stand wie gebannt . Es wird der Engel sein , der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchstaben , auf daß man sie erkenne , wann der Geist dereinst ihr Gebein anbläst , daß sie wieder leben und auf den Füßen stehen und ein Heer sind wie ehedem ; so dachte er nach dem Bild des Propheten , bekreuzte sich und schwieg . Die Gestalt verschwand aus seinen Augen . Der Morgen graute , da kamen viel Männer vom Heerbann , die Mönche abzulösen . Die Herzogin sandte sie . Herr Simon Bardo war zwar nicht einverstanden . » Sieg ist nur halber Sieg , so er nicht benutzt wird , wir müssen den Fliehenden nachrücken , bis der Letzte von ihnen getilgt ist « , hatte er gesagt . Aber die Mönche drangen auf Rückkehr , der Ostertage wegen , und die andern sprachen : » Bis wir die mit ihren schnellen Rossen einholen , mögen wir weit ziehen , sie sind gekommen , wir haben sie gehauen , kommen sie wieder , sind neue Hiebe vorrätig - die Arbeit von gestern ist ihrer Ruhe wert . « Da ward beschlossen , die Toten zu begraben vor Anbruch des Osterfestes . Die Männer trugen Karst und Spaten und schaufelten zwei große Gräber . Es war eine verlassene Kiesgrube seitwärts im Feld , die weiteten sie aus zu geräumigem Ruheplatz . Dorthin trugen sie der Hunnen Leichname . Waffen und Rüstung wurden abgetan und gesammelt , viel Traglasten von Beutestücken . Und sie warfen die Toten in die Grube , sonder Rücksicht , wie sie gebracht wurden - es war ein wild verschlungener Knäuel von Gliedmaßen , Roß und Menschen durcheinander verstrickt , ein Gewühl wie beim Höllensturz der abtrünnigen Engel . Die Tiefe füllte sich . Einer der Schaufelnden kam und brachte ein einzeln Haupt ; grimmig schaute es drein , mit so zerspellter Stirn . » Es wird auch zu den Heiden gehören und mag seinen Rumpf suchen ! « rief er und schleuderte es zu den Leichen . Wie das ganze Feld abgesucht und kein hunnischer Mann mehr zu finden war , scharrten sie die Grube zu ; es war ein Begräbnis ohne Sang und Klang - nur etliche Flüche tönten als Nachruf hinab und Raben und Raubvögel krächzten heiser drein ; die in den Felsspalten des hohen Krähen nisteten , waren herübergeflogen , und die im Tannwald horsteten , auch Moengals Habicht war dabei , sie wollten Einsprache erheben , daß die Beerdigung sie verkürze . Dumpf dröhnten die Erdschollen und Kieselgesteine in das weite Grab . Dann kam der Diakon von Singen mit dem Kessel geweihten Wassers , den Geviertraum schritt er auf und nieder und besprengte ihn zur Bannung der Dämonen und Niederhaltung der fremden Toten in der fremden Erde . Ein verwittert Felsstück war vorzeiten vom Hohentwieler Berg abgelöst zu Tal gestürzt , das wälzten sie aufs Hunnengrab , dann wandten sie sich schauernd von der Stätte und richteten das zweite Grab . Das sollte die gebliebenen Söhne des Landes empfangen . Für die Erschlagenen geistlichen Standes war die Klosterkirche auf Reichenau zum Ruheplatz bestimmt . Zur selben Stunde , in der gestrigen Tags der Kampf begonnen , stieg ein düsterer Zug vom hohen Twiel hernieder . Es waren die Männer , so die Schlacht geschlagen . In derselben Ordnung rückten sie an , aber ihr Schritt war langsam und ihre Banner trauerfarben . Auf den Zinnen der Burg war die schwarze Fahne aufgezogen . Auch die Herzogin ritt mit hernieder , streng und ernst kleidete sie der dunkle Mantel . Die toten Mönche trugen sie auf Bahren herzu und stellten sie zu seiten des großen Grabes ab , auf daß auch sie teilnähmen an der letzten Ehre der Kampfgenossen . Wie die Litanei verklungen , trat der Abt Wazmann ans offene Grab , er rief den sechsundneunzig , die blaß und still drin geschichtet lagen , den letzten Gruß und Dank der Überlebenden hinab : » Ihr Gedächtnis sei gesegnet und ihr Gebein grüne an seinem Ort ! Ihr Name bleibe in Ewigkeit und die Ehre der heiligen Männer komme auf ihre Kinder ! « so sprach er mit den Worten des Predigers , dann tat er den ersten Erdwurf hinunter , die Herzogin nach ihm , dann die andern der Reihe nach . Drauf feierliche Stille . Vom Grab der Brüder hinweg wollten die , so gestern vereint gestritten , auseinandergehen ; manch hartes Antlitz ward gerührt , Kuß und Handschlag gewechselt , dann zogen zuerst die von der reichen Au nach ihrem Kloster . Die Bahren ihrer Toten wurden mit ihnen getragen , Brüder mit brennenden Kerzen schritten psalmsingend zur Seite , auch des Alten aus der Heidenhöhle kampfmüden Leichnam führten sie mit sich , gesenkten Hauptes ging das Streitroß des ungekannten Kriegsmannes , mit schwarzem Tuch umhangen , im Zug - es war ein düstrer Anblick , wie das Totengeleite mählich ins Waldesdunkel einbog . Dann nahmen die vom Heerbann Abschied von der Herzogin . Der dürre Fridinger , den Arm in der Binde , führte eine Schar landabwärts , nur der von Randegg mit etlichen Leuten sollte als Besatzung des hohen Twiel zurückbleiben . Bewegt schaute Frau Hadwig den Abziehenden nach . Dann ritt sie langsam übers Schlachtfeld . Sie war gestern auf dem Turm der Burg gestanden und gespannten Auges dem Toben des Kampfes gefolgt . Itzt mußte ihr Herr Spazzo noch vieles erklären . Dem kam ' s auf etliche Übertreibungen nicht an , aber sie war ' s zufrieden . Mit Ekkehard sprach sie nicht . ... Wie auch sie heimgeritten , war ' s wieder still und öde auf dem Plan , als wär ' nichts geschehen . Nur hufzerstampftes Gras , feucht rötliche Erde und die zwei großen Gräber gaben Zeugnis von der Ernte , die der Tod hier gehalten . Hat nicht lange gedauert , so ist das Blut aufgetrocknet und das Gras neu gewachsen , über die Hügel der Toten hat sich Moos gesponnen und Gestrüpp , Vögel und Wind haben Samenkorn hingetragen und Busch und Bäume sind üppig aufgesprießt - wo Tote so liegen , gedeiht der Pflanzen Wuchs . - Aber unverwischt lebt die Kunde von der Hunnenschlacht in den nachgeborenen Geschlechtern189 , den » Heidenbuck « heißt der Mann im Hegau den Hügel , den der Felsblock als Grabplatte deckt , und in der Nacht vom Karfreitag geht keiner dort durchs Tal . Da gehört Erde und Luft den Toten ; sie steigen aus dem alten Grab , hier schwärmen die kleinen Rosse wieder , dort rücken im Keil die Streiter zu Fuß an , und der Harnisch blitzt unter verwittertem Mönchsgewand , Waffengelärm und wilder Kampfruf weht durch den Sturm , tosend schwingt sich die Geisterschlacht durch die Lüfte ; da kommt plötzlich von der Insel im See einer dreingesaust im güldenen Harnisch auf schwarzem Roß , der jagt sie hinunter in kühle Ruhe - noch will sich der Hunnenführer gegen ihn wehren und schwingt zürnend sein krummes Schwert , da fährt ihm der Streithammer aufs Haupt , auch er muß hinab ... und alles ist still wie zuvor , nur der Birke junges Laub zittert im Winde ... Ostersonntag ging trüb und ernst vorbei . Des Abends sah Frau Hadwig im Saal mit Ekkehard , Herrn Spazzo , dem Kämmerer , und dem von Randegg . Es ist zu denken , was sie sprachen . Die große Geschichte der letzten Tage klang in aller Reden wider gleich dem Schall am Lurleifelsen : hat er an der einen Wand ausgehallt , so hebt sich ein dumpfes Rollen an der benachbarten , und in ferner Schlucht wiederholt sich ' s und will nirgend ein Ende nehmen . Der Abt von der Reichenau hatte einen Boten geschickt , zu vermelden , wie sie das Kloster in mäßiger Verwüstung , doch vom Feuer unzerstört , angetroffen , mit geweihtem Wasser und Umtragung der heiligen Gebeine die hunnischen Spuren getilgt , die Beisetzung ihrer Toten abgehalten . » Und der zurückgebliebene Bruder ? « fragte die Herzogin . » An dem hat Gott der Herr erwiesen , daß seine Allmacht inmitten von Krieg und Feindesschwert auch einfältiger Gemüter nicht vergißt . An der Schwelle stand er bei unserer Rückkunft , als wär ' ihm nichts begegnet . Wie haben dir die Hunnen gefallen ? rief ihm einer zu . Da sprach er mit dem wohlbekannten Lächeln : Eia , sehr gut haben sie mir gefallen . Niemals hab ' ich vergnügtere Leute gesehen , und Speise und Trank messen sie ganz menschenfreundlich zu - der Pater Kellermeister hat zeitlebens meinen Durst Durst sein lassen , die gaben mir Wein die Hülle und Fülle - und wenn sie mich auch mit Faustschlag und Backenstreich geschädigt , so haben sie ' s mit dem Wein wieder gutgemacht - und das tät ' keiner von euch . Nur die Disziplin fehlt ihnen , und sich still verhalten in der Kirche haben sie auch nicht ganz gelernt ... Er wisse noch manches zum Preis der fremden Gäste , hat Heribald weiter gesprochen , aber nur im Beichtstuhl werd ' er ' s offenbaren ... « Frau Hadwig war noch nicht zur Heiterkeit gestimmt . Gnädig entließ sie den Boten . Sie gab ihm das geringelte Panzerhemd und den Schild des erschlagenen Hunnenführers mit , auf daß es in der Klosterkirche aufgehängt werde als ewiges Wahrzeichen . Das Schiedsrichteramt bei Verteilung der Beute war ihr zugewiesen . Herr Spazzo , dessen Zunge seither nicht müßig war , seine Kriegstaten zu rühmen - und die Zahl der von ihm Erschlagenen wuchs mit jeder neuen Erzählung gleich einer Lawine - sprach würdig : » Ich habe auch noch ein Beutestück - einzuliefern , es ist meiner gnädigen Herrin bestimmt . « Er schritt hinab zu den untern Kammern , dort lag Cappan , sein Gefangener , auf dem Stroh , seine Wunde war verbunden und nicht gefährlich . » Steh auf , Sohn des Teufels ! « rief Herr Spazzo und gab ihm einen unsanften Stoß . Der Hunn ' erhob sich und schnitt ein zweifelhaft Gesicht , er schätzte seine Lebensdauer auf keine allzulange Zeit mehr ; an einem Krückenstock hinkte er durch die Stube . » Vorwärts ! « deutete ihm Herr Spazzo und führte ihn hinauf . Er marschierte in den Saal ein . » Halt ! « rief Herr Spazzo . Da stand der Unglückliche still und ließ verwundert seine Augen Umschau halten . Teilnehmend besah Frau Hadwig das fremde Menschenkind . Auch Praxedis war herbeigekommen : » Schön ist Euer Beutestück nicht « , hatte sie zu Herrn Spazzo gesagt , » aber merkwürdig . « Die Herzogin faltete ihre Hände : - » Und vor dieser Nation hat das deutsche Land gezittert ! « sprach sie . » Die Menge schuf den Schreck und ihr Zusammenhalten « , sagte der von Randegg , » sie werden nimmer wiederkommen . « » Seid Ihr des so gewiß ? « sagte sie spitzig . Der Hunn ' verstand nicht viel vom Gespräch . Sein wunder Fuß schmerzte , er wagte nicht , sich niederzulassen . Praxedis sprach ihn griechisch an , er schwieg scheu und schüttelte sein Haupt . Sie begann durch Zeichen und Winke ein Verständnis anzuknüpfen - er ließ sich nicht darauf ein . » Erlaubet « , sprach sie zur Herzogin , » ich weiß doch ein Mittel , ihm ein Lebenszeichen abzugewinnen , in Konstantinopel hab ' ich davon erzählen gehört . « Sie huschte aus dem Saal und erschien wieder , einen Becher tragend , spöttisch kredenzte sie den dem stummen Gefangenen . Es war ein stark Wasser , gebrannt aus Kirschen und Steinobst ; der selige Burgkaplan Vincentius hatte manch solches Essenzlein bereitet . Da verklärte sich des Hunnen Antlitz , die stumpfe Nase sog den Duft ein , er leerte den Becher , als ob er ' s für einen Friedenstrunk ansehe , die Arme über die Brust gekreuzt , warf er sich vor Praxedis nieder und küßte ihren Schuh . Sie gab ihm ein Zeichen , daß die Huldigung der Herzogin gebühre , da wollte er auch dort seinen Dank wiederholen , Frau Hadwig aber wich zurück und winkte dem Kämmerer , daß er seinen Mann abführe . » Ihr habt närrische Einfälle « , sprach sie zu Herrn Spazzo , wie er zurückkehrte , - » doch war ' s artig , daß Ihr in währendem Streite meiner gedachtet . « Ekkehard saß währenddem stumm am Fenster und schaute ins Land hinaus . Herrn Spazzos Art verdroß ihn . Auch Praxedis hatte ihm weh getan . Uns zu demütigen , dachte er , hat der Herr die Kinder der Wüste herübergesandt , - eine Mahnung zu lernen und in sich zu gehen und auf den Trümmern des Vergänglichen dem sich zuzuwenden , was mit dem Hauch des Ewigen gefeit ist ; - noch liegt die Erde frisch auf dem Grab der Gefallenen , und schon treibt das Völklein wieder seine Späße , als wär ' alles nur Schaum und Traum gewesen ... Praxedis war zu ihm herangetreten . » Warum habt Ihr uns nicht auch ein Angedenken aus der Schlacht mitgebracht , Professor ? « sprach sie leicht . » Es soll eine sonderbare hunnische Amazone drin herumgetobt haben , so Ihr die gefangen , hätten wir jetzt ein Pärlein . « » Ekkehard hat an Höheres zu denken als an hunnische Frauen « , sprach die Herzogin in bitterm Ton , » und er weiß zu schweigen wie einer , der ein Gelübde getan . Was brauchen wir zu erfahren , wie es ihm in der Schlacht erging ? « Die schneidige Rede kränkte den Ernsten . - Scherz zu unrechter Zeit wirkt wie Essig auf Honigseim . Er ging schweigend hinaus , holte Herrn Burkhards Schwert , entblößte es seiner Scheide und warf ' s unwillig auf den Tisch vor Frau Hadwig . Frischrote Flecken glänzten feucht auf der braven Klinge und junge Scharten waren in den Rand gehauen . » Ob der Schulmeister müßig ging « , sprach er , » mag der da bezeugen ! ich hab ' meine Zunge nicht zum Herold meiner Tat ernannt . « Die Herzogin war betroffen . Sie trug noch einen Mißmut auf dem Herzen , es zuckte und drängte , ihm zürnend Luft zu schaffen - aber das Schwert Herrn Burkhards weckte mannigfache Gedanken , sie hielt den Groll an sich und reichte Ekkehard die Hand . » Ich wollt ' Euch nicht kränken « , sprach sie . Die Milde der Stimme klang ihm vorwurfsvoll , er zögerte , die dargebotene Rechte zu ergreifen . Schier hätt ' er um Verzeihung gebeten für seine Rauheit , aber das Wort stockte ihm ; - da ging die Türe des Saales auf , es ward ihm alles Weitere erspart . Hadumoth , das Hirtenkind , trat ein . Schüchtern stand sie am Eingang , übernächtig und verweint das Antlitz ; sie getraute sich nicht zu reden . » Was hast du , arm Kind ? « rief Frau Hadwig . » Komm näher ! « Da ging die Hirtin vorwärts . Sie küßte der Herzogin Hand . Dann ersah sie Ekkehard , dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflößte , sie nahte sich auch ihm , seine Hand zu küssen , sie wollte reden , Schluchzen hemmte die Stimme . » Fürcht ' dich nicht « , sprach die Herzogin tröstend . Da fand sie Worte . » Ich kann die Gänse nimmer hüten « , sprach sie , » ich muß fortgehen . Du sollst mir ein Goldstück schenken , so groß du eines hast . Wenn ich wieder heimkomm ' will ich zeitlebens dafür schaffen . Ich kann nichts dafür , daß ich fort muß . « » Warum willst du fort , Kind ? « fragte die Herzogin , - » haben sie dir was Leides getan ? « » Er ist nicht mehr heimgekommen . « » Es sind viele nicht mehr heimgekommen ; darum mußt du nicht fort . Die draußen blieben , sind bei Gott im Himmel und sind in einem schönen lustigen Garten und wohlauf und haben ' s besser denn wir . « Aber das Hirtenkind schüttelte sein junges Haupt . » Audifax ist nicht bei Gott « , sprach ' s , » er ist bei den Hunnen . Ich hab ' nach ihm geschaut drunten im Feld , er war nicht bei den toten Männern , und des Kohlenbrenners Bub ' von Hohenstoffeln , der auch mit den Schützen zog , hat ' s gesehen , wie ihn einer fing ... Ich muß ihn dort holen , es läßt mir keine Ruh ' mehr . « » Wo willst du ihn holen ? « » Das weiß ich nicht . Ich will gehen , wo die andern hingeritten sind , die Welt ist groß , am Ende find ' ich ihn doch , das weiß ich . Das Goldstück , das du mir schenken sollst , will ich den Hunnen geben und sagen : Laßt mir den Audifax frei ; und wenn ich ihn hab ' , kommen wir beide heim . « Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Außerordentlichen . » Von diesem Kind mögen wir alle lernen ! « sprach sie , hob die scheue Hadumoth zu sich empor und küßte sie auf die Stirn . » Mit dir ist Gott , darum sind deine Gedanken groß und kühn und du weißt nicht darum . Wer hat ein Goldstück von euch bei der Hand ? « Der von Randegg nestelte eines herfür . ' s war ein großer Goldtaler , und war der Kaiser Karl daraufgeprägt mit einem grimmen Antlitz und groß offenen Schlitzaugen , und auf der Rückseite war ein gekrönt Frauenbild zu schauen und eine Schrift . » ' s ist mein letzter ! « sprach der Randegger lachend zu Praxedis . Die Herzogin gab ihn dem Kind : » Zeuch aus im Herrn , es ist eine Fügung . « Es ward ihnen feierlich zumute , und Ekkehard legte seine Hände auf Hadumoths Haupt wie zum Segen . » Ich dank ' euch ! « sprach sie und wollte gehen . Noch einmal wandte sie sich um : » Wenn sie mir aber den Audifax für das eine Goldstück nicht herausgeben ? « » Dann schenk ' ich dir ein zweites « , sagte die Herzogin . Da ging das Kind zuversichtlich von dannen . Und Hadumoth zog in die unbekannte Welt hinaus , das Goldstück ins Mieder eingenäht , die Hirtentasche mit Brot gefüllt ; - den Stab hatte ihr Audifax einst aus , dunkelgrüner Stechpalme geschnitzt . Ob Weg und Steg ihr unbekannt , ob Speise und Obdach zweifelhaft , darum hatte sie nicht Zeit sich zu kümmern . Die Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen , das war ihr einzig Denken , der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser , Audifax ihr Ziel . Mählich ward ihr die Gegend fremd . Ferner und schmäler glänzte der Bodensee vor ihrem Blick , neue Bergrücken schoben sich vor und verdeckten ihr die gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens : da schaute sie etliche Male zurück . Noch einmal luegte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und Zinnen zu ihr herüber , von blauem Duft umzogen , dann schwand sie . Ein unbekanntes Tal tat sich auf , weite schwarze Tannwälder zogen sich drüber hin , niedere Hütten mit tief herabhangenden Strohdächern lagen versteckt im Waldesdunkel - unverzagt ging Hadumoth weiter und winkte den Hegauer Bergen den letzten Gruß zu . Wie die Sonne jenseits der Wälder zur Ruhe gegangen war , hielt sie eine Weile : » Jetzt läuten sie zu Hause den Abendsegen « , sprach sie , » ich will beten . « Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete , erst für Audifax , dann für die Herzogin , dann für sich - und alles war still ringsum . Sie hörte nur ihr eigen pochend Herz . » Wie wird ' s meinen Gänsen ergehen ? « dachte sie beim Aufstehen ; » jetzt ist die Stunde , sie einzutreiben . « Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele , an dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren , und sie ging schneller . In den Meierhöfen im Tal rührte sich niemand . Nur vor einer Strohdachhütte saß ein altes Weib . » Du sollst mich heut nacht bei dir behalten , Großmutter « , sprach Hadumoth zutraulich . Die gab ihr keine Antwort , doch ein Zeichen , daß sie bleiben könne . Sie war taub und alleine zurückgeblieben , die Männer fort ins höhere Gebirg ' , der Hunnen wegen . Aber vor Tagesgrauen war Hadumoth wieder unterwegs . Und sie ging durch lange , lange Wälder , drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das erste lautlose Weben des Frühlings im Walde , die ersten Blumen streckten ihre Häupter aus dem Moos herfür , die ersten Käfer flogen leise summend drüber , und ein Harzgeruch , kräftig und anmutend , zog wehend herum , als wär ' er ein Weihrauch , den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank für alles , was sie zu ihren Füßen lustig hervorgetrieben . Der Hirtin gefiel ' s nicht . » Hier ist ' s zu schön « , sprach sie , » hier können die Hunnen nicht sein . « Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg ' abwärts und kam auf einen Platz , da war der Wald licht und weite Umschau . Tief unten in der Ferne floß der Rhein gekrümmt gleich einer Schlange , eingeklemmt zwischen doppelter Strömung trug eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster , der Hirtin scharfes Aug ' sah , daß das Mauerwerk geschwärzt und fleckig war und kein Dach mehr trug . Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drüber . » Wie ist ' s hier geheißen ? « fragte sie einen Mann , der aus dem Walde kam . » Schwarzwald ! « sagte der Mann . » Und drüben ? « » Rheinau . « » Die Hunnen sind drüben gewesen ? « » Vorgestern . « » Wo jetzt ? « Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind scharf an . Er deutete rheinabwärts . » Warum ? « fragte er . » Ich will zu ihnen . « - Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter . » Heiliger Fintan , bitt ' für uns ! « murmelte er im Fortgehen . Und wiederum schritt Hadumoth unverdrossen weiter . Sie hatte von der Höhe erschaut , daß der Rhein in großem Bogen vorwärts strömte ; da ging sie quer über das Gebirg ' , den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen , und war zwei Tage unterwegs , die Nacht im Walde auf Moos gebettet , und schier keinem Menschen begegnet . Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewässer und alte Stämme , die der Sturmwind gefällt ; am Platze , wo sie sonst ihre Wipfel hoch gen Himmel gereckt , faulten sie und leuchteten grauweiß unheimlich im Dunkel . Sie ließ den Mut nicht . Das Gebirg ' ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab , da strich oft rauher Luftzug drüber und Schnee lag in den Talmulden : sie ging weiter . Das letzte Stück Brot war verzehrt , da kam sie auf einen Bergrücken und sah wieder den Rhein in der Ferne . Jetzt wollte sie dem entgegen ; aber wie ein Riß im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des Berges auf , ein Waldstrom schäumte in der Tiefe . Junger Schuß von Stauden und Brombeer und dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt ; sie bahnte sich einen Weg durch . Es kostete Mühe und Schweiß , die Sonne stand hoch am Himmel , die Dornen rissen am Gewand . Wenn der Fuß unwillig still stehen wollte , sprach sie : » Audifax ! « und hob ihn vorwärts . Jetzt war sie unten , zu Füßen dunkler Felswände . Das Wildwasser hatte sich Bahn durch sie gebrochen und stürzte in klarem Fall drüber weg ; die verwitterten Steine glänzten im Wasserduft , rötliches Moos hatte sich dran festgenistet wie eine Vergoldung ; die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drüber hin , bis sie wenig Schritte davon in tiefgrün durchsichtigem Becken still hielt und ausruhte , wie ein müder Mann , der sich und seines Lebens Tollheiten klar beschauen will . Üppige Pflanzen mit großen Blättern sprießten auf ; der Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin . Blaugeflügelte Libellen flogen auf und ab , als wären sie die Geister verstorbener Elfen . Träumerisch hallte das einsame Stürzen des Bachs ins Herz des hungernden Kindes . Mit dem Bach sollte sie weitergehen hinab zum Rhein . Alles war verwachsen , wie wenn nie ein Mensch seinen Fuß hieher getragen ... da lachte ein trocken grünes Plätzlein zu Hadumoth herüber , sie legte sich nieder . Es rauschte so kühl und lang ' , es rauschte sie in Schlummer . Den rechten Arm ausgestreckt , daß das Haupt drauf ruhte , lag sie da , Lächeln auf dem müden Antlitz . Sie träumte . Von wem ? - die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert ... Ein leichter Wasserguß aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum . Wie sie langsam die Augen aufschlug , stund ein Mann vor ihr mit langem Bart , in grobzwilchenem TschobenA1 , die Füße nackt bis übers Knie . Angelruten , Netz und ein hölzern Legel , drin blaugetupfte Forellen schwammen , lagen im Grase bei ihm . Er hatte die Schläferin lang ' betrachtet . Zweifelhaft , ob sie ein Menschenkind , ging er , Wasser zu schöpfen , und weckte sie . » Wo bin ich ? « fragte Hadumoth sonder Furcht . » Am Wieladinger Strahl ! « sprach der Fischer . » Das Wasser ist die Murg und hat gute Forellen und geht in den Rhein . Wie kommst aber du auf den Wald , Mägdlein ? bist vom Himmel heruntergefallen ? « » Ich komm ' weither ; bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und steil aus der Ebene auf und steht ein jeder für sich , - und die Forellen schwimmen im See und sind größer : Hegau heißen ' s die Leute . « Der Fischer schüttelte das Haupt . » Das muß weit weg sein « , sprach er . » Wohin jetzt ? « » Wo die Hunnen sind « , sagte Hadumoth und erzählte ihm treuherzig , warum sie ausgezogen und wen sie suche . Da schüttelte der Fischer sein Haupt noch stärker denn zuvor . » Beim Leben meiner Mutter ! « sprach er , » das ist ein böser Gang ! « Aber Hadumoth faltete die Hände und sagte : » Fischer , du mußt mir den Weg zeigen , wo sie sind . « Da ward der Bärtige weich . » Wenn ' s sein muß « , brummte er , » gar fern sind sie nicht . Komm mit ! « Er packte sein Fischgerät zusammen und ging mit der Hirtin dem Lauf des Waldbachs entlang . Wenn Baum und Busch zu dicht die Ufer sperrten oder Felsblöcke aufgetürmt lagen , hub er das Mägdlein auf den Arm und schritt durchs schäumende Wasser . Dann ließen sie die Talschlucht zur Rechten . Sie standen auf einem der Vorberge , die sich zum Rhein hinuntersenken . » Schau hin , Kind « , sprach er und deutete über den Rhein hinüber , wo ein flach abgeschnittener Gebirgszug sich streckte : » dort geht ' s ins Fricktal hinein , zum Bötzberg hin . Dort steht ihr Lager geschlagen . Gestern ist das Laufenburger Kastell ausgeflammt worden ... Aber weiter sollen uns die Mordbrenner nimmer traben « , fuhr er grimmig fort . Sie gingen noch eine Weile , da hielt Hadumoths Geleitsmann an einem felsigen Vorsprung . » Warte ! « sprach er zu ihr . Er schleppte etliche Stämme dürres Tannenholz zusammen und schichtete sie auf , Reisig und Kienspäne reichlich dazwischen , doch ließ er ' s unangezündet . Das gleiche tat er an andern Plätzen . Hadumoth sah ihm zu ; sie wußte nicht , warum er ' s tat . Dann stiegen sie zu den Ufern des Rheins hinunter . » Ist ' s dein Ernst mit den Hunnen ? « frug er noch einmal . » Ja ! « sprach Hadumoth . Da löste er einen im Gebüsch verborgenen Kahn und fuhr sie über . Am andern Ufer war ' s waldig ; er ging ein Stück einwärts und schaute sorgfältig um . Auch dort lag ein Holzstoß geschichtet und Kienfackeln dabei , von grünen Zweigen verdeckt . Er nickte zufrieden und kam zu Hadumoth : » Weiter geh ' ich nicht mit , dort ist Fricktal und Hunnenlager . Mach ' , daß sie deinen Buben herausgeben , eher heut als morgen , ' s könnt ' sonst zu spät werden . Behüet ' dich Gott ! du bist ein tapfer Kind . « » Ich dank ' dir « , sprach Hadumoth und drückte seine schwielige Hand . » Warum gehst du nicht mit ? « » Ich komm ' später ! « sagte der Fischer mit bedeutsamem Ton und stieg in seinen Kahn . Am Eingang zum Tal war der Hunnen Lager geschlagen , wenig Gezelte und etliche große Hütten aus Buschwerk und Stroh , in Blockhäusern von Tannstämmen die Pferde . Es lehnte sich im Rücken an einen Berg , nach vorn war ein Graben gezogen als Schutzwehr und mit Verhack , Pfählen und dazwischen geworfenen Felsblöcken nach Art des