mochte es kommen , daß die Jacken des jüngsten Sohnes , welcher noch in lebhaftem Verkehre mit den Knopfkapitalisten stand , äußerlich immer dieser Zierde beraubt waren und sie dagegen im Innern ihrer Taschen verbargen , daß sogar den Kleidungsstücken der älteren Brüder mehr Knöpfe abgingen , als nach der Haltbarkeit des derben Zwirnes jenes Jackendichters zu berechnen war . Ich selber trug zu meinem grünen Soldatenrock mit roten Schnürchen weiße Beinkleider , keine Weste über dem burschikosen Hemde , hingegen das rote Seidentuch der Großmutter malerisch umgeschlungen , und überdies hing die goldene Uhr meines Vaters , die ich ererbt , aber nie recht in Ordnung zu halten verstand , an einem tüchtigen blauen Bande mit gestickten Blumen , das ich den Schachteln meiner Mutter entnommen hatte . Von der Mütze hatte ich längst den philisteriösen Schirm abgetrennt , daß sie die Stirn frei ließ , und ich hätte wie ein vollendeter Jahrmarktsbursche ausgesehen , wenn nicht die Unschuld und Schüchternheit des Alters den unbescheidenen Aufzug gemildert hätten . Menschen , welche etwas Besseres und Tieferes ahnen und wünschen , werden sich , wie ich glaube , mehr und mehr aller lächerlichen Äußerlichkeiten enthalten , je mehr sie dem geahnten Inhalte durch Erfahrung und Tat nahe treten ; je mehr sie aber noch davon entfernt sind , desto ängstlicher klammern sie sich an solche Schnörkeleien . Allein gerade diese Äußerlichkeit verhindert oft das Innere , sich rasch zu entwickeln , wenn nicht ein Mann und Vater vorhanden ist , welcher sie mit gesundem Spotte beschneidet und unterdrückt , indessen er dem aufstrebenden Sohne das Wahre mit fester Hand vorzeichnet . Man konnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des alten Schulmeisters gelangen entweder mußten wir einen langgedehnten Berg hinter dem Dorfe ersteigen und , längs auf demselben fortgehend , endlich jenseits niedersteigen , wo wieder ein Tal lag , ähnlich dem unserigen , nur kleiner und runder und beinahe ganz mit einem tiefen dunklen See erfüllt ; oder wir konnten längs des Flusses unser Tal durchwandern und mit dem in Gehölzen sich verlierenden Wasser um den Berg herum an den See gelangen , in welchen jenes sich ergoß und an welchem das befreundete Halls lag . Wir zogen es vor , mit dem kurzweiligen Flüßchen den Hinweg zurückzulegen und erst in der Abendkühle über den Berg heimzukehren , und unsere bunte , weithin glänzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grüne Tal hin , bis wir in eine reizende Wildnis gelangten , wo der Wald von beiden Seiten an das Gewässer niederstieg und dasselbe kühl und dunkel überschattete . Bald faßte er es mit undurchdringlichen Laubwänden ein , daß wir die überhangenden Zweige zurückbiegen mußten , bald weitete er sich aus und ließ eine Schar lichter , hoher Tannen auf sonnigem Boden vorrücken , dann lagen herabgestürzte Felsblöcke am Rande und im Wasser und verursachten Wasserfälle , indessen zurückgebliebene Trümmer aus dem Gebüsche der Abhänge hervorragten ; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel , und Überall enthüllten sich die lieblichsten Geheimnisse . Die roten , blauen und weißen Gewänder der Mädchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grün , die Vettern sprangen von Stein zu Stein , daß ihre Goldknöpfe aufblitzten und mit den Silberkringeln der Wellen wetteiferten . Allerhand Getier machte sich sichtbar , hier sahen wir die Federn einer Taube , die unzweifelhaft von einem Raubvogel zerrissen worden , dort schoß eine Schlange durch die Uferwellen über die glatten Kiesel hin , und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine schimmernde Forelle gefangen , welche mit ihrer Schnauze ängstlich an den abschließenden Steinen herumtastete , bei unserer Annäherung aber einen Salto mortale machte und im strömenden Elemente verschwand . So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen , die holde Wildnis erweiterte sich und ließ mit einem Male den stillen dunkelblauen , mit Silber besprengten See sehen , der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze eines Sonntagnachmittages ruhte . Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um den See herum , hinter demselben setzte sich überall der ansteigende Wald fort , welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen mußte , da hier und da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsäule aus dem Dickicht emporstieg . Nur auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Füßen desselben das Haus des Schulmeisters , dicht am See , unmittelbar über den höchsten Weinreihen aber hing der reine tiefe Himmel , und dieser spiegelte sich in dem glatten Wasser , bis wo er durch den gelben Kornstreifen , die smaragdenen Kleefelder und den dahinter liegenden Wald , welche alle sich gänzlich unverändert in der Flut auf den Kopf stellten , begrenzt wurde . Das Haus war weiß getüncht , das Fachwerk rot angestrichen und die Fensterladen mit großen Muscheln und Blumen bemalt , aus den Fenstern wehten weiße Gardinen , und aus der Haustür trat , ein zierliches Treppchen herunter , das junge Bäschen , schlank und zart wie eine Narzisse , in einem weißen Röckchen und mit einem himmelblauen Bande gegürtet , mit goldbraunen Haaren , blauen Äuglein , einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen lächelnden Mündchen . Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröten über das andere hin , das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle Augenblicke wieder . Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns Anna , nachdem sie sich mit meinen Basen so zärtlich und feierlich begrüßt hatte , als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen , in das vor Reinlichkeit und Aufgeräumtheit widerhallende Haus , wo uns ihr Vater , in einem saubern grauen Fracke und weißer Halsbinde , in gestickten Pantoffeln einhergehend , herzlich und zufrieden willkommen hieß . Er hatte den beschaulichen Sonntag über Büchern zugebracht , welche noch auf dem Tische lagen , und mochte nun froh sein , unverhofft eine so hübsche Anzahl Zuhörer für seine Beredsamkeit vor sich zu sehen . Als ich ihm vorgestellt wurde , schien er sich besonders zu freuen , seine Manieren und gelehrte Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu können , da er mich mitten aus dem blühendsten höhern Schulwesen herkommend vermutete . Er hatte auch alle Ursache , sich an mich zu halten ; denn schon hatten meine Vettern sich aus dem Staube gemacht , noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen , und ich sah , wie sie draußen am Ufer alle drei ihre Köpfe tief in die Öffnung eines Fischkastens steckten , daß man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs Beine . Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims , indessen die Schwestern seinem Töchterchen und einer alten Magd in Küche , Keller und Garten gefolgt waren . Der Schulmeister merkte bald , daß ich ein andächtiger und bescheidener Zuhörer und auf seine Fragen nicht ohne Geschick einzugehen imstande sei . Freilich nahm er das stille Dasitzen , welches nicht immer auf die summenden Worte achtet und sie , etwas heuchlerisch , als angenehmes Wiegenlied zu einem anderweitigen Träumen benutzt , für bare Münze , um so mehr , als ich in solcher Lage doch immer wach genug war , auf die Übergänge zu merken . Nachdem er mich über die neuen Schuleinrichtungen angelegentlich befragt , fuhr er fort » Aber etwas bunt muß es doch noch zugehen ! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen , daß in einer Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Störungen endlich dadurch gehoben worden , daß man den unpraktischen Lehrer und den unnützesten Schüler , einen wahren kleinen Revolutionär , zugleich entfernt und dadurch die Ruhe gründlich hergestellt habe . Daß man nun den Lehrer entlassen hat , scheint mir ganz vernünftig , wenn man ihn nur anderweitig versorgt ; hingegen mit dem Schüler will es mir nicht recht einleuchten , es will mich bedünken , als ob man demselben damit verdeutet habe Du bist nun außer unsere Gemeinschaft gestellt und magst zusehen , was du aus dir machst ! Dies ist nicht christlich gehandelt , und unser Herr und Meister würde das verirrte Schaf gewiß zunächst unter die Falten seines Mantels genommen haben . Kennt Ihr , liebes Vettermännchen , den verstoßenen Knaben ? « Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf , und ich antwortete , kleinlaut und eine Träne im Auge , ich wäre es selbst . Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich mit großen Augen ; es war verlegen , einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe vor sich zu sehen . Doch hatte ich ihn schon zu sehr für mich eingenommen , als daß diese Verlegenheit zu lange andauern konnte , und mein eigenes Benehmen mochte ihn belehren , daß er mit seiner vorher ausgesprochenen milden Ansicht nicht das Unrechte getroffen . » Ich habe mir es doch gleich gedacht « , versetzte er , » daß die Sache ein Häklein habe ; denn ich sehe und will es gern glauben , daß der Vettermann ein junger Mensch ist , mit dem sich ein vernünftiges Wort reden läßt ! Doch erzählt mir nun den Verlauf dieser schlimmen Geschichte recht getreulich , es nimmt mich sehr wunder , wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen ! « Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und weitläufig , zuletzt etwas leidenschaftlich berichtet , da ich zum ersten Mal seither mein Herz leeren konnte , besann er sich eine Weile , indem er verschiedene Hm ! und Soso ! hervorstieß , und fuhr dann fort : » Das ist ein ganz eigenes Geschick ! Zuerst müsset Ihr nun Euch nicht überheben und etwa einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen , welcher Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte ! Ihr müsset bedenken , daß Ihr doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt , und Euch hienach glücklich preisen , daß Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste Strafe und Belehrung empfangen ; denn das , was Euch widerfahren , ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen , sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der Welt , womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat , daß er mit Euch nicht zu spaßen gedenkt , sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will . Nachdem Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen , müßt Ihr allein darauf bedacht sein , dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben , und gewärtig , daß jede Abweichung von der Bahn des Rechten und Guten sich an Euch empfindlicher rächen werde als an anderen , auf daß Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade fleißiger und stärker werdet als viele , denen nicht solches geschieht . Nur auf diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes und der Trost über sich selbst zu sein , ohne dies aber würde es nur eine fatale und ärgerliche Geschichte bleiben , mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht und das Vergnügen Gottes sein kann . Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das Nächste und Wichtigste , und wer weiß , ob nicht Euere Bestimmung ist , gerade durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu entscheiden , als sonst geschehen wäre ! Gewiß habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besondern Berufe in Euch verspürt ? « Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl ; obgleich ich den ernsten moralischen Sinn derselben nicht sonderlich faßte , so ergriff ich doch den Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte mich glücklich , mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu wissen ; es ging mir ein heller Stern auf , und ich sagte unumwunden » Ja , ich möchte ein Maler werden ! « Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem frühern Geständnisse , weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der Kultur am wenigsten an dies Wort gedacht hatte . Doch besann er sich ebenfalls schnell und sprach : » Ein Maler ? Ei sieh , das ist seltsam ! Doch lasset sehen ! Es hat allerdings eine Zeit gegeben , wo es Maler gegeben hat , welche von göttlichem Geiste erfüllt waren , welche den dürstenden Völkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in Ermangelung des lebendigen Wortes , das wir Jetzt haben . Allein so wie schon dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmütigen Kirche geworden , so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein bloßes Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein . Ich habe zwar durchaus keine Kenntnis von den Künsten , wie sie jetzo in der Welt hantiert werden , kann mir aber desto weniger vorstellen , wie sich ein ernsthaftiges und geistiges Leben dabei führen läßt ! Habt Ihr denn so große Lust und Geschick , allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter für Bezahlung abzubilden ? « » Zuvörderst will ich ein Landschaftsmaler werden « , erwiderte ich , » und habe dazu allerdings große Lust und hoffe , der liebe Gott werde mir auch das Geschick geben ! « » Ein Landschaftsmaler ? das heißt , merkwürdige Städte , Gebirge und Weltgegenden abbilden ? Hm ! Dieses scheint mir nicht so übel zu sein , da lernt man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher ; Länder , Meere und allenfalls auch die Menschen dazu ; aber dazu gehört besonderer Mut und eigenes Glück , wie mich dünkt , und vor allem soll , meines Erachtens , ein junger Mensch darauf denken , wie er im Lande bleiben und sich redlich nähren , auch seinen Mitbürgern sich nützlich und seinen Eltern dienstbar erweisen kann ! « » Die Landschaftsmalerei , die ich im Sinne habe , ist nicht sowohl , was Ihr hiemit darunter versteht , Herr Vetter ! als etwas ganz anderes ! « » Nun , und das wäre ? « » Sie besteht nicht darin , daß man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und nachmacht , sondern darin , daß man die stille Herrlichkeit und Schönheit der Natur betrachtet und abzubilden sucht , manchmal eine ganze Aussicht , wie diesen See mit den Wäldern und Bergen , manchmal einen einzigen Baum , ja nur ein Stücklein Wasser und Himmel . « Da der Vetter hierauf nichts entgegnete , sondern auf eine Fortsetzung zu warten schien , fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine Begeisterung und Beredsamkeit , die ich früher nicht gekannt hatte . Der zwischen Sonnenglanz und Waldesschatten schwebende See ruhte majestätisch vor den klaren Fenstern , von fernem Bergrücken schienen einige schlanke Eichen , die in die himmelhohe Sonntagsluft stiegen , mir zuzuwinken , fern , leise , aber eindringlich ; ich blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine höhere Erscheinung , indem ich sprach : » Warum sollte dies nicht ein edler und schöner Beruf sein , immer und allein vor den Werken Gottes zu sitzen , die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld und ganzen Schönheit erhalten haben , sie zu erkennen und zu verehren und ihn dadurch anzubeten , daß man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht ? Wenn man nur ein einfältiges Sträuchlein abzeichnet , so empfindet man eine Ehrfurcht vor jedem Zweige , weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen des Schöpfers ; wenn man aber erst fähig ist , einen ganzen Wald oder ein weites Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen , und wenn man endlich dergleichen aus seinem Innern selbst hervorbringen kann , ohne Vorbild , Wälder , Täler und Gebirgszüge , oder nur kleine Erdwinkel , frei und neu , und doch nicht anders , als ob sie irgendwo gewachsen und sichtbar sein müßten , so dünkt mir diese Kunst eine Art wahren Nachgenusses der Schöpfung zu sein . Da lässet man die Bäume in den Himmel wachsen und darüber die schönsten Wolken ziehen und beides sich in klaren Gewässern spiegeln ! Man spricht es werde Licht ! und streut den Sonnenschein beliebig über Kräuter und Steine und läßt ihn unter schattigen Bäumen erlöschen . Man reckt die Hand aus , und es steht ein Unwetter da , welches die braune Erde beängstigt , und läßt nachher die Sonne in Purpur untergehen ! Und dies alles , ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu müssen ; es ist kein Mißton im ganzen Tun ! « » Gibt es denn eine solche Art der Kunst , und wird sie anerkannt ? « fragte der gute Schulmeister ganz verblüfft . » Jawohl « , erwiderte ich , » in den Städten , in den Häusern der Vornehmen , da hängen schöne glänzende Gemälde , welche meistens stille grüne Wildnisse vorstellen , so reizend und trefflich gemalt , als sähe man in Gottes freie Natur , und die eingeschlossenen , gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den unschuldigen Bildern und nähren diejenigen reichlich , welche sie zustande bringen ! « Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas überrascht hinaus . » Also dieser kleine See zum Beispiel , diese meine holdselige Einsamkeit würde ein genugsamer Gegenstand sein für die Kunst , obgleich niemand den Namen kennte , bloß wegen der Milde und Macht Gottes , die sich auch hier offenbart ? « » Ja gewiß ! ich hoffe noch , Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer , mit dieser Abendsonne so zu malen , daß Ihr mit Vergnügen diesen Nachmittag darin erkennen sollt und selbst sagen müßt , es sei weiter hiezu nichts nötig , um bedeutend zu sein ; das heißt , wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes lerne ! « setzte ich hinzu . » Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt « , sagte mein Vetter gerührt , » es ist doch höchst merkwürdig , in wie vielen Weisen der menschliche Geist sich äußern kann . Mir scheint , Ihr seid auf einem guten und frommen Wege , und wenn Ihr ein solches Stück zustande bringen könnt , so möchte es leichtlich so verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frühlings- oder Erntelied . He , ihr Knaben ! « rief er den jungen Fischkennern zu , welche immer noch an ihrem Geschäfte waren , » holt ein Gefäß und sucht ein tüchtiges Gericht Fische aus , Aale , Forellen oder Hechte , daß die Weiber sie backen können ! « Indessen waren die Mädchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise unser Gespräch angehört , so daß der redselige Mann nicht verlegen war , auf einen neuen Stoff überzugehen und alle für denselben pflichtig zu machen . Ich selbst wurde wieder still und ziemlich befangen , da die zierliche Anna ungehört wieder da war und leise mit einer Base flüsterte . Der Alte sprach nun von der Ernte , von den Weinhoffnungen , von den Baumfrüchten mit den Mädchen , aber alles in einer feinen und salbungsvollen Weise , mir nebenbei manche Aufklärung gebend , wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte . Ich aber sagte für der nichts , sondern befand mich glücklich und wohlgemut in der Nähe des lieblichen Mädchens , ohne sie jedoch anzusehen , und nur angenehm berührt , wenn sie einmal ihr Stimmchen erhob . Ein mächtiger Küchenduft verbreitete sich durch das Haus , zog die Knaben herbei und veranlaßte den Schulmeister , auf ein Zeichen der alten Köchin , zum Aufbruch in das obere Stockwerk aufzufordern . Dort war ein kleiner , heller und kühler Saal , welcher zwischen seinen ganz geweißten Wänden nichts enthielt als einen länglichen Tisch , Stühle und eine alte Hausorgel . Der Tisch war gedeckt , wir setzten uns zu einem fröhlichen Abendessen , welches aus den Fischen bestand , so die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewählt hatten . Ländliches Backwerk und Früchte und ein milder unschuldiger Wein , an der Höhe hinter dem Hause gewachsen , schmückten das einfache und in seiner Art doch gewählte und anständige Mahl , der Alte würzte es mit sinnigen Reden , die Jungen scherzten und gaben sich naive Rätsel und Wortspiele auf , und dies alles übergoldete ein gehobener sonntäglicher Ton , anders als ob man zu Hause , und anders als ob man in einer gewölmlichen Bauernfamilie wäre . Als wir uns genugsam erfrischt , schritt der Schulmeister zu der Orgel hin und öffnete dieselbe , daß die glänzende Pfeifenreihe zutage trat und das Innere der beiden Flügeltürchen das gemalte Paradies zeigte mit Adam und Eva , Blumen und Tieren . Er setzte sich davor , wir mußten uns in einen Kreis um ihn herumstellen , Anna teilte einige alte Musikbücher aus , und nachdem ihr Vater gar anmutig präludiert , sangen wir zu seinem Spiele und Vorsang einige schöne kirchliche Sommerlieder und hernach einen künstlichen Kanon . Wir sangen in heiterer Freude und aus voller Brust und doch mit Maß und Haltung , die Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere Musik hervor als die strengste Schulprobe , und ich selbst ließ mein inneres Glück unbefangen und frei in den Gesang strömen ; denn dieser Tag war für mich wieder neuer und schöner als alle früheren . Wenn wir einen Vers geendigt hatten , erklang über den See her , von einer Wand im Walde , ein harmonisch verhallendes Echo , die Orgeltöne und Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren Tone , und zitterte eben aus , indem wir selbst den Gesang wieder anhoben . An verschiedenen Stellen , in der Höhe und Tiefe , wurden freudige Menschenstimmen wach , welche ihre Lust in die still webenden Lüfte sangen und jauchzten , so daß unser Kanon , mit welchem wir schlossen , sozusagen sich über das ganze Tal verbreitete . Doch nun mußten wir aufbrechen , da die Sonne sich schon den Bergen näherte ; der Schulmeister entließ uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens . Ich mußte ihm versprechen , auf meinen Streifzügen so oft als möglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen Sitz aufzuschlagen , als ob er ebenfalls mein Oheim wäre . Anna wollte uns noch bis auf die Berghöhe begleiten , und so machten wir uns viel aufgeregter und lauter auf den Weg , als wir gekommen waren . Die Mädchen , so schon durch ein Nichts , durch die bloße freie Gelegenheit , in die höchste Stimmung reiner mutwilliger Lust versetzt , sangen fort und fort mit glänzenden Augen und verlockten uns mitzusingen , indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten . Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten unter den Geschwistern geltend , das ganze süße Geplauder jenes hoffnungsreichen Alters befreite sich aus den offenen Gemütern und umspann alle mit gern gehörten Anspielungen , verstelltem Widerstande und schelmischer Rückantwort . Nur Anna schien vor den Angriffen sicher zu sein , während sie hie und da einen schüchternen Scherz hinwarf , und ich sagte gar nichts dazu , weil mein Herz voll war von den Begebnissen des Tages . Wir standen nun auf der Höhe , welche von der Glut der untergehenden Sonne übergossen war , vor mir schwebte die federleichte , verklärte Gestalt des jungen Mädchens , und neben ihr glaubte ich den lieben Gott lächeln zu sehen , den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler , als welchen ich ihn heute in dem Gespräche mit dem Schulmeister entdeckt hatte ; das scheidende Mädchen errötete noch stärker in die Abendröte hinein , als sie zuletzt auch mir die Hand bot . Wir berührten uns kaum mit den Fingerspitzen und nannten uns höflich Sie ; aber die Vettern lachten uns aus , und die Basen verlangten ernsthaft , daß wir uns mit Du anreden sollten , da hierzulande nichts anderes geduldet würde unter jungen Leuten . So wechselten wir unsere Taufnamen , verzagt und spröde ; aber der meinige schlüpfte wie ein Flötenton in mein Ohr , und als Anna schnell und ängstlich im Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen , hatte ich zwei Dinge erworben einen großen und mächtigen Kunstgönner , der unsichtbar über die dämmernde Welt hinschritt , und ein allerliebstes Schätzchen von meinem Alter im Herzen . Drittes Kapitel Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht länger ertragen , sondern suchte unter meinen Sachen nach einem feinen Blättchen Papier , um einen Brief an meine Mutter zu schreiben , den ersten in meinem Leben . Als ich ganz zuoberst am Rande das » Liebe Mutter ! « hinsetzte , schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor , ich empfand diesen feinen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl , und meine Schreibgeläufigkeit ließ mich anfänglich im Stiche und kaum die ersten Sätze finden . Doch führten mich die Schilderungen meiner Reise und des Aufenthaltes im Pfarrhause sowie der sonstigen Erlebnisse bald in das Geleise zurück , und meine Beschreibung fiel nur allzu geschmückt und prahlerisch aus . Ich trug ein großes Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben , welches sich nachher mehrmals wiederholte , auf meine Mutter mit einem glücklichen Befinden und mit meinen verschiedenen Taten und Abenteuern eine Art Eindruck zu bewirken , eine förmliche Sucht , auf naive Weise sie zu unterhalten und zugleich da durch mich geltend zu machen , als ob ich auch ohne den Quell meines Lebens dieses zu finden und zu bezwingen wüßte . Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens über und erklärte ihr weitläufig , daß ich nun durchaus glaubte , ein Maler werden zu müssen , und infolgedessen bat ich sie , sich vorläufig umzusehen und mit den verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten . Die Familienberichte und Grüße sowie einige wichtige Aufträge über kleine Gegenstände bildeten den Schluß des Briefes , ich faltete ihn eng und künstlich zusammen und verschloß ihn mit meinem Leibsiegel , einem unbehilflichen Anker , das Zeichen der Hoffnung , welches ich längst in ein weiches Stückchen Alabaster selbst gegraben hatte und nun zum ersten Mal zu einem wirklichen Zwecke gebrauchte . Die Adresse schrieb ich sehr ausführlich und besonders das » An Frau Lee , née Hartmann « mit ungemeiner Ansehnlichkeit . Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre Staatskleidung , schlicht und einfarbig , bauschte ein frisches Taschentuch zusammen , das sie in die Hand nahm , und begann feierlich ihren Rundgang bei den ihr zugänglichen Autoritäten . Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor , welcher viel in vornehmen Häusern verkehrte und Weltkenntnis besaß . Als Freund meines seligen Vaters pflegte er noch Freundschaft und Wohlwollen für uns , so wie er auch die Bildungsbestrebungen jener Tage eifrig fortsetzte . Nachdem er Vortrag und Bericht der Mutter ernstlich angehört , erwiderte er kurzweg , das sei nichts und hieße so viel , als das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft aussetzen . Man solle sich umschauen , so viele Maler in unserm Gebiete sich noch hätten blicken lassen , so viele arme Teufel und verkommene Menschen wären es auch ! So wies er vorzüglich auf einen Porträtmaler hin , welcher jedes Jahr zweimal in unsere Stadt gekommen , um die inzwischen entstandenen Bräute und solche bejahrte Herrschaften zu malen , die ihre silberne oder goldene Hochzeit feierten , daneben auch etwa einen angesehenen Magistraten , welcher sich durch hinlängliches öffentliches Wirken für die Verewigung auf eindringliches Bitten seiner Verehrer reif erachtete . Dieser Künstler war ein Habenichts und Branntweinsäufer gewesen , hatte immer Schulden hinterlassen , trotz dem reichlichen Verdienste , und war endlich auf der Landstraße erfroren . Hingegen wußte der Schreiner bessern Rat , wenn einmal etwas Künstlerisches ergriffen werden müsse . Ein junger Vetter von ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als Landkartenstecher ausgebildet und genoß einen reichlichen und anständigen Erwerb , so daß er in den Augen seiner Sippschaft als etwas Rechtes dastand . Daher erbot sich der Ratgeber , mich aus besonderer Freundschaft in der Nähe dieses Mannes unterzubringen , wo ich dann , wenn wirklich etwas Tüchtiges in mir stäke , es nicht nur bis zum Stechen , sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen könne , indem ich meine Zeit wohl anwende zur Erwerbung der nötigen Kenntnisse . Dies wäre dann ein feiner , ehrenvoller und zugleich ein nützlicher und in das große Leben passender Beruf . Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner und auch einem Freunde ihres Mannes . Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und bedruckten Tüchern , welcher sein ursprünglich geringes Geschäft nach und nach erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute . Er erwiderte den Bericht meiner Mutter folgendermaßen : » Dieses Ereignis , daß der junge Heinrich , der Sohn unseres unvergeßlichen Freundes , sich für eine künstlerische Laufbahn erklärt , und die Nachricht , daß er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschäftigt , kommt sehr erfreulich einer Idee entgegen , die ich schon einige Zeit in bezug auf den Knaben hege . Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters , daß er seine Neigung einer feineren Tätigkeit zuwendet , zu welcher Talente und ein höherer Schwung erforderlich sind ; allein diese Neigung muß auf eine solide und vernünftige Bahn gelenkt werden . Nun ist Euch , werteste Frau und Freundin , die Art meines nicht unbedeutenden Geschäftes bekannt ; ich fabriziere bunte Stoffe , und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke , so geschieht es hauptsächlich dadurch , daß ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz Neues und Originelles zu überbieten suche . Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden , deren Aufgabe es ist , lediglich neue Dessins zu erfinden und , in der behaglichen Stube sitzend , nach Herzenslust Blumen , Sterne und Linien durcheinanderzuwerfen . In meiner bescheidenen Anstalt habe ich drei solcher Leute , die gerade keine großen Kirchenlichter sind , denen ich aber ein lästerliches Geld bezahlen und sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln muß . Sie