sein Herz bohren zu wollen : » Es ist Manches faul im Lande Preußen und Mancher , der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt , ich sage es Ihnen im Vertrauen , ist ein Schurke . Im Lagerhause in der Klosterstraße wird das Soldatentuch gewebt . Schön und dicht sieht es aus und blau , wenn der Appreturbügel darüber fuhr , aber die Witterung verträgt es nicht . Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug , schrumpft es im Regen zusammen , daß der Aermel dem Soldaten am Ellnbogen sitzt . Kann man jedem Soldaten einen Regenschirm in die Hand geben ? Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg führen ? Wissen Sie nun , warum wir keinen Krieg führen können ? Wissen Sie nun , warum Seine Majestät betrübt sind ? « » Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu thun ! « rief der Kammerherr aus . » Ich bin kaum ein Mal in meinem Leben im Lagerhause gewesen . « » Sie haben mit andern Lieferungsgegenständen genug zu thun , ich weiß es . Aber Vorsicht , lieber Kammerherr . Um Gottes Willen , was soll der Monarch sagen , wenn er wieder von dieser Geschichte hört ! « » Bovillard , liebster , bester Freund , Sie werden doch nicht ! « » Ich nicht , aber Sie können sich doch leicht vorstellen , daß Andere ihm davon sagen werden , was er wissen soll . Beim Frühstück , ehe er die letze Tasse geleert , weiß er alles , was am vorigen Tage passirt ist . Und wenn alle Zeugen vernommen sind , die Polizei kreuz und quer fragt und spionirt , Hergang , Wirkung , Ursach , ' s ist nichts so fein gesponnen , es kommt ans Licht der Sonnen . Liebster Kammerherr , ich bin im Ernst um Sie besorgt . In diesen Angelegenheiten ist der Monarch sehr irascibel . « » Wenn ich nur ganz gewiß sein könnte - « sagte gedehnt mit scharfem und schüchternem Blick auf den Plagegeist der Kammerherr , - » von unsern Freunden wird die Sache schon in dem rechten Licht vorgetragen werden . « Bovillard drückte ihn heftig an die Brust : » Wie Sie mich beruhigen ! Offenherzig gestanden , ich bedurfte dieser Beruhigung nicht , ich wollte Sie nur auf die Probe stellen . Ein Thor , wer da sagt , daß die Tugend von der Erde Abschied nahm . Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt , übt sie . Und Ihre Freunde werden sie ebenfalls üben . O , ich möchte bei dem Vortrage sein , ob nun ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt ; wie sie weißbrennen werden , was schwarz ist , und vielleicht anschwärzen , was weiß wie Schnee ist . Ja , so beim Kaffee , so unter der Hand , gelegentlich hingeworfen , erfährt ein Fürst die Wahrheit - von guten Freunden . Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock . Denn wenn nach dem Hofe der officielle Vortrag kommt , muß er doch ergrimmt werden über die falsche Darstellung . Er weiß es ja alles besser , er hat es alles wie selbst erlebt . Wenn der Vortragende da erblasst , stockt , nicht vorbereitet ist , keinen Zornableiter da zur Hand hat , dann wird es schlimm . Lassen Sie den Kommissar opfern , mich , wenn es sei , retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande . - Na nu wollen wir uns aber zusammen retten . « Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer , welches plötzlich in seiner Hand blitzte : » Seien Sie ohne Sorge ; nur im höchsten Nothfall stoße ich es Einem durch die Gurgel ! « Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen . Er musste schon vorher die Gelegenheit geprüft haben . In der alten Ausgangsthür des Vorzimmers war in der unteren Füllung eine Ritze , er vergrößerte sie durch das Messer und lockerte die anderen Fugen bis er das Brecheisen hineinpassen konnte . » Jetzt warten wir , bis ein Wagen vorüberrasselt , dann ein Krach und wir haben ein Mauseloch . Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen , Kammerherr ? « - » Ich ? « - » Versteht sich , nur wenn wir attrapirt werden . Der Unterschied ist , wenn Sie es auf sich nehmen , ist es nur ein Ausbruch , Sie können beweisen , daß Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören , außerdem sind Sie ein anständiger Mann , dem die Polizei auf ' s Wort glaubt . Wenn es aber auf mich kommt , mir glaubt man nichts , außerdem bin ich in Hemdsärmeln , die Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen , und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen , in Betracht dessen , daß man Vieles in diesem Hause vermissen wird , was dazu gehörte , ich meine nicht uns Beide , aber die gestohlenen Sachen . « » Bovillard , machen Sie keine Faxen ! Wie werde ich denn einen Freund in der Noth verlassen ! « » Aber nur der Tod ist umsonst . Was krieg ' ich für meine Arbeit ? Ich friere , so kann ich mich nicht auf der Straße sehen lassen . Leihen Sie mir Ihren Rock . « » Dann hab ' ich ja keinen . « » Sie fahren in Ihrer Kutsche , ich gehe nach Hause . « Man einigte sich , daß Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte . Die Freunde würden sich schon warm machen . » Was geht über eine echte Freundschaft ! « sagte Bovillard , hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das weggeworfene Umschlagetuch entdeckt , das er jetzt ergriff , um sich damit , wie er sagte , gegen die Kälte zu schützen , bis sie im Wagen säßen . Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Straßenpflaster , die Thüre krachte und Bovillard war hinaus . Als St. Real , auf den Knien heranrutschend , den Kopf durch die Oeffnung stecken wollte , drückte Jener das halbe Brett wieder hinein : » Halt , so ist nicht gewettet . Was geben Sie Zoll ? « » Bovillard , nur jetzt keine Possen . « » Es ist mein feierlicher Ernst . Ein Narr , wer eine vortheilhafte Situation nicht nutzt . « » Sie haben geschworen , mich nicht zu verrathen . « » Richtig ! Und Ihren Kutscher zu avertiren . Weiter nichts . Ich klemme die Füllung wieder ein - sehen Sie so - Sie können nicht aufstoßen , denn ich stemme hier das Eisen dagegen . Nun bedenken Sie , wenn morgen die Polizei öffnen lässt ! « » Bovillard , Sie sollen meinen Rock haben . « » Pfui , es ist nicht Eigennutz . « » Meine Freundschaft ! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der Fürsprache bedürfen , Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können . « » Ich will nichts für mich , sage ich Ihnen ein für alle Mal . - Gehen Sie in sich , St. Real , werfen Sie einen Blick zurück , auf Ihr äußeres , ach , auch auf Ihr inneres Leben . Bedenken Sie , wie oft Sie die Gelegenheit versäumt , die sich Ihnen darbot , Gutes zu thun , und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke gefallen sind . Ach ! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher ? Legten Sie nicht selbst Stricke , stellten Sie nicht Netze ? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele ? Ich höre diese Anklagestimmen . St. Real , noch ist es nicht zu spät ! Benutzen Sie wenigstens diese Gelegenheit , hören Sie auf die Stimme und bessern sich . Ihr Haar wird grau , Ihr Athem kurz , mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer ; Sie hinken , ach das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt , wenn das Ziel das Grab ist . Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen , weit sind die Pforten zur Hölle , aber eng die zum Himmel , wie dieses Loch . Geloben Sie , St. Real , Sie wollen Ihr Dasein bessern , wie es Ihren Jahren , Ihrer Geburt , Ihrem Stande entspricht . O , Sie wissen nicht , wie das Ihre Brust erleichtern wird , Ihr Keuchhusten wird nachlassen , Ihr Bein flinker werden , der Burgunder Ihnen wieder schmecken . Retten Sie sich , sich selbst , Ihrem Könige , dem Staate . Schwören Sie mir , Sie wollen tugendhaft werden . « » Alles , was Sie wollen ! « » Hier , Ihre Hand darauf ? « » Ja , ja , ja - ziehn Sie mich nur ' raus ! « Es war zum Glück still im Hause , und Niemand begegnete ihnen bis sie vor die Thür traten . St. Real hielt es für angemessen , hinter seinem Begleiter zurückzubleiben , der zu theatralisch den rothen Shawl um die Schulter drapirt hatte . Ja , er blieb um mehrere Schritte zurück , als eine Patrouille die Gasse heraufkam . Auf das Werda ! des Gefreiten , welches dem Manne in der rothen Toga galt , antwortete er ein Gutfreund . Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen Person wissen . » Abällino , der große Bandit ! « Die Wache schien sich zu besinnen , was ein Bandit sei . Einer meinte , es sei ein Komödiant . » Ihr Geschäft ? « » Die Tugendhaften retten , die Schurken entlarven ! « » Auf die Wache ! « Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schulter und schickte sich an , schweigend zu folgen . » Da kommt noch Einer ; der scheint zu ihm zu gehören . « - » Ein Hinkepeter . « - » Verstellung « sagte der Gefreite , » nur rasch ran . « Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust , weil der Husten ihm stecken geblieben war . » Kennen Sie Den ? « fragte der Gefreite den Rothmantel . Der Rothmantel schien ihn scharf anzusehen ; dann sagte er : » Dieser Mann trägt eine Larve , reißen Sie ihm dieselbe ab , mein Herr Korporal . « Den Hut ließ der Kammerherr sich abreißen , aber er schwor , Stein und Bein , das sei sein wahres Gesicht . Die Wache schien unschlüssig . » Schwere - , ich frage Ihn , « rief der Korporal , » ob Er Den hier kennt ? « » Dies ist nicht sein natürlich Gesicht . « Abällino schüttelte den Kopf . » Das ist keine natürliche Röthe . Sehn Sie , mein Herr Wachtkommandant , jetzt wird er blaß . « » Potz Blitz Millionen , er hinkt . Ist das nicht auch natürlich ? « » Das ist wohl seine Natur , « sagte Abällino mit der größten Ruhe . » Indeß meine Bande ist sehr groß , es hinken Viele . Lassen Sie ihn den Mund aufthun . An seiner Sprache werde ich leichter erkennen , ob er der ist , den ich vermuthe . Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst ob er mich kennt . « » Kennt Er - kennen Sie diesen hier ? « Unter einem Guß von Angstschweiß platzte er heraus : » Ich bin so - ich weiß - ich kenne ihn so - ich kenne ihn so wahr nicht . « » Jetzt kenne ich ihn , Herr Wachtkommandant , ein sehr gefährliches Subjekt . Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei . In Wirklichkeit heißt er Judas Ischarioth , ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und Frauenpuppen . « » Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen ? « sagte der Korporal , dessen Augen entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen , oder für die Bewegung seine Hand in die Tasche . » Bei einem Krankenbesuch , « stotterte St. Real - » eine unglückliche arme Kranke - im Auftrag einer hohen Mildthätigkeit , die ihre Gaben nicht bekannt wissen will . - Dort hält meine Equipage . « Das war hervorgestoßen , während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken nach dem Banditen hinaufschielte , ob er nicht widersprechen werde . Der Bandit bewegte sich nicht , er schenkte ihm Gnade . Der Korporal , der sich zwischen ihn und Bovillard gestellt , um die Kollusionen zu verhindern , hörte den harten Thaler , der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt , auf das Pflaster fallen . » Marsch ! « kommandirte der Gefreite . » Auf die Wache ! Dies ist ein anständiger Herr vom Hofe . « Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache . Der Kammerherr sank fast ohnmächtig in seine Wagenkissen zurück und stöhnte : » Das kommt davon , wenn man mit der Kanaille sich abgiebt ! « Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin , wie man richtig vermuthet , Aufsehen und Entrüstung erregt . Um so beruhigender für alle gute Bürger wirkte ein Artikel , der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien . Bovillard und St. Real hatten auch richtig gerechnet , daß , wer nur guten Freunden vertraut , nicht verloren ist . Der Artikel lautete : » Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit , wenn der böse Wille aus den geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft , um Mißtrauen gegen die Maßregeln der hohen Obrigkeit zu verbreiten . Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereigniß , das man dazu benutzt , aufgeklärt und beseitigt , als man böswillig abermals einen sehr unbedeutenden Vorfall benutzt , diesmal , um ein falsches Licht auf die Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen , dabei aber sich nicht entblödend , den Verdacht auf höher gestellte Personen zu lenken , als begünstigten sie die Immoralität . Damals war ein gewiß unter keinen Umständen zu billigender Exceß in unserer Vogtei Anlaß , einen unserer rechtschaffensten Staatsdiener der Connivenz mit Verbrechern zu beschuldigen . Dem Scharfblick einer hohen Person , die hier zu nennen der Respekt uns verbietet , war es vorbehalten , die Wahrheit von der Verläumdung zu unterscheiden , und den eigentlich Straffälligen das Bekenntniß ihrer alleinigen Schuld zu entlocken . - In gleicher Weise wird der traurige Exceß , welcher neulich in einer unserer belebteren Straßen stattfand , seine Aufklärung finden . Einer wohllöblichen Polizei war es keineswegs entgangen , daß das Haus einer jetzt viel genannten Dame zu Verdacht Anlaß gab . Sie vigilirte vielmehr auf dasselbe , um beim ersten gegründeten Anlaß einschreiten zu können . Bei dem wirklichen oder angeblichen Stande der Bewohnerin , und den unverdächtigen Attesten , welche dieselbe von auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht , Staaten , mit denen unsere Regierung in Frieden lebt , war es indeß unzulässig , auf bloßen Verdacht hin einzuschreiten . Wer dies doch für gerechtfertigt hielte , theilt nicht unsere Ansicht von dem , was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt . Diesem Umstande ist ' s zuzuschreiben , daß es der gedachten Frau gelang , unbefangene Gemüther zu täuschen , wir wissen kaum , was wir mehr bedauern sollen , daß es ihr gelang , einen durch seinen strengen religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause , unter dem Schilde der Gastfreundschaft aufzunehmen , oder daß sie die sittsame Tochter höchst verehrter Eltern , und eines unserer bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu verlocken wusste . Der traurige , oder wenn wir wollen , glückliche Vorfall , der sich hierauf ereignete , ist bekannt . Uebrigens hätte es dieses Vorfalls nicht bedurft ; denn , wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick Jeden überzeugen sollte , der Augen dafür hat , hatte die Polizei schon die Beweise in der Stille gesammelt , die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten . Die Anwesenheit einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause giebt zwar für diejenigen , welche am Argen Wohlgefallen haben , willkommene Nahrung . Wir lassen ihnen dieses Vergnügen , theilen aber mit jedem Gutgesinnten , der diese Herren kennt , die Ueberzeugung , daß sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben hatten . Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet , indem er das Opfer der Intrigue , unbekümmert um die Insulten des Pöbels , von dem man doch nicht fordern darf , daß er den Schein von der Wahrheit unterscheide , aus dem Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat . Wir zweifeln gar nicht , daß auch dies zu bösen Nachreden Anlaß geben wird , ebenso der Umstand , daß ein gewisser Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb , um Collisionen von außerhalb auf die Spur zu kommen , wenn man gleich weiß , daß durch seine aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretirt wurde , welche den Unfug in dem Hause veranlasst , ja , wir sind auch davon überzeugt , daß die in letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängniß einer Intrigue wird zugeschrieben werden . Indem wir unser Bedauern über derartige Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit , mit der das Publikum auf sie horcht , eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern , sind wir doch des Glaubens , daß der größere und bessere Theil des Publikums sich davon nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird , daß Niemand besser als unsere Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt , welche in der Ruhe und dem Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht . Die Argwöhnischen und Böswilligen , das wissen wir , werden wir nicht damit zum Schweigen bringen , aber Heil dem Staate , wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl Aller wacht , wo vor seinem Throne der Kleinste wie der Größte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat . Wo die Tugend auf dem Throne sitzt , kann die Immoralität keinen dauernden Wohnsitz im Lande haben . « Einundzwanzigstes Kapitel . Staub . » Und wir behalten Frieden , und Alles bleibt beim Alten , « schloß der Geheimrath Lupinus , diesmal aber in der Jägerstraße , und schob den grünen Augenschirm zurecht . Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube . Kein Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten . Die Frau Geheimräthin besorgte selbst das Abstäuben der Bücher , und wenn sie der Hülfe einer gröberen Hand bedurfte , musste der Fuß , der zu dieser Hand gehörte , die Schuhe zurücklassen . Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag , zu dem man die günstige Stunde ablauschen musste . Der Geheimrath behauptete , nichts sei so gefährlich der Gesundheit als der Staub ; in demselben sammelten sich die Atome , die der organische Lebensprozeß nicht zu absorbiren vermöge , also das Todte , vielleicht das Tödtende . Warum also das aufregen , künstlich in Bewegung setzen , was sich selbst bereits , nach dem Gesetz der Schwere , vom Leben abgesetzt hat ? Die Geheimräthin hatte dagegen nur zwei Einwendungen . Es sei doch besser , den Staub mit allen Vorsichtsmaßregeln für die Gesundheit , als da sind nasse Tücher , Handbesen , feuchter Sand und geöffnete Fenster , durch einen raschen , wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen , als abzuwarten , bis eine zufällige Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt . Demnächst , wenn er immer liegen bleibt , verderbe er die Bücher selbst , und darunter Raritäten , die unersetzlich wären . Das letzte Argument hatte angeschlagen . Wenn Menschen sterben , werden andere dafür geboren ; seltene Ausgaben , Incunablen , gehen unter , um nie wieder geboren zu werden . Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt . Die Vorsicht , die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende , könne besser darauf verwandt werden , daß man sich jeder heftigen Bewegung enthalte , was überhaupt zur Konservation des Lebens zuträglich sei . Denn das eigentliche Gift des Lebensorganismus seien die Affekte , weit gefährlicher als üble Angewöhnungen , selbst als Laster . Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen , auch eine Doppelthür vor das Vorzimmer , und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim Gehen . » Sie vergessen nur , « hatte die Geheimräthin erwidert , » daß Ihre Fußdecke mit dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist , und daß Sie beim leisesten Auftreten diese feinen Atome aufrühren und gerade die , welche am gefährlichsten auf die Lunge fallen . « Der Geheimrath sparte im Leben die lauten Worte , da ein Wortwechsel auch mit sich selbst zu Affekten führen kann , aber wenn ein Thema ihn angeregt , ergossen sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen . Er erinnerte daran , daß die Müller und Steinsetzer ein verhältnißmäßig kurzes Leben führten , und gewöhnlich an der Auszehrung stürben , weil der feine Mehlstaub von den zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle . Es gebe auch einen Staub von gewissen Vegetabilien , Stein-Erden und Metallen , so feiner Art , daß ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge , und doch sei er höchst schädlich . So wirke der Arsenik in den Gruben . Gewöhnlich sage man , die Verbrecher die dort arbeiten , stürben an der vergifteten Luft , das sei aber uneigentlich gesagt , denn sie kämen um an dem atomisirten Staub des Metalls . Im Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste hervorgegangen , man habe durch künstlich präparirte Stoffe einen Staub erzeugt , der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten Opfer getödtet . Dieser habe einen Brief eröffnet , und der Streusand , der ihm entgegen spritzte , sei Gift gewesen . Einem Andern - und er nannte sogar einen Kaiser-Namen , habe man die Kerzen , die in seinem Zimmer brannten , mit Arsenik versetzt , und das aussprühende Licht habe allmälig den vergiftet , der nach der Meinung einer Hofpartei , die das Dunkel liebte , zu viel Licht geliebt hatte . Die Geheimräthin hatte aufmerksam zugehört : » Und doch wollen Sie sich mit dem Staube vertragen ? « Er hatte gelächelt : » Das sind Ausnahmen , meine Liebe , aus den Zeiten der Barbarei und Finsterniß . Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger Thätigkeit . « Dann wäre eigentlich das Beste , sein ganzes Leben lang schlafen ! hatte seine Frau gedacht . Er aber hatte fortgefahren : » Wenn wir alles ruhen ließen ließen , was liegt , wäre das Leben noch einmal so glücklich . Weil die Menschen allesbesser machen wollen , rühren sie das auf , was die Vernunft und die Geschichte längst beseitigt hatte , und es kommt in neuer Form und Färbung zum Vorschein und quält uns aufs Neue , was unsere Väter und Urgroßväter schon gequält hatte . Die Geschichte des Menschengeschlechts , meine Theure , « pflegte er lächelnd hinzuzusetzen , » ist in einem kleinem Buch geschrieben , wenn wir das immer und immer wieder lesen , kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum nefas , alle seine eitle Hoffnungen und Thorheiten und die Lehre , welches der einzige Weg zum Glück ist , sich zu finden in das was ist und - und nicht unnöthig Staub aufrühren . « Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen , die aber von der Geheimräthin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf etwas anderes übergeleitet ward . Der Geheimrath wusste es , lächelte , schwieg und war eigentlich zufrieden . In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord gekommen . Seine Ausgaben des Horaz , die auf einer Reihe niedriger Regale wie eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen , durfte die Frau wöchentlich einmal abstäuben ; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel . Sie nahm jeden Band einzeln heraus , trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am geöffneten Fenster . Da lächelte er zufrieden , die andern Bücher , die hinten bis an die Decke die Zimmerwände füllten , sollten nur dann und wann , und nur ganz oberflächlich abgestäubt werden . Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet werden , weil die Sonne den Staub niederdrückt . Die Horazregale sollten dabei mit Leinentüchern überdeckt , und der Geheimrath selbst jedesmal vorher avertirt werden , um zu untersuchen , ob es nöthig sei . - Ob diese Bedingungen streng inne gehalten wurden , bleibt ein häusliches Geheimniß . Die letzte gewiß nicht , denn der Geheimrath hätte es nie für nöthig gefunden . Aber der Eifer der Geheimräthin musste nachgelassen haben ; die Luft verrieth , daß die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden . Der chromatische Farbenspiegel der Scheiben , und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den vollgültigsten Beweis dafür , daß , wie alle Passionen , auch die des Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind . Oder waren es andere Gründe ? Grade diese Spinnen , der schillernde Glanz der Scheiben , der Duft des Unberührtseins war es , was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit gab . Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen Gelehrtenstube , in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat . Und ganz zu dieser Stube , will man sagen wie die Seele zum Körper , oder die Spinne in ihrem Netze , passte die Gestalt des Geheimrathes , der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem Folianten in ihrer Mitte saß , wohlgefällig , zufrieden , schlau lächelnd . So hatte er das Wort gesprochen : » Und wir behalten Frieden und Alles bleibt beim Alten ! « als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete . Der Geheimrath glaubte an keine Gespenster , er sah auch nach keinem , als sein schlauer Blick über das Regal , welches die Zweibrückner Horaze trug , auf die schweinslederne Hinterwand fiel , wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in der Hand wiegte . » Gehören Sie auch zur Kriegspartei , mein Herr van Asten ? « » Ich bin ein stiller Civilist , Herr Geheimrath , « war die Antwort . » Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius ? Sein de jure gentium gehört doch sonst nicht zu Ihren Studien . « Wenn der Geheimrath soweit hätte sehen können , würde er eine leichte Röthe auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben . » Nehmen Sie ' s nur runter , « fuhr er fort , » Sie können ' s auch mit nach Hause nehmen , wenn ' s Ihnen nicht zu schwer ist , die Edition ist nicht selten , man kann sie bei den Antiquaren bekommen . Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben . « Der junge Mann war von der Leiter gestiegen , den Folianten im Arm : » Wenn sie mir also erlauben - « » Aber nehmen Sie sich in Acht , Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz staubig . Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt , wenn ich mich recht entsinne , einer Bücherkiste , und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein , aber er wollte nur in Freiheit kommen , nicht zu einer jungen schönen Demoiselle . Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen hatten ? Das Kind ist zwar gescheit , aber ich zweifle doch , daß ihr die Lektüre sehr plaisant sein wird . « Der Geheimrath war in ungewöhnlich guter Laune , der junge Mann schien außer Gewohnheit befangen . Indessen hatte er sich schnell gesammelt , während er den Staub vom Rock abklopfte . » Herr Geheimrath sind heiterer , seit Mamsell hier ist . Ihr Haus ward belebter . Stören Sie aber die vielen Gesellschaften nicht ? « » Au contraire ! Was so jetzt die Menschen allarmirt und auch sonst wohl bis zu mir drang , bleibt nun außer meinem Rayon . Die Herrschaften können das nun bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen . « » Sollte es nie in Ihren Rayon dringen ? « sagte van Asten sehr ernst . » Wenn ich mich einschließe , das wollte ich doch mal sehen . Aber ei , ei , Herr van Asten , will die Romantik Sie nicht verlassen ! Sie sehen da wieder eine Geistererscheinung . « » Die , welche ich sehe , Herr Geheimrath , sehen Viele mit mir . Dieser Herbst wird die Fluren , wo fröhliche Saaten gereift , mit Leichen und Blut decken . « » Sehn Sie mal , « sagte der Geheimrath , » was Sie alles sehen ! « und wischte mit dem Läppchen die Dinte aus der Feder , die er dann sorgsam vor sich auf das Papier legte . Sein Gesicht bekam dabei einen immer , was man nennt glaueren Ausdruck , wie ein kluger Mann , wenn er Einen , der sich auch für klug hält , auf eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt . » Und diese Vielen , die mit Ihnen diese erschreckliche Geistererscheinung sehen , sind , kurios genug , dieselben , die vor Freude damals zitterten , als der Herr General Bonaparte , wie sie es nannten , die Hydra der Revolution niedergetreten hatte . Da sollten wir Andern mit ihnen hüpfen und springen vor Entzücken , denn sie sagten uns , es wäre ein Messias der neuen Weltordnung . Sehen Sie mal , wir thaten das nun nicht , denn wir entsannen uns , daß dieselben spring-und hüpflustigen jungen und alten Herren ein Zehn Jahr vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten , als diese Hydra in Paris den Kopf erhob , und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglücker , und wer