etwas besonders Seltsames vorbrachte , schüttelte bedeutsam den Kopf und flüsterte auch wohl dem Schwindelmann zu : » Ich versichere dich , er lügt fürchterlich ! « Bald ging die Oper zu Ende , der Vorhang fiel für heute Abend zum letzten Male , wurde dann langsam wieder empor gezogen , nachdem die Zuschauermenge fast das Haus verlassen . An den Eingangsthüren wogten und drängten noch die letzten Massen und in den Gängen sah man noch Kopf an Kopf . Richard , der heute Abend gar keine Eile zu haben schien , befand sich auf der halb dunkeln Bühne und neben ihm stand Schellinger , während etwas rückwärts Herr Hammer einigen der Zimmerleute und Maschinisten noch eine merkwürdige Geschichte erzählte . » Ja-a , ja-a , « sagte er , » das habe , ich noch vergessen , wie es damals in dem Kriege bei uns zuging . Als mich eines Tags der selige Bernadotte zu sich kommen ließ und mir eine Depesche auftrug , - es handelt sich vom Auswendiglernen und ich erzähle euch das nur , weil heutigen Tages unsere Schauspieler so viel Wesens daraus machen , wenn sie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren müssen , - Hammer , sagte Bernadotte zu mir , hier ist eine Depesche an Napoleon . Hast du wohl Courage , sie durch die feindliche Armee an den Kaiser zu bringen ? Wenn sie dich aber damit erwischen , so schießen sie dich todt . - Ist denn der Inhalt so gefährlich , Excellenz ? fragte ich . - Sehr wichtig und gefährlich , entgegnete er und zeigte sie mir . Das waren sechszehn enggeschriebene Seiten Französisch . - Wissen Sie was , Excellenz , sagte ich ihm , vertrauen Sie mir die Depesche eine halbe Stunde an , dann komme ich wieder und Sie sollen mit dem Hammer zufrieden sein . - Und er gab sie mir und eine halbe Stunde nachher brachte ich ihm seine Depesche wieder und sprach : Excellenz wollen die Gnade haben und mich gefälligst überhören zu wollen . - Und das that er , und ich sagte ihn die Depesche her , alle sechszehn Seiten und irrte mich nur zweimal , indem ich Allerhöchstdieselben sagte , wo nur Höchstdieselben stand . « » Brrr ! « machte Schwindelmann . Die Andern lächelten verstohlen und Schellinger blickte melancholisch im Kreise umher , als sei er betrübt , daß man ihm den Rang abgelaufen . Dann schlich er zu dem Theaterdiener hin und sagte ihm abermals : » Nein , der Hammer übertreibt ; was der Mann sich das Lügen angewöhnt hat ! « » So , nun sind wir fertig ! « rief der erste Maschinist ; » das dauert immer lange , bis das Haus leer ist . Ja-a , ja-a , wenn ich mir denke , daß es hier einmal brennen könnte , das müßte ein fürchterliches Unglück geben . « » Noch schlimmer als in C. , « sagte Schellinger , » denn da hatten sie doch weite Treppen und Gänge , und Viele konnten entfliehen ; die da verbrannten , blieben sitzen , weil sie vor Schrecken wie erstarrt waren . « » Nein , nein , « entgegnete Herr Wander , » so ist es nicht , Schellinger ; der Rauch hat sie gleich betäubt und erstickt . « » Vor Schrecken blieben sie sitzen , « sprach hartnäckig der Schneider ; » ich war dabei . « » O Schellinger , wie kannst du lügen ! « sagte der erste Maschinist . » Haben wir nicht an dem Abend zusammen hier gestanden , gerade wie heute ? « » Ja , ja , - es ist möglich , « entgegnete traurig der Garderobegehülfe ; - » aber es ist doch wahr , daß sie vor Schrecken gestorben sind , ich habe die besten Nachrichten . - Den Tag nach dem Unglück hatte ich Briefe von C. - ganz ausführliche und unzweifelhafte , denn sie kamen - von Einem , der selbst mit verbrannt ist . « In diesem Augenblick erloschen sämmtliche Lichter am Kronleuchter , Alle entfernten sich lachend , und die Bühne blieb öde und leer . Zwanzigstes Kapitel . Toiletten-Geheimnisse . Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm sich bei Tage , trotzdem , daß es Winter war , außerordentlich reizend und elegant aus . Wenn auch die meisten der Fenster auf den Garten gingen und man dort nichts sah als schneebedeckte Wege , kahle Aeste , eingehüllte Bäume und hie und da durch die nackten Gesträuche ein Stück der Gartenmauer , so bildete dagegen der Salon in dem wir uns neulich Abends befanden , einen höchst angenehmen und wohlthuenden Contrast . An diesen Salon nämlich stieß ein großes Glashaus , welches den Pavillon des jungen Grafen mit dem elterlichen Hause verband , und auf Befehl der alten Excellenz als neutraler Grund betrachtet wurde , das heißt , der junge Graf konnte hier wohl auch mit einigen Bekannten spazieren gehen , seinen Kaffee da nehmen , eine Cigarre rauchen ; doch war ihm nicht erlaubt , dies allerliebste Gewächshaus insofern zu seinen Appartements mit heran zu ziehen , um auch hier kleine Feten und Gesellschafter : zu geben . Dies Recht hatte sich der Papa vorbehalten , weßhalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen angewiesen war , so oft sich größere Gesellschaft bei seinem Herrn befand , diese Eingänge zum Gewächshaus zu schließen , damit nicht unwillkürlich gegen den Befehl des Papa und Kriegsministers gehandelt werde . Heute Morgen dagegen - es mochte zehn Uhr vorüber sein - standen die weiten Flügelthüren , die vom Salon aus in ' s Gewächshaus führten , offen , und es ist uns schon erlaubt , einen neugierigen Blick hinein zu werfen . Das Glashaus bildete den vierten Theil eines Kreises , sowie oben ein spitzes Gewölbe in gothischer Form , bestand auf beiden Seiten aus Eisen und Glas , und enthielt einen förmlichen Wintergarten . Von dem Salon des jungen Grafen aus stieg man ein paar Stufen hinab . Auf den hohen Ruhebänken dieser kleinen Treppe standen rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blühenden Pflanzen aller Art , an deren Postament Schlinggewächse empor rankten und sich oben mit anderen Wucherstauden zusammenschlangen , die an der Decke des Glashauses emporkrochen und ihre sonderbaren Blüthen , tiefblaue und weiße Glocken , über die Häupter jener Figuren herab hängen ließen . Dunkler Epheu umschlang die Wände der kleinen Treppe sowie die Ruhebänke , und aus dem tiefen Grün dieser Blätter glänzte hie und da eine brennend rothe , fremdländische Blume , die jetzt ihren Sommer hatte , wo bei uns Schnee und Eis lag , hervor . Die Wege des Glashauses waren mit dem feinsten hellgelben Sande bedeckt und schlängelten sich in der willkürlichsten , eigensinnigsten Form um Gruppen und Bosquetten herum , die aus Orangen , Lorbeer , Citronen , fremden Nadelhölzern bestand und deren Ecken meistens mit Krystallgefäßen geschmückt waren , in welchen Goldfische herum schwammen oder irgend eine seltene Blume sich recht auffallend präsentirte . Die Mitte des ganzen Glashauses bildete eine große Kuppel mit hochstämmigen Bäumen besetzt , die einen marmornen Springbrunnen umstanden , aus dessen oberster Etage ein Strahl empor sprang , der , sich in der Luft vertheilend , von Schaale zu Schaale mit melodischem Plätschern zurück fiel . An vier Seiten dieser Kuppel befanden sich Volièren , deren gefiederte Bewohner , arme Sklaven , schon jetzt freudig ihre muntern Lieder sangen , während draußen ihre freien Kameraden noch mit allen Mühen des Lebens , mit Hunger und Frost , zu kämpfen hatten . Jenseits der Kuppel setzte sich das Glashaus in gleicher Weise wie diesseits fort ; dort befand sich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebänken , Epheugewinden , mit Blüthen , Blumen , Schlingpflanzen und Marmorstatuen ; doch waren die Flügelthüren , welche in das Haus Seiner Excellenz führten , fest verschlossen , sowie die inwendigen Vorhänge herab gelassen . Aus dem diesseits geöffneten Glashause drang in den Salon des jungen Grafen ein äußerst angenehmer Duft ; es strich die duftige Atmosphäre herüber , die in gut erhaltenen Glashäusern herrscht , jener nicht zu bezeichnende Geruch , bestehend aus den verschiedensten zarten Dünsten , welche die Pflanzen aushauchen , wenn nach dem Bespritzen mit frischem Wasser über die erquickten Blätter so langsam ein Tropfen nach dem andern herab rieselt . Im Salon des Grafen war es behaglich warm , ohne heiß zu sein . Aus dem Glashause strömte auch erwärmte Luft herein , und im Kamin spielte ein lustiges Feuer . In der Nähe des letzteren stand ein großer runder Tisch mit Geschirren verschiedener Art beladen , aus deren Unordnung man ersah , daß dort eben gefrühstückt worden war ; es befanden sich hier zwei Couverts mit darüber hingeworfener Serviette und leeren Stühlen davor , während ein dritter Sessel noch besetzt war und zwar durch den Baron Brand , der behaglich in demselben ausgestreckt war , von Zeit zu Zeit eine neben ihm stehende Chocoladetasse an den Mund brachte , dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las . An diesen Salon stieß , wie wir bereits wissen , das Arbeitszimmer des Grafen , sowie Garderobe und Schlafgemach . In letzterem befand sich der Hausherr ; vor einem großen Spiegel stehend war er beschäftigt , sich anzuziehen . Die Thüre in ' s Arbeitszimmer stand offen , und hier bemerkte man den Maler Arthur , der an einem Fenster saß , vor sich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war , von demselben eine Copie in Aquarell zu machen . Der Eingang in den Salon war verschlossen und es hing diesseits vor demselben ein dicker persischer Teppich herab . Graf Fohrbach hatte seine Toilette ungefähr halb beendigt , und an seinen Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit rothen Streifen bemerken wir , daß er im Begriffe ist , sich in Uniform zu werfen . Der alte Kammerdiener stand mit dem ernstesten Gesichte von der Welt neben ihm und reichte ihm die verschiedenen nöthigen und unnöthigen Geräthschaften , die das wichtige Geschäft des Ankleidens erforderte . Jetzt hatte er eine kleine silberne Büchse mit weißer Bartwichse aufgeschraubt , der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte mit Hilfe dieser wohlriechenden Masse seinen Schnurrbart keck in die Höhe , wobei er sich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel besah . » Wenn man euch Herren so bei der Toilette sieht , « rief der Maler aus dem Nebenzimmer , » so begreift man vollkommen , daß euch von der vielen Zeit , die ihr habt , doch so wenig übrig bleibt . Jetzt sind Sie bereits eine halbe Stunde mit Ihrem Anzug beschäftigt und , wie ich sehe , noch nicht übermäßig vorgerückt . « » Der Anzug , mein Lieber , ist eine wichtige Sache , « gab der Graf zur Antwort , » namentlich wenn man , wie ich heute , den Dienst hat . Ich versichere Sie , da kommen eine solche Menge Leute in ' s Vorzimmer , die oft Stunden lang warten , Fremde , Herren vom Civil , Vorgesetzte und Kameraden , und das fängt zuerst an , die Wände zu besehen , Plafond und Fußboden , und dann kommen wir an die Reihe . Ah ! ich versichere Sie , das Alles betrachtet uns genauer , als es eine Geliebte oder junge Frau macht . « » Das habe ich nicht gewußt , « entgegnete Arthur lachend . » Deßhalb müssen wir in unserem Anzug so außerordentlich , ja übermäßig correct sein . Glauben Sie mir , für die Minister und dergleichen , die zum täglichen Rapport kommen , oder überhaupt für Alle , die Audienz haben , sind wir Adjutanten ein wahrer Barometer . Aus uns fiel der erste allerhöchste Sonnenblick , wenn ein solcher da war , oder wir bemerkten die ersten Wolken am Horizont aufsteigen , und diese Witterung zeigen wir nun an und verheimlichen sie , je nach Umständen . « » Durch den Anzug ? « » Durch den Anzug , durch den Ausdruck unseres Gesichts , ja durch die Stellung unseres Bartes . « » Ah ! das ist ja erstaunlich ! « rief Arthur . » Und wer versteht sich auf diese kleinen und seinen Nuancen ? « » Alle , denen was daran gelegen ist . Ja , ihr meint , das Ding sei so leicht , man habe da nur im Vorzimmer zu stehen und eine Meldung zu machen . Nein , nein ! Das will Alles durchdacht sein , denn ich versichere Sie , so gut es bei den Schauspielern denkende Künstler gibt , so gibt es auch bei uns denkende Adjutanten . « » Erstaunlich ! « entgegnete lustig der Maler . - » Und wie betrachtet man einen solchen Barometer , den Sie heute vorzustellen das Glück haben ; das heißt , wie liest und versteht man seine Zeichen ? « » Das ist nicht leicht zu sagen , « erwiderte der Graf , indem er seinen Waffenrock zuknöpfte , den ihm der Kammerdiener zu gleicher Zeit fest in die Taille hinein zog . » Sehen Sie , zum Beispiel man hat seine Freunde , die man gerne avertirt , wie es drinnen aussieht , ohne ein Wort zu sprechen , denn Sie wissen , in dem Vorzimmer halten sich oft die Kammerdiener auf , die immens seine Ohren haben . Ist es ein schönes klares Wetter , so geht man vergnügt auf und ab , summt auch , natürlicher Weise pianissimo , eine kleine Arie oder steht in ruhiger Beschaulichkeit an einem der Fenster . Gibt es dagegen Wolken , so macht man ein ernstes Compliment , dreht den Schnurrbart ein klein wenig in die Höhe , oder rückt häufig an Säbel und Schärpe , um ja Alles in bester Ordnung zu haben . « » Und wenn nun der Barometer Sturm anzeigen soll ? « » Dann lehnt man sich gedankenvoll an eine Tischecke , « erwiderte der Graf , indem er seinen Säbel festhakte , » und hält vor allen Dingen den Federhut unter dem Arm . Es zeigt das an , daß man jeden Augenblick gewärtig sein kann , zu irgend einer unangenehmen Commission hinaus gesprengt zu werden . « Jetzt war die Toilette beendigt ; der Kammerdiener steckte seinem Herrn ein parfumirtes Sacktuch in die linke Tasche des Waffenrocks , reichte ihm Federhut und Handschuhe , und verließ darauf mit unhörbaren Schritten das Zimmer . Der Graf trat in das Nebengemach , stellte sich hinter den Stuhl des Künstlers , indem er das bald fertige Aquarell mit Wohlgefallen betrachtete . Es war das Portrait einer schönen Frau , deren Jugend in die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts fiel ; das sah man an dem gepuderten Haar , und dem eigenthümlichen Schnitt des Kleides , - das Bild der Großmutter des Grafen , von welchem Arthur seinem Freunde gerne eine schöne Copie machte . » Ich bin Ihnen für Ihre gelungene Arbeit sehr dankbar , « sagte der Hausherr ; » ich habe schon lange gewünscht , dies Bild zu besitzen . « » Von Dank kann keine Rede sein , « entgegnete der Maler . » Ich bin noch stark in Ihrer Schuld ; die beiden alten köstlichen Reiterpistolen , die Sie mir neulich verehrten , sind wahre Meisterwerke und machen den schönsten Theil meiner Sammlung aus . « » Kleinigkeiten ! « versetzte der Graf , indem er sich auf die Lehne des Stuhles stützte . » Wenn das Aquarell fertig ist , so werde ich noch eine Büchse dazu auftreiben . Es ist schade , daß ich Ihre Liebhaberei für alte Waffen nicht früher kannte , ich habe schon so manches werthvolle Stück verschleudert . - Doch indem ich hier plaudere , fällt mir ein , daß draußen der Baron sitzt und wahrscheinlich ungeduldig meine Rückkunft erwartet . « » Das glaube ich nicht ; er sitzt ruhig am Tische , trinkt seine Chocolade und liest die Zeitung . - Eigentlich ein seltsamer Herr . « » Allerdings ist er in manchen Beziehungen ein sonderbarer Mensch , aber ein guter Kerl und ich mag ihn wohl leiden . « Der Maler schaute sich nach dem Salon um ; als er aber sah , daß der Teppich vor der Thüre hing , blickte er wieder auf seine Arbeit . » Unbesorgt ! « lachte Graf Fohrbach , der diese Bewegung gesehen ; » das ist Alles bei mir wohlweislich eingerichtet . Ich mag es nicht leiden , wenn die Bedienten zu viel hören ; ich muß doch irgend ein Asyl haben , wo ich vollkommen allein sein kann . - Beide Thüren , die zum Schlafzimmer und die zum Salon , haben geheime Federn und bleiben nie offen stehen . Sie fallen geräuschlos in ' s Schloß und sind so sorgfältig gearbeitet , daß nicht das lauteste Wort durchdringen kann . « » Kennen Sie den Baron schon lange ? « fragte anscheinend gleichgültig der junge Maler . » Seit ungefähr einem halben Jahre ; ich gehe sonst nicht leicht neue Bekanntschaften ein , aber er brachte mir von W. , woher er kam , ganz außerordentliche Empfehlungen von guten Freunden . Auch amusirt mich zuweilen sein geziertes Wesen ; er ist dabei gutmüthig , sehr gebildet , hat viel gesehen , und , wenn er will , erzählt er vortrefflich . Eine innige Freundschaft möchte ich gerade nicht mit ihm eingehen , aber zum gewöhnlichen Umgang gefällt mir die Art , wie er sich gehen läßt und wie man ihn ebenfalls gehen lassen kann . Jetzt sitzt er zum Beispiel draußen ; wenn ich ihn ruhig da lasse und mich durch die Hinterthüre entferne , um meinen Geschäften nachzugehen , so findet er das ganz natürlich und kommt Abends zum Thee mit demselben freundlichen und unbefangenen Gesicht . « » Ich brachte das Gespräch nicht ohne Absicht auf den Baron , « sagte Arthur . » Wie so ? « » Ich will Ihnen das gelegentlich einmal erzählen , es ist ein höchst eigenthümlicher Vorfall und doch vielleicht wieder ganz unbedeutend ! ich weiß selbst nicht , was ich davon denken soll . - Aber Sie sind eilig , und ich will Sie heute Morgen nicht aufhalten . « » Aufrichtig gesagt , ja , lieber Arthur , « erwiderte Graf Fohrbach . » Aber vergessen Sie Ihre Geschichte nicht , ich gestehe wohl , daß ich mich für den Baron interessire . « » Hat er Vermögen ? « » Für das was er ausgibt , muß er reich sein . Ich traf ihn neulich bei Ihrem liebenswürdigen Papa - meinem Banquier , der ihm auf die freundlichste Art von der Welt ein Paket Banknoten einhändigte . Der Kassier verbeugte sich tief vor ihm , und das ist ein guter Barometer - wie Sie wohl am besten wissen - « » Wie Sie im Vorzimmer Seiner Majestät ! « » Allerdings , junger Spötter ! - Doch - - Teufel ! wie vergeßlich ich bin ! Da habe ich Sie um etwas bitten wollen - was war es doch ? - Richtig , jetzt fällt mir ' s ein . - Wie viel Uhr ist es wohl ? « unterbrach er sich . - » Lassen Sie nur stecken , ich will im Salon nachsehen , da ist eine Standuhr , die täglich nach der im Schloß gerichtet wird . « Damit hob er den Thürvorhang auf und ging in ' s Nebenzimmer . Der Baron saß noch ruhig bei seiner Chocolade und las aufmerksam seine Zeitungen . Doch studierte er besonders die hinteren Seiten derselben , wo sich die Annoncen befanden . Als der Graf eintrat , wandte er kaum den Kopf herum , nickte vielmehr nur leicht , als ihm dieser sagte : » Verzeihen Sie , Baron , daß ich Sie sitzen ließ , aber Sie wissen , Herrendienst geht vor allem Anderen . Ich muß um elf Uhr in ' s Schloß , und es ist wahrscheinlich schon halb vorbei ; da muß ich mich ungeheuer beeilen . « » Ei , mein lieber Graf , « entgegnete der Baron mit sanfter Stimme , indem er seine Tasse niedersetzte und sich auf die zierlichste Art von der Welt den Schnurrbart strich , » da haben Sie Zeit genug . Ihr vortrefflicher Kutscher bringt Sie ja in zwei Minuten an die Thüre der Freitreppe . « » Da haben Sie Recht , mein Bester , « versetzte der Graf , der aus einer reich mit Gold und Steinen incrustirten Mappe eine Lage Postpapier heraus nahm . » Aber ich bin Geschäftsmann und muß vorher noch einen wichtigen Brief schreiben . Doch um Sie nicht in Ihrer Lectüre zu stören , will ich mich in ' s Nebenzimmer begeben . « » Ich lese Anzeigen , « sprach gähnend der Baron , » fand aber da etwas , was mich erschreckte . Da ist ein Kerl , der kündigt einen Odeur an , von dem er sagt , es sei das feinste Oel , was man den Rosen entziehen könne und habe den sanften Geruch dieser Blume , ohne jedoch an das Scharfe , Unangenehme des gemeinen Rosenöls zu erinnern . « » Das wäre Ihr coeur de rose ! « entgegnete Graf Fohrbach . » Ei , ei ! Baron , am Ende hat Sie Ihr Armenier verrathen und Ihr Geheimniß ist in Jedermanns Munde . « » Unbesorgt ! « sagte der Baron , indem er sein Battisttuch hervorzog und es unter die Nase preßte ; » diese Feinheit bringt nur er hervor , und wenn der Kerl da in der Zeitung wirklich etwas Aehnliches anpreist und verkauft , so wird doch die gemeinste Nase den Unterschied deutlich riechen . « » Das ist ein Trost für Sie , « erwiderte der Graf , der bei diesen Worten in ' s Nebenzimmer eilte . Doch rief er noch durch die Thüre : » Nur einen Augenblick , Baron ! Ich bin gleich wieder bei Ihnen . « Die Thüre fiel zu und man hörte deutlich , wie das Schloß einschnappte . Zweiter Band Einundzwanzigstes Kapitel . Jäger und Kammerjungfer . Der Baron schaute in diesem Augenblick über seine Zeitung hinweg , dann ließ er die linke Hand , in der er sie hielt , langsam sinken und wandte den Kopf nach rechts und nach links , während er forschend durch das ganze Zimmer blickte . Dabei war der Ausdruck seines Gesichtes auf einmal ein ganz anderer geworden : das Auge , das sich gewöhnlich so affektirt und matt hinter den herabfallenden Augenlidern verbarg , blitzte unter den scharf zusammengezogenen Augenbrauen hervor ; seine Lippen , die meistens halb geöffnet waren und von einem süßen Lächeln umspielt wurden , erschienen voll Spannkraft und Energie , und ließen , als sie sich leicht emporzogen , zwei Reihen schneeweißer Zähne sehen . - Er legte die Zeitung nieder , stützte die rechte Hand leicht auf den Tisch und erhob sich von seinem Stuhle , ohne das geringste Geräusch zu machen . Dann wandte er sich um , glitt durch den Salon nach dem Schreibtische des Grafen , wo sich in einer breiten Schaale von Bronze Bleistifte und alle möglichen Schreibmaterialien befanden . Dazwischen lag ein kleines Petschaft , dessen Griff aus Gold in getriebener Arbeit bestand und reich mit Steinen besetzt war . Dieses Petschaft nahm der Baron geräuschlos aus der Schale fort , betrachtete es einen Augenblick , steckte es in die Tasche seines Rocks und ging dann ebenso leise wie er gekommen , zu seinem Stuhle zurück , auf welchen er sich wieder setzte . Nun nahm er abermals die Zeitung in die Hand , wandte den Kopf , wie vorhin beschrieben , rechts und links , um alle Ecken des Salons zu besichtigen und dann nahm sein Gesicht plötzlich wieder jenen weichen und schlaffen Ausdruck an , den wir bereits kennen . Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kammerdiener ging durch den Salon , kehrte aber gleich wieder dahin zurück , zündete eine Wachskerze an , nahm Siegellack und wühlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der Bronzeschaale . Er schien überrascht zu sein , blickte im Zimmer umher und ging dann in ' s Nebenzimmer , wo er unter der Thüre stehen blieb und seinem Herrn einige Worte sagte . » Mein Petschaft muß da sein , « hörte man den Grafen antworten ; » das kleine mit dem goldenen Griff , es liegt in der Bronzeschale . « » Euer Gnaden verzeihen , « entgegnete der Kammerdiener , » es liegt nicht an seinem gewöhnlichen Platze . « » Das müßte mit dem Teufel zugehen , « erwiderte der Graf . » Ich habe es gestern Abend noch da gesehen . « Mit diesen Worten trat er in den Salon , ein Briefchen in der Hand ; der Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte . » Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinsichtlich meines Odeurs , « sagte der Baron mit wichtigem Tone ; » jener Fabrikant nennt es Rosensaft . Ich bitte Sie , Rosensaft ! Dabei fällt mir gleich so ' ne schmutzige Brühe ein . Ah ! coeur de rose ist eine schöne Erfindung . « » Gewiß , gewiß ! « entgegnete zerstreut und einigermaßen ärgerlich der Graf , denn er hatte ebenfalls vergeblich in der . Bronze schale und auf dem ganzen Tische nach dem Petschaft gesucht . Er sah den Kammerdiener an ; dieser zuckte die Achseln . » Wer hat das Zimmer heute Früh in Ordnung gebracht ? « fragte er mit heftigem Tone . » Der Jäger , Euer Gnaden . « » Wieder der Jäger ! - Wann soll denn der Geschichte einmal ein Ende gemacht werden ? « » Es ist eigenthümlich , « sprach der alte Mann , » der Mensch hatte so vortreffliche Empfehlungen und wie sehr ich beständig aufgepaßt , ich habe nie etwas Unrechtes bemerkt . « » Aber Sie werden mir nicht ableugnen können , daß seit einem halben Jahre , als der Mensch in meinen Diensten ist , jeden Augenblick aus diesem Salon Etwas verschwindet . « » Leider ! « » Haben Sie sonst auf Jemand von den Leuten Verdacht , auf George vielleicht oder auf Karl ? « » Gott soll mich bewahren ! « » Nun , also bleibt ' s an dem Jäger hängen , und der Sache soll ein Ende gemacht werden ; ich will ' s ! « » Aber , gnädigster Herr , man kann ihm Nichts beweisen . « » Das braucht ' s auch gar nicht ; ich will gewiß nicht sein Unglück ; man zahlt ihm einen halbjährigen Lohn , sagt ihm , er habe mir nicht convenirt und gibt ihm meinetwegen ein erträgliches Zeugniß . « Der alte Mann nickte mit dem Kopfe . » Wie Sie selbst sagten , kann man ihm Nichts beweisen , also wollen wir auch seiner Zukunft nicht hinderlich sein . Aber mir ist es unheimlich , daß hier alle Augenblicke so was vorfällt . « Der Graf hatte etwas heftig und laut gesprochen , während er sich an dem Schreibtische im Salon niedergelassen , um besser in der Bronzeschale suchen zu können , so daß sich sogar der gleichmüthige Baron veranlaßt sah , aufzustehen und näher zu kommen . » Ja , was ist denn vorgefallen , mein bester Graf ? « fragte er , indem er sich in dem Spiegel über dem Kamin Haar und Bart zurecht strich und dann an dem Feuer seine Fußspitzen wärmte . » Sie sind ja wahrhaftig ganz aufgeregt ! « Der Graf wollte von dem Petschaft sprechen , doch der Kammerdiener sah ihn bittend an . » Ach ! « sagte er mit verdrießlichem Tone , » ich bin mit einem meiner Leute nicht zufrieden , mit meinem Jäger , ich muß ihn fortschicken , was mir sehr unangenehm ist . Es ist überhaupt so schwer , ordentliche Leute zu bekommen . « » Das weiß Gott ! « entgegnete der Baron , indem er sich umwandte und die Hände auf den Rücken legte . » Aber da fällt mir was ein . Vor ein Paar Tagen wurde mir Jemand empfohlen , von sehr guter Hand und dringend empfohlen , ein Mensch , der schon längere Zeit in W. in den besten Häusern diente , und obendrein ein gelernter Jäger . Für seine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren ; wenn Sie ' s mit dem versuchen wollten ! « » Warum nicht , auf Ihre Rekommandation ! - Er soll sich bei meinem Kammerdiener melden , ich nehme ihn an . « » Schön , « sagte der Baron mit seinem sanftesten Lächeln ; » da haben wir einmal wieder ein gutes Werk gethan . « - Er trat an den Tisch , stützte sich mit der linken Hand darauf und schlug mit einem Finger der Rechten auf die Bronzeschale , daß sie einen hellen Klang von sich gab . - » Aecht ? - Antik ? « fragte er . » Ich habe sie von einem Bekannten erhalten , der sie in Pompeji erbeutet . - Aber Teufel ! Es ist schon drei Viertel auf Elf . - Lassen Sie meinen Wagen vorfahren , « sagte er zu dem Kammerdiener , der sich verdrießlich entfernte . » Jetzt muß ich siegeln und habe mein Petschaft verloren . Ah , Baron ! « rief er aus , » Sie können mir helfen . « Dabei fielen seine Blicke auf die goldene Uhrkette des Anderen , an welcher sich eine Menge Kleinigkeiten , unter Anderem auch ein orientalischer Ring mit einem Carniol befand , auf den einige arabische Buchstaben geschnitten waren . » Leihen Sie mir einen Augenblick Ihren Ring , um meinen Brief damit zuzusiegeln , es ist ja kein Wappen