serlo eben noch jemand im Geiste vergiftet hatte , konnte sie , wenn er zufällig selbst erschien , ihm den Stuhl hinrücken , diesen abstäuben und das ganze Arsenal ihrer Liebenswürdigkeiten spielen lassen ... Und das Beste , sagte Serlo oft , ist dann die wirkliche Freundschaft für diese vergiftete Person , wenn sie zuletzt geht ! Die Judasküsse wurden echte , wenigstens auf so lange , als der Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse einer bei dieser Gelegenheit geschlossenen gemüthlichen Intrigue dauert ! Für solche von dem Kranken , der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag und das schöne bleiche Antlitz aufstützte , immer mit schneidender Bitterkeit hingeworfene Aeußerungen erntete er von seiner Lebensgefährtin Schmähungen , von Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung . Klingsohr kam ohne Geld . Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus , daß er in einem Briefe , in welchen der Kronsyndikus endlich auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden eingelegt hatte , dessen übergenug empfangen . Das Suchen nach Ihnen , liebe Lucinde , sagte sie spitz , muß viel Ausgaben verursacht haben ! Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung für die Familie gehabt und hatte ihr Leben oft genug romantisch genannt . Man verständigte sich , vergab sich einander , was etwa gegenseitig gefehlt war , und bald entspann sich auf einige Tage ein Zusammenleben , in dessen Hintergrunde der Entschluß Lucindens zu stehen schien , daß sie Klingsohrn wieder nach Schloß Neuhof begleiten wollte . Es bekümmerte sie , daß der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte . Schloß Neuhof betret ' ich mit keinem Fuße mehr ! sagte Klingsohr . Doch will ich dich bis Lüdicke begleiten ! Madame Serlo horchte nur immer . Sie sollte ihre Eroberung aufgeben ? Lucinde besaß noch Kleider und Schmuck genug , um davon ein ganzes Jahr lang sie alle erhalten zu können ... Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu . Drei Tage war Klingsohr in Lüneburg , als er auch dort sein gewohntes Leben begann ... Er fand göttinger Freunde , er entzückte durch den Dämmer der Poesie , mit dem er sich theils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern , theils durch die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wußte , er erntete , wenn er sprach oder schwieg , die gewohnte Bewunderung , er streifte die Aermel seines Rockes wieder im heiß gewordenen Gespräch empor wie einer , der auf die Mensur zu treten bereit ist , und war der Titane , dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte . Madame Serlo beobachtete scharf . Am Nachmittag des vierten Tages öffnete sie leise das Zimmer , in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte , winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer , die Klingsohr bewohnte . Das Zimmer fanden sie unverschlossen . Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klingsohrn , der über sein Bett auf den Rücken ausgestreckt lag , eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu schlafen schien . Er hat Opium geraucht ! sagte Madame Serlo . Sehen Sie nur ! Nun träumt er ! Er ist im siebenten Paradiese ! Lucinde beobachtete den Unglücklichen , der mit offenen Augen lag , aber völlig abwesend war . Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt , der linke hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife , aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte . Auf dem Fußboden lagen die Gedichte Coleridge ' s , jenes englischen Dichters , der am Opium zu Grunde gegangen ist . Lucinde war vollkommen berechtigt , an diese Deutung zu glauben . Diese offenen Augen , diese blassen und krampfhaften Gesichtszüge , verbunden mit einem zuckenden Hüpfen der Nerven , bestätigten , was sie von beiden Serlos über die Wirkungen dieser Betäubung schon vernommen hatte . Sie wurde darüber von einem Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen , daß sie bat , den Ort , der ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot , sofort , aber auch augenblicklich , ohne sein Erwachen abzuwarten , zu verlassen . Madame Serlo hatte erreicht , was sie wollte . Serlo , den man hinzurief , sprach mitleidiger und rieth zur Versöhnung , zur Heilung des Unglücklichen . Er hatte dem Klosterleben , dem Leben der Entsagung nahe gestanden , er kannte die Verirrungen der Phantasie ... Lucinde nahm keine Beruhigungen an . Sie forderte die Rechnungen ein , gab einen werthvollen Ring von den Geschenken , die ihr der Kronsyndikus noch beim letzten Abschied in Kiel gegeben , zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon fort in einer Stunde . Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht , daß man Klingsohrn einschließen sollte ... er könnte bestohlen werden . Damit zeigte sie auf ein Portefeuille , das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag . Es war ein Geschenk , das Lucinde ihm selbst gefertigt ; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel . Nichts vom Inhalt , nur das Portefeuille selbst wollte sie an sich nehmen . Sie öffnete , warf einiges Geld , einige kleine Schlüssel , Bleistifte , sogar zerknitterte Briefe , alles , was darinnen lag , hinaus , warf es ungeprüft und ungelesen auf die Bettdecke , behielt ihr Geschenk , das Portefeuille , schloß die Thür zu und ließ , wie sie bitter wiederholte , Klingsohrn im siebenten Paradiese . Es wird schöner sein als das Dante ' sche ! setzte sie zu Serlo hinzu . Sie wußten beide , daß Klingsohr über Dante gelesen und des Florentiners Hölle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen Himmel . Serlo hatte seiner Gattin gegenüber aus physischer Schwäche keinen Willen . Er sorgte nur immer , auch beim Reisen , Ankommen und Abgehen , für die Kinder . Der Handel mit dem Wirthe wurde abgeschlossen . Man hatte noch einen guten Ueberschuß und accordirte einen Wagen . Er sollte sie der obern Elbe zuführen . Schon war man im Packen begriffen , als sich in Klingsohr ' s Zimmer ein entsetzliches Pochen vernehmen ließ . Man gab dem Kellner den Schlüssel , mit dem geöffnet werden konnte . Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer , Madame Serlo folgte , beide verriegelten sich . Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen . Da er den Inhalt gefunden hatte , konnte er von keinem Diebstahl sprechen . Er rief Serlo ; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen . Am Schlüsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo . Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille . Es war Winter ; sie sah sich nach dem Ofen um , um das Portefeuille zu verbrennen . Madame Serlo hinderte sie und öffnete wenigstens noch einmal das schöne Geschenk . Alles das geschah , während Klingsohr an der Thür rüttelte , pochte und im wildesten Ungestüm sein Eigenthum zurückverlangte . Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache Vorwürfe über seine Verirrung , die Klingsohr nicht in Abrede stellte . Ihr habt gut sprechen ! entgegnete er . Wer das Bedürfniß des Glückes hat , sucht es , wo er ' s findet ! Ich wünsche Euch nicht meine Nächte oder die Träume , die mir mein kurzer Schlaf schenkt ! In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille . Klingsohr ! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Thür nebenan , wo Klingsohr im Zimmer war , wandeln Sie Ihre Bahn ! Wir sind geschieden ! Auf ewig ! Lucinde ! lautete sein Flehen . Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht ! Ich behalte es ! Nimmermehr ! rief Klingsohr und schlug gegen die Thür . Was ist denn nur ein so besonderer Werth daran ? flüsterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt näher . Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer Bemerkungen , Namen , abgerissene Titel von Schriften