Richter ! « sagte Friedrich mit fester Stimme , so daß alle einander betroffen ansahen und dann mit Abscheu auf den jungen Menschen blickten , der mit einem so unerhörten Tone seine Schuld bekannte . Die Freudigkeit , die aus seiner Stimme klang , wurde von diesen Männern , die in den herkömmlichen Bräuchen und Sitten aufgewachsen waren , als eine schamlose Frechheit angesehen . » Hat Er keinen Verdacht « , fuhr der Pfarrer fort , » daß sie vielleicht noch mit andern Burschen zugehalten hat ? « » Nein , Herr Pfarrer , das hat meine Christine nicht getan . « » Seine Christine ! « sagte Friedrichs Vormund unwillig und höhnisch zum Heiligenpfleger . » Sie gibt an « , fuhr der Pfarrer fort , » Er habe ihr die Ehe versprochen . Ist das wahr ? « » Ja , Herr Pfarrer , und mit heiligen Eiden . « » Saubere Eide ! « sagte der Pfarrer und las aus dem vor ihm liegenden Protokoll : » Er habe ihr die Ehe mit vielen Verpflichtungen versprochen ; wenn er sie nicht behalte , so solle das erste Nachtmal ihm das Herz abstoßen . Ist dem so ? « » Ja , Herr Pfarrer , akkurat so hab ich gesagt « , antwortete Friedrich ganz vergnügt , daß Christine durch diese Aussage seine redliche Absicht so klar dargelegt hatte . » Er Gotteslästerer ! « fuhr der Pfarrer auf , » heißt das ein heiliger Eid , wenn man den Namen Gottes oder seines heiligen Sakramentes so unnütz und ruchlos führt ? Ich muß es dem Herrn Amtmann anheimgeben , ob er es nicht seines Amtes hält , gegen diesen offenbaren Frevel vorzufahren . « » Für Sein Fluchen und Schwören « , nahm der Amtmann , gegen Friedrich gewendet , das Wort , » ist Ihm hiemit ein Pfund Heller angesetzt , unangesehen der andern Strafe , die Ihn für sein Vergehen trifft . « Der Pfarrer beeilte sich , den Strafsatz ins Protokoll einzutragen und dem Heiligenpfleger aufzugeben , daß er das Geld von dem Kontravenienten richtig einziehe . » Ich muß es leiden « , sagte Friedrich gelassen , » aber mein Herz hat nichts Böses dabei gedacht , ich hab nicht fluchen und nicht schwören wollen , sondern bloß ein recht festes Versprechen ablegen . « » Das tut man nicht in so ruchlosen Ausdrücken , die Gott betrüben müssen « , versetzte der Pfarrer . » Wie kannst du , Lump « , fuhr jetzt sein Vormund gegen ihn auf , » wie kannst du ein Versprechen geben und ein Ehverlöbnis eingehen ohne Einwilligung deines Vaters , da du doch minderjährig bist ? « » Das wird sich auch bei der Strafe finden , Herr Senator « , bemerkte der Amtmann . » Wenn sponsalia clandestina gewesen sind oder ein minderjähriger Bursche sich vor erlangter Dispensation verlobt , so ist laut Resolution vom « - er blätterte eine Weile in den umherliegenden Gesetzen , Reskripten und Normalien und fuhr dann ärgerlich , die Stelle nicht gleich zu finden , fort : » so ist laut hochfürstlicher Resolution , die vor kaum vier Jahren emanieret , das Vergehen nicht als ein zwischen Verlobten vorgefallenes , sondern als ein gemeines delictum carnis anzusehen und demgemäß mit höherer Strafe zu belegen , und zwar selbst dann , wenn nachträgliche legitime Verlobung und Heirat erfolgt , was hier alles noch im weiten Felde stehen dürfte . « Friedrich , der den Sinn dieser Rede ungeachtet der eingestreuten lateinischen Brocken gar wohl verstanden hatte , nahm das Wort und sprach : » Ihr Herren , man kann mich strafen , so viel und hoch man will , darum laß ich doch nicht von meinem Schatz , und wenn man uns auch ansieht , als ob wir wie unehrbare und verrufene Personen wider das sechste Gebot gesündigt hätten , so weiß ich doch , daß nichtsdestoweniger mein Schatz ein ehrlich ' s Mädle ist und so sittsam wie nur einem von den Herren seine Frau sein kann . « Die Konventsrichter hatten eine Weile ihren Ohren nicht getraut und ihn deshalb ruhig sprechen lassen , dann aber entstand ein Aufruhr am Ratstische . » Will Er schweigen ? « rief der Pfarrer . » Man hat Ihn vorgeladen , damit Er sich verantworte « , herrschte ihm der Amtmann zu , » und nicht , damit Er sein böses Maul brauche . « » Ich möcht dich zerbrechen « , schrie sein Vormund , » bist noch nicht hinter den Ohren trocken und schwätz ' st so frech ' s und ungesalzen ' s Zeug . « » So einer ist mir noch gar nie vorkommen , so lang ich im Kirchenkonvent sitz « , sagte der Heiligenpfleger , » die andern wagen die Augen kaum aufzuschlagen und schämen sich der Sünd , der aber pocht und will noch gut haben . « » Und lästert göttliche Gebote « , hob der Pfarrer wieder an . » Und fürstliche Verordnungen « , fügte der Amtmann hinzu . Der Anwalt sagte gar nichts , der unerhörte Auftritt hatte lähmend auf seinen Geist gewirkt . Friedrich wollte abermals sprechen . » Still ! « riefen der Pfarrer und der Amtmann . » Still ! « schrien die andern Mitglieder hinterdrein . Friedrich biß die Zähne übereinander und schwieg . » Wie kannst du ' s vor deinem rechtschaffenen Vater verantworten « , fuhr ihn sein Vormund an , » daß du dich hinter seinem Rücken in eine solche Lumpenliebschaft eingelassen hast , und was glaubst du , daß er dazu sagen wird , daß du ohne sein Wissen dich mit einem Ehversprechen gebunden hast , und willst jetzt behaupten , du lassest nicht davon ? Das will ich von dir hören . « » Es ist mir ja verboten zu reden « , erwiderte Friedrich störrisch . » Nein , nein ! « befahl der Pfarrer , » darüber darf und soll Er sich verantworten , daß Er den kindlichen Gehorsam so gänzlich hintangesetzt und sich eigenmächtig in eine Verbündnis eingelassen hat , die ein junger Mensch , wenn der Segen Gottes dabei sein soll , nur unter ausdrücklichem Konsens seiner Eltern nach deren reiflicher Erwägung und in der Zucht Gottes schließen soll . « » Herr Pfarrer « , antwortete Friedrich , » meine Meinung ist , wenn ein Mensch heiraten soll , so kann ' s sein Vater nicht für ihn versehen , sondern jeder muß selber wissen , was sich für ihn schickt . Wenn ich meinen Vater für mich wählen ließ und es tät nachher übel ausfallen , so kann ich ihm doch die War nicht heimschlagen , sondern muß sie behalten . Darum , weil ich die Verantwortlichkeit dafür mein ganzes Leben lang , oder bis Gott anders verhängt , tragen muß , so halt ich ' s auch für recht und billig , daß es dabei nach meinem Kopf geht und nicht nach einem fremden . Hab ich mich dann vergriffen in meiner Wahl , so muß ich ' s haben und geschieht mir recht , wenn ich ' s mein ganzes Leben durch büßen muß , darf mich auch über keinen andern beklagen ; muß ich aber einen fremden Fehler büßen , so widerfährt mir groß Unrecht und hilft mich all mein Klagen und Schelten doch nichts mehr . « » Das sind sündliche , eigenwillige , aufrührerische Reden ! « rief der Pfarrer , » Er wird ' s noch an Galgen bringen , wenn Er so fortfährt , nach Seinem Kopf zu leben und elterliche , obrigkeitliche und göttliche Autorität zu verachten . « » Herr Pfarrer , was werden wir uns lange mit dem rechthaberischen Tunichtgut herumstreiten ? « sagte der Amtmann . » Die Obrigkeit gibt sich viel zu sehr herunter und büßt an ihrem Ansehen ein , wenn sie sich mit den Untertanen in Disputationen einläßt , absonderlich mit einem Buben , der der Rute noch nicht entwachsen ist . Hier liegen die Gesetze und Verordnungen . Unsere Sache ist es , sie auszuüben , seine , sich in das Gesetz und in die Welt zu fügen . Wenn er das nicht in den Kopf bringt , so mag er dahinfahren . « » Ich glaube auch , daß es verlorene Worte sind , die man an ihn verschwendet « , versetzte der Pfarrer . » Ja , ich hab das öd Geschwätz ganz satt « , sagte der Anwalt , welcher schwerlich damit die Reden des Pfarrers und des Amtmanns meinte , es aber doch im Dunkeln ließ , wem diese verdrießliche Bezeichnung galt . » Fort mit ihm ! Fort ! « schrien der Richter und der Heiligenpfleger . » Einen Augenblick Geduld noch ! « rief der Pfarrer . » Seine Aussage ist also , daß Er der Christina Müllerin die Ehe versprochen habe und sie heiraten wolle , wenn Sein Vater das Jawort dazu gibt ? « » Ja « , antwortete Friedrich , » mit der Einwilligung gleich jetzt , und ohne die Einwilligung später , wenn ich mein eigener Herr bin . « Der Pfarrer wiederholte die vorigen Worte murmelnd , während er sie ins Protokoll schrieb . » Er kann gehen « , herrschte er dann und klingelte . » Den Sonnenwirt ! « rief er dem eintretenden Schützen zu . Christine stand am Bach und weinte , aber ihr Gesicht klärte sich alsbald auf , als sie ihren Freund kommen sah . » Es hat den Kopf nicht gekostet « , sagte er lachend . » Sie haben mir zwar schandlich getan , und zuletzt haben sie mich gar fortgejagt , weil sie nicht Meister über mich worden sind , aber sie haben mir ' s eben doch Schwarz auf Weiß zu Protokoll nehmen müssen , daß es zwischen uns beiden richtig ist , und das ist die Hauptsach . « Als er ihr dann erzählte , daß er wegen seines Schwures noch extra gestraft worden , war sie sehr betreten und sagte : » Ach Gott , wenn ich das gewußt hätt , so hätt ich dich nicht verraten . « » Sei nur zufrieden « , entgegnete er , » sie wissen jetzt um so gewisser , daß ich dir Wort halt . « » Oh , du bist brav « , sagte sie , sich an ihn anschmiegend . » Sieh , das richtet mich immer wieder auf , wenn mich das Elend zu Boden drücken will . Aber das sind wüste Leut , die Herren « , fuhr sie fort , » ich hätt gar nicht glaubt , daß es so herging bei ihnen . Hat der Pfarrer auch so wüst ' s Zeug an dich hingeschwätzt ? « » Dumm ' s Zeug g ' nug , aber nichts Wüst ' s. Was hat er denn gesagt ? « Sie drückte sich noch näher an ihn an und wagte ihm nur ins Ohr zu flüstern . » Denk nur « , sagte sie , » Wann ist die böse Tat geschehen ? Wo ist die böse Tat geschehen ? Wie ist die böse Tat geschehen ? Das hat er mich alles nacheinander gefragt , und es hätt not getan , daß ich ihm noch mehr gesagt hätt , als ich gewußt hab . Ich bin schier in Boden gesunken , so hab ich mich geschämt . Auch hat er wissen wollen , ob ' s an einem Sonntag geschehen sei ? Du kannst dir aber wohl denken , was ich darauf geantwortet hab . « » Man sollt ' s nicht glauben « , sagte Friedrich , » was so ein alter geistlicher Hirt vor seinen Lämmern Sprung machen kann . Spricht der von der bösen Tat , wie er ' s heißt , mit einem Gesicht - so - gelt , voll Abscheu ? « » Freilich , ein Gesicht hat er dazu gemacht , als wenn ' s ihm recht übel wär . « » Ja , aber protokolliert eine ganze Stund fort und kann gar nicht loskommen von der bösen Tat und wärmet sich dran , wie der König David an der jungen Dirne , von der in der Bibel geschrieben steht . Wenn er ' s für eine Sund und ein Laster hielt , so blieb er nicht so lang dabei stehen . Mich hätt er so was fragen sollen ! Ich hätt ihn an seine Frau verwiesen : die soll ' s ihm erzählen , wenn er ' s nicht mehr wisse . Etwas Ähnlich ' s hab ich ihnen ohnehin gesagt . « » Du bist aber keck ! « versetzte Christine . » Hast du denn nicht auch Abbitt tun müssen ? « » Ich , abbitten ? Ich will nicht hoffen , daß du so schmählich gewesen bist . « » Was hab ich denn machen können ? Der Pfarrer hat immer auf mich hineingefragt , ob mir die böse Tat nicht leid sei . Anfangs hab ich darauf geschwiegen , dann hat er geschimpft und gepredigt , und zuletzt hab ich eben zu allem Ja gesagt . Dann hat er unterm Protokollschreiben vor sich hingebrummelt : Sie sagt , sie trage Reue und Leid vor Gott und den Menschen , und solle ihr gewiß nicht wieder fürkommen , und bitte Gott und die liebe Obrigkeit um Verzeihung und um eine gnädige Straf ! Du weißt ja , er sagt das , was er schreibt , immer vor sich hin , es ist dann so gut wie vorgelesen . Aber meine eigene Wort sind ' s nicht , sondern er hat sich ' s eben aus meinem Ja herausgenommen , und Ja hab ich gesagt , nur daß es einmal ein End nimmt , denn sonst wär ich gar nicht fortkommen , und dir selber hat ' s ja so schon zu lang gedauert , ich hab gemeint , du wollest mich fressen , wie ich kommen bin . « » Geh « , sagte er , » das gefällt mir nicht , daß du dich hast so runtertun lassen . Hättest besser hinstehen sollen . « » Du darfst mich auch noch schlecht machen « , maulte sie . » Wie du bist aus der Fremde kommen und deines Vaters Haus ist dir verschlossen gewesen , gelt , da hast dich auch runtertun lassen und hast brav versprochen , du wollest nichts mehr von mir ? « » Das hab ich nicht versprochen « , entgegnete er , » und der heutig Tag kann ' s dir am besten beweisen , daß ich ' s weder versprochen noch gehalten hab . « » Ja , das ist wahr « , sagte sie und streichelte ihn . » Recht hab ich aber doch « , fuhr er fort , » das spür ich in meinem Herzen . Die ' s trifft und die vor Konvent kommen , müssen Buße tun und Strafe leiden , und sind doch um nichts schlechter als die andern . Ich weiß gewiß , die wenigsten sind sauber , und viele , die nicht vorgeladen und nicht gestraft werden , haben noch viel ärgere Sachen aufm Gewissen , und wenn vollends unser Herrgott Umgang hält und sieht nach den Gedanken , so möcht ich doch auch wissen , wer vor ihm besteht . Wenn ich dann vollends an die Offizier und Hofkavalier und an den Herzog selber denk - der treibt , was der Welt Brief ausweist , vor dem ganzen Land , und das ganz Land weiß , wer seine Damen sind , denn so heißen sie ' s bei Hof , wenn sie aber mit uns deutsch reden , dann erfahren wir , wie das Kind getauft ist . Und zudem geht er noch manchem ehrlichen Mann ins Revier , absonderlich in Stuttgart , wo man sich aber oft noch eine untertänige Ehr draus macht . Der gemeine Mann denkt anders drüber . Ganz kürzlich ist mir noch erzählt worden , wie ' s ihm ein Bauer gemacht hat auf der Jagd . Da hat er eine italienische Tänzerin , seine Hauptliebschaft , bei sich gehabt , die ist als ein Bub verkleidet gewesen , Page heißen sie ' s , und ist ihm hinausgekommen , daß er vielleicht geglaubt hat , sie woll ein wenig schwärmen , denn am Hof geht ' s her wie in der Arch Noä , und wie er so im Wald rumjagt , um sie zu suchen , trifft er einen Bauern und schreit ihm zu : Bauer , hast du den Pagen nicht sehen reiten in Samt , blau und weiß ? Ja , sagt der Bauer , eben ist sie da abe . Drauf lacht der Herzog , was er nur kann , und jagt den Berg hinunter , wie ihn der Bauer gewiesen hat . Und so einer will Resolutionen erlassen , daß zwei Leut , wie wir , die ' s ehrlich miteinander haben , nach den Ehrennamen , die sie uns geben , sollen gestraft werden . Und seine Mutter , die alt Herzogin , die er in Göppingen droben gefangen hält , die sagt von ihm aus , er sei nicht einmal seines Vaters rechter Sohn . Und solche Leut , die sich selber des Ehbruchs beschuldigen , wollen ihre Untertanen wegen Übertretung des sechsten Gebots strafen . Da soll doch ein siedig ' s Donnerwetter ! « » Bitt dich um Gottes willen ! « sagte Christine , die ihm , obgleich sie ganz allein waren , schon mehrmals den Mund zu stopfen gesucht hatte , » du red ' st dich ins Unglück ! « » Ich sag ' s ja nur dir « , entgegnete er , » und der Bach da wird ' s auch nicht ausschwätzen . Aber der Pfaff soll einmal vor den Herzog treten und ihn fragen , was er zu der bösen Tat sage und ob er nicht Gott und die liebe Obrigkeit um Verzeihung bitten wolle . « » Ich muß jetzt heim « , sagte Christine , » begleit mich noch ein , wenig . « » Komm , Frau Friederin . Wenn du jetzt auch noch nichts weiter bist als das , so bist du doch mehr als des Herzogs Damen alle miteinander . Kebsweiber , sagt die Bibel , wenn sie ' s noch gnädig macht . Aber der Salomo ist ein Judenkönig gewesen und kein Herzog Karl zu Württemberg und Teck samt seinen Resolutionen . « 19 » Lausbub , liederlicher ! « schrie der Sonnenwirt seinem Sohne bei dessen Heimkunft entgegen , » lügst mich an , als ob du bemüht wärst , Schimpf und Schand von mir abzuwälzen , und tust in gleicher Zeit das Gegenteil , machst schlechte Anschläg mit deiner Person zusammen , gibst bei Kirchenkonvent vor , du habest ein Ehverlöbnis eingegangen , um mich dadurch , wie du vermeinst , zu meiner Einwilligung zu zwingen , und sprengst mich selber vor die Herren , daß ich deine Schandtaten ausbaden soll . « » Nur gemach , Vater « , erwiderte Friedrich dem Wütenden , » von Lügen kann gar nicht die Rede sein , denn wie ich ' s mit der Christine hab , das hab ich Euch ja schon von Anfang an ohne Umschweif und ganz unverränkelt gesagt , und ausgemacht hab ich mit ihr nichts anderes , als daß wir bei der Wahrheit bleiben wollen . Habt Ihr aber gemeint , ich werd sie überreden , daß sie sich selber zum Nachteil und zur Schmach eine Lüge sagen solle , so seid Ihr eben schief dran gewesen , denn ich hab Euch nichts dergleichen versprochen . Dessen ist Euer Sohn nicht fähig . Zur Zeit Eurer Jugend mag ' s vielleicht Mode gewesen sein , ein armes Mädle mitsamt ihrem Kind ins Elend zu stürzen und sich von ihr rein zu schwören . Jetziger Zeit aber hält man so etwas für eine Schlechtigkeit , ich wenigstens halt ' s dafür , und ein rechtschaffener Vater sollt ' s auch dafür halten und sollt seinem Sohn nicht zureden , daß er ' s tue , sondern wenn er damit umgeht , das Mädle zu verraten , das ihn lieb hat und auf ihn vertraut , und das unschuldig Würmle - sein eigen Fleisch und Blut , Vater ! - zu verleugnen , so sollt er ihm väterlich ins Gewissen reden und ihm vorstellen , daß ein Mensch , der das tut , sein Leben lang , und ob ' s ihm noch so gut ging , keine ruhige Stund mehr haben kann . « Der Sonnenwirt tobte und ergoß sich in Verwünschungen über die Zuchtlosigkeit und dazwischen in Klagen über die unehrerbietige Aufführung seines Sohnes . Die Sonnenwirtin , welche zugegen war , freute sich innig über diese Stichelreden und schürte den Zank , so daß es beinahe zu Tätlichkeiten kam . Der Sonnenwirt brach jedoch endlich ab und sagte : » Ich will nicht länger mit dir streiten , aber das erklär ich dir rundweg und hab ' s auch vor den Herren gesagt , mein ' Konsens geb ich nun und nimmer dazu . « » Dann steh ich wenigstens vor aller Welt gerechtfertigt da , wenn ' s ein Unglück gibt « , antwortete Friedrich . » Und was das Rabenkind Geld kostet ! « wandte sich der Sonnenwirt zu seiner Frau . » Denk nur auch , der Amtmann tut ' s nicht anders , als daß die Straf in Geld bezahlt werden soll . Fünfundzwanzig Gulden fordert er für den Fehltritt . Ich hab gebeten , man soll ' s den Burschen abverdienen lassen , wie andere seines Gelichters auch , die man in die herzoglichen Gärten nach Stuttgart und Ludwigsburg zum Arbeiten schickt ; Schimpf und Spott ist er ja schon gewohnt . Aber der Amtmann hat gesagt , es sei nicht zu machen , und hat mir eine Verordnung vorgelesen , worin es heißt , die Beamten sollen besser auf das herrschaftliche Interesse sehen und , wo möglich , die Delinquenten künftig an den Beutel hängen , statt sie ihre Strafen in öffentlichen Arbeiten abverdienen zu lassen ; ja , wenn auch nur die Terz , Quart oder die Hälfte der Strafe in Geld bezahlt werden könne , so müsse das geschehen und könne dann der Rest , wenn es absolut nicht anders herauszuschlagen sei , in eine Arbeitsstrafe verwandelt werden ; sogar wenn einer nur eine Erbschaft zu erwarten habe , so müsse darüber an die Regierung berichtet und der Bescheid abgewartet werden ; und wenn je die Beamten sich nicht danach achten und dadurch das fürstliche Interesse Not leiden lassen sollten , so werde man sich an sie selbst und an ihr eigenes Vermögen halten . Das , hat der Amtmann gesagt , könn ich ihm nicht zumuten . « » Da ist ' s kein Wunder « , bemerkte die Sonnenwirtin , » daß die Zucht immer mehr aus der Welt verschwindet . In der guten alten Zeit , wo man noch auf Sittsamkeit und Gottesfurcht gehalten hat , hat man die Sünder zu einer schimpflichen Haft , ja bei Wasser und Brot , verurteilt , damit sie auch gewußt haben , wie ' s tut , und nur in Ausnahmefällen bei gebrechlichen Personen hat man die Verwandlung der Straf in Geld verstattet . Jetzt aber ist die Ausnahm zur Regel worden , und auch wer nicht zahlen kann , der muß wenigstens der Herrschaft den Vorteil durch Arbeiten einbringen , damit sie ja nichts verliert . Lieber Gott , was ist das für eine Welt ! Der Reich legt das Geld hin und lacht dazu , und der Herzog , als ob ' s an den Steuern nicht genug wär , lebt noch von den Sünden seiner Untertanen . « » Und geht ihnen mit einem guten Beispiel voran « , lachte Friedrich . » Zürnen wird er ohnehin keinem drüber , denn es trägt ihm ja Geld ein , woran ' s ihm immer fehlt . « » Schweig du still ! « gebot der Sonnenwirt . » Ich hab dann den Amtmann bitten wollen « , fuhr er gegen seine Frau fort , » er solle dem Buben attestieren , daß er abhängig sei und über kein Vermögen zu verfügen hab . Der Amtmann aber hat mich ausgelacht und hat mir geantwortet , da müßte man allen Kindern bei Lebzeiten ihrer Eltern Armutsattestate ausstellen , und überdies sei dies grad bei dem Buben nicht wahr , da er ja sein Mütterliches besitze , wenn er auch nicht frei darüber verfügen könne . « » Und von dem Mütterlichen « , sagte Friedrich , » wird die Strafe bezahlt , dann könnt Ihr Euch nicht beklagen , Vater , daß ich Euch Unkosten verursach . « » Du wirst dein Mütterlich ' s bald eingebrockt haben , du Lump , wenn du so fort machst « , versetzte der Sonnenwirt . » Vater « , sagte Friedrich , » gebet mir die Christine und gebet mir mein Mütterlich ' s dazu , daß ich ' n Anfang hab , dann will ich ' s Euch schriftlich geben , daß ich Euch nicht bloß mit keiner weiteren Anforderung beschwerlich fallen will , sondern will auf alles Erbteil an Euch verzichten . « » Du hast ohnehin kein Recht darauf « , erwiderte der Sonnenwirt . » Ich kann erben lassen , wen ich will , und wenn du dich nicht besserst , so laß ich dich ganz aus meinem Testament . « » Vater « , versetzte Friedrich , » wenn ' s durch Eure Härte dahin kommt , daß ich vielleicht noch vor Euch sterben muß , dann wird Euch gewiß dieses Wort gereuen . « » Es wär dir vielleicht besser , du führst noch bei guter Zeit in die Grube , eh das Unglück größer wird « , entgegnete der Alte . » Du kannst dich ja doch in nichts schicken . Mach nur so fort und verschenk Erbschaften , eh du sie hast . Du scheinst mir ' s mit dem Eigentum leichter zu nehmen , als billig ist . Freilich , du hast ja schon Proben davon gegeben und hältst dich lieber nach Zigeuner- als nach Christenart . « Friedrich fuhr auf , und der Zank drohte noch heftiger auszubrechen , als man über die Straße ein großes Geschrei vernahm , das demselben ein Ende machte . Es war ein Lärm und ein Zusammenlaufen , dessen Ursache man bald erfuhr . Während in der Sonne Vater und Sohn in bösem Wortwechsel begriffen waren , hatte sich in der Nachbarschaft noch ein ärgerer Auftritt zugetragen . » Der Kübler hat sich leiblos gemacht ! « rief man von allen Seiten . So war es auch . Der Kübler , der schon lange mit seinem Weibe im Unfrieden gelebt , hatte ihr zum Abschied Arndts Wahres Christentum ein paarmal um den Kopf geschlagen und sich dann mit einem stumpfen Messer den Hals abgeschnitten . Da solche extreme Begebenheiten unter der zahmen Bevölkerung ziemlich selten waren , so geriet der ganze Flecken in Aufregung , und jeder andere Handel schwieg über dem unehrlichen Grabe des Selbstmörders , den man nach Vorschrift bei Nacht in einer Waldklinge verscharrte . 20 Wenige Tage nach diesem Vorgang traf Friedrich , der sich nun an kein Verbot mehr gebunden fühlte , die Familie Christinens in großer Bestürzung an . Christine und ihre Mutter weinten laut , als er eintrat , und der Alte , der sein häusliches Mißgeschick mit leidlichem Gleichmut ertragen hatte , schien heute ganz zerschmettert zu sein . Auf Friedrichs Befragen erzählte er , er sei vom Pfarrer und auch vom Amtmann vorgefordert worden . Der Pfarrer habe ihm eine recht bibelmäßige Predigt gehalten wegen der Sünde , daß er die standeswidrige Liebschaft seiner Tochter geduldet , und ihn vermahnt , nunmehr in christlicher Demut das Unglück derselben als eine Strafe Gottes für seinen Hochmut hinzunehmen , auch ihm eröffnet , daß , wenn er nicht seine Einwilligung zu ihrer Heirat mit dem Sonnenwirtssohne entschieden versage , er in allen künftigen Fällen von Not oder Krankheit auf eine Unterstützung aus dem Heiligen nicht mehr rechnen dürfe . » Das kommt von meiner Frau Stiefmutter her , die hat sich hinter den Pfarrer gesteckt « , sagte Friedrich bitter . » Aber wartet nur , Vetter , es kommt gewiß noch eine Gelegenheit , wo ich ' s dem Höllenpfaffen eintränken kann , daß er einem Vater zumuten will , er solle dazu mithelfen , seine eigene Tochter um ihre Ehre zu bestehlen . « » So lang ' s am Sonnenwirt fehlt « , versetzte der Hirschbauer , » ist ' s eigentlich gleichgültig , ob ich meine Einwilligung geb oder nicht , und das hab ich auch dem Pfarrer gesagt . Aber es hat mir schier das Herz auseinandergerissen , daß man arme Leut so unterdrückt . Ich soll aus Hochmut Ihm die Tür zu meiner Tochter offengelassen haben , ich soll auf unrechten Wegen eine vornehme Verwandtschaft gesucht haben , während ich von Anfang an gegen die Sach gewesen bin ! Ich will Ihm jetzt keinen Vorwurf mehr machen , seit Er sich gestern vor ' m Kirchenkonvent so wacker gehalten hat und hat Gott und der Wahrheit die Ehr geben , was nicht ein jeder tut ; aber das kann ich Ihm sagen , Er ist ein Nagel zu meinem Sarg , und wenn das Ding sich nicht bald anders wendet , so wird man sehen , wie tief mir ' s ins Herz gefressen hat . Armut und Niedrigkeit kann ich tragen , aber der Schmach und Verachtung bin ich mein Leben lang aus dem Weg gangen , und ich spür ' s am Verfall in meinen morschen Knochen , daß mich auch