des Gewordenen etwas beizutragen . Wenn auch die Taten und die Förderung der Welt mehr das Geschäft des Mannes und des Greises sind , so ziert ein ernstes Wollen auch den Jüngling , selbst wo es nicht so klar und so bestimmt ist wie hier . « » Mein Freund hat mir von Euch erzählt , « sagte die Frau zu mir , indem sie mich wieder mit den dunkeln , glänzenden Augen ansah , » er hat mir gesagt , daß Ihr im vergangenen Jahre bei ihm waret , daß Ihr ihn im Frühlinge besucht habt , und daß Ihr versprochen habt , zur Zeit der Rosenblüte wieder eine Weile in diesem Hause zuzubringen . Mein Sohn hat auch sehr oft von Euch gesprochen . « » Er scheint nicht ganz ungerne hier zu sein « , sagte mein Gastfreund ; » denn sein Angesicht wenigstens hat noch nicht bei dem früheren so wie bei dem jetzigen Besuche die Heiterkeit verloren . « Ich hatte mich während dieser Reden gesammelt , und sagte : » Wenn ich auch aus der großen Stadt komme , so bin ich doch wenig mit fremden Menschen in Verkehr getreten , und weiß daher nicht , wie mit ihnen umzugehen ist . In diesem Hause bin ich , da ich irrtümlich ein Gewitter fürchtete und um einen Unterstand heraufging , sehr freundlich aufgenommen worden , ich bin wohlwollend eingeladen worden , wieder zu kommen , und habe es getan . Es ist mir hier in kurzem so lieb geworden wie bei meinen teuren Eltern , bei welchen auch eine Regelmäßigkeit und Ordnung herrscht wie hier . Wenn ich nicht ungelegen bin , und die Umgebung mir nicht abgeneigt ist , so sage ich gerne , wenn ich auch nicht weiß , ob man es sagen darf , daß ich immer mit Freuden kommen werde , wenn man mich einladet . « » Ihr seid eingeladen , « erwiderte mein Gastfreund , » und Ihr müßt aus unsern Handlungen erkennen , daß Ihr uns sehr willkommen seid . Nun werden auch Gustavs Mutter und Schwester eine Weile in diesem Hause zubringen , und wir werden erwarten , wie sich unser Leben entwickeln wird . Wollt Ihr Euch nicht ein wenig zu mir setzen und abwarten , bis der Willkommensgruß von allen , die da stehen , vorüber ist ? « Er ging wieder um den Tisch herum zurück , und ich folgte ihm . Gustav machte mir Platz neben seinem Ziehvater , und sah mich mit der Freude an , welche ein Sohn empfindet , der in der Fremde den Besuch der Mutter empfängt . Natalie hatte kein Wort gesprochen . Ich konnte jetzt , da ich ein wenig gegen die Frauen hin zu blicken vermochte , recht deutlich sehen , daß hier Gustavs Mutter und Schwester zugegen seien ; denn beide hatten dieselben großen schwarzen Augen wie Gustav , beide dieselben Züge des Angesichtes , und Natalie hatte auch die braunen Locken Gustavs , während die der Mutter die Silberfarbe des Alters trugen . Sie gingen nun recht schön geordnet in einem viel breiteren Bande an beiden Seiten der Stirne herab , als sie es unter dem Reisestrohhute getan hatten . Vor Mathilde war , während wir unsere Sitze eingenommen hatten , die Haushälterin Katharina getreten . Die Frau sagte : » Sei mir vielmal gegrüßt , Katharina , ich danke dir , du hast deinen Herrn und meinen Sohn in deiner besonderen Obhut und übst viele Sorgfalt an ihnen aus . Ich danke dir sehr . Ich habe dir etwas gebracht , nur als eine kleine Erinnerung , ich werde es dir schon geben . « Als Katharina zurück getreten war , als sich die anderen insgesamt näherten , sich verbeugten und mehrere Mädchen der Frau die Hand küßten , sagte sie : » Seid mir alle von Herzen gegrüßt , ihr sorgt alle für den Herrn und seinen Ziehsohn . Sei gegrüßt , Simon , sei gegrüßt , Klara , ich danke euch allen , und habe allen etwas gebracht , damit ihr seht , daß ich keines in meiner Zuneigung vergessen habe ; denn sonst ist es freilich nur eine Kleinigkeit . « Die Leute wiederholten ihre Verbeugung , manche auch den Handkuß , und entfernten sich . Sie hatten sich auch vor Natalie geneigt , welche den Gruß recht freundlich erwiderte . Als alle fort waren , sagte die Frau zu Gustav : » Ich habe auch dir etwas gebracht , das dir Freude machen soll , ich sage noch nicht was ; allein ich habe es nur vorläufig gebracht , und wir müssen erst den Ziehvater fragen , ob du es schon ganz oder nur teilweise oder noch gar nicht gebrauchen darfst . « » Ich danke dir , Mutter , « erwiderte der Sohn , » du bist recht gut , liebe Mutter , ich weiß jetzt schon , was es ist , und wie der Ziehvater ausspricht , werde ich genau tun . « » So wird es gut sein « , antwortete sie . Nach dieser Rede waren alle aufgestanden . » Du bist heuer zu sehr guter Zeit gekommen , Mathilde , « sagte mein Gastfreund , » keine einzige der Rosen ist noch aufgebrochen ; aber alle sind bereit dazu . « Wir hatten uns während dieser Rede der Tür genähert , und mein Gastfreund hatte mich gebeten , bei der Gesellschaft zu bleiben . Wir gingen bei dem grünen Gitter hinaus , und gingen auf den Sandplatz vor dem Hause . Die Leute mußten von diesem Vorgange schon unterrichtet sein ; denn ihrer zwei brachten einen geräumigen Lehnsessel und stellten ihn in einer gewissen Entfernung mit seiner Vorderseite gegen die Rosen . Die Frau setzte sich in den Sessel , legte die Hände in den Schoß , und betrachtete die Rosen . Wir standen um sie . Natalie stand zu ihrer Linken , neben dieser Gustav , mein Gastfreund stand hinter dem Stuhle , und ich stellte mich , um nicht zu nahe an Natalie zu sein , an die rechte Seite und etwas weiter zurück . Nachdem die Frau eine ziemliche Zeit gesessen war , stand sie schweigend auf , und wir verließen den Platz . Wir gingen nun in das Schreinerhaus . Eustach war nicht bei der allgemeinen Bewillkommung im Speisezimmer gewesen . Er mußte wohl als Künstler betrachtet werden , dem man einen Besuch zudenke . Ich erkannte aus dem ganzen Benehmen , daß das Verhältnis in der Tat so sei und als das richtigste empfunden werde . Eustach mußte das gewußt haben ; denn er stand mit seinen Leuten ohne die grünen Schürzen vor der Tür , um die Angekommenen zu begrüßen . Die Frau dankte freundlich für den Gruß aller , redete Eustach herzlich an , fragte ihn um sein und seiner Leute Wohlbefinden , um ihre Arbeiten und Bestrebungen , und sprach von vergangenen Leistungen , was ich , da mir diese fremd waren , nicht ganz verstand . Hierauf gingen wir in die Werkstätte , wo die Frau jede der einzelnen Arbeiterstellen besah . In dem Zimmer Eustachs sprach sie die Bitte aus , daß er ihr bei ihrem längeren Aufenthalte manches einzelne zeigen und näher erklären möge . Von dem Schreinerhause gingen wir in die Gärtnerwohnung , wo die Frau ein Weilchen mit den alten Gärtnerleuten sprach . Hierauf begaben wir uns in das Gewächshaus , zu den Ananas , zu den Kakteen und in den Garten . Die Frau schien alle Stellen genau zu kennen ; sie blickte mit Neugierde auf die Plätze , auf denen sie gewisse Blumen zu finden hoffte , sie suchte bekannte Vorrichtungen auf , und blickte sogar in Büsche , in denen etwa noch das Nest eines Vogels zu erwarten war . Wo sich etwas seit früher verändert hatte , bemerkte sie es und fragte um die Ursache . So waren wir durch den ganzen Garten bis zu dem großen Kirschbaume und zu der Felderrast gekommen . Dort sprach sie noch etwas mit meinem Gastfreunde über die Ernte und über die Verhältnisse der Nachbarn . Natalie sprach äußerst wenig . Als wir in das Haus zurück gekommen waren , begaben wir uns , da das Mittagsmahl nahe war , auf unsere Zimmer . Mein Gastfreund sagte mir noch vorher , ich möge mich zum Mittagessen nicht umkleiden ; es sei dieses in seinem Hause selbst bei Besuchen von Fremden nicht Sitte , und ich würde nur auffallen . Ich dankte ihm für die Erinnerung . Als ich , da die Hausglocke zwölf Uhr geschlagen hatte , in das Speisezimmer hinunter gegangen war , fand ich in der Tat die Gesellschaft nicht umgekleidet . Mein Gastfreund war in den Kleidern , wie er sie alle Tage hatte , und die Frauen trugen die nämlichen Gewänder , in denen sie den Spaziergang gemacht hatten . Gustav und ich waren wie gewöhnlich . Am oberen Ende des Tisches stand ein etwas größerer Stuhl , und vor ihm auf dem Tische ein Stoß von Tellern . Mein Gastfreund führte , da ein stummes Gebet verrichtet worden war , die Frau zu diesem Stuhle , den sie sofort einnahm . Links von ihr saß mein Gastfreund , rechts ich , neben meinem Gastfreunde Natalie , und neben ihr Gustav . Mir fiel es auf , daß er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern geführt hatte , den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm , und von dem aus sie vorlegte . Es mußte aber hier so eingeführt sein ; denn wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu füllen , die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug . Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit . Es war mir , als wenn das immer bisher gefehlt hätte . Es war nun etwas wie eine Familie in dieses Haus gekommen , welcher Umstand mir die Wohnung meiner Eltern immer so lieb und angenehm gemacht hatte . Das Essen war so einfach , wie es in allen Tagen gewesen war , die ich in dem Rosenhause zugebracht hatte . Die Gespräche waren klar und ernst , und mein Gastfreund führte sie mit einer offenen Heiterkeit und Ruhe . Nach dem Essen kam ein großer Korb , welchen Arabella , das Dienstmädchen Mathildens , welches mit den Frauen gekommen war , welches ich aber nicht mehr hatte aussteigen gesehen , herein gebracht hatte . Außer dem Korbe wurde auch ein Pack in grauem Papiere und mit schönen Schnüren zugeschnürt gebracht und auf zwei Sessel gelegt , die an der Wand standen . In dem Korbe befanden sich die Geschenke , welche Mathilde den Leuten mitgebracht hatte , und welche jetzt ausgepackt waren . Ich sah , daß diese Geschenkausteilung gebräuchlich war und öfter vorkommen mußte . Das Gesinde kam herein , und jede der Personen erhielt etwas Geeignetes , sei es ein schwarzes seidnes Tuch für ein Mädchen oder eine Schürze oder ein Stoff auf ein Kleid , oder sei es für einen Mann eine Reihe Silberknöpfe auf eine Weste oder eine glänzende Schnalle auf das Hutband oder eine zierliche Geldtasche . Der Gärtner empfing etwas , das in sehr feine Metallblätter gewickelt war . Ich vermutete , daß es eine besondere Art von Schnupftabak sein müsse . Als schon alles ausgeteilt war , als sich schon alle auf das beste bedankt und aus dem Zimmer entfernt hatten , wies Mathilde auf den Pack , der noch immer auf den Sesseln lag , und sagte : » Gustav , komme her zu mir . « Der Jüngling stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr . Sie nahm ihn freundlich bei der Hand und sagte : » Was noch da liegt , gehört dir . Du hast mich schon lange darum gebeten , und ich habe es dir lange versagen müssen , weil es noch nicht für dich war . Es sind Goethes Werke . Sie sind dein Eigentum . Vieles ist für das reifere Alter , ja für das reifste . Du kannst die Wahl nicht treffen , nach welcher du diese Bücher zur Hand nehmen oder auf spätere Tage aufsparen sollst . Dein Ziehvater wird zu den vielen Wohltaten , die er dir erwies , auch noch die fügen , daß er für dich wählt , und du wirst ihm in diesen Dingen eben so folgen , wie du ihm bisher gefolgt hast . « » Gewiß , liebe Mutter , werde ich es tun , gewiß « , sagte Gustav . » Die Bücher sind nicht neue und schön eingebundene , wie du vielleicht erwartest « , fuhr sie fort . » Es sind dieselben Bücher Goethes , in welchen ich in so mancher Nachtstunde und in so mancher Tagesstunde mit Freude und mit Schmerzen gelesen habe , und die mir oft Trost und Ruhe zuzuführen geeignet waren . Es sind meine Bücher Goethes , die ich dir gebe . Ich dachte , sie könnten dir lieber sein , wenn du außer dem Inhalte die Hand deiner Mutter daran fändest , als etwa nur die des Buchbinders und Druckers . « » O lieber , viel lieber , teure Mutter , sind sie mir , « antwortete Gustav , » ich kenne ja die Bücher , die mit dem feinen braunen Leder gebunden sind , die feine Goldverzierung auf dem Rücken haben , und in der Goldverzierung die niedlichen Buchstaben tragen , die Bücher , in denen ich dich so oft habe lesen gesehen , weshalb es auch kam , daß ich dich schon wiederholt um solche Bücher gebeten habe . « » Ich dachte es , daß sie dir lieber sind , « sagte die Frau , » und darum habe ich sie dir gegeben . Da ich aber auch wohl noch gerne für den Überrest meines Lebens ein Wort von diesem merkwürdigen Manne vernehmen möchte , werde ich mir die Bücher neu kaufen , für mich haben die neuen die Bedeutung wie die alten . Du aber nimm die deinigen in Empfang und bringe sie an den Ort , der dir dafür eingeräumt ist . « Gustav küßte ihr die Hand und legte seinen Arm wie in unbeholfener Zärtlichkeit auf die Schulter ihres Gewandes . Er sprach aber kein Wort , sondern ging zu den Büchern , und begann , ihre Schnur zu lösen . Als ihm dies gelungen war , als er die Bücher aus den Umschlagpapieren gelöst und in mehreren geblättert hatte , kam er plötzlich mit einem in der Hand zu uns und sagte : » Aber siehst du , Mutter , da sind manche Zeilen mit einem feinen Bleistifte unterstrichen , und mit demselben feingespitzten Stifte sind Worte an den Rand geschrieben , die von deiner Hand sind . Diese Dinge sind dein Eigentum , sie sind in den neugekauften Büchern nicht enthalten , und ich darf dir dein Eigentum nicht entziehen . « » Ich gebe es dir aber , « antwortete sie , » ich gebe es dir am liebsten , der du jetzt schon von mir entfernt bist , und in Zukunft wahrscheinlich noch viel weiter von mir entfernt leben wirst . Wenn du in den Büchern liesest , so liesest du das Herz des Dichters und das Hetz deiner Mutter , welches , wenn es auch an Werte tief unter dem des Dichters steht , für dich den unvergleichlichen Vorzug hat , daß es dein Mutterherz ist . Wenn ich an Stellen lesen werde , die ich unterstrichen habe , werde ich denken , hier erinnert er sich an seine Mutter , und wenn meine Augen über Blätter gehen werden , auf welche ich Randbemerkungen niedergeschrieben habe , wird mir dein Auge vorschweben , welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzüge von einer vor sich haben wird , die deine beste Freundin auf der Erde ist . So werden die Bücher immer ein Band zwischen uns sein , wo wir uns auch befinden . Deine Schwester Natalie ist bei mir , sie hört öfter als du meine Worte , und ich höre auch oft ihre liebe Stimme und sehe ihr freundliches Angesicht . « » Nein , nein , Mutter , « sagte Gustav , » ich kann die Bücher nicht nehmen , ich beraube dich und Natalie . « » Natalie wird schon etwas anderes bekommen « , antwortete die Mutter . » Daß du mich nicht beraubst , habe ich dir schon erklärt , und es war seit längerer Zeit mein wohldurchdachter Wille , daß ich dir diese Bücher geben werde . « Gustav machte keine Einwendungen mehr . Er nahm ihre Rechte in seine beiden Hände , drückte sie , küßte sie , und ging dann wieder zu den Büchern . Als er alle ausgepackt hatte , holte er einen Diener , und ließ sie durch ihn in seine Wohnung tragen . Nach dem Essen war es im Plane , daß wir uns zerstreuen sollten und jeder sich nach seinem Sinne beschäftige . Ich hatte es während des Vorganges mit den Büchern nicht vermocht , auf das Angesicht Nataliens zu schauen , was etwa in ihr vorgehen möge , und was sich in den Zügen spiegle . Ich mußte mir nur denken , sie werde von dem höchsten Beifalle über die Handlung ihrer Mutter durchdrungen sein . Als wir uns aber von dem Tische erhoben , als wir das stumme Gebet gesprochen und uns wechselweise verneigt hatten , wobei ich meine Augen immer nur auf meinen alten Gastfreund und auf die Frau gerichtet hatte , und als wir uns jetzt anschickten , das Zimmer zu verlassen , und Natalie den Arm Gustavs nahm , und beide Geschwister sich umkehrten , um der Tür zuzugehen , wagte ich es , den Blick zu dem Spiegel zu erheben , in dem ich sie sehen mußte . Ich sah aber fast nichts mehr als die vier ganz gleichen schwarzen Augen sich in dem Spiegel umwenden . Wir traten alle in das Freie . Mein Gastfreund und die Frau begaben sich in eine Wirtschaftstube . Natalie und Gustav gingen in den Garten , er zeigte ihr verschiedenes , das ihm etwa an dem Herzen lag , oder worüber er sich freute , und sie nahm gewiß den Anteil , den die Schwester an den Bestrebungen des Bruders hat , den sie liebt , auch wenn sie die Bestrebung nicht ganz verstehen sollte , und sie , wenn es auf sie allein ankäme , nicht zu den ihrigen machen würde . So tut es ja auch Klotilde mit mir in meiner Eltern Hause . Ich stand an dem Eingange des Hauses und sah den beiden Geschwistern nach , so lange ich sie sehen konnte . Einmal erblickte ich sie , wie sie vorsichtig in ein Gebüsch schauten . Ich dachte mir , er werde ihr ein Vogelnest gezeigt haben , und sie sehe mit Teilnahme auf die winzige befiederte Familie . Ein anderes Mal standen sie bei Blumen und schauten sie an . Endlich sah ich nichts mehr . Das lichte Gewand der Schwester war unter den Bäumen und Gesträuchen verschwunden , manche schimmernde Stellen wurden zuweilen noch sichtbar , und dann nichts mehr . Ich ging hierauf in meine Zimmer . Mir war , als müsse ich dieses Mädchen schon irgendwo gesehen haben ; aber da ich mich bisher viel mehr mit leblosen Gegenständen oder mit Pflanzen beschäftigt hatte als mit Menschen , so hatte ich keine Geschicklichkeit , Menschen zu beurteilen , ich konnte mir die Gesichtszüge derselben nicht zurecht legen , sie mir nicht einprägen und sie nicht vergleichen ; daher konnte ich auch nicht ergründen , wo ich Natalie schon einmal gesehen haben könnte . Ich blieb den ganzen Nachmittag in meiner Wohnung . Als die Hitze des Tages , welcher ganz heiter war , sich ein wenig gemildert hatte , wurde ich aufgefordert , einen Spaziergang mit zu machen . An demselben nahmen mein Gastfreund , Mathilde , Natalie , Gustav und ich Teil . Wir gingen durch eine Strecke des Gartens . Mein Gastfreund , Mathilde und ich bildeten eine Gruppe , da sie mich in ihr Gespräch gezogen hatten , und wir gingen , wo es die Breite des Sandweges zuließ , neben einander . Die andere Gruppe bildeten Natalie und Gustav , und sie gingen eine ziemliche Anzahl Schritte vor uns . Unser Gespräch betraf den Garten und seine verschiedenen Bestandteile , die sich zu einem angenehmen Aufenthalte wohltuend ablösten , es betraf das Haus und manche Verzierungen darin , es erweiterte sich auf die Fluren , auf denen wieder der Segen stand , der den Menschen abermals um ein Jahr weiter helfen sollte , und es ging auf das Land über , auf manche gute Verhältnisse desselben und auf anderes , was der Verbesserung bedürfte . Ich sah den zwei hohen Gestalten nach , die vor uns gingen . Gustav ist mir heute plötzlich als völlig erwachsen erschienen . Ich sah ihn neben der Schwester gehen , und sah , daß er größer sei als sie . Dieser Gedanke drängte sich mir mehrere Male auf . War er aber auch größer , so war ihre Gestalt feiner und ihre Haltung anmutiger . Gustav hatte wie sein Ziehvater nichts auf dem Haupte als die Fülle seiner dichten braunen Locken , und als Natalie den sanft schattenden Strohhut , den sie wie ihre Mutter auf hatte , abgenommen und an den Arm gehängt hatte , so zeigten ihre Locken genau die Farbe wie die Gustavs , und wenn die Geschwister , die sich sehr zu lieben schienen , sehr nahe an einander gingen , so war es von ferne , als sähe man eine einzige braune , glänzende Haarfülle , und als teilen sich nur unten die Gestalten . Wir gingen bei der Pforte hinaus , die gegen den Meierhof führt , gingen aber nicht in den Meierhof , sondern machten einen großen Bogen durch die Felder , und kamen dann schief über den südlichen Abhang des Hügels wieder zu dem Hause hinauf . Da die Täge sehr lang waren , so leuchtete noch die Abendröte , wenn wir von unserem Abendessen , das pünktlich immer zur gleichen Zeit sein mußte , aufstanden . Wir gingen daher heute auch noch nach dem Abendessen in den Garten . Wir gingen zu dem großen Kirschbaume empor . Dort setzten wir uns auf das Bänklein . Mein Gastfreund und Mathilde saßen in der Mitte , so daß ihre Angesichter gegen den Garten hinab gerichtet waren . Links von meinem Gastfreunde saß ich , rechts von der Mutter saß Natalie und Gustav . Die Lüfte dunkelten immer mehr , ein blasser Schein war über die Wipfel des Gartens , der jetzt schwieg , und über das Dach des Hauses gebreitet . Das Gespräch war heiter und ruhig , und die Kinder wendeten oft ihr Angesicht herüber , um an dem Gespräche Anteil zu nehmen und gelegentlich selber ein Wort zu reden . Da sich der eine und der andere Stern an dem Himmel entzündete und in den Tiefen der Gartengesträuche schon die völlige Dunkelheit herrschte , gingen wir in das Haus und in unsere Zimmer . Ich war sehr traurig . Ich legte meinen Strohhut auf den Tisch , legte meinen Rock ab , und sah bei einem der offenen Fenster hinaus . Es war heute nicht wie damals , da ich zum ersten Male in diesem Hause über dem Rosengitter aus dem offenen Fenster in die Nacht hinausgeschaut hatte . Es standen nicht die Wolken am Himmel , die ihn nach Richtungen durchzogen und ihm Gestaltung gaben , sondern es brannte bereits über dem ganzen Gewölbe der einfache und ruhige Sternenhimmel . Es ging kein Duft der Rosen zu meiner Nachtherberge herauf , da sie noch in den Knospen waren , sondern es zog die einsame Luft kaum fühlbar durch die Fenster herein , ich war nicht von dem Verlangen belebt wie damals , das Wesen und die Art meines Gastfreundes zu erforschen , dies lag entweder aufgelöst vor mir , oder war nicht zu lösen . Das einzige war , daß wieder Getreide außerhalb des Sandplatzes vor den Rosen ruhig und unbewegt stand ; aber es war eine andere Gattung , und es war nicht zu erwarten , daß es in der Nacht im Winde sich bewegen und am Morgen , wenn ich die geklärten Augen über die Gegend wendete , vor mir wogen würde . Als die Nacht schon sehr weit vorgerückt war , ging ich von dem Fenster , und obwohl ich jeden Abend gewohnt war , ehe ich mich zur Ruhe begab , zu meinem Schöpfer zu beten , so kniete ich doch jetzt vor dem einfachen Tischlein hin und tat ein heißes , inbrünstiges Gebet zu Gott , dem ich alles und jedes , besonders mein Sein und mein Schicksal und das Schicksal der Meinigen , anheim stellte . Dann entkleidete ich mich , schloß die Schlösser meiner Zimmer ab , und begab mich zur Ruhe . Als ich schon zum Entschlummern war , kam mir der Gedanke , ich wolle nach Mathilden und ihren Verhältnissen eben so wenig eine Frage tun , als ich sie nach meinem Gastfreunde getan habe . Ich erwachte sehr zeitig ; aber nach der Natur jener Jahreszeit war es schon ganz licht , ein blauer , wolkenloser Himmel wölbte sich über die Hügel , das Getreide unter meinen Füßen wogte wirklich nicht , sondern es stand unbewegt mit starkem Taue wie mit feurigen Funken angetan in der aufgehenden Sonne da . Ich kleidete mich an , richtete meine Gedanken zu Gott , und setzte mich zu meiner Arbeit . Nach geraumer Zeit hörte ich durch meine Fenster , welche ich bei weiter fortschreitendem Morgen geöffnet hatte , daß auch am äußersten Ende des Hauses gegen Osten Fenster erklangen , welche geöffnet wurden . In jener Gegend wohnten die Frauen in den schönen , nach weiblicher Art eingerichteten Gemächern . Ich ging zu meinem Fenster , schaute hinaus , und sah wirklich , daß alle Fensterflügel an jenem Teile des Hauses offen standen . Nach einer Zeit , da es bereits zur Stunde des Frühmahles ging , hörte ich weibliche Schritte an meiner Tür vorüber der Marmortreppe zugehen , welche mit einem weichen Teppiche belegt war . Ich hatte auch , obwohl sie gedämpft war , wahrscheinlich , um mich nicht zu stören , Gustavs Stimme erkannt . Ich ging nach einer kleinen Weile auch über die Marmortreppe an dem Marmorbilde der Muse vorüber in das Speisezimmer hinunter . Der Tag verging ungefähr wie der vorige , und so verflossen nach und nach mehrere . Die Ordnung des Hauses war durch die Ankunft der Frauen fast gar nicht gestört worden , nur daß solche Vorrichtungen vorgenommen werden mußten , welche die Aufmerksamkeit für die Frauen verlangte . Die Unterrichts- und Lernstunden Gustavs wurden eingehalten wie früher , und ebenso ging die Beschäftigung meines Gastfreundes ihren Gang . Mathilde beteiligte sich nach Frauenart an dem Hauswesen . Sie sah auf das , was ihren Sohn betraf , und auf alles , was das häusliche Wohl des alten Mannes anging . Sie wurde gar nicht selten in der Küche gesehen , wie sie mitten unter den Mägden stand und an den Arbeiten Teil nahm , die da vorfielen . Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer , in den Keller oder an andere Orte , die wichtig waren . Sie sorgte für die Dinge , welche den Dienstleuten gehörten , in so ferne sie sich auf ihre Nahrung bezogen oder auf ihre Wohnung oder auf ihre Kleider und Schlafstellen . Sie legte das Linnen , die Kleider und anderes Eigentum des alten Herrn und ihres Sohnes zurecht , und bewirkte , daß , wo Verbesserungen notwendig waren , dieselben eintreten könnten . Unter diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem Hause und betrachtete gleichsam wehmütig die Rosen , die an der Wand des Hauses empor wuchsen . Natalie brachte viele Zeit mit Gustav zu . Die Geschwister mußten sich außerordentlich lieben . Er zeigte ihr alle seine Bücher , namentlich , die neu zu den alten hinzu gekommen waren , er erklärte ihr , was er jetzt lerne , und suchte sie in dasselbe einzuweihen , wenn sie es auch schon wußte und früher die nämlichen Wege gegangen war . Wenn es die Umstände mit sich brachten , schweiften sie in dem Garten herum und freuten sich all des Lebens , was in demselben war , und freuten sich des gegenseitigen Lebens , das sich an einander schmiegte , und dessen sie sich kaum als eines gesonderten bewußt wurden . Die Zeit , welche alle frei hatten , brachten wir häufig gemeinschaftlich mit einander zu . Wir gingen in den Garten , oder saßen unter einem schattigen Baume , oder machten einen Spaziergang , oder waren in dem Meierhofe . Ich vermochte nicht , in die Gespräche so einzugehen , wie ich es mit meinem Gastfreunde allein tat , und wenn auch Mathilde recht freundlich mit mir sprach , so wurde ich fast immer noch stummer . Die Rosen fingen an , sich stets mehr zu entwickeln , sehr viele waren bereits aufgeblüht , und stündlich öffneten andere den sanften Kelch . Wir gingen sehr oft hinaus und betrachteten die Zierde , und es mußte manchmal eine Leiter herbei , um irgend etwas Störendes oder Unvollkommenes zu entfernen . Die Mittage waren lieb und angenehm . Auch das , daß Mathilde und Natalie so fein und passend , wenn auch einfach angezogen waren , wie ich es von meiner Mutter und Schwester gewohnt war , gab dem Mahle einen gewissen Glanz , den ich früher vermißt hatte . Die Vorhänge waren gegen die unmittelbare Sonne jederzeit zu , und es war eine gebrochene und sanfte Helle in dem Zimmer